Identität und Respekt im Verhältnis zum Islam

Wer die eigene religiöse Zugehörigkeit benennt, benennt zugleich eine Grenze. Der Religionswissenschaftler und Theologe Hans Zirker hat diese scheinbar banale Beobachtung zum Ausgangspunkt genommen, um über das Verhältnis von Christen und Muslimen nachzudenken. Ein provokant formulierter Satz wie "Warum ich kein Muslim bin" wirkt zunächst herablassend, fast trotzig. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass gerade die klare Abgrenzung die Voraussetzung dafür sein kann, dem anderen Glauben mit Ernst und Respekt zu begegnen, statt ihn in vager Beliebigkeit zu übergehen.

Abgrenzung ist nicht Abwertung

Zirkers Überlegungen kreisen um eine Unterscheidung, die im interreligiösen Gespräch oft verwischt wird: Wer sich nicht mit einer anderen Religion identifiziert, spricht ihr damit noch keinen Wert ab. Differenz und Geringschätzung sind zweierlei. Ein Christ, der die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus als Kern seines Glaubens versteht, kann diesen Kern nicht teilen, ohne aufzuhören, Christ zu sein. Der Islam wiederum bezeugt die unbedingte Einheit und Unverfügbarkeit Gottes und sieht in der christlichen Trinitätslehre eine Grenzüberschreitung. Diese Gegensätze lassen sich nicht durch freundliche Rhetorik auflösen.

Der Respekt, den Zirker einfordert, besteht deshalb nicht darin, die Unterschiede kleinzureden. Er besteht darin, dem anderen zuzumuten und zuzutrauen, dass er seine Überzeugung aus guten Gründen hält. Wer den Islam nur als defizitäre Vorstufe des eigenen Glaubens liest, nimmt ihn gerade nicht ernst. Wer ihn als in sich stimmige Antwort auf die Frage nach Gott anerkennt, kann ihm auch dort widersprechen, wo er widersprechen muss.

Die Versuchung der falschen Harmonie

Im öffentlichen Reden über Religionen dominiert häufig der Wunsch nach Harmonie. Man betont das Gemeinsame, die Berufung auf Abraham, den Glauben an einen Schöpfer, die ethischen Übereinstimmungen. Zirker warnt vor der Kehrseite dieser Bemühung. Wo alles Trennende eingeebnet wird, verliert der Dialog seinen Gegenstand. Ein Gespräch, das keine echten Differenzen mehr kennt, ist kein Gespräch, sondern eine wechselseitige Bestätigung.

Zugleich richtet sich seine Kritik gegen das entgegengesetzte Missverständnis, das Andersgläubige zu Fremden erklärt, mit denen keine Verständigung möglich sei. Beide Haltungen, die verharmlosende und die abschottende, umgehen die eigentliche Aufgabe. Diese Aufgabe liegt darin, die eigene Position so genau zu kennen, dass man sie erklären kann, und die fremde so aufmerksam wahrzunehmen, dass man sie nicht verzerrt wiedergibt.

Identität als Voraussetzung des Gesprächs

Bemerkenswert an dieser Denkfigur ist die Umkehrung eines verbreiteten Vorurteils. Oft gilt eine feste religiöse Identität als Hindernis für den Dialog, als Quelle von Fanatismus und Ausschluss. Zirker legt nahe, dass das Gegenteil zutrifft. Nur wer weiß, wo er selbst steht, kann dem anderen begegnen, ohne sich zu verlieren oder ihn zu vereinnahmen. Diffuse Zugehörigkeit erzeugt keine Toleranz, sondern Gleichgültigkeit.

Diese Sicht hat praktische Folgen. Sie verlangt von den Gesprächspartnern Bildung über die eigene Tradition ebenso wie die Bereitschaft, die fremde in ihren eigenen Begriffen kennenzulernen. Ein Christ, der über den Islam urteilt, ohne den Koran gelesen zu haben, verfehlt den Respekt, den er beansprucht. Umgekehrt gilt dasselbe.

Zwischen Bekenntnis und Offenheit

Das Verhältnis von Klarheit und Offenheit bleibt spannungsvoll. Eine Religion, die sich ihrer Wahrheit gewiss ist, muss lernen, diese Gewissheit ohne Zwang zu vertreten. Der Verzicht auf Gewalt und Bevormundung ist dabei keine nachträgliche Höflichkeit, sondern Ausdruck der Einsicht, dass Glaube sich nicht erzwingen lässt. Wer den anderen für dessen vermeintlichen Irrtum verachtet, verrät das eigene Anliegen, denn kein Bekenntnis lebt vom Herabsehen auf jene, die es nicht teilen.

So mündet die anfangs schroff wirkende Frage in eine erwachsene Haltung. Sie erlaubt, nein zu sagen zum Anspruch einer anderen Religion und zugleich ja zu dem Menschen, der ihn erhebt. In einer Gesellschaft, in der Christen und Muslime nebeneinander leben, ist diese Verbindung von entschiedener Identität und aufrichtigem Respekt keine akademische Feinheit, sondern eine Bedingung des Zusammenlebens.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

csadmin


Redaktion con-spiration.de - Beiträge zu Ethik, Gesellschaft und Verantwortung.