Ein Bundesverdienstkreuz für die Naunyn
Wenn um die Mittagszeit in der Naunynstraße eine gepanzerte Limousine im Halteverbot, vor dem berüchtigten Trinkteufel steht (Unterzeile: "Tor zur Hölle"), dann weiß man, dass gerade etwas Ungewöhnliches passiert. Und so war es auch diesmal, am 16. Januar, als sich zwei Welten kurzzeitig näher kamen.
SPD-Staatssekretär für Kultur, André Schmitz, und die Beauftragte für Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, Maria Bering, hatten im Auftrag des Bundespräsidenten zwei Bundesverdienstkreuze mitgebracht. Sie wurden Pater Christian Herwartz, der St. Thomas Gemeinde als lieber und langjähriger Begleiter bekannt, und Bruder Franz Keller für ihr mehr als 25-jähriges Engagement in der offenen Kommunität, Naunynstraße 61, überreicht. Mit dabei waren Monika Gröber, die die Ehrung vorgeschlagen hatte, sowie Andreas R. und Christian S., Klaus und eine Freundin der Wohngemeinschaft.
Nach der Pflicht, die Kür: Am Abend hatte "die Naunyn" zu einer kleinen Feier eingeladen. Viele Freundinnen und Freunde waren gekommen. Sie hatten zu Essen und zu Trinken mitgebracht - und auch die eine oder andere Frage. Wie war das mit denen ("da oben")? Wie war Monika denn auf sowas gekommen? Und nicht zuletzt: Jesuitenorden und Verdienstorden, passt das denn zusammen?
Es war für alle spannend zu erfahren, dass die beiden Abgesandten gut vorbereitet und mit viel Zeit und Interesse gekommen waren. So entsponn sich ein anregendes, etwa einstündiges Gespräch, das die beiden Gäste sichtlich bewegte. Sie schienen mit so etwas nicht gerechnet zu haben. Zweit Jesuiten, die eine Wohngemeinschaft mit bis zu dreißig Bewohnern aus aller Welt mit ihrer Gegenwart, ihrer Energie und ihren Renten unterhalten: Obdachlose, Ausländer, Flüchtlinge, Menschen in schicksalhafter oder frei gewählter Armut finden hier Zuflucht und Gemeinschaft, für Wochen, Monate oder Jahre. Die Konflikte, die es (natürlich!) gibt, die Hochs und Tiefs - und dann, dass immer wieder Hilfe kommt. Von Menschen, rein zufällig, so könnte man's sagen; wir Christen sagen: von Gott. - Die beiden Vertreter des Senats verabschiedeten sich schließlich mit der Bemerkung, dass sie nun wohl in eine andere Welt gingen. Wo der Geist weht….
Es war schön zu sehen, dass die beiden Inhaber (so dürfen sich Christian und Franz jetzt nennen) zufrieden damit waren, sich doch für die Annahme der Ehrung entschieden zu haben. Leicht hatten sie es sich nicht gemacht, hatten Zeit, Ort und Rahmen sorgfältig gewählt. Und so wurde Monikas Idee Wirklichkeit: Franz und Christian, deren Aktionsspektrum ja tatsächlich von der Mildtätigkeit bis hin zur Erregung öffentlichen Ärgernisses reicht, wurden geehrt vom Staat, der - und hier wird es deutlich - ja immer eine doppelte Existenz hat: Apparat und eben auch Gesellschaft.
Es war offenbar für beide Welten gut, nicht nur zu wissen, sondern auch einmal zu spüren: da drüben, das sind (auch nur) Menschen. So entsteht Wertschätzung und Anerkennung und zwar auf beiden Seiten. Wir Menschen wissen nicht, was aus dem kurzzeitigen Heraustreten aus den sorgsam abgesteckten Parallelwelten noch werden kann ….
Marie-Luise Beck
Was ist ein Bundesverdienstkreuz? "Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, Kurzbezeichnung Bundesverdienstkreuz, einziger Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland; […] gestiftet von Bundespräsident T. Heuss am 7. 9. 1951. Die Beliehenen werden als "Inhaber" bezeichnet." (Brockhaus) Etwas über 1000 Ordensverleihungen jährlich, die selten vom Bundespräsiden-ten selbst, sondern meist von hochrangigen Vertretern der Länder vorgenommen werden. Die Voraussetzungen sind: "Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland wird an in- und ausländische Frauen und Männer für politische, wirtschaftlich-soziale und geistige Leistungen verliehen sowie für alle besonderen Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland, z. B. auch Verdienste aus dem sozialen, karitativen und mitmenschlichen Bereich. Es sind Verdienste, die in der Regel unter Zurückstellung der eigenen Interessen über einen längeren Zeitraum mit erheblichem Einsatz erbracht wurden." (Broschüre "Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland")
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