Wahrheit und Toleranz im Dialog der Religionen
Seit einigen Jahren ist wieder häufiger von einer Rückkehr der Religion die Rede. Entgegen der Erwartung, dass mit der Moderne der Glaube aus der Öffentlichkeit verschwinde, ist das Religiöse sichtbar geblieben, und mit ihm die Frage, wie unterschiedliche Überzeugungen miteinander umgehen können. In dieser Lage stellt sich ein altes Problem mit neuer Schärfe: Lassen sich ein Wahrheitsanspruch und eine Haltung der Toleranz überhaupt vereinbaren, oder schließen sie einander aus? Der Fundamentaltheologe Christoph Böttigheimer hat diese Spannung im Blick auf den interreligiösen Dialog untersucht.
Das scheinbare Dilemma
Auf den ersten Blick scheint der Fall klar. Wer glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein, hält andere Überzeugungen für falsch, und wer andere für im Irrtum befangen hält, neigt dazu, sie zu bekämpfen oder wenigstens zu missachten. Umgekehrt scheint Toleranz zu verlangen, dass man den eigenen Anspruch aufgibt und alle Auffassungen für gleich gültig erklärt. In dieser Zuspitzung erscheinen Wahrheit und Toleranz als Gegensätze, zwischen denen man sich entscheiden muss.
Böttigheimer zeigt, dass diese Alternative auf einem Missverständnis beruht. Toleranz setzt gerade voraus, dass es einen Unterschied gibt, der ausgehalten wird. Wer alle Positionen für beliebig hält, muss nichts mehr dulden, weil ihm nichts mehr widerspricht. Echte Toleranz ist deshalb nicht die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, sondern der Respekt vor dem Menschen, der anders denkt, auch wenn man seine Überzeugung nicht teilt.
Wahrheit als Weg, nicht als Besitz
Ein weiterer Schritt betrifft das Verständnis von Wahrheit selbst. In religiösen Dingen geht es nicht um verfügbare Sätze, die man wie einen Gegenstand besitzen könnte. Der Glaube versteht sich als Antwort auf eine Wirklichkeit, die den Menschen übersteigt und die er nie vollständig erfasst. Daraus folgt eine innere Bescheidenheit: Auch wer von der Wahrheit seiner Überzeugung überzeugt ist, weiß um die Begrenztheit seines Erkennens.
Diese Einsicht verändert die Haltung im Gespräch. Wer die Wahrheit als etwas begreift, dem er sich annähert und das er nicht abschließend beherrscht, kann im Anderen einen möglichen Lehrer sehen. Der Dialog wird dann nicht zum Verhandeln über Kompromisse, sondern zum gemeinsamen Suchen, bei dem jeder seinen Standpunkt einbringt, ohne ihn zu verabsolutieren.
Damit ist auch die verbreitete Sorge entkräftet, ein starker Wahrheitsanspruch führe zwangsläufig zur Unduldsamkeit. Historisch waren es oft nicht die überzeugten Gläubigen, die den Frieden brachen, sondern jene, die religiöse Überzeugungen für politische Zwecke einspannten. Die eigentliche Gefahr liegt weniger in der Wahrheit als im menschlichen Umgang mit ihr, in der Versuchung, aus der Gewissheit ein Recht zur Herrschaft über andere abzuleiten. Die Unterscheidung zwischen der Wahrheit und ihrem missbräuchlichen Gebrauch ist deshalb entscheidend.
Bedingungen eines ehrlichen Gesprächs
Damit ein interreligiöser Dialog gelingt, sind einige Voraussetzungen nötig. Zunächst die Bereitschaft, den eigenen Glauben klar zu benennen, statt ihn zu verschleiern. Ein Gespräch, in dem beide Seiten ihre Überzeugungen verstecken, führt zu keiner Begegnung. Sodann die Fähigkeit, dem Anderen wirklich zuzuhören und seine Position in ihrer eigenen Gestalt wahrzunehmen, nicht als Zerrbild.
Böttigheimer weist darauf hin, dass ein solches Gespräch die Unterschiede nicht einebnet. Es kann durchaus zu der Erkenntnis führen, dass Positionen unvereinbar sind. Der Gewinn liegt nicht in der Auflösung aller Differenzen, sondern im wachsenden Verständnis für den Anderen und darin, dass Streit über die letzten Fragen ohne Gewalt und ohne Verachtung geführt wird.
Toleranz als anspruchsvolle Haltung
Aus dieser Überlegung ergibt sich ein anspruchsvolleres Bild der Toleranz, als es die alltägliche Rede oft nahelegt. Sie ist nicht das bequeme Achselzucken dessen, dem alles gleich ist, sondern die schwierige Tugend, eine fremde Überzeugung zu achten, obwohl man sie für unzutreffend hält. Diese Haltung verlangt Festigkeit im eigenen Glauben und zugleich Offenheit für den Anderen.
Für das Zusammenleben in einer religiös vielfältigen Gesellschaft ist dies mehr als eine akademische Frage. Wo Wahrheit und Toleranz als Gegensätze erscheinen, drohen entweder Fanatismus oder Beliebigkeit. Werden sie dagegen als aufeinander bezogen verstanden, eröffnet sich ein Weg, auf dem tiefe Überzeugungen und friedliches Miteinander zusammenbestehen können. Der interreligiöse Dialog erweist sich so nicht als Bedrohung des Glaubens, sondern als eine Form, ihn ernst zu nehmen.



