Versöhnung nach Konflikten: Wege zurück zueinander

Wenn ein Krieg endet oder eine Diktatur stürzt, beginnt die schwierigste Phase oft erst. Die Waffen schweigen, aber die Gesellschaft ist zerrissen: Täter und Opfer leben im selben Land, manchmal in derselben Straße. Wie findet ein Gemeinwesen nach massivem Unrecht wieder zu sich selbst? Die Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts hat darauf keine fertige Antwort hervorgebracht, wohl aber einige Einsichten, die sich über sehr verschiedene Länder hinweg wiederholen.

Wahrheit vor Versöhnung

Die bekannteste dieser Einsichten trägt einen Namen: Wahrheitskommission. Südafrika hat nach dem Ende der Apartheid mit seiner Wahrheits- und Versöhnungskommission unter Desmond Tutu das prominenteste Beispiel geschaffen; ähnliche Einrichtungen gab es unter anderem in Chile, Argentinien, Guatemala und Sierra Leone. Der Grundgedanke ist überall derselbe. Bevor eine Gesellschaft sich versöhnen kann, muss sie wissen und öffentlich anerkennen, was geschehen ist. Opfer berichten vor der Kommission, Täter legen Rechenschaft ab, das Land hört zu.

Das klingt schwächer als ein Strafprozess, und in gewisser Hinsicht ist es das auch. Der südafrikanische Weg, Tätern bei vollständiger Aussage Amnestie zu gewähren, bleibt bis heute umstritten; viele Angehörige von Ermordeten haben ihn als zweites Unrecht empfunden. Aber die Kommissionen leisten etwas, das Strafprozesse allein nicht leisten. Ein Prozess klärt individuelle Schuld in engen juristischen Grenzen. Eine Wahrheitskommission zeichnet das Gesamtbild: das System hinter den Taten, die Namen der Verschwundenen, die Beteiligung von Institutionen. Sie entzieht damit dem Leugnen den Boden. Nach ihrem Bericht kann niemand mehr sagen, man habe von alledem nichts gewusst.

Die Perspektive der Opfer als Maßstab

Ob Versöhnung gelingt, entscheidet sich nicht an den Tätern und nicht an den politischen Eliten, sondern an den Opfern. Das wird regelmäßig übersehen, weil Regierungen nach Konflikten unter Druck stehen, schnell Normalität herzustellen. Dann ist von Schlussstrichen die Rede, von der Notwendigkeit, nach vorn zu schauen. Für die Überlebenden kehrt sich diese Logik um: Ihnen wird zugemutet, um des Friedens willen auf Anerkennung zu verzichten, und genau diese Zumutung vergiftet den Frieden von innen.

Versöhnung, die den Namen verdient, beginnt deshalb bei drei Dingen, die nur den Opfern zustehen. Anerkennung: Das Unrecht wird als Unrecht benannt, ohne Relativierung. Wiedergutmachung: materiell, wo es möglich ist, symbolisch, wo Materielles nicht mehr hilft. Und Sicherheit: die glaubwürdige Garantie, dass sich das Geschehene nicht wiederholt. Vergebung kann auf all das folgen. Sie kann aber nicht verordnet, nicht erbeten im Namen der Staatsräson und schon gar nicht vorausgesetzt werden. Vergebung ist ein Geschenk der Opfer, kein Anspruch der Gesellschaft an sie.

Zeit: die unterschätzte Dimension

Die dritte Einsicht ist die unbequemste. Versöhnung braucht Zeit, und zwar mehr Zeit, als politische Kalender vorsehen. Die deutsche Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen kam erst zwei Jahrzehnte nach Kriegsende ernsthaft in Gang und ist nach drei Generationen nicht abgeschlossen. Die deutsch-französische Verständigung, heute selbstverständlich, brauchte Jahrzehnte gemeinsamer Institutionen, Städtepartnerschaften und Jugendaustausche, ehe aus verordneter Aussöhnung gelebte Nachbarschaft wurde. Wer nach fünf Jahren Ergebnisse verlangt, misst mit dem falschen Maß.

Zeit allein heilt allerdings nichts. Verschwiegenes Unrecht verschwindet nicht, es lagert sich ab und bricht in der nächsten Krise wieder auf, oft nach Generationen. Zeit wirkt nur zusammen mit Wahrheit und Anerkennung. Sie erlaubt dann, was am Anfang unmöglich scheint: dass Kinder von Tätern und Kindern von Opfern gemeinsam lernen, arbeiten, heiraten. Versöhnung vollzieht sich weniger in Verträgen als in solchen Biografien.

Was daraus folgt

Für Gesellschaften nach Konflikten lassen sich daraus Prüfsteine gewinnen. Wird die Wahrheit öffentlich verhandelt oder verwaltet? Haben die Opfer eine Stimme oder nur eine Gedenkminute? Ist von Verantwortung die Rede oder von Schlussstrichen? Und rechnet der Prozess in Generationen oder in Legislaturperioden? Diese Fragen stellen sich nicht nur in fernen Ländern. Auch Europa lebt von Versöhnungsleistungen, die einmal für unmöglich gehalten wurden, und bleibt auf Einrichtungen angewiesen, die Verständigung über Grenzen hinweg organisieren; die Übersicht zu internationalen Kooperationen zeigt Beispiele solcher Arbeit. Dass Gewalt und ihre Überwindung zu den ältesten Menschheitsfragen gehören, führt der Essay Wo ist dein Bruder Abel? aus. Und wer die Bedingungen dauerhaften Friedens grundsätzlicher bedenken will, findet in Der Weg zum Frieden den passenden Rahmen. Versöhnung, so zeigt sich überall, ist kein Ereignis. Sie ist ein Weg, den eine Gesellschaft nur ganz gehen kann oder gar nicht.

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