Nachtrag zum Buch 'Gastfreundschaft'
Zurück zum Buch 'Gastfreundschaft'
Vorwort: Das Leben geht weiter;
Vergessene Geschichten
Monika Junker: Meiner Tochter und mir geht es gut
Georg Milz: Mitten in Berlin
Nikolaus Timpe: Solidarität mit der Wagenburg – Weggetragen
Neue Geschichten
Peter R. Heim: Emmaus im Wedding
Renzo Fanfani: Die Worte verwehen im Wind, die Gesichter bleiben.
Elisabeth Schwieg: Es gibt keine illegalen Menschen!!!
Stefan Taeubner: "Dein Weg geht durch gewaltige Wasser."
Christian Stiller: Living next door to the jesuits
Berichte vom Fest Juni 2004 in Berlin-Kreuzberg
Jean Lecuit: "Die verstreuten Kinder Gottes zur Einheit führen" (Jo 11,52)
Norbert Zonker: Verdächtig viele Namen am Briefkasten
Reaktionen auf das Buch Gastfreundschaft
Michael Hauss: Mein Exemplar bin ich fürs erste los
Wettbewerb evolutionäre zellen 2004: «Wie gestalten Sie Ihre Gesellschaft?»
Christian Herwartz: Aus dem Nicht-Planbaren leben
Vorwort: Das Leben geht weiter
Die mir zugeschickten Geschichten für die Sammlung "Gastfreundschaft" sind in kurzer Frist mit heißer Nadel zusammengebunden worden. Bei der Durchsicht ist mancher Druckfehler übersehen worden. Noch schlimmer, es sind Geschichten versehendlich liegen geblieben, die rechtzeitig vorlagen. Das ist peinlich, denn der Verdacht von Zensur kommt da leicht auf. Das sollte auf keinen Fall geschehen. Doch diese Fehler haben nun auch etwas Gutes:
- Jeder kann sehen, auch ich bin nicht perfekt, auch wenn ich mir es im Respekt vor allen EinsenderInnen gewünscht habe.
- Es muss ein Nachtrag angelegt werden, der nun auch um die noch eintreffenden Geschichten, Berichte vom Fest und Reaktionen auf das Buch "Gastfreundschaft" ergänzt werden kann.
So ist die folgende Sammlung geradezu in einer Mappe, in die noch viele Geschichten hineinpassen. Ich bin gespannt, wer in sie noch etwas hinein legt.
Sollte es zu einer Neuauflage des Buches kommen, so können die hier vorliegenden Geschichten leicht hinzugefügt werden.
Ganz herzliche Grüße an alle Leserinnen und Leser
Christian Herwartz
Vergessene Geschichten
Monika Junker Meiner Tochter und mir geht es gut!
Meine Zeit in der Naunynstraße in Worte zu fassen und in eine Geschichte zu kleiden, fällt mir sehr schwer. Ich denke, ich brauche noch Zeit, um gelassener und klarer zurückblicken zu können auf diese Zeit meines Lebens. Doch möchte ich mit meiner Stimme in dieser Sammlung von Geschichten auch nicht fehlen, und so schreibe ich einfach ein paar Gedanken auf, die mir heute dazu einfallen.
Ich bin jetzt 32 Jahre alt und lebe mit meiner Tochter Sarah, die 7 Jahre alt ist, immer noch in Berlin.
Als ich vor acht Jahren in die Naunynstraße kam, war ich gerade schwanger geworden. Aus einer Nacht wurden elf Monate, die ich dort gewohnt habe. Ich habe nach und nach immer mehr Sachen aus meiner Wohnung geholt, der Bauch wurde dicker und dicker, und irgendwann war es dann klar, dass ich vor der Geburt wohl nicht mehr ausziehen würde. Ich zog aus der "Bibliothek" in das größere Zimmer um und bereitete alles für mich und das Baby vor.
Zur Geburt ging ich ins Geburtshaus und kam ein paar Stunden später mit meiner kleinen Tochter wieder zurück.
Diese Zeit vor und nach der Geburt war wohl nicht nur für mich, sondern auch für die ganze WG eine Herausforderung. Franz besorgte sich in der Bibliothek Bücher über das Thema, Christian sorgte Vorrausschauenderweise dafür, dass eine Freundin in dieser Zeit da war und mich ins Geburtshaus begleitete. Mit der Frage, wie man mit einer frischgebackenen Mutter und einem Neugeborenen umgeht, hatten sich die meisten Bewohner der Naunynstraße wohl noch nicht so oft auseinandergesetzt.
Im gleichen Zimmer, in dem 9 Monate zuvor Bine gestorben war, lebte nun ich mit meiner gerade geborenen Tochter. So dicht liegen die Übergänge des Lebens beieinander und beides sind wohl besondere Erfahrungen mit einer besonderen Dichte und Atmosphäre.
Ich selbst habe vieles in dieser Zeit nur zum Teil wahrgenommen und war mit vielen Problemen, Themen und Gefühlen beschäftigt. Es war eine schwierige Zeit für mich.
Wenn es auch eher ungewöhnlich erscheinen mag, so war doch damals, zu diesem Zeitpunkt meines Lebens die Wohngemeinschaft in der Naunynstraße der richtige Ort für mich, an dem ich mich sicher gefühlt habe und am richtigen Platz mit meinen Fragestellungen und Problemen. Ich konnte mich Christian anvertrauen und habe viel Unterstützung von vielen Menschen bekommen, besonders aber von Christian, Franz und Georg. Dafür bin ich sehr dankbar.
Heute sehe ich manche Dinge anders, sehe sowohl mich als auch die Naunynstraße kritisch an manchen Stellen. Ich befinde mich in der Auseinandersetzung und im Prozess, brauche Abstand und Grenzen, und auch dafür bin ich dankbar. Ich verändere mich und das ist schön.
Meiner Tochter und mir geht es gut und ich bin dankbar für die intensive Zeit, die Begleitung und die vielen Erfahrungen, die ich in der Naunynstraße machen durfte.
Berlin 1. Mai 2004
Georg Milz Mitten in Berlin
Die Zeit, die ich in der Naunynstraße mitgelebt habe, vom Spätsommer 1996 bis Mitte 1997, war die Kernzeit der Jahre, die ich in Berlin war.
Der Weg nach Berlin war ein Wanderweg, zu Fuß nach Osten ohne festes Ziel, mit einer Neugierde für Unbekanntes. In Bonn hatte ich eine persönliche Klärungszeit abgeschlossen und war offen, mich auf etwas Neues einzulassen: ein Abendteuer nicht ohne christliche Motive.
Nachdem ich eine Bleibe in Friedrichshain und eine Arbeit bei der Spedition Friedrich Schulze gefunden hatte, suchte ich nach weiteren Anknüpfungspunkten. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich auf die Jesuiten-WG in Kreuzberg stoßen würde. Der entscheidende Anstoß kam von Babsi, einer Ex-Jev, die ich in der Suppenküche in Pankow traf. Aber ich hatte die Adresse bereits in der Tasche, die evangelische Kommunität Imshausen hatte sie mir als Kontaktadresse mitgegeben.
Also rief ich Christian an und erhielt von ihm eine Einladung zum darauffolgenden Samstagsfrühstück. Ich lernte die Räume und die Belegschaft kennen. Schnell entdeckten wir das Verbindende: die Lebensweise und vor allem auch die Einbindung in das Netz der Arbeitergeschwister.
Ich kam nun zum wöchentlichen WG-Abend und zur Messe im kleinen Kreis mit Christian, Franz und Barbara aus der Wuhlheide, später auch Bine in ihren letzten Monaten.
Für mich war es der richtige Ort, der Vorposten einer Kirche im Aufbruch, an den sich die Arbeitswelt, die Welt der Gestrandeten, Heimatlosen, Orientierung Suchenden aus verschiedenen Kulturen, vor allem auch aus islamischen Ländern, begegneten.
Als die Frage aufkam, ob ich mir vorstellen könne, in der WG mitzuleben, war ich hin- und hergerissen. Mich reizte, diesen Lebensansatz unmittelbar zu teilen. Schon einige Male hatte ich vorher Versuche in diese Richtung gemacht. Gleichzeitig war ich mitten in einem Suchprozess, den ich nicht vorzeitig abbrechen wollte. Bevor ich dann schließlich einzog, wanderte ich noch einmal einige Monate entlang der Oder durch das Erzgebirge, entlang der Mulde und Elbe bis Magdeburg und zurück nach Berlin.
Die Zeit in der Naunynstraße
Eine dichte Zeit. Es war nicht leicht meinen Platz zu finden, räumlich und sozial. Ich zog in den großen Schlafraum, sorgte aber für eine Nische mit Decken als Abschirmung. Ich brauchte ein Restgefühl von Rückzug. Ich war kein Jesuit, aber auch kein Hilfesuchender. Irgendwo zwischen den Positionen. Außer Christian, Franz und Ramon lebten mit mir Monika in ihrer Schwangerschaftszeit, dann Andreas mit seiner Tochter Yvonne, vorübergehend Annette, Dirk und zeitweise Schlappi. Wenn ich im Halbschlaf sein Bett quietschen hörte, war er wieder da und mit ihm oft reiche Brotvorräte.
Mit Ramon stritt ich mich um die Frühstunde in der Küche, einmal auch mit Schlappi. Zwischen 4 und 5 Uhr vor der Arbeit brauchte ich die Küche für mich alleine. Da konnte ich keine Kompromisse machen. Mit Monika konnte ich mich gut über ihre Situation unterhalten und zu Yvonne hatte ich einen besonderen Draht. Ihr tragischer Tod ist noch immer unfassbar für mich.
Wie viele Menschen tauchten auf aus ganz verschiedenen Kontexten! Von der Straße, aus der Gewerkschaft, von der Initiative für politische Gefangene, JEV’s, Ordensleute, Jesuiten, Ex-Mitbewohner. Christian war für alle ein Ansprechpartner und die geduldige Präsenz von Franz eine wichtige Voraussetzung. Gern saß ich bei einem verlängerten Frühstück mit Franz in der Küche und unterhielt mich mit ihm über die politische und soziale Lage, über Demokratie in der Schweiz, über die Familie.
Mir fehlte manchmal ein Raum der Stille, real und im übertragenen Sinne. Ein Raum, wo alle Erlebnisse, Probleme, Fragen, Nöte und Suchbewegungen ausschwingen konnten, um nach der heilenden Spur zu tasten, sich lösend aus der traumatischen Spur der Resignation und Selbstzerstörung.
Gemeinsam erlebten wir ein Beispiel politischer Auseinandersetzung als die Wagenburg in der Nähe der Thomaskirche gewaltsam geräumt wurde und der Innensenator protestierenden Pfarrern Pharisäertum vorwarf. Wir organisierten spontan eine Unterschriftenaktion, die in der Osternacht in die Pfarrgemeinden getragen wurde.
Ich war mitten in einem Brennpunkt in Berlin und doch spürte ich, dass ich weiter musste. Wohin, war mir nicht klar. Auf einer Radtour nach Westen und entlang der alten Zonengrenze, an der ich als Grenzschützer 2 Jahre Wehrdienst absolviert hatte, dachte ich: Hier mitten in Deutschland zwischen Osten und Westen, Süden und Norden eine kleine Basis als Brücke zwischen den Welten errichten! Es war eine geografische Lösung.
Um dies zu klären, zog ich wieder in eine eigene Wohnung. 1997 im Winter kam Jürgen, ein alter Freund aus Bonn, der schon einige Male obdachlos gewesen war, nach Berlin und konnte in der Naunynstraße wohnen. Dann brach bei ihm eine psychische Krankheit aus. Er fühlte sich zunehmend verfolgt und beobachtet und reagierte sehr aggressiv. Er brauchte dringend ärztliche Hilfe. Es stellte sich heraus, dass er bereit war, diese im Landeskrankenhaus in Bonn anzunehmen. Dort gelang eine stationäre Aufnahme.
Mich hatten meine Bindungen in Bonn wieder eingeholt und das Leben hatte offenbar entschieden, dass ich zurück nach Bonn sollte. Später wurde mir klar: ich kann die Mitte nicht geografisch finden, sondern nur existentiell, als die innere Bereitschaft, den Weg zu gehen, der mir gegeben ist.
Bonn 29. April 2004
Nikolaus Timpe Solidarität mit der Wagenburg – Weggetragen
1993 standen auf dem Gelände zwischen der Waldemarstraße und dem Michaelkirchplatz noch keine Häuser; es war früher ein unbebautes Gebiet auf der "Ost"-Seite der Grenze. So siedelten sich nach dem Fall der Mauer dort eine ganze Reihe von Leuten in Wohnwagen und Hütten an. Camill und Maria lebten mitten unter ihnen in der "Wagenburg". Sie errichteten ein hohes Holzkreuz neben ihren Wagen. Den Stadtvätern war alles ein Dorn im Auge. Sie wollten eine "saubere" Innenstadt. Da die politische Linie besagte, Häuser oder Flächen nur zu räumen, wenn ein Projekt dort durchgeführt werden musste, erfand man einen Sportplatz. Wenn ich mich recht entsinne, kam dann am Donnerstag, 7.10.1993 der mit Besorgnis erwartete Räumungstag. Es rückten etwa 800 Polizisten an und vertrieben alle; die Wagen wurden meist nach Karow gebracht. Es blieben etwa fünf Leute, darunter Camill und Christian Herwartz. Einige ketteten sich an das Kreuz an und warfen die Schlüssel zu den Schlössern weg. Viele brachten ihnen Unterstützung. Der Aufenthalt draußen war recht unangenehm, da es immer wieder regnete. Sie errichteten um das Kreuz herum eine Art Zelt im Matsch. Richard Schmidt, Krankenseelsorger im Urban-Krankenhaus, und ich, beide von der WG der Fokolare in der Wrangelstraße, besuchten die "Gefangenen" am Freitag. Camill bat uns, Kardinal Sterzinsky zu informieren und einzuladen. Das haben wir gleich danach getan. Er verabredete sich mit uns für den folgenden Morgen: "Kommt und holt mich um 8.30 Uhr ab!" So besuchte er Christian und die anderen und ließ sich von ihnen alles erzählen. Alle spürten dankbar seine Sympathie. Natürlich waren auch Reporter da. Für die Polizei war das unerträglich. Darum kamen bald darauf Handwerker mit großen Seitenschneidern und lösten die Ketten. Alle wurden weggetragen, Richtung "Engelbecken", das damals zugeschüttet war. Äußerlich ohnmächtig, aber innerlich stark in der Solidarität mussten wir alles geschehen lassen. An diesem Tage war ich wohl zum ersten Mal bei Christian in der Naunynstraße.
Berlin 1. 5. 2004
Neue Geschichten
Peter R. Heim Emmaus im Wedding
Es muss im Sommer 1978 gewesen sein.
Wir wohnten in einem Berliner Mietshaus in der Adolfstrasse, hinter dem Krematorium, 5 Minuten vom Leopoldplatz entfernt, mit 6 Zimmern, zwei Küchen, zwei Bädern und einem von uns begrünten Hof mit dem obligatorischen Fahrradschuppen, dahinter die Rampe der ehemaligen Spedition.
Zwei Leute hatten sich an der Hoftüre angemeldet, sie wollten einmal unsere Situation im Wedding als "engagierte WG" kennen lernen. Woher sie uns kannten, war mir nicht klar, vielleicht über die Kleinen Schwestern Jesu, die ganz in der Nähe in der Liebenwalder Strasse wohnten. Jede Woche einmal morgens trafen sich die verschiedenen Christen in ihrer Wohnung zusammen mit einem Dominikanerpater (Runge?), um einen kleinen Gottesdienst zu feiern. Ich hatte ihren Hof bepflanzt mit einem Baum, wir feierten kleine Feste zusammen.
Und nun standen sie in der noch mit einem Ölanstrich versehenen fünfeckigen Mini-Küche im Hinterhaus: Ein kleinerer mit einer Goldrandbrille, verschmitzt lächelnd, so um die 30, und ein größerer, bärtig, etwas kräftiger wirkend, beide aber mit einem festen, sympathischen Händedruck.
Der kleinere, Michael, hatte einen süddeutschen Akzent, der größere passte eher in das Berliner Sprachgefühl, etwas schnarrender in der Stimme. Christian war auch etwas schneller dabei mit fragen, reden, agieren, Michael hörte mehr zu, war ruhiger..
Nachdem ich ihnen einen Tee angeboten hatte, kamen wir ins Erzählen, sie fragten mich aus, was hier schon so los sei, welche Initiativen es gäbe, wie die Atmosphäre sei, wie ich den Stadtteil fände.
Sie wollten sich nämlich eine gemeinsame Wohnung suchen und schwankten zwischen Wedding und Kreuzberg hin und her. Auf Nachfragen erzählten sie etwas genauer, dass es sich um eine christliche WG handeln solle, die sich auch im Stadtteil engagieren wolle...
Ich war etwas irritiert: Für Studenten waren sie etwas zu alt, und das sie einem regulären Beruf nachgingen, konnte ich mir bei den beiden auch nicht vorstellen. Und so fragte ich ein wenig nach.
Sie hätten im Ausland in verschieden Betrieben gearbeitet, ja, es wäre handwerklich gewesen, nein, sie hätten auch noch anderes gemacht, ja, sie hätten studiert, ja, Theologie, in Deutschland, in Frankfurt, und auch da schon WG-Erfahrung gesammelt. Irgendwie passte das alles nicht zusammen.
Und dann fiel es mir langsam wie Schuppen von den Augen: Vor mir saßen zwei gestandenen Jesuiten, zwei Priester, auf besonderen Wegen.
Dann packten die beiden aus, erzählten von ihren Erfahrungen als Arbeiterpriester und ihrem gemeinsamen Projekt, mit Rückendeckung der Ordensleitung in Berlin außerhalb des bisher üblichen Rahmens pastoral zu arbeiten.
Und es entstand ein besonderes Gefühl der Verbundenheit, das bis heute anhält, auch wenn wir danach nie gemeinsame Projekte starteten. Die kleine Schwestern hatten mich sensibel gemacht für diese besonderen Lebenswege und Berufungen. Mein eigener Lebensweg sollte ganz anders verlaufen.
Später hörte ich, dass sie sich für Kreuzberg entschieden hatten.
Schade eigentlich, in den Wedding hätten sie auch gut hingepasst.
Immer wieder kreuzten sich unsere Wege, anfangs bei den Hausbesetzungen, (ja, auch im Wedding gab es welche!), später in der Basisgemeinde der Offenen Tür Berlin mit Werner Herbeck SJ oder in Sankt Michael oder bei Pax Christi Berlin, deren Wiedergründung in Berlin in meiner damaligen Wohnung stattfand.
Dass Michael Walzer (SJ) dann leider so früh sterben sollte, ahnte damals keiner.
Bei einem Besuch in Berlin nahmen meine Eltern an einem Gottesdienst in unserer Basisgemeinde in der Offenen Tür Teil, die Michael leitete. Meine Mutter war sehr beeindruckt. Und als ich ihr von der Beerdigung Michaels ein Gebets- und Totenbild mitbrachte, legte sie es in ihr Gebetbuch ein und betet seitdem regelmäßig für Michael, einen der beiden Ur-Jesuiten der Oppelner Strasse.
Köln 2. Juni 2004 (1973-1996 in Berlin)
Renzo Fanfani Die Worte verwehen im Wind, die Gesichter bleiben.
Als ich mir Gedanken darüber machte, was ich im Bericht meines Lebens hätte sagen sollen, musste ich mich sofort unterbrechen, da mir dabei zu viele Gesichter und Ergebnisse in Erinnerung kamen.
Ich dachte an den alten Vorschlag der Mönche und blieb still. Ich dachte an meinen Weg.
Aber wo war der Anfang? Dann dachte ich an die zahlreichen Generationen von Menschen, von denen das Leben vom Rifttal bis zum Arnotal auf mich übertragen wurde, und ich verlief mich nochmals.
Dann versuchte ich mich mit meiner Vergangenheit und meinem Körper zu versöhnen, wie mir einmal eine liebe Freundin in der Ferne vorschlug. Ich umarmte diesen bescheidenen unentbehrlichen Lebensgefährten, mein Fleisch, und ich dankte dafür, dass es mir ständig geholfen hat, beim Unterstützung meiner Wahlen und bei der Überwindung meiner Müdigkeit sowohl vom Militärdienst als auch von der Arbeit in der Gießerei, von der Schwere der Schaufel und von den Nachtschichten. Und mit dem Fleisch zusammen umarmte ich meinen Geist und sagte ihm, er solle nicht träumen, er solle doch ein Engel sein, aber er solle auf die Erde kommen, um sich um sein Fleisch zu kümmern und um das Fleisch von allen anderen, Männern und Frauen, um mich herum. Gerade jetzt braucht man ihn, da das Fleisch alt geworden ist und schwächer, damit er es zur Auferstehung führt.
Meine Führer und Lehrer sind die Kinder der Grundschule und des Kindergartens, mit denen ich meine Zeit immer häufiger verbringe; besonders mit einem, demgegenüber ich eine Weile die Rolle des Opas gespielt habe und mit dem ich oft spazieren gegangen bin, von dem ich aufs neue gelernt habe, wie man die Welt von unten nach oben anschaut, als wäre es zum ersten Mal.
In der Grundschule sind Kinder, die acht verschiedene Muttersprachen sprechen; man kann nichts anders machen als ins Gespräch kommen und die Kulturen vergleichen.
Das ist ein qualitativer Sprung, der die ganze Evolution unserer Arten beeinflusst. Das ist eine enorme Änderung, die den Beziehungen, den Verhältnissen neue unbekannte Formen geben wird. Und diese Änderung ist Aufgabe der neuen Generationen.
Es gibt viele Hindernisse, die der Realisierung dieser neuen Formen im Wege stehen:
Man muss Ignoranz und jahrhundertlange durch Ferne, Gegenüberstellungen und Herrschaft verursachte Vorurteile überwinden und abschaffen.
Rettung, Umweltbewusstsein., Gerechtigkeit, Frieden sind heute nötig: diese Themen wurden beim wichtigen Treffen in Rom und bei Sozial-Forum in Florenz vorgeschlagen.
Frieden, Gerechtigkeit, Schöpfungsschutz, die wichtigen Themen beim Treffen der christlichen Kirchen 1990 in Seoul, woran wir als Vertreter der Priester-Arbeiter teilnahmen.
Ein qualitativer Sprung, der der Menschheit durch Jahrtausende gelang und das soll in 2 oder 3 Generationen geschehen.
Der Schritt vorwärts kann nicht getan werden, ohne endgültig die Logik der Anhäufung und die Logik der Gewalt zu verlassen und zu vergessen; und dieser Schritt kann nicht getan werden ohne die Entdeckung des inneren menschlichen Reichtums.
Um mich mit meiner Vergangenheit zu versöhnen, habe ich mir das wiederholt, was meine Freunde in der Fabrik tausendmal gesagt haben: "Die Worte verwehen im Wind, am wichtigsten ist das Handeln".
Die wichtigsten Ereignisse meines Lebens sind alle mit Gesichtern verbunden und ich konnte sie in die ursprüngliche Position bringen und einordnen, indem ich mit der Gegenwart, mit heute begann; die Zukunft jener in der Vergangenheit geschehenen Ereignisse.
Ich habe sie in ihrem Kontext gesehen und habe verstanden, dass ihre Bedeutung gerade darin liegt, dass ich durch jene Ergebnisse die Entscheidungen getroffen habe, die mir erlaubt haben, jene Gesichter von Männern und Frauen kennen zu lernen.
Wie hätte ich ohne sie verstehen können, dass die einzig mögliche Kenntnis Gottes die ist, in seinen Spuren zu gehen, und wie bei Jesus sich die Offenbarung in menschlichen Gesten ausdrückte, so werden die Spuren Gottes in der Geschichte immer menschliche Spuren.
Wenn ich vom Militär nicht zurückgetreten wäre, um ins Priesterseminar zu gehen, hätte ich euch, liebe Freunde, nie kennen gelernt, und ich hätte weder mein Volk noch meine verlorene Identität wiedergefunden. Wäre Carla 1979 nicht nach Viareggio gekommen, wie hätte ich verstanden, dass der Gott von Jesus ein treuer Freund ist, der sich um dich kümmert, der ein Haus baut, wo man anhalten kann, wo man Kraft und Freiheit bekommt, womit man dann weitergehen kann?
Jene Angelegenheiten wurden zu einer Prophetie und jene Personen zu Propheten, die mir erlaubt haben auf dieser unmenschlichen Welt, Menschlichkeit zu finden. Anders ausgedrückt ist dies das Unerwartete, die Freude des Zusammentreffens mit den lieben Freunden, das Sich-Kümmern, das Benennen und das Planen, das Bitten um Verzeihung, das Wiederholen der Worte der wichtigen Dichter oder das Aussprechen der kleinen Worte von jemandem, der kein Dichter ist; das heißt der Sieg über den "Adler" und die Befreiung des "Prometheus", damit er der Menschheit das Feuer schenkt, das heißt, dass man wie St. Georg wird und sich zwischen dem Drachen und dem Leben stellt.
In dieser Zeit stelle ich mir noch mal die Frage, was mich aus der Zukunft her ruft und wie ich antworten soll.
Welche Antwort soll ich in unserer heutigen Situation geben, wenn folgende Fragen immer nötiger werden: "Was ist der Sinn meines Lebens? Was ist der Sinn des menschlichen Gehens, das ich auch mitmache?"
Beim Lesen meines Lebens finde ich eine Konstante, eine Kontinuität von Arglisten, wie HIV: und das heißt Resignation, Verzicht.
Resigniert den kleinen persönlichen Niederlagen gegenüber, den Sünden meines Lebens, resigniert den großen Niederlagen der Menschheit gegenüber: der Ohnmacht angesichts des Krieges, der Auflegung des Kapitalismus und dessen Gesetze, wobei der Mächtigste immer den Schwächsten unterdrückt; die Güter und die Ressourcen der Menschheit werden zugunsten von wenigen Leuten ausgebeutet und zerstört. Diese durch das Alter geförderte Resignation bekommt dann gesunden Menschenverstand und lässt mir meine Seele nach den Möglichkeiten messen, alle anderen eliminierend, weil alle anderen nur Träume sind.
Als Gegenmittel war es mir in der Vergangenheit üblich, an eine andere Grenze zu kommen, als ausgesetzten Ort, als Ankunfts- und Abfahrtsort, als Ort der unerwarteten und neuen Zusammentreffen, als Abenteurerort.
Und das habe ich gemacht: vom Büro der Nuova Pignone zur Militärakademie, von der Armee zum Seminar, vom Priester zum Arbeiter, von Tinaia nach Avane. Und jetzt stehe ich vor der letzten Grenze, der Todesschwelle, wo die "weite Breite" beginnt.
Auf den Weg zur Grenze sind Avane und die Leute, die da wohnen, das Bezugsgebiet.
Ich habe wenig zu tun:
1. mit den Reisegefährten und den Reisegefährtinnen zusammen die Hauptpunkte des von Jesus bezeichneten Wegs zu suchen; seinen Lebensplan (Glaubengemeinschaft).
2. Ein Feld zu sein, das die Lebenssamen, die wir geschenkt bekommen haben, empfängt und wachsen lässt, indem es drei Schlüssel gebraucht: den Silberschlüssel, der die Tür der Selbstkenntnis aufmacht, den Goldschlüssel, der die Tür des Reiches aufmacht, und den Eisernschlüssel, der die Tür der Poesie und der Schönheit aufmacht, die zu dessen Aufbau notwendig sind.
3. Von den falschen Bildern Gottes und von den falschen Worten Gottes zu befreien.
4. Freiheits- und Empfangsraum zu sein, ein der Welt offener Raum, der fähig ist das Gute und das Wahre zu sammeln und nicht aufzulösen, was das Volk aus Avane in der Vergangenheit produziert hat, um das Gute und das Wahre als Wert für die Zukunft zu bewahren.
Ich erlaube niemandem mich Vater oder Meister zu nennen, aber zu dieser Zeit meines Lebens nehme ich an, "Petrus" zu sein, Anlehnungspunkt für meine Füße und Stütze für diejenigen, die sie brauchen; und wenn ich ein Bild Gottes brauche, dann ist es das Bild des gnädigen barmherzigen Gottes, da ich zu denjenigen gehöre, die als erste den Stein weglegen sollen.
Aber um die Wahrheit zu sagen, suche ich ihn nicht mehr, ich verlasse mich auf die Freunde aus Nazareth.
Dieses Vertrauen vermindert die Unsicherheit, verstärkt sie, aber es verwandelt sie nicht zur Sicherheit; es gibt mir, was ich brauche, um die Hand zu strecken in der Anrufungsgeste oder in der Geste des Schenkens.
Alles andere erwarte ich mir als Zugabe.
Viareggio (Italien) 2.-4. Mai 2003,Vortrag beim Treffen der Priester-Arbeiter
Elisabeth Schwieg Es gibt keine illegalen Menschen!!!
Lieber Christian, Deiner Bitte um einen kleinen Beitrag komme ich gerne nach, auch wenn ich sicherlich zu denen von Deinen Freundinnen gehöre, die nur sehr wenig persönlich wissen... aber Ihr habt mit Eurem Projekt einen festen Platz in meinem Herzen, weil ich ahne, dass Ihr an so einer wichtigen Nahtstelle des Christseins lebt...
Also: Unser erster persönlicher Kontakt liegt zwei Jahre zurück. Es war ein Tag vor Silvester. Du hast an der Tür des Centers angeklopft und warst "einfach da" - und diese selbstverständliche Art hat mich sehr beeindruckt. Du hast lang von Deiner Arbeit erzählt und schon beim Zuhören war mir klar: "Das müssen unsere jungen Leute erfahren" - und seither 'klopfen wir immer wieder bei Dir und bei Euch an und treffen immer auf offene Gastfreundschaft. Oft ist es ein buntes Völkchen, das da dann zu Dir kommt: Christen und Nichtchristen, rechts und links orientierte junge Leute, politisch und gesellschaftlich Interessierte und junge Leute mit einem ganz engen Horizont... - und wenn sie dann zurück kommen, dann haben sie immer viel zu erzählen und haben eins verstanden: Es gibt keine illegalen Menschen!!! Und noch eins beschäftigt sie oft lang und löst heiße Diskussionen aus: Dass ein studierter Mensch freiwillig so einfach lebt und alles mit anderen teilt! - "Das könnte ich nie!" meinte R. zum Schluss, "aber auch wenn ich's nicht verstehe, Christian ist dabei ganz glücklich und zufrieden". "Das macht der, weil er Christ ist, weil auch Jesus auf der Seite der Armen war", gab N. zurück, eine junge Frau, die von sich selbst sagt, dass sie an nichts und niemanden glaubt. - Wir vom IN VIA-Team sind dankbar für solche "Orte gelebten Glaubens", weil wir in der Arbeit mit den jungen Leuten immer stärker spüren, dass nicht Worte und Diskussionen zum Nachdenken anregen, sondern nur lebendige Menschen, die wissen, wofür es sich zu leben lohnt und die bereit sind, ihre 'Erfahrungen mit dem Leben' weiter zu erzählen.
Berlin-Karlshorst Invia-Center 11. Dezember 2002
Stefan Taeubner "Dein Weg geht durch gewaltige Wasser"
Als Jesuit unterwegs
Am ersten Februar 2003 fand in der Turnhalle des Canisiuskolleg in Berlin eine große Feier statt. Junge und alte Mitbrüder, Schwestern und Brüder aus anderen Gemeinschaften, Freunde und Verwandte von mir und der Kommunität Kreuzberg und mehr als 200 Mitglieder aus der katholischen vietnamesischen Gemeinde von Berlin füllten die Turnhalle und ließen den Gottesdienst lebendig werden. Es war die Feier meiner letzten feierlichen Ordensgelübde. "Was feiern wir heute eigentlich? Und warum nach so langer Zeit, immerhin ist Stefan schon 23 Jahre im Orden!" So frage der Provinzial Franz Meures SJ zu Beginn seiner Predigt.
Ja, wie bin ich diesen Weg im Orden gegangen? Was hat mich geleitet, wie bin ich geführt worden? So frage ich heute.
Ich habe diese Jahre an vielen verschiedenen Orten und auch in Asien verbracht. Als ich 1980, damals gerade 19 Jahre jung, in das Noviziat Münster eintrat, war ich sicher noch etwas unreif aber voller Ideale. Ich wollte mein Leben ganz einsetzen: Für Gott, für die Menschen, wohin auch immer Gott mich senden wollte. Mit Jesus, ihn hatte ich in der Jugendzeit lebendig erfahren, wird mein Leben gelingen, so glaubte ich fest. Ich hätte damals nie gedacht, dass mich dieser Weg einmal um die halbe Welt bis nach Malaysia und später nach Vietnam führen würde. Ich studierte Philosophie in München, begeisterte mich aber mehr für die Kinderarbeit in der Obdachlosensiedlung Hasenbergl. Wir Ordensstudenten planten eine "Auszugsgruppe", da uns das Berchmanskolleg im Lebensstil zu reich vorkam.
Nach zwei Jahren Jugendarbeit im Trier befand ich mich in einer Krise: Was konnte ich Menschen geben, deren Leben und Ideale mir so fremd erschienen? Für unsere "religiösen Veranstaltungen" interessierten sie sich wenig. In dieser Zeit war mir die Spiritualität des Ordens eine Hilfe: Die regelmäßige geistliche Begleitung, die jährlichen Exerzitien und auch das offene Gespräch mit dem Oberen. So konnte ich herausfinden, was ich wirklich suchte, warum ich im Orden war: Um Gott und den Menschen zu dienen, besonders denen in Not. Daher bewarb ich mich 1986 beim Jesuiten Flüchtlingsdienst (JRS), der damals Bootsflüchtlinge aus Vietnam betreute. Ich verbrachte ein Jahr mit ihnen auf einer kleinen Flüchtlingsinsel in Malaysia. Ich lernte ihre Sprache und teilte ihren Leidensweg. Sie öffneten mir mein Herz, befreiten mich von meiner Enge. Nach einem Jahr hatte ich meine eigene Berufung im Orden tiefer ergründet. Sie, die durchs gewaltige Meer gekommen waren und ich, durch das Meer meiner inneren Nöte, wir konnten zusammen Gott in einer neuen Sprache preisen.
Doch noch weitere 8 Jahre hat es gedauert, bis diese anfängliche Berufung zu den Vietnamesen so deutlich wurde, dass der Provinzial mich, zu meiner eigenen Überraschung nach Vietnam zum Sprachstudium sandte. Das war 1995.
Nach meiner Priesterweihe hatte ich zunächst in Münster Sozialarbeit studiert, weil ich das Leben der Armen auch in Deutschland genauer kennen lernen wollte. Danach lebte ich für zwei Jahre in Leipzig, wo eine Gruppe Jesuiten 1991 eine neue "solidarische Kommunität" im Osten begonnen hatte. Doch auch diesen Ort musste ich wieder verlassen. Die Entscheidung lief nicht ohne Konflikte mit den Mitbrüdern. Erst durch schmerzhafte Zeiten und Enttäuschungen hindurch wurde mir die Ernsthaftigkeit meiner ersten Liebe und Berufung wieder deutlich.
Heute, nach weiteren 7 Jahren, die ich als Seelsorger für vietnamesische Flüchtlinge in Berlin verbracht habe, sehe ich, wie Gott auf seinem Weg für mich reiche Frucht hat entstehen lassen. Ich sehe, wie das Netz im Apostolat mit Vietnamesen in Berlin, in Vietnam und auch in Tschechien so übervoll wurde, das es sogar mich selbst zu zerreißen drohte. Im Terziat, eine Aus- und Probezeit vor den letzten Gelübden, lernte ich neu, mich in dieser Situation wieder zurechtzufinden, mich in all meinem Tun vom Herrn der Ernte zurecht-rücken zu lassen: "Was er euch sagt, das tut!"
Seit Sommer 2002 lebe ich in der Kommunität in Kreuzberg, die mit ihrem Lebensstil offen ist für Menschen in Not. Wir drei Mitbrüder vor Ort helfen uns gegenseitig, unsere Sendung zu reflektieren und immer tiefer zu verstehen. So geht jeder den Weg nicht allein.
Ich musste in den Jahren des Ordenslebens auch erkennen, das wir Jesuiten in vielem hinter dem zurückbleiben, was Ignatius oder die Texte der Generalkongregationen wünschen. Es braucht auch Mut, unsere oft ärmliche Realität anzuerkennen, ohne gleichgültig zu werden.
Ich bin auf meinem Weg im Orden, in der Nachfolge Jesu, noch nicht am Ende. Ich bin unterwegs durch gewaltige Wasser geschritten, wie es im Psalm 77 heißt. Ich habe auch dort die liebevolle Begleitung Gottes und vieler Menschen erfahren und bin ihm heute sehr dankbar für alles. In dieser Dankbarkeit durfte ich die letzten Gelübde ablegen, umgeben von denen, die meinen Weg begleiten. Die Gelübde sind für mich die Antwort auf die Treue Gottes, die ich in meinem Leben als Jesuit erfahren habe und von der ich anderen verkünden darf.
Berlin Anfang 2004
Christian Stiller Living next door to the jesuits
August 1981 kamen wir nach turbulenten Ereignissen als (Noch-) Kleinfamilie nach Kreuzberg. Das waren Angela, meine Frau, Alexandra, meine älteste Tochter, und ich. Aber Angela war schwanger mit Florian. Wir mussten uns sputen mit der Renovierung, die Wohnung musste schneller bewohnbar sein, als Angela mit unserem Sohn niederkam. So wurde geschuftet, gemalert, tapeziert, neue Leitungen gelegt, Möbel aufgestellt. Ab Anfang Dezember kamen die regelmäßigen Fahrten zum Krankenhaus zwecks Schwangerschaftskontrolle hinzu. Es war ein saumäßiger Winter. Richtig schöne hohe Schneeberge. Am 26.12. um 22:42 Uhr war es endlich so weit. Florian war da. Der kleine Kerl hat sich mühsam seinen Weg ins Leben gebahnt. Nach der Geburt ging ich sein Tragekörbchen holen, denn wir wollten noch zur gleichen Nacht wieder nach Hause. Die Geburt und das Bewusstsein, ein gesundes Kind zu haben führten dazu, dass ich vor Überwältigung, Erleichterung und Erschöpfung nach Jahren und Jahrzehnten das erste Mal weinte. Ich weiß noch, dass ich trotz Heulerei Gott für dieses Kind dankte.
Danach kam die Zeit zur Vorbereitung meines ersten Hauptexamens an der Uni, ich studierte damals Volkswirtschaft.
Aber es wurde auch Zeit, an Florians Taufe zu denken. Auch suchten wir eine gemeindliche Heimat. Der erste Weg führte uns nach St. Michael Kreuzberg. Dort gab es einen Pfarradministrator namens Baumgärtner. Zunächst wurde ein Vorgespräch mit ihm geführt. Nach einiger Zeit, es muss so vier Wochen vor der Taufe gewesen sein, setzten wir uns mit ihm in Verbindung, um Einzelheiten bezüglich Florians Taufe zu klären. Es ging wohl um ein Gebet. Während des Gespräches fuhr der Kaplan auf und rief wütend, wir kämen zu spät, es wird so gemacht, wie er es will etc, etc, etc. Schockiert verließen wir das Gespräch. Ich glaub, es war Angela, die auf die Idee kam, Schwägerin Barbara anzurufen. Diese hatte eine Idee. In Berlin-Schöneberg gab es in der Habsburger Straße eine kleine koreanische Gemeinde. Dort wendeten wir uns hin und kamen mit einem Pfarrer Albert Chen (?) in Verbindung, der dann uns noch kurzfristig half, dass Florian getauft werden konnte. Der Tauftag selber ist mir mit Schnee, Eis, Hagel in Erinnerung. Damit war the first Kontakt mit St. Michael als kalte Dusche erlebt.
Aber wir wollten eine gemeinsame religiöse Heimat haben, also suchten wir. Als nächstes peilten wir St. Bonifatius in Kreuzberg 61 an. Aber auch da fielen schnell die Würfel. Weil unser kleiner Florian weinte, beschwerte sich bei uns nach dem Gottesdienst eine alte Frau und sagte, dass wir nicht in diese Gemeinde gehörten und nur den Gottesdienst störten. Gelegentlich gingen wir/ich nach St. Thomas am Mariannenplatz, noch zu Zeiten von Verena Jansen, die bald die Pfarrstelle aufgab.
Irgendwann nahm Kaplan Baumgärtner die Stelle des Seelsorgers bei der Nervenklinik Spandau an. Nachfolger wurde ein Jesuit der Kommunität, Godehard Pünder. Mit ihm kam ein Hauch der Veränderung hinüber. Eines Abends besuchte er unsere Familie und schwups war Angela im Team zur Erstkommunion-Vorbereitung. Ja, es war eine Zeit des Aufbruchs. Wir kamen in Kontakt mit der Arbeitslosenjugend in der Sanderstraße. Darüber lernten wir auch Michael Walzer kennen. Christian Herwartz donnerte wortgewaltig in Bibelkreisen und Gottesdiensten in St. Thomas in Kreuzberg. Es war eine sehr bewegte und bewegende Zeit. Nachdenklichkeit und Aufbruch war damals. In St. Thomas war inzwischen Manfred Bahmann Pfarrer geworden. Auch er charismatisch, mitreißend und auch einfühlsam. Ich erinnere mich an einen sonnigen Sonntag, er rief die Gemeinde auf, jungen Menschen zu helfen, die durch die Räumung eines besetzten Hauses ohne Obdach waren. Ich dackelte am gleichen Tag noch in seine Pfarrwohnung und lieferten ein paar Konserven ab.
1987, erster Mai, Bolle am Görlitzer Bahnhof wurde gestürmt und geplündert, Autos brannten in der Oranienstraße. Christian Herwartz hielt danach eine wahrhaft zündende Predigt in St. Michael mit dem Erfolg, dass die Honoration verschreckt wach wurde. Ich kann mir vorstellen, dass das Erzbischöfliche Ordinariat gut informiert wurde.
In der Folgezeit war es lebendig und die Krawalle wurden zu einem alljährlichen Ritual. Damit wurde es auch für mich langweilig.
Bei mir ging es auf und ab und irgendwann entschloss ich mich, das Steuerberaterexamen zu machen. Herbst 1991 stellte ich mich zum ersten Mal der Prüfung. Im Sommer 1991 lernte ich eifrig, genoss es aber auch, manchmal eine Auszeit zu nehmen. Es war ein schöner Herbstabend, und Angela und ich gingen abends aus auf ein Glas Wein. Spät kamen wir nach Haus und entdeckten dabei unsere Zuneigung auf ganz intensive Art. Somit waren die Weichen für eine vierte Vaterschaft gestellt. Ich schaffte die Prüfung beim ersten Mal nicht und groß war meine Enttäuschung. Gott sei Dank ließ ich mir den Mut nicht nehmen und trat ein zweites Mal an. Ich weiß noch heute, dass diese Schwangerschaft nicht einfach zu nehmen war für uns. Unter anderem haben wir auch mit Christian Herwartz gesprochen. Er betonte, ob mit diesem Kind nicht eine besondere Aufgabe für uns zusammenhängt. Er ist und bleibt ein wacher und kritischer Geist, der aber auch mitfühlend ist. Wir haben uns gemeinsam für die Annahme des Kindes entschlossen, auch wenn es nicht einfach war und auch ich Ängste hatte. Eines schälte sich für mich schon damals heraus: Obwohl ich schon vorher drei Kinder hatte, war ich nicht recht davon überzeugt, dass ich ein guter Vater war. Zu wenig war ich für die Kinder da, zu viel überwog bei mir die Existenzangst. Ich stürzte mich in die Arbeit, um Geld zu verdienen, ich stürzte mich ins Studium, um meinen Abschluss zu schaffen. Es gab immer etwas, in das ich flüchten konnte. Und ich war innerlich zerrissen. Malin kam am 16.04.1992 zur Welt. Mein kleines Knüddelchen. Gott hat mir ein Kind geschenkt. Ein Kind, für das ich Vater sein kann, wo ich mich entwickeln kann. Im Sommer 1992 wurde Malin von Christian Herwartz gesegnet und wir feierten einen Gottesdienst zu Hause mit Roswitha und Christoph Boiserrée, gute Freunde, Begleiter und Bibelkreisteilnehmer. Ich bin froh, dass wir uns diese Menschen als Begleiter für Malins Leben ausgesucht haben. Sie sind lieb und gleichen Sinnes. Malin erhielt nur einen Segen und nicht die Taufe. Dies lag darin, dass wir bei unseren inzwischen gewachsenen Kindern eine Distanz zur Religion und Kirche erleben mussten. Wir kamen zu der Überzeugung, dass Malin selbst entscheiden sollte, ob sie getauft werden will oder nicht. Jetzt, im Sommer 2003, glaube ich, dass es eine gute Entscheidung war. Malin konnte ihre Taufe vorbereiten und bewusst erleben.
Berlin, 12. Juni 2004
Berichte vom Fest Juni 2004 in Berlin-Kreuzberg
Jean Lecuit "Die verstreuten Kinder Gottes zur Einheit führen" (Jo 11,52)
12.-14. Juni 2004 Fest: 25 Jahre Anwesenheit unter allen
Zu dritt waren wir aus der Südbelgischen Provinz nach Berlin gekommen, am Wochenende vom 12. bis 14. Juni. Zusammen mit Frauen und Männern waren wir um die Jesuitenkommunität in der Naunynstraße in Kreuzberg versammelt. Sie feierten zusammen 25 Jahre auf dem Weg. Fünfundzwanzig Jahre bedingungslose Aufnahme von Menschen, die in der Geschichte an die Türe klopften.
Wir sind Freitag abend angekommen und mitten in eine Diskussion von etwa 60 Personen gestoßen. Es ging um Konflikte im Orden und in der Kirche. Ein Buddhist leitete sie.
Wie kann die bedingungslose Aufnahme anderer in radikaler Offenheit gelebt werden? Die liebenswürdige Gegenwart anderen gegenüber zu leben, führt manchmal zum Konflikt mit der legitimen Autorität in den menschlichen Gruppen, denen wir angehören. Auch Jesus geriet in Konflikt mit den legitimen Autoritäten der jüdischen Gemeinschaft, die die seine war. Petrus und dann auch Paulus ist es mit der ersten christlichen Gemeinschaft ähnlich ergangen, als sie Nichtjuden akzeptierten, ohne von ihnen die jüdischen Rituale zu erwarten. Es hat auch in Kreuzberg nicht an Konflikten gefehlt, besonders mit der Kirche und der Gesellschaft Jesu, besonders im Engagement mit armen Menschen beim Suchen nach ihrem Platz in Gesellschaft und Kirche, ebenso beim Engagement mit Homosexuellen. Den Stellungnahmen der Kommunität in Kreuzberg und anderer lag jeweils Schmerz und Unverständnis zugrunde. Diese Konflikte mit dem nötigen Abstand ins Gedächtnis zu rufen, ist ein Schritt der Heilung dieser Konflikte. Ich bemerkte besonders drei Aspekte: Die Erinnerung an die Notwendigkeit des Dialogs mitten im Konflikt; die Erfordernis - in bestimmten Situationen – damit zu beginnen, Schmerzhaftes zu tun, um in den Konflikt einzutreten oder um ihn sichtbar zu machen; auf jeden Fall steht immer die Suche nach der Liebe an erster Stelle. Die Liebe lädt alle Parteien ein, diejenigen Taten im Dialog zu tun, die nicht entfremden, und den Gesprächspartner niemals zu verachten, auch wenn er nicht zu verstehen scheint. Dies bedenkend habe ich mir an jenem Abend gesagt: "War es nicht so, als wenn ich Jesus, Petrus und Paulus und viele andere an ihrer Seite hören würde..."
Andere mit all ihren Unterschiedlichkeiten in dieser Geschichte aufzunehmen, bedeutet für mich, daran zu arbeiten: «Die Mauern müssen fallen». Die Mauern der geschlossenen Zentren, die Menschen absondern und ausgrenzen, machen die Mauern deutlich, die wir aus Ängstlichkeit an unterschiedlichen Orten ziehen, einer versteckten Ängstlichkeit gegenüber dem Leben, einer Ängstlichkeit vor dem Leiden anderer. Am Samstag nachmittag nach dem traditionellen Samstagfrühstück in der Naunynstraße sind wir zu einem langen Gebet gegangen, das im Angesicht der Mauer um das Abschiebegefängnis in Köpenick stattfand. In diesem Gefängnis, einem ehemaligen Gefängnis für Frauen in Ost-Berlin, befinden sich Männer und Frauen am Rande, Flüchtlinge und Wanderarbeiter ohne Papiere. Sie können dort bis zu 18 Monaten festgehalten werden, bevor sie aus Deutschland abgeschoben oder einfach wieder auf die Straße gesetzt werden. In drei Sprachen wurde die Geschichte aus der Apostelgeschichte über die Befreiung von Petrus aus dem Gefängnis vorgetragen. Mitten im Kreis der Versammelten standen eine Liege und ein Stuhl. Symbole für das, worauf Menschen warten, die leiden: Eine mitfühlende Geste, die den inneren Frieden, das stille Gebet und den Schrei an jene beinhaltet, die in der Gesellschaft das Sagen haben.
Und die Gefängnismauer trennt die Arme oder die improvisierten Fahnen auf der einen Seite der Mauer, die hinter den Gittern sind oder durch die Gitter gestreckt werden, und unsere auf der anderen Seite.
Am Abend war der Höhepunkt des Festes, zu dem jeder etwas zu Essen mitgebracht hatte.
Ein vietnamesischer Drachentanz eröffnete den Abend; der Drache begrüßte uns alle, verrenkte die Glieder oder legte sich jeweils auf Anweisung seines Dompteurs.
Es folgte die Präsentation der Sammlung von Geschichten, die uns durch die 25 Jahre Anwesenheit in Kreuzberg führt: Gastfreundschaft, 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße. Erzählungen, Zeugnisse, Reflexionen von 180 Personen unterschiedlicher nationaler, sozialer, kultureller und religiöser Herkunft über die Vielfald und den Reichtum einer Kommunität, die erbaut wird über die unbegrenzte Liebe zu allen Menschen.
Einige Lieder wurden gesungen, u.a. aus Indien, durch die die heitere Verschiedenheit unserer Welt deutlich wurde.
Zum Schluss trat ein Chor junger Frauen auf, deren Kleidung die unterschiedlichen ethnischen, sozialen oder kulturellen Gruppen zeigte, die sich in Kreuzberg finden. Sie besangen frech und mit Berliner Heiterkeit die Unrechtssituationen, die wir jeden Tag erleben.
Die Geschichte neu zu lesen, mit den Ausgegrenzten kommunizieren, zusammen 25 Jahre der Auseinandersetzung um eine authentische Liebe gegenüber jeder Person im Herzen dieser immens großen Stadt, die Berlin ist, zu feiern, wurde beendigt für diejenigen, die an Jesu Tod und Auferstehung glauben, mit der Feier der Eucharistie am Sonntag morgen.
Sie fand in der Kirche St. Michael statt, die in ihrer Zeit direkt an der "Mauer" erbaut wurde. Ein großes Bild vom Gastmahl im Reich Gottes wies auf das Thema des Teilens hin. Die Predigt sprach ganz einfach vom Wunder der Brotvermehrung. Wen konnte ich dort alles treffen? Einige der Teilnehmer kannte ich nun schon. Ich konnte nur ahnen was hier alles ertragen und erduldet wird und was weiter geht und woran gelitten wird, als Kreuz ihres Lebens oder aus Solidarität mitten in sehr unterschiedlichen Situationen des Lebens und der Überzeugungen. Ich wurde sehr sensibel für die Geschwisterlichkeit, die zu spüren war und die ihr heiteres Spiel in der Versammlung trieb. Der Tanz um den Altar zum Friedensgruß, der große Kreis aller Mitfeiernden entlang der Kirchenwände ab dem Vater Unser veranschaulicht nochmals die fundamentale Feier der Menschwerdung bei diesem Jubiläum. Die langsame und stille Austeilung des Leibes und Blutes Christi in diesem großen Kreis bringt nochmals deutlich und in aller Intimität zum Ausdruck, wie der Sohn alle Töchter und Söhne des Vaters zur Einheit führt. Der Leib Christi wurde dann in einer kurzen Prozession um die kleine Kirche bis zur (alten Berliner) Mauer getragen, um zu vollenden, dass er in seinem Fleisch die Mauer des Hasses niedergerissen hat. (Eph. 2,14).
Wir tun nicht mehr, als Brot und Wein auf dem Kirchenvorplatz zu teilen in der Freude mit dem, der gekommen ist, «die verstreuten Kinder Gottes zur Einheit zu führen» (Jo 11,52)
Brüssel 30. Juni 2004
Norbert Zonker Verdächtig viele Namen am Briefkasten
Die ungewöhnlichste Jesuiten-Kommunität Deutschlands feiert in diesen Tagen in Berlin-Kreuzberg ihr 25-jähriges Bestehen. Gegründet wurde sie Ende der 70er Jahre als Projekt von Arbeiter-Priestern, die ihren Lebensunterhalt in Berliner Betrieben verdienten. Heute ist das Zusammenleben mit Menschen am Rande der Gesellschaft Hauptmerkmal der kleinen Kommunität. Ein zum Jubiläum erschienener Sammelband mit Erfahrungsberichten und Reflexionen steht unter dem programmatischen Titel "Gastfreundschaft".
"Am Anfang standen für uns zwei klare Entscheidungen", berichtet Christian Herwartz, der die zunächst in der Oppelner Straße wohnende Kommunität mit zwei Mitbrüdern 1979 gründete. Grundlegend waren zum einen der "Wechsel aus der bürgerlichen Welt in die Arbeitswelt" und zum anderen die Entscheidung, "keine Sozialarbeit" machen zu wollen. Denn, so Herwartz, "wir wollten den anderen nicht von seinen Mängeln her sehen". Die "Versuchung zum Helfen" sei gepaart mit der "Einbildung, besser als andere zu sein - beides halten manche für Glauben".
Für Herwartz geht es vielmehr immer wieder um die "eigene Konversion, das heißt darum, in einer anderen Kultur die Würde des Menschen neu zu entdecken". Und das hängt für ihn grundlegend mit der christlichen Lehre von der Menschwerdung Gottes zusammen. Einübung in solches "respektvolles Sehen und Hören" vermitteln etwa die seit einigen Jahren von ihm angebotenen Kurse "Exerzitien auf der Straße". Dabei geht es darum, "heilige Orte" in der Stadt zu finden, an denen die Teilnehmer den "Anruf Gottes" vernehmen können.
Provokation für den Orden
Für den Orden war das Wirken seiner Kreuzberger Mitglieder nicht unumstritten. Es stellte nicht selten eine Provokation dar, etwa ihr Zusammenleben mit Ex-Strafgefangenen und Obdachlosen, die Kontakte zu RAF-Häftlingen und ihren Angehörigen. Doch Provinzial Franz Meures steht zu dem Projekt. Er betont: "Es war und ist ein spezielles Sendungsprojekt der deutschsprachigen Provinzen." Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, berichtet, wie sich sein anfängliches Befremden in Anerkennung gewandelt hat: Schlüssel sei das "Erlebnis von vorbehaltloser Gastfreundschaft" gewesen. Diese Erfahrungen müssten auch nach innen in den Orden zurückwirken, so Mertes, damit die Kreuzberger nicht einfach "als Feigenblatt instrumentalisiert" würden.
Derzeit leben außer Herwartz noch zwei weitere Jesuiten in den beiden auf einer Etage gelegenen Wohnungen der Gemeinschaft in der Kreuzberger Naunynstraße, der Schweizer Franz Keller und seit zwei Jahren Stefan Taeubner. Von Anfang an gehörten aber auch Mitbewohner, die nicht aus den Reihen des Ordens stammten, zur Gemeinschaft; Herwartz schätzt, dass es im Lauf der Jahre Menschen aus 50 Nationen waren. Dass das bei aller Toleranz und Offenheit der Beteiligten nicht immer reibungslos ablief, liegt auf der Hand. "Wir mussten auch schon mal Leute rauswerfen", so Herwartz. Überhaupt ist er misstrauisch gegenüber vorschnellen Harmonisierungs-Bestrebungen aller Art. "Lieber im Konflikt leben als in der Unwahrheit", lautet einer seiner Grundsätze.
Diese Einstellung brachte immer wieder auch Auseinandersetzungen mit staatlichen Organen mit sich. Sei es, dass Herwartz oder sein langjähriger Mitbewohner Hanns Heim lieber ins Gefängnis gingen, als Geldstrafen zu bezahlen, die sie als ungerecht ansahen, sei es, dass die Wohngemeinschaft mit den verdächtig vielen Namen am Briefkasten von der Polizei durchsucht wurde. Für Herwartz ist das Gefängnis seit den Anfängen des Christentums ein Ort, an den Christen gehören - und zwar nicht nur als Besucher von Gefangenen. "Wenn ich in der Bibel lese, dass Paulus aus dem Gefängnis schreibt, kann ich das nicht nur im übertragenen, psychologischen Sinn verstehen", betont er. Das Befreiende an der biblischen Botschaft liege gerade darin, solche Mauern nicht als die Menschen trennend zu akzeptieren. Die Berliner Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung" hält deshalb etwa regelmäßig "Gebets- und Mahnwachen" vor dem Abschiebegewahrsam in Köpenick ab.
Zur weiteren Entwicklung des Kreuzberger Projekts äußert sich Herwartz, der selbst inzwischen ebenso wie sein Mitbruder Keller Rente bezieht, zurückhaltend. "Ich weiß, dass es eine Episode in der Geschichte war, dass wir diesen Weg als Arbeiter-Priester gehen durften", betont er. Künftig könne es bei ähnlichen Zielsetzungen auch andere Wege geben, schon wegen der grundlegenden Veränderungen in der Arbeitswelt. Der als Seelsorger für Vietnamesen und Flüchtlinge tätige Taeubner stehe etwa für einen solchen Wandel der Kommunität. Entscheidend bleibe es aber, die Sichtweise "des je Ärmeren" einzunehmen.
Berlin 7. Juni 2004 Veröffentlichung der Nachrichtenargentur KNA
Reaktionen auf das Buch Gastfreundschaft
Michael Hauss Mein Exemplar bin ich fürs erste los
Liebe Wohngemeinschaft in der Naunynstraße, jetzt ist ein wenig in Bewegung gekommen. Gestern abend erlitt der kleine Gesprächskreis in der sog. Barke im Nachbarort eine Störung: Zuerst kam die Geschichte von Christine Ziegler dran, und dann brach da etwas bei mir auf, und ich begann aus dem Stegreif von meinem Erleben im Juli 2001 in Münster auf der Straße zu erzählen und von unserer Gemeinschaft während der Exerzitien, von meinem Wissen nach der Lektüre über die Naunynstraße 60, beschrieb wohl auch Dich, Christian, in den höchsten Tönen. Und da platzte auch etwas bei den Zuhörerinnen und Zuhörern auf. Sie wurden immer stiller und hörten gespannt zu. Sie merkten, da berührt sie etwas von einer ungeahnten, unbekannten, neuen Wirklichkeit. Eine ältere Dame sagte so etwa spontan, ein Leuchten sei während des Erzählens in meinen Augen gewesen und irgendwie sei ein Glanz oder ein Strahlen ausgegangen. Ich weiß es nicht. Sie haben wirklich fein zugehört. Dann fragten sie nach Fotos. Sie wollten übers Hören hinaus sehen. Der Abend war durch die Störung ausgefüllt. Mein Exemplar der Textsammlung bin ich fürs erste los. Mag sein, dass sie als eine Art kollektives Eigentum dem Gesprächskreis gehört. Sie möge sich als ein guter Same - Christos logos spermatikos, J.d. Maertyrer u. Philos. - erweisen.
Vielleicht habt Ihr noch ein Exemplar übrig? Ich schäme mich überhaupt nicht umständlich und lästig zu fallen. Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, ein drittes Exemplar zu erhalten.
Saarbrücken 8. Juli 2004
Wettbewerb evolutionäre zellen 2004 «Wie gestalten Sie Ihre Gesellschaft?»
Die vorliegende Dokumentation wurde mit dem folgenden Begleittext eingereicht. Die Präsentation der Beiträge ist vorgesehen am 10.12.04 bis 30.1.05 im Karl Ernst Osthaus Museum in Hagen. "www.evolutionaere-zellen.org" Die leicht überarbeiten Beiträge auf Seite 241 und 294 wurden für den ersten Wettbewerb evolutionäre zellen 2002 geschrieben.
Christian Herwartz Aus dem Nicht-Planbaren leben
Regeln, Rollen, Erwartungshaltungen ordnen das Zusammenleben in der Gesellschaft; aber sie verstellen auch den Blick auf Wesentliches. Die Würde eines Menschen ist in keine Schublade einzuordnen; sie wird in keinem Bild vom anderen und mir selber ganz eingefangen; sie ist nicht Ergebnis einer Leistung, nicht verdienbar; sie ist unplanbar da, jedem Menschen geschenkt.
Die Würde der Menschen und ihre Bedrohungen spiegeln sich - leicht übersehbar - in den verschiedenen Fähigkeiten, Kulturen, Religionen und Weltanschauungen wider.
Wie können wir durch alle Lebensäußerungen hindurch uns gegenseitig in unserer Würde entdecken, achten, unterstützen und aus ihr heraus neu handeln lernen?
Unsere kleine Wohngemeinschaft von etwa neun Personen lebt seit 25 Jahren in Kreuzberg, einem Stadtteil von Berlin. Im Laufe der Jahre haben über 200 Menschen aus etwa 50 Ländern hier gewohnt und viele sind zu Besuch da gewesen. Es ist eine Art des Zusammenlebens und des gesellschaftlichen Engagements entstanden, das wir oft nur staunend nachträglich begreifen können. Wichtig auf diesem Weg der Aufmerksamkeit füreinander war es, Regeln, Rollen, Erwartungen, die den Blick verstellen, beiseite zu schieben, neu hinzusehen und zu begreifen, dass jede Person mit ihrer konkreten Würde, unter Einschluss aller Fähigkeiten und Mängel, so sein darf, wie sie ist. Und die Erfahrung lehrt, dass es gut ist, sie genau so anzunehmen und sich auf einen Weg mit ihr zu machen, auf dem Geschwisterlichkeit oder sogar Freundschaft entdeckt werden kann, auch wenn dabei eigene Seiten zutage treten, die ich gern bei mir übersehen würde.
Auf diesem Weg der gegenseitigen Bereicherung fand im Juni 2004 ein Fest statt. Aus diesem Anlass wurde eine 416seitige Dokumentation an die Gäste verschenkt, in der 180 Freunde und Freundinnen persönliche Geschichten aus den letzten Jahren festgehalten haben:
Gastfreundschaft
Der ständige Wechsel vom Gast zum Gastgeber und wieder zum Gast
25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße.
In diesem - auch beiliegenden - Buch finden sich viele Erläuterungen dazu, in welcher Weise das Leben der Wohngemeinschaft Gesellschaft mit gestaltet.
Im Titel des Buches wird der Rollenwechsel vom Gast zum Gastgeber und wieder zum Gast exemplarisch herausgestellt. Viele andere Rollenwechsel sind nötig, um quer zu leben und zu denken in einer Gesellschaft der gegenseitigen Abgrenzung, in einer weltweit Mauern bauenden Menschheit. In der Hoffnung auf eine alle verbindende Sehnsucht ist es nötig, die ideologischen "Schutz"-Mauern zu durchschreiten und die kalten ausbeuterischen oder die warmen helfenden Distanzen zu hinterfragen und auf eine Begegnung aufmerksam zu warten, in der das Fremde nicht mehr fremd bleibt, sondern bereichernd zu etwas geheimnisvoll anderem wird.
Einige Aspekte des Lebens in unserer kleinen gesellschaftlichen Zelle/Wohngemeinschaft, in der auch die religiöse Gemeinschaft von drei Jesuiten wohnt, sollen hier genannt werden:
- Gesellschaftlich anerkannte oder geldmessbare Leistungen können den Blick verstellen für den lebensfördernden Beitrag eines Menschen. So ist jeder Tag, an dem W. mit seinen Depressionen und vielen ärztlich verordneten Drogen aufsteht, ein Grund zur Freude, ebenso die alkoholfreien Tage von A. oder die Schwangerschaft von K. – und auch die Sehnsucht auf eine Lebensveränderung, wo sie noch nicht möglich ist.
- Einen Weg der Gleichberechtigung tastend zu suchen, auf dem jede(r) sein kann, wie er/sie ist, also wo keiner von einem Höherstehenden erzogen wird – womöglich mit Liebesentzug oder Strafen -, um ein(e) andere(r) zu werden. Schmerzhaft werden dabei Ab- und Ausgrenzungen deutlich und es wird nötig, in Augenhöhe neu über die mögliche Gastfreundschaft des Gastgebers und des Gastes zu sprechen und Hindernisse beiseite zu räumen.
- Im Respekt vor dem oft unverständlichen Weg des anderen entdecken wir Schritte, über die wir uns mit dem andern freuen können; aber auch wo wir mit ihm auf einen befreienden Schritt warten müssen - wider den Zwang, alles selbst planen und lösen zu wollen.
- Mitten in der schwer nachzuvollziehenden Andersheit entdecken wir die Gleichheit mit dem anderen Menschen und darüber auch die unbekannten Seiten in uns selbst und in der Gesellschaft. Die Begegnung öffnet eine Tür zum Entdecken anstehender Fragen und der Auseinandersetzung damit.
- Das Zusammenleben von Menschen verschiedener Lebenswege, Kulturen, politischer Ansichten führt zu Konflikten mit der herrschenden Ordnungsgesellschaft. Das staatliche Recht und seine Durchsetzung dient oft genug nicht der Befreiung des Menschen und seiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit. So können die Konflikte mit ihr bis hin zu Hausdurchsuchung und Gefängnis zu Komplimenten werden, weil die Wohngemeinschaft gängige Ausgrenzungen nicht mitmachen will, ein Kompliment ähnlich wie die Anfrage einer schwer kranken Frau, in der Wohngemeinschaft sterben zu dürfen.
- Die eigene Hilflosigkeit können wir wahrnehmen, aushalten und darin begrenzt handlungsfähig werden, auch angesichts oft brutaler staatlicher Gewalt wie die Vertreibung der Ärmeren von den öffentlichen Plätzen bis hin zur Beteiligung an Kriegen.
Dasselbe gilt gegenüber Arbeitgebern, die den gerechten Lohn verweigern, usw.
- Das interkulturelle und interreligiöse Zusammenleben öffnet die Aufmerksamkeit für neue Blickwinkel auf die Wirklichkeit, z.B. auf die unterschiedlichen Formen von Gastfreundschaft oder den ähnlichen Zugang zum Leben und der Achtung davor in den verschiedenen Religionen und Lebensauffassungen.
- Die Teilnahme an öffentlichen Aktionen bereichert das Leben regelmäßig. Dazu gehört nicht nur die Teilnahme an unterschiedlichen Demonstrationen, an Aktionärsversammlungen mit den kritischen Aktionären oder die der Ordensleute für den Frieden, sondern auch Mahnwachen gegen die Vertreibung der Armen aus der Stadt, regelmäßig seit acht Jahren gegen das Abschiebegefängnis in Berlin-Köpenik mit den "Ordensleuten gegen Ausgrenzung" und ebenso das öffentliche interreligiöse Friedensgebet jeden Monat mitten in der Stadt.
- Wir leben sehr dicht aufeinander, was eine Zumutung und eine Hilfe ist. Besonders deutlich wurde dies im Zusammenleben mit Menschen aus Schwarzafrika, die es gewohnt sind, eng zusammen zu rücken und so Gemeinschaft leben. Noch dichter wird es - nicht im räumlichen Sinn – wenn Einzelne kommen, um Tage der Aufmerksamkeit (Exerzitien auf der Straße) unter uns zu leben, in denen Fragen hinsichtlich ihres weiteren Lebens aufbrechen können. Sie zu begleiten - und dabei auch sich selbst neu zu sehen - ist ein besonderes Geschenk.
Unsere Gemeinschaft ist auf keine Frage oder Personengruppe spezialisiert, keine Institution. Wir leben in der Hoffnung, dass jeder Mensch so sein darf, wie er in seiner Würde ist und dass die Einteilungen - wie Frau, Mann, Handwerker, Muslim, Hindu, Christ, Deutscher, jung - nur einen Teil des Menschen benennen. Vieles gibt es noch zu entdecken und einzubringen.
Berlin September 2004
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