Wo ist dein Bruder Abel? Religion und Gewalt

Ein Verdacht hält sich hartnäckig in der Gegenwart: Es seien die monotheistischen Religionen, die die Gewalt in die Welt gebracht hätten. Von ihrem Ursprung her, so die These, seien sie unfähig zur Toleranz, weil der Glaube an einen einzigen Gott jeden anderen Weg zum Irrweg erkläre. Kaum ein Vorwurf wiegt schwerer, denn er trifft nicht einzelne Verfehlungen, sondern spricht dem Glauben selbst die Friedensfähigkeit ab. Die Frage, die dem entgegengehalten wird, ist so alt wie die biblische Überlieferung: Wo ist dein Bruder Abel?

Der erste Tote und die erste Frage

Die Erzählung von Kain und Abel steht am Beginn der biblischen Menschheitsgeschichte, gleich nach dem Auszug aus dem Paradies. Zwei Brüder, ein Opfer, das ungleich angenommen wird, und ein Neid, der zum Mord führt. Bemerkenswert ist, wie der Text die Tat nicht verschweigt und nicht verklärt. Der Gewalttäter gehört von Anfang an zur Familie des Menschen. Die Bibel beginnt ihre Geschichte des Zusammenlebens ausgerechnet mit einem Brudermord und erklärt Gewalt damit zu einer Grunderfahrung, nicht zu einer Randerscheinung.

Entscheidend ist die Frage, die auf die Tat folgt. Nicht ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern eine Frage nach dem Verbleib des Getöteten: Wo ist dein Bruder? Die trotzige Antwort, er sei nicht der Hüter seines Bruders, wird zurückgewiesen. Das vergossene Blut, heißt es, schreie vom Ackerboden. In dieser Szene ist eine ganze Ethik angelegt: Der Mensch ist für den anderen verantwortlich, und kein Mord bleibt sprachlos. Gerade der eine Gott ist es, der nach dem Opfer fragt und sich auf dessen Seite stellt.

Ein Vorwurf und seine Grenzen

Wer den Religionen die Gewalt anlastet, kann sich auf reale Geschichte berufen. Kreuzzüge, Ketzerprozesse, Religionskriege und ein bis heute anhaltender Missbrauch heiliger Texte zur Rechtfertigung von Terror sind unbestreitbar. Kein ehrlicher Umgang mit der eigenen Überlieferung kommt an dieser Bilanz vorbei. Zugleich verkürzt die These, Gewalt sei ein Erbteil gerade des Glaubens an einen Gott. Das zwanzigste Jahrhundert hat gezeigt, dass ausdrücklich säkulare Ideologien zu den mörderischsten der Menschheitsgeschichte gehörten. Gewalt braucht keine Religion, um zu geschehen; sie braucht nur Menschen, die im anderen keinen Bruder mehr sehen.

Der biblische Befund ist zudem doppeldeutiger, als die Anklage zugibt. Neben Texten, die Gewalt schildern und mitunter im Namen Gottes rechtfertigen, steht ein starker Strang, der Gewalt begrenzt, sie beklagt und ihr eine andere Ordnung entgegensetzt. Das Verbot zu töten, der Schutz des Fremden, die Vision eines Friedens, in dem Schwerter zu Pflugscharen werden, gehören zum selben Überlieferungsstrom. Die Religion ist kein einheitlicher Block, sondern selbst ein Schauplatz des Ringens zwischen Gewalt und ihrer Überwindung.

Hinzu kommt eine methodische Vorsicht. Aus einem einzelnen Vers eine Handlungsanweisung für die Gegenwart abzuleiten, verkennt, dass die biblischen Schriften über viele Jahrhunderte, in wechselnden Lagen und literarischen Formen entstanden sind. Erzählung, Gesetz, Gebet und Prophetie folgen je eigenen Regeln. Wer sie liest, als handle es sich um ein einziges Regelbuch, macht aus einer vielstimmigen Überlieferung ein Steinbruch für beliebige Zwecke - und findet dann prompt Belege sowohl für den Krieg als auch für den Frieden.

Eine Kultur der Gewaltlosigkeit

Wer die biblische Tradition auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit hin liest, findet ihren Kern nicht in der Verharmlosung von Konflikten, sondern in der Weigerung, den Bruder aus dem Blick zu verlieren. Die Frage nach Abel ist keine einmalige Anklage, sondern eine bleibende Anfrage an jede Generation. Sie richtet sich gegen die Gleichgültigkeit, die den anderen für nicht der eigenen Sorge wert hält, und gegen die Bereitschaft, Feindschaft für unvermeidlich zu erklären.

Damit verschiebt sich die Beweislast. Nicht die Religionen müssen sich pauschal vom Verdacht der Gewalt reinwaschen, und sie können es auch nicht, solange sie ihre eigene Geschichte ernst nehmen. Aber der Vorwurf, sie seien ihrem Wesen nach gewalttätig, hält der genaueren Prüfung nicht stand. Die biblische Überlieferung enthält beides: die nüchterne Kenntnis, dass der Mensch zum Mord fähig ist, und den beharrlichen Einspruch dagegen. Ob aus dieser Spannung eine Kultur des Friedens erwächst, entscheidet sich nicht an den Texten allein, sondern daran, wie sie gelesen und gelebt werden. Die Frage bleibt gestellt, und sie duldet keine ausweichende Antwort.

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