Bosniens Muslime und der europäische Islam

In den Debatten über einen europäischen Islam wird häufig übersehen, dass es Muslime gibt, die keine Zuwanderer sind, sondern seit Jahrhunderten in Europa leben. Die Muslime Bosniens und der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien gehören dazu. Der Theologe Hansjörg Schmid hat auf diese Erfahrung aufmerksam gemacht und gefragt, welche Anstöße von ihr für das Zusammenleben in Europa ausgehen können.

Ein alteingesessener Islam

Der Islam auf dem Balkan ist kein Import der Gegenwart. Er reicht in die osmanische Zeit zurück und hat sich über Generationen in die Kultur der Region eingeschrieben. Die bosnischen Muslime sind Europäer nicht durch Anpassung, sondern durch Herkunft. Ihre Sprache, ihre Geschichte und ihre Lebensweise sind europäisch, und ihr Glaube ist Teil dieser europäischen Wirklichkeit.

Diese schlichte Tatsache verändert die übliche Fragestellung. Wo sonst diskutiert wird, ob und wie sich zugewanderte Muslime in europäische Gesellschaften einfügen können, zeigt Bosnien, dass islamisches Leben in Europa keine offene Frage der Zukunft, sondern eine gelebte Vergangenheit ist. Der bosnische Islam hat über lange Zeit gelernt, in einem Umfeld zu bestehen, das von christlichen und jüdischen Nachbarn, von staatlicher Vielfalt und wechselnden Herrschaften geprägt war.

Erfahrung des Zusammenlebens

Aus dieser Geschichte erwuchs eine Prägung, die Schmid als lehrreich betrachtet. Der Islam Bosniens entwickelte Formen der Frömmigkeit und der Rechtsauslegung, die auf ein Leben in einer pluralen Gesellschaft eingestellt waren. Toleranz gegenüber Andersgläubigen war nicht bloß ein politisches Zugeständnis, sondern gehörte zur Alltagserfahrung von Menschen, die mit Christen und Juden Tür an Tür wohnten.

Zugleich ist dieses Bild nicht zu idealisieren. Der Krieg in Bosnien in den 1990er Jahren zeigte, wie zerbrechlich das Zusammenleben sein kann und wie leicht sich religiöse Zugehörigkeit für Gewalt instrumentalisieren lässt. Gerade deshalb ist die bosnische Erfahrung doppelt aufschlussreich. Sie erzählt von einer langen Übung im Miteinander und zugleich von deren Gefährdung. Beides gehört zur Wahrheit über diesen Islam.

Ein Modell mit Einschränkungen

Ob Bosnien als Modell für einen europäischen Islam taugen kann, ist mit Vorsicht zu beantworten. Die Verhältnisse in Westeuropa unterscheiden sich erheblich von denen des Balkans. Die Muslime, die dort seit Mitte des 20. Jahrhunderts einwanderten, stammen aus anderen Traditionen und leben in anderen sozialen Zusammenhängen. Ein bloßes Übertragen bosnischer Muster verbietet sich.

Dennoch liegt der Wert des Beispiels darin, dass es die Vorstellung eines Islams widerlegt, der Europa grundsätzlich fremd sei. Wenn Muslime seit Jahrhunderten selbstverständlich zu Europa gehören, verliert die Rede von einem unüberbrückbaren Gegensatz ihre Grundlage. Der bosnische Islam kann als Brücke wirken, weil er beide Seiten kennt, die europäische Herkunft und die islamische Überlieferung.

Was daraus folgt

Die Beschäftigung mit den Muslimen Südosteuropas verändert die Perspektive auf eine der drängenden Fragen des Kontinents. Sie erinnert daran, dass Europa religiös nie einheitlich war und dass Vielfalt nicht erst durch die jüngste Zuwanderung entstanden ist. Ein europäischer Islam muss nicht neu erfunden werden, denn es gibt ihn in einer seiner Gestalten schon lange.

Zugleich bleibt die Aufgabe, aus dieser Einsicht praktische Folgen zu ziehen. Das Zusammenleben verschiedener Glaubensgemeinschaften gelingt nicht von selbst. Es verlangt Bildung, gegenseitige Kenntnis und den Willen, Unterschiede auszuhalten. Die bosnische Geschichte liefert dafür kein fertiges Rezept, wohl aber die Ermutigung, dass ein solches Zusammenleben in Europa möglich war und ist.

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