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Alfred Stümper {*}

Das Glauben an Gott

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 19/2011 S. 209 f.

 

    Der Glaube an den Gott Jesu Christi angesichts der geistigen Umbrüche und Zweifel zeigt sich in vielerlei Gestalt und ist lebendig wie das Leben selbst.

 

Dass Menschen an Jesus Christus glauben, kann unterschiedlichste Gründe haben. Man könnte sie in acht verschiedene Gruppen einteilen, wobei diese in der Regel nicht in Reinkultur, sondern in einer gewissen Gemengelage anzutreffen sind.

In der ersten Gruppierung glaubt man, weil man in einer bestimmten Religion groß geworden und getauft worden ist - eben "weil es so ist". Dabei wird der Glaube als etwas familiär Übernommenes, etwas Mitbekommenes angesehen, das man beibehält wie ein gutes Erbstück. Er ist wie ein altes Klavier, auf dem die Großmutter noch gespielt hat, auf dem man aber selbst nicht mehr spielt. Vielleicht aus Pietätsgründen oder auch weil es sich um ein wertvolles antikes Stück handelt, weist man ihm noch einen Platz in der Wohnzimmerecke zu.

Dieses Motiv ist bei vielen festzustellen. Man hinterfragt nicht viel, nimmt den erhaltenen Glauben als etwas Gegebenes hin. Man lässt insoweit alles beim Alten. Es ist so etwas wie ein Stück Familienkultur.

In der zweiten Gruppe glaubt man einfach den historischen Überlieferungen, ohne sie viel zu hinterfragen. Man verlässt sich auf die Menschen, die die Evangelien niedergeschrieben, die vielen, die den Glauben bisher gelebt und weitergegeben haben, und besonders auch auf die, welche einen selbst den Glauben gelehrt haben.

Diese Einstellung findet man bei vielen treuen Kirchgängern.

 

Vorbilder und Gnade

Die dritte Gruppe glaubt zwar auch den historischen Überlieferungen, aber nur nach eigenen kritischen Nachprüfungen und Überlegungen.

Diese Form des Glaubens kommt für einen ganz begrenzten Personenkreis infrage, der über grundlegende geschichtliche und aufgrund von Büchern, Lexika und anderen Medien überprüfbare Kenntnisse verfügt. Diese Menschen können sich von Grund auf mit der Materie befassen.

Eine vierte Gruppe wiederum glaubt zwar auch deshalb, weil man in seiner Religion groß geworden ist und den Glauben von seinen Eltern oder Erziehern mitbekommen hat. Man macht sich jedoch über seine Inhalte, seine Richtigkeit und Gültigkeit ernsthaft Gedanken.

Diese Einstellung findet man bei vielen modernen treuen Kirchgängern, vor allem auch bei Jugendlichen, die in ihrer religiösen Innerlichkeit kirchlich orientiert sind.

In einer fünften Gruppe glaubt man, weil man Menschen begegnet ist, die glaubwürdig Vorbilder und Garanten des Glaubens sind. Dazu gehören auch solche, die aus anderen, begrifflich gar nicht so leicht zu fassenden Gründen den eigenen Glauben innerlich lebendig gemacht und bestätigt oder den Glauben erst als solchen erschlossen und zugänglich gemacht haben.

Dieser Weg zu einem überzeugten Glauben kann sich grundsätzlich jedem eröffnen.

Eine sechste Gruppe glaubt aufgrund logischen Nachdenkens und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse.

Dieser Grund ist bei einem begrenzten Personenkreis anzutreffen, der sich geistig mit der Materie näher befasst. Dabei wird man sich mit der Frage nach der Existenz eines Gottes - auch eines persönlichen Gottes - viel leichter tun als mit dem Christentum, insbesondere mit der Person Christi.

Eine siebte Gruppe glaubt im Grunde erst dann, wenn man aus dem Glauben heraus lebt, sich ihm hingibt, sich ihm bedingungslos anvertraut, in ihm aufgeht. Der Glaube beweist sich in der Ausübung, ja im alltäglichen Durchhalten. Er offenbart sich in einem gläubigen Leben.

Dies ist sicher die urkräftigste, edelste Form des Glaubens. Sie erfordert den ganzen Menschen, nicht nur seinen Verstand, sondern Herz und Seele, Mut, Risikobereitschaft, Überwindung, kurzum: eine unbegrenzte persönliche Hingabe. Dieser Weg steht allen offen. Er ist aber der schwerste, weil er volles Lebensrisiko bedeutet, weil er nahezu blindes Vertrauen und vielfachen Verzicht erfordert. Zudem kann diese Haltung den Gläubigen erhöhtem Misstrauen und verdeckter oder gar offener Verächtlichmachung aussetzen. Dieser Weg ist auch deshalb der schwerste, weil er neben sich nichts anderes duldet.

In der achten Gruppe glaubt man aus Gnade, weil einem das Göttliche einfach im Leben begegnet ist, weil es einen "überkommen" hat.

Auch diese Form des Glaubens kann bei allen Menschen anzutreffen sein. Er erfordert kein besonderes Wissen, kein eigenes Dazutun, keine eigenen Denkanstrengungen und auch keine schwerwiegenden Überwindungen. Die Glaubensgewissheit wird als Geschenk erlebt. Es ist dies ein Erlebnis- und Glücksgefühl, das den Gläubigen wie einen Sternschnuppen-Effekt ergreift, wie es biblisch zum Beispiel bei den Emmaus-Jüngern der Fall war.

 

Warum ich glaube

Für mich war und ist der - christliche - Glaube lebens- und erlebniswichtig. Ich konnte und wollte diese zentrale Frage des menschlichen Lebens nicht einfach so nebenherlaufen lassen.

Die Beweiskraft der historischen Überlieferung konnte ich mangels eigener Fachkenntnisse nicht beurteilen. Zudem ist die Zahl der Fakten, die als Belege für das Leben Jesu zur Verfügung stehen, beschränkt, und ihre Beweisqualität ist wohl sehr unterschiedlich. Ein einzig darauf fußendes Glaubensfundament erscheint mir fragwürdig und mehrfach zweifelsanfällig. Vorbilder waren für mich wichtig. Sie konnten auch den eigenen Glauben festigen. Aber sie waren nicht tragender Grund des Glaubens.

Zu einem Leben allein aus dem Glauben heraus fehlte und fehlt mir die Kraft und eine innerlich grundgelegte Verzichtbereitschaft. Ich liebte und genoss, ich liebe und genieße das Leben.

Ausschlaggebend war und ist bei mir die Gnade. Doch ich habe den mir geschenkten Glauben, die mitunter irrational erlebte Überzeugung durchaus auch rational-logisch wie naturwissenschaftlich-kritisch hinterfragt. Und ich habe auch Bestätigung erfahren.

 

Das rationale Fundament

Jeder naturwissenschaftliche Erklärungsversuch über das Entstehen der Erde scheitert schon im ersten Ansatz. Denn gemäß logischem Denken kann aus dem Nichts nicht etwas entstehen. Und doch ist diese Welt da. Alle Erklärungen über die Entstehung der Welt - vom Urknall bis zur Quasigleichgewichtstheorie - setzen irgendetwas schon Vorhandenes voraus, auch die Erschaffung der Welt durch einen Schöpfer.

Die Existenz dieser Welt ist und bleibt ein Wunder, ja das Wunder schlechthin. Darunter verstehe ich nicht nur das Entstehen von etwas aus dem Nichts, also den ersten Schöpfungsakt, sondern auch das So-Werden, die Schöpfungsgeschichte. Das bedeutet, dass dem logischen Denkvermögen absolute, nicht zu überwindende Grenzen gesetzt sind. Unsere Logik kann also nur in dieser Welt, immanent, gelten.

Der Mensch ist in seiner sinnlichen Wahrnehmung stark eingeschränkt: im Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Tatsächlich gibt es unglaublich viel, das wir nicht wahrnehmen können. Man denke an die elektromagnetischen Strahlen, die vorhanden sind, obwohl wir sie nicht sehen oder spüren, und die mittels technischer Hilfe erkennbar und erfahrbar gemacht werden können. Der Umfang dieser allein so erkennbar zu machenden Wirklichkeiten nimmt laufend zu. Man denke beispielsweise auch an die biologisch-chemische Erweiterung des Wissens.

Die Vermutung liegt fast zwingend nahe, dass noch unendlich viel mehr für uns Nichterkennbares und Nichterfassbares vorhanden ist. Die Naturwissenschaften gehen derzeit davon aus, dass wir lediglich vier Prozent der Materie erkennen und messen können.

Unsere Vorstellungswelt ist gleichfalls stark eingeschränkt. Sie ist dreidimensional. Mathematisch können wir zwar weit darüber hinaus in andere Dimensionen vordringen, aber auch hier stoßen wir dann an Grenzen, wenn die Größenordnung gegen null oder unendlich geht.

Es ist nicht möglich, Aussagen über das "An sich" zu machen, also darüber, wie die Dinge um uns herum objektiv sind. Es lässt sich nur sagen, wie sie erscheinen, wie wir sie mittels unserer Wahrnehmung erfassen. Ein Elefant sieht einen Baum anders als eine Maus, und diese sieht ihn wieder anders als der Mensch. Niemand kann aus seinem Schatten heraustreten. Alles kann nur in Beziehung zueinander gesehen werden.

Unsere Welt ist und bleibt eine reine Wahrnehmungswelt. Alles, was ist, stellt sich als Beziehung zwischen Objekt und Subjekt dar, ist also ein Geschehen zwischen Wahrgenommenem und Wahrnehmendem.

 


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Unser Leben ist naturwissenschaftlich-logisch eine abstrakte Wahrnehmungswelt, menschlich-persönlich jedoch eine Erlebnis- und Beziehungswelt. Die oberste, wertvollste und stärkste Beziehung ist die Liebe. Sie schafft Leben und erfüllt das Leben. Liebe ist das Element des Daseins überhaupt. Ist Liebe der Urgrund allen Seins, ist sie auch die Nahtstelle zwischen der erkennbaren Welt, der Immanenz, und der nicht erfassbaren, nicht verstehbaren Welt, der Transzendenz. Der Prolog des Johannesevangeliums, der sich mit der Entstehung der Welt befasst, trifft den zentralen Punkt, wenn es darin heißt, dass im Anfang (en archae) allen Seins das "Wort" war, der logos, also nichts Materielles, sondern etwas Nichtmaterielles. Die höchste nichtmaterielle Kraft, die im Johannesevangelium bezeugt wird, ist die Liebe, von der das Wort "im Anfang" (en archae) Zeugnis ablegt.

 

Der "unglaubliche" Christus

Zweifel am christlichen Glauben werden vor allem genährt durch die unglaubliche Zumutung, dass ein vor rund 2000 Jahren in Palästina lebender Mensch der Sohn des überhaupt nicht zu begreifenden, unendlich fernen und großen heiligen Gottes ist, zu dem man sich bekennt. Es ist ein Gott, von dem wir uns kein Bild machen können und dies auch nicht tun sollten. Zu einem solchen, einfach kaum für möglich zu haltenden Glaubensinhalt gibt es für mich drei Zugänge.

Zunächst: Dieser Christus lebte die Liebe, und zwar eine durch und durch uneigennützige Liebe. Er litt für uns, er starb für uns. Sein Leben war gelebte Liebe.

Außerdem trage auch ich wie viele Christen im Innersten die Überzeugung in mir, dass irgendein Schuldausgleich erfolgen muss, gerade auch für die eigenen Sünden, Versäumnisse und Schwächen. Es sollte eben am Ende alles wieder gut werden, ja, bereinigt sein.

Und zum dritten: Der innerste Grund meines Verständnisses von Christus als Gottes Sohn liegt jedoch in einer über allen anderen Formen angesiedelten, überweltlichen, transzendenten, personifizierten Liebe, in Maria. Gott hat sich in seine Welt verliebt in Form eines jungen jüdischen Mädchens und sich in ihr mit dieser Welt auch körperlich verbunden.

Diese Liebes-Geschichte lässt einen nicht nur immer wieder neu staunen, sondern provoziert auch immer wieder Zweifel. Dabei eröffnet sich der Zweifel als notwendiges Element eines Glaubens überhaupt. Gerade der Zweifel lässt uns in den Fragen nach den letzten Dingen, nach Gott nicht zur Ruhe kommen. Er fordert uns heraus, sich täglich neu und taufrisch mit Gott zu befassen.

Es gibt nur einen Gott, behauptet die jüdisch-christliche Tradition. Und dieser ist Gott für alle. Kein Mensch, keine Religion, keine Welt- oder Lebensanschauung haben ein Exklusivrecht. Das, was für die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt gilt, also die Spannung zwischen Objekt und Subjekt, gilt auch für seine Beziehung zu Gott. Niemand kann objektiv feststehende Aussagen über Gott machen. Gott ist für jeden individuell, persönlichkeitsbezogen. Gott ist, wie ein japanisches Sprichwort sagt, wie ein Mond, der sich in jeder Pfütze ganz unterschiedlich spiegeln kann.

In der nicht zuletzt für den Weltfrieden zentralen Frage der Richtigkeit und Wahrheit einzelner Religionen und Weltanschauungen ist gerade die alles beherrschende Kraft der Liebe entscheidend. Jeder, der aus dieser und mit dieser Liebe lebt, glaubt "richtig".

Seit Urbeginn der Menschheit gibt es den Glauben an Göttliches, an Gott und an Götter. Trotz einer modernen, teilweise auch religiös erfolgten Befreiung von religiöser Bevormundung werden täglich Billiarden von Gebeten gesprochen. Der Glaube ist eine im Unbewussten angesiedelte seelische Ur-Gegebenheit, so wie körperlich gesehen es den Herzschlag, den Blutkreislauf, das Atmen, das Wachsen der Haare gibt.

Glauben ist keine Wissenschaft, sondern Leben. Es speist sich aus all dem, was uns mitgegeben worden ist, was uns begegnet, was mit uns geschehen ist. Glauben ist kein lebloser Besitz, den man hat. Es ist lebendig, fordert immer wieder heraus und lässt fragen. Glauben ist Teil des sich immer wieder wandelnden Lebens mit allen Höhen und Tiefen. Der Glaube ist etwas Mitlebendes. So haben auch die unvermeidlich zu ihm zählenden Zweifel ihren Sinn. Glaube hat Fleisch und Blut und ist kein totes Gerippe. Er ist Leben.

 

    {*} Dr. Alfred Stümper, ehemaliger Landespolizeipräsident von Baden-Württemberg, ist Autor zahlreicher Fach- und belletristischer Publikationen. Seine beiden großen Themen sind die Bekämpfung der organisierten Kriminalität und der Glaube an Gott.

 

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