Johannes Röser {*}Christus allein - und die Anderen
Aus: Christ in der Gegenwart, 18/2011, S. 187 f.
Der Generalobere der traditionalistischen Piusbruderschaft, der von Papst Benedikt XVI. von der Exkommunikation befreite Bischof Bernard Fellay, hat die Seligsprechung Johannes Pauls II. aufs Schärfste kritisiert. Mit diesem liturgisch-kirchenrechtlichen Akt werde dessen gesamte Amtszeit gewürdigt. Die Erhebung zur Ehre der Altäre betreffe daher auch seine "skandalösesten Unternehmung". Zu diesen rechnet der Anführer der Lefebvre-Leute unter anderem das päpstliche Schuldbekenntnis des Heiligen Jahrs 2000 für schwere Versäumnisse und Verfehlungen in der Kirche im Lauf der Geschichte. Ebenso seien die Weltfriedensgebete von Assisi ein Gräuel. Johannes Paul II. habe 1986 bei der vielbeachteten Begegnung von Vertretern der Religionen "im Verein mit zahlreichen Götzenanbetern" gebetet. Nun stehe im Herbst in Erinnerung an das erste Treffen vor 25 Jahren ein drittes "Assisi-Gräuel" bevor, zu dem Papst Benedikt XVI. sein Kommen zugesagt habe. Es sei zu befürchten, so Fellay, dass Benedikt XVI. auch diesmal den Vertretern der falschen Religion nicht verkünden werde, dass nur der katholische Glaube zum Heil führe. Fellay rief die Katholiken auf, bis Pfingsten zwölf Millionen Rosenkränze zu beten, um die Kirche von den gegenwärtigen Übeln zu befreien.
Viele Religionen der MenschheitDie jüngste Stellungnahme des Traditionalisten-Chefs lässt einerseits befürchten, dass die seit Herbst 2009 andauernden, unter Ausschluss der theologischen Öffentlichkeit geführten Geheimverhandlungen des Vatikans mit den Piusbrüdern wohl kaum zu deren Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils führen werden. Andererseits legt dieses empörende Wort aber ebenso schonungslos den tatsächlichen historischen Bruch und befreienden epochalen Wandel der Heilsvorstellungen innerhalb der katholischen Kirche offen. Trotz aller segensreichen theologischen Weiterentwicklungen bleibt im Kern ein Paradox: wie das Bekenntnis zum einen und einzigen, allein seligmachenden Heiland und Erlöser Christus intellektuell und spirituell redlich zu verbinden ist mit der Tatsache, dass es so viele Religionen und Wahrheitsansprüche gibt und dass die Evolution lange vor der Inkarnation des Gottes- und Menschensohnes in einer über hunderttausendjährigen Geschichte des Homo sapiens derart zahlreiche Weisen der Verehrung des Heiligsten kommen und gehen sah. Diese Vielfalt in der gottgewollten Entwicklung der Schöpfung kann wohl kaum als schlichtweg gottwidrig beurteilt werden. Oder hat sich Gott mit seiner Offenbarung im Werk seines Schaffens derart geirrt? Warum - so könnte man mit Blick auf den Absolutheitsanspruch des Christentums fragen - kam das ewige Wort des Vaters nicht schon viel früher zur Welt und in die Zeit, obwohl das Gehirn des modernen weisen Menschen dafür doch längst ausreichend komplex gereift war? Warum dieses "Zaudern"? Wenn wir die Historizität des Jesus-Christus-Geschehens von der Geburt bis zur Auferweckung wirklich ernstnehmen und nicht als Mythos ins Überzeitliche entsorgen, müssen wir akzeptieren, dass die christliche Geschichte samt Wirkungsgeschichte noch sehr jung ist, keine 2000 Jahre alt. Was ist das schon angesichts der riesigen früheren Zeiten und der noch bevorstehenden Zeiten des sich auch religiös weiter wandelnden Menschengeschlechts! Die Fakten mahnen zu Bescheidenheit. Papst Benedikt XVI., der, wie es heißt, als einstiger Präfekt der Glaubenskongregation über den von seinem Vorgänger gewünschten Ablauf von "Assisi" ebenfalls nicht ganz glücklich gewesen sein soll, hat nun für die Begegnung im Herbst einige Änderungen vorgeschlagen, die den Anschein synkretistischer Glaubensvermischung vermeiden und wohl auch den Wünschen der Traditionalisten etwas entgegenkommen sollen. So soll das nächste Friedenstreffen religiöser Führer eher einer öffentlichen Kundgebung gleichen und nicht so sehr liturgischen oder quasi-liturgischen Charakter haben. Die Teilnehmer sollen bevorzugt schweigend in Erscheinung treten. Sie sollen im Stillen meditierend, für sich betend ihren Willen zum Frieden repräsentieren. Zudem werden diesmal ausdrücklich auch Nichtglaubende eingeladen, was nochmals die sakrale Aura der Feier etwas mildert und dem Ganzen einen stärker säkularen Bezug gibt.
Das andauernde SuchenOffiziell ist das Treffen als ein "Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets für den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt" angekündigt. Offen bleibt, ob die damit verbundenen Selbstverpflichtungen und Bekundungen noch jene religiös-spirituelle Tiefe und Dichte erreichen, die Johannes Paul II. seinerzeit vorschwebte. Eine bloß mehr oder weniger weltliche Friedensdemonstration, wie man sie bei jedem Feldlager multikultureller "Globalisierungsgegner" vorfindet, kann der Sinn eines solchen besonderen Treffens von Religionen eigentlich nicht sein. Nicht uninteressant ist, dass die päpstliche Assisi-Initiative da und dort anscheinend auch auf rein weltliche Ereignisse abfärbt. So wird die internationale Reitsportveranstaltung "Horses & Dreams" in Hagen bei Osnabrück erstmals mit einer Feier der Religionen eröffnet. 2000 Sportler und Gäste aus mehr als dreißig Nationen wollen bei dem von Paul Schockemöhle organisierten Spring- und Dressurreitturnier ein Zeichen für Frieden und Verständigung über Glaubensgrenzen hinweg setzen. Das ist eine erstaunliche Kehrtwende, nachdem der Trend bei Sport-Großveranstaltungen dahin ging, mit immer pompöser inszenierten quasi-sakralen Ritualen eine Art ersatzreligiöses Neuheidentum zu propagieren. Kommt das eigentlich Friedenstiftende, die Ehrfurcht vor dem Heiligen, vor der Religion des Anderen, im menschlichen Wetteifern durch Sport und Spiel auf die öffentlichen Kultbühnen zurück? Ein bisschen Frieden, ein bisschen mehr Frieden durch spirituelle Erinnerung an die friedenstiftende Kraft der Religion? Der Regensburger Theologe Wolfgang Beinert hat in den "Stimmen der Zeit" (April) die
188Aktualität der letzten Konzilserklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen ("Nostra aetate") wieder ins Bewusstsein gerufen. Fundamentalisten würden gegen dieses Dokument, das unter den Konzilsvätern nach der Erklärung über die Religionsfreiheit die zweitmeisten Gegenstimmen erhielt, weiterhin Fundamentalprotest erheben. "Für weitsichtigere Christenmenschen gewinnt die Erklärung im clash of civilizations (Zusammenprall der Zivilisationen, d. Red.; Samuel P. Huntington) wachsende Bedeutung." Der Konzilstext hat - so Beinert - gegenüber früheren Vorstellungen in der Tat etwas ungeheuerlich Neues gewagt: Das Konzil hat nicht die irdischen Vermittlungen des Heils - etwa durch die Sakramente der katholischen Kirche - in den Blick genommen, sondern den universalen Heilswillen Gottes selbst. "Dass Menschen das Heil finden, stiften nicht sie, sondern Gottes Gnade." Entscheidend ist nicht die je eigene Überzeugung, sondern der Bezug zur Wahrheit, die dem Menschen nur über einen andauernden Suchprozess zuteilwerden kann. Dies geschieht unter den natürlichen Bedingungen und Bedingtheiten der Schöpfung, insbesondere der Sprache, der Sprachentwicklung, der Denkentwicklung. Gott offenbart sich nach biblischem Verständnis im Logos, den wir aus christlicher Sicht mit Christus identifizieren. "Hinter jedem Wort Gottes steckt seine Liebe zur Schöpfung: Jede Offenbarung ist heilsgerichtet ... Jede Religion ist so gesehen An-Sprache Gottes an die Menschen."
Wörter, Erkenntnis und ZeugnisSprache aber ist nie perfekt. Sprache hat Grenzen. Daher kann die Wahrheitsvermittlung über religiöse Systeme stets nur unvollkommen sein. Kommunikation bedeutet auch da, wo es um das Heiligste geht: Annäherung, Übersetzung. Es ist ein unendlicher Prozess, wobei das "Wort" nicht nur rationales Reden bedeutet, sondern für Beinert alle kulturellen Ausdrucksformen der Kommunikation einschließt: Kunst, Malerei, Musik, Tanz ... Gott kann nicht anders, als sich der Kulturen der Menschen zu bedienen. Gott kommt zu uns über Kultur - mit allen jeder Kultur innewohnenden Verständigungsproblemen. Beinert erläutert dies am Beispiel missionarischer Übersetzungsarbeit, etwa der Übertragung biblischer Texte in eine andere Sprachwelt. Dabei zeigt sich rasch: "Die Wörter sind nicht deckungsgleich, vielleicht gibt es in der anderen Sprache keinen Begriff für das zu übertragende Nomen, oder er meint etwas wesentlich anderes. Und was ist, wenn es auf der anderen Seite nicht einmal die Sache gibt, deren Begriff in die fremde Sprache übersetzt werden soll?" Vor diesem Problem steht grundsätzlich auch der sich offenbarende Gott. "Er hat außerdem noch eine viel gravierendere Schwierigkeit, die für ihn konstitutiv ist: Er ist absolutes und striktes Geheimnis. Die Kommunikation zwischen uns und ihm ist also per definitionem unvollkommen, weil er in sich (also nicht nur für die Menschen in dieser Welt) unbegreiflich und unaussprechlich ist ... Noch sehr anfänglich sind unsere Kenntnisse vom Einfluss der Sprache auf das Denken: Möglicherweise ist das Gottesbild auch davon abhängig." Die Geschichtlichkeit des Sprechens, Denkens, Wahrnehmens und Fühlens bedingt die Geschichtlichkeit der Wahrheit, die es stets nur im Plural von Wahrheiten gibt. Das ist keineswegs blanker Relativismus. Das bedeutet auch nicht, dass alle Religionen als gleich gültig betrachtet werden. Aber keine Erkenntnis steht ein für alle Mal fest. Auch religiöse Erkenntnis entwickelt sich von Erkenntnis zu Erkenntnis - niemals allerdings aus Tabula rasa, aus Voraussetzungslosigkeit, aus Nichts. Von Nichts kommt auch religiös nichts. Ohne Vorverständnis gibt es kein Verständnis, das als neues Vorverständnis das Sprungbrett zu weiterem Verständnis ist. Die Ahnen des Glaubens sind die Zeugen des Glaubens, die uns helfen, zu Ahnen des Glaubens für das Zeugnis von morgen zu werden. Tradition meint ein Weitertragen und Weiterentwickeln dessen, was wir empfangen haben, auf Zukunft hin, bei aller menschlichen Unvollkommenheit. Wahrheit wächst durch Wahrheit. Christen sollen ihren Christusglauben nicht in einem falschen Traditionalismus ersticken. Sie sollen das, was ihnen überliefert wurde, aber auch nicht gehemmt, verstört, eingeschüchtert kleinreden oder kleinmachen. Vor allem im interkulturellen wie interreligiösen Dialog sollen sie ihr Licht, das Christus ist, nicht unter den Scheffel stellen. Zeugnis, Haltungen, Argumente: Verständigung baut auf Erkenntnis auf und nicht auf Ahnungslosigkeit. Wer nichts zu sagen hat, wer für nichts eintreten will, braucht sich nicht zu wundern, wenn am Ende über ihn hinweg entschieden wird. Religion unterscheidet sich da in keiner Weise von Politik. Denkfaulheit und Meinungsschwäche schaffen nicht Toleranz, sondern begünstigen Intoleranz. Die Wahrheit der Anderen mit der Wahrheit des Eigenen verbinden und dies als Wahrheit für Andere anschlussfähig machen - das ist die eigentliche geistige Herausforderung des Christusglaubens. Ein immerwährender, stets unabgeschlossener Prozess. Nicht zufällig hat bereits der Autor des Johannesevangeliums Christus selber als prozesshaft erkannt und verkündet, als dynamischen Logos, als 'Weg, Wahrheit und Leben". Das Christusbekenntnis manifestiert sich als Christusprozess. Beinert formuliert es so: "Weil der Gott-Mensch Christus die Wahrheit, diese also personal ist ..., kann sie auch von der Kirche nicht besessen werden wie eine Sache, sondern ist stets größer als jegliche menschliche Erkenntnis, auch die der Kirchenleute. Ihr Absolutheitsanspruch ist dann kein in sich ruhender, eben absoluter Vollkommenheitsanspruch, sondern im idealen Fall ein relativer. Kriterium zur Wertung der Anderen ist ferner nicht mehr das eigene Dogma, sondern das Wahre und Heilige, das durchaus dort, durchaus aber auch bei den Anderen und vielleicht sogar nur bei diesen zu finden sein könnte. Die Wahrheitsstrahlen werden nicht von den Kirchenlampen generiert (erzeugt, d. Red.), sondern von Christus, der laut Kirchenkonstitution ,Lumen gentiuni, das 'Licht der Völker' ist. In diesem Moment kommt die Positivität der Religionen zum Leuchten." Weil die christliche Missionsgeschichte allzu lange mit der Imperialismusgeschichte, der kolonisatorischen Unterwerfung von Ländern und Völkern verbunden war, wurde das christliche Bekennen und Zeugnisgeben in Misskredit gebracht. Selbst viele Christen scheuen sich daher, offen von dem Zeugnis abzulegen, was sie für sich als Glaubenswahrheit erkannt und angenommen haben. Gegenseitiges Sich-auf-die-Schulter-Klopfen der Art "Ich bin okay, du bist okay" führt jedoch nicht weiter. Die in Boston lehrende amerikanische Theologin Catherine Cornille verlangt in der liberalen theologischen Zeitschrift "Concilium" (März 2011) mehr Redlichkeit: "Das letzte Ziel des interreligiösen Dialogs ist das Streben nach oder das Wachsen in der Wahrheit ... Während die Religionswissenschaft letztlich auf Wissen und Verständnis abzielt, geht es im Dialog um die Möglichkeit, einander zu bereichern, einander zu inspirieren und, ja ..., einander auch zu verändern. Deshalb ist das Zeugnisgeben ein wesentlicher Bestandteil jedes interreligiösen Dialogs. Es setzt voraus, dass man sich für eine bestimmte Religion engagiert und wirklich von der Gültigkeit und Wahrheit ihrer Lehren überzeugt ist... Deshalb meint Zeugnisgeben nicht nur, die Inhalte und Praktiken des eigenen Glaubens oder Fakten über die eigene Religion mit anderen zu teilen, sondern auch, persönliches Engagement zu zeigen und sich zu ihrer Wahrheit zu bekennen - und deshalb spricht es häufig eine deutlichere Sprache, wie man lebt, als was man sagt." Das schließt Demut vor den Anderen ein - und vor Gott. Das Fremde kann dann zum Spiegel für das Eigene werden, zur Motivation, den eigenen Glauben nochmals zu durchdringen und tiefer zu erfassen.
Der Türöffner zur SeeleIm europäischen Kontext nachhaltiger Säkularisierung, in der sich die allermeisten Getauften ihrer eigenen Religion entfremdet haben, wird der interreligiöse Dialog mehr und mehr zu einer Herausforderung des intrareligiösen Dialogs: wie Christen vor Christen nicht nur Rechenschaft geben von ihrem Glauben, sondern wie Getaufte andere Getaufte inspirieren können, sich wieder neu auf die Suche nach der eigenen Wahrheit in Jesus Christus zu begeben. Bekehrung beginnt immer als Selbstbekehrung. Der Depression, Resignation und Furcht der Jünger begegnet der auferstandene Christus nicht mit dogmatischen Traktaten, Lehrformeln oder Anweisungen zur Glaubenswissensvermittlung, sondern mit sehr einfachen Gesten und Worten. Der Türöffner zur Seele ist nach Lukas und Johannes der Gruß: "Friede sei mit euch!" Die simple Friedenszusage, eine Art Friedensgebet, weckt den erlahmten Geist. Papst Johannes Paul II. hat dieses Zeichen der österlichen Zeit der Urchristen als österliches Zeichen der Zeit für das multireligiöse Heute wiederentdeckt. Er hat damit Anstoß erregt, gerade in den eigenen Reihen. Zu Recht. Denn der Auferstandene ist - so die Erkenntnis von Johannes Paul II. - kein Glaubensdiener zur Befriedigung einer binnenreligiösen Kirchengruppenseligkeit. Christus allein bedeutet: Unser Herr und Bruder Christus ist ebenso der Christus der Anderen wie der Christus des immer wieder überraschend, unerwartet neu Anderen, universal, kosmisch, evolutiv. Die Ikone des unsichtbaren, unbekannten Gottes bewegt weiter die Sprache, vom Alpha bis zum Omega. Sprache aber entwickelt sich allein durch Sprechen.
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