25 Jahre WG-Naunynstraße - Teil 2
Vornamen - Autorenverzeichnis - Familiennamen {5}InhaltsverzeichnisTeil 2 (S. 205-400)Initiative für die politische Diskussion mit den Gefangenen Wagenburgen Von befreundeten Gemeinschaften Ordensleute gegen Ausgrenzung Jesuit European Volunteers (JEV) Besuche Essen am langen Tisch Die Wohngemeinschaft - ein Lernort Sucht Exerzitien auf der Strasse Gedichte und andere Verdichtungen Die Pfarrei St. Michael in Kreuzberg St. Thomas Gemeinde, Kreuzberg Besuche Friedensengagement - das interreligiöse Friedensgebet Viele Fragen Die Mitbrüder aus dem Orden der Jesuiten Theologisches Längere Rückblicke Einladung zum Fest Anderswo nachzulesen Autorenverzeichnis Nachträge {205}Initiative für die politische Diskussion mit den GefangenenBeitrag der Jesuitenkommunität Berlin-Kreuzberg 205Christa Klar: Es muß 1989 gewesen sein, 207 Erna Wagner: Demo in Aichach 208 Initiative für die politische Diskussion zusammen mit den Gefangenen: Brief an alle 50 Gefangenen aus RAF und Widerstand 208 Karin Kelz: Drei ältere Herren 211 Flugblatt der Ini: Wir fordern eine Allgemeine Amnestie für das Jahr 2000 212 Siegfried Werbe: Hungerstreik der Gefangenen aus der RAF 213 Johannes Riedner: Mein Weg in die Naunynstraße 213 Im Frühjahr 1989 war die Gruppe der politischen Gefangenen aus RAF und Widerstand im Hungerstreik. Wir lasen in der Kommunität die vier Forderungen der Gefangenen und konnten uns spontan damit solidarisieren. Dann schrieben wir Postkarten an die im Bundestag vertretenden Parteien und informierten uns weiter auf unterschiedlichen Veranstaltungen. Hanns Heim meldete zu diesem Thema eine Demonstration für Samstag den 29. April 1989 in Berlin an. In Bonn sollte eine große Demonstration am selben Tage stattfinden. Als dort einige RednerInnen absagten, wurden wir zwei Tage vorher gefragt, ob nicht einer von uns etwas sagen könnte. Wir sagten zu und Christian fuhr nachts mit dem Bus nach Bonn. Es waren etwa 10 000 Menschen gekommen. Die Stadt Bonn durfte nicht betreten werden. Viele Teilnehmer waren vermummt. Ein LKW stand auf der Straße quer, von dem aus vorm Losgehen eine Angehörige der Gefangenen, ein Rechtsanwalt, usw. Grußworte sprachen. Dann wurde Christian als Priester angekündigt und es wurde auffällig still. Es folgt unten sein Beitrag, mit dem dann eine enge Geschichte mit der Angehörigengruppe, den Gefangenen und vielen solidarischen Menschen begann. Wir wurden in die Gefängnisse eingeladen, Angelika Goder kam am Ende des Hungerstreiks in Berlin frei und konnte operiert werden. Ein halbes Jahr später schreiben wir einen Brief an alle Gefangenen, der von einigen unterstützt wurde. Darüber entstand die Ini, die sich bei Besuchen, auf Kirchentagen, bei Demonstrationen, im Briefeschreiben usw. engagierte. Die Initiative mündete in eine Initiative mit der Forderung nach einer Amnestie für alle Gefangenen im Jubeljahr 2000. Wir haben die politisch Engagierten immer im Zusammenhang aller Gefangenen in der Gesellschaft gesehen.
Beitrag der Jesuitenkommunität
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Als mich die Einladung von Christian erreichte, doch etwas für die Geschichte der Kreuzberger Kommunität zu schreiben, fühlte ich mich spontan gar nicht angesprochen. Dazu muss man doch eine ansehnliche Zeit da gewohnt haben! Und ich kenne die Kommunität doch nur von Exerzitien und Besuchen...
Nun möchte ich doch etwas schreiben und dies aus zwei Gründen:
Zum einen kann
ich, denke ich, etwas zur jüngeren Geschichte der Kommunität und ihrer Rolle im
Orden schreiben. Zum anderen dies ein wenig anschaulich machen, an eigenen Erfahrungen.
Auf Christian und die Kreuzberger Kommunität wurde ich im Noviziat aufmerksam.
Zum einen durch Hieu, einen vietnamesischen Mitnovizen, der dort vor dem Ordenseintritt
einige Monate gelebt hatte, zum anderen durch die Besuche von Christian.
Später hörte ich dann immer wieder sehr bewegende Erlebnisberichte von Mitnovizen,
die dort zu "Experimenten" hingeschickt wurden.
Somit eine erste Beobachtung: In meiner Noviziatszeit (1998-2000) habe ich die Kreuzberger Kommunität
als eine wichtige Ausbildungskommunität des Ordens wahrgenommen.
Nach Ende meines Philosophiestudiums im April 2002 hatte ich bis September Zeit
für ein "Experiment", bevor meine eigentliche Arbeit in Hamburg beginnen sollte. In
Gesprächen mit Christian und dem Ausbildungsverantwortlichen des Ordens hatte
ich mich für die Arbeit mit rechtsextremen und benachteiligten Jugendlichen in
Chemnitz entschieden. Unmittelbar bevor die Zeit in Chemnitz begann, machte ich
zum ersten Mal bei Christian in Kreuzberg Exerzitien, was im Nachhinein betrachtet
für mich unglaublich wichtig war.
In diesen Exerzitien, vor allem durch den Kontext des Viertels, die Atmosphäre und die Begegnungen in der Wohnung, wuchs in mir eine Offenheit und Liebe, die mir half ein Stück weit meine Angst und mein Sicherheitsbedürfnis zu überwinden, ohne die ich mich nie so auf das mir völlig fremde Milieu in Chemnitz hätte einlassen können. So habe ich die Kreuzberger Kommunität als einen für mich wichtigen Lernort erlebt, der ein Stück weit erlaubte, einmal die Sehnsucht nach der Nähe zu Armen und Ausgegrenzten und das daraus erwachsende Geschenk zu erfahren.
Hamburg 9. Januar 2003
Wie ich dir schon einmal erzählte, ich habe eine ganz besondere Erfahrung in der Naunynstraße gemacht. Ganz einfach: Es ist für mich als ein Teil der Menschheit, dann als Gefährte Jesu sehr klar geworden, dass es möglich ist, so eine Wohngemeinschaft zu schaffen im Sinne des lebenden Evangeliums. Das Verkünden dieser Botschaft allein genügt nicht. Zunächst war es für mich eine große Überraschung, eine Jesuitenkommunität in diesem Stil kennen lernen zu dürfen. Damit meine ich eine Kommunität, die nicht nur in einem besonderen Viertel liegt (ich erinnere mich daran: über dem "Tor zur Hölle"), sondern auch eine gut funktionierende Wohngemeinschaft, die offen für alle Kategorien von Menschen ist. Diese Erfahrung hat mich sehr beeindruckt. Ich dachte am Anfang, aber das wird hier sehr künstlich sein oder ein bisschen zu eng oder etwas ähnliches. Das Zimmer mit anderen teilen, zusammen das essen, was da ist, Leuten vertrauen, die sich erst in der Gemeinschaft kennen gelernt haben.
Vom 29. 09 bis 14. 10. 2001 habe ich in der Naunynstraße gewohnt und habe von Michael, Faruk, Bruder Franz und anderen sehr viel gelernt. Ich merkte, jeder kam in die Naunynstraße mit seinem Problem. Meins war, die jährlichen Exerzitien zu machen, nachdem ich so einen hektischen Stress gehabt habe wegen der gescheiterten Deutschprüfung und des gefährdeten Theologiestudiums, das bedrohend vor mir stand. Was war meine Sehnsucht? Innerliche Ruhe wieder finden, Gott suchen und finden, indem ich das Wort "Achtung" mit ihm identifiziere! Achtung, dass er da ist, in mir, in meiner schlechten Erfahrung mit der Sprachprüfung, in dieser Gemeinschaft, in meiner Umgebung, auf der Straße - dort mitten unter den Drogenabhängen, Alkoholikern, Obdachlosen -, in der Küche, in der Wäschekammer, unter den Armen, mit denen ich ab und zu die Suppe von den Schwestern der Mutter Teresa teilen durfte.
In der Naunynstraße machte ich zum ersten Mal den Schritt mit dem Motto "mit Jesus über die Grenzen gehen". Der Ort der Begegnung außerhalb meiner katholischen Grenzen war die Moschee. Zum ersten Mal meditierte ich in einer Moschee und war sicher, mitten unter den Muslimen Gott zu begegnen. Ich wusste auch nicht, dass ein Nicht-Muslim eine Moschee betreten und beten darf.
Eine Geschichte, die mich noch mit der Naunynstraße verbindet, ist meine Begegnung mit Jean, einen Afrikaner aus Kamerun. Nachdem ich ihm erzählte, was das
Haus ist und wie dort die Gemeinschaft in Liebe und ein ganz einfaches Leben zu finden ist, kam er auch mit seinen Problemen zu der Kommunität. Zusammen haben wir gebetet und ab sofort hat er die Mitbewohner kennengelernt und so ging es los für ihn. Ich war gut überrascht zu hören, dass Jean nachher in diese Wohnung umgezogen ist und von dort aus ein ganz neues Leben geführt hat. Er habe sogar eine Partnerin im 4. Stock gefunden, hörte ich.
P.S.
Wie habe ich von der Naunynstraße gehört? Als ich einen Ort für Exerzitien
suchte, hat mir ein junger Jesuit aus Vietnam, Hieu, erzählt, wie schön seine Erfahrung
in Kreuzberg war. Da bin ich ohne Zögern dorthin gefahren. In meinem Leben
als Jesuit habe ich diese Zeit als deutliches Zeugnis für die Nachfolge Christi erlebt.
Ich denke, so sind die ersten Gefährten Jesu um Ignatius mit den Exerzitien als Instrument
umgegangen.
Frankfurt/M Dezember 2002
Ich verbrachte vom 14. August 2000 bis am 17. Oktober gut 9 Wochen an der Naunynstraße und war Gast bei Franz und Christian. Unzählige Namen, Gesichter, Ereignisse und Erlebnisse gehen mir durch den Kopf. Es ist ein bunter Blumenstrauß an Erinnerungen. So bunt, vielfältig und facettenreich meine erinnerten Bilder aber auch sind, ein Thema drängt bei mir immer wieder an die Oberfläche. Vielleicht, weil es eine urmenschliche Frage berührt, sicher, weil es auch mein Thema ist: Suche nach Heimat.
Zuvorderst fällt mir diesbezüglich ein tunesischer junger Mann ein. Während meiner Zeit in Kreuzberg trug er drei unterschiedliche Namen: Ich lernte ihn einen Tag nach meiner Ankunft als "Murad" kennen. Kurz vor dem Abschied nannte er mir seinen echten Namen: "Memo". Die Wochen dazwischen aber war er "Karim". Ein Mann, fern seiner Heimat und seiner Familie, mit wechselnden Papieren und Namen, unterschiedlichen Identitäten. Und der tiefen Sehnsucht in sich, endlich Heimat zu finden.
Wie Murad, alias Karim, alias Memo, so lernte ich in Berlin viele Menschen kennen, die alle auf ihre Art, in ihrem Leben nach Heimat suchten: Eine Familie aus der Ukraine im Hin-und-Her zwischen Behörden verschiedenster Länder, aufgerieben zwischen den Instanzen, ein Ex-Novize, der sich neu orientieren muss, eine Frau, psychisch labil, die Halt sucht und Beziehungen, eine Bäckerin, die als Gesellin auf Wanderschaft geht, eine Schwester, die auf der Wagenburg lebt, zwei Frauen mit Hündchen auf Urlaub, ein Muslim im Rentenalter, seit Jahren schwarz in Deutschland untergetaucht und und und...
Menschen, auf einer Suche, Menschen unterwegs. Und: Viel viel Sehnsucht nach Heimat, nach Ankommen, nach Angenommensein, nach Willkomensein. In diesen und durch diese Menschen entdeckte ich, wie sehr ich selber auf der Suche bin. Wohl getrieben von derselben Sehnsucht! Der Sehnsucht nach Heimat.
St. Gallen 2003
Ich sage das nicht, weil ich etwa Mangel leide. Denn ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden: Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. Phil 4,11-12a
Im Juni 2003 brach ich nach Berlin-Kreuzberg auf, wo ich bei den Jesuiten in einer kleinen Kommunität von zwei Patres und einem Bruder, in die weitere vier Personen aus Not eingezogen sind, mitleben sollte. Darüber hinaus hatte ich die Anweisung "Armut zu erfahren" - nicht: "Armen zu helfen!" Ein wesentlicher Unterschied, der die Sache schwierig, aber auch sehr existentiell machte!
Nach den Konstitutionen (67) besteht dieses Experiment darin, "einen Monat ohne Geld zu pilgern". Ich hätte das - bei aller Angst, die es auch in mir wecken würde - gerne probiert, weil es eine wesentliche Erfahrung unserer Gründerväter und -mütter war, die ja nicht ohne Grund in die Ausbildung aufgenommen wurde. Ich konnte aber auch die mehr vernünftige Entscheidung annehmen, für diese Erfahrung einen festen Wohnsitz zu haben. Doch fiel mir auf, dass ich - obwohl ich bei den Jesuiten frei wohnen sollte - Geld dabei hatte. Es ließ mich nicht los, dass ich so in zweifacher Hinsicht vom "Pilgern ohne Geld" entfernt war.
An einem der zahllosen Umsteigebahnhöfe steckte ich deshalb das Geld in einen Briefumschlag und schickte es an meine Heimatadresse zurück. Ich stellte fest, dass es durchaus ein unerwartet großer Unterschied ist, ob man Geld in der Tasche hat oder nicht. Obwohl ich mir zunächst weder um Unterkunft noch um Nahrung und Kleidung den Kopf zerbrechen musste, fühlte ich mich plötzlich bedürftig, ohnmächtig. In der Kommunität Naunynstraße angekommen stellte sich doch eine gewisse Ruhe ein und das Gefühl, für meine weitere Suche nach Armutserfahrungen eine gute Plattform zu haben.
Inspiration für diese Suche fand ich im "Bericht des Pilgers": Ignatius gab am Monserat Geld, Macht und Privilegien (verkörpert durch die Waffen und die adelige Kleidung) auf (BP 17-18). O.K.: Geld hatte ich nicht mehr, Macht und (auch geistliche!) Privilegien spielten momentan keine Rolle insofern ich einfach "Igna" war, ohne Sr., ohne Dr., ohne Ordensabzeichen. Das war aber im "Bericht des Pilgers" erst der Anfang, sozusagen die Grundlage für Manresa. Die Beschreibung der Erfahrung von Manresa selbst beginnt erst mit dem Satz: Und er bat in Manresa jeden Tag um Almosen( BP 19). Ein Satz, der in mir Unbehagen weckte, weil ich ihn im Grunde als unwiderstehliche Herausforderung empfand.
Nach einigen schmerzlichen und peinlichen Versuchen, um Essen zu bitten, ging ich
am fünften Tag des Experimentes dazu über, auf der Straße zu betteln, so wie ich es
unzählige Male gesehen (und unzählige Male ignoriert) hatte. Als ich begann, trug
ich eine Jacke mit Kapuze, obwohl es nicht kalt war - aus Scham. Ich entdeckte
allerdings, dass ich mich eigentlich nicht schämte, wenn ich auf der Straße saß, sondern,
wenn ich die entlangschreitende Menge verließ und mich auf die Straße setzte.
Einmal dort sitzend, war ich aber von einem tiefen geistlichen Trost erfüllt.
Es zeigte sich, dass ich gewöhnlich nicht lange sitzen musste, um den Lebensunterhalt
für einen Tag zu erhalten. Jeden Tag staunte ich neu über die Fürsorge Gottes,
und konnte am nächsten Morgen, wenn ich von vorne begann, oft kaum glauben,
wie ich auch heute wieder so aus Gottes Hand leben würde. Nach und nach fürchtete ich mich auch nicht mehr vor der oft gestellten Frage "Warum machst Du das!", die ich gewöhnlich beantwortete, indem ich sagte, es sei eine Art Pilgerfahrt ohne Geld, ich machte. Wenn jemand nach dem Ziel dieser Fahrt fragte, sagte ich, es sei das Ziel einer inneren Suche. Ich habe nie erlebt, dass sich jemand über diese Motivation empört hat. Vielmehr weckte sie häufig großes Interesse, und manchmal entwickelten sich Gespräche über "die Dinge Gottes".
Einmal kehrte eine Frau, mit der ich kurz gesprochen hatte, noch einmal zurück zu mir, um das Gespräch fortzusetzen. Sie sagte, sie sei Atheistin, ja, aber "es müsse noch irgendetwas geben..." Sie wollte sich versichern, dass ich wirklich aufgrund meiner religiösen Sehnsucht bettelte.
Ich wunderte mich jedenfalls nicht mehr, wie Ignatius dazu kam, "über die Dinge Gottes zu sprechen" (z.B. BP 21), drängte sich doch solches Gespräch selbst dem modernen Bettler geradezu auf. Der Einwand, man könne heute nicht mehr aus religiösen Gründen betteln, erwies sich als wenig stichhaltig, auch wenn ich dem zustimmen würde, dass man als religiöse Institution heute nicht vom Bettel leben könnte wie zur Zeit des Ignatius. Aber der einzelne Christ kann es - zumindest experimentell - durchaus heute noch, sogar mit apostolischer Wirkung.
Ich bin sehr dankbar, dass unsere Ausbildung gemäß den ignatianischen Konstitutionen mir eine solche experimentelle Erfahrung ermöglicht hat. Es war aber gar nicht selbstverständlich, eine solche Erfahrung, die bei den Jesuiten ein normaler Teil der Ausbildung ist, in unser Institut der Maria-Ward-Schwestern "heimzutragen". Wie verhält sich zum Beispiel diese Erfahrung zu meiner Alltagserfahrung, die oft allzu bequem und gesichert ist? Ist die "feste Mauer des Ordens" (Konstitutionen 553), die die Armut sein soll, in Deutschland nicht alles andere als fest? Und trage ich nicht selbst zu diesem Zustand bei, selbst aus dem bürgerlichen Milieu kommend und dieses ins Institut hinein weitertragend in einer erschreckenden Konkurrenz zu den Werten des Evangeliums? Es sind Fragen, deren Ungelöstheit sicher nicht nur mich schmerzt. Aber es sind auch Fragen, die von einer tiefen Sehnsucht Zeugnis geben, die vielleicht manche Mitschwester mit mir im Herzen trägt.
Würzburg 2003, veröffentlicht im Rundbrief der Maria Ward Schwestern
Meine Zeit in der Kommunität Naunynstraße (10.6.-16.7.2003).
Es ist gar nicht so einfach, die Erlebnisse und Erfahrungen von 5 Wochen kurz zusammenzufassen. Da ist es gut, sich einige, für mich wesentliche Elemente aus diesen Wochen herauszugreifen und aufzuschreiben.
Absicht
Im Verlauf meines Dienstes in Nordwalde (Münsterland) hat mir mein Einsatzpfarrer
vorgeschlagen, nach Berlin-Kreuzberg zu gehen um in der Jesuitenkommunität
und in einer Suppenküche ein Praktikum zu machen. Ich habe den Vorschlag auf-
gegriffen, weil mir die Absicht des Pfarrers klar war: ich sollte Milieugrenzen überschreiten lernen, so dass meine Sensibilität geschärft werden würde. Ich selbst erkannte auch für mich das Problem, dass Predigten und Kontakte in der Gemeinde sich einseitig ausrichteten auf einen innerkirchlichen Kernkreis, andere Kontakte mit anderen Sozialmilieus nicht stattgefunden haben. So habe ich Kontakt geknüpft mit Christian Herwartz.
Die Kommunität in der Naunynstraße
Als ich in Berlin ankam, wusste ich noch nicht genau, was mich erwarten würde. Sicher
- ich habe bei einem Vorgespräch im Vorfeld meiner Zeit in Berlin die Kommunität
kennen lernen können, aber in einer Nacht kann man gerade mal einen
kleinen Eindruck über das Leben in der Kommunität bekommen. Was mich erwartete,
war ein "bunter Haufen", eine Wohn- und Lebensgemeinschaft von drei Ordensmännern
und fünf Gästen aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Jeder der
Bewohner brachte seine eigene Geschichte - auch mit den unterschiedlichen
Schicksalsschlägen - mit.
Wenige Tage später kam Igna - dann die einzige Frau in der Kommunität. Sie ist Maria-Ward-Schwester und machte zur gleichen Zeit wie ich ihr "Armuts-Experiment", so dass wir uns gut austauschen konnten und somit einen Teil des Weges gemeinsam gehen konnten. Ihr sei an dieser Stelle für die guten Gespräche, an die ich mich gerne erinnere, herzlich gedankt. Ich habe aber allen zu danken, die in der Kommunität waren, dass sie mich offen und bereitwillig aufgenommen und begleitet haben.
Die Suppenküche in Pankow
In der Suppenküche von Pankow habe ich einmal die Rollen gewechselt: während
ich im Alltag eher um Hilfe gebeten werde, habe ich in der Schlange angestanden,
um Essen zu erbitten. Beim Essen holen ist es mir schwer gefallen, den Helferinnen
und Helfern in die Augen zu schauen, was sonst eigentlich kein Problem ist. Ich habe
gespürt und erfahren, nicht gebraucht zu werden. Und ich habe es als Druck verspürt,
etwas tun, arbeiten zu müssen.
Zionskirche und Versöhnungskirche
In der Zionskirche und in der Versöhnungskirche bin ich meinen Mauern auf die
Spur gekommen. Eine Mauer ist schon angedeutet worden in der Erzählung über die
Erfahrung in Pankow: es ist die Mauer des Terminkalenders oder - anders ausgedrückt
- die Mauer des Gebraucht-werdens. Diese Mauer hinderte mich daran, zu
anderen, zu Gott und zu mir selbst zu kommen. So wird das Hilfsmittel Terminkalender
zu einer Mauer bzw. zu einem Marterwerkzeug. In weiteren Seminaren habe
ich gelernt, nicht den Kalender mit Terminen auszufüllen, sondern auch gezielt Freiräume
zu lassen für die vielfältigen nicht planbaren Begegnungen.
Eine weitere Mauer, der ich sowohl in der Kommunität als auch in der Suppenküche
in Pankow und in den beiden Kirchen nachgespürt habe, ist die Mauer des
Schubladendenkens. Die gedanklichen Schubladen, in die ich einzelne Personen
hineinsteckte, deckten sich auch mit den Sozialschichten, in denen sie leben. Kontakt
war kaum gegeben. Diese und andere Mauern habe ich "angeschaut".
In den beiden Kirchen (Zionskirche und Versöhnungskirche) habe ich diese Mauern
als sehr ambivalent erfahren: auf der einen Seite bieten die Mauern Schutz und Ge-
borgenheit. Auf der anderen Seite spürte ich: du musst da heraus. Mauern engen ein und nehmen gefangen. Dies durfte ich auch erleben und erfahren, als ich im Gefängnis einen Besuch machte.
Mauern überspringen
Es ist aber nicht dabei geblieben, die Mauern zu betrachten und darüber zu sinnieren,
sie überwinden zu müssen. Ich hatte zu vielen Personen in Kreuzberg Kontakt,
mit denen ich sonst kaum in Berührung gekommen bin. Beeindruckend war für
mich ein Gespräch mit einem Aids-kranken Drogenabhängigen, der sich das Leben
nehmen wollte, weil er sich als Versager fühlte. Ich weiß nicht mehr genau, was er
gesagt hat und was er sich noch vorgenommen hatte, aber ich habe ihm Mut zugesprochen,
indem ich sagte: "Wenn du das willst, dann glaube ich, dass du es schaffst.
Ich traue dir das zu." Er sagte mir, dass es ihm gut getan habe. Eine weitere Begegnung
war der Besuch bei Camillo, der mir den Hof vorgestellt und gezeigt hat, auf
dem Suchtkranke therapiert werden.
An einer Hauswand in der Nähe des Ostbahnhofes steht in großen Buchstaben: "Die Mauer steht nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Oben und Unten".
Da ist etwas Wahres dran! Eine Mauer, die ich selbst bei mir wahrgenommen habe, ist die der sozialen Schichten. Zugegeben: ich komme eher aus bürgerlichen Verhältnissen und habe selten dieses bekannte Sozialmilieu überschritten. In der Begegnung mit meinen eigenen Mauern und mit den verschiedenen Personen in Kreuzberg ist mir aufgegangen, mit welcher Würde alle Menschen ausgestattet sind. Ein Wort aus dem biblischen Buch der Psalmen kann da eine Richtschnur sein: "Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." (Ps 8, 5 + 6) Diese Würde, die uns geschenkt worden ist, kann niemandem genommen werden. Das ist mir in der Begegnung mit Gott und den Menschen in Kreuzberg und auch danach aufgegangen.
Die Wünsche der Kommunität unterstreichen diesen Eindruck noch einmal: ein Wunsch war, dass ich in der Beziehung zu den Mitmenschen nicht nur bei der Herzlichkeit und Sorge stehen bleibe, sondern sie auch liebe, und dass ich den Mut und die Sturköpfigkeit bekomme, gegen jede Form von Ungerechtigkeit und Ausgrenzung aufzustehen.
Ausblick
All diese Erfahrungen habe ich mitgenommen in den Alltag in der Gemeinde in
Nordwalde und jetzt in das Priesterseminar in Münster. Es ist schwer, alles auf einmal
umzusetzen, aber ich bleibe am Ball und ich bin sicher, dass vieles noch ausbaufähig
ist. Ich spüre, dass sich meine Predigten verändert haben: Ausschließende
Gedanken bleiben immer öfter aus. Auch wenn mich in Nordwalde Menschen um
Hilfe gebeten haben, habe ich ihnen nicht sofort Geld gegeben. Oft sind wir erst einmal
spazieren gegangen oder haben uns hingesetzt und haben miteinander gesprochen
- nicht nur über die konkrete Not. In der Begegnung mit den Mitmenschen und
mit Gott habe ich erfahren, dass das Wort aus dem biblischen Buch der Psalmen tatsächlich
stimmt: "Mit meinem Gott überspringe ich Mauern." (Ps 18, 30)
Münster 11. Februar 2004
Erfahrungen in Rahmen des Sommerexperiments (07.07.-04.08.96) in der Kommunität Berlin/Kreuzberg.
In dieser Zeit habe ich zwei Wochen mit Punks (sogenannten Punkern) in einer besetzten Baracke bzw. auf der Straße gelebt. Die Baracke war eine Polizeihauptwache zu DDR-Zeiten in Berlin/Mitte, Littenstraße 7-10, 500 Meter vom Alexanderplatz entfernt. Ein Stamm von ca. 15 Punks mit mindestens genauso viel Hunden hat sich dort fest eingerichtet. Aber aufgrund der relativ hohen Anzahl von sogenannten "Touries" war die Baracke im Durchschnitt mit 20-25 Personen belegt. Die Baracke hatte ca. 50 Räume, inklusive Sanitärräume, wie Waschbeckenraum, Duschraum, WC etc.. Es gab fließend Wasser (kalt), aber keine Elektrizität. Es gab nur ein funktionsfähiges WC mit improvisierter Klospülung sowie eine funktionsfähige Dusche.
Die sanitären Anlagen waren in einem miserablen hygienischen Zustand, ebenso wie die Flure und Räume: Müll, Dreck, Bauschutt, Hundekot etc.. Selbst in den meisten der Zimmer, in denen Personen schliefen oder sich eingerichtet hatten, sah es vielfach nicht anders aus, und es schien, dass es sie auch nicht im geringsten störe. Die Gefahr des Befalls von Kleiderläusen war allgegenwärtig. Körperhygiene wurde in der Regel auch äußerst selten gepflegt. Eine Folge ist die häufig vorzufindende "Schleppe", eine Art eitriger Entzündung von offenen Körperwunden, unterstützt durch mangelnde körpereigene Abwehrkräfte aufgrund akuten Vitaminmangels, der wiederum durch unregelmäßige Nahrungsaufnahme sowie massiven Drogenkonsum hervorgerufen wird. Akute sowie chronische Bronchitis im Rahmen eines allgemein reduzierten Gesundheitszustandes sind bei den Bewohnern der Baracke Normalität. Die äußeren von mir in der Baracke vorgefundenen Lebensumstände würde ich, insbesondere in Relation zum durchschnittlichen Standard in der BRD, als menschenunwürdig qualifizieren.
Ich habe bei der Mehrzahl der Leute auch keine Motivation entdecken können, die Baracke als ihren unmittelbaren Lebensraum in anderer Form zu gestalten, z.B. den Müll wegzuräumen etc..
Ein gewöhnlicher Tag sah wie folgt aus:
Nach dem Aufstehen - der Zeitpunkt hängt von der Lust bzw. vom Drogenkonsum
des Vortages ab - wird erst einmal die "Tageseinstiegsdroge" genommen, sofern eine
vorhanden ist oder sie bei "Turkey" (Entzugserscheinungen) gar benötigt wird. Dieses
kann das "Frühstücksbier", "Peace" (eine Form von Haschisch) oder sonst etwas
sein. Dann geht es an die üblichen Plätze zum "Schnorren" (Betteln). Wenn genug für
Hundefutter zusammengekommen ist, werden Alkohol, Tabak und - wenn möglichandere
Drogen ("Shore", "Extasy", "Shit", "Pappe", "Speed" ...) eingekauft. Alkohol
wird den ganzen Tag über pur (Spirituosen oder Bier) oder als "Mische" (Spirituosen-
Saft-Gemisch) konsumiert. Gegessen wird - wenn überhaupt, da Essen aufgrund des
Drogenkonsums nicht die erste Priorität besitzt - das vom übrigen "Schnorrgeld" Gekaufte
oder bei der fahrbaren Suppenküche der Karina e.V. Abends trifft man sich
dann an der Baracke, um die vom "Schnorrgeld" gekauften Drogen und - falls das
Erstgenannte gesichert ist - Lebensmittel in gemütlicher Runde zu konsumieren. Je-
der "schiebt dann seinen persönlichen Drogenfilm", je nach dem, wo er gerade "drauf" ist. Einige "werfen alles ein", was sie bekommen können: "Hauptsache es knallt!" Der Gruppenkonsens besteht in dem Motto: "Bloß keinen Stress!" Der Gruppenzusammenhalt ist genauso groß, als wie er dem Ausleben des Hedonismus des jeweils einzelnen dient: "Wenn die Leute mir zu stressig werden, dann hau` ich eben ab." Die hohe Anzahl von "Touries" (Punks, die in der Baracke lediglich übernachten und dann weiterziehen) belegt dieses.
Es besteht die starke Tendenz, emotionale Stimmungen unmittelbar und direkt auszuleben, d.h. insbesondere dem Lustprinzip größtmöglichen Raum zu geben. Dieses trifft größtenteils auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen zu. Eine Beziehung hat solange Bestand, bis sie "zu stressig" wird. Zum Beispiel Sexualität und Zärtlichkeit, Ausdruck und integraler Bestandteil einer partnerschaftlichen Liebe, werden dem Lustprinzip untergeordnet. Die eklatante Beziehungsarmut zeigte sich gerade als pars pro toto im folgenden Fall:
Es zog ein Paar aus Bielefeld für 1 Woche in die Baracke ein. Sie (16 Jahre) war
schwanger. Beide planten eine gemeinsame Zukunft, sie wollten das Kind bekommen,
was in diesem Milieu nicht gerade üblich ist, eine gemeinsame Wohnung suchen
etc.. Ihr Reden und Verhalten ließ am Vorliegen einer glücklichen Partnerschaft
nicht zweifeln. Von einem Tag auf den anderen fand aufgrund eines Streites
bei einer Grillfete ein "Partnertausch" statt. Zwei Paare, u.a.. eben das o.g., tauschten
jeweils die Partner, und alle waren wieder "glücklich", als wenn nichts geschehen
wäre. 15-Jährige reden gefühlskalt vom "Ficken" wie vom "Schmeißen eines geilen
Trips." Alles wird in letzter Radikalität dem sich im Konsum realisierenden Lustprinzip,
der Maximierung der Spaßmomente untergeordnet:
zwischenmenschliche Beziehungen und die eigene Gesundheit.
Selbst der eigene Körper wird durch das Lustprinzip instrumentalisiert, so dass der Körper bzw. die Gesundheit langsam aber sicher durch den Drogenkonsum selbst aufgebraucht, d.h. verkonsumiert wird. Wesensmäßig menschliche Werte wie Liebe, Freundschaft, Treue und Verantwortlichkeit sind in den zwischenmenschlichen Beziehungen hier nur rudimentär vorzufinden. Was aber ist mit der quasi transzendentalen Sehnsucht des Menschen nach o.g. Werten?
Diese nicht erstickbare, aber verschüttete Sehnsucht realisiert sich bei den Punks in der Beziehung zu den Hunden. Die Hunde stehen an erster Stelle. Ihnen wird auch der größtmögliche Grad an Liebe und Fürsorge entgegengebracht: "Erst kommt der Hund, dann der Mensch!" Diese Fürsorglichkeit stößt natürlich dort an ihre Grenzen, wo aufgrund der wachsenden Drogenabhängigkeit und den damit verbundenen gesundheitlichen Folgen die im Zusammenhang mit dem Hund anfallenden Aufgaben nicht mehr bewältigt werden können.
Was ist die Ursache, dass Menschen inmitten unserer Bundeshauptstadt in dieser immer größer werdenden sogenannten Randgruppe (der überwiegende Teil ist unter 20 Jahre alt, ein großer Teil minderjährig) in der beschriebenen Art und Weise leben?
Ich denke, die Ursache für diese menschenunwürdige Lebensweise liegt in einer Armut der Menschen.
Als Armut bezeichne ich allgemein jede faktische Verringerung bzw. das Beschneiden der Möglichkeit des Menschen, ein i.S.d. christlichen Menschenbildes menschenwürdiges Leben führen bzw. entfalten zu können. Damit ist also nicht nur materielle, sondern auch emotionale, psychische und geistliche Armut gemeint. Bei dem größten Teil der Menschen, bei denen ich eingeladen war, in der Baracke mitzuleben, konnte ich eine eklatante Beziehungsarmut feststellen. Die Armut dieser Menschen bestand weniger im Materiellen, als vielmehr in der faktischen Unfähigkeit, tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen und pflegen zu können.
"Die Menschheit unserer Tage wird sich zunehmend der ungeheuren, die Menschen entwürdigenden materiellen und vor allem geistlichen Armut bewusst. Reiche wie Arme werden derart von der Faszination des Besitzes ergriffen, dass sie das Glück des Menschen einzig und allein im Genuss solcher Güter sehen." (32 GK, Dekr.12, Nr.259)
Der Mensch ist wesensmäßig ein Zoon politikon, d.h. ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Lebewesen. Erfahrungen von positiven, tragfähigen persönlichen Beziehungen, wie z.B. Liebe und Freundschaft oder auch Gemeinschaftssinn und Solidarität sind konstitutiv für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen der Sozialisation und somit Voraussetzung für ein dem Menschen würdiges Leben, in dem dann auch Gott als Ursprung und Mitte erfahren werden kann. Die vorgefundene Beziehungsarmut deutet daraufhin, dass o.g. Vorraussetzungen im Leben der einzelnen nicht vorgelegen haben.
Die einem gesellschaftlichen System inhärente Sündendynamik, die strukturelle Ungerechtigkeit, d.h. ihre latente Krankheit, bricht gerade in dem von ihr hervorgebrachten "Aus-satz", den sogenannten marginalisierten Existenzen, den Randgruppen aus, und wird so erst sichtbar und diagnostizierbar. (Mt 7,16: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen...)
Welche "strukturelle Krankheit" unserer Gesellschaft wird uns durch die Existenz der immer größer werdenden Randgruppe der Punks vor Augen geführt? Ich konnte bei den Punks grundsätzlich eine auf das Äußerste radikalisierte und pervertierte Konsumhaltung, also einen Hedonismus in Reinkultur feststellen, der bzw. dem alles andere untergeordnet wird, was eben auch zur weiteren Verkümmerung der notwendigen menschlichen Beziehungsstrukturen führt. Die schnell anwachsende Zahl von Minderjährigen, die zu dieser Randgruppe der Punks hinzustoßen, deutet darauf hin, dass die Ursachen in einer defizitären Sozialisation zu suchen sind.
Sind die Träger der Sozialisation (Familien, Schule...) noch in der Lage, Orientierung gebende und für eine menschliche Entwicklung konstitutive Erfahrungen und Werte, z.B. gerade auf der zwischenmenschlichen Beziehungsebene, wie personale Liebe etc., zu vermitteln?
Es scheint nicht so zu sein.
Ich denke, das Verhalten der Punks ist in der Dynamik der in unserer kapitalistisch
geprägten Leistungs- und Erlebnisgesellschaft propagierten Konsumhaltung schon
angelegt. Sie leben diese ubiquitäre und unsere Gesellschaft mehr oder weniger la-
tent bestimmende Grundhaltung nur in ihrer letzten Radikalität und Konsequenz aus.
"Unsere Gesellschaft ist an Konsumismus, Hedonismus und Verantwortungslosigkeit erkrankt. Die Werte, die heute zählen, sind persönliche Erfüllung, Effizienz und Erfüllung um jeden Preis." (34. GK, Dekret 9, Nr. 278)
Dadurch halten die Punks unserer Gesellschaft den Spiegel vor, und die Destruktivität und Unmenschlichkeit der gegenwärtig unsere Gesellschaft bestimmenden Werte wird uns als Menetekel transparent.
Ich sehe die einzige Möglichkeit, die Dynamik der Destruktivitätsspirale, die unweigerlich in die fast irreversible Drogenabhängigkeit mit all den bekannten Folgen führt, aufzuhalten darin, dass diesen Menschen auf der persönlichen Beziehungsebene in Form des Mitlebens bisher versäumte Erfahrungen von Liebe und Freundschaft etc. vermittelt werden, aus denen dann die Kraft und Hoffnung erfließt, sich gemeinsam gegen die beschriebene destruktive Dynamik zu stellen. Und genau hier sehe ich die entscheidende Herausforderung an die SJ: Werden wir unserer Aufgabe gerecht, im solidarischen Mitleben mit den Armen, Zeichen und Botschaft für das Kommen des Gottesreiches zu sein?
"Überall sehnen sich Menschen nach neuen Gemeinschaften, die engere zwischenmenschliche Beziehungen pflegen; nach Gemeinschaften, die ein echtes Miteinander und Füreinander auszeichnet und die um die gesamtmenschliche Entfaltung ihrer Mitglieder besorgt sind. Unser Leben und unsere Kommunitäten in Armut sollen für diese Welt Zeichen und Botschaft sein."(32. GK, Dekret 12, Nr. 259)
Aber die oben beschriebene Beziehungsproblematik, die meiner Meinung nach nur durch das wertevermittelnde Mitleben aufgelöst werden kann, ist ja ein gesamtgesellschaftliches Problem, das uns lediglich durch die Punks vor Augen geführt wird. Die soziokulturelle Entwicklung in der westlichen Welt hat zu einer Beziehungslosigkeit, d.h., zu einer Segmentierung und Funktionalisierung von den in verschiedenen Lebensbereichen anfallenden Aufgaben geführt, die früher durch einen stabilen Sozialverband, z.B. der Großfamilie, bewältigt wurden, jetzt aber an Institutionen, z.B. karitative Einrichtungen, delegiert werden. Daraus resultiert eine beziehungslose Dienstleistungsmentalität, die mit der beschriebenen Konsumhaltung korrespondiert. Die sozialen Einrichtungen, wie Sozialarbeiter, ärztlicher Dienst, Suppenküchen etc., arbeiten an den Symptomen, können aber nicht die Ursachen, d.h. die defizitären Werthaltungen und die damit verbundene Beziehungsarmut beheben.
Die Situation lässt sich nicht allein auf der Funktionsebene verändern, so notwendig
diese auch sein mag, sondern sie lässt sich nur hauptsächlich auf der Beziehungsebene
langsam umwandeln, auf der gemeinschaftsstiftende Erfahrungen und
Werte vermittelt werden können.
Und hier ist die Gesellschaft Jesu meiner Meinung nach gefordert, den in ihrer Sendung
liegenden Anspruch im Mitleben mit den Armen einzulösen, so wie dieses z.B.
in der Kommunität in Berlin/Kreuzberg geschieht:
"Unsere Erfahrung in den letzten Jahrzehnten hat uns gezeigt, daß die soziale Veränderung sich nicht allein in der Umgestaltung der wirtschaftlichen und politischen Strukturen erschöpfen darf, da diese Strukturen selbst in den sozio-kulturellen Werten und Haltungen verwurzelt
sind. Volle menschliche Befreiung, für die Armen und für uns alle, erfordert die Entwicklung von solidarischen Gemeinschaften an der Basis, auf der nichtstaatlichen wie auf der politischen Ebene, woran wir uns alle beteiligen können im Einsatz für die volle menschliche Entwicklung." (34. GK, Dekret 3, Nr. 59)
Und genau in dieser Richtung habe ich in der Zeit, in der ich mit den Punks in der Baracke zusammenleben durfte, positive Erfahrungen gemacht. Es haben sich persönliche Beziehungsstrukturen mit mir und untereinander entwickelt, durch die ich auch selbst beschenkt wurde. Ich habe durch das Mitleben meinen persönlichen Glauben vertiefen und an diesem theologischen Ort der Ausgestoßenen in einer existentiellen Qualität neu erfahren dürfen: Hier bin ich wahrhaft Gefährte Jesu!
"Wenn wir geduldig und bescheiden unseren Weg mit den Armen gehen, werden wir entdecken, wie wir ihnen helfen können. Das wird allerdings nur dann der Fall sein, wenn wir uns vorher eingestehen, dass auch wir von ihnen zu empfangen haben. Ohne geduldige, nicht übereilte Schritte stünde der Einsatz für die Armen und Unterdrückten in Widerspruch zu unseren eigenen Absichten und würde verhindern, dass diese ihre eigenen Erwartungen zu Gehör bringen und sich selber die Voraussetzungen schaffen, um ihr persönliches und kollektives Schicksal in die Hand zu nehmen. Durch einen demütigen Dienst können wir sie dazu bringen, Jesus Christus zu entdecken, der in der Kraft des Geistes inmitten der Schwierigkeiten und Kämpfe wirkt. Dann können wir zu ihnen von Gott dem Vater sprechen, der die Menschen mit sich versöhnt und sie zu einer brüderlichen Gemeinschaft führt." (32. GK, Dekret 4, Nr. 99)
Durch intensive persönliche Gespräche haben sich innerhalb dieser kurzen Zeit des Zusammenlebens Ansätze von Gemeinschaftssinn und Solidarität untereinander ausgebildet. Ich bin, gerade aufgrund der beschriebenen Erfahrungen mit den Punks davon überzeugt, dass die SJ gerade ihrer Sendung gerecht wird, wenn sie die "konkrete Situation der Armen kennen lernt und ihr bitteres Los mit ihnen teilt", (32. GK, Dekr.12, Nr. 260) auch im angeblich wohlhabenden Europa, denn "die Jesuiten werden nur dann den Aufschrei der Armen hören, wenn sie die Not und Ängste der Armen aus persönlicher Erfahrung kennen." (32.GK, Dekr.12, Nr. 261)
"Solidarität mit den Armen kann nicht lediglich die Sorge einiger Jesuiten sein; es muss unser Leben und unseren Dienst auszeichnen. Was immer die Sendung sein mag, die man uns gibt, wir müssen darin für den Vorteil der Armen und für eine gerechtere und brüderliche Welt arbeiten. Die Einfügung der Kommunitäten in die Orte der Armut und der Existenz am Rande ist darüber hinaus ein spezielles Zeugnis der Liebe für die Armen und die Armut Christi. Glücklicherweise hat die Zahl dieser Kommunitäten zugenommen; in ihnen haben Jesuiten einen selbstlosen Dienst übernommen, indem sie mit den Armen leben und so leben wie sie. Die Provinziäle müssen solche Kommunitäten weiter fördern, damit sie, während sie ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit zur Provinz bewahren, ein sichtbares Zeichen unser bevorzugten Option für die Armen seien und durch brüderlichen Austausch die soziale Sensibilität der Provinz verstärken." (34. GK, Dekret 9, Nr. 289)
Diese Forderungen habe ich in einer mich persönlich bereichernden und wegweisenden Weise im Mitleben in der Kommunität (Berlin/Kreuzberg) lebendig erfahren
dürfen. Ohne die Unterstützung der im Geiste des o.g. Dekretes lebenden Kommunität (Berlin/Kreuzberg) wären mir die oben beschriebenen Erfahrungen mit den Punks sicher nicht möglich gewesen.
Berlin 1996
Das erste Mal bin ich zu den Jesuiten in der Naunynstraße mit anderen Novizen gekommen. Es war für mich zu kurz um genau alles zu verstehen, wer im Haus wohnt, warum und wie lange? Und wie das alles zustande gekommen ist. Ich hatte aber den Eindruck, dass das, was ich erlebt habe, richtig ist. Ich habe im Noviziat sehr viel über Armut, über die Barmherzigkeit und Mitleiden, dazu auch über den Einsatz für Gerechtigkeit und über die Nachfolge Christi gehört. Alle diese Werte habe ich in der Naunynstraße oder anders gesagt bei den Jesuiten in Kreuzberg wieder entdeckt.
Diesen Eindruck von der Richtigkeit und der Gerechtigkeit habe ich für mich selbst auch bei meinem zweiten (wieder mit Novizen) und dritten (mit einem Mitbruder), dann vierten Besuch (mit Novizen) bestätigt gesehen. Als ich sechs Jahre später nach Deutschland gekommen bin und Hilfe brauchte, später auch Unterkunft (weil ich fast niemanden in Berlin kannte oder die Bekannten ausgereist waren), wurde ich von den Jesuiten eingeladen.
Seit den ersten Besuchen ist "Kreuzberg" für mich ein Synonym für Gastfreundlichkeit, für interreligiösen und interkulturellen Dialog, für die Nähe Gottes in den Menschen, für Gemeinschaft und für einfaches, offenes Leben. Hier lernte ich genauer hinzuhören, aufmerksamer zu gucken, tiefer nachzudenken. Die Begegnungen mit Christian, Franz, Stephan, Sabine (Bine), Bartolomeo, Faruk und mit vielen anderen haben mein Leben bereichert.
Und ich danke dem Herrn dafür. Ich danke dem Herrn auch dafür, dass ich die Kirche auf ganz andere Weise erleben konnte. Und dieses Erlebnis hat mir geholfen, meine eigene Berufung ganz anders zu verstehen. Hier, in Kreuzberg, habe ich das erste Mal von der Bewegung 'Arbeiter - Priester' erfahren. Hier habe ich das erste Mal eine Frau gesehen, die an AIDS krank war und bei Jesuiten sterben wollte. Ich habe Leute gesehen, die nirgendwo Zuflucht finden konnten, nur hier. Unter einem Dach habe ich Obdachlose und Ordensleute gesehen. Und sie sprechen nicht nur miteinander, sondern sie teilen ihr tägliches Brot; sie schlafen nebeneinander. Unter einem Dach lebend habe ich Moslems und Christen gesehen. Das ist eine wahre und tolle Erfahrung. Was für einige Theologen nur als Theorie gilt, ist hier, in Kreuzberg, Wirklichkeit. Hier kann man zusammenkommen - egal wer du bist - und nicht nur Dialog, sondern das Leben miteinander ist hier möglich.
Bestimmt gibt es überall in der Welt noch sehr viele Gemeinschaften, die eine ähnliche Lebensweise führen wie die Jesuiten, die hier über dem 'Trinkteufel' wohnen. Aber ich bin ihnen nicht begegnet. Die Erfahrung in Kreuzberg war für mich persönlich etwas Einzigartiges..
Und diese prägende Erfahrung werde ich in meinem Herz tragen und hier in Litauen mit anderen Leuten teilen.
Klaipeda/Littauen 20. Januar 2003
So fangen viele Geschichten an und so könnte auch diese Geschichte beginnen, wäre da nicht ein kleiner Text des Augustinus, den ich euch gern an den Anfang dieses Textes stellen möchte. Zum Thema "Zeit" hat er mal gesagt:
"Man kann nicht behaupten, es gebe drei Zeiten - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Richtiger muss es heissen: Es gibt drei Zeiten - Gegenwart des Vergangenen, Gegenwart des Gegenwärtigen und Gegenwart des Zukünftigen. Denn diese drei sind in der Seele, und anderswo sehe ich sie nicht. Gegenwart des Vergangenen ist die Erinnerung, Gegenwart des Gegenwärtigen ist die Anschauung, Gegenwart des Zukünftigen ist die Erwartung."
Wahr ist es wohl, denn ich spüre, wie mit der Einladung, doch auch ein paar Zeilen für die "Chronik" zu schreiben, die vergangenen Begegnungen wieder lebendig werden, ich sie jetzt noch einmal "anschaue" und sich neu der "Geschmack der Zukunft" sozusagen auf die Zunge legt...
Es "ist" das Jahr 2001. Ich bin im Noviziat in einem kleinen Kloster im Schwarzwald. Unser Ordensname: Schwestern der Liebe vom Kostbaren Blut. - - - Uff... In der Ausbildung gilt und gibt es da viel zu entdecken und betrachten, denn: was heißt das denn...?
Wir beschäftigen uns mit unserer Spiritualität, mit dem Anlass "unserer" Gründung und gehen auch hier in allen drei Zeiten gleichzeitig schier umher. Die Frage nach der heutigen "Not der Zeit" und Erfahrung der "Ausgrenzung" stellt sich uns auch hier in diesem stillen entlegenen Tal. Die Berührungssuche mit Randgruppen, sozialen Brennpunkten gestaltet sich vor Ort schwierig. Wir (eine Mitnovizin und ich) denken an Frankfurt. Unsere Oberin präsentiert uns einen "Weitwurf" : BERLIN !!!! 4 Wochen ---WOW !!!
Juni 2001: Berucksackt und bekoffert fahren wir zwei in die "Metropole". Jede von uns aufgeregt auf ihre Weise. Wir werden herzlich von unseren Gastgeberinnen empfangen, dürfen bei den Borromäerinnen vom St. Hedwigskrankenhaus wohnen. 4 Wochen an der sogenannten "Toleranzmeile" im sogenannten "Toleranzviertel".... Und das erste Ereignis: Karneval der Kulturen - gleich am nächsten Tag.
Martina und ich haben verschiedene Einsatzorte. Sie wird die Nöte und Schwierigkeiten der ausländischen Prostituierten ohne Papiere kennen lernen, ich werde in verschiedene andere Gruppen reinschauen, wie Strafgefangenenberatung; Asyl - und Aufenthaltsbemühungen; AfrikaCenter mit einer Juristin, die ich begleiten darf; Betreuung afrikanischer Frauen durch eine Organisation, in der auch als einzige in Deutschland eine Afrikanerin Hauptansprechpartnerin ist; Jesuit Refugee Service und dadurch : Arbeit und Beistand für z.B. die Vietnamesen, Ordensleute für den Frieden und die "Naunynstraße" - das "Projekt" "Wohnen mit Obdachlosen", das sich schon bei der ersten Begegnung als etwas ganz anderes als ein "Projekt" entpuppt; nämlich als Lebenshaltung. Ich gehe durch das "berüchtigte" Kreuzberg - mein Gott, ich seh mich da - ´s Kind vom Land - und meine Augen sind groß und mein Staunen nimmt zu und zu. Ich stehe vor einer unscheinbaren Berliner Stadt-
tür, schaue sie mir an und denke: so - also hier gehen Obdachlose und Hilfesuchende
hin und finden Raum, Menschen, Ruhe (in erreichbarem Maß) und ich schaue
und setz mich auf die Stufe, schau die Klingel an und frag mich, ob ich nicht doch
besser wieder gehen soll. Ich könnt ja sagen, ich hätt´ es nicht gefunden...Kreuzberg
ist ja so groß und die Ausländer sprechen nicht so gut deutsch.....ähhhh....
Wake up - stand up , stand up - es ist Zeit...
Auf mein Klingeln tönt es aus der Gegensprechanlage: "Ja? Christian..."- "Ja, hallo, hier Angela..." - und erst heute ( 2003 ) bemerke ich, das ich es sonst nie höre, das jemand sich an der Haustür mit Namen meldet....
Hier beginnt eine eindrucksvolle Begegnung mit zwei Ordensmännern, die ich nie mehr vergessen kann. Geschichten werden erzählt, Bekenntnisse zu eigenen Grenzen gemacht, - - - in dieser "Bude" atme ich den Duft der Freiheit und ich frage mich wieso -- wieso -- wieso ? Was ist anders? Vielleicht ganz einfach das gelebte Leben, das in einem banalen Alltagskleid daher kommt: Leute gehen ein und aus, bleiben, gehen ohne Worte auf zwei Beinen wieder fort oder sterben, weinen, lachen, schweigen. Heimat für Gestrandete, solange sie wollen. Empfangen von Menschen, die ihre "Heimat" woanders haben (vielleicht hat deshalb die Ruhe dort eine andere Qualität). Und nur eine Grundregel: Gastfreundschaft! Wir reden viel miteinander.
Gemeinsam gestalten wir mit andern Ordensleuten eine Mahnwache. Mein Lebtag war ich noch nicht auf einer Mahnwache gewesen, hab immer in meinen Träumen demonstriert und im wachen Alltag mich schweigend mit den "Revoluzzern" dort solidarisiert. Nun stehen wir vor der Mauer der Abschiebehaft Köpenick.
Und es fliegen Klorollen aus den Fenstern und wir hören Rufe und Schreie:
"HILFE !!!" während wir durchs Megaphon lesen: "Der Herr hat das Schreien seines
Volkes gehört." - "Mose, zieh die Schuhe aus, du stehst auf heiligen Boden" - - - vor
der Mauer. Mir wird kalt und so weh. mein Gott - mein Gott - mein Gott --
Szenen über Szenen - gegenwärtige Erinnerung, eingebrannte Empfindungen. Und
im Dunkel ist die Erfüllung der Verheißung zu schmecken: schon da - schon da -
schon da - - -
Heiliger Boden - egal wo du stehst !
Schaue ich zurück, so sehe ich, das dieses Wort still mein Leben seitdem begleitet
und bewegt. Unspektakulär klingelt es an den unterschiedlichsten Ecken meines jetzigen
Alltags und gestaltet die Verheißung mit mir.
Ich höre jetzt hier auf.
Es gäbe sehr viel noch zu erzählen und beschreiben. Ich bin gespannt, wie noch in anderen Worten dieser Ort mit seinen Menschen beschrieben wird. Dieser Brief sei auch noch mal ein ausdrückliches Danke für diese kostbare Begegnung. Ja, "der Herr ist gütig" und wundersam...
Bad Rippoldsau 2 Wochen vor Ostern 2003
Angefangen hat alles mit der Verbindung meines Vaters zur Naunynstraße. 1997 war das Jahr, in dem ich nach Berlin zog. Eine Freundin hatte mich eingeladen, hierher zu kommen. Von ihrer Wohnung aus suchte ich mir ein Zimmer im Prenzlauer Berg. Mein Vater besuchte mich bald. Er war in Sorge, dass ich in der großen Stadt verloren gehen könnte, und lud mich ein, mit ihm zur Naunynstraße zu kommen und Christian kennenzulernen. Das war der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft.
Gab es Momente, in denen sich die Sorge meines Vaters zu bestätigen schien, so fand ich immer wieder Halt und Geborgenheit in langen Gesprächen mit Christian, auf Spaziergängen oder in einer Ecke der Wohnung. Und traf auf Menschen, denen es wohl ähnlich ging wie mir. Schritt für Schritt löste sich auf, was ich bisher als mein persönliches, einzigartiges Unglück zu betrachten gelernt hatte.
Kein Schritt, vielmehr ein Sprung auf diesem Weg war Christians Wunsch an mich, für sein Fest ein Bild zum Thema Befreiung zu malen. Inzwischen hatte ich nämlich ein Studium für das Lehramt Bildende Kunst an der Kunsthochschule begonnen, und Christian wusste, dass ich viel malte. Ich freute mich über diese Idee.
Ich wählte ein großformatiges Bild aus, das überwiegend in Blau und Weiß gemalt ist und eine abstrakte Form darstellt, die ich am ehesten als eine Art Zwiebel beschreiben würde. Eine Zwiebel, und das ist das Entscheidende, die sich nach oben öffnet, aufbricht und Farbe sprüht.
Das Bild bekam einen Platz neben den anderen Geschenken, und mehrere Leute fotografierten mich und sich und andere Leute davor. Ich war stolz und glücklich über die positiven Rückmeldungen der Betrachter.
Doch es sollte noch besser kommen: Eines Tages rief Christian mich an und berichtete begeistert, er habe das Bild, und auch eines von Albert, in der Naunynstraße aufgehängt und ich solle vorbeikommen und es mir ansehen. Es habe einen wunderbaren Platz im Wohnzimmer bekommen, wo es aussehe, als gehöre es dorthin.
Ich glaube, ich fuhr noch am selben Tag hin. Und richtig: Das Bild hing im Wohnzimmer,
als sei es extra für diesen Platz gemalt. Vielleicht fing es erst jetzt an, auch
mir selbst wirklich zu gefallen. Christian sagt, es erfreue die Menschen, die zu ihm
kommen, und fülle den Raum mit Dynamik, Licht und Freude. Und wenn ich jetzt
zu Besuch komme, bin ich für diejenigen, die ich dort zum ersten Mal treffe, oftmals
die Künstlerin, die dieses Bild gemalt hat. Das ist eine große Ehre für mich.
Und in diesen Momenten funkt die Hoffnung in mir auf, dass die Befreiung, die ja
der Ausgangspunkt der ganzen Geschichte ist, hier erst ihren Anfang nimmt. Zum
Beispiel, dass ich noch viele Bilder malen werde, die anderen Menschen Mut machen,
und wir zusammen weiter gehen...in Richtung Licht.
Meinen Dank für viele schöne Stunden möchte ich an dieser Stelle auch Hans und Helma aussprechen, die mit ihren Essenseinladungen einen wichtigen Teil zu meinem "Leben in Berlin"-Wohlgefühl beitragen. Und ich möchte auch Franz nicht vergessen, dessen liebes, freundliches Gesicht und Sein mir jedesmal das Herz erwärmt, wenn ich es erlebe.
Berlin 1.1.2003
Durch meine Freundin Lena, die ich in einer Selbsthilfegruppe (für Zwangskranke) kennen lernte, lernte ich somit von ihrer Vergangenheit, in der sie als ein Mitglied in der Lebensgemeinschaft Naunynstr. 60 einmal gelebt hat. Dies ist eine Gemeinschaft, die offene Arme für Obdachlosgewordene - aus welchem Grund auch immer - hat. Viele Obdachlosgewordene haben dort neuen Lebesauftrieb bekommen. Haben später auch eine eigene Wohnung gefunden. Es geht ihnen dadurch wieder besser. Sie nehmen wieder am Leben teil.
Und das ist schön, dass es diese Lebensgemeinschaft gibt.
Lena hat wie ich diese Gemeinschaft in's Herz geschlossen. Wir beide gehen immer
wieder gern hin, treffen uns dort und werden offenherzig, mit unseren großen und
kleinen Problemen, offenohrig empfangen.
Wir haben dort viele Erfahrungen gesammelt und auch viele schöne gemeinsame Erlebnisse gehabt. Mit denen, die da waren, da wohnen und da wohnten. Wir haben daraus auch erfahren, dass es noch einen Ort - mindestens - gibt, wo wir unsere Bedürfnisse vorzeigen können, ohne dafür ausgegrenzt zu werden. Wo wir Menschen unter Menschen sein können. Wo gibt es so was noch?
Soziale Kontakte sind lebenswichtig wie Vitamine, um weltoffen und lebensbewusst
zu sein. NICHT ALLEIN zu sein: Und das deutlich auf alle Arten spüren zu können.
Allein vergräbt man/mensch sich. Allein fühlt man/mensch sich tot.
Ich habe dort Freunde gefunden. Habe dort durch andere viel über mich selbst herausgefunden.
Wir sind füreinander da. Dafür sage ich: Danke. Dass es das gibt und
an die, die dies ermöglicht haben. Es ist gut für mich. Und ich habe gelernt, dass es
anderen sehr ähnlich geht wie mir. Sie haben mir gezeigt, wie sie damit umgehen,
mit anderen Menschen umgehen. Sie zu verstehen, ihnen zu helfen. Dass ich nicht
mutlos bleiben muss und meine Unsicherheiten überwinden kann.
Die Gemeinschaft ist eine Lebensschule für mich. Für jeden, der sich da unterrichten
lassen will. Gemeinsam essen ist Genuss für jeden einzelnen.
Mein Wunsch:
Dass das für alle erhalten bleiben kann.
Berlin Februar 2003
Im April 2001 war ich das erste Mal in der Naunynstraße, um Einzel-Exerzitien (ca. 10 Tage) bei Christian zu machen: Als ich endlich die Haus-Nr.60 fand, mutete mich schon die Umgebung (Kneipe "Trinkteufel" nebenan) seltsam an.
Ich - geprägt von 3 Gemeinschaften, zum Teil recht klösterlich! - war doch erst mal überrascht, in was für eine Art von Gemeinschaft ich denn hier geraten war: Dass Jesuiten kein Chorgewand o.ä. tragen und keine gemeinsamen Gebetszeiten haben, war mir ja schon mal zu Ohren gekommen, aber so etwas wie hier in der Naunyn 60?
Böden, Wände und Tische nicht grade sauber oder gar aufgeräumt, keine frommen
Bilder an den Wänden keine Klausur... In jeder Ecke ein bunt zusammengewürfelter "Haufen Leute" aus allen Sprachen, Nationen und Völkern - niemand konnte sie zählen...( Jes / Offb)‚ von denen der eine mehr, der andere weniger Probleme zu haben schien...
Nicht nur meine Erfahrungen von Gemeinschaft, ja sämtliche Vorstellungen derselben, standen erst mal Kopf! Wie können die anderen das hier, noch dazu auf so beengtem Raum, nur aushalten? Von Kontemplation und Stille ganz zu schweigen... Erwischst du grad 'mal ein Viertelstündchen, wo fast alle weg sind, steht irgendwo plötzlich noch einer auf, wirft Radio oder eine CD an - natürlich laaauuut!" Also nix wie weg, ins Großstadtgetümmel!
O je, wie werde ich aus diesen Exerzitien nur 'rauskommen??? Doch GOTT zeigte mir auch in der Steinwüste von Berlin Oasen der Stille. Anfangs suchte ich noch immer die äußere Stille (die ja von Zeit zu Zeit auch wichtig ist), durfte aber immer mehr lernen, auch über die Zeit der Exerzitien hinaus, dass ich meine Klausur in mir habe, wo ich mit GOTT alleine bin und SEINE Stimme höre.
2002 durfte ich dann nochmals - diesmal für einige Wochen - in der Wohngemeinschaft NAUNYN wohnen: Nachdem ich zuvor 4 Monate auf dem Josefshof (bauernhof- ähnlich) mitgelebt hatte, kam mir diesmal alles so sauber und aufgeräumt vor: So ändern sich die Zeiten! Obwohl es mir persönlich zu der Zeit gar nicht gut ging, da ich meinen eigenen Weg noch immer sehr stark suchte, merkte ich, dass mir äußere Dinge oder gar Strukturen immer unwichtiger wurden.
Heute (April 2004) sehe ich die Naunyn-WG wieder ganz anders: GOTT führte und führt mich einen Weg, den ich mir so nie hätte vorstellen können, erlebe dabei eine immer größere innere Freiheit und muss oft selbst lachen, wenn ich daran denke, mit welcher Fragestellung (u.a.) ich damals in die Exerzitien zu Christian ging: Wo sind meine zölibatär lebenden Geschwister???
Obwohl ich derzeit allein lebe, finde ich sie in meiner Arbeit bei Körperbehinderten und MS-Kranken ("manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht: z.B. psychisch Kranke, Flüchtlinge, Verfolgte usw. und dann noch solche wie die Jesuiten, welche sich um des Himmelreiches willen selbst dazu gemacht haben - durch Gelübde (Mt 19,12).
Durch all diese Erfahrungen lässt GOTT mich immer mehr erkennen: Ich bin wie die anderen! Und deshalb danke ich Dir, GOTT, dass ich zu dieser Menschheitsfamilie gehören darf.
Ich glaube diese Erfahrung steht krass im Gegensatz zur Erfahrung des Pharisäers im Evangelium, der von sich behauptet "Herr, ich danke Dir, dass ich nicht(!) bin wie die anderen" (Lk 18,9-14).
In der NAUNYN - WG erfahre ich diese Art von Himmelreich, die Jesus wohl meinte - einfach Angenommensein, wie ich bin, und als der Mensch, den GOTT aus mir noch formen will!!
Berlin 1. Mai 2004
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Sagen wir mein Name ist Hans. Im Rahmen meines Zivildienstes bin ich nach Berlin gekommen und habe während dieser Zeit Christian als Geistigen Begleiter gehabt. Mit ihm und Ralf Klein zusammen konnte ich gemeinsam meine Arbeit und mein Leben in dieser Zeit auf der Basis der Ignatianischen Spiritualität analysieren und reflektieren.
Ich kam mit viel Überheblichkeit und Hochmut nach Berlin. Ich war mir sicher, dass ich nach diesem Jahr ins Priesterseminar oder den Orden eintreten würde und meine ´kleinen Eskapaden´, die Schuldenmacherei, die Bordell- und Swingerbclub-Besuche, das Fremdgehen in Beziehungen, so meinte ich jedenfalls, würde ich in diesem Jahr irgendwie ´in den Griff bekommen´.
Über meine wirklichen Bedürfnisse, meine Gefühle und wie es mir geht, konnte ich
nichts sagen, spüren oder geschweige denn mitteilen.
Nachher wusste ich: Eigentlich bin ich ein nach Liebe hungerndes seelisches Wrack.
Heute stelle ich mich in den ´12-Schritte- Meetings´ folgendermaßen vor: "Mein Name
ist Hans, ich bin sex- und arbeitssüchtig und Schuldenmacher."
In dieser Vorstellung steckt eine Ehrlichkeit drinnen, die für mich überlebenswichtig ist und in jedem Moment neu in Frage gestellt werden kann. Ich weiß mittler-
weile, dass Sucht nicht von Suche kommt, sondern von dem alten deutschen Wort Siechen. Das heißt meine Sucht kann zu einem langen und langsamen Ende führen, wenigstens finanziell, aber auch seelisch-geistig und körperlich. Ich kam also nach Berlin und führte eigentlich während der ganzen Zeit ein Doppelleben. Es schwankte andauernd zwischen Chorknabe und Hurenbock. Mit Christian geriet ich in dieser Zeit öfters aneinander, wusste er auch noch nichts von meiner Sucht, so war aber meine andauernde Abwesenheit (bewusstseinsmässig) sicherlich wahrnehmbar. Ich dachte, mit jeder Beichte würde es schon besser werden, irgendwann würde ich dies sicherlich ´in den Griff bekommen´, der Weg bis zum Eingeständnis meiner Machtlosigkeit war lang und weit, und ist es noch immer.
Die Klarheit und Radikalität Christians hat die Seifenblase meines Doppellebens schwer angekratzt und des öfteren (leider nur) fast zum Platzen gebracht. Der große Knall kam erst danach im Studium kurz vor dem Vordiplom: Beim Telefonsex auf einer Hotline hatte ich Schulden in Höhe von mehr als 10.000 Mark fabriziert, als Student ohne geregeltes Einkommen wohlgemerkt. Von jetzt an war nichts mehr zu verheimlichen in meiner Familie und gegenüber meiner Freundin. Irgendwann danach kam dann auch die Lebensbeichte bei Christian zu Stande. Es war der Tief-, aber auch ein Wendepunkt.
Jetzt erfuhr ich den ganzen Geist dieser konspirativen WG erst richtig: Jeder war hier willkommen mit seinem Menschsein in allen seinen Facetten. Einzige Bedingung war, dass der jeweils Andere auch so anzunehmen und zu akzeptieren war, wie er gerade war. In diesem Sinne ist dieser Ort in der Naunynstraße mit allen denen ich dort begegnen durfte und darf: Christian, Franz, Biene, die RAF'ler, Ramon, und..., und..., und..., ein Ort der Menschwerdung für mich geworden. Hier habe ich gelernt Respekt vor dem Anderen zu haben und mich nicht leichtfertig und geringschätzig über Irgendjemanden lustig zu machen, dass Politik, Religion und Spiritualität untrennbar mit der Frage nach Gerechtigkeit und gerechten Verhältnissen verbunden ist.
Heute bin ich doch Seelsorger, aber sicher anders, als ich es ohne die Kreuzberger wäre. Mein Verständnis wird treffend zusammengefasst im Satz des Französischen Bischofs Jacques Gaillot:
´Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.´
Dort in SO36 hat, wie es im Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker heißt, mein ´langer Weg zum glücklichen Ziel´, ein Leben ohne den Nebel und die Abhängigkeiten der Sucht, begonnen und es ist in jedem Moment neu eine Herausforderung im Alltag, mich nicht mit irgendwelchen Mitteln aus der Realität zu ´beamen ´.
Unter ´Menschwerdung´ verstehe ich, dass Jede-r selbstversöhnt leben lernt, ohne von irgendetwas abhängig zu sein. Dazu lohnt sich, wie Christian sagt, der Blick in den Himmel, nach den Symbolen, die unser Stadtbild und die Umwelt prägen, den Lauten und was weiß ich noch. Sie alle können uns beherrschen und krank machen. Und von ihnen will ich mich los-machen und nur noch auf Gott vertrauen und seine Liebe. Abschließend möchte noch einen Satz zitieren, denn ich in der Psychosomatischen Klinik Adula in Oberstdorf letztes Jahr gelesen habe und der mir zum Lebensmotto ward:
"Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt. Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet,
ist er auf der Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen - er wird allein sein. Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten? Hier in der Gemeinschaft kann ein Mensch erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der - Teil eines Ganzen - zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet. In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; nicht mehr allein - wie im Tod - sondern lebendig als Mensch unter Menschen". (Richard Beauvais, 1964)
In diesem Sinne: Danke, o Gott, für die Naunynstraße 60 und alle ihre Menschen! ! ! Herzlichen Glückwunsch zum 25. Geburtstag! ! ! !
1. Mai 2004
Gegen ein mit hüttenkäse behäufeltes knäckebrot hab ich grad meine hände gesäubert und streichle jetzt die tasten, damit sie schöne buchstaben, aus den schönen buchstaben schöne wörter und aus den schönen wörtern dir einen schönen brief zaubern.
So kalt es draußen ist, so mollig ist es hier in meiner wohnung, eine kerze brennt und harfenklänge schweben mit den düften eines straußes von rosa levkojen durch den raum. Und ich, dorothea, sitze in meiner wohnung.
Ja, und das ist nun der dritte brief, den ich dir schreibe, lieber christian. beim ersten
bin ich in irgendeinem sumpf steckengeblieben und der zweite versuch war ziemlich
albern. dies ist nun der dritte versuch und ich bemühe mich, ernsthaft zu
schreiben und nicht nur von des tages entzücken oder den dunklen fallstricken, in
denen ich mich permanent verfilze, zu erzählen.
Ich schaue zu. Ich sitze auf dem sofa, erlebe die "ruhe auf dem sofa".
martin.
Seit montag ist er wieder zuhause. Für ihn war es nicht fassbar, dass ich
nicht mehr in der sandstraße schlafe. Inzwischen hat er verstanden, dass es so ist.
seine angst vor dem alleinsein ertränkt er nun im legalen alkohol. Heftig wie immer.
Er hat sehnsucht nach den leuten in der station, mit denen er zusammen war. Noch
nie hatte er richtige kontakte, nie freunde, immer war er allein. diese sechs wochen
scheinen ihn wirklich verändert zu haben (was nicht heißt, dass er ohne drogen zurechtkommen
wird. Dazu ist so eine sucht viel zu heftig, als dass sie so mir nichts
dir nichts sich in luft auflösen könnte). Gestern hat er vor sehnsucht nach zwei oder
drei, die mit auf der station waren, geweint.
Heute ist er öffentlich hingefahren - allein,
ohne weitere informationen z. b. wie er zurückkommt. Aber er ist zurückgekommen
und gleich weiter auf dem weg zu einem mädchen, die auch mit auf der
entgiftungstation war und seit zwei tagen draußen ist. dort ist er jetzt.
Im kreis der abgestürzten, alkoholiker, heroinabhängigen, speedabhängigen, tablettenabhängen....
hat er freunde gefunden, die so sind wie er, die er versteht und die
ihn verstehen (wie oft hat er mich gebeten, ihn so zu nehmen wie er sei, ihn so zu akzeptieren. nie ist's mir gelungen, ich wollte ihn einfach anders.
Jetzt langsam lerne
ich ihn so anzunehmen wie er ist: suchtkrank, mit liebenswerten und auch mit
erschreckenden seiten. Ich lerne, ihn zu mögen, endlich, ohne abhängig zu sein).
Alle
sie sind in den augen unserer gesellschaft - und auch bislang unbewusst in meinen
augen - "looser", kaputt, lebensuntüchtig. Die ganze palette der ausgrenzenden
begriffe taucht aus den tiefen auf. vordergründig habe ich ausgrenzendes natürlich
weder gedacht noch gesagt, doch nun lern ich ne ganze menge über meine inneren
"feinde".
Was in den straßenexerzitien ein anfang war, setzt sich nun fort: das eigene
ausgrenzen zu sehen und versuchen aufzugeben, das tiefere erkennen der inneren
"feinde", die unter irgendeinem deckmäntelchen agieren, unter dem mäntelchen
der alltagslogik, der sachzwänge etc. und so negatives denken und handeln freisetzen.
es scheint so, dass ich mit jedem und allem, was ich ausgrenze, etwas in mir
ausgrenze.
Es scheint da eine starke verbindung zwischem dem, was ich andern antue,
was ich mit andern mache, und dem, was ich mir antue und mit mir mache -
und umgekehrt, zu geben. mir ist nie aufgefallen, dass ich, wenn ich unter dem vorzeichen
sachlicher kritik jemanden erbarmunglos auseinandernehme, die sprache
des todes, des zerstörens, des unfriedens, des ausgrenzens denke und spreche. grad
in den unglaublich heftigen vorwürfen, angriffen, kritiken und beschimpfungen, die
martin auf mich einschleuderte, war doch immer ein wichtiges körnchen wahrheit,
eine wichtige information oder ein einen-spiegel-mir-vorhalten dabei, also immer eine
chance, wunden, schwächen etc. zu sehen, sie nicht zu übersehen.
Ein wahnsinnsgeschenk war es, auch die bangemacher, unsichermacher, nervösmacher, wutmacher, die unguten geister, die letzlich lebensunlust, ängstlichkeit, verkrampftheit, unfrieden verursachen, nicht zu übersehen, nicht mehr zu bekämpfen, zu unterdrücken, unter den teppich kehren zu müssen. die angst vor ihnen zu verlieren wie eine neue geburt. so eine umwandlung: aus den ängsten wird vertrauen.
was alles ich von martin gehört habe hätte ich bisher immer ziemlich masochistisch erlitten. Inzwischen aber habe ich angefangen hinzuhören. Was sagt er denn da wirklich? Was steht hinter den worten: was soll er mir sagen? was für eine botschaft könnte in seinen reden sein? welche hilfe, welche stärkung, welche möglichkeit zur veränderung ist da drin? also keine angst sondern das suchen der hilfe in allem. was sagt er mit dem, was da aus ihm herausbricht, alles über sich aus? Seine ängste, seine hilflosigkeit? Seine ohnmächtige wut?
Wo kann im gegenzuge ich durch welches wort, welchen blick oder lachen, ihn bestätigen, ihn zu einem weitermachen im ganz kleinen bestärken? Oder ohne vorwurf, ohne leistungserwartung einfach mit ihm zusammensein? Nicht in ihm schuldgefühle erwecken aber auch mir nicht schuldgefühle reindrücken lassen? Schuldgefühle, das ist mir klar geworden, sind eine ganz gemeine list der inneren feinde! Sie verhindern den blick auf das wesentliche, weil man immerzu mit sich und den als notwendig emfpundenen schuldgefühlen beschäftigt ist.
also sowas! Wie lange habe ich nicht gewagt, auf schuldgefühle zu verzichten? Kann man denn überhaupt ein anständiger mensch sein, wenn man keine schuldgefühle hat? Ist man da nicht egoistisch, kalt, hart, arrogant...? doch wenn ich nun gott vertraue, seiner güte traue, seiner vergebung, seinem helfen und heilen
wollen - wo hättem dann schuldgefühle platz? Grad als funktion zum erkennen, dass was schlecht läuft, sind sie vielleicht noch zulässig. ..........
Lieber christian,
so könnte ich dir jetzt tagelang schreiben und erzählen. Heute sinne
ich über einen satz nach, den karl neulich in einer predigt sagte, so ungefähr: Jesus
erkannte das böse und wehrte es ab. Durch Sich-dem-andern-Zuwenden heilte
er.
Was sagt dieser satz mir? Ganze bäche, wasserfälle, ruhig dahingleitende ströme sind in diesem satz. Doch für heute genug. jetzt erzähl ich dir noch schnell vom entzücken des gestrigen tages: sybilla.
Sybilla ist eine straßenmusikantin, anfang bis mitte vierzig. Ein winziges fragiles persönchen mit einem aufregend schrecklichen leben. im waisenhaus aufgewachsen hat sie später als prostituierte gearbeitet, in peep-shows, wieder als prostituierte. Hatte gewaltige probleme mit alkohol und daraus sich ergebend auch ein paarmal gesessen. Ziemlich schizo und dennoch liebenswert.
Sie singt, oh, christian, sie singt!!! Die texte macht sie selber, die melodien entwickelt sie auch selber. Sie singt nach innen, so süß, und nach außen, so laut und herb! Die gitarre ist grösser als sie. Da sitzt sie mitten im winter vor der lorenzkirche, auf diesem grossen dunklen platz, hingeweht wie ein federchen und singt! Ich umarme sie und sie geht mit zu mir zum aufwärmen in meine höchstens 3 minuten entfernte wohnung. Dann essen wir was. (weißt du, meine wohnung liegt spitzenmäßig mitten drin: zwischen döner, piza, chinesisch, cafe und eisdiele.)
Oben angekommen zwitschert sie, dass sie so gerne malt, am liebsten jesus. "ach! Ich mal dir jesus, ganz schön mal ich dir jesus" und dann sitzt sie da und malt jesus, mit buntstiften und wundert sich, was man alles mit einem radiergummi und buntstiften machen kann. sie malt jesus, wie er sie umarmt, ja das hat sie gesehen und er hat sie umarmt. und dabei interpretiert sie die bibel recht abenteuerlich und mit einer inbrunst, dass es gar nicht auf die einzelheiten ankommt. Ich sitze am pc und schreibe, und sie malt zu den harfenklängen. und später, als die harfen-cd zu ende ist, nimmt sie ihre gitarre und singt. Der raum ist zu klein für ihre stimme! Ich schließe die augen und höre. So ein geschenk, dieses zusammensein! Es ist winter, aber den haben wir draußen gelassen. Später gehen wir zur u-bahn und die kälte wirft uns fast um. Doch für den moment der umarmung ist eine sonne zwischen uns. Und die wärmt noch lange nach.
Ja. Tausend sachen könnte ich dir erzählen. Ich bin momentan ziemlich leise in mir und erlaube mir schwach zu sein. sanft und leise - nicht mehr kämpfen.
Nürnberg 1. Februar 2004
Im Sommer 1999 oder 2000 traf ich zum ersten Mal den Freund aus der Schweiz. Er war wie ich trockener Alkoholiker.
Mir ging es damals Hunde - elend. Zwar war ich schon viele Jahre weg vom Alkohol - aber trotzdem hatte ich immer noch schwerste Depressionen und meine einstige große Alkoholsucht verlagerte sich in viele kleinere andere Süchte.
Der Freund hörte mir einen ganzen Abend lang unentwegt aufmerksam zu. Ich erzählte ihm meine ganze Suchtgeschichte - mein ganzes Leben. Schon lange hatte mir kein Mensch mehr so interessiert, intensiv zugehört - einfach Zeit für mich gehabt.
Im Laufe des Gesprächs erwähnte er ganz beiläufig, dass er christlich orientiert sei. Sogleich fiel ich ihm ins Wort und fing an zu schimpfen. Dass es doch heutzutage gar keine richtigen Christen mehr gäbe. Die Pfarrers nur noch ihre wohlbezahlten, gemütlichen Jobs machen würden. Die gesamte Christenheit am Ende doch auch nur aus lauter Egoisten bestehen würde.... usw. und so fort. Besonders beschwerte ich mich bei meinem neugewonnenen Freund, am Mangel wirklicher Christen. Dass es unter den Christen keine Vorbilder mehr gäbe, an denen man sich orientieren könne usw. - am Mangel an Menschen, die das ´Christ-Sein` auch verwirklichen würden.
An diesen meinen entscheidenden Vorwurf kann ich mich noch sehr gut erinnern. Gut, sagte der Freund. Dann muss ich dir aber mal den Christian aus der Naunynstraße vorstellen, bei dem ich hier in Berlin mein Quartier habe. Der lebt als Christ mit Obdachlosen, illegalen Ausländern, Andersgläubigen - mit allen von der Gesellschaft Ausgestoßenen - zusammen unter einem Dach, teilt mit ihnen sogar dasselbe Schlafzimmer. Ja, staunte ich da etwas ungläubig. So jemand würde ich wirklich gerne mal kennen lernen.
Der Freund aus der Schweiz kam dann noch etliche Male nach Berlin zu Besuch. Jedes Mal traf ich mich mit ihm. Und jedes Mal wurde ich noch neugieriger auf diese Naunynstraße und diesen Christian. Bis er mich eines Abends dann doch mal mit hoch in die Wohnung nahm.
Obwohl es schon zur vorgerückten Stunde war - begrüßte uns Christian mit einem warmen Händedruck und einem sanften Über -die Schulter - streichen. Dabei konnte ich auch zum ersten Mal in seine Augen schauen - in ein paar Augen - denen man nichts verbergen kann - die irgendwie alles schon wissen. In der wohlig warmen Wohnstube saß eine junge Frau, die sehr viel, sehr schnell und in kleinster Schrift in ihr Buch schrieb. Überall in der Stube war etwas Interessantes - entweder selbstgemalte, selbstgemachte Figuren, kleine Skulpturen oder Bilder und Fotos an der Wand. Hier fühlte ich mich vom ersten Moment an geborgen und wie zu Hause. Außer in den Kneipen früher in meiner schlimmen Zeit hatte ich schon lange kein so vertrautes und heimeliges Gefühl mehr an einem Ort gehabt.
Ich muss gestehen, zuerst hatte ich etwas Angst gehabt, als der Freund Ernst machen wollte und mich noch zu einem Kaffee mit hoch in die Wohnung nehmen wollte. Denn ich war noch nie so nah in die private Wohnung eines Pfarrers gekommen. Jahrelang, über ein Jahrzehnt war ich nicht mehr in der Kirche gewesen. 1990 war ich aus ihr ausgetreten.
Unweigerlich fielen mir alle Sünden und Laster wieder ein und ich begann mich zu schämen. Doch sollte all diese anfängliche Beklommenheit, Scham und Befangenheit schnell verfliegen.
Christians unkomplizierte, natürliche und frohe Art ließen mich bald für ein, zwei Stunden alle Sorgen und allen Kummer vergessen. Er entführte uns mit seiner ganzen Art und Weise - mit seinem Gespräch - wie in eine andere Welt - in eine andere Dimension.
"Was war für dich Befreiung in deinem Leben?" fragte Christian mich an jenem Abend.
Ich antwortete:
"Erstens - die Befreiung von meiner Alkoholsucht"...
"Zweitens - die Befreiung von meinem ehemaligen Partner - der ebenfalls Alkoholiker
war"...
"Und drittens.....
Diese Befreiung konnte ich mir damals bislang nur erwünschen und erhoffen für mich - sprach sie deshalb nicht aus. Es war die Befreiung aus meiner psychischen Krankheit - meinen mich zersetzenden, mich zerfleischenden Depressionen und schlimmen Selbstmordgedanken.
Seit jenem ersten Abend in der Naunynstraße 60 ist nun einige Zeit vergangen. Und meine schweren Depressionen sind fast völlig von mir genommen worden. Falls sie wieder kommen - weiß ich jetzt, wo ich hingehen kann: zu meiner Familie in die Naunynstraße.
Denn da sind Menschen, die für einen Zeit haben und zuhören können. Für die man etwas bedeutet und wichtig ist - auch ohne dass man vorher dafür etwas geleistet haben muss.
Da sind noch Menschen.
Da ist Liebe.
Berlin 2003
In Frankfurt war's, als Werner, ein Existenzialist und Christ Richtung Kierkegaard, mal einen Monat bei mir wohnte. Seine Abgründe, sein Leiden am Sein beeindruckten mich. Sein Christentum stand mir etwas ferner, denn er schwärmte mir zu sehr von Heldentaten eines Abbe´ Emmaus Pierre, von so tollen Hechten wie Arbeiterpriester, die mit Drogensüchtigen und Obdachlosen zusammenleben. Das ist schon möglich, dachte ich, aber dieses Getue um Priester in Arbeiterhosen, erschien mir wie ein neuer Kult. Bestimmt sind da gute Leute dabei, doch die gab es auch bei den Kommunisten, ja sogar bei Fußballern oder Schachspielern. Dieses Hochleistungs- Christentum macht nicht gerade jeden frei. Werner hatte es doch selbst probiert. Aus christlichen Motiven arbeitete er am Fließband. Er stürzte ab und hat am End nur noch gesoffen. Doch jetzt in Frankfurt trank er keinen Alkohol mehr. Das fand ich gut, das ließ mich hoffen.
Ich selbst hatte zwar wenig Geld, aber trotzdem lebte ich nicht gerade wie ein Johannes Täufer, sondern war doch eher ein rechter Säufer. Werner gab mir zum Abschied ein paar Adressen von christlichen Gemeinschaften, wo ich ein alkoholfreies
Leben führen könnte. Ich fuhr hin zu denen, hab mit ihnen gearbeitet und gegessen. Die haben viel gebetet und gesungen und waren dabei ganz verzückt. Mir war das nicht geheuer, ich fand das verrückt.
Besonders genervt hat mich das ständige Rosenkranzbeten, die Schwärmerei für einen Wallfahrtsort in Bosnien, Medjugorje, sogar vom Papst waren die begeistert. Diese fromme Fröhlichkeit hat mir doch gestunken, drum hab ich bald darauf wieder mein tägliches Quantum Bier getrunken und fuhr zurück nach Frankfurt. Da ich das Trinken nicht aufhören konnte, ging ich sogar mal beichten. Der Priester sagte, mein Trinken wäre keine Sünde, sondern eine Krankheit. "Hören Sie, machen Sie Therapie."
Jetzt bin ich seit 5 Jahren trocken und leb nun in Berlin. Manchmal schluck ich noch dicke Brocken, aber keinen Alkohol. Alleinsein ging mir manchmal schwer auf die Nerven. Doch dann hab ich eine gute Frau gefunden. Die ist manchmal ziemlich wacklig auf den Beinen, hat ein schweres Schicksal hinter sich, aber hat sich durchgekämpft. Ausgerechnet sie kannte auch den Werner, den ich seit Frankfurt aus den Augen verloren hatte. Und Werner machte sie mit dem Arbeiterpriester Christian bekannt und mit den anderen Leuten, die dort wohnen.
Schön, dass ich die Karin gefunden habe. Manchmal muss sie noch sehr an der Welt
und sogar wegen mir leiden. Wenn dem so ist, dann schick ich sie in die Naunynstraße,
zu Christian, dem Arbeiterchrist und den anderen Typen. Dort kann sie inneren
Frieden finden, jedenfalls so etwas in dieser Richtung. Dort wird ihr zugehört,
mit Geduld, aufmerksam, eben so, dass sie sich gut fühlt und so das Gute in sich und
den anderen wieder entdeckt, weil die anderen gut zu ihr sind. Sicher gibt es dort
auch Stress und Streitigkeiten. Doch wie Werner möchte ich den Arbeiterpriester
Christian und die anderen Leute in der Naunynstraße loben:
Die Karin ist dort echt gut aufgehoben.
Berlin 2003
Ich bin Birgit Depenbrock, 25 Jahre alt, verheiratet mit Micha, studiere Restaurierung von archäologischem Kulturgut und lebe glücklich in Berlin-Prenzlauer Berg. Vorher war alles anders.
Ich habe etwas gesucht, von dem ich nicht wußte, was es war. Vielleicht suchte ich
nach Abenteuer und Ansehen, was ich durch Aktionen wie, - In einer Bücherei übernachten
zu wollen und dabei im Klo eingeschlossen zu werden - versuchte zu finden.
Aber das schien alles nicht der Sinn zu sein. Ich war immer weiter am Suchen. Auch
das Lesen von philosophischen Büchern brachte mich nicht weiter.
Und am allerwenigsten glaubte ich daran, daß der "Sinn" vielleicht in einer Beziehung
liegen könnte. Nein, so etwas ist nur Nebensache, dachte ich. Vor allem, weil
ich sowas gar nicht brauchte. Also nicht brauchen wollte.
Ich wehrte mich immer krampfhaft dagegen irgend etwas oder irgend jemanden zu brauchen. Ich wollte die völlige Unabhängigkeit! Ich war sogar so weit, mich darüber aufzuregen, vom Essen und Schlafen abhängig zu sein.
Dann kam ich mit 16, durch einen USA-Aufenthalt zum Glauben. Ich ging dort mit meiner Gastfamilie in die Kirche und das gefiel mir, es war locker und machte Spaß. Wieder zurück zu Hause blieb ich ohne in die Kirche zu gehen trotzdem an meinem Glauben hängen. Mit meiner Freundin Nicole redete ich viel und irgendwann, mit 22, wollte ich dann getauft werden.
Der Glauben wollte von mir aber, daß ich meine Unabhängigkeit ein bißchen aufgebe. Komischerweise fiel es mir nie schwer, Jesus zu vertrauen und auch zuzugeben, daß ich ihn brauche. OK, es dauerte schon ein bißchen, es war gut, ließ sich aber leider nicht auf weltliche Dinge übertragen.
Dann kam Micha.
Als ich ihn auf der Fazenda in Riewend kennengelernt hatte, fand ich ihn schon toll,
redete mir aber ein, das sei nichts Besonderes. Als er dann weg war und ich nicht
wußte wann ich ihn wiedersehe, merkte ich, daß es mehr sein mußte.
Ich wartete Ewigkeiten sehnsüchtig auf das Franziskusfest auf Gut Neuhof, wo er
angeblich kommen sollte. Ich war völlig aufgeregt und wieder sofort von seiner Ausstrahlung
fasziniert. Ich glaube, so eine Ausstrahlung und Anziehungskraft muß
auch Jesus gehabt haben. Außerdem war dann dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit
von Anfang an da.
Jetzt habe ich durch Micha und durch den Glauben gelernt, wie schön es sein kann einander zu brauchen. Plötzlich ist Beziehung, das Miteinander-Leben, füreinander und für andere gemeinsam da sein und so glücklich sein, der "Sinn". Jetzt kann ich endlich zugeben, daß ich Micha brauche (im positiven Sinne), daß ich meine verkrampfte Unabhängigkeit verloren habe und somit tausend mal freier bin als vorher.
Ich bin der Micha (35). Ich wuchs in Rheinbach bei Bonn auf. Früh versuchte ich
mich von meinem Elternhaus loszureißen. Das führte soweit, daß ich mich nur noch
mit Drogen beschäftigen konnte. Seit dem 16. Lebensjahr rauchte ich Hasch, nahm
LSD, Speed später auch Koks und Heroin. Irgendwann nach einem langen Weg
durch die Hölle wurde ich 1998 verhaftet. Ich sah meine einzige Chance darin, den
Weg durch eine christliche Therapie zu gehen. Der Grund für diese Entscheidung lag
nicht in meinem Glauben, sondern in der Tatsache, daß ich dort einfach aufgenommen
wurde, ohne den ganzen Wahnsinn mit Drogenberatung, Kostenzusagen etc.
Als ich endlich auf der Fazenda Gut Neuhof meinen Weg mit Gott begann, wurde alles
neu. Ich war auf dem Weg des Heiles, auf dem Weg der Befreiung.
An meinen ersten Jugendgottesdienst erinnere ich mich noch gut. Es war, als sträubte sich alles in mir gegen diesen Geist, der in der Kirche herrschte. Zitternd stand ich in der letzten Reihe sitzen wollte ich damals nicht.
Dann kam Birgit. So etwas kann man nicht erklären. Hier eine Beschreibung der Situation: Ich saß ca. 2 Wochen nach meiner Aufnahme im Aufenthaltsraum der Gemeinschaft. Trübsinnig starrte ich aus dem Fenster - unzufrieden mit mir und mei-
nem Umfeld. An diesem Tag sollte ein "Jugendtreff" stattfinden. Ich hatte überhaupt keine Lust auf so etwas. Ich hatte Angst zum Käfig-Tier zu werden und von Kindern begafft zu werden, die mit ihren Gruppenleitern dort aufliefen um zu lernen, wie man es nicht macht...
Plötzlich lief Birgit am Fenster vorbei. Es war als hätte ich in eine Steckdose gefasst. Mein Herz hüpfte, die Trübsal war weggeblasen. Ich war verliebt - ohne jemals ein Wort zu ihr gesprochen zu haben - ich sah sie nur eine Sekunde lang an und alles war klar. Das Wunder der Heilung war passiert.
Nach dem Franziskusfest auf Gut Neuhof im September 1999 mußten wir dann noch ein halbes Jahr warten, bis wir richtig zusammensein konnten und Micha nach Berlin durfte. Erste offizielle Meldeadresse, wie soll es anders sein: Naunynstraße 60, bei Christian.
Den Tip hatten wir von Kamillo und Maria bekommen. Und dieser Tip ist jetzt für uns beide so ein richtig guter Freund geworden. Unsere erste Begegnung mit Christian war von Anfang an innig, aber trotzdem noch mit Abstand. Nach einem weiteren halben Jahr haben wir Christian dann auf dem Franziskusfest auf Gut Neuhof im September 2000 gefragt, ob er uns verheiraten würde. Das würden wir uns so sehr wünschen. Da kam als Antwort: "Verheiraten kann ich Euch nicht. Das Versprechen gebt Ihr Euch selber. Und wenn Ihr Euch so entschlossen habt, seid Ihr dann ja eigentlich schon verheiratet!" Auch gut, zwei Jahre später dann im August 2002 haben wir uns dann, obwohl wir ja eigentlich schon verheiratet waren, doch von Christian trauen lassen. Heute sind wir also glücklich zusammen und vereint, in und vor Gott, bis in alle Ewigkeit - denn was Gott vereint hat, kann der Mensch nicht trennen - was auf Erden vereint ist, soll auch im Himmel vereint sein. So sind wir unabhängig - abhängig oder Ewig - Offen - Frei(wie unser Trauspruch verrät).
Berlin 26. April 2003
Es muss wohl im Februar 1970 gewesen sein, als meine Schwester "Ewige Profess"
ablegte in Wilkinghege/Münster. Du und Bernd Groth haben ministriert. Auch
zum Festmahl ward Ihr beide eingeladen. Es war eine sehr gute Stimmung und so
nebenbei erfuhr ich, dass Du und Bernd nach München/Pullach kommt im Herbst.
Wir sahen uns dann zu Weihnachten in der Reifenstuelstraße, dort wohnten wir um
diese Zeit. Ich erinnere mich wohl, dass ich nur einen Tannenzweig anstatt eines
Christbaumes aufweisen konnte. Ich erinnere mich auch, dass Ihr beide solange
aufs Essen warten musstet, da ich damals noch nicht so recht mit der Zeit beim Kochen
umgehen konnte. Trotzdem, Euer Kommen hat mich närrisch gefreut und auch
Walter war davon angetan.
Nun weiß ich nicht mehr so genau, an welchem Sylvesterabend
wir bei Hampels eingeladen waren, auf alle Fälle seid Ihr beide von Pullach
gekommen, was ja eine umständliche Fahrerei war. Mit dem Hampel Jochen
konnte man nicht gut reden, er war ein richtiger Querulant.
Erst war Bernd allein
zugegen, später kommst Du ihm noch zu Hilfe. Ich war dem Hampel nicht gewach-
sen und wir alle waren froh, dass Ihr beide das Gespräch in die Hand genommen habt und wir so recht und schlecht im Guten auseinander gehen konnten.
Durch Dich, Christian, haben wir dann erfahren, dass in der Kaulbachstraße jeden Sonntag ein Gottesdienst in englischer Sprache stattfand. Dorthin bin ich immer gern mit Susanne gefahren. Mir hat diese lockere Art der Amerikaner sehr gut gefallen. Herr Mutschler spielte öfters auf dem Flügel und ein anderer Jesuit, mir liegt der Name auf der Zunge, spielte Flöte. Einmal tanzten wir um den Altartisch, während er uns das Lied "Hevenu schalom alächäm..." aufspielte und uns die Tanzschritte zeigte. Viele sehr lebendige Gottesdienste haben wir dort erlebt. Herr Meures war auch einige Male hier am Roecklplatz zum gemütlichen Beisammensein. Herr Langendörfer hat sogar bei uns einmal den Heiligen Nikolaus gespielt.
Zwischendurch warst Du wohl weg. Auf alle Fälle kamst Du mir zu Hilfe, als es mit Walter sehr schlecht ging und ich mich sehr gefürchtet habe. Ich weiß, Du hast alles versucht, um ihn zur Vernunft zu bringen, aber es hat schon zu weit gefehlt bei ihm. Einmal erinnere ich mich, bist Du wohl zufällig zum Roecklplatz gekommen, als ob Du es geahnt hättest, denn ich war in großer Not und Gefahr, denn ich wusste nicht, wie ich bei der Tür hinauskommen kann, ohne Walters unberechenbaren Zorn zu reizen. Soviel ich weiß, bin ich in die Maiandacht gegangen, unter Deinem Schutz kam ich weg und Walter blieb alleine in der Wohnung. Er wohnte damals schon bei seiner Schwester. Nach der Maiandacht blieb ich bei Uschi Vogel für die Nacht. Walter verließ aber erst spät die Wohnung, so dass ich mich nicht heimgetraut habe mit Susanne.
Einige Male in diesem Zeitraum hast Du Dich sehr um Walter bemüht. Er war nicht fähig, Deine Hilfe ernsthaft anzunehmen. Vielleicht hätten wir's miteinander schaffen können, wenn Du längere Zeit in München geblieben wärest. Ich weiß, Walter hat Dich absolut respektiert. Deine väterliche Art und Weise hat ihm auch gut getan, sowie auch mir und Susanne.
Die schönste Erinnerung mit Dir war für mich Deine Priesterweihe. All diese neuen Gesänge während des Gottesdienstes haben mich sehr berührt. Ganz besonders als wir abends spät noch im Vorraum saßen und Du die Gitarre hervorholtest. Wir sangen vom "Senfkorn" und Davids Saitenspiel und noch andere neue Lieder. Kannst Du Dich noch daran erinnern?
Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen. Du hast in Berlin Deine Zelte aufgeschlagen. Ich bin Dir sehr dankbar, dass Du Dich so sehr um André bemüht hast. Es kostet so viel Nervenkraft und Mut, in solch schweren Krankheiten mit Liebe und Geduld auf die Seele dieser Menschen einzuwirken.
Meines Erachtens hast Du für diese Tätigkeit absolut eine gute Hand und Segen und Fülle von "OBEN". Auf alle Fälle wünsche ich Dir weiterhin, dass Du Gottes Liebe so in die Welt tragen kannst und Du frohen Mutes und gestärkt daraus hervorgehst. Auf mich wirkst Du schon lange wie ein Heiliger Mann, das solltest Du wissen.
München 12. April 2004
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Auch im Jahre 2004 bietet die Gruppe Ordensleute gegen Ausgrenzung wieder Exerzitienkurse des "Respektvollen Sehens und Hörens" an. Dabei wohnen die Teilnehmer in Berlin-Kreuzberg in einer Notunterkunft für Obdachlose im Keller einer Kirchengemeinde, der im Sommer leer steht. Den Tag über gehen sie aufmerksam durch Berlin und suchen nach Orten, an denen sie merken, dass ihre Interessen, ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte angesprochen werden. Dort bleiben sie stehen und ziehen zumindestens innerlich ihre Schuhe aus und üben sich in Aufmerksamkeit: Sie meditieren, beten, versuchen vor ihren Ängsten nicht zu fliehen, werden ansprechbar.
Schuhe ausziehen - dieses Bild ist einer biblischen Geschichte des 2. Buch Mose entnommen:
Mose, ein Ziegenhirt in der Wüste Sinai, sieht mitten in seinem Alltag etwas Ungewöhnliches - ein Dornbusch brennt und verbrennt doch nicht. Er wird neugierig und will sich das Geschehen aus der Nähe ansehen. Er läuft zu dem Dornbusch. Da hört er eine Stimme, die ihm sagt: Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden, weil das Leben, die Ursehnsucht, die fundamentale Vitalität, das von dir nicht Gewusste, weil Gott mit dir hier sprechen will. Mose hört nun neu von der Versklavung seines Volkes und damit auch von seiner eigenen verdrängten Not und wie ihm eine wichtige Rolle auf dem Weg der Befreiung zugedacht ist.
Mose wehrt sich und fragt: Wie heißt du? Er bekommt eine Antwort. Er wehrt sich weiter gegen die ihm zugedachte Aufgabe. Doch dann geht er los. Die Schuhe ausziehen ist ein Bild für die Bereitschaft, mit Respekt zuzuhören. Die - bei Stiefeln auch wehrhafte - Distanz der Schuhe wird abgelegt, auch der Dünkel, die besseren oder schöneren Schuhe zu haben. Die oft dornige Realität wird mit den nackten Füßen berührt, um darin die eigenen Verletzungen und Biestigkeiten, die eigenen und fremden Sehnsüchte und die Wege zu einem erfüllten Leben zu suchen. Die Schuhe auszuziehen ist der Beginn, mitten in der Welt der Meinungen und Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden vor der Wirklichkeit und den Menschen in ihr - auch gegenüber der eigenen Geschichte und Zukunft; kurz: neu zu hören, zu sehen, zu riechen, zu tasten an dem "heiliggewordenen" Ort der Aufmerksamkeit.
Die Teilnehmer suchen in der Stadt z.B. unter Obdachlosen oder Drogenabhängigen, in einem türkischen Cafe oder in einer Moschee/Kirche, an der Hinrichtungsstätte Plötzensee oder dem sowjetischen Ehrenmahl in Treptow einen Ort, wo sie in sich Neugierde spüren; sie ziehen ihre Schuhe aus und beginnen mit einer Zeit der Aufmerksamkeit. Sie nehmen die Umwelt und die eigenen Gefühle darin wahr und ahnen langsam, warum sie sich gerade diesen Ort "ausgesucht" haben. Vielleicht ist der Teilnehmer den Menschen oder Fragen an diesem Ort bisher aus dem Weg gegangen. Vorurteile, Verletzungen und Ängste in der Lebensgeschichte oder vieles andere können Gründe dafür sein, aus dem Inneren heraus hierher geführt zu sein. Manchmal kommen Tränen oder andere Gefühlsregungen. Dann ist es gut an diesem Ort zu verweilen und sogar bald wieder hierher zurück zukehren, um neu die Schuhe auszuziehen.
Abends kommen die Übenden zurück in die Herberge und erzählen nach einem gemeinsamen, selbst zubereiteten Essen und Gottesdienst von ihren Wegen, ihrem Suchen, ihrem Stehenbleiben, ihrem langsamen Nähern an die Orte, die sie persönlich als wichtig, als aufwühlend, als ihnen heilig erfahren haben. Und auch von den entdeckten Schwierigkeiten, den Ängsten, den Dornbüschen in ihrem Leben erzählen sie. Dabei werden sie aufmerksam begleitet, um selbst deutlicher zu erkennen, wohin sie geführt werden.
Zehn Tage dauern diese Kurse, die in der Tradition der Exerzitien (exerzieren = üben) stehen, in der Ignatius von Loyola im 16. Jahrhundert einen wichtigen Impuls gegeben hat. Wir begleiten diese Kurse von etwa 10 TeilnehmerInnen mit ihren ganz
individuellen Wegen in zwei überschaubaren Gruppen. Eine Frau und ein Mann von unserer Einladungsgruppe sind jeweils dabei. Wir sehen in diesen Kursen einen Beitrag, persönliches Ausgrenzungsverhalten zu überwinden. Eine große Freude ist es für uns, wenn die Teilnehmer ihr zielgerichtetes Alltagsverhalten zurück und sich vom inneren Gespür führen lassen. Dann durchlaufen sie manchmal schmerzhafte Etappen der Selbsterkenntnis. Doch lösen sich auch unvermittelt Fixierungen. Die darüber erfahrene Freude ist ein Licht mitten in den alltäglichen Ereignissen, durch das Zukunftsperspektiven sichtbar werden.
Exerzitienkurse auf der Straße haben wir für 2004 bisher geplant
in Berlin (17. 4. 18 Uhr bis 25. 4. 14 Uhr) und (9. 7. 18 Uhr 18. 7. 14 Uhr),
in Köln (23. 7. 18 Uhr bis 1. 8. 14 Uhr), in Nürnberg (6. 8. 18 Uhr bis 15. 8. 14 Uhr),
in Fribourg/Schweiz (22. 10. 18 Uhr bis 31. 10. 14 Uhr).
Nähere Informationen:
http://www.con-spiration.de/herwartz/herwartz.htm
Als Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Diözesan-Exerzitien- Sekretariate (ADDES) war ich im Spätsommer 1999 auf der Suche nach Referenten für die Studientagung 2000, bei der die gesellschaftliche Dimension der Exerzitien beleuchtet werden sollte. Die Anfrage bei Mitgliedern der Gesellschaft Jesu machte mich aufmerksam auf Christian Herwartz in Berlin. Ich riskierte eine schriftliche Einladung zur Mitarbeit. Pater Herzwartz konsultierte seinen Mitbruder Alex Lefrank mit dem Ergebnis, dass beide die Studientagung als Referenten mitgestalten wollten. Ich war erleichtert und zugleich gespannt, wie sich diese Zusammenarbeit entwickeln würde.
Es ist eine gute Tradition der ADDES, die Studientagungen mit den Referenten persönlich vorzubereiten. Anfang Oktober 1999 hatte ich bereits eine Einladung nach Berlin, zur Einführung von Dr. Stephan Reimers als Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ich fragte Christian Herwartz, ob ich diesen Termin verbinden könnte mit einem Vorort-Gespräch zur Vorbereitung der Studientagung; Pater Herwartz sagte zu. Als er hörte, dass ich noch keine Übernachtungsmöglichkeit in Berlin abgesprochen hatte, bot er mir spontan die Gastfreundschaft in der Wohngemeinschaft der Jesuiten an.
Am 07. Oktober kam ich am frühen Nachmittag in Berlin an. Da Christian Herwartz tagsüber in der Fabrik arbeitete, wurde ich in der Naunynstraße von Frater Franz Keller liebevoll empfangen. Er machte mich mit der ganzen Wohnung vertraut und gab mir einen Einblick, wie wichtig dieser Ort für bedrängte und ausgegrenzte Menschen geworden ist. Ich hatte das besondere Privileg, in der Bibliothek zu schlafen! Nach der feierlichen Einführung von Dr. Reimers im französischen Dom und dem anschließenden Empfang im Haus der evangelischen Kirche kehrte ich erwartungsvoll nach Kreuzberg zurück. Die Wohngemeinschaft, die sich noch um einen gut bekannten jungen Gast erweitert hatte, saß in der Küche beim Abendessen. Ich wurde ganz selbstverständlich in die Mahlgemeinschaft aufgenommen. Besonders erwäh-
nenswert: Im Laufe des Abendessens hat Frater Franz sein Bündner Fleisch mit mir
geteilt - eine besondere Geste, die selbst Christian Herwartz erstaunte.
Nach dem Abendessen wurde im Wohnzimmer mit Christian Herwartz und Franz
Keller die Studientagung vorbesprochen. Schon bei diesem ersten Gedankenaustausch
stand das zentrale Anliegen von Christian Herwartz im Mittelpunkt: Begleitete
Exerzitien im Milieu mit der Einladung, Orte der Begegnung und Meditation als
"Heilige Orte" zu entdecken, an denen Gott zu den ExerzitienteilnehmerInnen sprechen
will (z.B. Suppenküche, Obdachlosenasyl, Gefängnis, Moschee, Fixerstube). Für die Begegnungen an diesen privilegierten Orten gab Christian Herwartz die Berufungsgeschichte
des Mose (Ex 3.1 ff) mit auf den Weg mit der Einladung, verschiedene
Orte als "Heiligen Boden" zu betreten und dort die "Schuhe des Herzens" auszuziehen.
Dieses Anliegen hat die Studientagung, die vom 01.-05. Mai 2000 im Hamburger Stadtteil St. Georg stattfand, entscheidend geprägt und die teilnehmenden Personen stark bewegt. Als Titel der Studientagung wurde einmütig abgestimmt: "Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit".
Der in Hamburg begonnene Prozess geht weiter mit veränderten Personen an zahlreichen Orten in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Ich bin auch heute noch dankbar für meinen Besuch in der Naunynstraße im Herbst 1999, bei dem das Fundament für einen lohnenden geistlichen Weg mit dem Dornbuschthema gelegt wurde.
Bonn 28. März 2003
Als ich Deinen Bericht Christian über den Exerzitienkurs für den Gemeindebrief ein wenig besser lesbar (in Spaltenschreibweise) aufbereitet habe und also Satz für Satz in der ganzen Intensität seiner Aussage aufnahm, da war ich innerlich ganz aufgewühlt und ein wenig traurig, daß ich solche Exerzitien noch nicht erleben konnte. So wie Du Deine Eindrücke und Erfahrungen schilderst, müssen die Menschen, die an diesen Exerzitien teilgenommen haben, unaussprechlich reich beschenkt worden sein!
Offenen Auges und mit weitem Herzen durch die Welt zu gehen, in sich hineinzuhören
und heilige Orte zu entdecken, das bleibt wohl den meisten Menschen versagt
in ihrer Hektik und Betriebsamkeit. Was für ein Verlust! - Als behindertem Menschen,
wie ich einer bin, ist einem diese Fähigkeit und ich möchte fast sagen, diese
Gnade, manchmal geschenkt. Ich lebe deshalb intensiver, sehe Vieles, was andere
nicht sehen können, und danke Gott mit vielen kleinen Stoßseufzern dafür, daß ich
all das Schöne, all das Gute, die ganze Herrlichkeit seiner Schöpfung erleben kann;
nicht selten sehe und spüre ich auch all die Tragik, die Trauer, die Schwierigkeiten,
in denen Menschen stecken können, das Leid, das sie ertragen müssen und das an
ihren Nerven zehrt, die Hoffnungslosigkeit, die sie fast verzweifeln läßt...
Für mich ist seit 20 Jahren mein Arbeitsplatz hier im Pfarrbüro ein Heiliger Ort. Ich
habe es nur bisher nicht gewußt!
Deshalb danke ich Dir sehr für Deinen ausführlichen "Tagebucheintrag" und wünsche
Euch allen, daß es noch viele heilige Orte zu entdecken gibt während der kommenden
Exerzitien.
Herzliche Grüße aus dem Pfarrbüro St. Michael
Berlin 1999 im Michaelsboten nach dem 1. "Bericht Exerzitien auf der Straße"
Zusammengestellt einige Zeit nach den Exerzitien auf der Straße
Berlin 2002
Sie sind mir wieder ins Bewusstsein gekommen; die Exerzitien auf der Straße in Köln vor ein und ein halb Jahren. Sie waren nie ganz weg, vielen anderen Leuten habe ich davon erzählt und jetzt war es so, als wäre ich gestern erst davon zurükkgekommen. Klasse!!!
Wodurch?
Ich habe heute unsere Kirchenzeitung für das Bistum Münster "Kirche und Leben"
durchgelesen und fand auf Seite 6 den Artikel: "Gott auf der Straße finden". Ich las
mir den Artikel durch und stellte fest, dass ich selbst darin vorkam:
"Einen Mann zieht es in die Frühgeburtenabteilung der Frauenklinik. Vor dem Neugeborenenfenster
fängt er plötzlich an zu weinen. Auf einmal kommt eine lange Jahre
verdrängte Episode der eigenen Lebensgeschichte hoch - und der Mann lernt in
diesen Tagen, Frieden mit sich selbst zu schließen."
Du hast wohl meine Geschichte, die ich damals in Köln erlebte, nicht vergessen. Ich
war echt berührt, dass du sie wohl so spannend fandest, dass sie einen Platz in dem
Artikel bekam. Zwischendurch sah ich mich öfter vor dem Neugeborenenfenster stehen
und das Tolle, dass ich in Köln erleben durfte, war wieder vor meinen Augen.
Ich habe in den Tagen echte Heilung erfahren und dankte Gott oft für diese Erfahrung.
Vielen Dank auch noch mal dir für die Gespräche am Abend. Nach der Woche
habe ich gespürt, dass ich besser mit Totgeburten oder dem Tod von Babys umgehen
kann.
Persönlich habe ich meine 4-jährige Ausbildung in Kamp-Lintfort abgeschlossen und arbeite nun als hauptberuflicher Diakon in den Gemeinde Weeze und Wemb (liegt
am linken Niederrhein neben dem Wallfahrtsort Kevelaer). Den Berufswechsel habe ich nicht bereut.
Weeze 15. Dezember 2003
Im Monat Juli haben P. Stany Simon SJ und einige andere Jesuiten ihre Exerzitien mitten auf den Straßen von Brüssel gemacht! Hier der Bericht von einer besonderen Erfahrung.
Pater Stany, wie sind Sie auf diese eher überraschende Idee gekommen?
Es war P. Marcel Remon von der Amsterdamer Vereinigung der "Europäischen Jesuiten im milieux populaire", der gehört hatte, wie ein deutscher Mitbruder, Christian Herwartz, von dieser neuen Erfahrung erzählte, die seit kurzer Zeit in Städten wie Berlin, Frankfurt und Basel gemacht worden war. Daraufhin hat er sich sofort entschlossen, dass dieser Weg seinem Wunsch entsprechen könnte, die Geistlichen Übungen mit dem armen und gedemütigten Christus zu leben, mitten unter den am Leben verzweifelnden und von der Gesellschaft aufgegebenen Menschen.
Und Sie selbst, wie haben Sie sich auf diesen Weg gemacht?
Ganz einfach. Christian Herwartz hatte Zeit, diese Tage zu begleiten, und ebenso Jacques Enjalbert, ein junger französischer Jesuit. Die Gemeinschaft "Avec" stellte den Exerzitanten drei Unterkünfte zur Verfügung. Dann schlug Marcel mehreren Mitbrüder diese Exerzitientage vor. Viele zeigten sich interessiert, aber nur fünf waren für den geplanten Termin noch frei oder konnten sich frei machen: Christophe, Etienne, Jean, Marcel und ich.
Fünf. Ist das nicht sehr wenig?
Ja, mit den beiden Begleitern macht das sieben ... die ideale Zahl, die uns erlaubte, dass jeder frei seinen eigenen Weg gehen konnte; dass wir jeden Abend den Tagesbericht unserer Gefährten anhören und die Aufgaben untereinander abwechselnd verteilen konnten: die Morgengebete, die tägliche Eucharistiefeier, die Einkäufe und die Vorbereitung des Abendessens...
Wie hat sich eure Woche abgespielt?
Christian und Jacques haben uns mit einem einzigen Text aus der Bibel losgeschickt: Die Erfahrung von Moses beim brennenden Dornbusch, der uns einlädt, unsere "Schuhe auszuziehen". Das bedeutet symbolisch, dass es viele Dinge gibt, die man loslassen muss, um frei zu sein für die Begegnung mit Gott und mit den Anderen. Danach haben die beiden uns ermutigt, uns auf die Suche zu begeben nach dem "heiligen Ort, an dem uns Gott seinen Namen enthüllen will wie Mose"; und das Volk zu entdecken, "dessen Rufe Gott gehört hat und zu dem er uns sendet." Von da an waren die Wege, die Orte und die Begegnungen vielfältig und unterschiedlich. Manchmal kreuzten oder teilten sich unsere Wege, um uns gegenseitig zu unterstützen oder um uns neu zu bestärken. Aber nach einigen Tagen hatte jeder "seinen" Ort, wo er überraschende Begegnungen erlebte.
Aber was macht die Begegnungen aus? Erzählen sie uns.
Die Suche nach einem "Ort" kann dauern. Ich habe zum Beispiel vier Tage gebraucht. Etienne hat ihn auf Anhieb gefunden. Die "Begegnungen" ereignen sich, wenn du lange genug an deinem Ort verweilst oder wenn du auf den Weg vertraust, der sich dir schließlich zeigt.
Warum ist Marcel, nachdem er vergeblich versucht hat, mit den abgeschobenen Flüchtlingen im Zentrum auf dem Flughafen in Kontakt zu kommen, seinen kurvenreichen Weg gegangen, der ihn Schritt für Schritt vom Denkmal für die ermordeten Juden zu einer kleinen Moschee in Molenbeek führte; dann luden ihn Guinesische Illegale (sans papiers) zum Gebet ein, als er an der Kirche von Beguinage vorbeikam, die gerade von Illegalen besetzt gehalten wurde?
Warum hat Christophe, der ganztägig meist allein vor dem "Petit Chateau" (Empfangszentrum für die Asylbewerber) verbrachte, mit dem Rücken an die Mauer einer Umfriedung gelehnt, die er nicht überspringen konnte - warum hat er damit geendet, dass er lange mit Muslimen über Gott sprach? Er sagte uns: "Wie kann man sich da nicht erinnern an die Begegnung von Jesus mit der Samariterin, als einer von ihnen, mit dem ich meine Feldflasche geteilt hatte, mir sagte: "Gib mir noch etwas von deinem Wasser?"
Warum wurde Jean - der sich entschieden hatte, acht Tage auf derselben Bank sitzen zu bleiben, zwischen der Rue Haute und der Rue Blaes, im Herzen der Marolles - von dem Wort des Kindes berührt: "Hast du kein Haus - bist du immer auf dieser Bank?"
Warum ist Etienne spontan losgegangen, um den Menschen ohne Wohnsitz im Stadtzentrum zu begegnen? Nach einigen Tagen der Annäherung sah er sich schließlich dort eingeladen mit ihnen gemeinsam zu betteln und am Ende des Tages wurde ihm ganz selbstverständlich sein Teil des Geldes zugesteckt.
Warum haben mich an einem Tag Michelle und an dem anderen Tag Fatima auf der Bank besucht, die ich schließlich als "meinen Ort" gewählt hatte, um mir - die eine wie die andere - von ihrem Leben zu erzählen, zwei Stunden lang, obwohl sie zu Beginn weder meinen Namen noch meinen Status als Priester kannten?
Unseren letzten Nachmittag haben wir in Gemeinschaft mit der kleinen Gruppe "Poverello" (eine Suppenküche) in der rue Verte verbracht. Wir haben sie mit einem Gefühl der Bewunderung verlassen, denn was wir versucht haben, eine Woche lang zu leben, das leben sie täglich, indem sie ohne Ausnahme jeden aufnehmen, der kommt.
Brüssel September 2003, in: Echos Nr. 5 Freundeheft der südbelgischen Provinz SJ
Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden" (Ex 3,5)
Eines Tages stellt Moses während seiner Arbeit ein außergewöhnliches Phänomen fest: Ein Busch brennt ohne zu verbrennen. Aus Neugier nähert er sich und wird dann aufgefordert, seine Schuhe auszuziehen, denn der Ort, auf dem er steht,
ist "heiliger Boden". Christian Herwartz, Jesuit aus Berlin, arbeitsloser Arbeiterpriester, wohnhaft in Kreuzberg, einem von der Stadt benachteiligten Viertel, und seine Kommunität (sie sind zu dritt) teilen ihr Leben und Wohnen mit einem Dutzend Menschen von der Straße. Eines Tages hat ihn jemand gebeten, in seiner Kommunität Exerzitien machen zu können. Von diesem Abenteuer berichtet er im Jahrbuch der Gesellschaft 2002.
Einige Gefährten aus dem Sozialapostolat unserer Provinz, die Christian seit langem kennen, haben ihn gebeten, sie im Juli 2003 bei ihren Exerzitien in Brüssel so zu begleiten, wie er es in Deutschland macht.
Welches ist der brennende Busch im Leben eines jeden von uns? Der heilige Ignatius lädt uns ein, das gewohnte Umfeld unserer Aktivitäten zu verlassen, um den Ruf zu finden, den Gott an uns richtet. Wo finden wir unseren brennenden Busch im Herzen des Lebens, aber außerhalb der Einschränkungen der Aktivitäten?
Christian hat uns vorgeschlagen, hinaus auf die Straßen zu gehen. Wie er in dem Artikel schreibt, hat er uns eingeladen, auf die eigene innere Stimme zu hören und uns führen zu lassen. Jeder Mensch ist an bestimmten Orten von der Angst versucht. Und so können sich viele z.B. einer Ansammlung von Drogenabhängigen nur langsam nähern oder sie fühlen sich sogar dazu gedrängt, auf Distanz zu bleiben. Wenn es jemandem möglich ist, Atem zu holen und es ihm gelingt zu bleiben, beginnt er sich die Schuhe aufzubinden und sie zurückzulassen. Es bildet sich eine "compositio loci" für die Meditation und das Gebet, würde Ignatius sagen.
Dieser Ort ist für jeden verschieden und man muss manchmal zwei oder drei Tage in der Stadt herumirren, um zuerst diesen Ort zu finden, der uns überraschend beunruhigt und anzieht, um dann von einer Distanz aus oder nach einer Flucht die Sandalen aufzubinden und zu bleiben, verwundbar zu werden, wie Moses, im Hören auf den, der ist, der die Angst seines Volkes im Elend kennt.
Für den einen war es das Petit Château (Asylunterkunft), für einen anderen aufeinanderfolgend die Hausnummern "127" und "127bis" (gefängnisartige Asylsammelstelle auf dem Flughafen) während eines langen Marsches, folgend die Haecht-Straße, später auf dem Boulevard de Dixmude (Warten auf Schwarzarbeit) mit Männern und Frauen aus Osteuropa oder Afrika, die wie in dem Gleichnis "Der Arbeiter im Weinberg" auf dem Platz warten, bis ein Wagen anhält, um ihnen Arbeit anzubieten. Für einen dritten wiederum war es die Begegnung mit Menschen auf der Straße in der Innenstadt. Zwei andere haben eine Bank gefunden, der eine im Park, der andere in der Hellemans-Siedlung in den Marolles, auf der sie warten, sehen und hören sollten.
Am Abend haben wir gemeinsam mit Christian und Jacques Enjalbert, einem französischen Scholastiker, der letztes Jahr die Exerzitien auf der Straße in Berlin-Kreuzberg gemacht hat, zusammen, um Eucharistie gefeiert. Nach dem anschließenden Abendessen teilen wir die Erlebnisse des Tages ausführlich miteinander. Jeder nimmt also an der Ohnmacht des anderen teil, davon etwas mitzuteilen, wie er sich von der einen oder anderen Seite einer Mauer oder eines Gitters (an den Hausnummern 127 und 127bis, am Petit Château) wiederfindet, die Ohnmacht Jesu am Kreuz spürt, der nicht mehr als da sein kann, anwesend im Leiden und in den
intimsten und heiligsten Sehnsüchten aller, die ihn umgeben.
Jeder nimmt teil an
der lärmenden Freundschaft der ausgewanderten Polen, mit denen sie zusammen
auf einer Bank sitzen neben den Bierdosen aus dem Supermarkt, oder am freundschaftlichen
Empfang und am gerecht geteilten Spiel zusammen mit diesen Menschen
auf der Straße, die die Passanten mit Humor anschnauzen, aber auch am Gebet
der schwarzen Brasilianerin, die auch ohne Dach über dem Kopf ist, und die ein
Verlangen danach hat, die Bibel zu lesen. Die Ängste von denen, die am Petit Château
auf Arbeit warten, von denen, die von Polizeistreifen kontrolliert werden, ihre
bestürzte Flucht wird zu der von allen: "Ich kenne ihre Ängste"; die Überzeugung
von vielen unter ihnen, muslimisch oder christlich, dass Gott unter uns ist und auch
überall zu unserem Suchen hinzukommt.
Das erfolglose Leben einer Frau aus bescheidenen
Verhältnissen, die sich auf einer Bank entspannen will und demjenigen
von uns, "der sie nicht kennt" und "den sie nicht kennt", erzählt von ihrem Leid; am
nächsten Tag das Leben einer anderen Frau aus demselben Milieu, die zur selben
Bank kommt und die die Ehelosigkeit gewählt hat, um für die Ihren verfügbar zu
sein, und viele Projekte für die Zukunft im Herzen von jedem. "Derjenige, der meditiert
ist nicht immer herausgefordert".
Also wird gemeinsam auch über die Ratlosigkeit gesprochen und über den Ort, den der Beter sucht. Das Geschenk des Weges der Nachforschungen wird im Laufe der Zeit zur Hingabe an den, der ist; und es werden die Sandalen Stück für Stück aufgeknüpft, damit das Herz sich den Aufforderungen und Fragen öffnet, die jene an uns richten, die uns in ihrem Leben ankommen sehen.
oder:
Und manchmal bahnen sich
lange Dialoge über Gott und seinen Platz in unserem Leben an. Das meist vergessene
innere Leben einer Stadt beginnt also Teil unseres eigenen Fleisches und zu einem
stummen Gebet zu werden:
"Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der
Erde, weil Du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart
hast. Ja, Vater, so hat es Dir gefallen" (Lk10,21).
Zeigt sich hier nicht das Mysterium der Vereinigung (Kommunion) zwischen dem Vater und dem Sohn. Drückt Jesus in diesem Gebet nicht aus, dass er in seiner Menschheit seine Intimität mit dem Vater lebt in der Vereinigung (Kommunion) mit dem Verständnis für die Dinge, die den Menschen am wichtigsten sind, insbesondere denen "ohne Stimme" (dies ist der Wortsinn des griechischen "nepioi", was für gewöhnlich mit "unmündig" übersetzt wird)? Ja, "der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht" (Gen 28,16). Was tun nach dem langen Weg von Jerusalem nach Emmaus, wo der "Sinn der Schrift" sich erschließt, nach dem Wiedererkennen in seinen Brüdern (Mt 25,40), wenn nicht den Weg im umgekehrten Sinn wiederholen? Dort hören sie ihre in Jerusalem gebliebenen Freunde zu ihnen sagen: "Es ist wahr." Er ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, "wie sie ihn erkannt hatten". Und "sie erzählten noch, als er selbst in ihre Mitte trat" (vgl. Lk 24,33).
Wir haben diese acht Tage gemeinsam im Poverello (eine Suppenküche) in der Rue Verte beendet, um zu hören, wer dort lebt, und um zu erzählen, was wir erlebt haben. Wir haben ausprobiert, uns mit gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen dort
zu treffen, wir mit ihnen und auch mit Jesus, und "wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18,20). Am Ende unseres letzten abendlichen Treffens im Haus Nr. 132 Rue de la Poste, wo wir zwei Zimmer (mit Küche) bezogen haben, eins, wo wir alle (außer zweien) auf dem Boden geschlafen haben und das andere, wo wir gegessen und wo wir uns morgens und abends getroffen haben, empfanden wir, dass wir eine Erfahrung erlebt hatten, die uns an die der ersten Gefährten erinnerte. Einer von uns sagte: "Im Grunde muss das, was wir erlebt haben, nicht sehr verschieden sein von dem, was die ersten Gefährten erleben durften, als sie in leerstehenden Häusern in Venedig hausten."
Nach dem Sommer werden wir nach Mitteln suchen, um dieses Geschenk den anderen Gefährten weiterzugeben, wenn möglich vom nächsten Jahr an, in einer Neuauflage der "Exerzitien auf der Straße".
Brüssel September 2003, veröffentlicht im Rundbrief der südbelgischen Provinz
Kennen gelernt habe ich die Kommunität in der Naunynstraße über Christian Herwartz, der 1998 und 2000 jeweils 13 Wochen mein geistlicher Begleiter bei den "Exerzitien im Alltag" gewesen ist, ein Angebot der Jesuiten für Eltern von Schülern des Canisius Kollegs.
Das Leben der Kommunität war für mich völlig fremd und faszinierend, hat mich nachdenklich und neugierig gemacht. Durch Christians Ermutigung bin ich Menschen begegnet, die ganz anders leben als ich und mit denen ich sonst vielleicht nie ins Gespräch gekommen wäre.
Heute möchte ich über ein Wochenende berichten, das ich mit meiner Exezitiengruppe im November 2000 erlebt habe. Wir haben es gemeinsam organisiert und Pater Andiel vom C.K. als Geistlichen Begleiter eingeladen. Einen ganzen Tag lang sollte von der Morgenandacht bis zur Hl. Messe am Abend geschwiegen werden. Nach dem Frühstück, das wir schweigend einnahmen - hier hatte ich noch das Gefühl, dass alles ein bisschen gewollt und künstlich sei -, machte ich bei Wind und Sonne einen 4 stündigen Spaziergang am Ostseestrand. So viele Gedanken stürmten auf mich ein, dass ich überhaupt nicht bemerkt habe, wie die Zeit verging, und danach erschöpft wie nach harter Arbeit in unser Ferienhaus zurückgekehrt bin. Nun war das Schweigen schon nicht mehr so befremdlich, sondern sehr angenehm, ich war richtig froh, schweigen zu müssen und nicht über meine Gedanken sprechen zu dürfen.
Nach einer kleinen Pause bei Tee und Keksen machte ich mich wieder auf den Weg, diesmal entlang des Boddens. Anders als am Vormittag war ich jetzt ganz ruhig und leer und konnte die Stimmung der sinkenden Novembersonne über dem Schilf am Boddenmeer tief in mich aufnehmen. Begegnungen mit meinen Mitreisenden waren von großer Wärme und Herzlichkeit, ohne Worte natürlich, aber kein bisschen verlegen oder unbehaglich.
Dass das Schweigen nicht immer schwerer, sondern leichter wurde und besonders mir, die ich ständig und viel zu viel rede, sooo gut getan hat, dass ich abends fast etwas wehmütig war, als wir wieder sprechen durften, hat mich froh gemacht, ganz zu schweigen von allem, was an Gedanken und an Gefühlen an diesem Tag auf mich eingestürmt ist. Es hat mich ermutigt, Neues zu wagen und mir gezeigt, dass ich zu Dingen fähig bin, die ich mir selbst nicht zutrauen oder vor denen ich mich gern drücken würde. Das ist ein schönes Gefühl, für das ich dankbar bin.
Berlin 14. 2. 2003
Das (Becher) ist ein Abschiedsgeschenk. Ich habe ihn am vergangenen Sonntag zum Ende meiner neuntägigen "Exerzitien auf der Straße" in Köln bekommen. Wenn ich aus diesem Becher meinen Kaffee trinke, erinnere ich mich an die, die mit mir an diesen Exerzitien teilgenommen haben, an Mechtild, die Leiterin eines Kinder- und Jugendheimes, an Franziska, eine Altenpflegerin, an Pia, eine Lehrerin aus Wien, an Irene, eine 69 jährige Frau, und an die Begleiter Christian, ein Jesuit, und Alexa, eine Franziskanerin.
Ich erinnere mich an unser ungewöhnliches Quartier. Es ist ein etwas heruntergekommenes Bürogebäude gegenüber einer riesigen Müllverbrennungsanlage. Ich erinnere mich an unser selbst zubereitetes Essen, an die Morgenrunden, an das Unterwegssein und Verweilen in der Stadt, an die schlichte Eucharistiefeier um fünf, an den intensiven Austausch über unsere Wege und Erfahrungen am Abend und an den meist guten Schlaf trotz Lastverkehr und Flutlicht.
Dieser Becher je nach dem, ob er leer oder mit einem Getränk gefüllt ist, erinnert mich auch an die überraschenden und echten Begegnungen mit Menschen ohne Obdach für Leib oder Seele oder beides. Manches Mal war mein Sprechen völlig ausgetrocknet und mir kamen keine Worte über die Lippen. Mein Blick wurde nicht erwidert. Mein aufmerksames Zuwenden lief ins Leere. Kennen Sie das?
Ich möchte sie mit diesen Worten ein wenig mitnehmen in meine Erfahrungen. Ich hab mich in der letzten Woche öfters gefragt: Geht das überhaupt? Menschen, die einen ganz anderen Weg als ich in dieser Zeit gegangen sind, von meinen inneren Erfahrungen zu berichten. Und wie viele mag es geben, die das überhaupt nicht interessiert. Wie dem auch sei, ich bin nun mal angefangen.
Der Anfang meiner Tage in Köln findet sich in der Mosesgeschichte, die wir bereits in der Lesung hörten. Mitten bei der Arbeit sieht Mose etwas Merkwürdiges: ein Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt. Mose wird neugierig. Will sich das Geschehen genauer ansehen und geht hin. Er hört eine Stimme: "Mose, zieh deine Schuhe aus. Wo du stehst ist heiliger Boden." ... Und Gott erzählt ihm vom Elend seines Volkes und wie es ihm zu Herzen geht. ... Und Mose erfährt den Namen Gottes: Ich bin der "Der da ist." ...
Wir Exerzitienteilnehmenden haben uns gefragt: Welche Dornbuschorte gibt es für mich? Und damit welche dornigen Themen in meiner Lebensgeschichte, die ich lieber umgehe als sie zu besuchen. Wir haben uns auf den Weg vorgetastet: Wo spüre ich eine Neugier, solche Orte, an denen Menschen die vielfältigen Dornen des Lebens erfahren, aufzusuchen? Und welche Schuhe gilt es an diesen Orten auszuziehen?
Wer Köln kennt, kann sich vorstellen, dass es an solchen Orten nicht mangelt. Wir bekamen als eine kleine Hilfestellung verschiedene Orte vorgeschlagen, aus denen wir wählen konnten. Z.B. Aufenthaltsorte für Obdachlose, Drogenabhängige, Prostituierte und Asylbewerber, die Psychiatrie, das Arbeitsamt, die Babyklappe, das Gräberfeld für Nichtsesshafte ...
Ein Ort, den ich öfters aufsuchte, verbirgt sich hinter dem Code auf dem Becher: F 02. F 02 - so steht es auf einer Besuchermarke für das Gefängnis in Köln-Ossendorf. Für Kölner der neue "Klingelpütz". Jeder, der einen Gefangenen besuchen möchte, muß zunächst in einem kleinen Wartehäuschen den Besucherschein ausfüllen, eine Marke ziehen und warten. Eine Digitalanzeige gibt dann zu erkennen, wer als nächster dran ist.
Um den Eingang zu finden, musste ich zunächst das Gefängnis einmal zu Fuß umrunden. Die Mauern schienen nicht zu enden. Dieser Knast gehört wohl zu einem der größten: über 1.500 Jugendliche, Frauen und Männer sitzen hier ein. Am Eingang angekommen setze ich mich in das Wartehäuschen.
Viele junge Frauen mit Kindern kommen, ein Punker, der seine Freundin besuchen will, eine Frau und ein Mann, die zu ihrem Sohn wollen. Der Mutter steht die Scham und Angst im Gesicht geschrieben. Manche kennen sich wohl schon und regen sich gemeinsam auf, dass nicht nur die Gefangenen bestraft werden, sondern auch die Angehörigen und Freunde. Denn die Besuchskontrollen und Auflagen rauben viel Zeit und zusätzliche Nerven.
Immer wieder blicke ich längere Zeit auf das Gefängnisgebäude. Die Mauern lassen keinen Blick ins Innere zu. Da merke ich, wie ich mich im verdunkelte Glas der Eingangschleuse selbst erkenne. Es ist, als ob ich in einen Spiegel schaue. Fragen steigen auf: Sitze ich draußen oder drinnen? Wo beginnt eigentlich das Gefängnis? Wer ist Gefangener und wer nicht? Machen das nur die hohen Mauern und der Stacheldraht deutlich?
Wer bin ich, der hier sitzt? Einer, der seine pure Neugier befriedigen will, einer, der besessen ist vom Helfen-Wollen, einer, der verunsichert ist über die vermeintlich klare Trennung von Gefangensein und Freisein? Ich verabschiede mich mit einem Gebet und gehe.
Am nächsten Tag gehe ich erneut hin und warte. Es regnet zeitweise in Strömen. Zu irgendeiner Zeit ziehe ich meine Schuhe aus und stelle meine nackten Füße auf dem Boden.
Abends erzähle ich in der Runde, was geschehen war, wie ich gemerkt habe, dass sich der Boden, auf dem ich mit meinen nackten Füßen stand, mit dem Boden der Gefangenen verbunden hat. So, als wenn sie sich zusammen geschoben hätten. Ich spürte, wir stehen auf einem gemeinsamen Boden.
Die Gefängnismauern bekommen an diesem Nachmittag ein anderes Gewicht. Ihre Macht, die Menschen in Gefangene und Freie zu trennen, verliert an Bedeutung. Ich spüre wie ich mit ihnen verbunden bin. Nicht gleich, aber verbunden. Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Welche Schuhe im übertragenen Sinn habe ich ausgezogen? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht zu meinen, ich könne helfen. Bis heute klingt diese Erfahrung in mir nach. Nicht dumpf. Eher erleichternd und befreiend. Gott sei Dank!
Duisburg 14. Juli 2003,
Predigt in der Heimatgemeinde während des Sonntagsgottesdienstes
nach den Exerzitien auf der Straße
Von verschiedenen Seiten wurde ich gebeten, etwas über meine letzten Exerzitien zu Papier zu bringen.
Im Herbst 2002 las ich einen Artikel mit der Überschrift "Exerzitien auf der Straße". Es wurde gleich zu Anfang erklärt, dass im vergangenen Sommer zwölf Frauen und Männer der unterschiedlichsten Berufe, Lebensformen und Alter zehn Tage Exerzitien in Köln gemacht hatten. Meine spontane Reaktion dazu äußerte ich mit lauter Empörung: " Na, die müssen doch verrückt sein, Exerzitien in der Großstadt, in Lärm und Verkehr und Tausenden von Menschen. Das ist das Letzte, was mir passieren könnte. Für meine Exerzitien brauche ich Stille, eine ruhige Kapelle und möglichst viel Natur!"
Aus lauter Neugier habe ich allerdings den Artikel zu Ende gelesen. Obwohl er wirklich nicht lang war, wusste ich plötzlich, nach dieser kurzen Zeitspanne, dass ausgerechnet ich, die dies so abwegig fand, genau dies tun sollte: Gott dort suchen, wo ich zwar nie geleugnet hätte, dass Er dort nicht auch ist, aber wo ich Ihn normalerweise nie ausdrücklich suchen würde.
Und so habe ich mich nach einigen Ausreden und Zögern meinerseits angemeldet. Im Vorfeld erfuhr ich nur, dass die Teilnehmer sehr einfach leben, in Mehrbettzimmern schlafen, das Essen abwechselnd kochen, am Tag in die Stadt an besondere Brennpunkte geschickt werden und am Abend nach der gemeinsamen Eucharistiefeier und dem warmen Essen über ihre Erfahrungen in der Runde berichten. In diesem Jahr hatten sich weniger Teilnehmer angemeldet. So wurde unsere Fünfergruppe von Pater Christian (einem Jesuit) und Schwester Alexa (einer Franziskanerin) begleitet.
In unserem provisorisch eingerichteten Gebetsraum hatte Schwester Alexa in der Mitte einen großen Dornbusch aufgebaut.
Als Einstieg in unsere Exerzitien dachte Pater Christian mit uns, über die allen vertraute Stelle vom brennenden Dornbusch nach. Die für mich wichtigsten Impulse waren, dass Mose bei seiner täglichen Arbeit etwas Außergewöhnliches sieht, neugierig wird und hingeht. Daraufhin wird ihm gesagt, dass er seine Schuhe ausziehen soll, d.h. alles ablegen, was einen größer und irgendwie wichtig macht, um sich dann
schutzlos und vorsichtig dem Geheimnis zu nähern und dabei schließlich Gott zu begegnen. Diese Geschichte sollte jedem von uns helfen, seine ureigenen "Dornbuscherfahrungen" zu machen, sich gleichsam Menschen zu nähern, mit denen man im normalen Alltag keine Berührungspunkte oder seine persönlichen Schwierigkeiten hatte. In Köln gab es dafür mehr als genug Anlaufpunkte, wie z.B. Plätze, an denen sich Obdachlose häufig aufhalten, Treffpunkte für Drogenabhängige oder Prostituierte, das Sozialamt, Hospize, Gefängnisse, die Babyklappe, der Straßenstrich usw.
Mein Weg führte mich fast alle Tage in das Zentrum von Köln, zum Dom und zum Bahnhof. Dort versuchte ich mit Wohnungslosen und Prostituierten ins Gespräch zu kommen. Ich fand relativ schnell Kontakt und habe so manches Detail aus ihrem Leben erfahren. Dabei wurde mir bewusst, dass ich im Vergleich zu diesen Menschen "im Himmel" aufgewachsen bin und ein sorgloses Leben führen konnte, ohne den täglichen Kampf ums Überleben. Erschreckend fand ich, dass die meiste Armut wirklich nicht gleich zu sehen ist und sich einem erst nach näheren Kontakten zu den Betroffenen und längerem Hinsehen erschließt.
Außerdem erfuhr ich, dass es noch viel Schlimmeres gibt als Prostitution aus einer finanziellen Notlage heraus. Ich lernte eine junge Frau kennen, deren Mutter in der frühen Kindheit starb und deren Vater einer geheimen Sekte angehört, in der sexueller Missbrauch von Kleinstkindern bis hin zu Babys normal ist. Dass derartige Praktiken diese Frau psychisch kaputt gemacht und dadurch auch finanziell und sozial an den Rand ihrer Existenz gebracht haben, ist wahrscheinlich auch für Außenstehende nachvollziehbar.
Wir haben uns sehr lange über "Gott und die Welt" unterhalten. Ohne dass ich danach gefragt hätte, erklärte sie mir, dass sie Atheistin sei, denn wie sollte sie an einen Gott glauben, wo sie doch noch nicht einmal an sich selber glauben könne. Dieser Satz hat mich sehr betroffen gemacht und lässt mir heute noch keine Ruhe. Er steht jetzt auf der Tasse, die wir Exerzitienteilnehmer im Abschlussgottesdienst als Erinnerung bekamen und auf welche wir etwas schreiben sollten, was wir aus dieser Woche mitnehmen wollten.
In den unterschiedlichsten Begegnungen der Exerzitien habe ich es für mich als sehr schwer empfunden, vielen Menschen völlig ohnmächtig gegenüber stehen zu müssen, ohne irgendwie helfen zu können. Getragen hat mich in den Augenblicken der Ohnmacht die Hoffnung und Zuversicht, dass der Gott, der sich im brennenden Dornbusch Mose als der "Ich bin da" offenbart, auch hier in diesen Menschen und für diese Menschen da ist.
Wenn ich auf all meine Begegnungen mit den im Schatten lebenden Menschen von Köln zurückblicke, kann ich nur dankbar sein für die erlebte Offenheit, durch die ich mich reich beschenkt fühle. Ich denke mit Hochachtung an Menschen zurück, die trotz der widerlichsten Lebensumstände nicht den Mut zum Leben verloren haben, sondern sich an den bescheidensten Dingen erfreuen und wenn es nur ein einfaches Pokerspiel ist.
Es waren kostbare Stunden mit ihnen, in denen ich lernen musste, die Schuhe vorher auszuziehen und mich möglichst auf Zehspitzen zu nähern, um nicht durch
plumpes Interesse noch mehr kaputt zu machen, als es sowieso schon ist. Heute, eine Woche nach dem Ende meiner Exerzitien, denke ich noch täglich an all die Menschen, die mir in Köln wichtig und fast zu Freunden geworden sind.
Ochterleben 19. Juli 2003
Was ihr getan - oder auch: nicht getan - habt einem meiner geringsten Brüder/ meiner geringsten Schwester, das habt ihr mir getan ..." (V.40+45)
Es ist nicht gleich gültig, wie wir mit "dem Geringsten" umgehen!
Ich habe vor wenigen Tagen ein Praktikum in Kreuzberg beendet/absolviert, bei
dem es darum ging, "dem Geringsten" nachzuspüren. Ich bin den ganzen Tag durch
die Straßen von Kreuzberg gegangen und habe geschaut:
So viele Menschen auf den Straßen, die in den hohen Häusern relativ eng beieinander
wohnen! Darunter viele Ausländer, die diesem Stadtteil eine Atmosphäre verleihen,
die wir an unseren Urlaubsorten schätzen: Männer, die auf Plätzen stehen
und sich unterhalten; eine Frau, die einen alten Mann (ihren Vater?) am Arm führt,
der ganz langsam geht; Stände mit z.T. orientalischen Früchten... Ein besonderes
Flair!
Daneben Junkies, Alkies, Obdachlose, Menschen, die auf einem alten Sofa unter der U-Bahn schlafen, zugedeckt mit siffigen Decken. Oder junge Leute, die in einer Wagenburg leben (das sind im Kreis zusammengestellte alte, abgewrackte LKWs, Transporter oder Wohnwagen) - ohne den uns so lieben und vertrauten Komfort. Und daneben "ganz normale" Leute wie Sie und ich, von alternativ bis schicki-mikki. Die gehen da vorbei, manche eilen richtig, weil es ihnen dort sichtlich unbehaglich ist...
Da war mir der heutige Text - Matthäus 25,31-46 - ganz nah - ich sah förmlich Stichworte
wie fremd, obdachlos, abgerissen. Hungrig und durstig, krank und im Gefängnis
konnte ich mir leicht dazudenken. In Berlin leben allein 100 000 Illegale, deren
Status schon ausreichend ist, um bis zu 18 Monaten im Abschiebe-Gefängnis
festgehalten zu werden - ohne (auch nur) einen silbernen Löffel gestohlen zu haben!
Je länger ich da durch marschierte, jeden Tag, Stunde um Stunde. Je mehr ich die
Menschen dort wahrnahm, desto mehr kamen mir eigene Situationen und Erlebnisse
in den Sinn: Erfahrungen von Elend - selbst wenn mein "Elend" sich nicht "auf
der Straße", d.h. für jedermann sichtbar abgespielt hat. (Ich kann auch in meinem
sauberen Bett in einem warmen Zimmer liegen und mich elend fühlen.)
Erfahrungen von Unbehaustheit, keinen Ort haben, wo ich hingehöre - selbst wenn
ich eine Familie oder gute Freunde habe, die mich sogar fragen, wie's mir geht, ob
sie etwas für mich tun können.
Die Erfahrung, in einem Loch zu sitzen - wie gefangen ... Und nicht zu wissen wie
daraus kommen. Mal ganz abgesehen von dem Gefühl großer Kraftlosigkeit.
Oder das Gefühl von Blöße, wo "jede/r" meinen Fehler, mein "Scheitern" sehen
konnte, wo ich mich blamiert oder preisgegeben fühlte bis auf die Knochen...
Auch den Hunger nach menschlicher Nähe, einem freundlichen Wort kenne ich zuweilen. Und den Zustand, wund und krank zu sein. Und auch das: einfach nicht hinschauen wollen, den Hut tief in die Stirn gezogen, den Mantel zugeknöpft bis obenhin mit großen Schritten (wie trotzig) dadurch eilen, um ja nicht angesprochen zu werden.
Auf einmal waren mir die Menschen dort - allesamt! - ganz nah.
"Was ihr getan - oder auch: nicht getan - habt einem meiner geringsten Brüder/meiner
geringsten Schwester, das habt ihr mir getan ..." (V.40+45). Es ist nicht gleich gültig,
wie wir mit "dem Geringsten" umgehen - um Jesu willen!
Jesus identifiziert sich ausdrücklich mit "den Geringsten" - als wollte er sich an
ihre Würde klammern, damit sie sich nicht verflüchtigt, nicht vollends abhanden
kommt.
Vielleicht identifiziert sich Jesus auch mit den "Geringsten", die sich verweigern, und ihrer Würde, damit die Liebe sich nicht verflüchtigt und ihnen vollends abhanden kommt; damit sie nicht zu Unmenschen werden, hart und fühllos gegenüber fremden und dem eigenen Elend.
Aus diesem Text stellten sich mir zwei Fragen: zum Einen die Frage nach dem Tun der Gerechtigkeit zugunsten der "Geringsten" um uns herum. Und zum Anderen nach dem Umgang mit dem "Geringsten" in uns selbst. Denn das hat Auswirkungen auf die andern. Zunächst: Ich habe in Berlin Menschen erlebt, die wegschauen, und solche, die sich engagieren und versuchen Taten der Liebe zu tun - auch die Kirchen. Ganz praktisch. Rund ums Kottbusser Tor gibt es (Not-)Unterkünfte, geöffnete Kirchen (St. Michael) oder geheizte kirchliche Räume (z.B. das Zentrum gegen Ausgrenzung, Hl. Kreuz, ev.). Es gibt Suppenküchen (z.B. Schwestern von Mutter Teresa von Kalkutta) und auch ambulante Versorgung mit warmer Suppe, Tee und Kaffee (Heilsarmee) zu festen Zeiten. Es gibt die Berliner Tafel (Gutes von Gestern und Vorgestern - umsonst). Es gibt (zahn)medizinische Versorgung (im umgebauten Wohnmobil jede Woche; außerdem Spritzentausch alt gegen neu).
Die Anfrage an jeden von uns ist und bleibt: Wo stehe ich? Verspüre ich in mir das Verlangen nach einer Welt, in der etwas weniger Hunger und Durst und Unbehaustheit herrschen, wo es etwas weniger Ins-Abseits-gestellt-Sein gibt? Wo und in welcher Weise veranlasst mich meine Sehnsucht zu einer Reaktion der Liebe? Was kann mein Beitrag sein? Davon hängt nicht nur das Heil der anderen ab, sondern auch meins.
Und jetzt, vorgeordnet eigentlich, die andere.
Zuhause, da bin ich die Pfarrerin, die (von außen betrachtet) immer alles geregelt
kriegt und kriegen "muss". Aber die war ja in Hagen geblieben! In Berlin, in der Gesellschaft
derer, die ihre schwache Seite nicht verbergen können, d.h. damit leben
müssen, ist mir aufgegangen, was es heißt "ich" zu sein, "ganz", mit mir eins zu sein.
Jeder von uns ist beides! Es ist ein Trugschluss zu meinen, die starke Seite sei
"alles".
Sobald wir unser "Geringstes" abspalten/ignorieren, macht uns das "kaputt". Mir scheinen Klagen "ich bin so kaputt!" genau damit zusammenzuhängen, dass die "starke" Seite in un-guter Weise überbeansprucht ist - zu Lasten der bedürftigen.
Daran, wie ich mit "dem Geringsten" in mir umgehe, mit meinen verletzlichen Seiten und Erfahrungen von Verletzung, von (Schutz-)Bedürftigkeit, von Gebrochenheit - daran entscheidet sich ganz viel. Dürfen sie sein? Oder müssen sie, kaum dass sie sich rühren, alsbald verschwinden, damit ich sie nicht (und erst recht kein anderer) ansehen muss?
Wenn ich die immer deckele, werde ich mir selbst gegenüber unbarmherzig, hart und kalt. Dann ist es nur ein kleiner Schritt dahin, allen anderen ebenfalls Liebe, Freundlichkeit, ein gutes Wort vorzuenthalten/abzuschneiden. An der Liebe, die wir uns selbst antun/erweisen, entscheidet sich unser Elend oder Nicht-Elend und eben auch Elend oder Nicht-Elend der anderen.
Es ist nicht gleichgültig, wie wir mit "dem Geringsten" umgehen! Meine Erfahrung in dieser Zeit in Berlin war: "mein Geringstes" ist etwas sehr kostbares, ein wichtiges Regulativ. Es ging mir gut damit! Und mir ist wichtig geworden, es nicht (aus den Augen) zu verlieren!
Die Trennlinie zwischen "den Schafen und den Böcken"(V.33) zwischen denen, die bedürftig sind, auch an sich selbst wahr-nehmen, und denen, die darüber hinwegsehen, verläuft (vermutlich nicht nur bei mir) mitten durch mich selbst hindurch. Wir können sie an unserer Sehnsucht nach Liebe spüren, an unserer Sehnsucht "ganz" zu sein, mit allen Seiten, angenommen zu sein so, wie wir sind. Diese Sehnsucht verbindet mich mit den "Menschen auf der Straße" Es ist exakt dieselbe Sehnsucht. Und die kann sich keiner selbst befriedigen.
"Was ihr getan - oder auch: nicht getan habt - einem meiner geringsten Brüder-
Schwestern, das habt ihr mir getan - oder auch nicht!" (V.40+45)
Dieser Satz rührt an Ur-adventlichtes, an die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Heilwerden.
Diese Sehnsucht ist Advent pur. Mit ihr (wieder) in Kontakt kommen, ihr
Luft verschaffen, sie wach halten; ihr nicht aus dem Weg gehen - darum geht es im
Advent.
Und darum: uns auf das Kommen des Immanuel einzustellen, der "all unsre Not zum Ende bringt."
Hagen 29. 11.2002,
Predigt zum 1. Adventssonntag im Krankenhaus
Vom 17.-25.04.2004 durfte ich einen weiteren Kurs von Exerzitien auf der Straße
im Team mit Christian, Klaus und Dora mitbegleiten. In den zwei Jahren zuvor
hatte ich auch schon die Gelegenheit dazu, doch in diesem Jahr war etwas anders:
Ich nahm mir die Freiheit, um bei der Wohngemeinschaft in der Naunynstrasse, bei
Christian, Franz und Stefan, Ramon, Georg, Peter und einigen anderen zu Gast zu
sein. Mit Dora, einer evangelischen Pfarrerin aus Hagen, die ebenfalls die Exerzitien
mitbegleitete bewohnte und teile ich das Zimmer in dieser Zeit. Mit ihr durfte ich in
diesen Tagen auch einige Gottesbegegnungen erspüren. Gott gab sich auch mir an
den verschiedensten Orten im brennenden Dornbusch zu erkennen.
Die erste Erfahrung machte ich am Sonntag. Ich ging gemeinsam mit Dora und Chris-
tian zum Gottesdienst in die ev. Thomaskirche. Am Ende des Gottesdienstes sagte Dora weinend zu mir: "Ich kann es noch nicht fassen, dass Du heute mit mir den Gottesdienst feierst. Ich gehe häufig zu den katholischen Gottesdiensten, allerdings erlebe ich kaum Katholiken, die mit mir einen evangelischen Gottesdienst feiern." Ich war gerührt und beschämt zugleich. Auch ich gehörte bis dahin zu der Gruppe Katholiken, die sich normalerweise am Sonntag nicht in eine andere christliche Kirche bewegen.
Am Mittwoch machte ich mich morgens mit Dora auf den Weg zu meiner Gemeinschaft in die Torstraße. Im Hof erwartete uns eine Seniorin der Gemeinde und lud uns zum ökumenischen Frühstück ein. Ich freute mich, dass wir gemeinsam, sozusagen ökumenisch kamen. Wir stellten uns vor und erwähnten auch, dass wir zur Zeit "Exerzitien auf der Straße" begleiteten. Eine evangelische Pfarrerin der Nachbargemeinden frug, ob wir nicht etwas ausführlicher berichten könnten was "Straßenexerzitien" seien. Und so begannen wir von eigenen und von Erfahrungen der Teilnehmer der letzten Jahre zu erzählten. Als Antwort auf unser Erzählen bekamen wir das Thema dieses Treffens genannt: "Begegnung" und einen Dank, dass unser Kommen und Erzählen so gut gepasst hätte. Danach las eine andere Seniorin eine Geschichte vor, die "genau" solch eine Gotteserfahrung wiedergab, wie sie ExerzitienteilnehmerInnen am Ende eines Tages oft berichteten. Alles nur Zufall? Wir merkten, dass an diesem Ort der Dornbusch brannte.
Am Donnerstag, machten wir uns auf den Weg zu einem muslimischen Begräbnis. Ich hatte mir morgens Brote für den Tag bereitet. Wir saßen kaum in der U-Bahn, tief im Gespräch vertieft, als uns ein bettelnder junger Vater mit seinem Kind störte. Er ging mit einem Schild bettelnd vorbei. Ich reagierte nicht schnell genug, er war schon vorbei, als mir meine Brote einfielen. Ich rief hinter ihm her und bot ihm dieses an. Er kam zurück und so holte ich die Tüte aus meiner Tasche. Ich wollte die Tüte öffnen als Dora zu mir sagte: "Gib doch alles!". Ich war beschämt. Allein hätte ich nur einen Teil gegeben.
Am gleichen Abend wartete ich nach unserem Gruppengespräch noch auf Dora und Christian. Doch deren Gesprächsgruppe dauerte an diesem Abend außergewöhnlich lang und so ging ich nach einer Zeit des Wartens allein in Richtung Naunynstraße. Kaum auf der Straße angelangt sah ich von weitem einen Mann, der versuchte sich mitsamt seinen zwei Krücken, die am Boden lagen, aufzurichten. Ich ging hin und frug, ob ich behilflich sein könnte. Er nahm die Hilfe gerne an. Während ich ihm beim Aufrichten half bemerkte ich, dass er sich die Stirn aufgeschlagen hatte und dass er betrunken war. Ich frug, ob er Hilfe für den Heimweg wünschen würde. Er sagte ja und im weiteren Gespräch erfuhr ich, dass er im Heim für Obdachlose wohnte. Er nannte die Straße und ich wusste, dass es gleich um die Ecke war. Und so marschierten wir zwei los. Mehrmals hatte ich Angst, dass er meinem Arm entgleiten und ein weiteres Mal fallen könnte, oder dass ich über den Stock, den er so unbeholfen stellte, fallen könnte, doch es ging alles gut. Während des Weges unterhielten wir uns und dann kam auf einmal die Frage: "Madame, warum tun sie das?" Dabei blieb er stehen und schaute mir in die Augen. Stille. Dann antwortete ich: "In meinem Mitmenschen begegnet mir Gott." Stille. Wir gingen wortlos weiter.
Vor der Haustür verabschiedete er sich dankend bei mir mit Handschlag und wollte mir einen Handkuss geben. Ich zögerte, es viel mir schwer diese Geste von ihm anzunehmen, dann wehrte ich mich nicht mehr und lies es zu. Froh und glücklich ging ich heimwärts. An der nächsten Ecke traf ich eine Exerzitienteilnehmerin. Der erzählte ich meine Begegnung. Dabei kamen Dora und Christian hinzu und auch ihnen erzählte ich. Dann gingen wir gemeinsam in die Naunynstraße. Mir war ganz wohl ums Herz.
Am nächsten Tag bei der Fußwaschung merkte ich, dass der Handkuss für mich ein ähnlicher skandalöser Ausdruck war wie für Petrus die Fußwaschung. Doch nach kurzem Zögern hatte ich es zugelassen. Noch jetzt spüre ich: Gott hatte mich durch diesen geschundenen und verwundeten Mann berührt.
Und eine weitere sich auf den Anfang beziehende Erfahrung machte ich beim Abschlussgottesdienst am Sonntag. Da kamen mir vor Freude die Tränen als ich merkte, wie behutsam Dora mit uns katholischen Christen während des evangelischen Gottesdienstes umging. Da berührte mich die mütterliche Zärtlichkeit Gottes.
Berlin 27.4.2004
Gedanken zu den Exerzitien auf der Strasse: Ich weiß noch, dass ich Hagar war, die in die Wüste aufbrach, zornig, wie sie war, den Engel traf, der sie fragte, woher sie denn kam und wohin sie gehen wollte. Da hält sie inne, findet den Gottesnamen und kehrt zum Ort ihres Ärgernisses zurück. Meine Wüste war groß und kahl, voller Dornenbüschen und versteckten Brunnen, nach denen man erstmals suchen musste. Ich kannte den Zorn, der brannte, die Sehnsucht, die brannte, mein Bündel waren Fragen, die niemand beantwortet hatte: warum. Und: wohin des Weges.
Ich brach in die Wüste auf, bis ein Engel kam, mich an seine Hand nahm und mich zu den Dornenbüschen führte. Spielende Gotteskinder, ein Mann im Beerdigungsinstitut, ein Philosoph im Waschcenter, ein Straßenmusiker, plötzlich beschrieben sie Orte, die heilig waren, weil in ihnen das Licht Gottes brannte. Versteckt oder hell lodernd. Es war schön, auf der Strasse zu gehen, offene Türen zu suchen, und vor geschlossenen nicht Halt zu machen, sondern den Staub von den Füssen zu schütteln, wie es hieß. Sich selbst neu zu entdecken in der Offenheit, in der Einsamkeit, in der Stille.
Der Zorn ist wichtig. Die Klage und der Schmerz, der zugelassen wird. Ich hielt meinen Schmerz zurück, wie die Wunden, die niemand sehen darf. Aber sie können nur heilen, wenn sie offengelegt werden, und nur, wenn man sicher ist, dass sie sanft berührt werden. Dass die Hände, die sie berühren, gewaschene Hände sind. Ich fand solche Hände, in denen, die mich in diesen Tagen begleiteten, Hände, die heilten. Ich habe Gott gesehen, in diesen Tagen, und es war ein Gott der Leichtigkeit, der umarmte. Wenn man zurückkehrt zu Gott ist es so, als wäre man nie weggewesen.
Wien 29. April 2004
Farben
Töne
Bilder
aus Linien, Flächen, Formen und Musik,
mitten im Dunkel und Chaos dieser Welt
in Menschen lebendig und
durch Menschen zur Welt gebracht.
Ein Regenbogen,
am "Ende der Geschichte",
der zeigt, dass die Geschichte weitergeht,
der Hoffnungszeichen ist, und
mit jedem Menschen
einen neuen Farbakzent der Welt zeigt,
ihn und sie in SEINEM Licht erstrahlen läßt.
Der Klang
des Himmels in Berlin
Laute
laute, leise
heiser, kräftig, jung und alt
männlich weiblich
aus allen Ländern der Welt
aus Norden Süden Osten Westen
Sprachen der Welt
zusammengekommen aus der Zerstreuung
zurück in die Gemeinschaft der Menschheit.
Über Berge und Täler,
auf Wegen, die sich kreuzen,
in eine Ecke Berlins.
Wo sich Menschen begegnen
ein Ort der Nähe, des Schutzes und der Unterstützung
überwunden die Berge aus Schutt und Asche zerbrochener
Beziehungen
Brücken gefunden über die Abgründe der menschlichen Seelen
Wege, breite und schmale
verschlungene und gerade
unerwartet auftauchend aus dem Dunkel
weil ein Licht sie zeigt.
Orientierung für die Verlorenen
Halt für die Strauchelnden
Hilfe für die Gefallenen
und manchmal Aufstehung von Toten
In einem Wunderland
verborgen
hinter grauen Wänden
geborgen
zwischen zwei Etagen
in einem alten Haus dieser Welt
an einem Ort auf einem Berge.
Wo Gott immer noch Mensch wird.
Lateinamerika 25. Februar 2003
Vor zehn Jahren war ich für ein paar Wochen in der Republik Süd-Afrika. Das war vor der dortigen "Wende" zum Besseren = zur Selbst-Bestimmung aller dort Lebenden.
Mit Trampen und Bus-fahren und mit nur einer Anlauf-Stelle in Johannesburg habe ich mich durch einen Teil des Landes bewegt und sehr verschiedene Menschen "kennen"-gelernt. Einer davon war Fintan. Fintan fährt jeden Tag von Johannesburg nach Pretoria, arbeitet in der Computer-Branche. Mehr habe ich nicht wissen wollen über seinen Brot-Erwerb.
Fintan hat mich und ein junges Pärchen aus England (oder war's Australien? - sprachen ein gutes Englisch, also wohl eher England!) von Pretoria nach Johannesburg mitgenommen. Ich saß, als Einzelwesen neben dem Fahrer. Das Pärchen nahm an unserem Gespräch keinerlei Anteil. Nach einigen small-talks, oberflächlichem Rundum- Politisieren habe ich mich als kommunistischer Christ zu erkennen gegeben - nicht sehr differenziert von mir und auch nicht besonders tiefsinnig = ich wollte mich auch ein wenig wichtig machen. Auch ist mein englischer Wortschatz doch ziemlich begrenzt!
Fintan ist darauf gleich angesprungen und hat sich als christlicher Fanatiker o.ä. bezeichnet!! Obwohl uns Fintan noch durch die halbe Stadt zur Jugendherberge gefahren hat, haben wir diesen Ansatz und sich daraus ergebende mögliche Gemeinsamkeiten nicht verfolgt. Er hat mich aber in seine Wohngemeinschaft, seine "community" in Hillbrow eingeladen und mir seine Telefonnummer gegeben. In Hillbrow hatte ich 1967 monatelang gelebt (und in Germiston in einem Chemie-Großhandel gearbeitet).
Als ich mich dann bei ihm telefonisch meldete, wollte er mich auf der Stelle mit seinem Auto abholen. Ich hielt das für "too much" - zumal ich nur 10 Minuten zu Fuß, wo er wohnte, entfernt war. Er bestand aber darauf - auch, weil es da zu gefährlich sei. Es war auch schon dunkel.
Fintan lebt mit fünf erwachsenen Männern (außer ihm nur noch einer weiß, s.u.) in einem Nebengebäude - hinter einer ansehnlichen Villa versteckt. Die Beziehung zwischen Haupt- und Nebenhaus habe ich nicht versucht aufzuklären - auch weiß ich nicht, wer alles vorn wohnt. Der Verwalter für beide Häuser ist ein weißer Bure. Der hat spät in der Nacht noch einen großen Teller mit warmem Essen geschickt: Kartoffeln, Gemüse und Fleisch: sehr lecker! (Außer mir ist aber keiner (mehr?) hungrig). Fintan sagt, dass bei ihnen noch nie jemand zu hungern brauchte. Neugierig, aber auch, um mich zu bedanken, habe ich ihn gleich aufgesucht. Er hat mir freundlich, aber heftig ins Gewissen geredet: ich soll dem ANC nicht trauen! Nicht nur, weil der Hass sät, sondern weil er eine Xhosa-Organisation ist und als solche andere Stämme tyrannisiert. Ich meinte, dass er als Weißer und dazu noch als Bure wohl nicht besonders berechtigt sei, solche statements abzugeben! Das lässt er nicht gelten, reagiert aber verständnisvoll - für mich sehr überraschend = auch ich war (und bin) voller Vor-Urteile!
Ich vermute, dass seine Abneigung gegen den NC = die Vertretung der Xhosa daher
rührt, dass der (besonders in Johannesburg/Natal) den Ton angibt und von daher
auch die meisten Schweinereien auf sein Konto gehen. Es steht aber auch fest, dass
die Organisation der Zulu's = die Inkatha extrem paternalistisch ist (anti-gewerkschaftlich
sowieso) und dass Inkatha traditionell mit der weißen, "nationalen" Regierung
paktiert haben - und besonders auch mit der (weißen) Geheimpolizei!!!
Dieser Bure aber verhält sich gegenüber allen "Schwarzen Brüdern" gleichermaßen
freundlich und paternalistisch! Sein Verhältnis zu Fintan kann ich nicht einschätzen
- ich habe sie nicht zusammen gesehen und war ja auch nur einen (langen) Abend
dort. Mein Interesse galt eindeutig Fintan!
Fintan ist ein erstaunlicher Mensch: nicht nur, dass er seit sieben Jahren (seit er dort lebt) sein gesamtes Einkommen einbringt (und sich um Spenden-Gelder kümmert):
- er akzeptiert sowohl einen Xhosa als Mitbewohner, von dem alle sagen, er habe "über-natürliche" Fähigkeiten - was sich bei seinen Wetter-Vorhersagen, aber auch bei Charakter-Analysen von ihm bekannten Menschen zeigt. (Leider war er bei meinem Besuch nicht zu Hause = ich hätte mir gern sein Bild von mir angeguckt)
- er akzeptiert ebenso einen recht autoritären englisch-sprachigen Weißen, der sich mir als ehemaliger Trotzkist zu erkennen gibt und der plötzlich eine Gitarre hervorholt und alle Anwesenden nötigt, Glaubenslieder mit ihm zu singen
- er akzeptiert auch den jüngsten "Zugang", einen bei einer Auseinandersetzung zwischen
Schwarzen schwer verletzten Zulu: der hat weder an den Menschen, noch an
Gott ein Interesse.
So etwas müsste es in Kreuzberg auch geben.
So etwas gibt es in Kreuzberg seit 25 Jahren
Berlin-Kreuzberg 2003
D u g i b s t
Ruhelosen Ruhe
Sprachlosen Sprache
Erzählenden Zuhörer
Obdachlosen Obdach
Trauernden Trost
Einsamen Zuneigung
Ängstlichen Mut
Suchenden Impulse
Zweifelnden Vertrauen
... und vieles, vieles mehr!
Wien 2003
Was auch immer geschieht,
Die Sonne hört nicht auf zu scheinen,
Der Regen hört nicht auf zu fallen.
Was auch immer geschieht,
Die Blumen hören nicht auf zu blühen,
Die Blüten hören nicht auf zu verwelken.
Was auch immer geschieht,
Verzweiflung ist,
Freude ist.
Solingen 2003
Vor etwa acht Jahren schrieb ich ein Stückchen meines Lebens, ein Stückchen Wirklichkeit, herausgekramt aus allerlei Notizen und Zettelkästen, es war mir sehr wichtig.
Der Kibbuz war von einem hohen Drahtzaun mit Stacheldraht umgeben. Das lange, eiserne Tor war verschlossen. Du hattest Zeit. So kurz vor dem Ziel, konnte dich ein letztes Hindernis nicht abhalten, es zu überwinden. In dem benachbarten Pförtnerhäuschen befand sich niemand. Wohl gab es außen eine Telefonanlage und daneben war ein Nummernverzeichnis der Bewohner. Im Nachhinein war es dir nicht mehr
möglich, die genaue Anzahl aller Nummern zu nennen oder dich zu erinnern, ob die Nummern eine oder zwei DIN A4 Seiten ausfüllten. Im Grunde interessierte dich nur ein Name, und den fandest du tatsächlich. Da stand der Name Jakobs, seine Nummer daneben. Jedoch du warst nicht angemeldet. Die Scheu, gleichsam mit der Tür ins Haus zu fallen, war stärker, als die telefonische Verbindung auszuprobieren.
Mittlerweile kam ein Wagen aus dem Innern des Kibbuz ans Tor. Das Fahrzeug stoppte, und das Tor, wie von einer Geisterhand bewegt, öffnete sich automatisch. Der Fahrer nahm von dir keine Notiz, sondern bog in beschleunigter Geschwindigkeit in die Hauptstraße ein. Das Tor schloss sich hinter ihm. Es war aber lange genug offen geblieben, dass du hättest hindurchgehen können. Du bliebst, wo du warst, denn auf der anderen Seite war niemand zu sehen, der den weiteren Weg weisen konnte. Es würde schon eine bessere Gelegenheit kommen, um die Torschwelle zu überschreiten. Tatsächlich dauerte es nicht lange, und der Augenblick schien diesmal günstiger.
Von der Landstraße her näherten sich zwei Fußgänger dem Kibbuzeingang. Von Ferne machten sie auf dich keinen abweisenden, eher einen freundlichen Eindruck. Schnell entschlosst du dich, dich an sie zu wenden. Die Fußgänger wurden noch von einem Fahrzeug überholt. Auf der inneren Seite tauchte ein Lieferwagen auf. An dem eben vereinsamten Tor war mit einem Mal reger Verkehr. Du hieltest dich an deinen gefassten Entschluss und sprachst die beiden Israelis an. Dafür benutztest du die paar hebräischen Brocken, und die wiesen dich an den Fahrer des Lieferwagens. Ehe du dich versahst, hattest du deinen Sitzplatz neben dem Fahrer. Es war ein schweigsamer Mensch, dir konnte es nur recht sein, da du völlig damit beschäftigt warst, dich in der neuen Situation zurechtzufinden.
Es dauerte keine fünf Minuten, und ihr hattet einen Gebäudekomplex erreicht. Der Fahrer stoppte, du schautest ihn fragend an, und er wies mit der Hand und knappen Worten in eine Richtung, in der du den Gesuchten finden könntest. Du klettertest aus dem Lieferwagen, sagtest wohl, "todah, todah rabah - thanks, many thanks!", und achtetest darauf, dass du deine Sachen zusammenhieltest. Du kamst deinem Ziel näher. Wie unkompliziert dein Vorhaben ablief!
Niemand hatte dich bisher gefragt, wer du warst und woher du kamst und was du hier wolltest. Diese Vertrauenshaltung dir gegenüber war wirklich erstaunlich. Die Ruhe, der Frieden und die Stille ringsum machten die ganze Atmosphäre leicht erträglich und sehr angenehm. Die Eindrücke deiner neuen Umgebung begannst du zu ordnen.
Die Gebäude stellten sich schnell als eine Art Schuppen heraus. Ihre Tore waren weit geöffnet. Vor ihnen und in ihnen standen Traktoren und Landmaschinen und Autos, teilweise auf Hebebühnen. Das Ganze war unschwer als Fahrzeugwerkstatt des Kibbuz zu erkennen.
Die Menschen in ihren Overalls und Blaumännern werkelten an den Maschinen und warteten und pflegten oder reparierten die Autos. Draußen fiel dir ein vornehm gekleideter Herr auf. Es handelte sich bei ihm wohl um einen Kunden. Er bedachte dich mit einem kurzen Gruß. Die Techniker hingegen nahmen von dir keine Notiz. Die ganze Situation war irgendwie komisch. Da standest du als Fremder unter Frem-
den und niemand nahm Anstoß an dir, niemand hegte Misstrauen gegen dich. Mit einem Mal durchströmte dich ein starkes Empfinden. Es kam dir vor, als wenn du hier schon tausendmal gestanden hättest. Trotz der schnellen Szenenwechsel dieses Tages war dir alles hier sehr vertraut. Die Einheimischen ließen dich gewähren. Bis jetzt wusstest du immer noch nicht, wer der Herr Jakobs war und wie er überhaupt aussah. Das sollte sich bald ändern. Zunächst schautest du dir die nähere Umgebung bei den Reparaturwerkstätten an, dann wagtest du dich zurück und in die Reparaturhallen hinein. Der eine Techniker war zu jung, von dem anderen glaubtest du es nicht. Schließlich betratest du einen anderen Raum mit hohen Regalen. Er machte den Eindruck eines Ersatzteillagers auf dich. Er war menschenleer. Was war zu tun? Auf der gegenüberliegenden Seite standen die Tore offen, da ging es wieder hinaus. Es gab keinen Zweifel, der von dir Gesuchte war bestimmt hier ganz in der Nähe. So nah am Ziel ließest du dich nicht irremachen.
Da gab es eine weitere Tür. Sie stand halboffen. Jemand befand sich in dem anschließenden
Raum. Er war etwas klein. Ein Mann in blauem Arbeitsanzug stand am
Tisch und blätterte in irgendwelchen Akten oder Rechnungszetteln. Ein Mann saß
an einem Tisch vor einem Computer. Du musstest innerlich lachen. In der hintersten
Ecke des Kibbuz hatte also die Computertechnik Einzug erhalten. Dieses Metier war
dir vertraut, du schautest dem Israeli über die Schulter auf den Bildschirm.
Der Israeli hatte eine Kappe auf dem Kopf, ein T-Shirt und eine kurze Hose an.
Irgendwie wirkte dieser Typ auf dich ziemlich mitteleuropäisch. Dann wandtest du
dich an seinen Kollegen am Tisch und fragtest ihn unvermittelt auf Hebräisch: "Entschuldigung,
mein Herr, ist hier der Herr Jakobs?"
Mit einer bereitwilligen Kopfbewegung deutete er auf die Person hinter dir. Du
brauchtest dich nur umzudrehen und hättest dem Mann Auge in Auge gegenüber
gestanden, um dessen willen du dich heute morgen auf den Weg gemacht hattest.
Er lebte, es schien ihm gut zu gehen. Es war gut.
Nochmals schautest du ihm zu, bevor du dich endlich trautest, ihn zu fragen: "'atah
'adon Josef Jakobs? - bist du Josef Jakobs?"
Er erwiderte deine Frage mit einem Kopfnicken und mit der Gegenfrage: "mah 'atah
zarich? - und was willst du?"
Du sagtest auf Hebräisch, dass du ihm einen Brief aus deiner Heimatstadt in Deutschland geschrieben habest. Daraufhin fragte er spontan auf Deutsch: "Wie heißen Sie?" Du nanntest ihm deinen Namen. Es entspann sich eine kurze Unterhaltung in Hebräisch und Deutsch. Er fragte dich nach deinem Aufenthaltsort in Israel und für wie lange du hier bleiben wolltest. Dann erklärte er dir, was er am PC tue, dass es eine Datenfernübertragung sei. Eine Dame in Jerusalem teile ihm per Telefon mit, wie die Anwendung zu bedienen sei. Du dachtest nur, dass dies alles wie in deiner Heimat sei. Eine Weile bliebst du bei ihm. Wenn die Datenübertragung erfolgreich war, erschien auf dem Bildschirm die Meldung lehithra'oth - goodbye. Dann begann Josef zu summen "lehithra'oth". Sein Summen mischte sich mit dem plötzlichen Rattern eines Druckers für die Statistikdaten der Übertragung. Da Josef aber zu tun hatte, trenntest du dich fürs erste von ihm bis zum Abendessen und besahst dir alleine den Kibbuz.
Und wenn dein Lebensfaden jetzt durchschnitten würde, so hätte dein Leben einen Sinn gehabt, es wäre wert gewesen, geführt zu sein. Die Begegnung mit einem, der dem Bösen widerstanden und obsiegt hat, war Erfüllung genug. Er war so etwas wie ein Held. Er hatte gelebt, er hatte gearbeitet und damit war ihm Gerechtigkeit widerfahren. Er war Vorbild, ein gelungenes Leben. Wenig, sehr wenig war bekannt über seinen Lebensweg, nur eben, dass er seine Heimat vor den Nazischurken verlassen hatte und dass er am Ziel angekommen war. Du warst noch ganz in Gedanken versunken, als mit einem Male Alisah auftauchte. Ihr Gesicht war voller Lachen. Sie winkte dir zu und sagte dir, dass du dir deine Hände im Speisehaus waschen könntest. Dann gingt ihr gemeinsam den Weg zum Speisesaal hinauf. An ihrer Seite fühltest du dich sehr wohl. Sie erzählte dir, dass Josef dich schon gesucht hätte. Für euer Gespräch benutztet ihr dir englische Sprache. Es fiel dir viel leichter als das Ivrith....
Dann fragte er direkt: "Sind Sie ein Jude?"
Da legtest du zum ersten Mal ein Bekenntnis ab, indem du "Nein, nein" erwidertest
und mit dem Kopf schütteltest....
In seinem Bungalow wies er dir einen Platz auf der Couch zu. Bei einer "koos qaffae",
einem Glas Kaffee‚ und einem Keks schaute sich seine Familie mit dir das israelische
Programm an. Zugleich führte eine seiner beiden Töchter mit der Teleskopbedienung
die besonderen technischen Vorzüge des Apparats vor. Du sahst
deutlich, im Kibbuz hatte die high tech und das Privateigentum seinen Einzug erhalten.
War aus dem Kibbuz nicht längst ein Moschav schittufi oder owedim geworden?
aber das sagtest du deinem Gastfreund nicht laut, nur der Gedanke daran tauchte
ganz kurz in deinem Innern auf.
Dafür bewunderst du um zehn Uhr den Kuckucksruf seiner Wanduhr, und da
nahmst du deine wenigen hebräischen Brocken zusammen, um dich für diese Nacht
zu verabschieden. Josef begleitete dich bis zu deinem Gästebungalow.
Dann warst du wieder allein, und doch wusstest du, dass du das Ziel deiner Reise erreicht
und nicht nur das, sondern darüber hinaus einen Meilenstein in deinem Leben
gesetzt hattest.
Noch einmal begutachtetest du deine kleine Wohnung für diese eine Nacht. Sie war so geräumig, dass darin gut eine fünfköpfige Familie Platz finden konnte. Die beiden Schlafräume, die Diele, die kleine Küche und das Bad waren reinlich und ordentlich. Nach zehn Uhr in elektrischem Licht besehen, wirkte die ganze Ausstattung besonders anheimelnd.
Im Schlafraum nebenan standen drei Betten. Es schien gewöhnlich das Zimmer für die Kinder zu sein. Durch das geschlossene Fenster drang nur die Dunkelheit der Nacht. Wenn im Sommer eine israelische Familie hier einzieht, wird die kleine Wohnung wohl von Leben, Lachen und Stimmen erfüllt sein. Du allein fülltest die Räumlichkeiten nicht aus.
Die Dusche im Badezimmer benutztest du für den allabendlichen Waschritus deines Körpers. Mit dem bereitliegenden blau-rosafarbenen Handtuch trocknetest du dich ab. Dann begabst du dich in das Zweibettzimmer. Vor dem Fenster war eine Art
Moskitonetz gespannt. Die Vorhänge waren offen, das Fenster auf Kipp gestellt. Deine
Kleidungsstücke und die wenigen Sachen aus deinem Leinenbeutel ordnetest du
auf dem freien Bett und auf dem Stuhl, teilweise auf dem kleinen Tisch. Dein Bett
war mit hellweißem Leinenzeug neu bezogen und gedeckt. Du öffnetest es, faltetest
die Wolldecke zusammen und legtest sie auf den Sessel. Das leichte Leinentuch
schlugst du zurück. Für die Nacht reichte es zum Zudecken vollkommen. Schon saßt
du auf der Bettkante, machtest das eine Kissen für deinen Kopf zurecht.
Für einen Moment überlegtest du, ob die Außentür verschlossen war. Die Zimmertür
war angelehnt. Es lohnte sich nicht, aufzustehen und nachzusehen. Hier im Kibbuz
würde dir des Nachts niemand ein Unrecht zufügen. Du fühltest dich sicher, geschützt
und geborgen. Mit einem Ruck saßt du im Bett, rutschtest unter die Decke
und erwartetest willkommen den Schlaf.
Diese Nacht im Kibbuz war für dich weit mehr als nur eine Entschädigung für das verlorene Portemonnaie, sie war eine Kompensation vieler Enttäuschungen deines Lebens.
Die Ruhe und der Friede blieb in dieser Nacht erhalten. Durch nichts und niemanden gab es eine Störung. Jegliche Regung der Leidenschaften war verschwunden. Es war eine Erholung für Leib und Geist. Der neue Morgen brach in Frieden und Einigkeit an. Aus der Geborgenheit des Kibbuzdaches erhobst du dich für den neuen Tag. Die Welt schien in Ordnung. Eine neue Perspektive hatte sich aufgetan. Die Begegnung mit einem Menschen war Sinnerfüllung schlechthin. Die ganze Welt hatte davon keine Kenntnis genommen. Sie verharrte in Gleichgültigkeit, die Geschöpfe ließen sich die Ohren von Geschrei und Gebrüll vollblasen, die anderen Menschen rasten dahin. Sie liebten den Lärm. Deine Begegnung fand in Uneigennützigkeit statt. Du warst befriedigt, denjenigen zu sehen, der dem Inferno entgangen war, und es war gut. Eine neue Kraft war dir zugewachsen. Mut und Zuversicht erfüllten dich nicht aufzugeben, sondern den Lebensweg weiterzugehen.
Herten 5. Januar 2004, Teilnehmer von Exerzitien auf der Straße
If the truth is not life it is nothing
You don't have the truth in your notes
You don't have it in your drawer,
You don't have it among your files,
IF THE TRUTH IS NOT LIFE IT IS NOTHING.
You can't contain truth in a poster
Nor in a book nor in a computer,
Nor in a slogan, nor in a tract,
IF THE TRUTH IS NOT LIFE IT IS NOTHING.
You don't own truth as you own a possession,
As a treasured object, as a piece of merchandise,
You don't own the truth as you own something.
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
I thought I had found the truth
Because I had studied a great deal,
And read and written and heard.
BUT A TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
I thought a truth once understood
Was understood permanently
And possessed definitely.
BUT A TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
Truth is not obtained
Like a piece of stuff
In a market place.
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
You cannot find out the truth
Once and for all and for ever
Like a country you discover.
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
You don't settle yourself down in truth
Like a land you colonize,
And in which you plant your flag.
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
The truth is something
We discover every day,
We read every morning.
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
What is now as clear as crystal
Will be lost in doubt an hour hence,
And be a riddle in a month.
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
I have gathered the pearls of price
The better texts and strongest thoughts
In order to have them at hand.
I made out tons of notes,
Filled and labeled and arranged
Tons of truth.
But multipliable truths
Are not the same thing
As Truth with a capital T.
Truth is eternally living,
The truth with a small t is dead,
That is why we file them away.
We possess the truths, we have them,
But the truth possesses us,
And forces us to submission.
If you are searching for the truth,
Begin to live it in fullness,
Begin to accomplish it now!
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
I thought we could establish God
By able proofs and reasoning,
Logic and subtle ways of thought.
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
You are asking for proofs in order to believe,
But faith cannot be built on rationality.
The only proof is that which you give to yourself.
FOR FAITH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
Do you think by a discussion
To arrive at a certitude? .......
But certitude springs out of life!
Yes, certitude is something
Active, alive and pulsating,
Continually gushing and new.
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
Oh, we would like to have a well-established faith,
Evident, clear and bright, immediately grasped,
A faith sheltered from doubt and beyond question marks.
BUT FAITH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
We would like to prove God by means of syllogism,
We would like to prove God by means of reasoning,
We would like to prove God by arguments and words.
BUT GOD CANNOT BE FOUND AT THE END OF A SPEECH.
We wish to have a God of whom we could be sure.
We wish to have a God to guard and to enclose.
We wish to have a God we could put in a shrine.
BUT A CIRCUMSCRIBED GOD IS A DEAD IDOL.
We look for arguments, we ask for reasoning,
For proofs no doubts attached, shining, limpid clear,
To assure our faith against casualties.
BUT FAITH WHICH IS NOT LIFE IS NOTHING.
Oh, you would like to believe?
Begin to - L O V E - and you will find
The way to God within your life,
FOR FAITH WHICH IS NOT - L O V E - IS NOTHING.
The road of faith is to be sought every day.
The road of truth must be continuously repaved,
And only - L O V E - will guide and lead us to God's way,
FOR THE TRUTH WHICH IS NOT - L O V E - IS NOTHING.
FR. HENRI BOULAD SJ
Aus Afrika zugeschickt am 9. Dezember 2003
Nicht ein Gott -
die Menschen
machten die Religionen!
Darum gleichen sie einander;
als ob die Menschen
ihrem Gott zu dienen glauben.
Wie sehr die Götter
den Menschen dienen,
zeigt Ihre Liebe zu uns.
Ob Original,
ob Nachbildungen -
lernen wir, in dieser Liebe zu leben!
Berlin 20. Oktober 2003 Wolfgang Huemmerich
glaube ?
liebe ?
leben ?
glück ?
hoffnung
einsamkeit
schmerz
kreuzberg
willkommen
behutsamkeit
zeit
ich sein
keine erwartungen erfüllen müssen
angenommen werden
angehört werden
getröstet werden
fassungslos
gebetlos
aufgefangen werden
ankommen
Sarreguemines/Frankreich August 2002
Als die Jesuiten nach Kreuzberg kamen, das ist lange her. Ebenso lange wie meine Hochzeit. Ein Vierteljahrhundert! Wie schnell ist es vergangen, wenn man zurück blickt.
Meine Tuchfühlung mit den Jesuiten begann, als Godehard Pfarrer in St. Michael- Kreuzberg wurde. Ich war gerade ein paar Jahre (2 oder 3) Pfarrsekretärin dort und noch relativ unbedarft und unerfahren. Ein wenig erinnere ich mich noch an die Einführung in der Gemeinde. Es waren ganz viele Leute gekommen und man spürte einen Geist wehen, den ich bisher noch nicht kannte. Alles war plötzlich anders: Bisher kannte ich nur eine gewisse Zurückhaltung allem Neuen gegenüber. Jetzt ging man aufeinander zu und nahm sich einander an. Ich glaube, das war es, was mich beeindruckte!
Im Büro gab es nun wahnsinnig viel zu tun; ich hätte dort mein Bett aufstellen können! Endlich war hier jemand, der nicht den Kopf in den Sand steckte, sondern die Dinge anpackte und Probleme zu lösen versuchte. Manchmal klappte das, manchmal nicht; hin und wieder wurde ein Problem noch größer. Doch die Arbeit machte Spaß!
Ich lernte viel in relativ kurzer Zeit. Ich lernte vor allem, den einzelnen Menschen
so anzunehmen, wie er sich mir darstellte! Und ich lernte, dass der Mensch das
Wichtigste war und nicht das Papier, welches ich zu bearbeiten hatte!
Es war oft nicht leicht für mich, die Menschen aus den Randgruppen unserer Gesellschaft
so anzunehmen, wie sie waren. Heute bin ich froh und dankbar, dass ich
das im wahrsten Sinne des Wortes "be-greifen" und "er-fühlen" gelernt habe.
Ich lernte auch, wie vielseitig die Mitglieder der Ordensgemeinschaft sein konnten. Einige waren nicht nur Priester.
Christian übte eine Arbeit aus und lernte so richtig die Sorgen und Nöte seiner Arbeitskollegen kennen; er hatte ein Gespür dafür, was die Einzelnen an Hilfe oder Zuspruch benötigten. Ihn habe ich immer als "Schlichter und Vermittler" empfunden mit einem sehr ausgeprägten Sinn für Unrecht und Gerechtigkeit. Ich kann diese meine Meinung nicht an Beispielen festmachen; es war und ist auch heute noch einfach mein Eindruck von ihm.
Michael habe ich als äußerst kompetenten "Jugendleiter" kennen gelernt. In seiner sanftmütigen Art hatte er einen guten Zugang zu jungen Menschen und strahlte Zuversicht und Hoffnung aus, beides Eigenschaften, die manchem Jugendlichen fehlten. Im Umgang mit Michael zeigten viele, was wirklich in ihnen steckte. Sein früher Tod war unfassbar für uns alle. Er hinterließ eine große Lücke bei seinen Angehörigen und Freunden und im Leben der Gemeinde.
Godehard war für mich ein Musterbeispiel an Organisationstalent. Was er sich vornahm, hat er meistens durchgekriegt. Auch wenn es oft Staub aufgewirbelt und manchen aus seinem "Dornröschenschlaf" geweckt hat - auf sich selbst hat Godehard bei allem am wenigsten geachtet. Das Arbeiten mit ihm war oft nicht leicht für
mich; er verlangte viel von sich selbst, aber auch von seinen unmittelbaren Mitarbeitern. "Heilsam und lehrreich" war die Zeit mit ihm und seinen Mitbrüdern auf jeden Fall für mich und ich möchte sie trotz mancher Schwierigkeiten, die es gab, nicht missen!
Die anderen Mitbewohner der Kommunität aus dieser Zeit habe ich leider nur flüchtig kennen gelernt. So kann ich wenig dazu sagen. Was feststeht ist aber: Die Kommunität bewegte Vieles im Kiez und jeder, der bei ihr Hilfe erbat, fand offene Türen.
Berlin 2002
Sankt Michael war eine der Berliner Pfarreien, die durch die Mauer in zwei Teile geteilt worden war. Die alte Kirche, kriegszerstört und nur notdürftig wieder aufgebaut, schaute über die Mauer nach Kreuzberg herüber. Bei ihr war nur ein kleiner Teil der Gemeinde geblieben. Der größere Teil lebte diesseits der Mauer in Kreuzberg. Hier versuchte man die alte Tradition der zweitältesten Berliner katholischen Pfarrgemeinde aufrecht zu erhalten. Nach Zwischenlösungen am Mariannenplatz war 1965 am Alfred-Döblin-Platz, direkt in einer Mauerecke - eher als Provisorium - eine neue Kirche mit Gemeindezentrum gebaut worden, die später - alle träumten davon, aber keiner glaubte an den Fall der Mauer - leicht in einen Pfarrsaal hätte umgewandelt werden können.
Längst hatte sich jedoch der Bezirk völlig verändert. Ursprünglich dem Berliner Zentrum nächstgelegen hatte sich Kreuzberg zu einem Randbezirk entwickelt, vor allem der Ostteil "SO 36", der noch nicht der "Kahlschlagsanierung" zum Opfer gefallen war. Die verbliebenen Berliner, die es sich leisten konnten, suchten sich Wohnungen in den grünen Bezirken im Süden Berlins. Aus den ursprünglich über 8 000 Katholiken in Sankt Michael-West, wie es nun genannt wurde, waren zum Zeitpunkt des Neubaus 5000 und 1981 gerade noch 2733 geworden. In die zunehmend leerstehenden, z.T. geräumigen, immer mehr verfallenen Altbauwohnungen zogen kinderreiche Gastarbeiterfamilien, mehrheitlich aus der Türkei und Jugoslawien, aber auch Künstler, jugendliche Alternative oder wer sonst noch eine bezahlbare Wohnung oder auch nur einen Unterschlupf suchte.
Als weiterer Abriss drohte, wurden immer mehr Häuser besetzt, oder "instandbesetzt", wie es hieß, da von den Bewohnern Arbeit investiert wurde, um dem Verfall zu wehren. Daran waren die Aufkäufer natürlich wenig interessiert, die lieber lukrative Neubauwohnungen aus ihren Häusern gemacht hätten. Sie riefen die Polizei zur Räumung, die Bewohner wehrten sich, und es kam zu regelrechten Häuserkämpfen, in die auch Freunde unserer Kommunität und solidarisch mit ihnen im-
mer wieder einige von uns verwickelt waren. Einige evangelische Nachbargemeinden hatten sich längst engagiert in diese Auseinandersetzung eingemischt. In Sankt Michael herrschte jedoch eine andere Mentalität. Die Veränderungen im Bezirk wurden mehr als Bedrohung wahrgenommen, gegen die es sich zu verteidigen galt. Und als die Pfarrstelle neu besetzt werden musste und sich niemand meldete, so dass Gefahr drohte, dass die Gemeinde aufgelöst und mit der Nachbargemeinde St. Marien-Liebfrauen zusammengelegt würde, die von einem verdienten, aber ganz dem Alten verhafteten älteren Priester geleitet wurde, kam die Idee auf, ob nicht einer aus der Kommunität neben seiner Arbeit Pfarrer von Sankt Michael- West werden sollte. Mit diesem Gedanken konnte sich jedoch das Bistum nicht anfreunden, und so wurde - von einigen bedauert - beschlossen, das Godehard Pünder, zur Zeit noch zur Vorbereitung auf ein Mitleben in der Kommunität zu einer Sabbatzeit im ärmsten Teil Brasiliens, statt als Hilfspfleger in einem Krankenhaus zu arbeiten, hauptamtlich die Pfarrei übernehmen sollte. Wir konnten gerade noch durchsetzen, dass er nicht allein im Pfarrhaus, sondern in der Kommunität wohnen konnte, die deshalb Ende 1984 mit einem Teil aus der Oppelner/Sorauerstraße in die Naunynstraße umzog. Während der Renovierungszeit wohnten wir 1986/7 einige Monate in der Adalbertstraße.
Fast alle in der Kommunität hatten irgendwelche Gruppen um sich herum, und einige von ihnen versprachen sich in der Gemeinde ein neues Zuhause. Da war Michaels Christliche Arbeiterjugend mit ihren Initiativen, das Neo-Katechumenat mit Christian, die Emmaus-Gemeinde um unseren damaligen Ordensoberen in Berlin, Werner Herbeck, die nach der Offenen Tür einen neuen Ort suchte, wo sie sich versammeln konnte. Und fast hätte es sich ergeben, dass Mutter Teresa, die für ihre Schwestern eine neue Bleibe suchte, sie in unserer Gemeinde gefunden hätte. Wir waren ihr wohl zu "progressiv", wie sie es verstand, und so kamen sie auch gut unter in St. Marien-Liebfrauen.
Die bisherige Gemeinde, froh einen neuen Pfarrer zu haben, war erstaunt, dass gleich von Anfang an so viele neue Gesichter auftauchten und fand dies allmählich unheimlich. Selbstverständlich wie es ihnen war, die gewohnten Wege weiter zu gehen, zeigte sich doch bald, dass eine Entscheidung fällig war: Sich weiter gegen die veränderte Umgebung abzukapseln oder sich zu öffnen und die nötigen Veränderungen hinzunehmen. Nun ja, fast entwickelte es sich - wie ich es als Pfarrer empfand - zum Mehr-Fronten-Kampf: Die Noch-Mehrheit im Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand dachte nur an Weiterführung des Bisherigen, und ihre guten Beziehungen zum Bischöflichen Ordinariat brachten es mit sich, dass viele unserer Bemühungen auch von dort zunächst mit größtem Misstrauen beobachtet wurden. Die Mehrzahl unserer deutschen Jesuiten-Mitbrüder in der Provinz - wie übrigens auch meine Familie - fand sowieso verrückt, was wir in den Formen unseres Zusammenlebens, im engen Kontakt mit der Nachbarschaft und der Solidarisierung auch mit kritischen Gruppen in Kreuzberg versuchten. Und als es auch noch innerhalb der Kommunität zu Spannungen kam, weil einige das Tempo der Veränderung zu lang-
sam und die Rücksichtsnahme auf die bisherige Kerngemeinde übertrieben fanden, schalteten sich auch noch die Ordensoberen ein.
Große Unterstützung fanden wir jedoch in der evangelischen Nachbargemeinde
St. Thomas. Von ihr haben wir viel gelernt, es wuchs eine tiefe Freundschaft unter
den beiden Gemeinden, und es entstanden sogar gemeinsame Einrichtungen wie das
"Café Krause", ein Tageskaffee und beliebter, von ihnen selbst verwalteter Treffpunkt
für Obdachlose und Alte. In Sankt Michael selbst entstand der "Montagskreis",
die Initiative einer Ärztin und einiger Freunde für drogenabhängige Jugendliche.
Oft kamen gedrängelt über 50 in unseren größten Raum; irgendwoher gab es
jedes Mal ein gutes Essen; sie musizierten, unterhielten sich, und es wurde sogar gebetet.
Als Klaus Kliesch Pfarrer von Sankt Marien-Liebfrauen wurde, entwickelte sich
auch zur katholischen Nachbargemeinde Freundschaft und Solidarität. Selbstverständlich
gab es intensive Kontakte zur getrennten Teilgemeinde jenseits der Mauer. Auch wuchsen Freundschaften zu evangelischen und katholischen Gemeinden
im übrigen Berlin, die ähnliche Wege zu gehen suchten, und sogar zu Gemeinden in
anderen Diözesen Deutschlands. Auf den Katholikentag "von unten", ja sogar einem
der offiziellen, sollten wir von unseren Erfahrungen berichten.
Vor allem nach den Maiunruhen des Jahres 1987 wurde unsere Solidarität mit den
Hausbesetzern, der Protest gegen die völlig unangemessene Polizeigewalt und unser
Einsatz für eine sozialverträgliche Sanierung von den führenden Politikern der Stadt
und des Bezirkes mit großem Misstrauen gesehen, denn wir hatten mit den anderen
Gemeinden von SO 36 unsere Forderungen auch öffentlich gemacht. Das führte dazu,
dass auch die Medien sich für unsere Arbeit interessierten und wir so Gelegenheit
fanden, unsere Sicht der Dinge und unsere Forderungen auch öffentlich bekannt
zu machen. Nicht allen, auch in der Kommunität, hat dies allerdings gefallen. Eine große Hilfe war jedoch, dass die anderen katholischen Pfarrer im Dekanat
Kreuzberg sich immer wieder hinter uns stellten und letztlich auch die Verantwortlichen
im Bistum Berlin uns den Freiraum ließ, den wir Kreuzberger brauchten.
Um zu einer Klärung zu kommen, machten wir in der Jesuitenkommunität nach drei
Jahren eine Halbzeit-Revision mit unseren verantwortlichen Mitbrüdern im Orden
und der Hilfe von zwei Arbeiterpriesterfreunden aus Frankreich. Wir kamen zum
Schluss: eine Arbeiterkommunität im Kreuzberger Milieu und eine - egal wie sich
verändernde - Berliner Pfarrei mit großer Kindertagesstätte, zwei Friedhöfen, einem
Seniorenhaus und etwa 60 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, deren
Chef der Pfarrer als Vorsitzender des Kirchenvorstandes ist, lassen sich einfach
nicht unter einen Hut bringen. Wir vereinbarten, den Fünfjahresvertrag mit dem
Bistum zu Ende zu führen, ihn aber nicht zu verlängern.
Vieles von dem, was gewachsen ist, ist heute noch lebendig, mehr noch hat sich kreativ weiter-entwickelt. Der "Geist" der stürmischen fünf Jahre von 1983 bis 1988 ist aber heute noch in mehreren Kreuzberger Gemeinden und vielen Menschen zu spüren.
Dresden Februar 2002
Von der Bitte, über gemeinsame Aktivitäten und Erlebnisse zu berichten, fühlte ich mich gleich angesprochen, auch wenn meine Bekanntschaft mit Christian eher zweiter Hand ist - an erster Stelle war er mit meinen Eltern Bernhard und Angelika befreundet - gleichwohl er als unzertrennlicher Bestandteil meiner Kindheit gilt.
Eine Szene ist mir dabei besonders einprägsam in Erinnerung geblieben, ein Besuch Christians, der sich ungefähr auf einen Zeitpunkt vor über zwölf Jahren datiert. Damals (sind wir nicht alle schon alt geworden?!) überraschte uns Christian mit einem Besuch in unserer Wohnung im Wedding, ob der Besuch spontan oder angekündigt war sowie zu welchem Anlas, weiß ich nicht mehr, aber wie auch immer es war: Wir freuten uns alle riesig ......... ganz besonders die damals noch kleinen Geschwister Joseph, Benjamin, Rahel und Jakob, die so zwischen 7 und 3 Jahren alt gewesen sein müssen.
Mit heiterem Jubel, um nicht zu sagen mit Getobe und Krach, "stürzten" sich die vier Jüngsten auf den armen Christian, der dieser angriffswütigen Meute unvorbereitet ausgeliefert war.
Man könnte sich eigentlich vorstellen, dass Kinder dieses Alters eine gewisse Scheu gegenüber bis dato unbekannten Männern seiner Statue hegen könnten. Bei meinen Geschwistern - zu unserer Erheiterung und seinem Pech? - war das nicht der Fall. Alle wollten gleichzeitig von ihm hochgehoben werden und um es möglichst allen recht zu machen, löste Christian dieses Problem mit diplomatischem Geschick: Erst durfte Joseph mal auf seine Schultern, dann Benjamin, dann Rahel und schließlich auch Jakob. Und von vorn! Anstatt sich nach ein und zwei Ausflügen in die Höhe zufrieden zu geben, flehten und bettelten die Kleinen um weitere Male, bis Christian um Gnade rief und verlangte, dass jeder nur noch eineinziges Mal hochgehoben werden dürfe.
Nur hatte er nicht mit meinen unverblümten Geschwistern gerechnet! Wenn schon ein allerletztes Mal, warum dann nicht alle gleichzeitig! Also schön, das Foto zeigt vielleicht, wie es vonstatten gegangen ist: eins auf den Schultern, zwei auf seinen Armen und eins am Bein festgeklammert. Alles, was als Halterung dienen konnte, wurde zweckdienlich missbraucht, besonders derangiert sah dementsprechend sein Bart nachher aus.
Meiner Meinung nach hatten aber nicht nur die Kinder ihren Spaß ....... So, ich hoffe, diese kleine Glosse gibt einen kurzen Einblick in alte, langjährige Bekanntschaft.
Berlin Februar 2003 (etwa 18 Jahre alt)
Eure Jesuiten Gemeinschaft lebte in der Oppelner Straße, wenn ich mich recht erinnere, als ich im Januar 1982 meinen Dienst als evangelischer Pfarrer an der St. Thomas-Kirche antrat. Für eine lange Zeit hatte ich nicht die geringste Ahnung von Eurer Existenz. Auch später in der Naunynstraße kam ich nur ganz selten in Eure Wohnung hinein.
Christian Herwartz tauchte plötzlich in einem unserer Gottesdienste auf und nahm dann auch teil an dem anschließenden Predigtnachgespräch. Er kam dann wohl auch gelegentlich zu unserm Bibelgesprächskreis am Mittwochabend. Er war zunächst ein großes Rätsel für mich. Bei seiner Vorstellung hatte er sich auf die Mitteilung beschränkt: "Ich heiße Christian. Ich bin Dreher und arbeite in der und der Fabrik." Mehr nicht. Nur fiel mir auf, dass dies ein recht ungewöhnlicher Dreher war. Seine Art sich auszudrücken verriet ein hohes Maß an Bildung. Seine Kommentare waren gezielt und ganz offensichtlich theologisch geschult. Erst, als ich ihn eines Tages näher befragte, rückte er schließlich mit der vollen Wahrheit heraus, dass er ein Jesuit war und als Arbeiterpriester in unserer Gegend tätig war.
Im Sommer 1983 hatten wir dann die Zeltstadt der Punks aus der O-198 gleich neben unserer Kirche auf dem Mariannenplatz. Das wurde nun hoch dramatisch. Jetzt kamen also auch diese unsere Gäste - teils nüchtern, teils in alkoholisiertem Zustand - in unsere Gottesdienste. Wahrhaftig eine liturgische Reform. Für viele in unserer Nachbarschaft einfach unfassbar. Dabei gab uns Christian viel tatkräftige Unterstützung und Hilfe. In der Zwischenzeit hatte ich ebenfalls Freundschaft mit einem anderen Jesuiten in unserm Kiez geschlossen. Das war Godehard Pünder, der Pfarrer von St. Michael. So hatten wir nun einen regen ökumenischen Austausch im Gange zwischen unseren beiden Ortskirchen und vor allem zwischen unseren Gemeindegliedern.
So war es nicht weiter verwunderlich, dass Eure Jesuiten-WG zum Osterfest eine Gebetswache in unserm Gemeindesaal von St.Thomas in der Nacht von Ostersamstag veranstalten wollte. Ich willigte sofort darauf ein. Aber ich nicht willens, selbst daran teilzunehmen. Ich sträubte mich und wies darauf hin, dass ich ja selbst am Ostermorgen einen schweren Gottesdienst noch vor mir hätte und mich dafür vorher ausruhen müsste. Das verlangte also ein gutes Stück an Überredungskunst. Aber Christian versprach mir hoch und heilig, dass diese Osterwache mir unwahrscheinlich starke geistliche Kraft verleihen würde. Das tat sie dann auch.
Besonders eindrucksvoll war für mich der Beginn, als das einzige Licht aus dem Korridor in Form einer Osterkerze in die völlige Finsternis des Saales gebracht wurde. Dann sangen wir immer wieder von einer Gitarre begleitet. Es folgten Gebete, Lesungen, Gedichte, persönliche Erzählungen. Im Morgengrauen wurden ein paar Kinder getauft. Als dann das Licht des Tages voll hereinbrach, hatten wir ein sehr üp-
piges und reichhaltiges Frühstück und vor allem sehr viel starken Kaffee. Es war ein unvergessliches Erlebnis.
Später hatten wir die Ausstellung vom Kreuzweg Christi in unserer Thomas-Kirche. Für viele waren diese Bilder anstößig, weil hier Jesus als ein Glatzkopf dargestellt war und im Aussehen an die Punks in unserm Kiez erinnerte. Aber wieder unterstützte uns Christian sehr aktiv in diesem Projekt. Er war unser geistiger Führer, der uns den Kreuzweg unseres Herrn recht lebendig erläuterte. Noch eine kurze Nebenbemerkung: Mein kleines Büchlein über die Befreiungstheologie in Lateinamerika ist jetzt im Lembeck-Verlag (Frankfurt a. Main) unter dem Titel "Der Vorzug der Armen" erschienen.
Pocono Bergen in Pennsylvania 27. Oktober 2003
Wenn ich auch nur eine von denen bin, die lediglich von Euch gehört und Dich Christian vielleicht ein wenig persönlich kennengelernt habe. So möchte ich doch auf Deinen Aufruf reagieren, den Du mir heute - beim Nachgespräch in St. Thomas, wo wir uns ja auch hauptsächlich her kennen - in die Hand gedrückt hast.
Immer wieder ist mir z.B. aufgefallen, wie Du gängige Predigten und Herangehensweisen "gegen den Strich bürstest", z.B. heute wieder, indem Du bemängelst, dass zwar von der Geburt Jesu und dem "qualvollen Sterben" geredet würde, nicht aber von der Auferstehung, die doch für uns Christen eine so zentrale Botschaft ist. Recht hast Du!! Wenn mir auch der Pfarrer etwas leid tat, wie er sich unter Deiner - zuweilen etwas barschen Kritik - wand und errötete. Doch so was muss er aushalten können. Besser, als wenn die Botschaft verwässert wird. Ich sagte Dir heute, dass ich an den "brennenden Dornbusch" denken muss, wenn ich Dich sehe. Du weißt schon, bei den "evolutionären Zellen" hattest Du Dein interessantes Projekt vorgestellt und ich Dir die Beate Jacek vom Tauschring Kreuzberg (bei dem ich mitmache), als Du auf der Suche nach "interessanten Begegnungen" warst.
Auch ich versuche, so durch's Leben zu gehen - d.h. etwas asketisch, aber wach und möglichst aufmerksam Augenmerk auf Orte zu lenken, die mich "magisch anziehen" bzw. die sich als "heilige Orte" entpuppen könnten. - Eine Übung dabei ist für mich auch, mit dem Photoapparat unterwegs zu sein und Momente einzufangen, die vielleicht jeder schon öfters erlebt hat, die aber so doch etwas Mystisches / Poetisches / ja irgendwie Erhabenes haben (?)Ansonsten ziehen mich "Inseln" an, die abseits von unserem kapitalistischen "stromlinienförmigen" Geschehen liegen, wo ich mich dann auch gern z.T. ehrenamtlich engagiere, wie z.B. jenen Tauschring, Ökostadt (e.V.), best. Kirchengemeinden, alte Witwen, Ausgegrenzte, viele "Mühselige und Beladene", die ich wohl manchmal regelrecht anzuziehen scheine ("wie schön für Dich, als Christin", meinte ein Freund unlängst), wo ich aber ein wenig aufpassen muss, da ich selber nicht soo belastbar bin .......
Berlin 30. 12. 2002
Jetzt habe ich noch einmal Christians Bitte vom 20.11.02 gelesen, die "Geschichte der Kommunität Kreuzberg" schreiben zu helfen. Dazu fällt mir spontan nichts ein, weil ich von der "Kommunität" erst erfuhr, als ich Christian H. bereits durch die Gottesdienste in St. Thomas kannte. Über ihn persönlich könnte ich etwas schreiben, wobei die Hochzeit unseres Sohnes Lukas eine Rolle spielen würde oder seine "Auftritte" während des Gottesdienstes und vor allen Dingen seine nicht zu übersehenden Bemerkungen im Predigtnachgespräch, das er häufig auch dazu nutzte, uns für seine Initiativen und Aktionen zu gewinnen. Nicht immer war ich davon begeistert - und so ging es anderen wohl auch.
Erst als er uns Briefe seiner Eltern zu lesen gab, durch die wir ihn besser kennen lernten, änderte sich unsere Einstellung ihm gegenüber. Zwei, drei Mal waren wir auch in der Wohnung Naunynstraße. Da ging es um Vorbereitungen für ökumenische Gottesdienste. Nachhaltige Eindrücke sind mir davon aber nicht geblieben.
In einer persönlich gehaltenen Postkarte erinnert mich Christian an ein Gespräch über meinen Vater, bei dem mir die Tränen gekommen waren. Er meinte, darüber könnte ich doch schreiben. Das möchte ich aber nicht, weil es ein "Ausnahmefall" gewesen ist. Christian war nicht mein "Beichtvater". Wenn ich mich überhaupt beteiligen wollte, dann hinge das mehr mit unserem Engagement in S036 zusammen - weniger mit der Kommunität. Dann müsste ich aber auch die Kontakte mit der Kirche St. Michael, mit Pünder und Herbolds beschreiben. Julia und Lukas könnten vielleicht mehr über ihn als Persönlichkeit schreiben. Seit Wochen denke ich immer wieder an Deinen Brief und habe mich bisher nicht zu einer Antwort entschließen können. Ich möchte nun endlich den Druck auf mein Gewissen los werden, darum schicke ich Dir auch die "Notizen" vom Dezember 02. Damit wirst Du für Dein "Projekt" nichts anfangen können, aber Du erfährst, was ich gedacht habe.
Heute füge ich noch einige Sätze hinzu: Ich bin s e h r dankbar, dass wir Dich kennen lernen durften. Deine ehrliche Art - auch unangenehme Dinge zur Sprache zu bringen - beeindruckt mich sehr. Du hast die Hoffnung in mir wachsen lassen, dass Ökumene möglich ist!
Unvergesslich ist uns die Trauung von Julia und Lukas geblieben! Etwas Besseres hätte den beiden gar nicht passieren können! Die Fragen, die Du ihnen stelltest, sollten a l l e n jungen Leuten gestellt werden, die sich zu dem Schritt, ein gemeinsames Leben zu führen, entschlossen haben.
Für Dein "Projekt" wünsche ich Dir alles Gute und Gottes Segen! Bitte habe Verständnis dafür, dass wir nichts dazu beitragen können. Wenn es dann soweit ist, möchten wir natürlich davon erfahren.
Hamburg 3. 2. 2003
(I) Das Wagendorf
Am Engelbecken in Berlin-Kreuzberg, auf dem alten Mauerstreifen, ist ein Wagendorf
entstanden. Vielleicht dreißig Hütten auf Rädern: Ausrangierte Bauwagen, abgemeldete
Laster, aufgegebene Wohnmobile. Ein Wagen ist besser als campieren auf
der Parkbank, im U-Bahnhof, auf dem Dachboden im Abrisshaus. Ein Wagen, das
sind vier Wände, ein Dach, das schützt, eine Tür zum Hereinkommen (und du kannst
sie hinter dir zu machen), Fenster zum Rausschauen, Ofenherd, Tisch und Bett. Der
Wagen - mein Raum, stabile Haut.
Daneben andere Wagen, abenteuerlich wie Seeräuber-Dschunken, bemalt, bewimpelt, beschriftet mit Parolen, gegen den Staat, gegen Olympia, gegen alles. Das Wagendorf ein Schmuddelort - ein Dorn in den Augen der Nachbarn, Anstoß für Politiker, Observierungspunkt der Polizei. Geduldet, bis die Bagger kommen, die Baukräne sich drehen.
Das Wagendorf: Wohnen, wie's einfacher nicht geht. Nachbarschaft zum Gebrauch: 'Haste mal ein paar Kartoffeln?' Notgemeinschaft der Ausgegrenzten auf der ehemaligen Grenze. Jeder lässt den anderen leben. Jeder braucht den anderen neben sich als Widerspruch zur Einsamkeit, als Gehilfen beim Werkeln, als Beistand fürs Überleben.
Wohnen kann der Mensch nie allein. Ein Wagen ist schnell vertrieben, abgeschleppt, verschrottet. Allein machen sie dich ein. Ein Wagendorf ist schon Gegenwehr. Ein Wagendorf ist ein Gemeinwesen, eine Kommunität. Wohnen - vier Wände und mehr: Das Wagendorf am Engelbecken lehrt mich, was Wohnen ist.
(II) Die Beerdigung
Thea aus dem Wagendorf war gestorben. 27 Jahre. Sie haben sie in ihrem Wagen gefunden, tot. Kein Rauschgift, Kein Alkohol. Vielleicht Schwäche. Über Kopfschmerzen hatte sie geklagt, und müde war sie gewesen, sehr müde. Vieles war ihr misslungen in der letzten Zeit. Eine Beziehung war zerbrochen, einen Freund hatte sie nicht erreicht, als es ums Leben ging. Ihre Keramik, die selbstgewebten Teppiche, ihre Bilder - kein Ersatz für Leben.
Aus dem Wagendorf kamen sie zu mir, ich sollte Thea beerdigen. Das sei schon richtig mit dem Pfarrer - davon hat sie etwas gehalten, wenn ihr auch die Natur, die Indianer wichtiger waren.
Von der Kapelle auf dem Luisenstädtischen Friedhof gingen wir zum Grab. Dort auf der großen Wiese unter den alten Bäumen senkten wir die Urne ein. Keine bürgerlichen Gestalten, die Trauergemeinde. Nur die Eltern dazwischen aus Westdeutschland irgendwo. Es war Sommer unter den großen Eichen. Sie lagerten sich auf der Wiese um das Grab. Eine Frau legte Theas Bogen und die Pfeile dort nieder. Und dann begannen die Trommeln. Leise mit der flachen Hand geschlagen, lauter, sich steigernd, schärfer im Schmerz und in der Trauer. Ein Fest des Abschieds für Eine aus dem Dorf. Eine von ihnen.
Ich ging weg vom Grab in meinem Talar. Sie dankten mir, und meinten es ehrlich. Aber zu denen, die da saßen, summten und trommelten, gehörte ich nicht. Sie waren das Dorf, Gemeinschaft der Unbehausten, im Tod, im Leben.
(III) Wie Heimat entsteht
1966 zogen wir nach Kreuzberg. Das war schon damals keine gute Adresse; sie wurde
noch schlechter mit den Jahren: Gastarbeiter, Abrissmieter, Ausländer jeder Herkunft,
schließlich Hausbesetzer und Autonome. Anständige Bürger und die Politiker
hätten am liebsten eine Mauer auch um Kreuzberg gesehen.
Drei Söhne zwischen vier und einem halben Jahr brachten wir mit nach Kreuzberg.
Der Älteste durfte mit seinem Go-Kart nur noch auf dem Hof fahren - bis dahin gehörte
ihm eine ganze Neubausiedlung im Berliner Südwesten. "Warum wohnen wir
nicht wieder da, wo kein Tor ist?" Aber hinter dem Tor war die vielbefahrene Straße,
und das Go-Kart machten bald die großen Jungen kaputt.
Kreuzberg, diese Welt für sich, eine Welt für Kinder? Aber von einer Welt, in die du Kinder setzt, kannst du dich nicht distanzieren. Du musst sie mit den Straßen und Häusern, mit den Menschen vertraut machen. Du musst Ja sagen zu dieser besonderen Welt, ohne Wenn und Aber. Um deiner Kinder willen schaust du zweimal hin, entdeckst die fremden Schönheiten, gibst Vorbehalte und Distanz auf, wirst für sie ein Einwohner deiner Stadt; die Welt, in die du deine Kinder bringst, ist immer konkret, ob voll Hundedreck, ob voll Gänseblümchen. Du machst sie ihnen wohnlich. Und wenn sie zum Essen nicht nach Hause kommen, wenn sie geheime Durchgänge, aufregende Hinterhöfe, fragwürdige Spielkameraden entdecken, wenn der Wohnort sie ebenso erzieht und bildet wie das Elternhaus, dann entsteht Heimat. Dann wird der Boden unter den Füßen fest.
(IV) Ein besetztes Haus
1981 hatten sie das leerstehende Haus besetzt. Sie nannten es 'Villa Chaotica'. Sie
flickten das Dach, erneuerten die Fenster, reparierten die Treppe. Jeder baute sich
sein Zimmer nach seinem Geschmack, mit oder ohne Hochbett, Blattpflanzen, Vorhänge
oder nicht. Im zweiten Stock war die Gemeinschaftsküche, die Kleiderkammer
mit der Waschmaschine, der Raum mit dem übergroßen Tisch für die Abende,
die Hausversammlungen, die vielen kleinen Feste. Dann hatte Günter den Unfall auf
der U-Bahn - beide Beine waren an den Unterschenkeln abgetrennt. Als die Gruppe
im Krankenhaus erfuhr, dass man ihn in ein Heim verbringen wollte, da haben sie
ihn entführt. Ingo und Pitt setzten ihn auf ihre Arme, die Mädchen packten die Klamotten,
peilten den Weg, unten wartete das Auto - dann war er wieder bei ihnen.
Und dann bauten sie im Parterre sein Zuhause. Das Fenster wurde bis zum Boden herausgebrochen, eine Balkontür aus einem Abrisshaus organisiert, eine Rampe in den Hof gezogen, den Rollstuhl zahlte das Sozialamt. Der Clou war das Badezimmer, das hatte es früher nicht gegeben. Die Wanne bauten sie in ein zweistufiges Podest, da konnte Günter auf den Knien hoch und alleine ins Wasser rutschen. Zu den Meetings im Gemeinschaftsraum trugen sie ihn auf dem Rücken die Treppe rauf; den Aufzug mit Flaschenzug im Treppenhaus konnten sie nur noch planen, nicht mehr
bauen. Sie verließen das Haus, um der Räumung durch die Polizei zuvorzukommen. Sie waren ja Hausbesetzer, ihr gemeinschaftliches Wohnen, ihre Umbauten im Haus, ihr Leben mit gemeinsamer Kasse und Küche - das alles war illegal. Sie hatten den Frieden eines leerstehenden Hauses gebrochen. Der Eigentümer war im Recht. Ich weiß nicht, was aus Günter geworden ist.
(V) Wem gehört die Stadt?
Anfang der 70er Jahre war Kahlschlagsanierung im Kreuzberger Südosten angesagt,
um Platz zu schaffen für die Stadtautobahn. Das Todesurteil über das alte Stadtgefüge,
die dichte Mischung von Wohnen, Arbeiten und die viele Treffs am Feierabend.
Resignation machte sich breit: "Die da oben machen doch, was sie wollen."
Wer konnte, setzte sich ab in bessere Stadtteile, SO 36 wurde zum Schrottplatz, zur
Abdeckerei. Hier landeten sie alle, die die große Stadt an den Rand schob: Gastarbeiter,
Sozialhilfeempfänger, Haftentlassene, Suchtgefährdete, hineingepresst unter
die verbliebenen Alteingesessenen.
Gegenwehr wuchs aus dem Zorn über die Vernichtung von Heimat. Plötzlich war er wieder da, der alte Name 'SO 36'. Er wurde zum Signal des Selbstbewusstseins, Gütemarke für eine bessere Zukunft. Gegen die Auslieferung an das Verwertungsinteresse der Wirtschaft, an die Kahlschlagstrategie der Planer stand der Aufbruch in die Eigenständigkeit: "Die Bewohner sind die Experten für ihren Stadtteil." 1977 dann, dem Berliner Senat abgerungen, der Aufruf zum Mitmachen: von der Putzfrau bis zum Bundespräsidenten konnte jeder Ideen, Vorschläge und Konzepte für die Neubelebung des Stadtteils einreichen.
Die Bürger hatten die Mehrheit in der Jury: Hausfrau, Würstchenmaxe, Schädlingsbekämpfer, der Prokurist der Klavierfabrik, Lehrlinge, Senioren, Türken hatten zu entscheiden über 115 Einsendungen. 20 ausgewählte Vorschläge zur behutsamen Erneuerung der Stadt und ihrer Häuser wurden der Einstieg in die Zukunft: Selbsthilfe der Bewohner, Ausbildungsprojekte für Jugendliche ohne Schulabschluss, Straßenumbau und Verkehrsberuhigung, eine Stadtteilzeitung, ein Bürgerverein. Seit 15 Jahren nun tagt öffentlich der Stadtteilausschuss aus Bewohnern, Fachleuten und Vertretern der Verwaltung. Er verhandelt alle Vorhaben, die den Stadtteil angehen und bringt sie auf den Weg.
So ist SO 36 wieder lebendig geworden, vielfältig, spannungsvoll, selbstbewusst und unbequem. Wem gehört die Stadt? Zuerst denen, die da wohnen. Nur gemeinsam sind sie stark genug, um Widerpart zu bieten den Kräften, die ihnen das Leben vorschreiben wollen. Wenn Wohnen mehr ist als meine vier Wände, wenn es Straße, Haus, den Stadtteil und seine Menschen einbeschließt, wenn ich selbst etwas tun kann für seine Zukunft, dann fühle ich mich wohl in meiner Stadt.
"Forum Wohnen", Kirchentag in München 1993,
lange stadtpolitisch engagierter Pfarrer in Kreuzberg
Meine Kirchenleitung hatte befunden, dass meine Arbeit an der Evangelischen Akademie Berlin für sie nicht mehr länger tragbar sei. Ihr passten die Fortbildungskurse zum Arbeitsrecht nicht, die ich für Mitarbeitervertreter/innen und in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft ÖTV organisierte. Die Dienststellenleitung beschwerte sich immer wieder an oberster Stelle über meinen Widerstand gegen bestimmte arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen Kollegen und Kolleginnen im Betrieb.
Über Unterrichtsmaterial zur "Friedenserziehung in der Schule" hatte sich der Oberschulrat in der Senatsverwaltung beim Bischof beklagt. Über exegetische Tagungen zur materialistischen Bibellektüre hatte die Kirchenleitung von einem Professor der Kirchlichen Hochschule einen empörten Bericht erhalten und mich vermahnt. Als ich trotz heftiger Aufforderungen nicht bereit war, meinen Arbeitsplatz zu räumen, drohte man mir ein Abberufungsverfahren an.
In dieser Situation überlegte ich, was ich im Erfolgsfalle der Kirchenleitung machen sollte. Über die Bewegung der Arbeiterpriester hatte ich gelesen. Ihr Weg schien mir aus bibel-theologischen Gründen überzeugend. Ihr wart die Einzigen in Berlin, die diesen Weg gingen. So verabredete ich mit Euch ein Gespräch in Eurer Wohnung, um live etwas über Eure Praxis und Eure Theologie zu erfahren.
Ihr wart zu Dritt:
Michael, Franz und Du. Ihr habt von Euch erzählt, - mehr Praxis als theologische Reflexion
-, Euch sehr einladend verhalten und mich beeindruckt durch den kargen Lebensstil,
in dem Ihr Euch bewegtet. Eine hohe Glaubwürdigkeit ging davon aus.
Ich weiß nicht mehr, was mir damals alles durch den Kopf ging, es ist fast 20 Jahre
her. Ich glaube, mich hat die Frage beschäftigt, wie wohl ein verheirateter Protestant
in einer katholischen Kommunität zurechtkäme, wie überhaupt der Spagat zwischen
einer asketischen Lebensform und einer erfüllten Ehe und mit heranwachsenden
Kindern zu bewältigen ist. Würde das nicht am Ende auf Trennung hinauslaufen?
Sollte Nachfolge Jesu letzten Endes nur unter Aufgabe der Familie möglich
sein?
Ich habe später bei meiner Beschäftigung mit dem Evangelisten Lukas gefunden, dass diese Spannung zwischen Nachfolge Jesu und Familie schon für die frühe Christenheit ein ganz zentrales Problem war. Eine theologische Lösung dafür habe ich nicht gefunden. In meiner Praxis habe ich mich aber für den Versuch entschieden, beides zusammen zu halten. Da sind Kompromisse unvermeidlich.
Meine Erfahrung sagt mir, dass das auch gut so ist. Kompromisse müssen auch in anderen Lebensformen gefunden werden. Der Mensch ist nicht einlinig. Auch Gott ist es nicht. Sein Wesen ist Beziehung. Das will ja wohl die Trinitätslehre ausdrücken. Den damals aktuellen Kampf um meinen Arbeitsplatz habe ich gewonnen, weil unerwartet viele Menschen, mit denen ich zusammenarbeitete, mich in den Auseinandersetzungen wunderbar unterstützt haben.
Die Kirchenleitung ließ davon ab, mich aus meiner Tätigkeit hinauszudrängen, und ich konnte dann noch fast zehn Jahre relativ unbehelligt meine Arbeit tun. Und ich bin dankbar dafür.
Euren gesellschaftspolitischen Ansatz, z.B. für Gefangene, für Exerzitien an sozialen Brennpunkten, für gewerkschaftliche Arbeit im Betrieb, - habe ich immer mit großem Respekt und viel Sympathie verfolgt. Dass Ihr mir damals zugehört, mir Alternativen gezeigt und mich bis heute freundschaftlich behandelt habt, obwohl ich andere Wege ging, werde ich Euch nicht vergessen.
Mariental 15. Dezember 2002
Vor allem fällt mir TEILEN ein. Teilen des Hauses, des Kellers, des Schlafraums, Teilen des Tisches, Mit-Teilen, was das Herz bewegt, Teilen eines Stück Weges - konkret mit den Menschen auf der Straße oder im Austausch. Teilen einer gemeinsamen Sehnsucht. Teilen in der Eucharistiefeier als Teilhabende. Teilen als Haltung. Mich beeindruckte das Schlichte und darin Unkomplizierte. Beeindruckt bin ich auch vom "gelebten" Wort, Eurer politischen Arbeit vor Ort. Die Schlichtheit fand ich auch in der Wohnung wieder. Äpfel wurden gleich geteilt, aber vor allem Zeit. Ihr / Du teilt die Wohnung - lebt willkommen, lebt einladend.
Für mich waren die Exerzitien augen- und herzerweiternd für den "heiligen" Boden vor Ort. "Zieh deine Schuhe aus, hier ist heiliger Boden" - oft kommt mir dieser Satz mittendrin, ermahnt achtsam zu sein. Ich denke an die Erlebnisse auf den Wagenburgen ...
Eure Kommunität habe ich am Rande erlebt. Vor allem fiel mir bei diesem kleinen Einblick das, wie erwähnt, unkomplizierte Teilen auf. Wenn ich heute vom "Kommunitätsleben" träume, wäre mir - was m. E. bei uns zu kurz kam - Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig und das übende Lernen, dass Anderssein Chance für Vielfalt ist, Ergänzung, Bereicherung - und nicht Bedrohung. Ich erlebte persönliche "Ausgrenzung". "Zieh deine Schuhe aus, hier ist heiliger Boden" gilt auch in unseren Gemeinschaften. Jeder Mensch ist wie eine kleine Welt, wertvoll und einmalig. "Zieh deine Schuhe aus, hier - der, der jetzt da ist - ist heiliger Boden".
Ich träume von "geistlichen" Gemeinschaften, hellwach, mutig als "Kernkreis" in unserer
Gesellschaft - Mystik + Politik - Ihr seid so eine Gruppe!
Ich wünsche mir mutige Gemeinschaften.
Mut zum täglich - oder überhaupt - neu beginnen, ohne zu wissen, wie der Weg gehen
soll. "Step by step" - mit der Vision im Herzen. Menschen, die sich von Gottes
Phantasie in der Führung überraschen lassen - alles auf eine Karte setzend - VERTRAUEN:
Ich träume - und das Erleben der Tage in Berlin war rundum Ermutigung - DANKE.
Hamm 25. 4. 2003
Kennen gelernt habe ich Euch durch meine Freundin Solveig, auf deren Geburtstagsfeier 1995 auch Christian eingeladen war. Den wollte ich gerne kennen lernen. Dann gab es erst einmal viele Gespräche mit Christian, der mich damals überzeugt hat, eine Zeit in einer Archegemeinschaft mit Menschen mit geistigen Behinderungen zu verbringen (was sich als ein sehr guter Schritt für mich erwiesen hat, trotz Krisen!). Später erst habe ich die Besonderheit Eurer ganzen Gemeinschaft entdeckt.
Die "Naunyn-WG" war und ist für mich immer ein besonders anziehender und zugleich ein besonders herausfordernder Ort. Besonders herausfordernd ist sie, weil sie mir (ohne viele Worte) immer die Frage stellt: Und wie lebst Du?? Und weil ich insgeheim immer ein bisschen die Befürchtung habe, da könnte plötzlich wer sagen: Verkauf alles, was du hast, und gib es weg und lebe auch so radikal. Oder so ungefähr.
Besonders anziehend ist sie aber, weil ich bei Euch immer etwas gefunden habe, was ich nur umschreiben kann mit: Gastfreundschaft, wirkliches Teilen, Menschsein miteinander teilen, Lebensgeschichten miteinander teilen, etwas von anderen hören, das für mich "Gehalt" hat, mich satt macht, mir eine bessere Orientierung gibt als vieles Gewohnte und das ich mit in meinen Alltag nehme.
Dazu gehören Eure Einladungen, Besuche und immer wieder (in größeren Abständen) Gespräche, die mein Weitersuchen sehr beeinflusst haben, oft an für mich wichtigen Lebenspunkten. Ich bin froh, dass es Euch gibt!
Berlin 22. Dezember 2002
Ich traf Katja im Sommer 1994 und wir sind seitdem Freundinnen. Bei meinem vierten Besuch in Berlin, um Katja zu sehen, traf ich Dich, Christian. Katja und ich haben viele Hochs und Tiefs geteilt, viele Ängste durchgestanden und viele Glücksmomente zusammen erlebt und so zusammen Kraft gesucht und gefunden. Dich zu treffen und über Deine Gemeinschaft und Arbeit zu hören war ein Teil in dem Patchwork geteilter Erfahrungen. Eine kurze aber berührende Erfahrung. Ich habe immer noch eine Menge Arbeit zu tun, in den Spiegel zu schauen und zu entdecken, was ich wie freisetzen soll. Ich weiß, dass es menschliche Beziehungen und Freundschaften sind, die dieses ermöglichen.
London Dezember 2002
In Kreuzberg am Kottbusser Tor steht in einer Altbauwohnung immer eine Tür auf - eine Tür in eine andere Welt. Diese Welt gehört zum Leben des Jesuitenbruders Christian Herwartz, der jeden Menschen an seinem Leben teilhaben lässt und dieses teilt - mit allen Konsequenzen und Einschränkungen seiner Intimsphäre.
Wenn man die Räume betritt, kommt es dem Besucher vor wie eine "ganz normale" Wohnung. Schaut man jedoch genauer hin, sieht man, dass sie überhaupt nicht den gängigen Klischees entspricht. Ein 78-jähriger Mann steht in der Küche und macht Kartoffelsalat. Im Schlafzimmer befinden sich 7 Betten. Davon sind zur Zeit drei belegt.
Beim Gespräch im rustikal eingerichteten Wohnzimmer mit Christian Herwartz erzählt er uns seine Lebensphilosophie, die man nur anerkennen kann. Er weiß morgens nicht, ob er Besuch von 30 Tschernobylkindern bekommt und wer bei ihm übernachtet. Er betrachtet es als "ein Geschenk", so unterschiedlichen Menschen aus so vielen Nationen zu begegnen und alles mit ihnen zu teilen. Er versorgt sich und die anderen von seinem Arbeitslosengeld. Jedoch klappt es seit über 25 Jahren auch so. Jeder gibt, was er kann, obwohl es keine Regeln gibt. Die Wohndauer der einzelnen "Gäste" variiert, von einer Nacht bis zu 10 Jahren ist alles schon vorgekommen.
Man kann diesen Menschen, wenn man auf ihn eingeht, nur bewundern und ihn als weise empfinden. Er lebt für sich mit seinen "Brüdern" in einer perfekten Welt.
Jan-H. Schultze, Christian Geiger, Jakob Ulbricht, OSZ Hans- Böckler Schule, Kreuzberg,
Klasse 2022, Medienseminar Dezember 2003,
abgedruckt in der Berliner Morgenpost
Die Idee mit den Geschichten finde ich wunderbar und auch sehr interessant. Nur, ich habe euch in Berlin ja nur sehr sporadisch erlebt und kann dazu fast nichts beitragen - außer, dass ich von der Ferne immer wieder mit großem Interesse und vielen Fragen und Sympathie euer Projekt verfolge. Das sieht dann meistens so aus, dass ich mit Leuten über euch spreche, die mir irgendwo begegnen und die euch besser kennen.
In meiner Biographie gibt es mehrere Versuche, Leben kollektiv zu gestalten - das fing schon 1968 an - und ich habe es noch nicht aufgegeben. Aber es scheint mir immer schwieriger zu werden. Das liegt vielleicht am Alter und an der damit verbundenen Besserwisserei (da ist ja auch was Wahres dran! Ich meine, den "besseren" Überblick zu haben!?) und an den gewachsenen Ansprüchen und an dem Anliegen, die Zeit immer intensiver zu nutzen. Aber das führt dann wiederum zum Stillstand, blockiert die Entwicklung. Ich diskutiere seit längerer Zeit - in einem Seminar an der Uni und auf verschiedenen Veranstaltungen - über: "Zur Philosophie des Neoliberalismus und der Globalisierung des Kapitalismus und zur Utopie von Kommunika-
tion, Solidarität und Befreiung". Da finden sich viele Fragen und Thesen aus meiner Biographie wieder.
Bei unserer letzten Begegnung - als wir Hans im Knast besuchten - kam bei mir der Gedanke/Wunsch auf, bald einmal mit dir ein Gespräch über unsere gesellschaftlichen Vorstellungen/Utopien zu führen. Zwei ganz verschiedene Biographien/Erfahrungen/ Lebensweisen mit vielleicht (?) doch sehr ähnlichen grundsätzlichen Vorstellungen, die wir aber wahrscheinlich sehr unterschiedlich umsetzen/umgesetzt haben (woran lag das? an den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen? an individuellen Eigenheiten? ...). Vielleicht wäre das, auch für andere, ein interessanter Beitrag für eure Mappe - ich sehe das aber auch vollkommen unabhängig von dieser Mappe und ich weiß, dass das ein schwieriges Unterfangen wäre.
Christian, lass was von dir hören und schau mal in unsere Homepage:
www.maus-bremen.de
Bremen 2003
Im September 2002 nahm ich - eine von vier dazugeladenen Frauen - an einer eher internen Jesuiten-Tagung in Augsburg teil. Abends trafen sich einige noch im Bierstüberl locker in Grüppchen, die Herren kannten sich ja. Ziemlich kaputt vom Zuhören der vielen Statements und Diskussionen am Tag schaute ich mich nach einem Platz um, da nickte P. Christian H. mir zu, wir kannten uns nicht, fanden im Gespräch bald zueinander. Im Nachklang des Wochenendes war dieses "Nebenbei-Gespräch" für mich das wichtigste "Ereignis" geworden: Du und ich sind wir mit IHM.
Freising 28. 01. 2003
Ich schicke einige Flugblätter von der "Initiative Ordensleute für den Frieden" (IOF). Drei Ereignisse fallen mir gleich ein, wenn ich an Euch denke:
1) 1986: ein Artikel in "Kontinente" berichtet von Eurer Mahnwache in Hasselbach. Wie jemand (Hanns Heim) einen Stein nahm und ihn (voll Wut) ins Areal warf. Erregte Diskussion über "Gewaltfreiheit". Dieser Artikel "Und sie fliegen ja weg" hat mich zur IOF gebracht. Dafür bin ich Euch bis heute dankbar.
2) 1990 + 91: Unsere Slumhütte vor der Deutschen Bank. Hanns hat darin sogar übernachtet.
3) Hauptversammlung der Deutschen Bank in Berlin. Ich meldete mich als Kritischer Aktionär. Komme aber nicht schnell genug ans Mikrofon. Da brüllst Du durch den ganzen Saal (3 - 4000 Aktionäre): "Jetzt lassen Sie ihn gefälligst reden".
Weitere Eindrücke:
- Besuche bei Euch in der Naunynstraße
- Knastaufenthalte
- Ausschreibung "evolutionäre zellen"
Frankfurt/Main 10. 12. 2002 Hier noch drei von den beiliegende Texten:
Diese Erklärung wurde am ersten Oktober 1988 nach einem längeren Diskussionsprozeß unter den Mitgliedern der Initiative von den anwesenden TeilnehmerInnen der Initiative in Braunschweig verabschiedet.
Als Initiative "Ordensleute für den Frieden". beteiligen wir uns am konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Als einen Beitrag‚ dazu erklären wir in Fortsetzung unseres Positionspapiers (s. Publik-Forum Nr. 9 vom 25.4.1986):
Wir sind uns mit vielen Menschen einig, daß die Institution Krieg überwunden werden muß und besonders ein Krieg mit modernen Massenvernichtungsmitteln in sich verwerflich und durch nichts zu rechtfertigen ist. Gegen alle Versuche, das gegenwärtige System der Abschreckung noch für eine Übergangszeit zu tolerieren sagen wir schon heute NEIN. Im heutigen Abschreckungssystem führt menschliches und technisches Versagen zu unübersehbaren und katastrophalen Konsequenzen. Wir halten die These von der Begrenzbarkeit und Kontrollierbarkeit eines mit modernen ABC-Waffen geführten Krieges für falsch, da sie auf Hypothesen und subjektiven Einschätzungen beruht; selbst ein regionaler Krieg ist dort, wo er geführt wird, - ein totaler.
Dieses System ist für uns als Instrument der Kriegsverhütung nicht akzeptierbar.
Der Einsatz mit modernen ABC-Waffen sowie die Herstellung, Stationierung und
Drohung mit dem Einsatz sind Verbrechen gegen die Menschheit.
Wir sagen NEIN zum anhaltenden Rüstungswettlauf, der ein Skandal ist, und bekräftigen die Aussagen des II. Vatikanischen Konzils: "Der Rüstungswettlauf ist eine
der schrecklichsten Wunden der Menschheit. Er schädigt unerträglich die Armen."
(Gaudium et Spes Nr. 81).
Es besteht eine moralisch untragbare Gleichzeitigkeit von immensen Militärausgaben
einerseits und andererseits wachsender Verelendung, die schon heute unzähligen
Menschen das Leben kostet. In dieser Situation gibt es für uns nur eine akzeptable
Möglichkeit: Die Beendigung des Rüstungswettlaufs und die Indienststellung
der dafür eingesetzten Ressourcen gegen Hunger und Elend, gegen die Zerstörung
von Lebensgrundlagen auf der Erde und zugunsten der Armen.
Wir sind der Überzeugung, daß für uns als Christen die Distanzierung vom System
der Abschreckung und dem damit verbundenen Rüstungswettlauf geboten ist. Ein
deutliches Zeichen dafür sehen wir in der Verweigerung von Kriegsdiensten aller
Art, zu der wir ermutigen.
Unsere Ordensgemeinschaften und wir als Einzelne sind wie fast alle MitbürgerInnen unseres Landes schon jetzt durch bestehende Gesetze wie das Arbeitssicherstellungsgesetz und das Zivilschutzgesetz in Kriegsdienste und Vorbereitungen für den "Ernstfall" einbezogen. Tätige im Gesundheitswesen, im Katastrophenschutz, in Transport und Verkehr, Angestellte des öffentlichen Dienstes, Arbeiter und Angestellte in allen kriegsrelevanten Wirtschaftsbereichen, Zivildienstleistende, Frauen zwischen 18 und 55 Jahren sind für den "Ernstfall" im Rahmen der Gesamtverteidigung eingeplant.
Wir wollen nicht mehr mitwirken an der Bereitstellung von Strukturen und Mitteln,
die das gegenwärtige Abschreckungssystem stützen und ermöglichen:
Wir wollen darauf hinwirken, daß unsere Gebäude, Fahrzeuge oder beruflichen
Kenntnisse nicht mehr für den "Ernstfall" einplanbar sind.
Wir sehen unsere Aufgabe - in einer weiteren Bewußtmachtung des Eingeplantseins
bei uns und anderen.
Wir erklären uns solidarisch mit allen, die den Kriegs- und Zivildienst in der jetzigen
Form verweigern. Wir beraten und begleiten Menschen im Verweigerungsprozeß.
Wir fordern die Umgestaltung des Zivildienstes in einen ausdrücklichen Friedensdienst.
Wir halten es für notwendig, uns mit der Militärseelsorge kritisch auseinander zusetzen.
Wir fragen an, ob deren gegenwärtige Form nicht als Billigung der Politik der
Abschreckung aufgefaßt werden kann.
Wir wollen mitwirken an der Erarbeitung von Alternativen zum heutigen System der Abschreckung. Insbesondere wollen wir uns tatkräftig für die Entwicklung und Verbreitung von gewaltfreien Methoden der Konfliktlösung einsetzen (z.B. Abbau von Feindbildern; Versöhnung und Verständigung; Vertrauensbildung) sowie von sozialen Verteidigungskonzepten.
Braunschweig, 1. Oktober 1988
Schon Kinder stürzen sich in Schulden" meldete letzte Woche die Frankfurter Neue Presse: Zwölfjährige, "die sich 300 Mark für Trend-Klamotten geliehen haben und nicht wissen, wie sie's zurückzahlen sollen"; manche l6jährige stünden mit 7000, l8jährige mit bis zu 20 000 Mark in der Kreide.
Gründe dafür seien:
1) Die heile Familienwelt, die schon lange nicht mehr existiert.
2) die aggressive Werbung der Banken, die mit kostenlosen Konten um junge Kundschaft
buhlen. Sie versprechen schnelles Geld für die Erfüllung jugendlicher Träume.
Tradierte Werte (nur was man hat, kann man ausgeben) gehen so verloren.
Wir alle wissen: was sich im kleinen abspielt, hat System im großen. Nur ein Beispiel: Die Stadt Frankfurt ist heute so verschuldet, dass sie täglich rund 1,4 Millionen Mark Zinsen dafür zahlen muss, zwei Mark für jede und jeden von uns. Deshalb fordert die Initiative Ordensleute für den Frieden (IOF) von der Stadt Frankfurt einen Platz in der Taunusanlage oder sonst wo im Bankenviertel, um dort ein Denkmal "Den Opfern der Verschuldung" aufzustellen.
In einer ersten Antwort hat die Oberbürgermeisterin Petra Roth unsere Anfrage abgelehnt.
Es könne nicht die Sache der Stadt Frankfurt am Main sein, sich mit unseren
Anliegen und unserer Sichtweise der Dinge durch aktive Unterstützung in Form
der Bereitstellung eines Platzes zu identifizieren.
Die IOF wird weiter am Ball bleiben.
Ich möchte Sie, Herr Breuer, bitten, uns dabei zu unterstützen. Als Dank im voraus möchte ich Ihnen eine Kleinplastik überreichen mit dem Titel: Den Opfern der Verschuldung. Der Künstler, Moritz Bormann aus Hildesheim, kann sich gut vorstellen, in einer dreiwöchigen Kontakt-Kunst-Aktion mitten in Frankfurt, mit Beteiligung interessierter Laien, das Denkmal "für die Opfer der Verschuldung" als Großplastik für den öffentlichen Raum zu realisieren.
Anlässlich der Hauptversammlung der Deutschen Bank am 20.5.1997 in Frankfurt/M
Lange vor Seattle, Genua und Katar haben Ordensleute für den Frieden gegen die Globalisierung demonstriert. Entstanden war die Initiative Ordensleute für den Frieden (IOF) in den 80-er Jahren als Friedensbewegte in Deutschland gegen die Nachrüstung, d.h. gegen die Stationierung von Cruise-Missiles und Pershings II protestierten. Als die Raketen dann abgezogen wurden und viele Friedensgruppen dicht machten, ist die IOF von Hasselbach (Hunsrück) vor die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt/Main gezogen. Einige von uns hatten nämlich internationale Erfahrung: Kl. Schwester Monika-Maria kam aus Haiti, Jesuiten waren in Flüchtlingslagern in Südostasien gewesen, ich hatte 18 Jahre in Algerien gelebt. Wir
wussten: Frieden bedeutet nicht nur Abrüstung, Frieden bedeutet Gerechtigkeit für alle Menschen. Das, meinten wir, konnte man gut vor der größten deutschen Bank klarmachen.
So haben wir Pfingsten 1990 drei Tage lang eine Slumhütte vor den Doppel-Türmen
der Deutschen Bank aufgebaut. Günter Grass, der gerade einige Monate in Kalkutta
gelebt hatte, schrieb:
"Auf Dauer werden die Slumhütten Kalkuttas die gläsernen Türme der Bankenstadt
Frankfurts überdauern."
Unsere damalige Forderung:
Schulden-Streichung für die
Dritte Welt!
Bei unseren Mahnwachen an jedem ersten Donnerstag im Monat mussten wir dann aber feststellen: Es geht nicht nur um die Armen in der Dritten Welt. Auch in Frankfurt werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer und zahlreicher. Zunächst wurden die Drogenabhängigen aus der Taunusanlage vertrieben, dann kamen die Obdachlosen unter den Mainbrücken dran. Und in den letzten Jahren hat man in Frankfurt eine sogenannte "Gefahrenabwehrverordnung" diskutiert. Wie bekommt man die Zeil, die stärkste Einkaufsmeile Europas‚ "sauber" von Bettlern, Bier-Trinkern, Obdachlosen, ... damit der Konsum noch mehr gesteigert werden kann?
Seither fordern wir eine radikale Infragestellung unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems. Denn von diesem System profitieren 20% auf Kosten von 80%, in der Dritten Welt, aber auch in Deutschland. Gegen diese riesige Umverteilung von unten nach oben, gegen diese kapitalistische Globalisierung protestieren Ordensfrauen und -männer immer mehr auch mit Aktionen zivilen Ungehorsams: Ankettaktionen, Straßenblockaden, Besetzung des Foyers der Deutschen Bank. Einige von uns sind dafür sogar mehrere Tage im Gefängnis gewesen. Das hält die Globalisierung zwar (noch) nicht auf, aber wir wollen uns später nicht vorwerfen lassen, dass wir nichts unternommen haben. Unseren Eltern und Großeltern haben wir gefragt: Wo habt ihr Widerstand geleistet gegen Hitler und den Nationalsozialismus?
Auch uns wird man einmal fragen: Warum habt ihr keinen Widerstand geleistet in
einem Unrechtssystem, das
- die Menschen der Dritten Welt ausbeutet,
- auch in unserem Land Millionen in die Arbeits- und Obdachlosigkeit treibt,
- die Umwelt zerstört,
- den kommenden Generationen nur geringe Überlebenschancen lässt?
Frankfurt/M 2000, Gregor Böckermann
Jetzt ist es Mitternacht, seit gestern rollen die Todeswellen der anglo-amerikanischen Kampfbomber. Da verbietet es sich zu sagen, dass ich Tod - müde bin, denn in diesen Minuten wird im Irak getötet. Also sage ich: Nach diesem Tage bin ich erschöpft und gleichzeitig hellwach. An dem Wechsel von heißer Friedenshoffnung und kalter Ernüchterung habe ich mich erkältet. Das hat sich auf meine Stimmbänder gelegt. Ich bin stimmlos, weil sprachlos. Eigentlich wollte ich noch mit Dir, Christian, telefonieren, aber so schreibe ich Dir auf Deinen Anruf hin. Gerade habe ich
Deinen Spruch auf meinem Anrufbeantworter abgehört: "Lies die E-Mail, gucke in die Kiste!" Danach kam noch ein Spruch vom Fernsehen an: "Bitte informieren Sie mich. Was ist X plus Eins? Was hat das interreligiöse Friedensgebet Berlin vor?" Um ihm antworten zu können, lese ich erst einmal Deine Nachricht: Wir treffen uns - ohne Fred Klinger - wie verabredet am Tag X plus Eins am Brandenburger Tor von 15 bis 18.00 Uhr.
Das ist in 14 Stunden. Frühlingsanfang und doch der Beginn einer heißen Eiszeit! Fred ist seit unserer letzten Zusammenkunft im Schutz einer Kirche in Bagdad und folgt der Stimme seines Gewissens, um ein Zeichen zu setzen. Welch eine Zeit, wenn die Stimme versagt, die Zeichen sprechen und verbannte Steine schreien und es kein Schweigen der Toten mehr gibt! Es ist unsere Aufgabe, dass auch wir hier in Berlin und weltweit Zeichen des Lebens setzen. Am Brandenburger Tor am Tag X plus Eins.
Aus dem Rundbrief Deiner Gemeinschaft habe ich erfahren, dass wir beide seit 25 Jahren miteinander in dieser Stadt verbunden sind. Ich lese, dass Du 1978 nach Berlin gekommen bist. Da bereitete ich meinen Abschied aus meinem Pfarrbezirk im Havelland vor, um in Berlin einen ökumenisch-missionarischen Auftrag zu übernehmen. Dazu gehörten auch Aufgaben im konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Ab 1979 gab es dann in Berlin die Friedensgebete. Wir beteten um Befreiung vom Geist der Abschreckung und um Entlassung aus der Logik der Gewalt. Die Wende von 1989 lebte aus diesem Geist. Das Ende des Kalten Krieges trat für viele überraschend ein, aber das eigentliche Wunder war die Macht der Gewaltlosigkeit. Wieder 10 Jahre später erlebte ich 1999 - als Mittelost-Referent des Evangelischen Missionswerkes aus Hamburger Perspektive - abermals einen Wechsel der deutschen und internationalen Politik hin zu neuer Gewalt auf dem Balkan. Und heute um 15 Uhr wollen wir uns treffen zum interreligiösen Friedensgebet im Schatten des Brandenburger Tores, um der Logik der Gewalt die Vernunft des Friedens entgegen zu stellen.
Zum ersten Mal sind wir uns begegnet im Mai 2002. US-Präsident Busch kam in europäische Hauptstädte und auch nach Berlin, um die Achse des Bösen plausibel zu machen. Wir hingegen waren einig geworden, dass wir auf der Achse des Friedens ein Zeichen setzen müssten. So haben wir seinem Ansinnen widerstanden und auf der Achse des Friedens zwischen Fernsehturm und Siegessäule unsere Gebete zu der Air-Force-One aufsteigen lassen. Das war vor den Stufen des Berliner Doms, nicht im Dom, nicht auf den Stufen, sondern am Bordstein und Straßenrand. Die Gebete und Gesänge der Christen, Muslime und Hindus mischten sich mit Schlägen der Protesttrommeln und den Rufen der Demonstranten. Die Gitter der Polizei machten erst recht deutlich, dass zusammen kam, was viel zu oft und viel zu lange getrennt wird: Kampf und Spiritualität.
Ein zweites Mal kamen wir zusammen auf dem Gendarmenmarkt im Oktober 2002. Da war der Lärm der Großdemo schon verebbt. Du hast Dich weit vorgebeugt, die Hände ausgebreitet und Dein Gebet frei gesprochen. Die Demonstrationsgemeinde wuchs von 20 auf 200 Frauen und Männer. Einige gingen davon mit uns danach in die Kirche.
Dann trafen wir uns wieder im Januar 2003 am Reichstag, an dem Tag, der beleuchtet ist von der Machtübergabe des deutschen Volkes an Hitler und der Befreiung des KZ-Auschwitz. Horst Goldstein hat das zum Ausdruck gebracht. Du hast das Mikrofon gehalten und die Kameras hielten auf Dich und auf die Betenden unseres Kreises. Auch die Polizei filmte und fotografierte. Die Gemeinde, die sich aus den Berlin-Besuchern des Reichstages gebildet hatte, applaudierte und respondierte. Warum machen die das eigentlich: Interreligiöses Friedensgebet? Warum beteiligen sich Medien, Menschen? Brauchen sie Hoffnungsträger? Wir können ja eigentlich nur bekennen und öffentlich machen, welche Hoffnung uns trägt. Und was bringen wir zu Ausdruck am Tage X plus Eins? Heute? Ich muss jetzt nachdenken und höre auf zu schreiben.
Fortsetzung des Briefes am Abend des Tages X plus Eins:
Lieber Christian!
Ich hatte
den Sonnengesang des Franziskus für unser Gebet am Brandenburger Tor vorbereitet.
Ihr habt auf mich gewartet. Ich saß in der S-Bahn mit den Gedanken des großen
Textes, der Himmel und Erde verbindet, die vier Elemente und die vier Windrichtungen
miteinander korrespondieren lässt. Anders kamen wir heute nicht zusammen.
Auch andere aus unserer Gemeinschaft konnten nicht aus ihren Verpflichtungen
heraus, wie ich eben noch erfuhr. Der Tag X plus Eins, dessen Erscheinen wir ja
gerade nicht erleben wollten, kam nicht unerwartet, aber eben doch für uns ungeplant
- überraschend. Also konnten wir ihn auch nicht frei von anderen Verpflichtungen
halten. So war es auch heute. Während Du am Brandenburger Tor standest,
war ich mit einem Bischof und Rektor aus der indischen Goßner - Kirche im Evangelischen
Zentrum bei unserem Bischof.
Du jedenfalls konntest da sein, wo Du hingehören willst, zu den Menschen, dass sie Schutz und Schirm, Grund und Boden wiederfinden. Dafür holst Du die Menschen nicht in die Kirche, sondern bringst die Friedensbotschaft zu ihnen. So war auch das Interreligiöse Friedensgebet nicht etwa im Raum der Stille im Brandenburger Tor. Ich denke mal, dass das Fernsehen diesmal dabei sein wollte um herauszubekommen, was uns bewegt, eine vorbereitete Gebetsaktion mit dem spontanen Gottesgeist zu verbinden. Vielleicht lässt sich das beschreiben mit dem Weg Jesu, der uns verbindet. War Jesus nicht auch so einer, der sich dem Strom des Geschehens aussetzte? Er ging die Geschichte Gottes mit den Menschen mit und verkörperte sie auf seinem Lebens- und Kreuzwegsstationen. Es ist eine Geschichte der Ohnmacht - anders: eine Geschichte der Macht Gottes, die in den Ohnmächtigen mächtig wird. Darum geht es in unseren Gebetstreffen an den Orten der Macht - Dom, Gendarmenmarkt, Reichstag, Brandenburger Tor. Es ist nicht eine medienwirksame Pose der Macht, sondern Teilnahme am Leiden Gottes unter den Mächtigen dieser Welt. Im Schatten der Diplomatischen Vertretungen und deren Botschaftern auf der Achse zwischen Schlossplatz und Brandenburger Tor, sind wir die Botschafter Jesu. Wie ihr euch als Jesuiten bezeichnet, kennzeichne ich mich sinnentsprechend als Jesuaner. Wir kennen aus der Geschichte, was uns trennen kann. Wir wissen aber erst recht, wer uns verbindet.
Das möchte ich Dir zum Ausdruck bringen. Wie gesagt, ich wollte ja eigentlich sprechen mit Dir, aber ich bin sprachlos - stimmlos, aber nicht wortlos. So nutze ich die-
se Verlegenheit als Chance, Deiner Bitte nachzukommen für ein Grußschreiben zu eurem Jubiläum. Auch will ich Dir das schreiben, bevor wir uns wiedertreffen. In meinem Kalender steht: Liturgische Nacht zum Ökumenischen Kirchentag 2003 - Vorbereitung. Auch da wird es gehen um Widerstand und Hoffnung, um unsere Ohnmacht, damit erst recht erkennbar wird die Kraft Gottes. Wir alle aus unserer Runde und in unserem Kreis haben nicht nur mit den Fernseh- Teams kritische Betrachter und skeptische Begleiter in diesen Tagen und seit 25 Jahren. Sie fragen: Und was habt ihr erreicht? Ob sie verstehen, wenn wir sagen: Nicht wir wollen etwas erreichen, sondern wollen uns erreichen lassen von dem Frieden, der höher ist als alle Vernunft.
Die Gäste aus der indischen Goßener Kirche sagten heute abend bei der Verabschiedung: "Yesu-sahai - Jesus ist Helfer. Und grüße auch so Deine Gebetsgemeinschaft." Und wie es guter Brauch ist unter den Protestanten, verbanden sie auch einen Bibelspruch mit ihrem Gruß. Die Grüße kommen so ganz aus der Erfahrung von interreligiöser und ökumenischer Zusammenarbeit in Indien mit Adirasi, Hindu und Moslem, mit Anglikanern, Katholiken und Lutheranern. In deren Kämpfen um sozialen Frieden und gesellschaftliche Gerechtigkeit, um Menschenrechte und Menschenwürde bewahren sie ihre Hoffnung mit dem Wort Jesu:
"Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen." (Joh 10,11)
Weil dies nicht nur Gedanken zum Tag X plus Eins, sondern auch ein Gruß zu eurem Silberjubiläum ist, füge ich noch ein anderes Wort hinzu, das schon im Brief hier angeklungen ist: "Lass Dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne" (2. Kor 11,9) - und in eurer Gemeinschaft!
Monatliches interreligiöses Friedensgebet in Berlin:
www.friedensgebet.net
Berlin 21. März 2003
Frieden - kaum ein anderes Wort wurde und wird so oft in den Mund genommen, bei allen Staaten und in allen Sprachen. Wie sehnen sich alle nach Frieden! Und doch: Seit dem 2. Weltkrieg mit 50 Millionen Opfern verging nicht ein Tag, an dem nicht geschossen wurde. Ist Friedlosigkeit das Kennzeichen dieser Welt? Ghandi fällt mir ein, der sagte: "History teaches that history teaches nothing." Lernt der Mensch wirklich nichts aus seiner Geschichte?
Wir Christen sollten es eigentlich besser wissen. Die Gewaltspirale durchbrechen, das wärs eigentlich. Kriege sind immer auch gegen die Zivilbevölkerung gerichtet. Aus dieser Erfahrung heraus begründet sich zum Teil mein pazifistisches Engagement. Als ein Kind zwischen 5 und 11 Jahren verbrachte ich prägende Jahre in den Bombenkellern einer Großstadt.
- Sprengbombe gegenüber - verschüttet im Keller,
- Brennende Häuser,
- Phosphorisierte Straßen,
- Entbehrungen,
- Fehlender Vater - überlastete Mutter,
- Verlust der Wohnung
- und das schlimmste: Verlust der Kindheit, denn das Thema Tod und Getötetwerden
brach in eine Entwicklung ein, die von friedlicheren Dingen hätte erfüllt sein müssen.
Aber, nicht nur diese Traumata bewirken meine Kriegsgegnerschaft, sondern auch ein bedingungsloses Ja zum Leben. Ein Dennoch! Krieg traumatisiert nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter, wie uns menschliche Wracks aus dem Vietnam- und anderen Kriegen zeigen. Eine Differenzierung zwischen Opfer und Täter sowie ein Polarisierung greifen nicht und sind der Anfang von neuem Unrecht. Wer sind eigentlich die Kriegsgewinnler? Eine solche Analyse will ich mir sparen.
Es muss jeder Konflikt analysiert und sachlich anders bewertet werden. Eine Eskalation der Gewalt ist ein Zusammenbruch diplomatischer Bemühungen. Eine Vermeidungsstrategie enthält immer sachliche Argumente. Die heraus zu arbeiten, sollte oberste Priorität haben.
Als ich während einer Wartezeit mit einem früheren Lehrer meiner Kinder ins Gespräch kam und ich gegen den zweiten Golfkrieg argumentierte, wurde mir gesagt: "Das ist weibliche Gefühlsduselei". Und das von einem Mann, der seine Sozialisation im 2. Weltkrieg hatte und mit Sicherheit auch ein Trauma erfuhr. Wie sagte Ghandi? Siehe oben.
Langensekbold 7. Januar 2004, Teilnehmerin an Exerzitien auf der Straße in Nürnberg
Können wir im Ernst gegen einen Irak-Krieg sein?
Wollen Sie etwa ein Gutmensch sein? Kant bewahre. Wenn edle Federn mit jovialer
Geste sich - und den dankbaren Leser - über ungenießbare Gutmenschen erheben,
dann bedarf es keiner weiteren sachlichen Begründung, um zu verstehen, dass der
Pazifismus sich anschickt, die charts zu verlassen.
Jeder hier zu Lande - fast jeder - wurde als Kind pazifistisch kontaminiert, sei es über das Christkind oder die kleine weiße Friedenstaube. Und kaum einem ist jeglicher Anflug von Unwohlsein fremd, angesichts der etwas asymmetrischen weltweiten Güterverteilung, angesichts des systematischen Zugriffs auf das global Eingemachte und angesichts der brachial merkantilen wie auch diskret martialischen Absicherung unserer ‚vitalen Lebensinteressen'. Wie aber umgehen mit diesem lästigen Piepsen des ethischen Detektors?
Gebenedeit sei, wer uns einen niveauvollen Ausweg aus diesen ethischen Dilem-
mata weist: Friedliche Gutmenschen waren mal modern, in den Achtzigern vielleicht. Spätes Erwachsenwerden aus pazifistischen Träumereien ist jetzt postmodern. "Wer mit siebzehn kein Pazifist ist, hat kein Herz, wer es mit siebenundzwanzig noch immer ist, hat keinen Verstand". Nur jetzt nicht den Anschluss an die verlieren, die schon immer erwachsen waren. Ruckartige hinterher eilende Adoleszenzbemühungen können jedoch zu etwas linkischer vorauseilender Martialik führen. So gesehen fühlt sich der Pazifist in der Obhut eines besonnenen Generals wohler als unter dem etwas wackeligen, nassforschen Kommando nachgereifter spätberufener Bellizisten auf der Regierungsbank.
Gebenedeit sei der Journalist, der uns mit intellektuellem Anspruch erklärt, dass das geostrategische Rohstoffinteresse bei den US-amerikanischen Volten der letzten Monate doch wohl eher eine untergeordnete Rolle spielt. Das lässt den Pazifisten seine eigene Teilhabe an den Segnungen des kurzen Ölzeitalters leichter ertragen.
Gebenedeit sei, wer uns von dem Verdacht entlastet, die eindeutige Zuweisung des Schurkentitels zwischen den amerikanischen wie englischen Heerscharen einerseits und den fanatischen diktatorischen Arabern andererseits könne angesichts der nur vage geschätzten Toten des Irak-Embargos und anderer Kollateralitäten etwas verzwickter sein als letzter Zeit vorgenommen.
Der Blick des Pazifisten aber fällt in den Spiegel im Flur. Hier er selbst, guten Willens. Dort hinter dem Spiegel das Ticket nach Colombo zur Konferenz über sanften Tourismus. Auf der Handschuhablage der Schlüssel für das Automobil. Der Atem des Pazifisten beschlägt den Spiegel nicht. Der Heizöltank ist voll, der Flur ist warm. Wo aber steckt das Körnchen Wahrheit in der Argumentation selbst ernannter Realisten, wenn sie ökologisch und pazifistisch orientierte Gutmenschen milde belächeln?
Wir Gutmenschen wollen bei vollem Lohnausgleich dagegen gewesen sein. Wir wollen BAT II, Fernreisen, Rundum-, Voll- und Altersversicherung sowie den sechzigfachen Energieumsatz eines Bangladeshi und außerdem wollen wir voll für den Frieden sein. Hier scheint ein ethischer Webfehler vorzuliegen. You can't eat the cake and have it too, wiederholt gelegentlich Saral Sarkar, der zivilisationskritische Inder vom Ufer des Rheins.
Der praktische Hinweis auf die noch gründlichere wie effektivere Ressourcenverschredderung
der Nordamerikaner mag da bestenfalls als anspruchslose Ausrede
schlichter Gemüter für unsere europäische Praxis herhalten.
Jan Ross sieht in der ZEIT den Pazifismus im bürgerlichen Lager angekommen. Da
hat er wohl recht. Wir wollen das ganze tolle Zeugs haben und gleichzeitig die bösen
Konzerne, Börsen-Messdiener und Globalisatoren attacieren, die die moralische
Drecksarbeit machen. Das entbehrt der Ästhetik des Widerstandes. Das lässt verstehen,
warum anders Denkende den arrivierten Pazifismus als ‚politischen Kitsch'
empfinden. Gandhi über dem Kannapé - der fastende Hirsch.
Uns beflügelt die muntere Vorstellung, dem Frieden hafte kein Preisschildchen an. Man müsse ihn lediglich fordern und er käme eilends herbei. Und falls er denn ausbliebe, könne man sich wenigstens daran wärmen, mit seiner Forderung im Recht gewesen zu sein. Das scheint ein fliegengewichtiges Hobby.
Müssen wir nicht hoffen, dass unser mit halblauter Stimme skandiertes NEIN gegen einen Rohstoffkrieg leise genug und ungehört bleibt? Können wir denn wirklich wünschen, dass man auf uns hört, dass unsere Forderung Mehrheiten gewinnt? Und unser Wohlstand wohlmöglich ins Schlingern gerät?
Ob wir hoffen ernst genommen zu werden, erkenne man bitte an unserer Bereitschaft, mögliche Einbußen in Kauf und vorweg zu nehmen, die denen bevorstehen, die sich nicht an dem martialischen Gedränge um die globalen Restressourcen beteiligen wollen oder können. Nicht dass man erst durch einen Verzicht auf das Beutegut das Recht erwirbt, gegen den Krieg zu sprechen. Nein, es spreche gegen einen Krieg wer möchte. Nur täusche sich nach dem aufmerksamen Blick in den Spiegel keiner über das Gewicht seines Wortes gegen den Krieg.
Wer erwartet im Ernst, dass es uns leichter fallen sollte, von innen her das Ausmaß eines möglichen Kollapses unserer fragilen Industriezivilisation zu vermessen - leichter als es den Zweitplazierten im deutsch-deutschen Nachkriegswettrennen fiel, Ende der achtziger Jahre den Grad der sozialen Korrosion ihres Modells zu erkennen. Die Innenansicht eines gesellschaftlichen Explosionsprozesses ist selten beunruhigend. Die fliegenden Teilchen bewegen sich alle so schön gleichmäßig. Man nenne es wirtschaftliches Wachstum und hoffe auf seine immer währende Fortsetzung. Oh mathematische wie biologische Einfalt. Oh beneidenswerte Glaubensstärke.
Wer malt sich im Ernst aus, dass eine Stromversorgung in dem Moment ausfallen könnte, wo wir gerade das spannende neue Format gucken, bei dem ein paar waghalsige Städter versuchen im Schwarzwald zu leben wie vor hundert Jahren - oder wie in Rumänien heute. Mobilität oder Mobilismus, wie dato praktiziert, mag verzichtbar sein. Vieles lässt sich regional abwickeln. Man kann dabei auf jahrhundertelange Erfahrung zurückgreifen. Frieren im Winter ist jedoch etwas ausgesprochen Archaisches, Ideologie fressendes. Nur wenige Ideale halten Temperaturen von unter Null Grad Celsius in Innenräumen stand.
Ja, wir können im Ernst gegen einen Irak Krieg sein - wenn wir es im Ernst sind. Wundere sich keiner, wenn er den Pazifisten mit der Axt im Wald antrifft, Brennholz schlagend. Erwarte keiner in des Pazifisten Garage ein Automobil. Und suche ihn keiner im Bauch eines Flugzeuges.
Es geht hier nicht um einen ökologisch-pazifistischen Neopurismus sondern um den Versuch, den hehren Worten Gewicht zu verleihen. Es geht nicht um schwarz oder weiß, um Computerzeitalter versus Bronzezeit. Es geht um Schritte persönlicher Konsequenz, die einschneidend genug sind, um den Bellizisten allerorten Respekt vor unserem Anliegen abzugewinnen. Und sei es auch nur um sich selbst im Spiegel in die Augen sehen zu können. Ganz im Sinne des unlängst verstorbenen Jürgen Dahl, dessen Gärtnerkolumnen verständlicher Weise, jedoch zu unrecht, beliebter waren als seine hellsichtigen gesellschaftlichen Analysen.
Na und was will der Pazifist mit all dem Bemühen? Sich und anderen ein schlechtes Gewissen machen? Nein, ganz im Gegenteil: ein gut funktionierendes.
Schlöben 13. Januar 2003
Haste mal ne Mark!" - an dieser Frage kommt in Kreuzberg kaum jemand vorbei. Deshalb empfiehlt es sich für einen Touristen, immer etwas Kleingeld in der Tasche zu haben.
Und wenn Sie schon nicht jedem Bettler etwas geben, so sollten Sie doch die Chance
haben, den originellsten Schnorrer zu honorieren. Mein Herz hat sich ein Schelm
erobert, der vorgibt für eine "Aktion verlorene Jugend" zu sammeln.
Dem alltäglichen Wahnsinn auf der Kottbusser Brücke oder an den U-Bahnschächten
kann ich nur mit einer Portion Humor begegnen. Seit ich in Kreuzberg lebe, rede
ich wohl anders über Armut als vorher. Meine Erschütterung beim Anblick dieser
Elendsgestalten wird häufig durch den Alltag verdrängt.
Was aber bleibt, ist die Empörung über gedankenlose Schikanen. Dass Heinz keine
Wohnung bekommt, weil er keine Arbeit hat, und dass er keine Arbeit bekommt,
weil ihm eine Wohnanschrift fehlt, oder dass Sascha mit seinem offenen Bein im
Krankenhaus abgewiesen wird, weil er Läuse hat, und in der Desinfektionsanstalt
nicht entlaust werden darf, weil er ein offenes Bein hat.
Die Kolonnen von Schnorrern machen mich auch nach Jahren noch verlegen;
manchmal auch unwirsch. Wütend aber machen mich die vielen Teufelskreise, in
denen sich die armen Menschen dieser Stadt bewegen.
Teufelskreise, die seit Jahren
bekannt sind und doch nicht aufgebrochen werden.
Ich habe es nie erlebt, dass Politiker sich dem Gespräch über die Not in der Stadt verweigert hätten. Selbst die finanziellen Anträge für unsere Obdachlosigkeitsarbeit wurden immer großzügig behandelt - aber wo die Not endlich an der Wurzel behoben werden müsste, da werde ich mit einem Kompetenzwirrwarr konfrontiert, das seinesgleichen sucht.
Wenn Sie also nach Kreuzberg kommen, wechseln Sie die letzte Mark.
Werfen Sie 70 Pfennige in den Hut eines Bettlers, mit den restlichen 30 Pfennigen
rufen sie im Rathaus an, und lassen Sie sich erklären, warum für ein Bett im Obdachlosenasyl
pro Monat 2000 Mark zur Verfügung stehen, die Mietkostenübernahme
von 500 Mark aber nicht funktioniert.
Berlin 2000
Gefangensein zwischen einer Geborgenheit und dem wachsenden Gefühl der Entfremdung. Früher noch an den Satz geglaubt: Ich wandle im Herzen Gottes. Jetzt ein Herz, dass sich mit den Schritten verschiebt. Wo ist die Wand? Zerbricht es? Oft schuhlos gewandert, auf dem Weg in ein fremdes Land, beim Stoppen, die Schuhe
vergessen. In Guate dann, ein Bergdorf, neugierige Dorfbewohner, die fragen: warum hast du keine Schuhe? Eines Morgens dann eine Fußwaschung einer fremden Frau und ihrer beiden Kindern. Schuhe auch in Xela, versteckte Gabe an einen Bettler des Nachts. Zwei Jahre später schenkt mir eine Freundin fast die gleichen Schuhe wie damals. Ausgleich? Balance im Geben und Nehmen? Oder eine Fußwaschung, Meereswaschung, Matteo, Toskana, 2000. Er wäscht meine Füße. Die Frage nach dem Beginnen und Grenzen einer Liebe. Eines Novembermorgens barfuss durch den Schnee, die Lände entlang. Frieren wollen, um den Schmerz zu spüren, den ein Tod eines Freundes hinterlassen hat. Mit jedem Tod die neuen Fragen nach einem Warum. Mit jedem Verlust die vertraute Verzweiflung und der Widerspruch: ein Bruch, der gekittet und dann immer wieder aufreißen will. Trägt Gott? Das ist meine Frage.
29. Januar 2004
Mein Sohn berichtet aus der Schule (2.-4. Klasse, jahrgangsübergreifende Klasse). Im Stuhlkreis haben zwei Jungen (die Fußballstars der Klasse) eine selbsterfundene Geschichte vorgelesen, eine Dick- und Doofgeschichte. Dick und Doof seien im Wald gewesen, Doof hätte aus Versehen einen Jogger erschossen, weil vorne auf dessen T-Shirt "Reebok" gestanden habe und er ihn deshalb für einen Rehbock gehalten habe. Alle lachen. Mein Sohn meldet sich und sagt, er fände das nicht witzig, wenn jemand aus Versehen umgekommen sei. Meine Frage: Was hat die Lehrerin darauf gesagt? Antwort: Nichts. Sie hatte mitgelacht.
Ist es jetzt moralisch, wenn ich die Lehrerin daraufhin anspreche und frage, welche ethisch-moralischen Grenzen es für sie im Unterricht gibt? Natürlich ist es das, und außerdem ist Kollegenschelte sowieso unkollegial.
Wie lange bleibt mein Sohn so mutig und vertritt seine abweichende Meinung? Den Fußballstars der Klasse Kritik entgegenzusetzen hat natürlich Konsequenzen. Und außerdem gilt er jetzt als humorlos.
Berlin 23.1.03
Seit einigen Jahren wird gelegentlich von einem 8. Sakrament gesprochen. Wieso das? Wir haben alle schon früh gelernt: Es gibt 7 Sakramente, 4 sind von Jesus eingesetzt worden: Taufe, Buße, Eucharistie, Firmung. Später kamen 3 weitere hinzu: Ehe, Priesterweihe, Krankensalbung. Das sind 7 Sakramente.
Heute - 2000 Jahre später - entdecken wir ein 8. Sakrament: DAS SAKRAMENT DER CHRISTUSBEGEGNUNG IM ARMEN. BEI MATTHÄUS KAPITEL 25 IST ES AUFGEZEICHNET UND UNS WEITERGEGEBEN: ".....WAS IMMER IHR EINEM OBDACHLOSEN, KRANKEN, GEFANGENEN, EINEM HUNGRIGEN UND DURSTIGEN GETAN HABT, HABT IHR MIR GETAN." Kann man auf kürzere und ergreifendere Weise die
Gleichsetzung Jesu mit den Armen ausdrücken?
Ich kann nicht verstehen, dass die Menschheit dies 2000 Jahre hindurch nicht erkannt
hat. Man kann auch sagen: Hier steht die Stiftungsurkunde Jesu zum 8. Sakrament.
Sakramente sind Gottesbegegnungen, und genau das sagen diese Worte:
"Was ihr den Armen, Kranken, Gefangenen und Weiteren tut, das tut ihr mir."
Erkannt wurde in diesen Worten immer schon die Aufforderung, Werke der
CARITAS zu schaffen. Das sind große und kleine, immer überzeugende Zeugnisse
für die Menschenfreundlichkeit Gottes. Aber von einem Sakrament war nicht die
Rede. Das habe ich zuerst von Hannes Kramer. Wer war Hannes Kramer? Er war ein
Vordenker zeitgemäßer CARITAS in der Gemeinde und von Gemeinwesenarbeit in
der Kirchengemeinde.
Noch einmal: Wie konnte es dazu kommen, dass wir das nicht eher erkannt haben? Ich denke, die Armen sind seit jeher so sehr übersehen und an den Rand gedrängt worden, dass gar nicht erkannt werden konnte, dass Jesus hier ein Sakrament gestiftet hat, das ihm sehr wichtig war. Hätte er sonst so beiläufig und bei so vielfältigen Anlässen von Armen geredet?
Das ist es: Das 8. Sakrament - lassen wir uns ein! Vielleicht denken viele von Ihnen:
Wir lassen uns doch längst auf die Armen ein. Wozu diese Aufforderung?
Dazu möchte ich an Franziskus erinnern. Kurz vor seinem Tod soll er zu den Brüdern
gesagt haben: "Lasst uns anfangen. WIR HABEN NOCH NICHTS GETAN".
Münster 4. 2. 2002
Ihr Jesuiten in Berlin-Kreuzberg, Ihr seid keine Lehrer, Professoren, Pfarrer, ..., was macht ihr eigentlich?" Diese Frage ist uns in den letzten zwanzig Jahren oft gestellt worden. Als Antwort zähle ich dann die Berufe auf, in denen ich gearbeitet habe: Möbelträger, LKW-Fahrer, Pressenführer, Dreher, Lagerarbeiter. Ich bin froh, dass ich noch Arbeit habe und so mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammensein kann. Allein in der Metallindustrie gingen nach der Wende in Berlin über 100.000 Arbeitsplätze verloren. Aber ich bin auch dankbar, daß ich in unserer Wohngemeinschaft mit Arbeits- und Obdachlosen, Strafentlassenen, ... zusammenwohnen darf, weil ich so an den Sorgen und Freuden dieser Menschen Anteil habe. Viele von den 140.000 Einwohnern Kreuzbergs sind ohne Arbeit und viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.
Meist werde ich spätestens hier im Erzählen unterbrochen. Die Fragenden wollen wissen, warum wir in diesem multikulturellen Stadtteil wohnen und in solchen Berufen arbeiten.
Dann antworte ich ersteinmal mit meiner persönlichen Berufungsgeschichte: Beim Lesen der Bibel wurde mir immer klarer, daß Gott eine Vorliebe für Arme und Ausgegrenzte hat. ER und SIE - aus Gott ist ja der Mann und die Frau erschaffen - ist unter diesen Verachteten anwesend. Von hier aus liebt Gott alle Menschen und ruft sie zur Umkehr. Von diesem unter uns anwesenden Gott wollte ich mich rufen lassen.
Also habe ich Orte aufgesucht, wo das Hören leichter fällt: unter Obdachlosen, unter Kranken, in der Fabrik, in Exerzitien, unter Ausländern, unter jungen Menschen. Und das Suchen hat sich gelohnt: Auf dem Weg zur Arbeit in einer Umzugsfirma, wo fast ausschließlich Vorbestrafte beschäftigt waren, dort habe ich in der Straßenbahn mit besonders großem Gewinn in der Bibel gelesen. Das war ein Zeichen, dem ich nachgehen mußte, um meine Berufung zu entdecken.
Doch dieses eigene Suchen reicht nicht aus. Auch der Orden hat sich besonders nach dem II. Vatikanischen Konzil gefragt, wohin ihn Gott führen will; anders ausgedrückt: was seine Identität ist. Dabei wurde nach den eigenen Wurzeln bei der Ordensgründung und den heutigen Herausforderungen gefragt. Die 32. Generalkongregation hat dann 1975 das Ergebnis so zusammengefaßt:
"Der Auftrag der Gesellschaft Jesu heute besteht im Dienst am Glauben, zu dem die Förderung der Gerechtigkeit notwendig dazugehört." (Nr. 48)
Doch wir Jesuiten wissen oft auf Grund unserer Herkunft, durch unseren Zugang zur Bildung und die häufige Bindung an einflußreiche Menschen nicht viel von der Not armer und unterdrückter Menschen. Deshalb wird ein grundlegender Weg beschrieben, diesen Mißstand zu überwinden:
"Wenn wir geduldig und bescheiden unseren Weg mit den Armen gehen, werden wir entdecken, wie wir ihnen helfen können. Das wird nur dann gelingen, wenn wir uns eingestehen, daß auch wir von ihnen zu empfangen haben. Ohne geduldige, nicht übereilte Schritte stünde der Einsatz für die Armen und Unterdrückten im Widerspruch zu unseren eigenen Absichten und würde verhindern, daß diese ihre eigenen Erwartungen zu Gehör bringen und sich selbst die Voraussetzungen schaffen, um ihr persönliches und kollektives Schicksal wirksam in die Hand zu nehmen." (Nr. 99)
Von diesem Gedanken her hat die Ordensleitung auch in Deutschland Mitbrüder gesucht, "die unter den Ärmsten leben und arbeiten, (damit) sie empfindsam gemacht werden, welches die Schwierigkeiten und Sehnsüchte der Besitzlosen sind." (Nr. 98) Nach einigen Jahren der Vorbereitung als Gastarbeiter in Frankreich wurden Michael Walzer aus der Süddeutschen Provinz und ich aus der Norddeutschen Provinz gefragt, ob wir bereit wären, eine neue Kommunität unter Arbeitern, Ausländern, Menschen am Rand der herrschenden Gesellschaft zu gründen. Damit war der missionarische Auftrag verbunden, diesen den meisten Kirchengemeinden fernen Menschen zuzuhören, ihre Kulturen achten zu lernen und zu entdecken, wie sehr sie in der Nähe Gottes leben. Wir wurden dann im Herbst 1978 nach Berlin gesandt. Später stießen andere Mitbrüder dazu. Zur Zeit lebt Franz Keller, ein Schweizer Jesuit, und ich mit durchschnittlich vier Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Religionen und mit reichen Lebensgeschichten in einer Wohnung zusammen.
Im Kontakt mit den Arbeitskolleginnen und Kollegen, den Nachbarn, den Gefangenen, unseren Mitbewohnern, den Menschen, mit denen wir uns in der Gewerkschaft und in Gruppen für mehr Gerechtigkeit engagieren, mit den Jesuit European Volun-
teers (JEV), die wir in Berlin begleiten, haben wir uns mehr und mehr verändert. In diesem Prozeß ist es wichtig, daß wir uns jede Woche über unsere Erfahrungen in der Kommunität austauschen und darüber ins Gebet kommen. Sie ist für uns eine sichtbare Zelle der Kirche, die uns im Alltag begleitet und es uns ermöglicht, dem gegenwärtig verachteten, ausgegrenzten und neu gekreuzigten Gott in unserer Gesellschaft nachzuspüren und um die Einheit mit ihm zu beten.
Oft möchten wir die Tische der Wechsler in Seinem Heiligtum, das ja die ganze Welt ist, umwerfen (vgl.Mt 21,12) und manchmal tun wir es auch in Solidarität zusammen mit Obdachlosen, Streikenden, ... Aber häufig geht die Wiederentdeckung der Würde einen stilleren Weg. Das Jagen nach Besitz, Macht und Ansehen hat tiefe Wunden hinterlassen. Ihre Heilung ist möglich, sagt uns der Glaube gegen alle Resignation. Deshalb ist unser Leben in Berlin-Kreuzberg nicht so schmerzhaft, wie viele meinen: denn ein Stück weit in die sichtbare Nähe Gottes gerufen zu sein und ihn zu begleiten, ist eine große Freude.
Jetzt könnte ich viele Geschichten erzählen. Eine nicht ganz alltägliche will ich herausgreifen: Nach dem Fall der Mauer hatten in unserer Nähe einige Obdachlose auf dem alten Grenzstreifen ein Zuhause gefunden. Alte Bauwagen, Bretterbuden, ausrangierte Autos, Lastwagen, ein Bus standen beieinander und dienten als Unterkunft. Dieses "Wohnquartier" für etwa sechzig Personen hatte Ähnlichkeiten mit den Armenvierteln an den Rändern der großen Städte in Afrika, Südamerika, Asien. "Das ist ja wie bei uns," sagten Menschen von dort. In der Nähe gab es auch Wagendörfer von Aussteigern, die ein einfacheres, umweltbewußteres, kommunikativeres Leben in der Stadt führen wollten. Doch die Bewohner der Wagenburg in unserer Nähe waren Menschen, die schon oft rausgeflogen waren. Viele machten einen Bogen um sie. Aber die Kirchengemeinde nebenan hat sich mit den Bewohnern angefreundet. Es gab einen regen Austausch. Die Gemeinde wurde auch von Nachbargemeinden in ökumenischer Eintracht bei ihrem Engagement unterstützt. Zwei Ordensleute lebten mit auf der Wagenburg. Trotz all ihres Engagements stellten sich die Politiker taub. Sie hatten die Vertreibung - oder vielleicht besser: die Entsorgung - beschlossen. Am 7. Oktober 1993 schickten sie tausend Polizisten, um ihre Entscheidung - unter Mißachtung eines gegenteiligen Gerichtsentscheides - durchzusetzen.
Als ich davon im Betrieb hörte, bin ich sofort zu den Freunden gefahren, die sich an ein großes Kreuz in der Mitte ihres Zuhauses angekettet hatten. Auch andere Gemeindemitglieder stellten sich schützend dazu, so daß die Räumung der letzten sechs Bewohner der Wagenburg vertagt wurde. Die Bauwagen und die anderen Behausungen wurden fortgeschafft, bis am dritten Tag nur noch das Kreuz mit den angeketteten Personen stand. Da kam der Kardinal von Berlin durch die Polizeisperren zu uns und hat das, was er sah, mit der dramatischen, die Menschen auseinanderreißenden Situation des Mauerbaus verglichen. Als er weg war, wurden wir losgeschnitten und weggetragen. Die Räumung war vollstreckt. Wieder ein Schritt weiter zur Reinigung der Stadt von den Menschen, die die Geschäfte stören, wie später ein Politiker sagte; der Wert der Grundstücke in der Nähe sei sofort gestiegen.
Noch am selben Tag begannen wir mit einer Mahnwache vor dem Roten Rathaus. Sofort waren dieselben Polizisten da, um uns auch von dort zu vertreiben. Aber es sahen viele Menschen zu und so ließen sie von ihrem Ansinnen erst einmal ab. - Wir wollten mit Politikern über eine Perspektive für die geräumten Wagenburgler sprechen und ein Zeichen gegen die andauernde Vertreibung der Armen aus der Stadt setzen.
Es war eisig kalt. Das Wasser fror nachts in den Trinkflaschen. Doch es kamen Menschen aus der Nachbarschaft und halfen uns mit Decken. "Wir sind die Nächsten, die vertrieben werden, wenn sie mit euch fertig sind," sagten manche. Eine Frau kam die erste Zeit jeden Abend mit Wärmflaschen. Nach vier Tagen verdrängte uns die Polizei morgens unbeobachtet vom Bürgersteig vor dem Rathaus. Aber auf dem Platz gegenüber blieben wir dann über einen Monat, bis wir auch dort nochmals vertrieben wurden. Hundert Polizisten kamen am Sonntagmorgen um sieben Uhr. Die Stadt war leer. Einige Pfarrer waren bei uns. Als sie zu den Gottesdiesten gingen, rückten sie vor und gaben auf Anweisung des Stadtteilbürgermeisters der Mahnwache Aufenthaltsverbot auf allen öffentlich Plätzen und Grünanlagen der Innenstadt. Sie wurde dann vor einem Theater auf privatem Grund fortgesetzt.
Ich hatte meinen Jahresurlaub angespart und konnte so über vier Wochen dabeibleiben, sehen, spüren, lachen und weinen mit der Not und der Freude der Menschen auf der Straße. Erfahrene habe ich kennengelernt, die sich zu unserer Gemeinschaft gesellten oder nur kamen, uns zu helfen. - Wie oft feierten wir einen 14. Geburtstag von Mädchen und Jungen auf der Straße? Ich weiß es nicht mehr. - Verzweifelte Menschen setzten sich schutzsuchend zu uns. - Besonders beeindruckte uns der Toilettenmann in der Nähe, der kein Geld von uns annahm. Statt dessen schenkte er uns einen Kaffee ein, wenn wir zu ihm kamen und erzählten.
Jeden Tag gab es solche frohmachenden Erlebnisse, die das Leben in der Gemeinschaft auf der Straße häufig zu einem Fest werden ließen. Dies möchte ich dick unterstreichen, weil beides geblieben ist: das Wissen um die Härte der Realität und die Freude der Begegnung mit den Ausgekernten.
Wir hatten viel Besuch, auch von Christen, die Gottesdienste auf dem Platz feierten, eine Musikveranstaltung organisierten, usw. Auch eine rechte Bande kam mit Knüppeln, nachdem von uns im Fernsehen berichtet wurde. Da hat uns die Polizei, die uns Tag und Nacht bewachte, einmal geschützt.
Doch die Politiker, mit denen wir sprechen wollten, die sind von hinten ins Rathaus gegangen, um uns nicht zu begegnen. Trotz aller gerichtlichen Nachspiele, den Verlust von Freunden ... waren diese Wochen für mich eine ganz reiche Zeit der Begegnung mit Menschen in der Nähe Gottes und mit mir selbst. Die täglichen Bibeltexte legten unsere Erfahrungen aus, als wären sie einzig für uns herausgesucht.
Berlin 1997
Es ist ein erstes Mal, daß ich von Deinem Wunsch und der Idee höre, dieses vergangene Vierteljahrhundert Revue passieren zu lassen: eine gute Geschichte. Ich freue mich über eine solche Idee. Denn wahrscheinlich ist es auf diese Weise überhaupt erst möglich, ein spannendes, konkretes Leben von Jesuiten mit Menschen, denen die meisten von uns nicht oder nur selten, aber dann auch nicht hautnah begegneten und begegnen, zur Kenntnis zu nehmen.
Ich jedenfalls werde zu den interessierten Lesern gehören, wenn es von Dir und Euch zugänglich gemacht wird. Denn mich hat immer beschäftigt, warum und wie ein solches, damals von Vitus und dem schweizer und norddeutschen Provinzial unterstütztes Leben begonnen hat und sich dann entwickelte: mit Bewunderung, was Euer Engagement angeht, mit Verwirrung, was Eure echte oder vermeintliche Prophetenrolle in eine sich verändernde Gesellschaft Jesu hinein betrifft.
Daß ich zu denen gehörte, die mit Hans nicht zurecht kamen, aber auch er mit mir nicht, und er wie ich das voneinander auch wußten; daß ich zu denen gehörte, die auch in meiner Aufgabe als Provinzial eine Zeitlang zufrieden war, daß Hans mit mehr Abstand zu Euch zu leben schien - wie es wirklich war, weiß ich nicht -, weil ich denke, daß die Glaubwürdigkeit unserer einzelnen Kommunitäten, auch der Euren, davon abhängt, wie ausbalanciert man die Persönlichkeitsstruktur der einzelnen Kommunitätsmitglieder ansieht, das wißt Ihr. Ich fand keinen in all den Jahren, der Euch nicht geachtet hätte und Eurem Leben nicht Respekt entgegengebracht hätte. Wahrscheinlich gab es die auch - aber ich fand und suchte sie nicht.
Ich fand jedoch eine Reihe, die wie ich nicht damit einverstanden waren, für oder gegen Eure Arbeit, Eure Lebensform vereinnahmt zu werden: in ein paar Gesprächen früher mit Hans erschien beispielsweise der General als jemand, der ganz deutlich für Euch sei und gegen jene Jesuiten, die nicht so lebten. Das, so weiß ich, stimmt aber nicht. Der General hat aufmerksam zugesehen, gehört aber nicht zu denen, die gleich öffentlich belobigen oder zensieren. Er sagt manches Mal: "Wie es ist, so ist es!" Dahinter bleibt seine eigene Meinung und Beurteilung zurück.
Er war, so weiß ich, gegenüber vielen Seiten Eures Lebensstils kritisch; aber ich will ihn nicht als Kronzeugen meiner eigenen Eindrücke verwenden. Euch machte die Erfahrung des Engagements für Menschen am Rand und mich machte in dieser Zeit die Erfahrung mit der Verantwortung für die süddeutsche Provinz sensibel und wohl auch dünnhäutig, wenn Protestation nicht die Sache, sondern den konkreten gegenüberstehenden Mitbruder meinte. In der Sache wären wir in vielem einander nah gewesen. Diese Nähe war aber von Euch nicht zu mir und von mir nicht zu Euch vermittelbar, weil wir einander mehr als Partei erlebten.
Dabei habe ich aber immer den Eindruck gehabt, daß die Zeit, in der die katholische Kirche die Lebensweise und das gesellschaftspolitische Engagement der Arbeiterpriester in Frankreich geächtet hat, Euch gegenüber nicht existierte. Ihr habt, über Widerstände hinweg, Arbeit geleistet und ein Leben geführt, das der Orden als solcher auch wahrgenommen hat und wahr werden ließ. Daher meine ich, wäre auch manche persönliche Verunsicherung, mit der Ihr gegen jene zu arbeiten schient, die nicht Eure Lebensform im Orden mit Euch teilten, nicht nötig gewesen. Und von meiner Seite nicht manche private Formulierung, die nicht die Sache, sondern die Personen trifft. So ist es - und es gehört ja auch zu unseren gemeinsamen Erfahrungen, weil es über die Verletzungen hinweg und anhand dieser zeigt, daß wir einander nicht gleichgültig sind. Nur hat sicherlich jeder von uns dies auch in anfechtbarer oder zu entschuldigender Weise gelebt. Daran erkenne ich eben auch, daß ich nicht so gut bin, wie ich es gerne wäre.
Wieviel an Veränderung - in Gesellschaft, Stadtkultur, Arbeitswelt, Kirche und bei Euch - in diesen Jahren geschehen ist, kann ich nur vermuten. Ich denke auch, Ihr seid nicht mehr die, die damals angefangen haben. Jeder von uns hat sich in einer verändernden Welt auch verändert. Die Exerzitien auf der Straße, die Menschen und Mitbrüder, die sich von diesem und manchem mehr heute ansprechen lassen, machen einen solchen Wandel auch deutlich. Ich wünsche Euch, Dir und Franz, auf diesem Weg viel Freude und Gelassenheit und auch die Sicherheit derer, die sich im Orden beheimatet wissen.
München 8. Februar 2003
Die Wohnung in der Naunynstraße kenne ich nur aus ‚ordensinterner' Sicht. Am Anfang des Noviziates war es für mich wie ein Mythos. Hieu, ein Mitnovize, hatte viel davon erzählt und, wie mir jetzt scheint, Manches auch verklärt. Mit einem Mythos kann man nicht viel anfangen; er dient manchmal als Rechtfertigung oder als Alibi: ‚Wir sind als Orden doch gar nicht bürgerlich, seht euch doch die Kommunität in Kreuzberg an'. Und ich habe mich einige Male dabei ertappt, wie ich Freunden von der Wohnung erzählt habe, als Beispiel dafür, wie toll der Orden - und also auch ich - doch bin, ohne dabei überhaupt viel zu kennen. Mit mir selbst, mit meinem Leben, hatte das kaum etwas zu tun. Zwar war ich mal für ein Wochenende zu Besuch und fand das alles sehr spannend, aber wirklich berührt hat es mich nicht.
Konkret ist es für mich an anderer Stelle geworden. Lothar, mit dem ich gemeinsam in den Orden eingetreten war, lebte für einige Wochen in der Kreuzberger Kommunität, nachdem er das Noviziat verlassen musste. Da stellte sich auch für mich die Frage, wo ich denn hin solle, wenn ich gehen würde bzw. gegangen würde. Als einzige Möglichkeit fiel mir die Kreuzberger Kommunität ein. Zurück zu den Eltern, das
wäre nicht gegangen. Und bloß keine Umgebung, wo ein ‚Scheitern' mit einem unauslöschlichen
Makel verbunden wäre. Das Projekt Freiheit kann nicht fehlschlagen.
Zwar gibt es bisweilen Sackgassen, aber der Weg muss weitergehen. Ich glaube,
das ist etwas, was ich in Kreuzberg gelernt habe.
Aber als Kuschelecke habe ich die Wohnung in der Naunynstraße nie erlebt. Dafür
ist das Leben dort viel zu intensiv - und manchmal auch anstrengend. Auf flapsige
Bemerkungen meinerseits, die ja auch Ausdruck von Klischees oder Vorurteilen
sind, gibt es keine flapsige Antwort, sondern heftiges Poltern. Nicht nur von Christian,
sondern oft auch von den MitbewohnerInnen. Versuchen, sich in Allgemeinheiten
rauszuwinden, geht nicht. Dafür sind die Gespräche immer konkret. Ich bin
gefragt und gefordert. Ein Gedanke, der nach Besuchen in der Kommunität immer
wieder beschäftigt hat, ist, dass die Menschwerdung Gottes ganz konkret ist, noch
viel realer, als ich mir das überhaupt vorstellen kann (oder will).
Mir ist es oft so ergangen, dass ich bei Gesprächen nur Zuhörer war. Ich wusste oft gar nicht, was ich zu den Gesprächen beitragen könne. Ich war erschreckt und überfordert mit dem Gehörten. ‚Da weiß ich nichts zu sagen' oder ‚ach du Scheiße, das ist ja furchtbar' waren meine Gedanken. Manchmal habe ich mich aber auch über bestimmte Äußerungen geärgert und aus Feigheit nichts gesagt. Den Schuh, mich von verschieden Seiten anschießen zu lassen, wollte ich mir nicht anziehen. Schade! Aber ich glaube, durch diese Gespräche näher an den Punkt gekommen zu sein, meine Meinung klar zu äußern. Nicht, dass es mir leicht fällt, aber es ist einfach notwendig.
Alle Gespräche, an die ich mich erinnern kann, hatten, egal wie heftig und kontrovers sie waren, ein versöhnliches Ende. Nicht dass am Schluss alles gut war, aber irgendwie standen am Ende doch mehr Hoffnung und Zuversicht. Wie das kommt, da habe ich keine Ahnung. Stimmt nicht, ich habe doch ne Ahnung, wie das kommt: Am Ende habe ich meistens das Gefühl, Gott schaut mich und all die Anderen mit seinem liebevollen Blick an - trotz (oder wegen?) meiner Schwächen, Vorurteile und blinden Flecken.
Schließlich: Es ist nie langweilig und alte Themen werden nie neu aufgebrüht. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass genau jetzt die anstehenden Themen und Fragen aufgegriffen werden. Nicht Themen, die scheinbar aktuell sind, weil sie gerade in den Medien behandelt werden. Themen, die die Besucher und Bewohner beschäftigen oder die einfach auf der Straße liegen. Von der Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, das will ich auch lernen!
Ich hoffe, dass es Euch, Christian, Franz und Stefan, und all die Anderen, noch lange gibt - für die Menschen, mit denen Ihr Euer Leben teilt und für uns Mitbrüder. Ich hoffe nicht, dass ich immer zu Euch kommen kann: das weiß ich nämlich. Ich weiß nicht, ob es letztlich noch um was anderes geht, als in vielen Beziehungen zu leben. Innerhalb und außerhalb des Ordens. Da seid Ihr hoffentlich nicht nur mir ein Vorbild. Vielen Dank!
Paris 2004
Mein Weg und meine Interessen lagen anderswo. Und wenn ich mich recht erinnere, stand ich Deinem Vorhaben doch eher kritisch-skeptisch, wenn nicht gar ablehnend gegenüber. Eigentlich habe ich auch aus meiner Auffassung nie ein Hehl gemacht. Mir schien es keine aufrichtige Art praktizierter Solidarität zu sein, zumal ihr es ja lange Zeit so praktiziert habt, daß ihr nicht sagtet, wer ihr seid. Meine Vorbehalte gegen euer Projekt hatte ich übrigens auch gegenüber dem Projekt der Arbeiterpriester selbst. Meines Erachtens ist es eine andere Art von Klerikalismus, aber darum nicht sehr viel besser (eben weil es immer noch ein Klerikalismus ist, der überhaupt in der Kirche überwunden werden sollte). Meine grundsätzlich Einstellung hat sich in diesem Punkt kaum geändert mit den Jahren, die inzwischen verflossen sind.
München 30. November 2002
Als Studentenpfarrer trafen wir uns jährlich in Berlin zum Austausch wegen der Mitbrüder "drüben". Schikanen am Check-Point Charly gehörten zum Programm. Nahe der Zonengrenze liegt das Quartier Kreuzberg, trostlos unsympathisch für bürgerlich-helvetisches Empfinden. Und gerade dort errichten die Jesuiten eine Statio, eine Arbeiterresidenz und sogar ein Schweizer will dabei sein. Kopfschütteln bei vielen. Was bringt das pastoral? Aber die Statio Kreuzberg lebt. Gerade hat mir wieder einmal einer darüber berichtet und mich beschämt. Da leben sie knapp über dem Existenzminimum. Im offenen Haus, offen für solche, die gerade kein Dach über dem Kopf haben. "Abwechslung", Improvisation gehören zum Programm. Gelebte Communio mit dem Hinterhofelend der Großstadt, im gleichen Schlafraum. Ich fühle mich beim Zuhören überfordert.
Aber ich bin froh, dass es die Statio gibt, gelebt und verantwortet von Mitbrüdern, die "dran" bleiben. Mir scheint, all unsere pastoralen Bemühungen seien hier punktuell und aktuell richtig "geerdet". Ich bin froh, dass es stellvertretend geschieht für unsere ganze Societas Jesu. Ignatius wäre sicher einverstanden. Danke für dieses gelebte Mahnmal.
Basel 21. Februar 2003 Felix Trösch
Vielen Dank für die Einladung zum Schreiben. Was ich zu sagen habe, ist nicht viel. Leider war ich nie in Eurer Wohnung in Berlin. (Ich werde es jedoch so bald wie möglich nachholen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, was bei meinem Job ziemlich schwierig ist). Auch die anderen Mitglieder Deiner Gruppe, Christian, habe
ich noch nicht kennengelernt. Aber Du selbst bist mir oftmals auf den Provinz-Symposien begegnet. Du warst immer ein dynamischer und kampfesfreudiger Anwalt der Armen. Deine Wortmeldungen klangen eindrucksvoll und haben mich nachdenklich gestimmt, aber nicht in allen Punkten überzeugt. Viele Mitbrüder haben sich über Deine Ansichten gewundert. Wenn Du weniger polemisch gesprochen hättest, wäre es besser angekommen; denn es ist gut, daß es Dich gibt.
Etwas näher lernte ich Dich im Noviziat in Münster kennen, als ich dort Sozius des Magisters war (1984 - 1987). Deine Besuche und Gespräche mit den Novizen waren zweifellos anregend. Allerdings hatte ich nicht selten den Eindruck, daß Du gar nicht "objektiv" argumentieren konntest, sondern meistens nur subjektiv aus persönlicher Betroffenheit und Erfahrung heraus.
Es ist sicher auch Deine eigene Leidensgeschichte, die Dich so sprechen läßt, wie Du sprichst. Oder irre ich mich da erheblich?
Später (seit 1993) hast Du mir gelegentlich sehr lange Manuskripte zur Publikation in "Geist und Leben" angeboten. Ich habe sie nicht angenommen, weil sie mir inhaltlich und stilistisch zu wenig ausgewogen und geordnet erschienen. Inzwischen ist es Dir gelungen, einen Beitrag für unsere Leserschaft zu schreiben, der dann schließlich auch veröffentlicht wurde: "Exerzitien an städtischen Brennpunkten" (in GuL 2001, 296 - 302). Ich freue mich darüber und wünsche Dir für Euer Jubiläum im nächsten Jahr (25 Jahre in Berlin) vor allem die nötige Geduld und Gesundheit, um Deine besondere persönliche Berufung zu leben, weiter zu entwickeln und Deinen Mitmenschen verständlicher zu machen. Konkrete Ratschläge kann und möchte ich Dir lieber nicht geben, vielleicht aber findet Ihr etwas Brauchbares in dem Festvortrag, den Altbischof Hermann Josef Spital zum 75. Jahrgang von "Geist und Leben" in Würzburg gehalten hat.
München 7. 12. 2002
Wie kam es, dass ich meine Vorbehalte gegenüber der Kommunität in Kreuzberg ablegen konnte? Das Wort "ihr" verwende ich jesuitisch eingeschränkt: Michael - den ich in der Anfangsphase nur ganz flüchtig kennen gelernt habe, Du, Franz, Hans, und zeitweise auch Godehard.
Ich bin 1977 in den Orden eingetreten. Nach der ersten Begegnung mit der Kreuzberger Kommunität (Christians Besuch im Noviziat) war ich von dem "Projekt" Kreuzberg eher befremdet, aber auch vom Orden, dass er so viel Weite hatte, eine solche Kommunitätsgründung zuzulassen. Ihr wart für mich in meinen ersten Ordensjahren sehr anstrengend. Als ich in Sankt Georgen studierte, kampierte Hans vor den Eingangstoren der Hochschule, um deutlich zu machen, dass die Arbeitslosen bei einer Tagung von Jesuiten über das Thema Arbeitslosigkeit nicht eingeladen worden waren. Wir wollten unter uns Jesuiten über die Arbeitslosigkeit sprechen, ihr wolltet, dass wir mit Arbeitlosen sprechen. Das Kampieren eines Mitbruders in bitterer Kälte vor den Toren eines Hauses der Mitbrüder auch in der Nacht hatte als
Wirkung, dass wir uns Eurem Anliegen nicht entziehen konnten. Das ärgerte mich sehr. Ich hielt den Zugang des "unter uns sprechen über" für den richtigen und angemessenen Zugang. Zwar haben wir auf der Tagung dann auch "unter uns" über "Arbeitslosigkeit" gesprochen - wir haben uns also äußerlich gesehen durchgesetzt -, aber die Gefühle des Ärgers und auch der Hilflosigkeit gegenüber der Zeichenhandlung vor den Toren von Sankt Georgen führten dazu, dass ich mich nicht mehr wirklich auf das Thema einlassen konnte, weil ich innerlich ein anderes Thema hatte: Den draußen kampierenden Mitbruder. Mein Ärger war so groß, dass ich es nicht schaffte, mich beim Essen zu Euch an einen Tisch zu setzen.
Ich erinnere mich an ein Symposion in Frankfurt, bei dem Christian zum Gottesdienst ein Mitglied der Kommunität mitbrachte, das nicht Jesuit war. Wieder so eine Provokation! Es war doch klar, was eine "Kommunität" ist. Aber ihr habt bei eurem Kommunitätsbegriff nicht zwischen Jesuiten und Nicht-Jesuiten unterschieden. Ihr habt den Nicht-Jesuiten eben nicht als Gast mitgebracht, sondern sozusagen als einen von uns. Schon wieder hatten wir so einen lästigen Konflikt mit der Frage: Wer sind wir eigentlich?
Das sind nur zwei Beispiele für die "Unterbrechungen", die ihr bei mir und bei uns bewirkt habt. Kreuzberg bewirkte Unterbrechungen. Ich hatte das Gefühl, dass da zwei Welten in einem Orden aufeinander prallen. Auf dem Tiefpunkt war meine Beziehung zu Euch dann angelangt, als Ihr Eure Gesprächskontakte mit den RAF-Gefangenen veröffentlichtet. Es war in der selben Zeit, als meine Familie von der RAF bedroht wurde. Das war ein persönlicher Grund, warum es für mich schwer war, mich darauf einzulassen, Eure Gedanken und Einsichten aus diesen Kontakten überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Dahinter streckte aber auch ein tiefer Überzeugungsunterschied. Ich hatte den Eindruck, als würdet ihr letztlich ähnlich wie die RAF nicht zwischen staatlicher Gewalt und der Gewalt von Einzelpersonen unterscheiden, die sich auf Grund eigener Erfahrungen legitimiert fühlen, Gewalt anzuwenden. Für mich war und ist das ein wichtiger Unterschied.
An einen Vorbehalt gegen Kreuzberg kann ich mich erinnern, der allerdings nicht unmittelbar Euch betrifft, sondern manche Mitbrüder im Jesuitenorden und ihr Sprechen über Euch. "Kreuzberg" stand da oft für "unser Beitrag zur Realisierung von Dekret 4". Dem entsprach einerseits, wie Ihr Euch auf eine Sendung durch den Orden bezogt und darauf Wert legtet, dass ihr nicht nur ein privates Außenseiterprojekt verfolgt, sondern im Auftrag des Ordens an den Rand gingt.
Andererseits sah ich darin auch immer wieder die Gefahr, dass Ihr als Feigenblatt instrumentalisiert wurdet. Das war mir zu einfach. Dieser Vorbehalt ist aber auch ein Anknüpfungspunkt, um auch für mich heute besser zu verstehen, an welcher Stelle ich Eurer Sendung auch während der Phase meiner inneren Vorbehalte verbunden war. Mir hat immer eingeleuchtet, dass das Leben mit den Armen und das Leben mit Christus zusammenhängen - und dass es ohne das nicht geht; dass die Suche nach Gott uns in die Nähe der Menschen führt, die an den Rand gedrängt werden; dass eine nur helfende Kirche noch keine wirklich in der Nachfolge Jesu lebende Kirche ist; dass den vier Wochen der Exerzitien die "fünfte Woche" folgt; dass es nicht auf das Zählen ankommt, sondern auf das konkrete Leben mit konkreten Menschen; dass auch Gott
nur in wirklichen Beziehungen mit Menschen gefunden wird, wo wir aufhören, "für" sie dazusein, sondern anfangen "mit" ihnen zu leben und uns von ihnen prägen lassen, statt sie prägen zu wollen. Gott tut etwas mit uns, nicht umgekehrt.
Noch bevor ich nach Berlin an das Canisius-Kolleg kam, gab es einen Konflikt zwischen Euch und dem Kolleg. Ihr habt während der IWF-Tagung in Berlin 1988 Flugblätter vor dem Kolleg verteilt und die Schülerinnen und Schüler mit Texten aus den "Grundsätzen der ignatianischen Pädagogik" konfrontiert, um zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Politik des IWF aufzurufen. Ihr wurdet von den Mitbrüdern des Kollegs empört vom Gelände verwiesen und erhieltet ein Hausverbot.
Vielleicht hätte ich zu dieser Zeit ähnlich reagiert. Ich hätte kritisiert, dass ihr uns vorher nicht gefragt habt; dass ihr den Text nicht vorher mit uns abgesprochen habt; dass ihr keine rücksichtsvolle Bemerkung für die Lehrer, Schüler und Eltern eingeflochten habt, die die Politik des IWF für richtig hielten. Als ich von Eurer Aktion hörte, teilte ich jedenfalls innerlich die Empörung der Mitbrüder.
Als ich dann schließlich selbst an das Canisius-Kolleg kam, besuchte ich Euch (Christian und Franz) in Kreuzberg. Ich musste mein Verhältnis vom Kolleg aus zu Euch klären, die Mauer meines Schweigens irgendwie durchbrechen. Christian schüttelte sich und sagte: "Brrrrrr, Lehrer!" Lehrer-Sein war so ungefähr das Gegenteil von dem, was in Kreuzberg geschah. Heute könnte es heißen: "Brrrr, Rektor!" Ich konnte das Ja hinter diesem "Brrrrr" hören: Es war das Ja zu Beziehungen, die nicht durch Funktionen geprägt sind; wo wir nicht die gebenden, sondern die beschenkten sind; wo wir nicht Zwecken und Institutionen dienen, sondern Menschen. Lehrer sind Funktionäre der Institution Schule. Aber es ist meine Erfahrung, dass auch im Lehrersein Beziehungen wachsen können, die über die Funktionärsebene hinausgehen. Das weiß ich. Aber trotzdem lebt ihr als Mitbrüder in Kreuzberg das Ja zu Beziehungen, die nicht durch Rollen und damit durch professionelle Distanzen gekennzeichnet sind, klarer und eindeutiger. Ich sehe das heute für mich als ein Geschenk. In Kreuzberg bin auch ich als Jesuit nicht nur Lehrer. Ihr wollt niemandem etwas beibringen. Und das gilt letztlich auch für mich, auch für mich als Lehrer. Dadurch sind viele Vorbehalte bei mir gefallen, und ich konnte viel lernen - auch für meine Art, Lehrer zu sein. Denn man ist kein guter Lehrer, wenn man Schülern immer nur etwas beibringen will.
Ich besuchte Euch mit Gästen, die zu mir gehörten. Wenn Eltern mit ihrem Kind irgendwo zu Besuch sind, dann ist es ihnen noch wichtiger, dass das Kind gut aufgenommen wird, als dass sie selbst gut aufgenommen werden. Mit einem Gast dieser Art, der in der Schule bei mir angeklopft hatte, kam ich zu Euch. Ein Gast, der vorher schon vor vielen Türen abgewiesen worden war. Ich hatte schon eigene Erfahrungen mit Unsicherheit, Befangenheit und Ablehnung hinter mir. Menschen, die einem ans Herz gewachsen sind, als Gäste in Jesuitenkommunitäten mitzunehmen, macht einen gegenüber den Mitbrüdern selbst schwach, annahmebedürftig.
Ich glaube, dass es diese Erfahrung mit Euch war, die mir die Augen öffnete für das, was ihr praktiziert und was ein Schlüssel zum Verständnis Eure Weise des jesuitischen Ordenslebens ist: Gastfreundschaft. Ich kam in Schwäche zu Euch, mit meiner
Angst vor Ablehnung. Eure (Christians und Franz´) Gastfreundschaft löste meine Angst vor der Ablehnung auf. Ihr habt nicht abgelehnt, in welcher Form auch immer: gecheckt, nachgefragt, sortiert, sondern einfach "hallo" gesagt und dann eine Runde "Psycho" mitgespielt. Das war alles. Es reichte völlig. Ich habe gemerkt, dass Ihr mich in gewisser Weise ernster nehmt, als ich mich mit meiner Angst ernstnehme.
Später habt ihr auch mal zwei junge Gäste von Euch, ebenfalls zwei abgelehnte, zu uns an das Kolleg geschickt. Es kam zu einer Kommunikation auf Gegenseitigkeit. Auch sonst hat sich seitdem viel zwischen "Kreuzberg" und dem Canisius-Kolleg ereignet. Ein ganz eigenes Kapitel wäre auch die gemeinsame Mahnwache vor der Abschiebehaft in Grünau wert. Von den Exerzitien auf der Straße habe ich andernorts schon geschrieben.
Ich habe viele neue Bekannte bei Euch kennen gelernt; und viele aus meinem Umfeld haben inzwischen auch etwas mit Euch zu tun. Aber meine Dankbarkeit bleibt für dieses Erlebnis von vorbehaltloser Gastfreundschaft. Sie hat die Befremdung nach und nach aufgelöst. Sie hat mich auch verstehen lassen, warum "Kreuzberg" nicht nur eine Sendung des Ordens nach "außen" ist, sondern dass "Kreuzberg" etwas von außen nach "innen" zurückbringt. Und darüber ließen sich, wie es am Ende des Johannesevangeliums heißt, viele Bücher schreiben.
Berlin 20.1.2003
Welchen Eindruck wir, Gerrit König und ich, von der Begegnung mit euch in der Naunynstraße gehabt haben?
Gerrit erinnert sich, vor einiger Zeit bei Euch zu Besuch gewesen zu sein, anlässlich eines Jubiläums. (2000: Franz war 50 Jahre Jesuit) Mittelpunkt war dabei die hl. Messe um den Wohnzimmertisch mit einer wohltuenden, echten und ehrlichen Gemeinschaft, die dabei zum Ausdruck kam und auf einen übersprang.
Desgleichen erinnere ich mich - es war Anfang 1990 - an einen Tagesbesuch, bei dem ihr ebenfalls die hl. Messe feiertet und Austausch hieltet. Ich weiß nicht mehr, wie oft ihr die Messe mit solchem Austausch feiert und ob und wie oft ihr das bewusste Communitätsgespräch auch noch extra führt. Jedenfalls verdichtete sich die Woche darin. Auch die Gäste, die damals zu viert (?) nebenan im rechten Zimmer mit euch zusammenwohnten, bezogt ihr im Geiste mit ein. "Bei Tisch" waren wir wohl 5 oder 6 Leute, außer Franz und Dir noch zwei junge Freunde. Anschließend gab es ein wohlschmeckendes warmes Abendessen. Wer das gezaubert hatte, weiß ich nicht mehr.
Sehr beeindruckt hat mich, als du mir nebenan euren Schlafraum zeigtest mit den Schlafstätten auf dem Fußboden. Es blieb nicht viel Platz. Es ist tief christlich, wie ihr die Obdachlosen aufgenommen habt ("Selig seid ihr, ich war obdachlos und ihr habt mich aufgenommen!" vergl. Mt 25,36) und ihren Tag wenigstens abends ein
Stück mitlebt. Somit ist Christus während der hl. Messfeier doppelt in eurer Wohnung gegenwärtig: eucharistisch im Mittelzimmer und sozial im "Gästezimmer". Tief christlich ebenfalls, so nahe mitbrüderlich zusammenzuwohnen und beieinander zu schlafen. Aber da kam die Frage: Wann und wie habt ihr einen Spielraum für euch selbst, zum Gebet und zur Besinnung, wenn ihr dauernd so dicht Mensch unter Menschen seid? Ich selbst könnte es wohl nicht. Zwar in einer Familie mit 5 Kindern zwischen 1 und 16 Jahren in enger Wohnung können Vater und Mutter ja auch kaum allein sein. Ihre Sendung ist: Unter und mit den Kindern zu sein.
Unter dieser Rücksicht dachte ich damals und jetzt auf deine Anfrage hin, Christian, an Jesus: "Frühmorgens, als es noch völlig dunkel war, verließ er das Haus (des Petrus in Kapharnaum), begab sich an einen einsamen Ort und betete dort" (Mk 1,35). Oder Mt 14: Als er das Volk entlassen hatte, stieg er allein auf einen Berg um zu beten. Als es Abend wurde, befand er sich (immer noch) dort allein." Und die Stelle, ich finde sie im Augenblick nicht: Er verbrachte ebenfalls die Nacht im Gebet, bevor er am nächsten Tag die 12 Jünger insgesamt berief.
Jesus braucht das Alleinsein vor dem Vater, um sich eng mit dem Vater zu verbinden, um den Tag einzubringen und sich auf die bevorstehende Aufgabe (in andere Dörfer zu gehen, den Sturm zu stillen und die Jünger auszuwählen und zu berufen) einzustellen. Wiederum war er so unter den Menschen da und von ihnen gesucht, dass er und seine Jünger nicht einmal Zeit hatten zum Essen und um im Abseits allein zu sein (vergl. Mk 6,31-34).
Ich möchte euch einfach fragen: Wie werdet ihr mit dieser Beanspruchung zwischen der Menschen- und Gottesnähe fertig, nicht nur um der Nachfolge Jesu willen, sondern einfach auch um des persönlichen inneren Haushaltes willen? Diese Doppelseitigkeit muss euch aber wohl gelingen, sonst wärt ihr nach 25 Jahren nicht so überzeugend da, wie ihr da seid. Durch die Wohn- und Lebensnähe mit den Obdachlosen, habt ihr zwar eine Jesus-Nähe, die wir anderen Berliner Jesuiten nicht haben. Denn wenn Jesus gerade durch sie unter euch gegenwärtig ist, dann ist das ja auch wie ein Tabernakel (Zelt). Wie wir erlebten, erfahrt ihr Euch als Leib Christi bei der Eucharistie in diesem Milieu in einer Dichte, wie wir anderen normalerweise bei unseren Eucharistiefeiern nicht. Aber wie kommt ihr ohne das Zwischendurch- Alleinseinkönnen aus, um neu Kraft zu schöpfen für dieses euer so Menschen zugewandtes Dasein? Damit zurecht zu kommen, glaube ich, würde mir sehr schwer fallen.
Ich denke mir, dass wohl gerade der gegenseitige brüderliche Schulterschluss - einschließlich eines ehrlichen Konfliktaustragens untereinander - bis in die Mitte der Eucharistie hinein eine besondere Kraftquelle für euch ist und dass ihr euch im Austausch gegenseitig stärkt, gemeinsam den Willen Gottes sucht und findet, wie wir anderen "draußen" in unseren Communitäten es weder erfahren und vielleicht nicht einmal vorstellen können.
Zufällig schlug ich gestern abend ein Buch von Piet von Breemen auf und stieß unmittelbar auf einen Text, den ich vor einigen Jahren gelesen und mir angestrichen habe: "Jesus hat bewusst in Solidarität mit den Armen und Schwachen gelebt. Dar-
in ist er das wahre Abbild Gottes, den er seinen Vater nennt und der im ganzen Alten Testament für die Opfer der Ungerechtigkeit Partei ergiffen hat. Das ist ein Roter Faden, der sich durch das Alte und Neue Testament zieht. Wer die Herrlichkeit Gottes sucht, kann sie nur auf dem Weg zu den Armen und mit ihnen (!) finden. In ihnen offenbart Gott seinen kabód; am deutlichsten in seinem Sohn, der einer von ihnen geworden ist." (P.v.B., "Erfüllt vom Gottes Licht", 1993, S. 147) Darunter habe ich damals Christian Herwartz geschrieben und hinter den Namen ein Zeichen gesetzt, das entweder ein Ausrufungs- oder ein Fragezeichen oder beides zusammen sein kann. Ich weiß es nicht mehr.
Kladow 10. Januar 2003
Vielleicht verstehe ich erst jetzt, nachdem ich den Orden verlassen habe, was Du und die Deinen in Kreuzberg leben - das Anstoß gebende Paradox einer grenzenlosen Offenheit in einer tiefen Verwurzelung:
- eine Offenheit über die vielen engen Grenzen hinweg, die wir selbst, unsere Gesellschaft,
die Kirche, der Orden etc. immer wieder ziehen und damit Leben in seiner
Entfaltung hindern
- und dabei gleichzeitig eine tiefe Verwurzelung in Jesus, der sich auch unserer
widersprüchlichen, chaotischen, weder schwarzen noch weißen Welt ausgesetzt und
hingegeben hat.
Euer Zeugnis ist ein leibhaftiger Hinweis auf Gott, der unendlich barmherzig, grenzenlos
und unbegreiflich ist.
Martina und ich haben nach unserem Weggang aus Berlin nach Bielefeld Gottes Barmherzigkeit weiter überreich erfahren. Unser kleiner Sohn Dominik wurde im März 2001 hier geboren und wir haben beide eine Arbeit gefunden, die uns erfüllt und uns ermöglicht, an lebendigen Veränderungen im Kleinen wie im Größeren mitzuwirken. Wir haben uns hier in Bielefeld gut eingelebt, viele liebe Menschen gefunden, vor allem in der Kirchengemeinde, in der wir ziemlich aktiv sind. Die strahlt auch etwas von Gottes Wärme in die Welt, die wir sehr genießen. Kein Wunder, dass sich hier außer uns noch drei andere ehemalige Priester mit ihren Familien wohl fühlen.
Martina arbeitet als Lehrerin an einer katholischen Schule und ich bin mittlerweile im vierten Jahr bei der Bertelsmann Stiftung. Nach einem Projekt zur politischen Jugendbildung bzw. Förderung von Engagement bei Jugendlichen und einem Projekt zur Integration von ZuwanderInnen - gemeinsam mit dem Bundespräsidenten haben wir gelungene Beispiele von Integration gesucht und gefunden - bin ich mittlerweile in einem Schulprojekt: "Selbstständige Schule" heißt es und es geht darum, Schulen mehr Freiheit und Verantwortung zu übertragen und sie in der Region zu stärken.
Im Sommer kommt unser zweites Kind, auf das wir uns sehr freuen. Dominik,
wenn er Mamas Bauch streichelt, sagt immer: "Das ist mein Baby!"
Wir sind sehr glücklich und unendlich dankbar für dieses wunderbare Leben.
Bielefeld 10. April 2004
Seit dem Jahr 2001 arbeite ich in der Berufungspastoral des Jesuitenordens. Das bedeutet, dass ich der Ansprechpartner bin für junge Männer, die sich ernsthaft überlegen, selbst Ordensmänner zu werden. Es sind Männer zwischen 19 und 40 Jahren, die herausfinden wollen, ob der Jesuitenorden für sie eine geeignete Lebensform ist. Um dabei Hilfestellung zu geben und Gesprächspartner zu finden, lade ich ein zu einer Reihe von Veranstaltungen, um gleichgesinnte Suchende miteinander in Kontakt zu bringen. Denn es ist schwer, Gesprächspartner zu finden, mit denen man über Themen wie Glaube an und Begegnung mit Gott, persönliche Berufung, Arbeiten in der Kirche für die Menschen reflektieren kann.
So biete ich Interessenten-Wochenenden an, bei denen ich viele Informationen bereitstelle. Wir treffen uns zu Orientierungs- und Besinnungstagen, wo es um Ordensleben, Spiritualität, Lebensstil und Gelübde in Theorie und Praxis geht. Ich lade mehrmals im Jahr zu ignatianischen Schweigeexerzitien ein. Einmal jährlich mache ich eine große Wallfahrt nach Spanien zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela.
Darüber hinaus möchte ich jungen Männern auch die Gelegenheit bieten, eine Jesuitenkommunität von innen kennen zu lernen. Bei vielen anderen Orden heißt das "Kloster auf Zeit". Bei uns Jesuiten funktioniert das so nicht, weil die Mitbrüder tagsüber meist beschäftigt sind, und die Kommunität somit oft leer steht. Deshalb stelle ich ein Rahmenprogramm zusammen und lade die Teilnehmer ein, dabei Kommunitäten zu treffen. In Berlin fand ich gleich in vier Kommunitäten Gastfreundschaft und Aufnahme: im Canisiuskolleg, in der Naunynstraße, im Peter-Faber-Kolleg und im Ignatiushaus. Die Interessenten, die an diesem Kurs teilnehmen, haben bereits Kontakte mit mir gehabt. Es geht nicht um erste Begegnungen, sondern um Vertiefungen, die Teil des Entscheidungsprozesses werden. Es sind junge Männer, die mitten in einer Unterscheidung der Motivationen ihrer Lebensausrichtung stehen.
Von dem einwöchigen Kurs verbringen wir zwei Tage in der Kreuzberger Kommunität. Dabei leben ein oder zwei Teilnehmer als Übernachtungsgäste dort, während die übrigen Männer zu diesen beiden Tagen als Tagesgäste dazukommen. Christian zeigte sich besonders interessiert, den jungen Leuten diese Seite der Jesuitenwirklichkeit zu zeigen.
Am ersten Tag kommen wir also alle in der Naunynstraße zusammen, und Christian, Franz und Stefan erläutern das Projekt Kreuzberg: die Geschichte der Kommunität, die Beziehungen, das hohe Gut der Offenheit und Gastfreundschaft, die Erfahrungen mit Menschen, die am Rand leben (müssen), ihre Kontakte in Kreuzberg, die Schwierigkeiten, das Projekt nach außen zu vermitteln, ihre Erfahrungen als Arbeiter und Arbeitslose, als Demonstranten und Gefangene, ihre Weisen solidarisch zu sein, ihre Motivation als Jesuiten, das Ordensmotto "Glaube und Gerechtigkeit" in der Praxis zu verwirklichen.
Für die Interessenten ist die Kreuzberger Welt eine Neuheitserfahrung. Keiner kennt dergleichen bisher persönlich. Die Begegnungen in der Kommunität sind für viele atemberaubend. So nah sind sie solchen Situationen noch nicht ausgesetzt ge-
wesen. Sie kennen nun mal keine Menschen mit wechselnden Pässen und verschiedenen Identitäten. Was die Suche nach Heimat und Identität, die Sicherheit vor Verfolgung, die Abwesenheit von Hunger und der Schutz vor Kriegslärm bedeuten, erfahren sie in der Begegnung mit den Kreuzberger Jesuiten, die in ihrem Stadtteil Kontakt zu Menschen auf der Flucht aus unterschiedlichen Situationen haben. Weder die angesprochenen Lebenserfahrungen, die Umstände noch deren Opfer kommen im Alltag der Interessenten vor.
Die Naunynstraße bietet wie keine andere Jesuitenkommunität in Deutschland eine unmittelbare Anschauung mit Blick auf Einsatz für Gerechtigkeit für Ausgestoßene, ein besonders intensives Leben in Gemeinschaft und einen auffallend einfachen Lebensstil. Das Miteinander von Menschen, die das Wort "mit" kaum noch kennen; das vorurteilslose Aufnehmen von Menschen, die sich in Widersprüche verhakt haben; extrem belastende Schicksale, an denen die Menschen schwer zu tragen haben und deren Wunden nur langsam vernarben, sind in normalen Jesuitenkommunitäten so nicht anzutreffen.
Dies gilt auch für politische Plakate im Flur; die Beschaffenheit des Mobiliars; die Enge der Unterbringung; die von anderen Kommunitäten her gewohnten, hier aber nicht vorhandenen Sprechzimmer, Pforte oder Angestellten; das alles wirft unwillkürlich Fragen auf, was denn Ordensleben ausmacht, wie der Alltag aussehen soll, wie viel Sicherheit ein Ordensmann braucht, wie bürgerlich seine Existenz sein soll, wofür der hier praktizierte Stil steht, welche Ängste und Verunsicherungen er einerseits, welche Hoffnungen und Perspektiven er andererseits auslöst.
Grenzüberschreitungen sind eine Regel in der Kommunität der Naunynstraße. Das wird besonders am zweiten Tag deutlich. Christian bietet eine Einführung in die Exerzitien auf der Straße. Er geht aus von der Erfahrung des Moses