Fasten als Übung: Verzicht mit Sinn
Wer heute vom Fasten spricht, meint oft den Stoffwechsel: Intervallfasten, Frühjahrskur, Entlastungstage. Doch die Praxis ist älter als jeder Ernährungstrend, und sie zielte nie zuerst auf den Körperumfang. Fasten war und ist eine Übung der Freiheit: der Versuch, für eine begrenzte Zeit nicht von dem bestimmt zu werden, woran man sich gewöhnt hat.
Eine Übung mit langer Geschichte
Alle großen religiösen Traditionen kennen den bewussten Verzicht. Der Ramadan verpflichtet Musliminnen und Muslime einen Monat lang zum Verzicht auf Essen und Trinken zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang. Das Judentum kennt mit Jom Kippur einen strengen Fastentag der Umkehr. Die christliche Fastenzeit dauert vierzig Tage, in Erinnerung an die vierzig Tage Jesu in der Wüste, und war über Jahrhunderte ein kollektiver Rhythmus, der das Jahr gliederte.
Die Tradition kennt auch ihre radikalen Gestalten. Der Schweizer Einsiedler Niklaus von Flüe lebte im 15. Jahrhundert in einer Klause in der Ranftschlucht und wurde gerade wegen seiner strengen Askese zum gefragten Ratgeber weit über die Eidgenossenschaft hinaus. Zugleich war die geistliche Tradition oft nüchterner, als ihr Ruf vermuten lässt: Ignatius von Loyola warnte seine Gefährten früh vor übertriebener Strenge, weil sie Leib und Urteilskraft schwächt. Wer die Geschichte des Jesuitenordens liest, stößt auf ein bemerkenswert pragmatisches Verhältnis zur Askese: Verzicht ja, aber als Mittel, nie als Leistungsnachweis.
Warum Verzicht wirkt
Was geschieht, wenn jemand fastet? Zunächst etwas sehr Einfaches: Eine Gewohnheit wird unterbrochen. Der Griff zum Süßen, zum Glas Wein, zum Telefon läuft normalerweise unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle ab. Fällt er weg, wird er spürbar. Genau diese Reibung ist der Sinn der Übung. Sie zeigt, wie viel im eigenen Tag automatisch geschieht, und sie stellt eine Frage, die im Alltag selten gestellt wird: Brauche ich das, oder braucht es mich?
Verzicht schärft außerdem die Wahrnehmung für das, was bleibt. Die erste Mahlzeit nach einem Fastentag schmeckt anders. Der erste Spaziergang ohne Telefon hat eine eigentümliche Weite. Fasten ist insofern weniger eine Übung im Weglassen als eine Übung im Wiederentdecken.
Hinzu kommt eine Dimension, die in der individualisierten Gegenwart leicht übersehen wird: Fasten war fast immer eine gemeinschaftliche Angelegenheit. Wenn ein ganzes Dorf, eine ganze Stadt in dieselbe Zeit des Verzichts eintrat, trug die Gemeinschaft den Einzelnen durch die schwachen Stunden. Etwas davon lässt sich zurückholen. Wer mit der Familie, mit Freunden oder mit Kolleginnen eine gemeinsame Fastenregel vereinbart, hält erfahrungsgemäß länger durch und hat zudem Gesprächspartner für das, was der Verzicht ans Licht bringt.
Digitalfasten und Konsumverzicht
Dass die alte Form neue Inhalte tragen kann, zeigt die Gegenwart. Die evangelische Aktion Sieben Wochen Ohne lädt seit 1983 jedes Jahr dazu ein, in der Fastenzeit eine selbst gewählte Gewohnheit ruhen zu lassen. Daneben haben sich Varianten etabliert, die auf heutige Abhängigkeiten antworten:
- Digitalfasten: feste Zeiten ohne Smartphone, soziale Medien oder Streaming, oft mit überraschend deutlichem Effekt auf Schlaf und Konzentration
- Konsumfasten: mehrere Wochen nichts Neues kaufen außer Lebensmitteln und Notwendigem
- Autofasten: Alltagswege bewusst zu Fuß, mit dem Rad oder mit Bus und Bahn zurücklegen
- Klagefasten: der Versuch, eine Zeit lang auf gewohnheitsmäßiges Jammern und Lästern zu verzichten
All diese Formen funktionieren nach demselben Muster wie das klassische Speisefasten: begrenzte Zeit, klare Regel, freiwilliger Entschluss. Sie sind keine Selbstbestrafung, sondern ein Experiment mit offenem Ausgang.
Wie eine Fastenzeit gelingt
Erfahrene Begleiterinnen und Begleiter raten zu drei Dingen. Erstens: konkret werden. Nicht weniger Bildschirmzeit, sondern kein Telefon nach 20 Uhr. Zweitens: die Dauer vorher festlegen, denn ein Verzicht ohne Ende ist kein Fasten, sondern ein Vorsatz, und Vorsätze halten selten. Drittens: dem Verzicht eine Richtung geben. Die frei werdende Zeit will gefüllt sein, sonst füllt sie sich von selbst wieder mit dem Alten.
Für die Richtung lohnt ein Blick auf erprobte Formen. Wer den Verzicht mit einer regelmäßigen Übung der Stille verbinden möchte, findet in den Exerzitien im Alltag ein Gerüst, das seit Jahrzehnten trägt: feste Gebets- oder Stillezeiten über mehrere Wochen, eingebettet in den gewöhnlichen Tagesablauf. So wird aus dem Weglassen ein Freiraum, und aus dem Freiraum mit etwas Glück eine Erfahrung, die länger bleibt als der Vorsatz vom Aschermittwoch.


