Interreligiöse Nachbarschaft: Begegnung im Alltag

Über den Dialog der Religionen wird viel geredet, meist auf Podien. Vertreter der Kirchen, der islamischen Verbände und der jüdischen Gemeinden tauschen wohlgesetzte Worte, das Publikum nickt, ein Foto entsteht. Solche Formate haben ihren Wert. Aber sie erreichen fast nur Menschen, die ohnehin überzeugt sind. Die eigentliche Begegnung zwischen den Religionen findet woanders statt: am Elternabend, am Spielfeldrand, im Hausflur. Dort, wo niemand als Repräsentant spricht und trotzdem alle etwas repräsentieren.

Die Schule als unfreiwilliges Dialogzentrum

Keine Institution bringt religiös verschiedene Menschen so verlässlich zusammen wie die Schule. Kinder aus muslimischen, christlichen, jüdischen und konfessionslosen Familien teilen Klassenzimmer, Pausenhof und Klassenfahrt. Eltern begegnen sich bei Festen und in Elternvertretungen, ob sie wollen oder nicht. Hier entstehen die Fragen, die auf Podien selten vorkommen: Was kommt beim Sommerfest auf den Tisch, damit alle mitessen können? Wie geht die Schule mit dem Fasten im Ramadan während der Prüfungswochen um? Nimmt das Kind aus der muslimischen Familie am Weihnachtssingen teil, und wer entscheidet das eigentlich?

Solche Fragen wirken klein. In ihnen steckt aber genau die Arbeit, die Verständigung ausmacht: Man muss den anderen fragen, statt über ihn zu reden. Man muss Lösungen finden, die niemanden demütigen. Und man erlebt, dass die Familie mit dem anderen Glauben ähnliche Sorgen hat wie die eigene, nämlich Noten, Bildschirmzeiten und die Frage, ob das Kind genug Freunde hat. Der Religionspädagoge Bülent Ucar hat diese Normalisierung als Kern gelingender Integration beschrieben; sein Beitrag Islam in Deutschland zeigt, wie sehr die Alltagserfahrung dem öffentlichen Alarmton widerspricht.

Verein, Wohnviertel, Ehrenamt: Begegnung mit gemeinsamem Ziel

Der zweite große Begegnungsraum ist der Verein. Im Fußballteam, im Chor, bei der Freiwilligen Feuerwehr zählt zunächst etwas anderes als das Bekenntnis: der Pass in den Lauf, die saubere Stimme, der funktionierende Löschangriff. Religion kommt trotzdem vor, beiläufig, etwa wenn ein Spieler im Ramadan fastet oder eine Sängerin am Sabbat nicht auftreten kann. Gerade diese Beiläufigkeit ist wertvoll. Die Sozialforschung spricht seit langem von der Kontakthypothese: Vorurteile schwinden am zuverlässigsten dort, wo Menschen als Gleichgestellte an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Der Verein erfüllt diese Bedingungen besser als jede Konferenz.

Ähnliches gilt für das Wohnviertel. Wo Nachbarn sich über Jahre kennen, wird aus der Muslimin von nebenan Frau Yilmaz, die den Paketboten annimmt, und aus der Kirchgängerin Frau Brenner, die im Winter den Gehweg mitfegt. Diese Vertrautheit ist kein Dialogprogramm. Sie ist etwas Besseres: gelebte Selbstverständlichkeit. Sie trägt allerdings nur, solange Stadtviertel sich nicht entmischen. Wo Menschen verschiedener Herkunft einander räumlich nicht mehr begegnen, verliert auch die Toleranz ihren Übungsplatz.

Was die Begegnung trägt und was sie gefährdet

Alltagskontakt allein genügt freilich nicht. Er braucht drei Stützen. Erstens Ehrlichkeit: Verständigung, die Unterschiede leugnet, zerbricht an der ersten echten Meinungsverschiedenheit, etwa über Erziehung, Geschlechterrollen oder das Verhältnis von Religion und Staat. Der Theologe Christoph Böttigheimer hat gezeigt, dass Toleranz gerade nicht Beliebigkeit bedeutet, sondern das Aushalten bleibender Differenz; nachzulesen in Wahrheit und Toleranz im Dialog der Religionen. Zweitens Institutionen, die den Kontakt rahmen: Schulen mit klaren Regeln, Vereine mit gelebter Aufnahmekultur, Kommunen, die Räume für Begegnung schaffen. Drittens Zeit. Vertrauen wächst in Jahren und stirbt in Tagen, ein einziger Vorfall kann zerstören, was lange gewachsen ist.

Gefährdet wird die Alltagsbegegnung weniger durch Theologie als durch Politik. Wenn Religionszugehörigkeit zum Kampfbegriff wird, geraten auch friedliche Nachbarschaften unter Druck. Internationale Krisen schlagen bis in den Hausflur durch. Umso wichtiger sind Menschen, die dann nicht schweigen, sondern die Beziehung verteidigen, die sie aufgebaut haben. Das europäische Beispiel Bosnien zeigt beides in äußerster Zuspitzung: Jahrzehnte selbstverständlichen Zusammenlebens und dessen gewaltsame Zerstörung; die Studie über Bosniens Muslime und den europäischen Islam hält diese doppelte Lehre fest.

Wer interreligiöse Verständigung stärken will, muss also nicht auf die große Konferenz warten. Es genügt, dort anzufangen, wo man ohnehin lebt. Den Nachbarn zum Fest gratulieren, auch wenn man den Anlass erst nachschlagen muss. Beim Sommerfest an alle denken. Nachfragen statt vermuten, gerade dann, wenn eine Gewohnheit des anderen befremdet. Das klingt bescheiden, und gemessen an den Konferenzerklärungen der Verbände ist es das auch. Aber es ist die Form von Frieden, die am längsten hält, weil sie niemandem gehört außer den Menschen, die sie täglich erneuern.

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