Wohngemeinschaft Naunynstraße: 25 Jahre gelebte Gastfreundschaft
In einem Altbau in Berlin-Kreuzberg besteht seit einem Vierteljahrhundert eine Wohngemeinschaft, die sich schwer in gängige Kategorien fügt. Die Wohngemeinschaft Naunynstraße ist weder eine klassische Kommune noch ein soziales Amt, sondern ein Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft für kürzere oder längere Zeit zusammenleben. Getragen wird das Projekt von einer kleinen Gemeinschaft, die sich der Nachbarschaft geöffnet hat. Zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen entstand eine Textsammlung, in der Bewohnerinnen, Bewohner und Gäste zurückblicken. Ihr Leitgedanke lässt sich in einer Formel zusammenfassen: der ständige Wechsel vom Gast zum Gastgeber und wieder zum Gast.
Kreuzberg als Nachbarschaft
Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Kreuzberg gehörte über Jahrzehnte zu den ärmeren Vierteln der Stadt, geprägt von Zuwanderung, engen Wohnverhältnissen und einer Bevölkerung, die aus vielen Ländern stammt. Wer sich hier niederlässt, lebt zwischen türkischen Läden, alteingesessenen Familien, Studierenden und Menschen, die anderswo keinen Platz gefunden haben. Die Wohngemeinschaft versteht sich als Teil dieser Nachbarschaft, nicht als Insel darin. Ihre Tür steht offener als die der meisten Haushalte, und genau darin liegt ihr Programm: präsent zu sein, ansprechbar zu bleiben und den Alltag des Viertels zu teilen, statt ihn aus der Distanz zu betrachten.
Über die Jahre gingen viele durch diese Wohnung. Manche blieben eine Nacht, andere Monate oder Jahre. Studierende, Reisende, Menschen in Krisen, Bekannte von Bekannten. Die Sammlung zum Jubiläum verzeichnet Beiträge in mehreren Sprachen und deutet damit an, wie weit die Wege reichten, die sich in der Naunynstraße kreuzten.
Der Wechsel der Rollen
Das eigentlich Ungewöhnliche des Projekts liegt in seinem Verständnis von Gastfreundschaft. Üblicherweise sind die Rollen klar verteilt: Es gibt den, der einlädt, und den, der empfangen wird. In der Naunynstraße wird diese Ordnung bewusst in Bewegung gehalten. Wer heute als Gast kommt, kann morgen selbst Tür und Küche für einen anderen öffnen. Der Gastgeber wiederum erlebt sich immer wieder als Bedürftiger, als jemand, der auf die Anwesenheit und die Geschichten der anderen angewiesen ist. Gastfreundschaft erscheint so nicht als einseitige Wohltat, sondern als Verhältnis, in dem beide Seiten geben und empfangen.
Dieser Rollenwechsel hat praktische wie geistige Seiten. Praktisch bedeutet er, dass niemand nur versorgt und niemand nur zuständig ist; Verantwortung wird geteilt, Nähe muss ausgehalten werden. Geistig verweist er auf eine ältere Einsicht, die in vielen Kulturen bekannt ist: dass der Fremde, der an die Tür klopft, eine Gabe mitbringt und nicht nur eine Last darstellt. Die Beiträge der Textsammlung erzählen von Begegnungen, die genau dies bestätigen, ebenso wie von Reibungen, denn ein solches Zusammenleben ist nicht frei von Konflikten.
Wie stabil ein solches Miteinander ist, zeigt sich weniger in guten Zeiten als in der Bewältigung des Alltäglichen. Küchendienst und Miete, unterschiedliche Rhythmen von Nachtarbeit und frühem Aufstehen, das Aushandeln von Nähe und Rückzug: An diesen kleinen Dingen entscheidet sich, ob aus einem Ideal eine tragfähige Praxis wird. Die Sammlung verschweigt nicht, dass dies Kraft kostet und dass manche Erwartung enttäuscht wurde. Gerade darin liegt ihre Glaubwürdigkeit, denn sie berichtet nicht von einem Vorzeigeprojekt, sondern von einem Ort, an dem Menschen mit ihren Grenzen sichtbar blieben.
Was bleibt
Fünfundzwanzig Jahre sind für ein Wohnprojekt eine lange Zeit. Viele ähnliche Initiativen entstanden in den Jahrzehnten sozialer Aufbrüche und lösten sich nach kurzer Zeit wieder auf. Dass die Wohngemeinschaft Naunynstraße Bestand hatte, verdankt sich weniger einem festen Programm als einer beharrlichen Praxis. Sie hat nicht versucht, die Verhältnisse im Viertel grundlegend zu ändern, sondern sich darauf beschränkt, an einem Ort verlässlich vorhanden zu sein und Menschen einen Platz anzubieten.
Die Sammlung zum Jubiläum ist deshalb kein Rechenschaftsbericht über erreichte Ziele, sondern ein vielstimmiges Gedächtnis. Sie hält fest, wer kam und ging, was gelang und was misslang, und sie überlässt es den Lesenden, daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Sichtbar wird dabei ein leises Gegenmodell zu einer Gesellschaft, in der Wohnen oft Rückzug bedeutet und Nachbarschaft zur Anonymität schrumpft. Der ständige Wechsel vom Gast zum Gastgeber ist kein spektakuläres Rezept, aber er beschreibt eine Haltung, die auch nach einem Vierteljahrhundert nichts von ihrer Aktualität verloren hat.



