Matthias Hofmann {*}Struktur und/oder Wandel – was wird aus der Arabischen Welt?
Vorab muss kurz erläutert werden, warum die Ereignisse nicht so überraschend gekommen sind, wie man uns das von Politik und Medien gerne einreden möchte. Als nämlich diese Staaten entstanden sind bzw. in die Unabhängigkeit entlassen wurden, was erst nach dem Ende des Osmanischen Reiches bzw. nach dem Ende der Mandatschaft der Briten und Franzosen, innerhalb des letzten Jahrhunderts der Fall war (Jemen 1918/1967, Ägypten 1922, Saudi Arabien 1932, Irak 1932, Libanon 1943, Jordanien 1946, Syrien 1946, Israel/Palästina 1948, Libyen 1951, Marokko 1956, Tunesien 1956, Algerien 1962 und Bahrain 1971), mussten dort schnellst möglich funktionierende Staatswesen konzipiert werden. Dies hat man vor allem mit den folgenden Kriterien erreicht: Schaffung einer Nationalen Identität (gemeinsame Religion und Sprache), Formulierung einer Verfassung, Aufbau eines allgemein bildenden Schulsystems (für beide Geschlechter), Aufbau einer Infrastruktur und eines Wirtschafsystems. Um diese Modalitäten in möglichst kurzer Zeit zu erreichen, hat man das politische System einer Diktatur/Monarchie gewählt. (Hätte man versucht diese Maßnahmen mittels einer Demokratie umzusetzen, wäre man wahrscheinlich ähnlich gescheitert wie heute in Afghanistan.) Die Staaten der Arabischen Welt mit ihren Diktatoren haben somit innerhalb kürzester Zeit funktionsfähige Staatswesen erschaffen. Allerdings durch die Einführung eines allgemeinen bildenden Schulsystems, musste irgendwann der Tag kommen, an dem die Bürger durch die Bildung befähigt ihr eigenes politisches System mit anderen in der Welt vergleichen und dann evtl. Reformen im eigenen Staatswesen fordern würden. Diese Ereignisse in den letzten Monaten, kamen also nicht so überraschend, wie man uns das Glauben machen wollte. Man wusste, dass es passieren würde, nur nicht wann. Erschreckend hierbei ist, dass es seitens Europas keinerlei Pläne gab, für den Fall, wenn der Umbruch eintritt. Dass die Revolten jetzt losbrechen, hat ihre Ursache aber auch in der Bevölkerungsstruktur vor Ort. In der Arabischen Welt nimmt der Anteil der unter 25 jährigen teilweise 50 % der Bevölkerung ein. Bekanntermaßen neigen jüngere Menschen eher zu radikalen Veränderungen als ältere. Das liegt vor allem daran, dass Ältere sich mit dem jeweiligen politischen System arrangiert haben, indem sie sich ihr privates kleines Glück - in Form von Familie, Arbeit und Zuhause – aufgebaut haben, welches sie sicherlich nicht durch unsichere politische Zeiten gefährden wollen. Die Jüngeren vor Ort haben dieses kleine Glück noch nicht, stattdessen haben sie eine gute Schulbildung genossen und finden zurzeit keine Arbeit. Sie sind demnach bereit viel mehr zu riskieren, als die Älteren in den Gesellschaften. Einen bedeutenden Anteil an den jüngsten Ereignissen tragen auch die modernen Medien und vor allem ihr – zurzeit noch nicht störbarer – Empfang via Satellit. Man weiß, dass sich viele Menschen vor Ort über das Format "Facebook" spontan organisiert haben. Diese Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Faktoren, haben zur Revolte der arabischen Bevölkerungen geführt. Einige Diktatoren sind schon zurückgetreten, andere klammern sich noch mit Gewalt an ihre einstige Macht und wieder andere versuchen durch schnell eingeleitete Reformen zu retten, was noch zu retten ist. Allerdings scheint man vor Ort den Zeitfaktor, den man benötigt, um eine funktionierende Demokratie aufzubauen, erheblich zu unterschätzen. Will man doch noch 2011 erste Wahlen abhalten. Aber einen imaginären Schalter, den man von Diktatur auf Demokratie umlegen könnte, gibt es nun mal leider nicht. Natürlich entstehen zurzeit vielerorts Parteien allerdings genauso viele, wie es arabische "Stammtische" gibt. Eine staatstragende Partei muss aber größere Teile der Bevölkerung präsentieren, als das im Moment noch der Fall ist und diese aufzubauen benötigt viel, sehr viel Zeit. Es ist leider zu befürchten, dass in dieser nebulösen Umbruchszeit neue politische Kräfte versuchen werden, die jeweilige Macht - mit welchen Mitteln auch immer - an sich zu reißen. Das heißt in der Folge könnten verschiedener Orts grausame Bürgerkriege entstehen, die sicherlich das ein oder andere militärische Eingreifen (national oder international) nach sich ziehen könnten.
Friedrich Schiller, Juli 1793
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