Pilgern heute: Unterwegssein als Sinnsuche
Der Jakobsweg war über Jahrhunderte ein Weg der Frommen. Heute gehen ihn Manager im Sabbatical, Studentinnen nach dem Examen, Paare nach der Trennung und Menschen, die auf die Frage nach ihrem Glauben mit einem Achselzucken antworten würden. Seit Hape Kerkelings Bericht „Ich bin dann mal weg" von 2006 ist das Pilgern im deutschen Sprachraum endgültig im Mainstream angekommen. Die alten Wege sind voll wie seit dem Mittelalter nicht. Warum?
Alte Wege, neue Gehende
Die Herbergsstatistiken von Santiago de Compostela erzählen von einem stetig wachsenden Strom, und wer die Ankommenden fragt, hört selten klassische Frömmigkeit. Häufiger fallen Worte wie Auszeit, Klärung, Abstand, Neuanfang. Das Pilgern hat sich von der Wallfahrt gelöst, ohne seine Grundgestalt zu verlieren: ein Weg mit Ziel, gegangen aus einem Anlass, der größer ist als Urlaub.
Dass ausgerechnet religiös ungebundene Menschen diese Form suchen, ist weniger paradox, als es scheint. Das Pilgern verlangt kein Bekenntnis. Es verlangt Schuhe, Zeit und die Bereitschaft, sich auf eine alte Ordnung einzulassen: gehen, essen, schlafen, weitergehen. Genau diese Schlichtheit ist die Verheißung.
Der Camino ist dabei längst nicht die einzige Möglichkeit. Auch im deutschsprachigen Raum wurden in den vergangenen Jahrzehnten alte Pilgerrouten wiederbelebt und neu ausgeschildert, von den regionalen Jakobswegen über den Rheinischen Jakobsweg bis zu ökumenischen Pilgerpfaden, die sich auch in einer einzelnen Urlaubswoche gehen lassen. Wer das Pilgern erproben will, muss also weder nach Spanien fliegen noch drei Monate frei nehmen. Ein Wochenende auf einem markierten Weg, mit leichtem Gepäck und ohne festes Programm, genügt für einen ersten Eindruck davon, was das lange Gehen mit einem macht.
Entschleunigung: das Tempo des Körpers
Vier bis fünf Kilometer in der Stunde. Mehr gibt der Körper nicht her, und nach wenigen Tagen hört der Kopf auf, dagegen zu protestieren. Wer wochenlang geht, erlebt eine Verlangsamung, die sich im Alltag kaum herstellen lässt: Die Landschaft ändert sich in Schrittgeschwindigkeit, Entfernungen bekommen wieder Gewicht, ein Gewitter ist keine Wetter-App-Meldung, sondern eine Frage nach dem nächsten Dach. Viele Pilgernde beschreiben, dass nach etwa einer Woche das Gedankenkarussell leiser wird. Was bleibt, ist der Rhythmus der Schritte, und in diesem Rhythmus sortieren sich Dinge, die zu Hause jahrelang festgefahren waren.
Leiblichkeit: Denken mit den Füßen
Sinnsuche findet in der Gegenwart meist im Kopf statt: lesen, grübeln, reden. Das Pilgern verlagert sie in den Körper. Blasen, Muskelkater, Hunger, die Wohltat von Wasser und Schatten: Der Leib meldet sich zurück und holt die großen Fragen auf den Boden. Diese Erdung hat eine lange geistliche Tradition. Beten mit den Füßen nannte die Volksfrömmigkeit das Wallfahren, und die Klugheit dieser Formel zeigt sich jedem, der erlebt hat, wie eine Einsicht nicht am Schreibtisch kommt, sondern am dritten Anstieg des Tages.
Nicht jede Sinnsuche braucht dabei tausend Kilometer. Der heilige Einsiedler Niklaus von Flüe verließ im 15. Jahrhundert Hof und Familie und ging nur wenige Kilometer weit, in die Ranftschlucht unterhalb seines Hofes; die Menschen pilgerten fortan zu ihm. Der Ort des Aufbruchs ist offenbar weniger entscheidend als sein Ernst.
Gemeinschaft unterwegs
Wer allein losgeht, bleibt selten allein. Die Herberge, der geteilte Tisch, das wiederholte Wiedersehen mit denselben Gesichtern über Hunderte Kilometer: Auf dem Weg entsteht eine Gemeinschaft auf Zeit, die erstaunlich tief reichen kann. Gespräche unter Gehenden haben eine eigene Offenheit, vielleicht, weil man nebeneinander geht statt einander gegenüberzusitzen, und weil man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wiedersieht. Für viele ist diese unverzweckte Begegnung die eigentliche Entdeckung des Pilgerns, gerade in einer Zeit, in der Kontakte sonst über Bildschirme laufen.
Ankommen und zurückkommen
Das Ziel ist wichtig, aber es ist nicht die Pointe. Wer in Santiago ankommt, steht nach der ersten Freude oft vor einer leisen Ernüchterung: Der Weg ist zu Ende, die Fragen sind es nicht. Erfahrene Pilgerbegleiter raten deshalb, dem Zurückkommen ebenso viel Sorgfalt zu widmen wie dem Aufbruch, damit die Erfahrung nicht im ersten Arbeitsmonat verdunstet.
Dafür gibt es erprobte Formen. Wer den inneren Weg zu Hause fortsetzen möchte, findet in den Exerzitien im Alltag eine Art Pilgern am Ort: feste tägliche Stillezeiten über mehrere Wochen, begleitet und alltagstauglich. Vertiefende Texte zu Stille, Erfahrung und Lebensdeutung versammelt die Essay-Sammlung. Das Gehen endet am Zielort. Das, was es angestoßen hat, muss dort nicht enden.




