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Alfred Metzger {*}

"Woher stammt der Hass?"

Die Ideologie der militanten Islamisten

 

Aus: Herder Korrespondenz 2005/9, S. 452-456

 

    Seit dem 11. September 2001 lebt die Welt im Bann des islamistischen Terrors, der inzwischen auch Europa heimgesucht hat. Bei der Motivation der Täter verbinden sich radikal antiwestliche, am Dschihad gegen die Ungläubigen orientierte Strömungen des Islam mit Reaktionen auf westliche Gewalt im Nahen Osten.

 

Jeder neue Anschlag, den radikale Islamisten auf der Welt verüben, wirft unweigerlich die Frage auf: Was treibt die Attentäter an? Diese Frage wird umso intensiver geführt, je näher die Anschläge an Europa heranrücken, und wenn, wie Madrid im März 2004 und im Juli 2005 London, eine der europäischen Metropolen vom Terror heimgesucht wird, erreicht die Suche nach Erklärungen - verständlicherweise - fieberhafte Züge.

Es ist normal, jegliche Form von Terrorismus durchschauen zu wollen, um sie damit möglicherweise besser bekämpfen zu können; in diesem Fall kommt jedoch hinzu, dass die Islamisten offensichtlich vor nichts zurückschrecken und die Bedrohung sehr viel existentieller erscheint als zum Beispiel der Terror linksradikaler Gruppen in Europa in den siebziger und achtziger Jahren. Man kann der RAF oder den Roten Brigaden Zynismus und Kaltherzigkeit gegenüber ihren Opfern vorwerfen, ihre Angriffe aber galten einzelnen, ausgesuchten Personen aus den Führungsetagen der Gesellschaft (mit Aus-

 


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nahmen). Auf Massenmord an ahnungslosen Zivilisten hatten es die linksradikalen Organisationen nicht abgesehen.

Anders das al-Qaida-Netzwerk und all diejenigen, die von seiner Philosophie inspiriert sind: Die maximale Opferzahl ist ihr Ziel, sie wollen den Westen in seinem tiefsten Herzen treffen und ihn in einen Schockzustand versetzen. Die Motive der RAF, ihre Idee der revolutionären Elite, die den Staat an seinen empfindlichsten Stellen trifft und ihn zu harten Gegenmaßnahmen provoziert, was wiederum die Bevölkerung zum Aufstand gegen das "Schweinesystem" anstacheln soll, werden die wenigsten Deutschen teilen, eine gewisse Logik lässt sich dennoch dahinter erkennen.

 

Was soll ein anonymer Massenmord bewirken?

Doch was soll ein anonymer Massenmord bezwecken, den die Attentäter begehen, ohne eine konkrete Forderung zu stellen? Vor allen Dingen: Was für eine Ideologie steckt dahinter, die so etwas rechtfertigen kann?

Diese Frage ist berechtigt und sie wird weiter gestellt werden. Sich jedoch allein auf die gedanklichen Konstrukte radikaler Islamisten zu konzentrieren, um deren Handlungsweise verstehen zu können, greift zu kurz. Vielmehr ist es notwendig, sich darüber hinaus historische und politische Besonderheiten des Nahen Ostens vor Augen zu führen, die einer solchen Ideologie überhaupt zum Durchbruch verhelfen konnten. Mit anderen Worten: Gibt es Ereignisse in der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens, die das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung sowie den Zynismus radikaler Islamisten in irgendeiner Weise plausibel erscheinen lassen?

Diese Frage in dieser Form zu stellen führt meist zu heftigen Streitgesprächen zwischen, grob gesprochen, zwei unterschiedlichen Lagern: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die der Ideologie - oder womöglich sogar der Religion? - die Schuld für den Terrorismus radikaler Islamisten geben. Sinngemäß plädieren sie dafür, die Madrassas in Pakistan zu schließen und die "Hassprediger" aus Europa abzuschieben, danach werde der Strom an Rekruten für al-Qaida schon versickern. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die die politischen Umstände in den Vordergrund stellen, die ihrer Meinung nach für den Terrorismus verantwortlich sind, der aus dem Nahen Osten gen Westen schwappt.

Worte haben ihre Wirkung, und gerade religiös aufgeladene Ideologien sind in der Lage, Menschen gegebenenfalls zu Taten zu verleiten, die sie ansonsten für unmoralisch halten könnten. Das Töten von Zivilisten fällt leichter, wenn es vorgeblich im Auftrag einer gottgewollten Mission geschieht und sich dazu noch gegen Mitglieder einer anderen, einer "feindlichen" Religion richtet.

Auf der anderen Seite wird bei einem Blick in die jüngere Geschichte deutlich, wie sehr Unterwerfung, kulturelle Überheblichkeit und nicht zuletzt zynische Missachtung menschlicher Opfer von Seiten des Westens gegenüber der islamischen Welt den heutigen Zustand mitzuverantworten haben. Die Menschen im Nahen Osten fühlen sich nicht nur als Opfer westlicher Aggression, wie es in deutschen Zeitungen meist neutral formuliert wird, sie sind es in vielen Fällen tatsächlich auch gewesen und teilweise immer noch.

Das zu erkennen, ist wichtig, auch wenn es schmerzhaft ist. Die Entgrenzung der Gewalt, die sich heute im Terror der al-Qaida manifestiert, ist auch eine Reaktion auf die zahlreichen Toten, die westliche, vor allem amerikanische Invasionen in den Nahen Osten allein in den vergangenen zwanzig Jahren verursacht haben.

Die Ideologie der radikalen Islamisten ist die Software, wie es der amerikanischen Islamwissenschaftler Juan Cole nennt, die den Adepten von al-Qaida eingepflanzt wird und die sie dazu befähigt, erschreckende Verbrechen zu begehen. Dass die Menschen jedoch überhaupt erst bereit sind, diese Software in sich aufzunehmen, hängt nicht zuletzt mit der Gewalt zusammen, die seinerseits vom Westen gegenüber der islamischen Welt verübt worden ist.

 

Der Dschihad der Wahhabiten

Generell lassen sich zwei ideologische Strömungen unter den radikalen Islamisten ausmachen, die sich Ende der neunziger Jahre im al-Qaida-Netzwerk vereinigten: Zum einen die Salafisten, die einen extrem konservativen Islam vertreten, der viel Wert auf die buchstabengetreue Einhaltung islamischer Normen legt und deswegen im wahrsten Sinne des Wortes fundamentalistisch ist. Zum zweiten die Qutbisten, die davon überzeugt sind, dass alle gegenwärtigen Regime in der islamischen Welt unislamisch sind und deswegen gestürzt werden müssen.

Ziel der Salafiyya ist es, möglichst dem Ideal einer islamischen Ordnung zu entsprechen, die zu Zeiten Mohammeds und seiner Weggefährten geherrscht haben soll. Sie ist ideologisch breit gefächert, und längst nicht alle Salafisten sind Anhänger des Dschihad gegen die Ungläubigen. Die Jamaat al-Tabligh beispielsweise ist eine weltweit operierende Organisation, die durch Mission versucht, vom Glauben "abgefallene" Muslime wieder auf den Pfad der Tugend zu bringen.

Die entscheidende Ausprägung der Salafiyya findet sich vor allen Dingen in Saudi-Arabien wieder, pikanterweise seit Jahrzehnten ein enger Verbündeter des Westens. Der Wahhabismus, die im saudischen Königreich vorherrschende religiöse Ideologie - auch wenn sich die Wahhabiten selbst so nicht nennen -, entstand im 18. Jahrhundert und ist von einem extremen Puritanismus geprägt, gepaart mit einer starken Intoleranz gegenüber anderen Religionen sowie nicht-sunnitischen Muslimen.

 


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In Saudi-Arabien ist es Christen verboten, offen ihre Religion auszuüben. Schiiten werden zwar geduldet, sind aber diversen Repressalien ausgesetzt. Für Mohammed Ibn Abd al-Wahhab, den Begründer des Wahhabismus, waren die Schiiten unter anderem wegen ihrer Verehrung für Ali, den Schwiegersohn Mohammeds, abtrünnige Muslime, die entsprechend behandelt werden durften. Auch der Sufismus, eine spirituelle Form des Islams, war ihm ein Dorn im Auge.

Im Jahr 1746 erklärte Abd al-Wahhab den Dschihad gegen alle, die er der Götzendienerei und des Abfalls vom Glauben bezichtigte. Die Wahhabiten nannten sich "Muslime", und wer gegen sie war, galt in ihren Augen als "Nichtmuslim", also jemand der vom Glauben abgefallen war und deswegen getötet werden durfte. Entsprechend barbarisch gingen die wahhabitischen Krieger vor. Sie brannten Städte nieder, zerstörten Heiligtümer und richteten regelrechte Massaker unter ihren Feinden an. Abd al-Wahhab starb im Jahr 1791, doch mit seinem Tod war der Dschihad der Wahhabiten noch lange nicht zu Ende.

So machten sich im Jahre 1802 wahhabitische Krieger zu einer Razzia nach Kerbela auf, einer Stadt im heutigen Irak, die etwa 50 Kilometer südlich von Bagdad liegt. Kerbela ist eine der heiligsten Städte des schiitischen Islams mit den Schreinen der beiden Prophetenenkel Hussein und Abbas. Nachdem die Wahhabiten die Stadt gestürmt hatten, töteten sie 2000 der schiitischen Einwohner und plünderten die Heiligtümer, in denen sich wertvolle Juwelen befanden.

Der Geist Abd al-Wahhabs weht bis heute durch das Königreich Saudi-Arabien, er findet sich in dem streng islamisten Schulsystem wieder, an den Universitäten und den Moscheen. Das bedeutet nicht, dass die Wahhabiten permanent in den Dschihad gegen Andersgläubige ziehen würden. Im Gegenteil, Saudi-Arabien ist politisch einer der wichtigsten Partner der USA im Nahen Osten. Doch unter bestimmten Umständen entlädt sich der xenophobische Charakter des Wahhabismus gewaltsam gegen die vermeintlichen Feinde des Islam, die womöglich vorher sogar noch Verbündete gewesen waren.

Osama bin Laden beispielsweise, ein Saudi jemenitischer Herkunft, kämpfte in den achtziger Jahren den Dschihad gegen die sowjetischen Invasoren in Afghanistan - damals noch mit dem Wohlwollen der USA. Erst nach dem Golfkrieg 1991 und der Stationierung amerikanischer Truppen auf saudischen Boden richtete sich sein Zorn gegen die Amerikaner.

Die andere ideologische Grundströmung des radikalen Islamismus wird durch den Qutbismus vertreten. Er verdankt seine Ideen dem Ägypter Sayyid Qutb, der 1966 von der ägyptischen Regierung hingerichtet wurde.

 

 

Ein paradigmatischer Lebenslauf

Sayyid Qutbs Lebenslauf steht paradigmatisch für die Geschichte des Nahen Ostens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1904 in einem Dorf in Oberägypten. Wie der Gründer der Muslimbrüder, Hassan el-Banna, genoss er eine traditionelle religiöse Erziehung. Insgesamt, so der Eindruck seiner Autobiographie, die er über seine Kinderjahre schrieb, genoss er das Leben auf dem Land. Doch schon als Jugendlicher entfloh Qutb dem ländlichen Idyll und ließ sich in Kairo nieder. Die Revolution von 1919 machte ihn zu einem glühenden Nationalisten, der sich für das Schicksal der kleinen Leute interessierte. Soziale Gerechtigkeit als Grundthema durchzieht die gesamten Werke von Sayyid Qutbs.

Wie für die meisten Intellektuellen in den zwanziger Jahren spielte der Islam in seinem Denken keine Rolle. Qutb war Säkularist, er studierte europäische Literatur, für die er sich begeisterte und über die er Abhandlungen schrieb. Einer seiner Mentoren war Taha Husain, der berühmte Schriftsteller, der sich in den zwanziger Jahren kritisch mit dem koranischen Textverständnis auseinander setzte. In dieser Zeit deutete nichts darauf hin, dass Qutb einmal zum fanatischen Islamisten werden könnte, der den Mord an ungläubigen Herrschern zur Pflicht eines jeden Muslims erklärte.

In den dreißiger Jahren arbeitete Qutb im Bildungsministerium, und in dieser Zeit begann er zu zweifeln, ob die europäische Zivilisation als Vorbild für Ägypten geeignet sei. Das Verhalten der Briten in seinem Land ließ ihn nach Alternativen suchen. Qutbs Wandlungsprozess vollzog sich schleichend, aber stetig. Mitte der vierziger Jahre schickte ihn das Bildungsministerium in die USA, er sollte sich Anregungen holen von dem dortigen Bildungssystem.

Die USA genossen zu jener Zeit in der arabischen Welt einen guten Ruf, im Gegensatz zu Engländern und Franzosen hatten sie noch keinen Fuß auf arabischen Boden gesetzt, um ihn zu beherrschen. Außerdem war es der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der sich für das Selbstbestimmungsrecht der Völker einsetzte - eine Idee, die bei den Arabern bis heute eine Rolle spielt wie in wohl keiner anderen Region der Welt.

Für Sayyid Qutb hingegen bedeutete sein Aufenthalt in den USA die endgültige Abkehr vom Westen. Aufgewachsen in

 


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der ägyptischen Provinz, wo die Geschlechterverhältnisse strengen Regeln folgten, fühlte er sich von der sexuellen Freizügigkeit in Amerika abgestoßen. Noch schwerer wog jedoch seine Enttäuschung über die Einstellung der Amerikaner zum Nahostkonflikt. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker spielte für die Araber eine so große Rolle, weil es ihnen nach dem Ersten Weltkrieg verweigert blieb. Der Konflikt um Palästina, der zwischen den Weltkriegen schwelte, bedeutete die Verlängerung dieses Traumas. Sayyid Qutb erlebte, wie in den USA die Ausrufung Israels mit Begeisterung aufgenommen wurde, für ihn verlor die Supermacht damit endgültig ihre Glaubwürdigkeit.

Kurze Zeit nachdem Qutb 1949 aus den USA nach Ägypten zurückgekehrt war, schloss er sich den Muslimbrüdern an. Wie viele seiner Mitstreiter begrüßte er die Revolution vom Juli 1952. Er führte die Verhandlungen mit Nasser über eine mögliche Beteiligung der Muslimbrüder an der neuen Regierung. Qutb unterstützte die Ziele der Offiziere, umso größer war seine Enttäuschung, als die Verhandlungen scheiterten und sich Nasser gegen die Muslimbrüder stellte.

Sayyid Qutb gehörte zu den ersten, die nach dem gescheiterten Attentat von 1954 ins Gefängnis kamen, wo er schwer gefoltert wurde. Just zu dem Zeitpunkt, als Qutb glaubte, seine Ideen in die Tat umsetzen zu können, wurde er in die Verbannung geschickt.

 

Gedankliche Basis für den radikalen Islamismus

In den Jahren in seiner Zelle wandte er sich mehr und mehr von der Realität ab und begann einen virtuellen Kampf gegen seine Feinde. Die Thesen, die er entwickelte, mussten sich nicht an der Realität messen lassen, sondern entsprangen allein seiner Phantasie. Entsprechend radikal und von einer kompromisslosen Härte waren sie geprägt. Qutb entwarf das Bild einer Gesellschaft, in der sich Gute und Böse gegenüberstanden, und in der das Gute nur dann gewinnen konnte, wenn es mit aller Härte gegen das Böse vorging.

In Qutbs Phantasien rechtfertigte dieser Kampf jegliche Mittel, und jeder, der auf der Seite des Guten stand, war verpflichtet, sich an diesem Kampf zu beteiligen. Das Gute repräsentierten die Muslime, das Böse die abtrünnigen Herrscher, die im Namen des Islam regierten, in Wirklichkeit aber Laster und Verderben verbreiteten.

Qutbs Ansatz war radikal. Er ließ keine Nuancen zu, wie sie islamische Rechtsgelehrte in den 1300 Jahren seit dem Tod Mohammeds entwickelt hatten, um das islamische Recht der jeweiligen Situation anzupassen. Ein tyrannischer Herrscher, so der Konsens der mittelalterlichen Rechtsgelehrten, der für Stabilität sorgt und seinen Untertanen die Ausübung des Glaubens ermöglicht, sei besser als ein islamischer Herrscher, der sich nicht gegen seine Feinde durchsetzen kann und Chaos verbreitet.

Qutb ließ das nicht gelten. Ein islamischer Herrscher sei verpflichtet, den Willen Gottes umzusetzen, und das bedeute, die Scharia auf alle Bereiche des Lebens anzuwenden. Nur das göttliche Gesetz sei gültig, alles von Menschen erdachte Recht dagegen widerspreche dem Willen des Schöpfers. Wer es aber dennoch anwende, sei ein Abtrünniger und müsse deswegen vom Thron gestoßen werden.

Gamal Abd al-Nasser, wie auch die Herrscher seiner Zeit, fiel demnach in die zweite Kategorie. Sie mochten sich selbst als Muslime bezeichnen, für Qutb waren sie jedoch Abrünnige und Heuchler. Die islamische Welt, so Qutb, sei in die Zeit der Dschahiliya zurückgefallen, die Zeit der Unwissenheit, die nach islamischem Glauben vor dem Auftreten Mohammeds auf der Welt herrschte. Es sei die Aufgabe einer kleinen, wissenden Elite, so Qutb, die die islamische Welt wieder zurück zu ihrer alten Größe führen müsse. Er schuf damit die gedankliche Basis für einen revolutionären Islamismus, der seine Aufgabe darin sah, die göttliche Ordnung durch den Dschihad zu errichten. Da die Gegner per se Ungläubige waren, ließ sich Gewalt gegen sie problemlos rechtfertigen.

Ayman al-Zawahiri, der zweite Mann im al-Qaida-Netzwerk, gehört in diese Tradition. Er war der Führer des ägyptischen Islamischen Dschihads, der bis in die neunziger Jahre versuchte, das ägyptische Regime zu stürzen und durch ein islamisches zu ersetzen. Erst als ihm das nicht gelang, verschmolz er seine Organisation 1998 mit der al-Qaida und schloss sich deren Dschihad gegen die USA an.

Sowohl der Wahhabismus wie der Qutbismus spielen mit Sicherheit eine Rolle bei der Radikalisierung vieler Jugendlicher in der islamischen Welt. Sowohl Osama bin Laden wie Ayman al-Zawahiri versichern ihren Anhängern, dass sie im Auftrag des Islam handeln, wenn sie sich als Selbstmordattentäter in den Metropolen des Westens in die Luft jagen. Dennoch reichen Worte allein nicht aus, um einen solchen Hass zu schüren, der diese jungen Männer zu Taten wie am 11. September 2001 oder am 7. Juli 2005 befähigt.

Dazu muss man sich den anderen Blick vor Augen halten, den Araber und Muslime auf die Konflikte im Nahen Osten haben. In ihren Augen sind die Araber Opfer westlicher Aggression, die weitaus mehr Opfer forderte, als die Terroranschläge von al-Quaida. Mohammed Atta beispielsweise, einer der Drahtzieher der Anschläge von New York und Washington, erregte sich vor seinen deutschen Kommilitonen stets über die Gleichgültigkeit, die der Westen gegenüber den Opfern im Nahen Osten gezeigt habe.

Tatsächlich fällt es Europäern und Amerikanern meist schwer, die Sichtweise der Menschen im Nahen Osten nachzuvollziehen. Allein die Statistiken der Kriege in den vergangenen zwanzig Jahren im Nahen Osten sprechen Bände. So hat Osama bin Laden mehrfach darauf hingewiesen, dass die israelische Invasion 1982 in den Libanon einer der Gründe

 


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war, warum er Israel und dessen wichtigsten Verbündeten, die USA, zu hassen begann. Bei der Invasion kamen binnen weniger Monate bis zu 20 000 Menschen ums Leben, die meisten davon Zivilisten. Im August 1982 belagerte die israelische Armee die Hauptstadt Beirut und unterbrach in einigen Vierteln die Wasserversorgung, außerdem setzte sie Phosphor- und Vakuumbomben ein, laut Völkerrecht verbotene Waffen.

Auch die USA gingen in ihren Kriegen im Nahen Osten nicht zimperlich vor. Im ersten Golfkrieg 1991 zerstörte die amerikanische Armee gezielt die irakische Infrastruktur wie Brücken, Elektrizitäts- und Wasserwerke, auch das eine Verletzung des Völkerrechts. In den heißen Sommermonaten nach dem Ende des Krieges starben deswegen bis zu einer halben Million Menschen an Typhus, Cholera und anderen Epidemien. Von 1991 bis 2003 verhängten die Vereinten Nationen auf Drängen der USA gegen den Irak das strikteste Embargo in der modernen Geschichte. Durch das Embargo starben lat Berechnungen der UN weitere 500 000 Kinder, Alte und Kranke, die unter normalen Umständen überlebt hätten.

Als die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright in einem Fernsehinterview 1996 auf diese Zahl angesprochen wurde, erwiderte sie, dass das eine "harte Entscheidung" sei, "aber wir denken, der Preis dafür ist es wert". Der Preis war die Eindämmung Saddam Husseins. Solange er an der Macht sei, lautete die amerikanische Politik auch unter George Bushs Vorgänger Bill Clinton, sei man nicht bereit, das Embargo aufzuheben. Dass sich Saddam Hussein und seine Clique in dieser Zeit weiter schamlos bereicherten, milderte den Hass der Islamisten auf die USA nicht im Geringsten. Den irakischen Diktator, eine radikaler arabischer Nationalist, hassten sie genausso wie den "großen Satan" aus Übersee.

Nachdem die irakische Armee im Sommer 1990 Kuwait überfallen hatte, bot bin Laden dem saudischen Königshaus sogar an, es gegen einen möglichen Angriff Saddam Husseins zu schützen. Der saudische König nahm stattdessen die amerikanische Hilfe in Anspruch. Aus seiner Sicht durchaus verständlich, denn gegen eine reguläre Armee in einem Wüstenkrieg können Guerillakrieger wenig ausrichten. Bin Laden und seine Anhänger betrachteten die amerikanischen Truppen auf dem heiligen saudischen Boden jedoch als weitere Vorboten eines westlichen Kreuzzugs gegen den Islam.

Mittlerweile gibt es Vermutungen, dass bin Laden die Anschläge vom 11. September 2001 orchestrierte, um die Amerikaner bewusst in neue Konflikte im Nahen Osten zu ziehen. Mit den amerikanischen Angriffen auf Afghanistan und den Irak im März 2003 scheint dieser Plan aufgegangen zu sein. Erneut starben Zehntausende Zivilisten, und erneut konnte bin Laden den Amerikanern vorwerfen, sie hätten nichts als Verachtung für die muslimischen Opfer übrig.

Nicht ganz zu Unrecht. Als John Bolton, ein hoher Beamter im amerikanischen Außenministerium, gefragt wurde, was er davon halte, dass in der Irak-Invasion vermutlich 10 000 Zivilisten ihr Leben verloren, reagierte er ähnlich wie Madeleine Albright: "Ich denke, angesichts der Größe der militärischen Operation ist das eine ziemlich geringe Zahl." Immerhin waren es dreimal mehr Menschen als beim Attentat auf das World Trade Center. Mittlerweile ist die Zahl der Opfer im Irak gestiegen und hat die Wut vieler Muslime auf den Westen weiter angeheizt. Einer der verhinderten Attentäter von London begründete seine Absicht, sich in der U-Bahn in die Luft zu sprengen, mit den Bildern sterbender Frauen und Kinder im Irak, die er im Fernsehen gesehen hatte.

 

    {*} Albrecht Metzger hat Islamwissenschaft und Geschichte studiert und lebt als freier Autor in Hamburg. Von 1997 bis 1998 war er wissenschaftlicher Assistent am Orient-Institut der Deutschen-Morgenländischen Gesellschaft in Beirut. In dieser Zeit entstand sein erstes Buch "Der Himmel ist für Gott, der Staat für uns. Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie" (Lamuv, Göttingen 2000). Im März erschien von ihm der Band "Islamismus" in der Reihe wissen der Europäischen Verlagsanstalt in Hamburg