Bildungsgerechtigkeit: Wie Herkunft über Chancen entscheidet
Kaum ein Befund der Bildungsforschung ist so stabil wie dieser: Der Schulerfolg von Kindern hängt in Deutschland eng mit dem Elternhaus zusammen. Ob ein Kind das Gymnasium besucht, ein Studium beginnt oder eine Ausbildung abbricht, lässt sich aus Einkommen und Bildungsweg der Eltern besser vorhersagen als aus seiner Begabung. Für ein Land, das sich auf Leistung beruft, ist das ein Widerspruch, der ins Grundsätzliche reicht.
Der lange Schatten der Herkunft
Untersuchungen zeigen seit Jahrzehnten, dass Kinder aus Akademikerfamilien deutlich häufiger studieren als Kinder aus Familien ohne Hochschulerfahrung, selbst bei vergleichbaren Noten. Der Unterschied entsteht nicht an einer einzigen Stelle, sondern summiert sich: beim Wortschatz vor der Einschulung, bei der Grundschulempfehlung, bei der Frage, ob eine schwache Phase als vorübergehende Krise gilt oder als Beleg für mangelnde Eignung, beim Zutrauen, an einer Hochschule dazuzugehören.
Herkunft wirkt dabei doppelt. Materiell, weil Nachhilfe, ein eigenes Zimmer und ein ruhiger Arbeitsplatz Geld kosten. Und kulturell, weil Schulen eine Sprache und Selbstverständlichkeiten voraussetzen, die manche Kinder von zu Hause mitbringen und andere erst mühsam erwerben müssen. Kinder aus Einwandererfamilien erleben oft beides zugleich; wie eng Zugehörigkeit, Religion und Bildungswege verflochten sein können, behandelt der Beitrag über den Islam in Deutschland.
Wo die Weichen gestellt werden
Das deutsche Schulsystem sortiert früh. Die Aufteilung nach der vierten Klasse verlangt eine Prognose über Zehnjährige, und solche Prognosen irren häufig, und zwar nicht zufällig, sondern systematisch zulasten von Kindern aus Familien mit wenig Geld und wenig Bildungserfahrung. Spätere Korrekturen bleiben möglich, aber mühsam. Aufstiege über den zweiten Bildungsweg kosten Jahre und verlangen eine Beharrlichkeit, die von Jugendlichen aus stabilen Verhältnissen nie verlangt wird.
Hinzu kommt die Wohnfrage. Weil sich Stadtviertel sozial entmischen, entmischen sich auch Schulen. Es entstehen Einrichtungen, in denen sich Problemlagen konzentrieren, während wenige Kilometer entfernt Elternvereine Fördertöpfe füllen. Gleiche Chancen setzen jedoch voraus, dass nicht schon die Postleitzahl über die Qualität des Unterrichts entscheidet.
Eine Rolle spielen schließlich die Erwartungen der Erwachsenen. Lehrkräfte sind keine Sortiermaschinen, aber sie urteilen unter Zeitdruck und mit unvollständigen Informationen, und in solche Urteile fließen Herkunftssignale ein: Sprache, Kleidung, das Auftreten der Eltern am Elternabend. Wo einem Kind wenig zugetraut wird, bekommt es seltener die anspruchsvolle Aufgabe, an der es hätte wachsen können. So bestätigen sich Erwartungen selbst, ohne dass irgendjemand böse Absichten hegen müsste.
Was nachweislich wirkt
Fatalismus ist trotzdem unangebracht. Erfahrungen aus dem In- und Ausland deuten auf Ansätze, die den Zusammenhang von Herkunft und Erfolg lockern können:
- frühe Förderung lange vor der Einschulung, besonders beim Spracherwerb,
- Ganztagsangebote, die Übung und kulturelle Bildung nicht dem Elternhaus überlassen,
- gezielte Ressourcen für Schulen in belasteten Lagen statt Verteilung nach Gießkanne,
- eine spätere oder durchlässigere Aufteilung der Bildungswege,
- Begleitung an den Übergängen, vom Kindergarten bis zum Berufseinstieg.
Keine dieser Maßnahmen wirkt allein, und keine wirkt schnell. Genau daran scheitern sie politisch so oft: Bildungsreformen zahlen sich erst nach Legislaturperioden aus, kosten aber sofort Geld und Streit. Hilfreich wäre außerdem ein anderer Blick auf die berufliche Bildung. Solange nur das Abitur als gelungener Abschluss gilt, bleibt jeder andere Weg mit einem Makel behaftet, den er nicht verdient. Gerechtigkeit heißt auch, unterschiedliche Wege gleichwertig auszustatten und zu achten.
Bildung als ethische Frage
Hinter den Statistiken steht eine Gerechtigkeitsfrage, die älter ist als jede Schulstudie. Wenn Lebenswege maßgeblich davon abhängen, in welche Familie jemand hineingeboren wurde, ist das keine private Angelegenheit, sondern ein Verteilungsproblem, so wie Armut und Reichtum eine ethische Frage sind und nicht bloß eine ökonomische.
Dazu kommt ein demokratisches Argument. Eine Gesellschaft, in der Aufstieg als unwahrscheinlich erlebt wird, verliert Vertrauen in ihre eigenen Versprechen, und dieses Vertrauen lässt sich durch keine Kampagne zurückkaufen. Bildungsgerechtigkeit ist deshalb kein Nischenthema der Schulpolitik, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Leistung als Maßstab überhaupt akzeptiert bleibt. Wer diese Fragen von Verantwortung und Gerechtigkeit vertiefen möchte, findet in der Essay-Sammlung zu Ethik, Religion und Gesellschaft Beiträge, die Bildung in größere Zusammenhänge stellen.
Der erste Schritt kostet nichts. Er besteht darin, den Zusammenhang von Herkunft und Chancen nicht länger als Naturgesetz zu behandeln.




