Johannes Röser {*}Drei "Selbst"
Aus: Christ in der Gegenwart, 20/2011 S. 215 f.
"Nichts ist mehr, wie es vorher war." - So lautete das geflügelte Wort am 11. September 2001. Diese Einsicht ist trivial. Denn zu keinem Zeitpunkt der Geschichte ist es, wie es vorher war. Niemand steigt zweimal in denselben Fluss in einer allüberall evolutiven Werdewelt. Trotzdem blieb nach den Attentaten auf das World Trade Center und auf das Pentagon vieles eben doch wie vorher. Die Regierung Bush reagierte auf den Weltterroristen Osama Bin Laden so, wie Washington immer reagierte, wenn es sich als Großmacht angegriffen fühlte: durch kriegerische Eingriffe, diesmal nicht in Mittel- und Südamerika, sondern im Mittleren Osten - mit verheerender Destabilisierung der Region um Afghanistan und den Irak. Indirekt hat das die Ausweitung des Mordunternehmens rund um den Erdball beschleunigt, selbst beim "Bündnispartner" Pakistan, wo der Erzfeind mitten im Zentrum der Armeemacht und der Geheimdienste wohlbehütet residierte. Andere Weltgegenden sind durch radikale Gruppierungen noch unsicherer geworden: der Jemen, der Sudan, Somalia, Nigeria… Und wir reden immer nur von den Angriffen von Al Qaida auf den Westen. Doch genauso operieren entsprechende Kommandos in Russland, Indonesien, Malaysia, auf den Philippinen und anderswo. Offen ist, ob nach dem Tod Bin Ladens nun alles anders wird, als es vorher war. Die gezielten Terrorangriffe und Hetzjagden auf Christen in Ägypten oder in Nigeria - ob sie nun formell auf das Konto von Al Qaida gehen oder nicht - entziehen optimistischen Erwartungen an die "Demokratie"-Revolten den Boden. Die Urteile gehen entsprechend weit auseinander. Der "Spiegel" prophezeit einen Verfall von Al Qaida, zumindest sei die politische Ideologie des Heiligen Krieges, der Dschihadismus, im Nahen Osten "kaum mehr relevant". Einer wachsenden Mehrheit junger Araber gehe es nicht mehr zuerst um Bekämpfung der amerikanischen Hegemonie "oder um die Selbstbehauptung einer von den prowestlichen Regimen unterdrückten Religion". Sie wollten Anteil an Wohlstand und Fortschritt, wovon bisher nur die Clans der Herrscher profitiert hätten. "Auf derartige Fragen aber hatten die schlichten Dschihadisten-Denker keine Antworten. Mit religiösen Argumenten war dem Zorn über die ungerechte Aufteilung des Wohlstands so wenig beizukommen wie mit den Scheinreformen, mit denen sich die bedrängten Autokraten an der Macht zu halten versuchten." Die "Frankfurter Rundschau" vermutet ebenfalls, dass Bin Ladens Tod "als Symbol für den schleichenden Niedergang dieser Bewegung angesehen werden" kann. "Die USA und Europa sollten alles daran setzen, dass die Revolten in Ägypten und Tunesien zu ökonomischen und politischen Erfolgsgeschichten werden."
Arabischer Frühling und Al QaidaWeitaus skeptischer beobachtet die "Welt" den Gang der Dinge. Zwar seien die etablierten Gleichgewichte des Nahen Ostens und seines weiten Umfelds ins Schwanken geraten, aber eine neue Ordnung ist überhaupt nicht in Sicht. "Nichts ist zu Ende, wenig ist berechenbar?… Jede Bewegung bringt das ganze Konstrukt ins Schwingen - Absturz nicht ausgeschlossen." Die "Frankfurter Allgemeine" sieht den Dschihadismus gleichfalls nicht erledigt. Immerhin sei nach Ausbruch der "Arabellion" ein "Streben nach dem Ende der orientalischen Despotie" festzustellen, hin zu Pluralismus und Zivilgesellschaft, ja zu Demokratie, "wie auch immer die aussehen mag". Betont vorsichtig hat sich der amerikanische Terrorexperte Richard Clarke gegenüber der "Zeit" geäußert: Welchen Einfluss die aktuellen arabischen Turbulenzen auf Al Qaida haben, wüssten wir schlichtweg noch nicht. Die betroffenen Länder seien zu unterschiedlich. "Der arabische Frühling im Jemen kommt Al Qaida ganz gelegen. In Libyen könnte das auch so sein. Und auch in Ägypten kann sich die Regierung immer noch in eine islamistische Richtung bewegen. Zu sagen, der arabische Frühling sei ein herber Rückschlag für Al Qaida, wäre eine Übertreibung."
20. Juli 1944Außerdem bleibt unsicher, ob mit Bin Ladens Tod, mit dem Ende seines quasi-sakralen Mythos der Unantastbarkeit den sogenannten Gotteskriegern die religiösen Beweggründe entzogen sind. In einem der vielen radikalmuslimischen Internetforen war zu lesen: "Wir haben nicht für Osama gekämpft. Wir kämpfen für Allah." Wohl etwas überschwänglich hatte ein Leitartikel der "Süddeutschen Zeitung" unmittelbar nach dem Todeskommando von Abbottabad schon den Triumph über die religiösen Motive islamischer Terroristen gefeiert: "Die Vorstellung, dass ‚der' Islam jener eine Weg für alle von Marokko über die Mongolei bis nach Malaysia sei, ist Humbug." Nur einen Tag später fand sich an gleicher Stelle eine viel zurückhaltendere Einschätzung: "Religionen ändern sich nicht im Kern. Sie passen sich nur an. Im Fall des Islam mit einer von Gott verkündeten Heiligen Schrift ist dies schwieriger als beim Christentum, das Gewalt eindeutiger hinterfragt als der Islam. Der Rückgriff auf radikale Formen ist hier einfacher: Im Koran blätternde Fundamentalisten haben leichtes Spiel mit ihren halbgebildeten Interpretationen göttlichen Rechts. Wer jubelt, mit dem Tod des Al-Qaida-Chefs stehe man vor dem Sieg über den militanten Islam, dürfte irren." Welche Schlüsse aus den jüngsten Entwicklungen zieht aber die westliche Welt? Es irritiert uns doch sehr, mit welch massiven Selbstzweifeln, ja mit welcher Selbstzerfleischung und mit welch scharfer Kritik am amerikanischen Vorgehen die Beseitigung des Massenmörders Osama Bin Laden in Kommentaren und Talkshows begleitet wurde. Kirchliche Amtsträger stimmten in den Chor der Bedenkenträger ein und begannen, mit vielem Wenn und Aber die eigene, in einer langen Tradition gut begründete Theorie der Legitimität des Tyrannenmords infrage zu stellen. Andere spekulierten darüber, ob der Krieg gegen Bin Laden wirklich ein Krieg gewesen sei. Man habe abwägen müssen, ob die Terrororganisation noch über hinreichende Kommandostrukturen, Stützpunkte, Ausbildungslager und Waffen verfügt habe, um von einer "kriegerischen Qualität" sprechen zu können. Hätten die Soldaten, die unter persönlicher Todesgefahr ins Zentrum des Verbrechers gegen die Menschlichkeit eindrangen, dort mitten in dramatischer Lage etwa erst noch einen Runden Tisch einberufen sollen, um ausführlich und kontrovers zu beraten, welche Kriterien für eine kriegeri-
216sche Situation oder einfache Notwehr in diesem Moment gegeben seien? Es ist doch absurd, wenn Leute, die vom bequemen Fernsehsessel aus zuschauen, wie andere für sie die hochgefährliche Aufgabe erledigen, Menschenleben auf Zukunft hin zu schützen, sich anmaßen, im Nachhinein alles besser zu wissen. Vor allem die deutsche Besserwisserei wirkt bizarr. Denn in unserem Land werden die Männer des tatkräftigen Widerstands gegen den Nazi-Terror, die Männer des 20. Juli, die mit einem letztlich gescheiterten Bombenattentat auf Hitler versucht hatten, Schaden vom Volk und von den fremden Völkern abzuwenden, doch fraglos als Helden und Heilige verehrt. Hier bei uns gibt es nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie recht taten, dass die geplante Liquidierung des verbrecherischen "Führers" ein Akt der Menschlichkeit war, vollkommen gerecht, im Einklang mit Sitte, Anstand, Moral, natürlichem Gesetz und Ordnung. Zwar hatten die an der "Operation Walküre" beteiligten Wehrmachtsoffziere sich vorher mit Gewissensfragen geplagt, ob sie zum Beispiel ihren Standeseid gegenüber dem Oberbefehlshaber verletzen dürften, doch die Antwort fiel eindeutig aus. Auch bei den Verantwortlichen der "Operation Geronimo", wie der Geheimcode der Kommandoaktion gegen Bin Laden hieß, dürfen wir durchaus eine vergleichbare Gewissensprüfung voraussetzen wie bei denen des 20. Juli 1944. Die Situation ist ähnlich, der Handlungsdruck angesichts täglicher grausamer Morde durch Al Qaida irgendwo auf der Welt, hoch. Auch da kann man eben aus der Geschichte lernen.
Wer verantwortet das Chaos?Und noch etwas: Nicht die direkte Aktion gegen Bin Laden, die sehr viel Leben vorbeugend rettete und noch viel mehr Leben hätte retten können, wenn sie schon vor zehn Jahren durchgeführt worden wäre, ist verhängnisvoll und völkerrechtlich zweifelhaft. Das gilt vielmehr für den Krieg, den George W. Bush junior in cowboyhaft-martialischem Gehabe gegen Afghanistan und später den Irak anzettelte und damit eine verheerende, weiter explosive Situation im Mittleren Osten produzierte. Nun wird auch noch der Atomstaat und höchst unsichere "Verbündete" Pakistan in dieses Schlingern gerissen - in der Folge womöglich Indien, das bald vor China der bevölkerungsreichste Staat der Welt ist. Das Chaos hat Bush zu verantworten, nicht Obama. Eine klare erste Lehre aus dem Fall Bin Laden kann nur heißen: Der Westen muss sich wieder in entschiedener, doch umsichtiger und kluger Selbstbehauptung üben, die die kulturellen Einschätzungen anderer ernst nimmt und sich diesen mit Stärke stellt. Das erfolgreiche, mit dem "chirurgischen Seziermesser" unter Vermeidung schlimmster "Kollateralschäden" sehr speziell durchgeführte Kommando in Abbotabbad spricht eine deutliche Sprache, die gerade dem von archaischem Männlichkeitsdenken dominierten Kulturkreis großen Respekt abnötigt und einflößt. Diese erfolgreiche Botschaft wird anders als der kriegerische Dilettantismus eines Bush gerade in extremistischen muslimischen Kreisen verstanden - unter Leuten, die wie Bin Laden selber die Welt mit der Scharia eines "Auge um Auge, Zahn um Zahn"-Rechts beglücken wollen. Jetzt müssen sie erkennen, dass auch der Westen versteht und dass er ohne Blutrache-Gedanken diese Herausforderung mit einer multikulturell korrekten Antwort annehmen kann, ohne seine demokratischen Prinzipien zu verraten. Denn auch Demokratie soll und muss wehrhaft sein und bleiben. Das ist die entscheidende Botschaft der amerikanischen Antiterror-Maßnahmen an alle Dschihadisten, die sich über die vermeintlich weichliche Mentalität und die juridische Hilflosigkeit unseres freiheitlichen Systems lustig machten und mit Hilfe des vorherrschenden Rechtspositivismus mit dem Rechtsstaat selber Katz und Maus spielten. Daher bleibt es unverständlich, weshalb erneut in Frankfurt am Main extremistischen islamisch-salafistischen Gefolgsleuten von Gerichten erlaubt wurde, im Rahmen sogenannter Demonstrationsfreiheit durch eine Kundgebung öffentlich für ihre Anliegen eines Heiligen Krieges zu werben, wenn auch wie üblich mit religiösen "Friedensworten" getarnt. Für die Justiz wie für oberste Verfassungsgerichte gilt ebenfalls das Gebot der Klugheit und Verhältnismäßigkeit. Auch die staatlich höchste unabhängige Gewalt muss sich im Sinne der demokratischen Selbstbehauptung selbstkritisch prüfen. Zuspruch und Einspruch bewegen sich auf einem schmalen Grat. Das gilt genauso beim Völkerrecht und beim internationalen Strafrecht. Der Wille zur Selbstbehauptung ist und bleibt wesentlich zur Stärkung der Demokratie national wie international sowie des universalen Rechts. Das schließt auch für den Westen ständige Selbstkontrolle ein, Mäßigung. So richtig es ist, das menschenrechtliche und demokratische Bewusstsein weltweit zu fördern, so wichtig ist es, sich zu bescheiden, die eigenen Sichtweisen nicht zu überziehen. Weder am deutschen noch am amerikanischen Wesen wird die Welt genesen, weder politisch noch kulturell noch ökonomisch. Auch das ist eine klare Erfahrung mit und nach Bin Laden. Sogar der Solidarität und dem Mitleid sind Grenzen gesetzt. Jeder Zivilisationskreis hat das Menschenrecht, aber auch die Menschenpflicht, selber für Entwicklung und Fortschritt auf allen Ebenen zu sorgen, die eigenen Dinge, so gut es geht, selbstständig zu regeln. Deutschland wird eben - das hat die Realität bewiesen - nicht am Hindukusch verteidigt. Jenseits politischen Übereifers - und sei er noch so emotional einem Bündnispartner geschuldet - ist auch rational wieder mehr Realitätssinn zu entwickeln für das Menschenmachbare und das national Sinnvolle. Der Kölner Politikwissenschaftler und Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer schreibt in der Zeitschrift "Merkur" (Mai): "Auch wenn militärische Einsätze bisweilen mit humanitären Begründungen versehen werden und den Anschein erwecken, als werde aus universaler Solidarität gehandelt: Die Ressource Solidarität lässt sich nur dann einsetzen, wenn sie von dem partikularen Interesse nicht abgekoppelt wird." Beim Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr sei lange der Eindruck erweckt worden, als würden die Soldaten dort lediglich als Entwicklungshelfer tätig werden, die zum Beispiel die Rechte von Frauen und Mädchen verteidigen. Inzwischen hat sich die öffentliche Diskussion verändert, die deutschen Interessen werden befragt. "Worin diese Interessen allerdings bestehen, ist weniger deutlich. Eine nachvollziehbare Ausfüllung des angeblichen nationalen Interesses … existiert nicht. Hier wird ein besonderes Strukturmerkmal von Solidarität deutlich: Sie wird mit zunehmender Entfernung schwächer." Selbstkontrolle meint Mäßigung. Thomas Assheuer erklärt das in der "Zeit" so: "Die kapitalistische Moderne … hat sich mit dem Rest der Welt verwechselt. Sie glaubte ernsthaft, alle Menschen seien im Grunde ihres Herzens Amerikaner und warteten sehnlichst darauf, durch die westliche Lebensform erlöst zu werden." Assheuer hält jedoch an der Hoffnung fest, dass man nach Bin Laden aus der unglückseligen Vorstellung herausfindet, dass es sich zuletzt um einen "Welt-Krieg" zwischen "einer feindfixierten Supermacht und einer global mordenden Terrororganisation" gehandelt habe. Das könnte die Universalität der Menschenrechte fördern. "Denn in dem Augenblick, in dem sie nicht mehr zum humanitären Set der westlichen Kriegsrhetorik gehören, werden die Menschenrechte politisch wieder ‚frei' - sie werden erneut zu einer revolutionären, für alle Kulturen gültigen Idee und stehen nicht mehr im Verdacht, sie seien im war on terror bloß das moralische Zuckerbrot des Westens zur Durchsetzung unmoralischer Interessen."
Chance für eine WeltpolizeiDer "Tagesspiegel" sieht im gezielten Vorgehen gegen Osama Bin Laden sogar die große Chance, bei der Bekämpfung von Gewalt weltweit Fortschritte zu erreichen. "Entgegen allen Unkenrufen, dass die westliche Welt im Abstieg sei, hat sie in letzter Zeit ganz im Gegenteil einen starken ideellen Aufstieg erlebt", unter anderem, durch US-Präsident Obama, der in vielen Teilen der Welt Sympathien genießt. "Die Stunde muss genutzt werden für die weitere Etablierung einer Weltpolizei. Deshalb ist das amerikanische Vorgehen in Pakistan ein welthistorischer Schritt nach vorn." Weitaus entscheidender wird sein, ob der Westen die jüngsten Erfolge gegen den Terror zu Selbstkorrektur, Gewissenserforschung und eigener Umkehr nutzt. Denn in der Konfrontation wie im Dialog mit dem Islam geht es nicht nur um politische und ökonomische, sondern vor allem auch um kulturelle, religiöse Perspektiven: wer die besseren moralischen Quellen hat und diese nutzt; wer sich wirklich darum müht, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen und so zum Sinn des Lebens zu finden, privat wie öffentlich, individuell wie politisch. Die religiöse Frage ist als politische Frage in die Globalisierung zurückgekehrt, wenn auch der nachhaltige Säkularisierungsschub inzwischen alle Kulturen erfasst hat. Wie wollen wir leben im Okzident, im Orient, als Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten - und als Nichtglaubende? Das respektvolle Nebeneinander und Miteinander von Nationen und Zivilisationen hängt wesentlich von einer gedeihlichen Entwicklung der geistigen wie spirituellen Kräfte ab, nicht nur von einem - zweifellos notwendigen - gerechteren Austausch von Gütern und Dienstleistungen, Wissen und Können. Selbstbehauptung - Selbstkontrolle - Selbstkorrektur: Diese drei "Selbst" bestimmen über den Weltfrieden mehr als alles andere. Die Hoffnung stirbt nicht. Nach Bin Laden ist tatsächlich anders als vor Bin Laden.
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