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Jochen Sautermeister {*}

"Für eine menschliche Moral"

Zum 100. Geburtstag des Moraltheologen Josef Fuchs SJ

Aus: Stimmen der Zeit, 7/2012, S. 498-501

 

Am 5. Juli 2012 hätte Josef Fuchs SJ seinen 100. Geburtstag gefeiert. Der international bedeutende und anerkannte, zugleich aber nicht völlig unumstrittene Moraltheologe, der am 9. März 2005 in Köln verstorben ist, hat über viele Jahrzehnte die Entwicklung seines Fachs begleitet und vorangetrieben. Dieser Bedeutung ist er sich durchaus bewußt gewesen, bezeichnete er sich doch in der Spätphase seines Wirkens nicht zu Unrecht als Moraltheologen, "der über Jahrzehnte dieses Fach nachhaltig mitgeprägt hat" {1}.

Auch über die Theologische Ethik hinaus ist er kein Unbekannter, hat er sich doch in vielfältiger Weise öffentlich zu ethischen und theologischen Themen geäußert. Allein in den Stimmen der Zeit hat er 50 Beiträge verfaßt. Ein Jahr nach seiner Emeritierung als Professor für Moraltheologie an der Gregoriana in Rom, wo er seit 1954 lehrte, also im Jahr 1983, hatte

 


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Fuchs das Bundesverdienstkreuz bekommen {2}.

In Rom, wo Fuchs zeitweilig wegen verschiedener Äußerungen zur Situationsethik und zur Sexualmoral Schwierigkeiten mit dem kirchlichen Lehramt auszuhalten hatte, war er für die römische Kurie tätig und wirkte in der von Papst Paul VI. einberufenen päpstlichen Studienkommission zu Fragen der Bevölkerungspolitik und der Geburtenkontrolle (1964-1966) mit, die sich unter anderem mit Fragen verantwortlicher Elternschaft und der Empfängnisregelung befaßte. Diese Fragen galten als so speziell, daß sie aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil ausgelagert und eigens behandelt werden sollten. Daß die Kommission mehrheitlich, darunter federführend Fuchs, zu einem anderen Votum hinsichtlich der Beurteilung bestimmter Formen der künstlichen Empfängnisverhütung gelangte, als später in der Enzyklika "Humanae vitae" verlautbart, ist hinlänglich bekannt.

Das Konzil und seine Erfahrungen in dieser Studienkommission sollten das moraltheologische Denken von Fuchs maßgeblich und nachdrücklich verändern und zwar in einer Weise, daß man mit Mark E. Graham sogar von einer "preconversion period" und einer "postconversion period" sprechen kann {3}. Denn in seinem Denken läßt sich deutlich der paradigmatische Wechsel von einer aktzentrierten, neuscholastisch-naturrechtlichen Moraltheologie hin zu einer personal-naturrechtlichen Moraltheologie beobachten. Bei Fuchs war diese theologisch-ethische Lernbewegung im Zuge des Konzils jedoch so ausgeprägt, daß Klaus Demmer MSC, einer seiner Schüler, ihn selbst einmal sogar als "lebendiges Paradigma" der Moraltheologie im 20. Jahrhundert bezeichnet hat {4}.

Zeitlebens darum bemüht, christliche Sittlichkeit als Anspruch der schöpfungstheologisch grundgelegten Gottebenbildlichkeit des Menschen und als personal-existentielle Forderung Gottes an den einzelnen Menschen zu verstehen, bemühte sich Fuchs darum, die personale Dimension des Sittlichen zur Geltung zu bringen, ohne daß dies auf Kosten des objektiven Anspruchs christlicher Moral oder durch Preisgabe ihres naturrechtlichen Anspruchs geschieht.

Die christologische Neuperspektivierung christlicher Moral und der Moraltheologie, wie sie im Dekret "Optatam totius" (Nr. 16) des Konzils eingefordert wurde, und die Berücksichtigung human-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Einsichten mitsamt der Grundlagenreflexionen für ein theologisch angemessenes Verständnis vom sittlichen Naturrecht im Rahmen der päpstlichen Studienkommission haben Fuchs dazu bewogen, den personalen Aspekt der christlichen Heilsbotschaft und die Berufung der Nachfolge Jesu in den Mittelpunkt der christlichen Moral zu stellen. Demnach hat sittliche Selbstverwirklichung nicht nur moralische Bedeutung, sondern ist auch soteriologisch relevant. Maßgeblich ist der persönliche Wille, die Absicht, das Gute zu tun, und die Bereitschaft, das im Gewissen als zu Tuende Erfaßte, auch im Handeln umzusetzen. Denn in Anlehnung an die Pastoralkonstitution "Gaudium et sp es" (Nr. 16) betrachtet Fuchs das Gewissen als den entscheidenden Referenzpunkt für "jenes tiefste Innen des Menschen, in dem er in seiner Ganzheit als Person seinem Gott ... sich verbunden und verpflichtet weiß" {5}. Zugleich begreift er das Gewissen als die Instanz, in der das sittlich Gebotene inhaltlich erkannt wird. Dieses gilt dann als richtig erkannt, wenn deren Gehalt recta ratio, also objektiv ist, worunter Fuchs das der menschlichen Wirklichkeit Gemäße und in diesem Sinne Naturrecht versteht.

Eine solchermaßen objektive christliche Moral zielt Fuchs zufolge gerade auf die Würde des Menschen und seines Gewissens

 


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ab. Christliche Nachfolge kann er daher als richtige Selbstverwirklichung begreifen. Die sittliche Forderung nach Selbstverwirklichung versteht er "als ein grundlegendes und normatives Prinzip menschlicher und christlicher Sittlichkeit" {6}. Jesu Ruf zur Umkehr wird infolgedessen als Ruf zur Selbstverwirklichung, nämlich zur Annahme seiner selbst als personales Subjekt und zur Verwirklichung seiner selbst als ein solches {7} gedeutet, der sich christlich-moralisch im Auftrag zur moralischen Erziehung und Gewissensbildung hin zur eigenverantwortlichen Mündigkeit zu konkretisieren hat {8}. Christliche Moral und Moralverkündigung sollen damit ganz zentral die sittliche Reife der Person fördern. Fuchs betont in verschiedenen Zusammenhängen, daß christliches Ethos und christliche Moralverkündigung demzufolge nicht primär auf einen Normenkatalog ausgerichtet seien, sondern auf den neuen Menschen abzuzielen hätten.

Für ein inhaltliches Verständnis christlicher Moral folgert Fuchs, daß dasjenige, was mit moralischer Sicherheit als sittliche Forderung erfaßt werden könne, als Ruf Gottes zu begreifen sei. In einem seiner letzten Beiträge schreibt er: "Wir sollen uns selbst um die sachlich richtige und gute Antwort für die von Gott geschaffene Menschen- und Weltwirklichkeit, wie sie heute und hier ist, mühen, wie auch Jesus selbst es zu seinen Lebzeiten gehalten hat. ... Die damit geforderte eigene menschliche Erkenntnis ('Naturrecht') gehörte auch zu Jesu Antworten, Mahnungen und eigener Lebensgestaltung, also auch zu seiner Moral." {9} Christliche Moral traut dem theologisch-ethischen Verständnis von Josef Fuchs zufolge also zu, moralisch sein und die richtigen moralischen Antworten finden zu können. Christliche Moral ist demnach eine innovative Moral.

Gemäß einem solchen Verständnis christlicher Sittlichkeit, in der die ",Person` als Norm des Sittlichen" {10} gilt, betont Fuchs die Hilfsfunktion sittlicher Normen für die sittliche Selbstverwirklichung des Menschen. Sie sollen dem Menschen bei der Realisierung des Humanen helfen, wobei sie als Objektivationen sittlicher Einsichten stets auf ihre Situationsangemessenheit hin zu befragen und gegebenenfalls zu modifizieren sind. Insofern in die jeweilige situative Wirklichkeit immer auch die geschichtlichen, soziokulturellen und biographischen Bedingungen einfließen, hält Fuchs eine legitime Pluralität von moralischen Urteilen für möglich.

Im Unterschied zu frühen Arbeiten betont der späte Fuchs daher die Würde des Gewissens und die Mündigkeit der Christen, auch der Laien, in moralischen Fragestellungen und reflektiert deren Verhältnis zur kirchlichen Autorität und zur kirchlichen Moralverkündigung. Vor diesem Hintergrund erhält auch die theologisch-ethische Rede von Schuld und Sünde eine wesentlich personale Qualität, die an der Gesinnung der Person und ihrer Absicht, das Gute zu tun, Maß nimmt.

Im moraltheologischen Denken von Josef Fuchs wird sichtbar, wie eine christliche Moral im Gefolge des Zweiten Vatikanums, die ihre christologische und soteriologische Bedeutung (wieder-)entdeckt hat, um ihre Aufgabe weiß, in Fragen angewandter Ethik prinzipielle Orientierung zu geben und die Menschen in ihrer sittlichen Beanspruchung zu unterstützen, ohne ihren Kompetenzbereich zu überschätzen. Moraltheologie und christliche Moral stellen demnach kein ethisches Sonderwissen dar, sondern müssen sich daran messen lassen, ob sie dem Anspruch einer humanen, menschlichen Moral entsprechen und ob sie die Berufung des Menschen zum Heil in der Nachfolge Jesu Christi ansichtig machen können. Christliche Moral, wie Fuchs sie versteht, zeugt von einem Vertrauen in den

 


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Menschen und seine sittliche Kompetenz, die ängstlicher Enge eine Absage erteilt, weil sie aus dem Glauben an Gottes liebende Zuwendung zum Menschen lebt.

"Für eine menschliche Moral. Grundfragen der theologischen Ethik" so hat Josef Fuchs SJ seine vierbändige Aufsatzsammlung (Freiburg 1988-1997) überschrieben. Nicht nur mit diesem Titel hat er der theologischen Ethik Bleibendes ins Stammbuch geschrieben: "Christliche Moral ist menschliche Moral in dem doppelten Sinn, daß sie von Menschen stammt und für Menschen gemeint ist."

 

Anmerkungen

{1} Vgl. J. Fuchs, Für eine menschliche Moral. Grundfragen der theologischen Ethik, Bd. 3 (Freiburg 1991) 7.

{2} Zu Leben und Werk vgl. J. Sautermeister, Josef Fuchs (1912-2005), in: Christliche Ethik im Porträt. Leben u. Werk bedeutender Moraltheologen, hg. v. K. Hilpert (Freiburg 2012) 759-790.

{3} Vgl. M. E. Graham, Josef Fuchs an Natural Law (Washington, D. C. 2002) 83.

{4} Vgl. K. Demmer, Rez. zu: M. E. Graham, in: Gregorianum 84 (2003) 443-445, 443.

{5} J. Fuchs, Für eine menschliche Moral, Bd. 2 (Freiburg 1989) 56.

{6} Ders., Selbstverwirklichung u. Selbstentfremdung, in dieser Zs. 109 (1984) 651-661, 651.

{7} Ders. (A. 5) 148.

{8} Vgl. ders. (A. 6) 659-661 sowie ders., Jesus folgen. Moraltheologische Erwägungen, in dieser Zs. 215 (1997) 704-710.

{9} Ders., Jesus folgen (A. 8) 710.

{10} Ders., Für eine menschliche Moral, Bd. 1 (Freiburg 1988) 233.

 

Link zum Nachruf von P. Josef Fuchs SJ

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