brennender Dornbusch

Gebete - Lieder - Predigten

 

 

 

Gebete

Regina
Meinem Gott von ganz unten

Gott, wenn Menschen mir das Flaschensammeln verbieten,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich in der Stunde nur 50 Cent verdient habe,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich das wenige Geld dann auch noch verliere,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich den Sinn meines Tuns auf einmal in Frage stelle,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich trotz Öffnungszeit der Kleiderkammer weggeschickt werde,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich von kirchlichen Vertretern nur als Almosenempfänger behandelt werde,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich die Essensausgabe nur als Abspeisen erlebe,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn Menschen mich von oben herab behandeln, nur weil ich um ein Glas Wasser bitte,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn mir Seife und Toilettenpapier vorenthalten werden, weil ich von der Strasse komme,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich vor Wut über solche Art von christlicher Nächstenliebe koche,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich umsonst um ein Stück Brot bitte,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich nach einer Nacht am Bahnhof vor Müdigkeit kaum noch denken kann,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn unfreundliche Bahnbeamte mich aus dem Schlaf klopfen,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn die angebotene Suppe nicht nur kalt, sondern dazu noch sauer ist,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich aus der Kirche geschickt werde, weil man erst den Pfarrer fragen muss, ob man dort beten darf,
     - schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich mir beim Flaschensammeln klein und minderwertig vorkomme,
     - richte Du mich auf!
Gott, wenn ich resigniere, weil ich beim Betteln keinen Erfolg habe,
     - richte Du mich auf!
Gott, wenn ich auf der Suche nach einem Nachtquartier vor verschlossenen Türen stehe,
     - richte Du mich auf!
Gott, wenn mich das Elend und die Ausweglosigkeit meiner Brüder und Schwestern bedrückt,
     - richte Du mich auf!
Gott, wenn ich Angst habe vor der Ungewissheit, wo ich die Nacht verbringen werde,
     - richte Du mich auf!
Gott, wenn ich plötzlich nicht mehr weiß, ob ich noch auf Deinem Weg bin,
     - richte Du mich auf!

Gott, der Du mir im Kondensstreifenkreuz am Himmel seine Nähe zusagt,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir in seinen Schriften den Weg weist,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir überraschend im Altarsakrament begegnest,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir durch einen Inder das nötige Glas Wasser reichst,
     - ich bete Dich an
Gott, der sich vor mir versteckt und der sich von mir suchen lässt,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mich auf meiner Suche begleitest und liebevoll führst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mich seinen Frieden kosten lässt,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir immer wieder in freundlichen Menschen begegnest,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mich die Einheit mit Deiner ganzen Schöpfung erfahren lässt,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du meinen Terminkalender in den Händen hältst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du Deinen Engel schickst, der mich zum Nachtquartier begleitet,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir nicht in den Kirchen begegnen wolltest,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir Ansehen verleihst, wenn andere mich übersehen,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir alles zur rechten Zeit schenkst, was ich zum Leben brauche,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mich befähigst, von dem wenigen das ich habe auch noch abzugeben,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir durch einen Schlager aus dem Radio Deine Liebe zusicherst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir unzählige Schwestern und Brüder auf der Strasse geschenkt hast,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du in mir selber wohnst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mich vor Deiner Anwesenheit singen und tanzen lässt,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mit immer neuen Ideen meinen Hunger und Durst stillst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir jeden Tag kleine und große überraschende Freuden bereithältst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir auch die kleinen Wünsche erfüllst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mit mir im Notquartier meine Isomatte teilen möchtest,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir zu Füßen liegst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mit mir durch verschlossene Türen gehst,
     - ich bete Dich an
Gott, der Du mir in Internetcafe und bei Mc Donalds begegnest,
     - ich bete Dich an
Gott, die ganze Welt ist so voll von Dir,
     - ich bete Dich an

Deine dankbare Regina

 

 

Margit
Wie geht es dir Gott?

Wie geht es dir Gott, wenn du deine Werke siehst;
die Menschen, so wunderbar geschaffen nach deinem Ebenbild?
Erfreust du dich darüber?
Und wie geht es dir damit Gott, wenn die Hoffnung von einem
glücklichen Leben gestorben ist, wenn es nur noch ums Überleben geht?
Hast du noch Hoffnung Gott, wenn du all das Elend siehst;
wenn du siehst, dass das Leben nur noch ein Kampf ist,
der Kampf um zu überleben?
Dieser kleine Funke Hoffnung, dass es morgen besser geht, -
vielleicht gerade morgen. Der morgige Tag wird sicher besser.
Und so stehen sie am Kottbusser Tor und hoffen,
dass sie die Kurve packen, - vielleicht schon morgen.
Diese Hoffnung muss doch selbst dich erstaunen, Gott.
Warum leben manche Menschen vom Schicksal scheinbar bevorzugt,
andere hingegen benachteiligt?
Weinst du Gott, wenn du all das Elend siehst?
Oder ärgerst du dich, dass das Elend nicht von dir gewollt ist,
dass wir es sind die im Finstern leben?
Sagst du: selbst Schuld, wenn man sich betrinkt, wenn man klaut,
lügt, gewalttätig ist? Oder leidest du mit, Gott?
Bist du ein leidender Gott?
Trocknest du die Tränen der vielen,
deren Hoffnung nur noch ein glimmender Docht ist?
Du hast doch verheißen, dass du den glimmernden Docht
nicht auslöschen wirst und das geknickte Rohr nicht abbrechen wirst.
Auf deine Verheißungen ist doch Verlass, mein Gott.
Ja, ich glaube ich weiß es, dass du weinst, mein Gott, - dass du auch die Tränen derer weinst, die nicht mehr weinen können.
Beim Fixpunkt, in der Bahnhofsmission, in den Suppenküchen,
in den Notunterkünften, da bist du mitten drin.
Da schickst du einen Funken Gotteslicht, das Licht, das Barbara strahlen lässt.
Gott, ich bin selber traurig über jede Träne die ich nicht geweint habe.
Weine weiter Gott und bleibe bei deinen liebsten Kindern.
Amen

 

 

Lieder

Marita Lersner
Von Gott will ich nicht lassen

 

2. Auf Gott will ich vertrauen,
weil er so menschlich ist.
Er will auf Menschen bauen,
die man sonst oft vergisst.
Für ihn sind Schiefe schön,
die Ausgegrenzten wichtig,
Und die Verwirrten richtig,
die Lahmen werden gehn.

4. Gott hält dich in den Armen,
wenn Dunkel dich umgibt,
dir gilt all sein Erbarmen,
weil er dich so sehr liebt,
Er schenkt dir Wasser ein,
er singt dir seine Lieder,
Erscheint dir immer wieder
In Licht und Brot und Wein.

3. Vor Gott habe ich nichts mehr,
als meine bloße Hand,
nicht Geld, nicht Stolz, nicht Abwehr
und auch nicht den Verstand
Die Hand, die offen bleibt,
wird Wunder miterleben
und Segen weitergeben,
Und spür'n der Menschen Leid.

5. Von Gott will ich erzählen,
mit Herzen, Mund und Hand.
Sonst würde es ja Fehlen,
was ich von ihm verstand.
Gott lebt!, das ist nun klar.
Wie es Maria hörte,
wie Thomas es auch spürte,
Es ist noch heute wahr.

Text: Marita Lersner, Juli 2007

 

 

Andreas Ebert
Ich bin Jahwe, ich bin da

        2. Deine Wut und Traurigkeit führen Dich zu Dir
        Schau sie an und lass Dir Zeit und vertraue mir.

        3. Such mich, ich verberge mich, will gefunden sein.
        Mach mich gerne in der Welt unscheinbar und klein.

        4. Deine Füße haben Raum, der ist groß und weit.
        Ich hab für Dich einen Traum. Komm und sei bereit.

        5. Ohne Stock und Schuh und Geld zieh, wohin ich sag.
        Denn ich bin es, der Dich hält, jeden neuen Tag.

        6. Hat Euch nicht das Herz gebrannt, als ich mit Euch sprach?
        Plötzlich habt Ihr mich erkannt, als das Brot ich brach.

Text und Melodie: Andreas Ebert, August 2007

 

 

Predigten

Michael Zimmer
Predigt am Fest "Maria Aufnahme in den Himmel"

Evangelium Lk 1,39-56

Liebe Schwestern und Brüder, das Evangelium am heutigen Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel erzählt uns von einer Begegnung; der Begegnung von Maria und Elisabeth in einer Stadt im Bergland von Judäa.

Begegnungen erleben wir alle ja tagtäglich auf sehr unterschiedliche Weise: Der Gruß im Vorübergehen, der Geschäftstermin, das gemeinsame Essen in der Familie, die zärtliche Berührung der Frau oder des Mannes, vielleicht erleben wir an manchen Tagen auch Nicht-Begegnung; dass wir uns gerne eine Begegnung wünschen, die dann aber ausbleibt... In jeder Begegnung erleben wir auch uns selbst als Funktionsträger im Beruf, ganz privat in der Familie...

In meinem Leben habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich die entscheidenden Begegnungen nicht planen kann; sie passieren; sie sind geschenkt. Mit dieser Erfahrung bin ich auch am Sonntag von Berlin nach Hause gekommen. 10-tägige Exerzitien auf der Straße lagen hinter mir, von denen ich Ihnen einfach ein wenig erzählen will, weil sich da so viel Begegnung ereignet hat.

Exerzitien heißt ja übersetzt Übungen. Wir sagen meistens: Geistliche Übungen. Bei den 10-tägigen Exerzitien auf der Straße ging es vor allem darum, respektvolles Sehen und Hören zu üben. Dabei hat uns eine Erzählung aus dem Alten Testament geleitet, die vielen von Ihnen bekannt ist: Mose begegnet Gott im brennenden Dornbusch (Ex 3,1-4,17). In dieser Begegnung sagt Gott zu Mose: "Leg deine Schuhe ab. denn der Ort, wo du stehst ist heiliger Boden." (An dieser Stelle habe ich unter Schmunzeln der Gemeinde meine Schuhe ausgezogen. Es hat halt einfach so gepaßt.)

In diesem "die Schuhe ausziehen" steckt viel Respekt vor dem Anderen, aber auch das "Sich ganz Einlassen auf eine Begegnung." Schuhe sind Sinnbild für Schutz, den wir so oft um uns aufbauen, um uns nicht angreifbar, nicht verletzlich, unberührbar zu machen. Auch wenn uns das Leben sehr oft Distanz abverlangt, verhindert eine solche Haltung auch sehr viel an Begegnung. Wo wir uns nach wirklicher Begegnung mit Menschen und mit Gott sehnen, braucht es diese Bereitschaft zur respektvollen Sehen und Hören, zur Begegnung, bei der wir "Schuhe auszieheni Wie war das also in Berlin...

Eingeladen von der Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung" wohnten wir - das waren 5 Männer und 4 Frauen begleitet von 2 Jesuiten und 2 Ordensfrauen - in einer Notunterkunft für Obdachlose im Keller des Gemeindezentrums St. Michael in Berlin-Kreuzberg. Hier trennte bis 1989 die Mauer nicht nur die Stadt Berlin, sondern auch die katholische Kirchengemeinde St. Michael in Ost und West; eine Trennung, die auch nach Öffnung der Mauer noch nicht überwunden werden konnte. Jeden Morgen trafen wir uns zu Frühstück und Morgengebet. Anschließend ging jede und jeder von uns auf die Straßen Berlins. Im Unterschied zu den touristischen Besuchern Berlins nahm ich weder Tasche noch Führer oder Stadtplan mit. Sich führen lassen von dem, was im Innern da ist an Gedanken und Gefühlen; sich führen lassen von Menschen, denen ich auf der Straße begegne; sich führen lassen letztlich von Gott. der uns im eigenen Herzen und im anderen Menschen begegnet.

Das war nicht einfach für mich und brauchte Zeit. Als Pfarrer ist der normale Alltag doch sehr geprägt von Terminen und Verpflichtungen, von eigenen Ideen und Aufgaben, die uns auferlegt werden. Herauskommen aus diesem "Funktionieren müssen" ist gar nicht so einfach. Die Funktion schützt ja auch. Dort, wo ich immer nur funktioniere wie ein Zahnrad im Getriebe von Welt und Zeit, wird viel von meinem Menschsein zugedeckt und verschüttet.

Einfach respektvoll sehen und hören auf das, was uns begegnet; auf Menschen und Orte; ohne alles und jedes zu verzwecken oder einen bestimmten Ziel unterzuordnen; einfach dasein, sich führen und beschenken lassen von dem, was ist, das war eine der befreienden Erfahrungen, die ich von den Exerzitien mit nach Hause nehme; eine Erfahrung, in die ich mich allerdings erst wieder einüben mußte.

An zwei Orte zog es mich in Berlin gleich mehrmals hin: In die Hedwigskathedrale zum Grab des Berliner Domprobstes Bernhard Lichtenberg, der auf dem Gefangentransport ins Konzentrationslager Dachau am 5.11.1944 starb. Und zur Hinrichtungsstätte in Plötzensee, die heute Gedenkstätte ist für die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 und für alle, die schon vorher gegen das nationalsozialistische System Widerstand leisteten und hingerichtet wurden. Dazu wurde eigens ein Fallbeil von der Haftanstalt Bruchsal - also aus unserer badischen Heimat - nach Berlin-Plötzensee gebracht.

Unter den Ermordeten war auch der in Mannheim geborene Jesuitenpater Alfred Delp, der vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1942 in Plötzensee hingerichtet wurde. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum es mich gerade an diesen Ort hingezogen hat. Sicherlich hat mich die unheilvolle Allianz von Justiz, Verwaltung und Nationalsozialismus erschreckt; zu sehen, wie sich die Rechtsprechung zum Werkzeug eines menschenverachtenden Systems macht. Sicherlich hat mich Haltung der Frauen und Männer angerührt. die hier ihr Leben hingegeben haben für ihre Überzeugung.

Die Toten sind mir aber auch zu Freunden geworden, die mich an wertvolle Seiten in mir erinnern; die Toten schaffen Raum, in dem ich einfach da sein konnte; loslassen und ihnen anvertrauen konnte, was mich im Innersten bewegte; und das kam immer wieder auch in Tränen zum Ausbruch. Vielleicht kennen ja auch Sie solche heilsame Begegnungen mit Toten.

Am fünften Tag in Berlin zog es mich zur Mauer. Vor der Michaelkirche im Osten traf ich einen Mann, der mir erzählte von der Situation hier an der Grenze; von den Menschen, die im Osten an der Mauer wohnen durften, den Offizieren der Grenzmannschaften und den Parteimitgliedern, die heute noch hier wohnen und alt werden.

Er hat mir den Verlauf der Mauer beschrieben und mich schließlich zur East Side Galary geschickt. Nie wäre ich selbst auf die Idee gekommen dieses Stück Berliner Mauer aufzusuchen, das von Künstlern verschiedener Länder bemalt wurde. Als ich hinkam sah ich gleich am Anfang einen Schild mit der Aufschrift: 800 Meter - Blick hinter die Mauer. Das hat mich interessiert. Schnell fand ich den Spalt in der Mauer und bin durchgegangen. Im ersten Augenblick war ich sprachlos über das, was ich sah: Sandstrand mitten in Berlin am Ufer der Spree dort, wo bis zum Fall der Mauer der Todesstreifen war.

Ich habe die Schuhe ausgezogen, den Sand unter mir genossen und mich ans Ufer gesetzt. Diese Überraschung hat in mir Dankbarkeit ausgelöst. Mein Herz war plötzlich ganz voll davon. Vielleicht kennen Sie solche Momente, die kaum zu beschreiben sind; in denen wir aber von einem Größeren angerührt werden und letztlich nur staunen und danken können. Am liebsten will ich solche Mo mente festhalten, weil sie einfach so schön sind. Es ist aber nicht nur das Schöne, das mich in Berlin wie schon so oft innerlich angerührt hat.

Am vorletzten Tag der Exerzitien - vielleicht hat es diese Zeit des Reifens und Freiwerdens gebraucht - am vorletzten Tag der Exerzitien ist diese erlebte Fülle regelrecht aus mir herausgebrochen. Da waren viele Tränen. So viel, was einfach herausgeweint werden muß te an Trauer und Enttäuschung, an Wut und Unvermögen...

Als ich wieder zur Ruhe fand, war ich zwar erschöpft, fühlte mich aber erleichtert und frei. Wie für die Gnade der Fülle habe ich Gott auch für diese Gnade der Tränen Dank gesagt, auch wenn sie mich mit leeren Hä nden dastehen lassen; ohne Erfolgserlebnis oder Erfoltzesgarantie. ohne harte Fakten und Zahlen, ohne Beweise. Ich habe tatsächlich nichts in der Hand. Ich durfte aber bei diesen Exerzitien besonders intensiv erfahren. dass Gott unsere leeren Hände, unser offenes Herz füllt, manchmal mit Freude und tiefem Glück. manchmal mit Trauer und Tränen.

Nach Eucharistiefeier und Abendessen kamen wir jeden Abend zum Austausch in zwei kleinen Gruppen zusammen. Wir haben uns von unseren Erfahrungen auf der Straße, von Menschen und Orten erzählt und - davon bin ich überzeugt: Wir haben uns darin von Gott erzählt. der mittendrin ist im Leben, mitten auf der Straße, bei uns Menschen, besonders bei den Armen, Obdachlosen und Schwachen; bei denen, die "nicht funktionieren" und nicht einfach in ein System passen.

Im Abschlußgottesdienst der Exerzitiengruppe haben wir das Evangelium von den Emmausjüngern gehört; davon, wie sie dem Fremden erzählen, was in Jerusalem geschehen ist und was sie im Herzen bewegt. Und wie für sie dieses Erzählen aus dem Leben zur Christusbegegnung wurde. Ermutigt davon haben wir im Sonntagsgottesdienst der Gemeinde St. Michael von unseren "Weggeschichten" erzählt und uns von Gemeindemitgliedern segnen lassen.

Ein paar Bruchstücke wollte ich einfach auch ihnen, den Menschen mit denen ich hier in Baden-Baden leben und arbeiten darf weitergeben. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass unsere Kirche, unsere Gemeinde hier vor Ort, die Familie und Gemeinschaften, in denen wir leben, immer mehr zu Erzählgemeinschaften werden. Wo Leben ist, da ist Gott. Und wo wir vom Leben erzählen, da erzählen wir von Gott. Und vielleicht ereignet sich dann in unserem Leben, was Maria und Elisabeth im Bergland von Judäa erfahren haben: Dass wir im Innersten berü hrt sind; das sich Leben in uns regt und wie bei der Geburt eines Kindes hinein in die Welt kommen will. Amen.

15. August 2003 in St. Dionys, Baden-Baden

 

 

Dora Maria Teidelt
"Gott, der im Dornbusch wohnt ..."

Exodus 3,1-15 (ev.: l.S.n.Epiph.) mit Dtn 33,16)

1. Moses Alltag:

Die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro hüten. Morgens raus in die Steppe, abends wieder zurück. Den ganzen Tag auf den Beinen, wie die Tiere.
Und Zeit haben. Mose bewegt sich im Tempo der Tiere. Und die bleiben immer wieder für eine längere oder kürzere Weile stehen. Dann setzt er sich auf einen Stein und - ja, was machen Hirten dann (bis heute)? So viele Stunden am Tag?

Sie dösen oder beobachten die Tiere oder die Gegend. Sie denken über dies und das nach, beobachten die Natur. Vielleicht träumen sie manchmal auch von der Zukunft. So ist das Tag für Tag bei Mose.

Moses Dornbusch-Erlebnis
Unser Bibeltext schildert einen besonderen Tag. Er fängt an wie immer: Mose zieht los, ein bisschen weiter raus als sonst gewohnt: "über die Steppe hinaus"(V.1). Hinein in die Wüste zum "Berg Gottes, Horeb"(ebd.) Der Name "Horeb" kommt häufig vor im AT; er ist für den kundigen Hörer ein Hinweis: hier ist Gott nicht weit. Aber der Reihe nach.

In der Wüste ist es noch karger als in der Steppe, da gibt's kaum noch Vegetation, dafür viele Steine und viel Sonne. Da fällt dem Mose ein Dornbusch auf, der brennt. Und obwohl an so einem Dornbusch ja nicht viel dran ist, was brennt, verbrennt er nicht. Mose schaut und schaut. Immer wieder muss er da hinschauen. Merkwürdig. Dieser Dornbusch beginnt ihn zu interessieren, er bindet seine Aufmerksamkeit Er geht näher. Als er den Busch fast erreicht hat, hält er inne. Jemand ruft seinen Namen: "Mose, Mose!" Er bleibt stehen und antwortet: "Hier bin ich" (V.4).

Jetzt steht Mose vor Gott. Denn das Feuer im Dornbusch - der Hörer weiß es eher als Mose - ist "der Engel des Herrn" (V.2). "Gott, der im Dornbusch wohnt ..."(Dtn 33,16). Jetzt geht es nicht mehr um das Feuer, das sich nicht verzehrt, jetzt geht es um das Gegenüber von Gott und Mose. Der Dornbusch ist das "Medium", durch das Gott in Moses Leben tritt. Es dauert, bis Mose begreift. Der brennende Dornbusch bringt Mose dazu, aufzumerken, näher zu kommen (und alles hinter sich zu lassen für eine Zeit), stehen zu bleiben - "tritt nicht näher! "(V.5) - und zu verweilen. Zu hören, was Gott sagt.

Zunächst: seinen Namen, "Jahwe" - zu deutsch: "Ich bin da" (V.14). Ich bin für dich da - immer! Ich bin gegenwärtig - so wie jetzt, in diesem Augenblick an diesem Dornbusch. Tag für Tag. Und dann: "Ich habe das Elend meines Volkes gesehen und das Schreien der Unterdrückten gehört ... Ich werde sie in ein Land bringen, wo Milch und Honig fließen"(V. 7f). Hier an diesem Dornbusch sagt Jahwe dem Mose zu, dass er die Israeliten in die Freiheit führen und auf diesem Weg begleiten will. Aus der Knechtschaft heraus. Und Mose muss sich nicht länger verstecken. (Denn nachdem er einen ägyptischen Aufseher erschlagen hatte, der einen Israeliten verprügelt hatte, war er geflohen. In der Fremde hatte er geheiratet und in Midian eine Bleibe gefunden.) Alles Elend wird sich wenden.

Mose "zieht seine Schuhe aus", weil er spürt: "dieser Ort, wo er steht, ist heiliger Boden"(V.5). Soweit die Geschichte des Mose [Das Gespräch zwischen Gott und Mose geht noch weiter. Am Ende tut Mose, was Gott ihm aufträgt: die Israeliten herausführen. Und er "ging hin", aus der Wüste zurück zu seinem Schwiegervater Jitro (4,18), in seinen Alltag].

2. Mein "Alltag" in Berlin
Mein Leben ist sicher anders als das des Mose. Und doch ... Ich möchte Ihnen noch einmal erzählen von meiner Zeit in Berlin. Tag für Tag bin ich durch Kreuzberg gelaufen: fremd - nicht wegen der unbekannten Straßen, sondern weil es so anders war als sonst (so ohne Geld, mitten zwischen so vielen Türken und Menschen, die auf der Straße leben); ziellos, ohne Aufgabe, ohne festen Tagesablauf, zuweilen mit "Langeweile", von mir selbst verdonnert zum "dadurch". Ich hatte viel Zeit, die ich zubringen "musste". Ich kannte ja niemanden, war allein (trotz der vielen Menschen) - wie Mose in der Wüste.

Mein "Dornbusch-Erlebnis"
Auch ich hatte so etwas wie ein "Dornbusch-Erlebnis" Ich hatte die ganze Zeit im Hinterkopf, wie ich es wohl anstellen könnte, mit den Menschen von der Straße in Kontakt zu kommen. Meine Vorstellung war: die reden gar nicht mit so einer "Etablierten" wie mir. Tagelang dachte ich: das wird nie etwas! Nach etlichen Tagen der "Dürre" war eines Tages am Kottbusser Tor eine Bank frei, auf der ich mich mit hochgezogenen Schultern niederließ - sozusagen "mittendrin". Mir war nicht wohl - weder beim Hinsetzen noch im Da-Sitzen. Bis ich einen Zettel am Baum in 5m Entfernung sah. Ich versuchte, ihn aus der Ferne zu entziffern. Ich schaute und schaute: "Wir trauern um dich, liebe Ute". Unten drunter einige Namen und gemalte Blümchen.

Das hat mich angerührt: zum einen das Schicksal dieser mir unbekannten Ute, die Fantasie, dass sie ziemlich elend und womöglich einsam auf der Straße verreckt ist; zum andern, dass da Freunde sind, denen es wichtig ist, ihrer Betroffenheit über Utes Tod Ausdruck zu geben.

Und ein drittes hat mich angerührt: ein junger Mann kam, las den Zettel; noch mal und noch mal ..., tastete seine Kleidung ab, verschwand, kam nach einer ganzen Weile wieder - und hatte sich einen Kuli besorgt. Mit dem schrieb er seinen Namen (und den seines Hundes) zu den anderen auf den Zettel.

Und ein viertes kam hinzu: zwei junge Männer, die auf der Bank nebenan saßen, gingen zu dem Baum und lasen den Zettel. Ich habe mir ein Herz gefasst und sie angesprochen: ob sie diese Ute gekannt hätten. Sie kannten sie nicht, aber - wir kamen miteinander ins Gespräch!!! Einer von ihnen hat mich zwar angehauen: "Ham se mal'n Euro für mich?" Ich hatte nicht und erklärte ihm warum (soziales Experiment, ohne Geld unterwegs). Worauf sein Kumpel sagte: "Um halb fünf kommt die Heilsarmee. Die bringen heiße Suppe und Tee und Kaffee - umsonst!"

Die beiden ließen mich mehr in ihr Leben hinein als ich sie in meines! Spätestens ihr Mit-mir-Teilen, ihre Gastfreundschaft ließen mir - auch wenn ich Mühe hatte, sie anzunehmen - deutlich werden, dass hier "heiliger Boden" war! Die Schuhe hat's mir von allein ausgezogen ... Obwohl dieses Praktikum schon 4 Wochen her ist, bewegt es mich noch immer. Irgendwie hatten diese Stunden da am Kottbusser Tor für mich etwas von "Dornbusch" an sich. Und adventlich kamen sie mir auch vor: jenseits von meinem gewohnten Alltag (als Pastorin in Hagen; den hatte ich hinter mir gelassen) warten, an den richtigen Platz geraten, innehalten, noch mal und noch mal schauen - und dann etwas hören, was irgendwie aus einer "anderen Welt" kommt, der ich mit meinem Verstand nicht beikommen kann. Was ins Herz trifft.

3. "Dornbusch-Erfahrungen" in Ihrem Leben
Sie werden jetzt vielleicht antworten: "So was gibt's bei mir nicht! Ich hätte nichts dagegen, aber..." Die Sehnsucht gibt's schon. Die Frage ist: Wie komm ich dahin? Diese Sehnsucht und diese Frage sind sehr adventlich. Und ein guter Anfang.

Im Advent geht's ums Offenwerden für Erfahrungen jenseits von unserem gewohnten Alltag. Die meisten von uns sind wenig geübt darin, sich einzulassen auf Situationen, die sie nicht geplant oder kalkuliert haben, auch nicht planen können. Und doch kann da - vielleicht gerade da - Gott "drinstecken".

Advent ist wie eine Einladung, uns immer wieder auf die Möglichkeit von "Dornbüschen" einzustellen, mit ihnen zu "rechnen"; damit, dass der Ich-bin-da Anteil nimmt an unserem Leben und "all unsre Not zum Ende bringt". Der 'Dornbusch' - ein Bild für den Alltag - des Mose und unseren. Der Dornbusch - ein Symbol für die Stimme Gottes, die uns anspricht mitten in unserem Alltag. Der Dornbusch - ein "Merk-zeichen": innezuhalten, stehen zu bleiben, hinzuschauen - vielleicht wahrzunehmen: Hier ist Gott mein Gegenüber.

[Abraham oder Jakob hätten an der Stelle des brennenden Dornbuschs wahrscheinlich einen Altar gebaut (Beth-El = "hier ist ein Ort Gottes - und ich habe es nicht gewusst!").] "Gott, der im Dornbusch wohnt"... Lassen Sie mich diesen "Dornbusch" zum Adventskranz auf den Altar legen.

Dora Maria Teidelt

 

 

Christoph Gerdemann
Das ist ein Abschiedsgeschenk

Ein Versuch über einen Exerzitienweg zu berichten, den ich auf den Straßen in Köln und inmitten einer Gruppe begonnen habe ...

Das (Becher) ist ein Abschiedsgeschenk. Ich habe ihn am vergangenen Sonntag zum Ende meiner neuntägigen "Exerzitien auf der Straße" in Köln bekommen.

Wenn ich aus diesem Becher meinen Kaffee trinke, erinnere ich mich an die, die mit mir an diesen Exerzitien teilgenommen haben, an Mechtild, die Leiterin eines Kinder- und Jugendheimes, an Franziska, eine Altenpflegerin, an Pia, eine Lehrerin aus Wien, an Irene eine 69 jährige Frau und an die Begleiter Christian, ein Jesuit und Alexa, eine Franziskanerin.

Ich erinnere mich an unser ungewöhnliches Quartier. Es ist ein etwas heruntergekommenes Bürogebäude gegenüber einer riesigen Müllverbrennungsanlage. Ich erinnere mich an unser selbst zubereitetes Essen, an die Morgenrunden, an das Unterwegssein und Verweilen in der Stadt, an die schlichte Eucharistiefeier um fünf, an den intensiven Austausch über unsere Wege und Erfahrungen am Abend und an den meist guten Schlaf trotz Lastverkehr und Flutlicht.

Dieser Becher je nach dem ob er leer oder mit einem Getränk gefüllt ist, erinnert mich auch an die überraschenden und echten Begegnungen mit Menschen ohne Obdach für Leib oder Seele oder beides. Manches mal war mein Sprechen völlig ausgetrocknet und mir kamen keine Worte über die Lippen. Mein Blick wurde nicht erwidert. Mein aufmerksames Zuwenden lief ins Leere.

Kennen Sie das?

Ich möchte sie mit diesen Worten ein wenig mitnehmen in meine Erfahrungen. Ich hab mich in der letzten Woche öfters gefragt: Geht das überhaupt? Menschen, die einen ganz anderen Weg als ich in dieser Zeit gegangen sind, von meinen inneren Erfahrungen zu berichten. Und wie viele mag es geben, denen das überhaupt nicht interessiert. Wie dem auch sei, ich bin nun mal angefangen.

Der Anfang meiner Tage in Köln findet sich in der Mosesgeschichte, die wir bereits in der Lesung hörten. Mitten bei der Arbeit sieht Mose etwas Merkwürdiges: ein Dornbusch, der brennt aber nicht verbrennt. Mose wird neugierig. Will sich das Geschehen genauer ansehen und geht hin. Er hört eine Stimme: "Mose zieh deine Schuhe aus. Wo du stehst ist heiliger Boden." ...

Und Gott erzählt ihm vom Elend seines Volkes und wie es ihm zu Herzen geht. ...

Und Mose erfährt den Namen Gottes: Ich bin der "Der da ist." ...

Wir Exerzitienteilnehmenden haben uns gefragt: Welche Dornbuschorte gibt es für mich? Und damit welche dornigen Themen in meiner Lebensgeschichte, die ich lieber umgehe als sie zu besuchen.

Wir haben uns auf den Weg vorgetastet: Wo spüre ich eine Neugier, solche Orte, an denen Menschen die vielfältigen Dornen des Lebens erfahren, aufzusuchen? Und welche Schuhe gilt es an diesen Orten auszuziehen?

Wer Köln kennt, kann sich vorstellen, dass es an solchen Orten nicht mangelt. Wie bekamen als eine kleine Hilfestellung verschiedene Orte vorgeschlagen, aus den wir wählen konnten. Z.B. Aufenthaltsorte für Obdachlose, Drogenabhängige, Prostituierte und Asylbewerber, die Psychatrie, das Arbeitsamt, die Babyklappe, das Gräberfeld für Nichtsesshafte ...

 

Ein Ort, den ich öfters aufsuchte verbirgt sich hinter dem Code auf dem Becher: F 02. F 02 – so steht es auf einer Besuchermarke für das Gefängnis in Köln-Ossendorf. Für Kölner der neue "Klingelpütz". Jeder, der einen Gefangenen besuchen möchte, muß zunächst in einem kleinen Wartehäuschen den Besucherschein ausfüllen, eine Marke ziehen und warten. Eine Digitalanzeige gibt dann zu erkennen, wer als nächster dran ist.

Um den Eingang zu finden, musste ich zunächst das Gefängnis einmal zu Fuß umrunden. Die Mauern schienen nicht zu enden. Dieser Knast gehört wohl zu einem der größten: über 1.500 Jugendliche, Frauen und Männer sitzen hier ein.

Am Eingang angekommen setze ich mich in der Wartehäuschen. Viele junge Frauen mit Kinder kommen, ein Punker, der seine Freundin besuchen will, eine Frau und ein Mann, die zu ihrem Sohn wollen. Der Mutter steht die Scham und Angst im Gesicht geschrieben. Manche kennen sich wohl schon und regen sich gemeinsam auf, dass nicht nur die Gefangenen bestraft werden sondern auch die Angehörigen und Freunde. Denn die Besuchskontrollen und Auflagen rauben viel Zeit und zusätzliche Nerven.

Immer wieder blicke ich längere Zeit auf das Gefängnisgebäude. Die Mauern lassen keinen Blick ins Innere zu. Da merke ich wie ich mich im verdunkelte Glas der Eingangschleuse selbst erkenne. Es ist als ob ich in einen Spiegel schaue. Fragen steigen auf: Sitze ich draußen oder drinnen? Wo beginnt eigentlich das Gefängnis? Wer ist Gefangener und wer nicht? Machen das nur die hohen Mauern und der Stacheldraht deutlich?

Wer bin ich, der hier sitzt? Einer, der seine pure Neugier befriedigen will, einer, der besessen ist vom Helfen wollen, einer, der verunsichert ist über die vermeintlich klare Trennung von Gefangensein und Freisein? Ich verabschiede mich mit einem Gebet und gehe.

Am nächsten Tag gehe ich erneut hin und warte. Es regnet zeitweise in Strömen. Zu irgendeiner Zeit ziehe ich meine Schuhe aus und stelle meine nackten Füßen auf dem Boden.

Abends erzähle ich in der Runde, was geschehen war, wie ich gemerkt habe, dass sich der Boden, auf den ich mit meinen nackten Füßen stand, mit dem Boden der Gefangenen verbunden hat. So als wenn sie sich zusammen geschoben hätten. Ich spürte, wir stehen auf einem gemeinsamen Boden.

Die Gefängnismauern bekommen an diesem Nachmittag ein anderes Gewicht. Ihre Macht, die Menschen in Gefangene und Freie zu trennen, verliert an Bedeutung. Ich spüre wie ich mit ihnen verbunden bin. Nicht gleich aber verbunden.

Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Welche Schuhe im übertragenen Sinn habe ich ausgezogen? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht zu meinen, ich könne helfen.

Bis heute klingt diese Erfahrung in mir nach. Nicht dumpf. Eher erleichternd und befreiend. Gott sei Dank!

Christoph Gerdemann

 

 

Barbara Bürger: Meine beiden Seiten.

Maria und Marta, zwei sehr unterschiedliche Frauen, zwei unterschiedliche Charaktertypen, und noch mehr: 2 unterschiedliche Seiten, die in einer Person sind, 2 Seiten, die auch in uns sind. Kennen Sie das, liebe Gemeinde?

Martha, die aktiv zupackende Seite in uns, die etwas schaffen und bewirken will. Wir wollen helfen und heilen, analysieren und gegen Ungerechtigkeit aufstehen, wir wollen für unseren Glauben eintreten.
Auch die älteren unter uns erlebe ich so, dass Sie trotz mancherlei Beschwerden im Alter bemüht sind, mit Hand anzulegen, hier in der Gemeinde oder im persönlichen Umfeld.

Die andere Seite, die Seite der Maria, ist meistens leiser.
Es gibt Momente oder Zeiten, da gehen wir nicht nach außen, sondern nach innen; wir tun nichts und wollen im Moment nichts, wir lassen alles los, was uns beschäftigt. Wir sind einfach da, wir spüren, dass wir da sind mit unserem Körper, unserem Atem, wir hören und lauschen. Wir nehmen mit Augen und Ohren einfach wahr, was ist und warten und hoffen auf Gott.

Zwei Seiten des Da-Seins, Ora et Labora haben die Benediktinerinnen hier im Kloster diese beiden Seiten des Menschen genannt. Bete (werde still und offen für Gott) und arbeite (wirke im Alltag), diese beiden Dinge ordneten das Leben der Ordensfrauen hier in Arendsee, die ihr Leben als Geschenk Gottes sahen und es ihm weihten.
Ich frage Sie: In welchem Verhältnis stehen Maria und Martha in Ihrem Leben?
Es gibt ja bestimmte Zeiten, die einen Rhythmus zwischen der Martha- und Mariaseite anzeigen:
Die Arbeitszeit und Urlaubszeit
Wochentage und Sonntage
Manchmal braucht es Stunden oder Tage, um aus der Marthaseite aussteigen zu können und wieder einfach da zu sein, zu lauschen, zu schauen, auf Gott zu warten, leer zu werden, um die Strahlen der Weisheit Gottes aufzunehmen (siehe Weltgebetstag)

Wie sind Sie, liebe Gemeinde, heute hier?
Eher als Martha, innerlich aktiv, mit dem Gedanken bei dem, was zu tun ist? Vielleicht noch mit dem beschäftigt, was wir als Probleme in Guyana und weltweit gehört haben und wofür wir gebetet haben? Oder sind sie eher hier als Maria, innerlich leer und offen, den Sonntag feiernd und wartend, was Gott ihnen schenken will?

Ich erinnere an das, was wir von Hiob gehört haben: Er hat Gott seine Not geklagt, immer wieder, er hat die Ungerechtigkeit und die Bosheit in der Welt vor Gott gebracht; er war ein Gottesstreiter, ein Kämpfer für Gottes Gerechtigkeit. Darin ist er der Martha gleich. Das Schlimme für Hiob ist, er sieht nichts mehr von Gott, er versteht nichts mehr. Und er verflucht den Tag seiner Geburt. Er ist am Ende. Dennoch hält er fest an Gott (obwohl seine Frau ihm rät, Gott zu verfluchen und seine Freunde ihm raten, die Schuld bei sich selbst zu sehen). Hiob jedoch harrt aus, in Zweifel und Ratlosigkeit wartet er auf Gott. Da ist er ganz der Maria gleich, er ist einfach da, leer und offen. Da kommt Gott ihm ganz nah, erzählt die Bibel, Hiob erlebt die Weisheit Gottes, seine Liebe. Bei uns, in unserer Zeit, ist die Seite der Maria oft im Hintergrund. Warum das so ist, darüber möchte ich an anderer Stelle mit ihnen nachdenken.

Heute möchte ich ihnen von mir erzählen, wie ich die Seite der Maria voller Verwunderung neu entdeckt habe. Im vergangenen Herbst hatte ich den Eindruck, dass bei mir über all dem Agieren und Tun, Organisieren und Veranstalten die Stille und das Gebet zu kurz kommen. Deshalb habe ich mich für eine Zeit der Einkehr entschlossen. Man nennt das Exerzitien, das sind Übungen, um leer und offen zu werden für Gott. Man kann diese Exerzitientage im Kloster halten, oder in einer Ordensgemeinschaft, wo man täglich auf die Straße geht.

Ich entschied mich für Letzteres und wohnte 10 Tage lang in der Wohngemeinschaft Naunynstrasse 60 in Berlin Kreuzberg. Das ist eine Wohn- und Lebensgemeinschaft von ca. 15 -20 Personen, es sind 3 Ordensbrüder der Jesuiten, einige Sozialarbeiter und Menschen, die gesellschaftlich diskriminiert sind und im Moment sonst keine Bleibe haben. Meine Möglichkeit war, dort 10 Tage lang Gast zu sein, d.h. nichts zu sollen oder zu müssen, zu planen oder zu tun, sondern meine Aufgabe war, einfach da und wach zu sein für Gott. Im Gebet, im Bibellesen und Meditieren und im Gehen auf der Straße wollte ich mich öffnen für Gott, Gott der und die mich in die Weite führt.

Zunächst ging ich zwei Tage lang auf den Straßen große Strecken zu Fuß. In mir war der Wunsch, in dieser Stadt dem Mauerfall nachzuspüren, vielleicht auch Erfahrungen der DDR-Zeit und auch den Spuren der NS-Zeit nachzugehen und für mich Klärung und neue Gottesbegegnung zu erleben. Und wirklich gab es viel zu sehen und für mich zu bedenken und zu verstehen(doch das ist eine andere Geschichte, die ich an anderer Stelle erzähle).

Am 2. Tag traf ich auf eine junge Frau, die Stadtrundfahrten verkaufte. Ich sagte ihr, dass ich neu auf der Suche nach Gott bin, ob sie mir helfen kann. Und ihre Rektion? "Das ist eine interessante Frage", sagte sie. "Für mich ist Gott vor allem in der Natur, in allem Lebendigen". Wir tauschten uns aus, schließlich sagte sie: "Ich verkaufe ihnen eine Fahrt zum halben Preis. Von oben diese Stadt zu sehen, führt vielleicht auch näher zu Gott." Also begann ich die Stadtrundfahrt und kam mit einer älteren Frau ins Gespräch, auch sie eine Christin, vielleicht sind wir uns ja auf dem Kirchentag begegnet? Sie erzählte, dass sie vor der Wende auf der Westseite der Stadt Stadtführungen gemacht hat, immer die Mauer vor Augen.

Als ich am Abend von meinen Erlebnissen erzählte, sagte einer der Bewohner zu mir: Du hast so viel gemacht und getan und so viele Orte besucht. Lässt du dich wirklich führen bei deinen Exerzitien?
Er bemerkte, es fällt auf, dass ich heute gleich zwei Stadtführerinnen begegnet bin, vielleicht ein Zeichen für mich, dass ja genug Führung für mich da ist. Da merkte ich, dass ich immer noch die Martha war, die plant und so viel machen will. ---

Am nächsten Tag ließ ich den Stadtplan und alle Pläne im Kopf zu Hause. Es war Samstag, recht still auf den Straßen im Stadtviertel. Gott hier? dachte ich. Nach etwa 5 min sah ich vor mir einen Vater mit zwei Wagen, die er gleichzeitig schieben musste, was ihm aber nicht gelang, einen Kinderwagen und ein Dreirad mit Stange. Nur mühsam kam er vorwärts. Das schickt mir Gott, dachte ich, fragte den Mann, ob er Hilfe braucht, und so schoben wir die Kinder durchs Kiez, erkaufte noch Kekse und ich erzählte derweilen mit den Kindern. Auf dem Spielplatz verabschiedete ich mich - innerlich dankbar und auch etwas beschämt über meinen anfänglichen Kleinglauben.

Die nächste Überraschung war auf dem Oranienplatz, ganz in der Nähe, von weitem sah ich eine Menschengruppe stehen. Da waren zwei Straßenkünstler, die mit Kindern übten, Jonglieren mit Flowersticks und Hoolahoupreifen. Ich stellte mich dazu, eine ganze Weile stand ich einfach da und freute mich an den Kunststücken und dem Lachen der Kinder. ("Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, sagt Jesus, könnt ihr nicht ins himmelreich kommen") Ja, hier ist Gott.

Plötzlich kam ein Kind auf mich zu, hielt mir seine beiden Stöcke hin und sagte: "So, und jetzt du." "Aber ich kann das doch nicht." "ach, das ist ganz einfach, ich zeig es dir." Und schon war ich mitten drin in der Gruppe, und es spielte keine Rolle, dass die Stöcke bei mir dauernd runter fielen. Beim Verabschieden sagten die Kinder zum Leiter: Dann bis nächsten Sonnabend. Ich fragte den Mann, ob er hier immer herkommt. Ja, er komme hier sonnabends her, weil er Spaß dran hat und die Kinder weniger Unfug machen.

Bald waren wir mitten im Gespräch über das, was zählt im Leben. Er möchte Kindern eine bessere Kindheit ermöglichen, als er sie hatte mit seinem Vater, der Alkoholiker war. Ich erzählte von meiner Idee, mit Kindern Stücke zu üben und zwischendurch vom Leben der Kinder in Indien, Afrika und Südamerika zu erzählen. Am Ende gab mir der Mann 10 Flowersticks, die er selbst herstellt, nur zum Materialpreis wegen unserer gemeinsamen Vision, dass Kinder zu starken, fröhlichen und widerständigen Menschen heranwachsen können. Es war ein Tag voller Wunder geworden, Gott hatte mich angeschaut aus den Augen der Kinder und der Menschen, mit denen ich ins Gespräch gekommen war.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte Sie ermutigen, wieder und wieder sich Zeit zu lassen für die Maria-Seite, die hörende und empfangende Seite in ihnen. Und ich möchte Ihnen Mut machen: Erzählen Sie davon, was sie erleben! Erzählen Sie es einem lieben Menschen und hier in der Gemeinde, damit wir zusammen Gott loben können. Amen

Ansprache zum Weltgebetstag 2008 in Arendsee/Sachsen-Anhalt