Kirche und Staat in Ungarn: eine heikle Nähe

Seit bei den Wahlen von 2010 die nationalkonservativen Kräfte in Ungarn eine Zweidrittelmehrheit im Parlament errangen, veränderte sich das Verhältnis von Politik und Religion spürbar. Der Theologe János Wildmann hat diese Entwicklung in einem Beitrag für die Herder Korrespondenz aus dem Jahr 2011 kritisch beleuchtet. Sein Befund ist unbequem: Angesichts weitreichender Eingriffe der Regierung, bis hin zu rückwirkenden Änderungen der Gesetzgebung, verhielt sich die katholische Kirche des Landes auffällig still. Diese Nähe zwischen kirchlicher Führung und Staatsmacht wirft eine grundsätzliche Frage nach der Rolle der Kirche in einem Gemeinwesen auf.

Die Versuchung der Nähe

Für eine Kirche, die jahrzehntelang unter kommunistischer Herrschaft eingeschränkt und überwacht war, hat eine Regierung, die sich betont christlich gibt und Kirchen fördert, einen offensichtlichen Reiz. Es winken finanzielle Unterstützung, gesellschaftliches Ansehen und Einfluss auf Bildung und Kultur. Wildmann zeigt, wie verständlich diese Anziehung ist und wie gefährlich sie zugleich sein kann. Wer sich der Macht anvertraut, gerät in Abhängigkeit von ihr. Die Gunst, die heute gewährt wird, kann morgen an Wohlverhalten geknüpft werden.

Das eigentliche Problem liegt nicht in der Zusammenarbeit an sich. Kirche und Staat berühren sich in vielen Feldern, von der Bildung bis zur sozialen Fürsorge, und ein sachliches Miteinander ist legitim. Kritisch wird es dort, wo die Nähe die kirchliche Fähigkeit lähmt, das Handeln der Regierung an einem Maßstab zu messen, der über der Tagespolitik liegt. Wenn Dankbarkeit in Loyalität und Loyalität in Schweigen umschlägt, hat die Kirche einen Teil ihrer Sendung aufgegeben.

Das Schweigen und seine Folgen

Wildmann benennt konkrete Punkte, an denen ein Wort erwartbar gewesen wäre. Rückwirkende Gesetze, der Umgang mit Minderheiten, die Aushöhlung von Kontrollinstanzen: All das berührt Fragen von Recht und Würde, zu denen die kirchliche Soziallehre eine klare Sprache kennt. Das Ausbleiben einer öffentlichen Stellungnahme wird so selbst zu einer Aussage. Es signaliert Zustimmung oder mindestens Gleichgültigkeit und wird von der Öffentlichkeit auch so verstanden.

Damit steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Eine Kirche, die für sich in Anspruch nimmt, im Namen des Evangeliums zu sprechen, verliert an Überzeugungskraft, wenn sie ihre Stimme nur dann erhebt, wenn es ihr nützt. Der Vorwurf, sie messe mit zweierlei Maß, lässt sich dann schwer entkräften. Besonders jene, die sich von der Regierung bedrängt fühlen, erfahren das Schweigen als Verlassenwerden.

Distanz als Bedingung der Freiheit

Aus Wildmanns Analyse lässt sich eine allgemeinere Einsicht gewinnen. Eine Kirche braucht Distanz zur politischen Macht, nicht um sich der Welt zu entziehen, sondern um in ihr frei sprechen zu können. Nur wer nicht am Tropf der Regierung hängt, kann eine Regierung kritisieren, ohne um seine Existenz zu fürchten. Diese Freiheit ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass Religion überhaupt eine unabhängige Stimme im öffentlichen Raum bleibt.

Dabei geht es nicht um eine grundsätzliche Feindschaft gegenüber der Politik. Die kirchliche Soziallehre selbst fordert, das Gemeinwohl zu suchen und mit staatlichen Stellen zusammenzuwirken. Der Unterschied liegt in der Freiheit, ein solches Zusammenwirken jederzeit auch aufkündigen oder öffentlich in Frage stellen zu können. Wer diese Freiheit gegen Vorteile eintauscht, verwandelt eine mögliche Partnerschaft in eine Fessel. Genau davor warnt Wildmann, wenn er das Schweigen der Bischöfe nicht als Klugheit, sondern als Preisgabe einer Verantwortung deutet.

Die Geschichte kennt beide Wege. Es gab Kirchen, die sich mit Machthabern verbündeten und dafür teuer bezahlten, als deren Herrschaft endete. Und es gab jene, die aus einer Position der Unabhängigkeit heraus zum Gewissen ihrer Gesellschaft wurden. Der ungarische Fall reiht sich in eine lange Reihe von Prüfungen ein, in denen sich entscheidet, welchen Weg eine Kirche wählt.

Wildmann urteilt nicht von außen als Gegner der Institution, sondern als jemand, der ihr Bestes will. Sein Beitrag ist eine Mahnung, die weit über Ungarn hinausreicht. Überall dort, wo eine Regierung religiöse Gefühle für sich einspannt und Kirchen mit Wohltaten umwirbt, stellt sich dieselbe Frage. Sie lautet, ob die Kirche bereit ist, den Preis der Distanz zu zahlen, um die Freiheit ihres Wortes zu bewahren. Wo sie diesen Preis scheut, droht aus dem Bündnis eine unheilvolle Allianz zu werden, die am Ende beiden Seiten schadet, dem Glauben ebenso wie dem Gemeinwesen.

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