Die Gnade des Bettelns

Vertrauen und Sehnsucht

Auf seinem Pilgerweg nach Jerusalem wehrte sich Ignatius von Loyola entschieden gegen jede materielle Absicherung. Gottes Gnade allein sollte auf den Straßen und Seereisen genügen. Das betende Vertrauen in die Führung Gottes ist das Fundament für das weitere Geschehen. Ein Geschenk ist es, unsere Bedürftigkeit sehen und zeigen zu können. Ähnlich wie bei Bartimäus fragt uns Jesus: "Was soll ich dir tun?" (Mk 10,51) Wir werden aufgefordert, Ihm unsere größte Sehnsucht zu sagen. Wir dürfen aus dem Vielerlei von Wünschen und den Sowohl-als-auch-Gedankenspielen heraus treten. Dann können wir uns über den Schatz Gottes in uns freuen, ihn wertschätzen, alles Zweitrangige verkaufen, um uns ihm noch mehr zu nähern, und können die Wertschätzung Gottes in uns und anderen Menschen ausgraben (Mt 13,44). Auf dieses Abenteuer sollen wir uns gleich allen anderen Menschen mit leeren Händen einlassen. Dazu fordert uns Jesus mit seinem Leben heraus.

Abenteuer

Das Abenteuer Gottes unter uns ist seine Menschwerdung, zu der er auch uns einlädt. Sich auf die Verwandtschaft mit Ihm einzulassen ist ein herausfordernder, unplanbarer Prozess, in dem das eigene Nichtwissen und alle damit verbundenen Ängste nochmals aufkochen. Doch die Berührungsängste gegenüber ausgegrenzten Menschen in unserer Gesellschaft schwinden und wir können eine innere Freiheit spüren. Ignatius berichtet von diesen bestätigenden Erlebnissen. Wir dürfen ein Sprechen Gottes in uns wahrnehmen. Dieses sanfte innere Berühren Gottes bleibt anfangs vielleicht unbemerkt. Doch wenn wir uns darauf - möglichst sofort - wie Samuel (1 Samuel 3,4ff) einlassen, dann können wir Gottes Einladung hören. Jesus fordert uns vielleicht auf, zu Ihm übers Wasser zu kommen (Mt 14,29). Wie bei Petrus bricht die Einheit mit Ihm dann auch mal bei uns plötzlich ab. Unser ganzer Mut ist gefordert das Handeln Gottes zu uns präsent zu halten und neu ins Vertrauen zu Ihm zu kommen.

Neues Wahrnehmen

Erfahrungen und theoretische Überlegungen machen oft blind für das Jetzt, in dem uns Gott neu begleitende Geschwister schickt. Wenn wir darin seine Liebe wahrnehmen, kann das Abenteuer des Entdeckens weiter gehen. Wir finden Gemeinschaft, die sich auf das Heilige in uns allen beruft, und finden mitten in unserer Bedürftigkeit - bettelnd - in die Freude des Schauens Gottes. Er nutzt immer neue Orte, an denen wir liebgewordene Vorstellungen fallen lassen können, um Ihm neu zu begegnen. Unsere Offenheit ist herausgefordert. Wir spüren seine Barmherzigkeit in uns und können im Handeln aus seiner Liebe sonst sinnvolle gerechte Grundsätze beiseite legen und die Menschwerdung Gottes in uns allen zulassen.

 

Zieh deine Schuhe an einem Ort aus, der dir unangenehm ist!

Ein junger Mann in Budapest war bereit, seine Schuhe mitten in der Stadt auszuziehen und ging auf einen Platz, an dem sich Ausländer trafen, die eine Arbeit suchten. Dort kamen auch die Menschen vorbei, die billige Tagelöhner suchten. Unfallversicherung und Steuer sollte nicht gezahlt werden. Alles musste im Geheimen geschehen. An diesen Ort ging der junge Mann und zog sich schon am Rand des Platzes seine Schuhe aus. Dann gesellte er sich unbehelligt zu der Gruppe der Arbeit(er)suchenden. Von ihm ging keine Gefahr aus, denn er war sicher kein Polizist, Staatsanwalt oder Richter, denn die kamen nicht barfüßig daher. Sie wurden über den Platz schon von Weitem bemerkt. Der junge Mann wollte sein Land aus einem neuen Blickwinkel sehen, die unverblümte Wirklichkeit und nicht eine Repräsentationsfolie, zusammengesetzt aus vielen Vorurteilen. Ja, er suchte vor allem nach dem Ort, wo ihm der auferstandene Jesus in seiner Stadt begegnen konnte oder wie er sie aus seiner Perspektive sehen konnte.

Voll Freude kehrte er abends nach Hause zurück. Er hatte an diesem Tag fünf Mal staunend seine Schuhe und vor allem seine Vorurteile ausgezogen und konnte sich und seine Mitmenschen z.B. in der Suppenküche als Geschwister erleben und sich darüber freuen.

Ebenso ging eine junge Frau in Deutschland an einen Drogenumschlagplatz in der Nähe einer U-Bahnstation ihrer Stadt. Sie mied diesen Ort sonst besonders wegen des Lärmes dort. An einem Tag der Besinnung, an dem sie ihren stressigen Alltag hinter sich lassen konnte, ging sie an diesen Treffpunkt der Menschen, die ihr so fremd waren. Sie zog die Schuhe ihres Herzens, ihren Hochmut, ihre Verurteilungen, ihre Distanz aus. Unglaublich, sonst fand sie Stille und Erquickung eher in Parks oder in Kirchen, jetzt hier in dem Trubel. Staunend blieb sie in Sichtweite stehen. Sie sah viel Schmerzhaftes im Umgang miteinander, aber dann auch ganz zärtliche Szenen, in denen Menschen achtsam mit denen umgingen, die in ihrem Rausch die Orientierung verloren hatten. Fast unbemerkt hatten sich die Schuhe der Frau geöffnet und sie standen jetzt sogar neben ihr. Eine Meditation, ganz verwurzelt in der Realität, hatte stattgefunden - mit den Füßen und dem Herzen gefühlt.

"Zieh die Schuhe aus!" - diese Anweisung bekam Mose, als er sich neugierig einem brennenden Dornbusch in der Wüste näherte (2. Mose 3,5). In diesem Busch brannte ein Feuer, das die Zweige aber nicht verbrannte. So sah Mose mitten in den Dornen des Lebens die Liebe Gottes, die den Menschen erwärmt aber nicht verbrennt. Mose wurde in dieser Situation der Verletzlichkeit auf eine beiseite geschobene Wirklichkeit in seinem Leben hingewiesen: Sein Volk litt große Not und wartete unbewusst auf seine Befreiung. Gott wollte ihn nun als 80jährigen dafür in seinen Dienst nehmen.

Was magst du unter den Menschen bemerken, denen du gern aus dem Weg gehst? Keiner kann das Ergebnis voraussehen. Doch wenn wir uns auf dieses Abenteuer mit dem unter uns anwesenden Gott mitten unter den von uns Unbeachteten oder sogar Verdrängten einlassen, dann bekommt das Leben eine neue Kraft.

Jesus wiederholt die Anweisung "Zieht die Schuhe aus", als er die Jünger "wie Schafe unter die Wölfe" in die Orte sendet, in denen er in der nächsten Zeit predigen wollte. Dort sollen sie sich in die Familien einladen lassen und den Menschen den Frieden bringen. Wenn sie die fremden Häuser betreten, werden sie aus Respekt vor den Bewohnern ihre Schuhe ausziehen. Jesus sagt ihnen aber: Nehmt keine Schuhe mit (Lk 10,3f)! Der Besuch in den Häusern beginnt also schon hier und jetzt, höre ich.

Wann willst du in der Bereitschaft leben, die hochhackigen Schuhe des Hinuntersehens, die Turnschuhe für die schnelle Flucht, die dicken Stiefel, mit denen du zutreten kannst oder die bunten Schuhe der Eitelkeit abzulegen und neu für die erfühlte Wirklichkeit ansprechbar zu sein?

Weitere Anregungen für das Üben der Aufmerksamkeit in der Stadt finden sich unter dem Stichwort "Exerzitien auf der Straße" www.con-spiration.de/exerzitien und in dem kleinen Buch: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Echterverlag

 

Was ist für mich beim Thema Priester wichtig geworden?

Der Ausgangspunkt, mein Fundament

In Anlehnung an die Versuchungsgeschichte Jesu, die dem öffentlichen Wirken vorausgeht und in Erinnerung an den Exorzismus in der Taufvorbereitung nenne ich zuerst mein Nein, mein Widersagen: In der Taufe wurde uns eine Würde zugesprochene und in der Salbung mit Chrisam hervorgehoben. Wir wurden in das König-, Propheten- und Priestersein Jesu mit hineingenommen. Diese Würde ist durch keinen Dienst oder Zugehörigkeit zu einer speziellen Kaste überbietbar. Der Versuchung, hinter dieser Zusage Gottes zurückzubleiben, will ich widersagen.

Eine vielleicht typisch religiöse Versuchung ist es, besser als andere sein zu wollen (Pharisäer-Zöllner-Erzählung im Tempel) oder auf die scheinbar Besseren / Heiligeren auf zu blicken und dabei eigene Verantwortung abzugeben. Diesen Sog der praktischen Distanzierung von der Botschaft Jesu in vielen kirchlichen Beziehungen nenne ich klerikales Suchtverhalten, das mich oft an die Entmündigung auf Führungspersönlichkeiten hin im faschistischen Umfeld erinnert. Die Mehrheit der Gläubigen wird dabei zu "Laien". Schon diese Wortwahl widerspricht der Botschaft des Evangeliums, die uns in unserer individuell geschenkten Würde vor Gott als Gleiche stehen lässt. Jesus hat die religiösen und gesellschaftlichen Grenzen zu den Zöllnern und Sündern und allen anderen Ausgegrenzten immer wieder überschritten und diese Gleichheit mit ihnen in vielen Gastmählern ausgedrückt. Für diese Grenzverletzungen aus der Sicht der Autoritäten ist er selbst ausgegrenzt und hingerichtet worden.

Die Konzilstexte sprechen an verschiedenen Stellen von dieser Gleichheit unter uns Geschwistern, von unserem königlichen Priestertum, das wir als Einzelne und als ganzes Volk Gottes leben dürfen.

 

Der priesterliche Aspekt unserer menschlichen Würde ist ein Sammelbegriff

Als einen entscheidenden Aspekt der priesterlichen Begabung aller Gläubiger sehe ich das Erinnern durch Wort und Tat. Es ist ein Gegenwärtigsetzen der empfangenen Lebensimpulse und aller damit verbundenen Erfahrungen bis hin zu der Befreiung aus Ägypten (wie immer diese Sklaverei von Einzelnen genannt wird) und der Begegnung mit Jesus, der als Auferstandener unter uns lebt. Die ZeugInnen des Glaubens an die Gegenwart und Berührbarkeit Gottes sind als "Erinnerer" in der Kirche mit apostolischer Vollmacht eingesetzt. In diesem Sinn werden die geweihten Priester im letzten Konzil ermahnt, alle Gläubigen an ihr königliches Priestertum zu erinnern, so dass der zentral gesagte Satz "Tut dies zu meinem Gedächtnis" mit Leben erfüllt ist.

Christen dürfen als in der Taufe gesalbte königliche PriesterInnen auf die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes hinweisen. Uns allen ist diese Seite Gottes anvertraut, sie im Kontakt zu unseren Nächsten zu praktizieren. Wir alle dürfen den Weg der Befreiung gehen und unsere Mitmenschen um Verzeihung bitten und sie ihnen im eigenen und auch in Gottes Namen gewähren. Dieses verantwortliche Tun jeder/s Einzelnen soll durch die geweihten Priester gefördert und im sakramentellen Stehen vor Gott mit unserer eigenen Schuld erneuert werden.

Ein zentraler priesterlicher Aspekt gläubiger Wahrnehmung und Handlungsweise ist es, das Gute der Schöpfung zu sehen und anzusprechen, es zu segnen. Oft müssen wir uns dazu von herrschenden und Gewalt verherrlichenden Sichtweisen lösen um zu dem Blick Gottes zurück zu finden, dass alles von Ihm Geschaffene gut ist. Auch dazu soll der geweihte Priester durch sein Verhalten und in der Liturgie durch Danksagung und Segen ermutigen.

Viele Aspekte sind noch aufzuzählen, die einer gegenseitigen priesterlichen Ermutigung im Zusammenspiel der königlich/prophetischen/priesterlichen Begabung aller Menschen bedürfen. Besonders erinnere ich an den friedensstiftenden und den missionarischen Auftrag.

 

Jesus als Täter und Opfer steht im Mittelpunkt und lädt uns ein

In unserem königlichen Priestertum sind wir alle aufgefordert, uns Gott gegenüber zu stellen, der in Jesus unter uns handelt und zum Opfer menschlicher Ausgrenzung geworden ist und immer neu wird. Die Versuchungen sind vielfältig, diese Realität nicht an uns herankommen zu lassen. Einige Aspekte möchte ich aufzählen:

    - Oft machen wir Jesus zu einem Übermenschen, der zusätzliches göttliches Wissen einsetzen kann oder den Ratschluss Gottes voraus gesehen hat. Dabei übersehen wir seine Einladung, dass er uns als Söhne und Töchter Gottes angenommen hat. Dieses Leben gegenüber und mit Gott sprengt in uns all unsere Vorstellungen des Besitzens und der Macht. Jesus ruft uns in die befreiende Einheit mit ihm. Sie gibt kein rationales Zusatzwissen, aber öffnet uns für das Leben im Vertrauen auf seine größere Gerechtigkeit, auch wenn der Weg durch Einsamkeit, durch schmerzhaften "Gottes- und Heimatverlust" oder Tod führt. Jesus hat viele solche Situationen erlitten.

    - Jesus hat die Gefahr des Scheiterns voraus gesehen und ist den Weg der Wahrheit weiter gegangen. Oft hat er die Menschen seiner Umwelt geradezu provoziert, damit sie ihre menschliche Enge wahrnehmen ("Wer sind meine Mutter und meine Geschwister?" "übertünchte Gräber", umgeworfene Tische) und zur Umkehr finden. In der Erinnerung an Jesus brauchen wir priesterliche Menschen, die heilende Provokationen leben und uns aus der einschläfernden Harmoniesucht herausrufen, die wir in vielen menschlichen Beziehungen antreffen: "Ich tu dir nichts und du tust mir nichts." In dieser "hohen" Diplomatie verfliegt der Geist der Frohen Botschaft. Denn auf dem Weg der Heilung weisen die Schmerzen den Weg. Wir brauchen den Dienst der Störung, diesen Hinweis auf Situationen, in denen Gott/die Menschlichkeit/die Offenheit - für andere und mich selbst - beiseite geschoben werden. Jene, die sich von der Not anderer nicht abwenden und nicht nur das Handeln der Autoritäten einfordern, werden oft mit den beiseite Geschobenen selbst zu Opfern. Sie haben sich zu Jesus gestellt, der neu zum Opfer wird und uns herausfordert die Gerechtigkeit Gottes zu ahnen.

    - Wenn wir Jesus in seiner ganzen Gegenwart gestern und heute gegenübertreten und uns an ihn auch liturgisch erinnern, ihn also gegenwärtig sein lassen, dann treten wir ihn Beziehung zu der Gnade der Opfer. Jesus ist zum Opfer geworden. Durch Verleugnung der Einheit mit unserem Vater oder andere Formen der Flucht hat er sich nicht dem gewaltsamen Tod entzogen. Jesus selbst steht uns heute wieder in allen Opfern menschlicher Kälte und Gesetzlichkeit als Einzelne und unseren Gemeinschaften/christlichen Kirchen gegenüber.
    Die Gnade der Opfer ist die nicht einforderbare Gunst der Vergebung. In unserer königlich-priesterlichen Verantwortung dürfen wir sie nicht zur billigen Gnade wohlfeil für jeden Täter verkommen lassen. Der Schmerz der Opfer darf nicht verhöhnt werden. Die geweihten Priester bleiben in der Wertschätzung des Opfers Jesu, wenn sie sich unter den Tätern wiederfinden und um Verzeihung bitten und wenn sie die Einheit mit den Opfern heute suchen und sie vor Verspottung schützen. Eine Kirche ohne den Schmerz der Armen, Kranken, Gefangenen, Fremden wäre nicht die Kirche Christi. Diese Erinnerung ist immer neu nötig in Ehrfurcht vor dem Schmerz Jesu, von dem wir uns die Gnade des Verzeihens neu erhoffen.

    - Der regelmäßige Gottesdienst vor der Gegenwart Jesu in einem Abschiebegefängnis habe ich als Ort der Erneuerung erfahren. Hier konnte ich neu Beziehung mit dem Opfer Jesu aufnehmen. Dies ist ein Ort der Gegenwart Gottes unter uns. Solche Orte aufzusuchen und seine Repräsentanten unter uns zu bemerken, gerade wenn sie unsere Vorstellungen wie Jesus provokant in Frage stellen, ist für mich der befreiende Weg des Evangeliums, in dessen Dienst ich mich durch die Priesterweihe in einer besonderen Verantwortung gerufen fühle und von der Kirche in der Nachfolge Christi angenommen worden bin. Sie ist meine Ausgestaltung der empfangenen Würde in der Taufe.
    Ich darf Menschen bei der Suche ihrer Würde assistieren. Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei der Assistenz zwei Menschen, die sich gegenseitigen das Ehesakrament spenden, weil sie sich in Gott verbunden wissen. Sie werden auf dem Weg zu ihrem gegenseitigen liebenden und an der Schöpfung teilnehmenden Ja vom Priester gefragt, ob sie ihren Bund freiwillig eingehen (er soll ja eine Bindung hin zur größeren Freiheit sein), er bis zu ihrem Tod andauern (wie die Zusage der Liebe Gottes, die sogar über den Tod hinaus geht) und fruchtbar sein soll (und damit auch einen Egoismus zu zweit überwindet).
    Diesen Dienst am anderen, der exemplarisch an diesem Beispiel deutlich wird, ist für mich im Dienst eines geweihten Priesters entscheidend. Je mehr ich in Einheit mit allen Menschen in ihrem königlichen Priestertum bin und mich nicht abgrenze, desto mehr fühle ich mich in Einheit mit dem Verhalten Jesu, der mir als Hungriger, Durstiger, Kranker, Heimatloser, Gefangener ... begegnen will.

    - Das Verhalten der Christen in den unterschiedlichen Kirchen und Gemeinschaften ist oft kein lebendiges Zeugnis der Botschaft Jesu, weil viele ein träges Herz (Lk 24,25) haben und nicht hören können und Ausgrenzendes häufig nicht sehen wollen. Sich von diesem Verhalten besonders als geweihter Priester still und im richtigen Moment auch deutlich mit Worten und Taten zu distanzieren, ist für mich ein Erkennungszeichen gläubigen Verhaltens. Durch die Versuchungen, den Glauben vor allem in Äußerlichkeiten zu zeigen oder sich hinter Richtigkeiten zu verstecken, sind groß. Darüber kommt es vielleicht zu Belobigungen aber nicht zu der Vollmacht, aus der Jesus gesprochen und gehandelt hat.

 

In der Menschwerdung wachsen

Ohne andere Lebensformen beiseite zu schieben, war und ist mir wichtig in einer Lebensgemeinschaft meine priesterlich sakramentale Berufung zu leben. Hier erfahre ich das Unbehaustsein, das mich an die landlosen Leviten in Israel erinnert, die mitten im Volk auf den nicht zu besitzenden Gott hinwiesen. Unser Pilgern kann ein ähnliches Zeichen des Vertrauens auf die überall gegebene Anwesenheit Gottes sein. Ich weiß mich in einer über mich hinausweisenden Weltkirche und einer sozialen, gesellschaftlichen Wirklichkeit eingebunden. In ihr entdecke ich meinen Weg der Menschwerdung, in der hoffentlich die Menschwerdung Gottes greifbar wird. Im "Dekret über Dienst und Leben der Priester" (Absatz 2) steht zusammenfassend: "Das Ziel also … ist die Verherrlichung Gottes des Vaters in Christus." Unser menschliches Leben realisiert sich - oft unwissend - in der Begegnung mit dem Auferstanden.

 

Die sich wandelnde Arbeitswelt in Deutschland

Arbeitsplätze im landwirtschaftlichen und industriellen Bereich werden immer seltener angeboten. Rationalisierung und Verlagerung ins Ausland sind dafür wichtige Gründe. Ein Teil dieser Arbeiten wird dort in Freihandelszonen durchgeführt, in denen Firmen besonders junge Menschen ausbeuten, wenig Steuern zahlen und ihre Betriebe gewerkschaftsfrei halten.

Eine ähnliche Tendenz gibt es auch im Inland bei Arbeiten, die man nicht ins Ausland verlagern kann. Auch hier sind ähnlich wie in Übersee "Freihandelszonen" entstanden. Die hier beschäftigten Kolleginnen und Kollegen wurden oft privat, gewerblich oder kriminell aus dem Ausland herbeigeholt und leben ohne Papiere. Sie müssen sich mit einem sehr geringen Lohn zufrieden geben - oft wird ihnen gar kein Lohn ausgezahlt und gesundheitsschädigende, schwere Arbeiten zugemutet; die Arbeitgeber zahlen keine Steuern und Sozialabgaben. Schon bei legal angeworbenen Arbeitsimmigranten fallen Ausbildungsausgaben weitgehend weg, bei den Papierlosen gibt es keine Ausgaben für die nächste Generation und die "Entsorgung" im Krankheitsfall, im Alter ist sichergestellt. Der Staat übernimmt die Abschiebekosten.

In der Logik des kapitalistischen Systems entstand z.B. im Baugewerbe durch ausländische Firmen, die nicht die erkämpften Standards im Land erfüllen müssen, ein Wettbewerbsdruck. Um Gewinn und einige Arbeitsplätze für Einheimische zu retten, werden unterbezahlte papierlose Arbeiter angeworben. Ähnliches läßt sich auch bei größeren industiellen Firmen beobachten, die Betriebsteile auslagern, Subunternehmen Arbeiten überlassen, usw.

Restaurants, Putzkolonnen und Schlachthöfe bedienen sich ebenso dieser Form der Migration. Arbeiten in diesen Bereichen sind weitgehend - ähnlich wie in der Landwirtschaft - so schlecht entlohnt, dass Einheimische mit ihren Ausgaben für Wohnen, Nahrung, Gesundheit, Kindererziehung, usw. sie nicht mehr annehmen können.

Ähnliches gilt für notwendige Dienstleistungen in der Betreuung von alten oder kranken Menschen oder Kleinkindern im privaten Bereich. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist im legalen Bereich so teuer geworden, dass sie sich auch Menschen im Mittelstand nicht mehr leisten können. Auch sie werben über entsprechende Dienste - z.B. im Internet - Arbeitskräfte im Ausland an. - Ein zusätzliches Feld papierloser Arbeit ist die Sexarbeit.

In Deutschland werden Menschen aus dieser entwürdigenden Situation sehr selten legalisiert. So versiegt diese Quelle billiger Arbeitskräfte nicht und die herrschende Ideologie ändern sich nicht, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Die oft brutale Abschiebepraxis vor allem im Dienst der Lohndrücker und Rassisten scheint von einer Mehrheit gerechtfertigt.

Wir sind von dieser veränderten Arbeitswelt betroffen und reagieren in unserem solidarischen Engagement

    - in Übersee, um den realen Migrationsdruck zu verkleinern und Lebensqualitäten zu erhalten,
    - in der eigenen Arbeitsuche und im Kontakt mit Migranten, um uns dieser Realität zu stellen und die Gesichter unserer Kolleginnen sehen zu können;
    - im Stadtviertel und in unseren Wohnungen, um das Leben mit ihnen zu teilen;
    - in den Gefängnissen, um die Freunde nicht allein zu lassen.

Wir arbeiten nicht mehr unter Bedingungen, die weitgehend durch soziale Gesetze abgesichert und gewerkschaftlich ausgehandelt sind. Viele Absicherungen sind zerstört, so dass immer mehr Menschen auch aus der Mittelschicht unter die Armutsgrenze fallen, besonders Familien mit Kindern. Die weltweite Angleichung im wirtschaftlichen Bereich, bei der einige Reiche viel reicher und die große Mehrheit ärmer wird, nimmt deutlich zu. Staatliche Lenkung fördert weitgehend diese Entwicklung und leistet immer weniger Widerstand.

Im September 2004 wurde mit Unterstützung der Gewerkschaft Bau, Steine, Erden der Europäische Bund der Wanderarbeiter gegründet, durch die KollegInnen Unterstützung finden, die bisher nicht organisierbar sind. www.migrant-workers-union.org

 

Das gemeinsame religiöse Anliegen: Frieden

Unser Jahrtausend beginnt mit einem erschütternden Ereignis: Am 11. September 2001 wurden gewaltsam zwei Hochhäuser in New York zerstört und viele Menschen starben in ihnen. Das ist ein Schock für viele sich in Sicherheit wiegende Menschen. Ein Symbol des westlichen Wirtschaftssystems lag in Trümmern am Boden.Die ungezügelte Marktwirtschaft stand nach dem Fall der Mauer in Berlin doch gerade als Sieger da. Der amerikanische Präsident wollte die Vorherrschaft zurückgewinnen und zettelte einen Krieg gegen den Irak an und suchte Verbündete.

Im Gegensatz zu dieser Reaktion versammelte sich eine kleine Gruppe von Menschen aus verschiedenen Religionen in Berlin. Sie lud im Zusammenhang mit den Friedensdemonstrationen zu Friedensgebeten ein.

Doch der Irak wurde unter erlogenem Vorwand angegriffen und viele Menschen starben und sterben in diesem Krieg. Da entschloss sich die Gruppe jeden 1. Sonntag im Monat um 15 Uhr auf dem Gendarmenmarkt vor dem Deutschen Dom, weiter zu Friedensgebeten einzuladen. Die Teilnehmenden kommen aus unterschiedlichen Religionen oder sind ungebunden. Wir treffen uns unter der Himmelskuppel im Freien und haben alle Talare und Kultgewänder abgelegt, um vor Gott, dem Heiligen, dem uns geschenkten Leben zu stehen. Dort können wir unsere Not aussprechen, das Geschenk des Lebens neu sehen, beten.

Es es entspricht unserer Haltung zueinander und zu Gott, keinen aus dem Kreis besonders in den Mittelpunkt zu stellen. Drei Personen möchte ich geradezu als ein einziges Gesicht dieses sozial engagierten, politischen Gebetskreises nennen, so wie ja auch jede Einzelperson verschiedene Seiten beherbergt.

Mohammed ist ein Westberliner Original. Er sucht geradezu nach den Konfliktsituationen, in denen er sich für den Frieden einsetzen kann. Dabei geht er auf ausgegrenzte Menschen zu, als Seelsorger besucht er Gefangene, nimmt Jugendliche mit gerichtlichen Auflagen auf, geht zu Kranken und Trauernden. Und er wird von vielen Journalisten und interessierten Gruppen als auskunftsfreudiger Iman aufgesucht. Das Ringen um Frieden und Aufrichtigkeit beginnt immer in der eigenen Person. Als christlicher Prediger blieb ihm die Lehre vom dreifaltigen Gott fremd. Da suchte er als gläubiger Mensch nach einem Ausweg und fand Antwort im Koran. Auf dem Weg des Friedens sind Entscheidungen nötig. Wenn wir die Angst vor notwendigen Brüchen überwinden, können wir über alte Grenzen hinweg offener werden. Mohammed lebt diese Offenheit und lädt den Kreis zu sich ein, die Gebete vorzubereiten, neuen Menschen zu begegnen, aber auch die Feste zu feiern, die uns verbinden: die Geburt Jesu, das Fastenbrechen im Ramadan, das mehrjährige Bestehen unseres Kreises zum Beispiel.

Roy stammt aus Indien. Sein Heimatdorf liegt heute in Bangladesch. Seine Kindheit hat er in enger Beziehung mit Muslimen, Christen und Hindus verbracht. Diese Verbundenheit auch in Berlin zu leben ist ihm seit über 40 Jahren ein großes Anliegen. Dies bringt er in den öffentlichen Gebetskreis ein, singt mit viel Kraft die Texte aus der Tradition der Hindus, benennt die Freuden und Missstände in unserer Gesellschaft und steckt uns an mit ihm sein Halleluja, nämlich Hare Krishna zu singen.

Klaus bringt auch viele Elemente aus Indien mit in das Gebet ein. Er engagiert sich dort mit der Gossner Mission unter Kastenlosen und Ureinwohnern (Adivasi), knüpft Kontakte über die Grenzen hinweg. Als evangelischer Theologe aus der DDR kennt er hautnah den politischen Druck einer Gesellschaft, die der oft schwer ausdrückbaren Beziehung zu Gott gegenüber steht. Er erlebte und erlebt heute wieder wie damit alle Menschen, die nicht ins System passen, ausgegrenzt werden. Auch wenn unser Gebetskreis keine politische Gruppe ist, so hofft er doch auf eine strukturell politische Veränderung, in der die Achtung vor allen Menschen wachsen kann. Ein ausschließendes Wohlfühlen im kleinen Kreis ist ihm suspekt. Er wird zum Gefängnis, dessen Mauern fallen sollten, damit das Leben - das Reich Gottes - seinen Geschmack nicht verliert.

Andere Teilnehmer könnten noch genannt werden, die sich über das Gebet als Geschwister entdeckt haben. Nach jedem Beitrag singen wir im Kreis: schalom, salam oder einen anderen Gebetsruf. Auch wenn wir schweigen, bemerken wir, wie uns Kraft zufließt.

Veröffentlicht in: Jesuiten "Gesichter der Zeit" 2009/4

 

Unterwegs zu hause - Mensch werden inmitten der Auferstehung

Durch den häufigen Wohnortwechsel in meiner Kindheit habe ich oft Fremdheit und Ausgrenzung aber auch Heimat der mitziehenden Familie und in der Kirche erlebt. Diese Entwurzelungen und das Scheitern in der Schule geschah mitten in einem - zu unserem Glück - schmerzhaft entwurzelten und geteilten Volk. Die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland, die zum Zweiten Weltkrieg geführt hatte, war mit ihrem Rassismus weiter gegenwärtig bis in die Kirche hinein. Dieser Schmerz der Ausgrenzung hat Suchen und Gegenwehr mobilisiert. Dabei konnte ich geschenkte Solidarität mit Obdachlosen entdecken, den Hunger nach einer religiösen Gemeinschaft und nach einem missionarischen Handeln im weltweiten Kontext. Auf einer großen Schiffswerft begann ich eine Maschinenbauausbildung. Es gab viel zu entdecken. Am 24. Dezember 1960 arbeiteten wir nur einen halben Tag. Als wir dann mit dem Schiff zu den Familienfesten nach hause fuhren, entdeckte ich, dass wohl fast alle Kollegen betrunken waren. Ich war perplex. Und ich habe begriffen, dass Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Gottes, für viele Menschen eine Zeit der Überforderung, des Unfriedens, der Einsamkeit oder gar der Selbsttötung ist. Mein Leiden an der ideologischen und praktischen Verschlossenheit in meinem Land wurde größer. Warum lebten nicht mehr Menschen ihren Glauben sichtbar, nannten Unrecht beim Namen, auch wenn dies Ausgrenzung nach sich ziehen würde. Warum waren so wenige Christen im Westteil unseres Landes im Gefängnis? Im Osten hatte die Regierung den Glauben an Gott als Störung ihrer Ideologie erkannt und bekämpft.

 

Ausbildung in der Gesellschaft Jesu

Mit 25 Jahren trat ich mit meinem Hunger nach einer solidarischen Gemeinschaft in die Gesellschaft Jesu ein. Die Geschichte der Ausgrenzung ging auch dort weiter. Zum Glück gab es gegenteilige Erfahrungen von Freundschaft und Aufnahme unter Mitbrüdern.

Dazu gehörten vor allem die Begegnungen mit Michael Walzer, einem Mitstudenten in München. Er hatte früh bemerkt, wie die Kinder nach vier Jahren Schule voneinander getrennt werden, um ihre Wege in unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen weiter zu gehen. Auf dem Weg zu den getrennten Schulen saßen die einen vorne und die anderen hinten in der Straßenbahn. Sie hatten jetzt verschiedene Themen und Verhaltensweisen. Michael hat sich in den deutsch-französischen Begegnungen engagiert, also um die Versöhnung zwischen den alten Kriegsparteien. - Auf einem Spaziergang sagte er plötzlich: "Nach dem Philosophiestudium möchte ich gern für zwei Jahre als Arbeiter in die Fabrik gehen und mich unserer Entfremdung voneinander stellen. Willst du mitkommen?" Noch heute wundere ich mich über mein spontanes Ja damals, dass mein weiteres Leben bestimmt hat. Wir unternahmen einiges, um unseren Plan umzusetzen. Er scheiterte im ersten Anlauf und wir mußten getrennte Wege an verschiedenen Orten gehen. Sieben Jahre später aber begannen wir mit der Arbeit in der Fabrik in Berlin und gründeten 1978 eine kleine Jesuitengemeinschaft, in der ich bis heute lebe. Michael starb vor fast 20 Jahren an einem Gehirntumor.

Im Theologiestudium in Frankfurt wurde ich besonders von den ausländischen Studenten aufgenommen. Sie trafen sich in der Hochschule regelmäßig und kochten mit ihren vielen kulturellen Hintergründen. Ich war der einzige Deutsche unter ihnen und brauchte nicht zu kochen. Die hiesige Küche war ihr Alltag. Diese Begegnungen machten mir Mut. Ich entdeckte darüber besonders die ausländischen Arbeiter in Deutschland. Als Tagelöhner arbeitete ich während des Studiums regelmäßig in einem Umzugsunternehmen und kam dabei mit vielen Menschen zusammen, die Gefängnisstrafen hinter sich hatten. Ich suchte auch Begegnungen mit Jugendlichen. Doch die Fahrten zur Arbeit wurden die Zeiten, in denen ich mit Gewinn die Bibel lesen konnte. Diese Erfahrung wies mir den weiteren Weg.

Nach dem Studium, das für mich ein spezielles Training im Zuhören war, ging ich drei Jahre nach Frankreich in die Lehre zu den Mitbrüdern, die in der Gruppe Arbeitermission SJ zusammengefaßt waren. Nun wurde das Motiv meines Suchens deutlicher: Jesus lebt unter uns am Arbeitsplatz, mitten in den Anstrengungen und der deutlichen Verachtung von uns Arbeitern. Wie kann ich ihn besser entdecken und ansprechen? Wie können wir die Gemeinschaft mit ihm stückweise auch gemeinschaftlich leben? Wie kann ich mich in Deutschland mit anderen als Arbeiter in einer gesellschaftlich fremdbestimmten Kirche am Glaubensleben beteiligen?

Nach Frankreich bin ich ohne Sprachkenntnisse gefahren und habe trotzdem bald Arbeit in Toulouse gefunden. Auch die einladenden Mitbrüder dort hatten im Ausland gearbeitet und kannten die damit verbundenen Schmerzen des Nichtverstehens von Sprache und Kultur. Besonders unter ihnen fand ich meine Heimat im Orden. Die Arbeitermission in Frankreich, Spanien, Italien, Belgien ist mir ein Zuhause geworden. Mit diesem Hintergrund konnte ich später Zeiten der Ablehnung besser überstehen.

Aber mir wurde noch eine zweite Zugehörigkeit in Frankreich geschenkt. Auf einem großen Fest ausländischer Arbeiter bemerkte ich: ich gehöre zu diesem Volk der Ausländer inmitten des Volkes meiner französischen Mitbrüder, das ich sehr schätze. Damit war ich auf einen wichtigen Aspekt meiner Identität gestoßen. Ich konnte mich nicht mehr für Ausländer, für Kollegen und Kolleginnen - z.B. als Berater - engagieren, sondern nur noch mit ihnen, als einer der auch Teil davon ist. Ich entdeckte mich, später auch unter meinen deutschen Landsleuten, als einen Fremden.

 

Fabrikarbeit und Gründung einer neuen Kommunität in Berlin-Kreuzberg

Bei der Rückkehr nach Deutschland war ich 35 Jahre alt und hatte gelernt, dass die Suche nach Gemeinschaft mit Jesus über Grenzen führt. Der Glaube entwurzelt und wird oft genug lebendig im Unglauben alten sozialen und religiösen Vorstellungen gegenüber. Trotz scheinbar unüblichen Verhaltens bemerkte ich andererseits, wie die Identität als Jesuit gewachsen war und sich z.B. der Pilgerbericht von Ignatius direkt im Alltag auslegte. Das gab eine innere Ruhe. Wir gingen ja mit unserer kleine Gemeinschaft in Berlin-Kreuzberg einen bisher in Deutschland unbekannten Weg. Neues wird häufig mit Verdächtigungen überschüttet, auch weil es sich oft konzeptionell und nicht von Erfahrungen her begründen muß.

Gewartet haben wir häufig auf den "Marktplätzen" (Mt 20,3) von Berlin um zu sehen, wo sich eine Tür auftat und wir eingeladen wurden: am Arbeitsplatz, vor sozialen Brennpunkten, Gefängnissen, Wohnhäusern. Besonders herausfordernd war es im deutschen Ausland eine Straße weiter. Berlin wurde durch eine streng bewachte Mauer geteilt. Eine andere Kultur war jenseits der Grenze entstanden und darüber hatte sich dort auch die Sprache verändert. Trotz aller Schwierigkeiten gingen wir nach der Arbeit rüber, weil die dort entdeckten Freunde uns nicht besuchen konnten. Sie schenkten uns einen wichtigen Blick auf unsere kapitalistische Gesellschaft. Nach einiger Zeit kam ich in diese ganz anderen Welt von meinem Gefühl her nach hause und konnte die Sprache dort besser verstehen. Da es kein Telefon gab und die Grenzübertritte den Behörden nicht zu sehr auffallen durften, mußten wir häufig in den Straßen warten, bis jemand von den Freunden da war. Die Zeit war immer kurz. Das Warten - ich würde heute lieber schreiben: das Gebet - war Teil dieser reichen Zeit in dem ganz nahen Ausland.

In unserem Stadtteil Kreuzberg leben viel Menschen türkischer Herkunft. Sie helfen, die ausländische Seite in mir wach zu halten. Dies Anliegen unterstützte auch eine Reise in die Türkei, bei der wir die Kultur unserer Nachbarn mehr schätzen lernten.

Der entscheidende Lernort war aber der Arbeitsplatz. Vieles habe ich in meinem Beruf als Dreher und später als Lagerarbeiter dazugelernt und die möglichen Beziehungen und Kommunikationsformen auch in der Akkordarbeit entdeckt. Die Kollegen haben mir mitten im Dreck der Arbeit das Brot gebrochen. Nach drei Jahren habe ich unter ihnen in einem Konflikt mit dem Meister für uns das Wort ergriffen. Das war ein einschneidendes Erlebnis für mich, diese Gemeinsamkeit zu spüren und aus ihr heraus zu handeln. Später habe ich auf großen Versammlungen und im Parlament der Gewerkschaft gesprochen und Beifall oder Ablehnung bekommen. Wie schnell hebt man dabei vom Boden ab und wird als ein ganz anderer auf einen Sockel gestellt. "Hast du keine Angst arbeitslos zu werden," wurde ich oft gefragt. So war es jedes Mal nach solchen Wortmeldungen wichtig, einige Tage ganz still meine Arbeit zu tun, ohne ein Wort mehr, um die entstandene Fremdheit auch in mir zu durchleben. Sehr zum Ärger meiner Kollegen mußte ich deshalb die mir angetragenen Ämter in unseren Organisationen ablehnen, die doch zum Überleben notwendig sind in der demokratiefeindlichen Welt der Arbeit, die oft Gefängnisstrukturen aufweist.

 

Ein interkulturelles Leben

Nach und nach gehörten wir Jesuiten verschiedenen städtischen Kulturen an und waren in unserer Identität zerrissen. Täglich wechselten wir zwischen ihnen hin und her, sprachen, fühlten, reagierten mit unterschiedlichen Worten und Gesten. Spielten wir nur noch verschiedene Rollen? Diese Frage wühlte auf. Mehr und mehr fand ich darüber meine Identität darin, über die Brücken der sich feindlich gegenüberstehenden kirchlichen, sozialen und politischen Kulturen zu gehen und dabei jede Zugehörigkeit ohne Verachtung der anderen als Pilger zu leben. Die Einsamkeit oft alleine über die schmalen gesellschaftlichen Brücken, durch die Berliner oder Gefängnismauern zu gehen, ist geblieben. Aber dazu kam die Freude auf das Wiedersehen und Neuentdecken der Menschen auf der anderen, schon vertrauten Seite.

Nach ein paar Jahren wuchs unsere Wohngemeinschaft, obwohl wir meist nur noch zwei Jesuiten waren. Es klopften obdachlose Menschen an. Ganz unterschiedliche Situationen hatten sie in diese Lage gebracht. Manche waren arbeitslos, aus dem Gefängnis oder dem Krankenhaus entlassen, hatten Suchtprobleme, waren krank - viele sind auf der Flucht in Deutschland und nach Deutschland. Oft fehlen für die Bürokratie wichtige Papiere. Unsere kleine Kommunität wurde zu einer Herberge. Manche Menschen blieben nur ein paar Tage, andere viele Jahre. Weil sie mit einer Not anklopften, habe ich sie anfangs nur darin gesehen. Doch eines Tages wurde ich zu einem internationalen Treffen von Jesuiten eingeladen, die zusammen mit Muslimen leben. Dort gingen mir die Augen auf, wie eindimensional mein Blick auf die Mitbewohner ist. Sie waren Menschen mit Problemen geblieben, die ich nicht hatte. So waren die richtigen Beschreibungen ihrer Situationen zu Abgrenzungen geworden. Jetzt konnten sie zu Lehrerinnen und Lehrern mit ihren Erfahrungen, Kulturen, Religionen werden. Besonders diese Menschen aus über 50 Nationen, mit denen ich in den Jahren in einem Zimmer zusammen geschlafen habe, lehrten uns Gastfreundschaft, in der wir ihre Menschlichkeit und ihren Glauben entdecken durften. Die schmerzliche Seite ihrer Not war nicht zu übersehen. Nach einiger Zeit bemerkten wir ihre Schmerzen auch in uns. Aber wir freuen uns auch mit ihnen, die Bibel oder den Koran zu lesen und das Gemeinsame zu entdecken, das uns menschlich leben läßt. Es ist ein Geschenk, mich jeden Abend unter sie alle in den Schlaf hinein loszulassen, mitten in diese konkrete weltweite Gemeinschaft. Das hier entstandene interreligiöse Gebet hat für mich jetzt auch einen öffentlichen Ausdruck bekommen. Mit Freunden treffen wir uns dazu jeden Monat einmal auf einem der Plätze Berlins, um für den Frieden zu beten.

 

Das Leben ist nicht begrenzbar und nicht nach Grundsätzen zu ordnen

Nun bin ich seit über 25 Jahren seßhaft geworden, um persönliche Beziehungen auf der Arbeit langfristig zu leben. Ständig darf ich neue Grenzen überschreiten und dabei die göttliche und die eigene Menschwerdung entdecken. Gott ist mit uns Mensch geworden und hat in Jesus gesellschaftliche und religiöse Grenzen überschritten. Er wurde an den äußersten Rand abgedrängt ja getötet, weil sein grenzüberschreitendes Leben, das Essen mit den Zöllnern und Sündern die Herrschenden gefährdete. Auch unsere Ordnungen werden durch sein Verhalten in Frage gestellt. Wir dürfen mit vielen nicht angesehenen Menschen essen und feiern. Doch wir bemerken auch, dass wir Menschen ausgrenzen. Dies geschieht oft notgedrungen in Verantwortung für ein Engagement oder einen Ort, wo sich Menschen sammeln können. Mitten in diesem Schmerz merke ich: Jesus war und ist kein Funktionär, der eine Institution schützen müßte; Jesus läßt sich lieber ausgrenzen, als unter unseren Bedingungen dazugehören zu wollen. In Entscheidungssituationen suche ich deshalb die von der Entscheidung betroffenen Menschen. Selbst in der Trennung von ihnen hoffe ich darauf: der anwesende, auferstandene Christus wird die jetzt unerwünschte Person begleiten und ich darf auf neue Beziehungen mit diesem Menschen hoffen. Das ist oftgenug auf wunderbare Weise geschehen.

Im Evangelium lesen wir, wie Jesus über das Wasser und als Auferstandener durch Mauern geht. Wenn ich ganz überrascht nach langem Warten bemerke, dass Jesus uns schon lange auf diesem Weg mitgenommen hat, beginne ich zu ahnen, was es heißt, mit ihm hier in der Auferstehung zu leben.

 

Keine Flucht in die Zukunft

Die Arbeit in der Fabrik habe ich seit einigen Jahren verloren, war arbeitslos und bekomme jetzt eine Rente. Mit etwa zehn Menschen leben wir heute in unserer Wohnung, darunter Franz Keller, ein älterer Jesuit aus der Schweiz. Wir müssen den Sinn unseres Lebens nicht verstehen, es ist ausreichend zu wissen, dass wir hierher gerufen und gesandt sind. In diesem Jetzt ist der Himmel offen. Und ich habe erfahren, dass ich keinen spirituellen Weg für mich und andere zusammenzimmern muß, sondern mich auf das Gebet Jesu in uns verlassen kann. Das setzt eine Spontanität frei, die auch ungewöhnliches, inkulturiertes Handeln ermöglicht und Distanzen der Angst und oft genug des Denkens überwindet. So ahne ich, was es heißt, Mission zu leben, nämlich die Anwesenheit Gottes und sein Handeln in den Menschen zu entdecken und anzusprechen.

 

In der Anwesenheit des Auferstandenen leben und sein Warten entdecken

Seit einigen Jahren laden wir Menschen ein, in unserem Stadtteil und auch in anderen Städten "Exerzitien auf der Straße" zu machen. (vgl. Jahrbuch SJ 2002) Die TeilnehmerInnen schlafen in einer Notunterkunft und gehen in die Stadt mit der Frage: Wo will mir Gott begegnen? Wo wartet er auf mich?

Mit einer Einführung ins Gebet (Fundamentbetrachtung) beginnen die geistlichen Übungen. Von ihrem Ärger oder ihrer Traurigkeit herkommend, fragen wir die Teilnehmerinnen nach ihren Sehnsüchten und den darin den Einzelnen persönlich anvertrauten Namen Gottes. Wir laden dazu ein, Gott mit den gefundenen Namen - z.B. "Du der mich schön ansieht" - anzusprechen und das Gespräch mit ihm zu suchen. Zwei Tage später geben wir ihnen die Geschichte von Mose, in der dieser mitten in seiner Arbeit einen Dornbusch entdeckt, der brennt, aber nicht verbrennt. Dieser Erscheinung der Liebe Gottes nähert sich Mose und wird aufgefordert, seine Schuhe auszuziehen. Er soll ganz in der Realität stehen und alle schützende Distanz vor Gott und auch alle Versuchungen der Flucht oder des Stolzes ablegen. Dann steht er mitten in seinem Volk und hört den Namen Gottes, der immer da ist, und bekommt seinen Auftrag, der Befreiung und der Anbetung zu dienen.

Diese Geschichte aus dem Buch Exodus (Kap. 3) bekommen die Übenden als Anleitung mit, sich vom Inneren her, vom Gebet her, führen zu lassen und dorthin zu gehen, wo Gott auf sie wartet. Dort ist es eine große Hilfe, wirklich zumindestens die Schuhe des Herzens auszuziehen und zu hören. Oft gehen die Übenden dabei an Orte, um die sie vorher einen Bogen gemacht haben, sehen die Situation neu, entdecken die Anwesenheit Gottes und ziehen die Schuhe aus im Angesicht der dort lebenden Menschen und auch vor sich selbst. Sie können - auf diesem Weg der von Jesus besungenen Armut vor Gott (Mt 5,3) - eigene schmerzhafte Blindheiten aufgegeben und es kommt Licht in ihr Leben.

Abends versammeln sich die Teilnehmer in maximal zwei Gruppen von bis zu fünf TeilnehmerInnen und erzählen von ihrem Suchen und Finden. Jeweils eine Frau und ein Mann begleiten die kleinen Gruppen. In den 10 Tagen der Geistlichen Übungen stellt sich in den Gruppen ein Schweigen ein, das aber kein äußerliches Nichtsprechen ist. Sie lernen hinzuhören, was ihnen durch andere Teilnehmer oder von Menschen auf der Straße, in der Moschee, auf dem Arbeitsamt, ... gesagt werden soll. Auf diese Weise können an den Übungen auch Menschen teilnehmen, denen anderswo die Teilnahme an Exerzitien verweigert wird, weil sie das Stillschweigen überfordert oder gar in Krankheiten stoßen würde. Die Offenheit gegenüber so vielen Menschen bei dieser grenzüberschreitenden Form religiösen Suchens ist für mich die jüngste Freude bei den Exerzitien, die ja "Chefsache" sind, wie eine Teilnehmerin es ausdrückt: der "Chef", Gott selbst, leitet das Geschehen in den Übenden und zeigt sich ihnen auf immer neu originelle Weise.

Veröffentlicht 2005 in der Jesuitenzeitschrift Promotio Iustitiae

 

Den Dornbusch auf der Straße suchen
Kreuzberger Exerzitien

    Christian Herwartz schickt Menschen auf die Straße. Um sich selbst näherzukommen, Neues zu entdecken und um eine Botschaft zu hören. Der Jesuit lebt seit Jahren in einer großen WG in der Naunynstraße, die offen für alle sein will.

Cornelia: Du bietest seit 11 Jahren in Kreuzberg "Alltagsexerzitien" an. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Christian Herwartz: Das Wort Exerzitien kommt aus dem Lateinischen und heißt einfach nur "üben". Was übt man? Aufmerksamkeit. Und für was will man aufmerksam sein? Da hat jeder einen ganz anderen Weg. Wenn die Leute in den Alltag gehen, dann ist es gut, eine Zeit zu reservieren, 10 Minuten oder eine halbe Stunde, in der U-Bahn oder Zuhause, vor der Arbeit oder vielleicht am Abend. Eine Zeit, in der ich still werde, in der ich ins Hören komme. Sachen wahrnehme, die von außen kommen. Aber auch wahrzunehmen, was ich selber dabei fühle, wo ich eine Not in mir spüre oder eine Freude. Das läuft bei jedem anders ab, weil der Alltag ganz anders ist. Aber einmal die Woche kommen wir zusammen und erzählen von diesem Alltag.

Cornelia: Du leitest auch "Exerzitien auf der Straße". Was ist deren Grundgedanke?

Christian: Exerzitien auf der Straße haben die Idee, dass das Schweigen, mit dem das Üben in den unterschiedlichsten Religionen, bei Buddhisten, Muslimen, Christen, oft verbunden ist, zu einem Hören wird. In dem ich Impulse aufnehmen kann, aus mir selber und aus meiner Umwelt. Im Zentrum der Exerzitien auf der Straße steht eine biblische Geschichte. Darin geht es darum, dass Moses mit 80 Jahren als Schafhirt den Drang hatte, etwas wissen zu wollen und so mit den Schafen in die Wüste gezogen ist. Und er hat seine Umwelt neu gesehen, hat einen brennenden Dornbusch bemerkt, der nicht verbrannte. Das ist der Anfang der Straßenexerzitien: Etwas zu sehen, was mich neugierig macht. Und die Neugierde nicht liegenzulassen nach dem Motto: "Kenn ich schon". Sondern ihr nachzugehen. Und irgendwo, keiner weiß weshalb und wieso, vor einer Suppenküche oder einem Gefängnis oder einem Flussufer merke ich dann: Da ist etwas, was ich entdecken soll. Und mich drauf einzulassen. Manchmal muss man ein bisschen warten, aber auch in zwei Stunden kann etwas entscheidendes passieren.

Cornelia: Soll diese spirituelle Selbsterfahrung dann auch längerfristige Konsequenzen für das eigene Handeln haben?

Christian: Die Erfahrung ist ja nicht wirklich, wenn sie keine Auswirkungen hat. Eine Frau in Köln hatte gehört, dass im Bahnhof Obdachlose verhaftet und rausgeschmissen werden. Und daraufhin hat sie sich im Bahnhof auf die Erde gesetzt, um verhaftet zu werden. Mit dieser Haltung - "ich will mich dem stellen". Sie ist nicht verhaftet worden. Drei Jahre später war sie Obdachlosenseelsorgerin in Köln. Wie das passiert ist, kann ich auch nicht sagen. Das ist uns Begleitern auch überhaupt nicht wichtig. Wir freuen uns über das Entdecken solcher Erfahrungen und sprechen darüber mit den Übenden. Das ist ein Augenöffnen für den nächsten Tag oder die nächste Woche. Das ist ein unabgeschlossener Prozess, den ich nicht von außen steuern kann und will, weil das mit der Person und ihrer Umwelt im Einklang passiert.

Cornelia: Welche Leute kommen, um diese Exerzitien zu machen?

Christian: Da ist man vor Überraschungen nicht sicher. Menschen, die mit Kirche was zu tun haben, aber auch Menschen, die eigentlich Aggressionen auf Kirche haben, aber etwas suchen. Vielleicht ist dann das Ergebnis aus der Kirche auszutreten. Es gibt kein Ergebnis, das angezielt ist. Das Ergebnis ist hoffentlich immer, mehr zu sich zu finden, zu dem Frieden, der in einem ist und das ganze Geschrei um uns herum ein bisschen liegen zu lassen.

Cornelia: Am Abschluss dieser Übungen trefft Ihr Euch dann immer zur "Gedeckten Tafel"?

Christian: Am Ende der 6, 7 Übungswochen – wie auch zwischendurch mal - setzen wir uns zusammen und sehen auf das was jede und jeder mitgebracht hat. Das ist ein Fest. Ein Zentrum bei den Exerzitien auf der Straße ist der Austausch der Erfahrung in der Gruppe. Das ist keine Kopferfahrung sondern etwas mit Fleisch und Blut. Und am Abschluss wollen wir dem nochmal einen Ausdruck zu geben, dass wir uns in die Erfahrungsgemeinschaft losgelassen haben. Und das feiern, weil es eine Freude ist, in so eine Offenheit zu treten.

aus: Kreuzberg kocht, Berliner Büchertisch 2011, S. 57-60

 

Die Straße als hermeneutisches Prinzip

Mitten im Glaubensabfall der Deutschen Christen, die in vielen Entscheidungsgremien der verfassten Kirche das Sagen hatten, fand die Bekennende Kirche im Dritten Reich einen Weg, im Bekenntnis an Jesus Christus fortzufahren. Sie hat die beiden Erkenntnisquellen zusammen gebracht, die gegenwärtigen eigenen Erfahrungen und jene, von denen in der Bibel erzählt wird.

In dieser Spannung versuchen wir auch heute unsere Welt zu sehen und zu begreifen: In Berlin und an vielen anderen Orten in Europa haben Menschen in den letzten fünfzehn Jahren ihre Geistlichen Übungen auf der Straße gemacht (1). Auf ihren Wegen nehmen die TeilnehmerInnen das Wort vom brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch mit (2), das auf die brennende aber nicht erlöschende Liebe Gottes zu uns hinweist. Die Übenden suchen in der Stadt nach den persönlichen Orten, an denen der die Menschen liebende Gott auf sie wartet. Eine scheinbar zufälligen Ahnung ruft sie jeweils vor ihren stachligen Dornbusch, um den sie in ihrem Alltag gerne einen Bogen machen.

Die Erinnerung an die biblischen Geschichten, besonders die von Mose, hilft, entgegen dem gewohnten Weglaufimpuls die innere Stimme wahrzunehmen, zu bleiben und ihr zu folgen: beispielsweise auf eine Bank mit einem Obdachlosen, vor ein Gefängnis, in ein ehemaliges Konzentrationslager oder in ein Krankenhaus. An diesen persönlich berührenden Orten hören wir, ebenso wie Mose vor über 3000 Jahre, die Aufforderung, unsere Schuhe auszuziehen, uns der vorgefundenen Realität zu stellen und uns von ihr - äußerlich und innerlich - berühren zu lassen.

Oft geraten wir dann in Begegnungen, wie sie von Jesus in der Öffentlichkeit erzählt werden. Eine Frau, die gesteinigt werden soll, wird zu ihm gebracht (3). Wir stehen vielleicht vor einem drogenabhängigen Menschen und spüren neben ihm die verächtlichen Blicke der Vorbeigehenden.

In der biblischen Geschichte zieht Jesus auf seine Weise die Schuhe aus. Er bückt sich und begibt sich damit in die Gefahr, selbst von den Steinen - in den Händen der um die beiden herum stehenden Männern - getroffen zu werden. Ohne Schuhe stehen wir verletzbar und gewaltlos vor den anderen Menschen.

Jesus schreibt den Gottesnamen in den Sand, wie ihn Mose gehört hat. So meinen einige Ausleger dieser Textstelle. Vielleicht schreibt Jesus auch eine Botschaft an die bedrängte Frau, die wie der brennende Dornbusch vor Jesus steht. Sie ist von den Umstehenden verurteilt wegen ihrer Liebe zu einem Mann und steht nun als Ausgestoßene in ihrer Mitte. Nach einiger Zeit richtet sich Jesus auf und spricht entwaffnend wie ein Kind zu den gewaltbereiten Menschen: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie."

In den geistlichen Übungen auf der Straße vergessen wir in der Begegnung mit einem Alkoholiker oder einer am Boden sitzenden, bettelnden Frau alle moralischen Distanzierungen. Wir sehen den anderen Menschen mit schwindenden Vorurteilen an und entdecken uns selbst in unserer eigenen Bedürftigkeit. Dies geschieht ohne eine besondere Absicht. Später kann das neu entdeckte Wahrnehmen einmal Grundlage für ein angemesseneres Handeln werden. Jetzt treten wir aus unseren Vorurteilen heraus und nehmen die menschliche Not oder Freude wahr. Wir nehmen uns Zeit.

Jesus schreibt wieder in den Sand und auch uns treffen oft die giftigen Blicke unserer Umgebung. Wir spüren die wachsende Einheit mit der verurteilten Frau.
Von dieser Einheitserfahrung, von einem überraschend wahrgenommenen inneren Frieden lese ich oft in den Berichten der Bekennenden Kirche. Die konfessionellen Trennungen zwischen den christlichen Gruppen als auch zu jüdischen oder andersgläubigen Menschen lösen sich auf.

Ebenso wird Jesus mit der ausgegrenzten Frau eins. Die in der jeweiligen Kultur bekannten Vorurteile verlieren ihre Bedrohungen. Am Ende der Begegnung bleibt noch der Wunsch - an den anderen und oft an uns selbst -, aus der Gefangenschaft einer lebensbedrohenden Sucht befreit zu werden. Jesus sagt der nahe stehenden Frau, nachdem alle sie verurteilenden Menschen gegangen waren: "Ich verurteile dich auch nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr."

Oft wird davon erzählt, wie Jesus auf der Straße Kranke von ihren Gebrechen heilt (4). In den Geistlichen Übungen auf der Straße bekommen wir einen direkten Zugang dazu und können solche unglaublichen Geschichte selbst mit verfolgen. Jesus lebt in den biblischen Geschichten und jetzt als Auferstandener unter uns auf der Straße, also in der Öffentlichkeit, auch wenn er sich im Tempel aufhält oder in einem Privathaus. Zur Not wird das Dach abgedeckt, damit die Helfer den Gelähmten mit seiner Trage vor die Füße Jesu stellen können (5) oder eine Frau dringt in die abgeschirmte Männerwelt ein, berührt Jesus mit ihren Tränen und macht den privaten Ort zur Straße (6).

Wenn ein Teilnehmer bei den Exerzitien auf der Straße Obdachlosigkeit aus eigener Erfahrung kennt oder jemand freundschaftliche Kontakte zu Menschen auf der Straße gefunden hat, dann können wir am Abend beim Austausch der Erfahrungen die Realität der Straße unter uns spüren. Wir nehmen darin die Anwesenheit von Jesus war, der von sich gesagt hat, selbst diese Straße zu sein (7).

Drastisch macht uns Jesus deutlich, dass er an die nomadische Zeit seines Volkes anknüpft und auf der Straße lebt: "Die Füchse haben Höhlen und die Vögel Nester. Der Menschensohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt legen kann." (8) Viele Religionen haben ihre spirituellen Wurzeln in der Angewiesenheit während dieser Zeit des Umherziehens. Wir sesshafte Menschen erfahren sie als bedrohlich und arm. Deshalb schirmen wir unsere privaten und gesellschaftlichen Lebensräume immer mehr ab. Dabei verlieren wir viele Mitmenschen in unserer Nähe aus den Augen. Dieser gesellschaftlichen Kälte begegnen Menschen in den besonderen Zeiten des Gebetes, des Pilgerns, von Geistlichen Übungen auf der Straße, ähnlich wie es Menschen auch in Zeiten äußerer Bedrängnis erleben. Die Bekennende Kirche ist in einer solchen Zeit entstanden und ihr wurde mitten in der Not auch Befreiung von vielen gesellschaftlichen Zwängen geschenkt. Auch wir dürfen die Freude der Taufe neu erleben, die uns durch Todeserfahrungen in die Auferstehung des liebenden Lebens führt, das brennt aber nicht verbrennt. Das Geschenk der Straße vor unseren Mauern der Abgrenzung öffnet uns den Blick und lädt uns zur Begegnung mit unseren Mitmenschen, mit Jesus und mit uns selbst ein.

Ich selbst bin den Weg eines Arbeiterpriesters gegangen und habe meine Straße in den unterschiedlichen Fabrikhallen gefunden, mitten in den oft gefährlichen, verletzenden und manchmal tödlichen Arbeitssituationen und den entmündigenden Strukturen. Doch mitten in diesen Schwierigkeiten durfte ich meinen Kolleginnen und Kollegen begegnen und durfte mit ihnen zusammen durch viele Konflikte hindurch unsere Würde neu ahnen. Auf dieser Straße des Entdeckens, die Jesus unter uns ist, entsteht kein Stillstand. Die erfahrene Gemeinschaft ist kein statisch begrenztes Gebäude, sondern der Hinweis auf das oft nicht erkannte göttliche Leben unter uns.

_________________

(1) Die Geschichte der Entdeckung dieser Exerzitienform in: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Würzburg 2006; aktuelle Informationen: www.con-spiration.de/exerzitien
(2) 2. Buch Mose/Exedus 3,2
(3) Johannes 8,2-11
(4) Mt 9,35; 12,15.22; 14,14; 15,30; 19,2; Lk 6,18; 8,43; 17,14; 22,51
(5) Mk 2,4
(6) Lk 7,37ff
(7) Jo 14,6
(8) Mt 8,20; Lk 9,58

    Der Aufsatz ist veröffentlicht in der Festschrift UNTERWEGS 100 Jahre Rudolf Weckerling, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Berlin 2011, Seite 109 - 111. Das Buch ist ein Geschenk der Freunde an den noch rüstigen Pfarrer aus der Bekennenden Kirche.

 

Schmecke Dein Leben, Mann!
Karfreitag 2011

Die Augen im Schrecken öffnen

Die todbringenden Folgen andauernder Fehlentscheidungen bestimmen unser Leben weltweit:
a) Die unvorstellbare Gefahr der Atomenergie im militärischen und zivilen Bereich wird mit dem Wort Restrisiko verschleiert. Wie bei anderen Katastrophen gehen nun Männer in die Gefahrenzonen. Sie werden geopfert, um schlimmeres Unheil zu verhindern.
Jesus nahm das Restrisiko seines Einsatzes für das Leben aller mit ans Kreuz. Eine Straße Gottes ist er, auf der uns der Vater, die Wahrheit und das Leben entgegen kommt (Jo 14,6). In der Tradition des heimatlosen Nomaden (Dt 26,5) begegnet er uns als Obdachloser (Mt 8,20), der keinen geschützten Ort hat, seinen Kopf hin zu legen. Auch uns lädt er ein, eine Straße der Auseinandersetzung und des Friedens zu sein.

b) Das Wegsehen von der andauernden Kolonialpolitik vernebelt die Verantwortung für das begangene Unrecht und behindert den Widerstand gegen die Ausbeutung durch neue Aktionäre. Sie werden unterstützt durch angepasste Zölle, Steuern, diplomatische und militärische Aktivitäten. Die Folge sind Kriege zwischen den in Nationalstaaten gepressten oder zerrissenen Völkern. Bodenschätze und andere Güter sollen erobert werden.

Von Demonstrationen in Nordafrika gegen die Handelspartner der kolonialen Wirtschaftskräfte und von Flüchtlingsströmen lesen wir in der Zeitung. Unser Land versucht sich vor Flüchtlingen abzuschotten, ähnlich wie Jesus mit seiner Botschaft zurückgedrängt wurde: "Wir haben ein Gesetz..." (Jo 19,7). Nur mit einem Visum ist die Einreise aus armen Ländern erlaubt. Die Nachbarstaaten sollen die Flüchtlinge abwehren. Wir sehen sie nicht an, sondern schieben unbesehen alle über Italien Einreisenden dorthin zurück. "Wir haben das Schengener Abkommen."

Jesus, Deine Verurteilung und Kreuzigung findet wieder statt. Leicht lassen wir Dich auf den Weg in dem Tod allein. Doch das gelingt uns nicht wirklich. Denn Du bist das Leben in uns, mit welchem Namen wir Dich auch ansprechen mögen. Wir können von Dir nicht weg schauen, weder in uns noch in unseren Mitmenschen. Was sehe ich als Mann, wenn Du in unserer Mitte gefoltert und verlacht wirst und Dein Tod im Mittelmeer tausendfach bei der Grenzsicherung in Kauf genommen wird? Gesetzesbruch, fehlende Hilfeleistung, Gewinnmaximierung, emotionale Kälte nehme ich wahr. Darüber verroht die Liebe zum Leben, die doch nach Nähe, nach Vereinigung bis in den körperlichen Bereich hungert. Wie ist sie zu den Fremden, in denen Du uns begegnest, so möglich, dass die Liebe uns gegenseitig wärmt?

In Dir dürfen wir unsere Sehnsucht schmecken. In Verbindung mit Dir kann uns keiner vertrösten. Wir spüren Deinen Schmerz hautnah. Deine Botschaft ist nicht erfolgsabhängig. Du verkrümmst Dich nicht trotzig in Dir selbst, schweigend-hinhörend bleibst Du Dir treu. Du rechtfertigst Dich nicht vor Pilatus. Mitten in der Bedrängnis bleibst Du dem Nachbarn am Kreuz nah und sorgst für Deine Mutter. Bis in die letzte Minute Deines Lebens ringst Du mit unserer Lebenshoffnung: die Einheit mit dem Vater.

Alte Geschichten werden, wenn wir neu hinsehen, mit unseren Erfahrungen lebendig. Mitten im Entsetzen über das Leid des Gottesknechtes hören wir bei Jesaja, wie er - selbst verstoßen und unbeachtet - mit uns in heilender Beziehung bleibt. Jesaja 52,13 bis 53,12

Wie lassen wir das Leid über Missstände bei anderen und in uns zu? Auf welche Mauern der Zurückweisung stoßen wir, z.B. auf die juristischen "Notwendigkeiten", die rechtfertigende Hilflosigkeit, das distanzierende "selbst Schuld"?

 

Gemeinschaft am Weg

Die Aussagen der 32. Generalkongregation SJ - zum gemeinsamen Engagement für Glaube und Gerechtigkeit - machten den Weg frei zur Gründung unserer Gemeinschaft. Nach meinem Studium in Deutschland wurde ich im Herbst 1975 in eine Kommunität von Arbeiterpriestern SJ nach Frankreich geschickt. Ich war in verschiedenen Firmen als Fahrer, als Pressenführer und nach einer Ausbildung als Dreher beschäftigt. Später folgte mir ein Mitbruder aus Deutschland: Michael Walzer. Er arbeitete in einem Felllager. Mit ihm gründete ich drei Jahre später in West-Berlin unsere kleine Gemeinschaft und wir fanden beide Arbeit in der Elektroindustrie.

 

Eine doppelte Eingliederung

Als Arbeiter wollten wir den Weg der Inkulturation in unserem betrieblichen Umfeld gehen, hatten aber auch den Wunsch, für Menschen in größerer materieller Not offen zu sein. Deshalb zogen wir innerhalb von Westberlin nach Kreuzberg. Es ist ein Stadtteil mit vielen Menschen aus der Türkei und mit vielen Arbeitslosen. Andere sind aufgrund ihres hohen Alters oder durch Schicksalsschläge an den gesellschaftlichen Rand gedrängt. Dazu gesellen sich Künstler und politisch Interessierte mit einem basisdemokratisch linken Interesse.

Die Kommunität wuchs. Im ersten Jahr kam ein ungarischer Jesuit dazu, der dann weiter zog nach Kolumbien, um unter Straßenkindern zu leben. Er blieb lange Zeit Teil unserer Kommunität. Dann stießen Menschen aus dem Stadtteil zur Gemeinschaft. Im dritten Jahr wurde Franz Keller, ein Bruder aus der Schweiz, zu uns geschickt, der noch mit 55 Jahren eine Arbeit in der Elektroindustrie fand. Er ist heute 83 Jahre und wir beide waren lange die einzigen Jesuiten in der Gemeinschaft. Michael Walzer starb 1987 an einem Gehirntumor. Um diese Zeit waren wir fünf Jesuiten und die Türen der Gemeinschaft hatten sich geöffnet. In den folgenden 30 Jahren wohnten hier auf engstem Raum etwa 400 Menschen aus 61 Nationen. Sie haben in ganz unterschiedlichen Lebenslagen an unsere Tür geklopft und wir haben jeweils eine Matratze mehr ausgelegt, damit alle Platz fanden. Ihre Obdachlosigkeit war entstanden auf Grund einer Krankheit, Fluchtsituationen, Abenteuerlust, Arbeitslosigkeit, Entlassungen aus Gefängnissen oder Krankenhäusern, aus Lebensumbrüchen, und auch aus religiösen Gründen. So wurde die Kommunität nach und nach zu einer Pilgerherberge, in der einige über 10 Jahre blieben, bis ein weiterer Lebensschritt deutlich wurde. Andere zogen schneller weiter. Unsere Mietwohnung wurde ein Ort, Gastfreundschaft im internationalen Rahmen zu üben. Wir wohnten nahe der Mauer, die die Stadt in Ost und West teilte. Die Kontakte zu Menschen jenseits dieser Grenze waren uns sehr wichtig.

 

Der Reichtum jedes Einzelnen

1987 wurde ich zu einem internationalen Treffen SJ in Frankreich zu dem Thema "Zusammenleben mit Muslimen" eingeladen. Dabei wurde mir deutlicher: Ich lebe nicht nur mit Menschen zusammen, die einen Mangel wie Heimatlosigkeit, Sprachlosigkeit, Krankheit, Arbeits- oder Beziehungslosigkeit haben, sondern, viel wichtiger: ich lebe mit Menschen zusammen, die einen Reichtum mitbringen. Ich darf mit Menschen unterschiedlicher Religionen, Sprachen, Lebensperspektiven zusammenleben. Ähnlich wie auf der Arbeit war jetzt auch in der Kommunität der helfende Aspekt in den Hintergrund getreten und die Entdeckung der Würde jedes Einzelnen stand im Vordergrund. Insgesamt habe ich mein Leben auf der Arbeit und im Stadtteil als einen Weg der Menschwerdung erlebt. In der Freude darüber waren viele Veränderungen möglich.

 

Die weltweite Gemeinschaft

Die internationalen Kontakte sind ein wichtiger Aspekt der Gemeinschaft, und darin auch die Kontakte zu anderen Jesuiten weltweit. So verwundert es nicht, dass die Texte der letzten Generalkongregationen unser Suchen häufig bestätigten und weitere Entwicklungen unterstützten. Dazu gehört z.B. die Ausrichtung auf den Weg der Inkulturation und des interreligiösen Dialogs, aber auch das Dekret zur Situation von Frauen und die besondere Aufmerksamkeit gegenüber Menschen aus Afrika, die unter uns wohnen. Sie sind mitten im Rassismus unseres Landes ein großes Geschenk.

 

Politische Gebete

Zusammen mit anderen, den Ordensleuten gegen Ausgrenzung, begannen wir vor 14 Jahren ein regelmäßiges Gebet vor dem Gefängnis, in dem Menschen ohne kriminelle Auffälligkeit einsitzen, weil sie in andere Länder abgeschoben werden sollen. Als Berliner haben wir schmerzhafte Teilungs- und Mauererfahrungen. Wir sind empört über diese Freiheitsberaubung. Nun stehen wir regelmäßig vor der Gefängnismauer, die für uns ein Teil der Mauer um Europa oder um Länder wie die USA ist. Im Gebet übersteigen wir die Grenzen und unser Leben darf sich ausweiten.

Vor 6 Jahren begannen wir mit Muslimen, Hindus, Buddhisten, Religionslosen und sporadisch mit Menschen anderer Religionen ein interreligiöses Friedensgebet, zu dem wir uns jeden Monat auf einem großen Platz mitten in der Stadt versammeln.

 

Exerzitien auf der Straße

Das innere Gebet am Arbeitsplatz und das gemeinsame vor dem Gefängnis haben uns den Weg gewiesen, die Ignatianischen Exerzitien neu wahrzunehmen. Für uns sehr überraschend wurden wir im Jahr 2000 dazu aufgefordert, "Exerzitien auf der Straße" anzubieten. Diese Anfrage hat unser Leben verändert. Die Erfahrungen des ersten Kurses wurden im Jahrbuch der Jesuiten 2002 unter dem Titel "Nach Orten der Gottesbegegnung suchen" dokumentiert. Weitere Kurse fanden in anderen Städten statt, in denen wir wohl ähnliche Erfahrungen wie Ignatius in Manresa machten.

Auf diesem Exerzitienweg, der nicht abseits in einem stillen Haus, sondern mitten in der Stadt stattfindet, gibt es nur einen zentralen Impuls: Wir erzählen die Geschichte von Mose, der die ihm anvertrauten Tiere eines Tages über die Steppe hinaus treibt und dort einen brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch entdeckt. Neugierig geht er darauf zu und hört, dass er auf Heiligem Boden steht und die Schuhe der Distanz ausziehen soll. Das Feuer der Liebe, das brennt und nicht verbrennt, eröffnet ihm zuerst Bekanntes aber vielleicht Beiseitegeschobenes, nämlich die Not seines Volkes. Die Stimme aus dem brennenden Dornbusch nennt ihren Namen und ruft Mose in seinen Dienst zur Befreiung des Volkes aus der Sklaverei (Ex 3).

In den Exerzitien lassen sich die Teilnehmer/innen ihren "Dornbusch", und damit den eigenen heiligen Ort zeigen, an dem sie die Schuhe des Besserwissens, der schnellen Flucht oder der eigenen Abwertung möglichst real ausziehen. Unscheinbare zufällige Orte; Menschen am Weg; historische und soziale Brennpunkte; Leidvolles in der eigenen Lebensgeschichte; an vielen dieser Plätze lässt sich Gottes Stimme hören. Teilnehmer/innen und Begleiter/innen werden überrascht von den entdeckten Meditationsorten und den sich dort anbahnenden inneren und äußeren Gesprächen. Das Wort "Straße" im Titel soll auf die offene Frage nach der persönlichen Begegnung aufmerksam machen. Das Suchen und Finden Gottes in allen Begegnungen entspricht der Grunderfahrung von Ignatius.

Diese Begegnungen sind die zentralen Impulse für den inneren Prozess, sei es in einem Kurs über 10 Tage oder für einige Stunden. Es geht um die direkte Erfahrung mit dem Auferstandenen in unserer Umgebung und die Beziehung zum Hl. Geist in uns selbst. In diesem äußeren und inneren Erleben werden Prozesse der Heilung angestoßen und Entscheidungen ermöglicht. Die Teilnehmer/innen erzählen anschließend als autorisierte Zeugen ihre biblischen Geschichten der Gegenwart. Sie kommen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, religiösen Gruppen oder aus einem nichtkirchlichen Leben.

Manche Übende sind Gäste in unserer Wohnung. Anderen bieten wir an schlichten Orten kostenlose Exerzitienkurse an. Informationen in verschiedenen Sprachen unter www.con-spiration.de/exerzitien

 

Der gemeinsame Lebensrhythmus

Heute schlafen in unserer Wohnung durchschnittlich etwa 16 Menschen, darunter zurzeit vier Jesuiten. Wie viele hier ihren Lebensmittelpunkt haben, also nach eigenen Angaben mit uns wohnen, ist mir unbekannt. Ich bin immer neu verwundert, mit wem ich zusammenwohnen darf und wer sich auf die eine oder andere Weise der Gemeinschaft zugehörig fühlt.

Jeweils dienstags gibt es für die hier Wohnenden ein Abendessen und eine Runde über die Ereignisse der letzten Woche. Jede und jeder erzählt, welche Anstöße wichtig geworden sind. Nach diesem etwa zweistündigen Zuhören feiern wir die Messe am selben Tisch. Die biblischen Texte des Tages lassen uns neu auf die Ereignisse der Woche sehen, indem wir uns darüber austauschen. Neben diesem etwa vierstündigen "Gottesdienst" - Essen, Austausch, Eucharistie - gibt es jeweils am Samstag ein ebenso langes großes Frühstück, zu dem oft 40 Menschen nach und nach kommen. Jede/r bringt Themen mit, über die wir ins Gespräch kommen. Im Rhythmus dieser beiden Mahlzeiten lebt die Gemeinschaft auf dem Weg mit allen hier Wohnhaften und ihrer Mitwelt, die sie als Gäste beherbergen darf.

 

Ein planloses Leben

Es gibt keinen Reinigungs- oder Abwaschplan, keinen Begrüßungs- oder Beratungsplan, aber ein großes Vertrauen auf die Führung Gottes und die Hoffnung, seine Anstöße auch mitten in schmerzhaften Situationen wahrzunehmen. Wir machen anarchistische Erfahrungen, die auf der Wertschätzung jedes Einzelnen aufbauen. Nach der Wüstenwanderung Israels wehrten sich die Propheten dagegen, Könige einzusetzen (Richter 9). Auch Jesus wandte sich gegen Herrschaftsstrukturen, die tagtäglich viele Menschen ausgrenzen. "Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein!" (Lk 22,25ff). Wir entdecken neu die verwandtschaftliche Hoffnung aller Menschen. In diese Freiheit werden wir zurückgestoßen, besonders von Menschen, die in unserer Gesellschaft ohne behördliche Papiere leben. In Berlin sollen es etwa 100.000 Menschen sein, in Deutschland werden sie auf eine Million geschätzt. Sie leben in unserer Mitte eine Ungesichertheit, die uns herausfordert. Das Vertrauen dieser Menschen ist ein jeweils neu zu entdeckendes Licht. Manchmal suchen uns diese Boten Gottes aus fast allen Ländern der Welt auf. Dann ist ein Festtag mitten in der globalen Völkerwanderung, die unsere Welt herausfordert. Diesen Festtag nicht zu übersehen und ihn auf die eine oder andere Weise zu begehen, ist ein Schritt auf dem Weg des Lebens mit all den Menschen weltweit, von denen sie uns in ihrer Not Zeugnis ablegen. Die Verwurzelung in diesen Menschen und damit in dem Mensch gewordenen Gott ist die einigende Kraft unserer Gemeinschaft, die für uns unplanbar ist und der wir die Tür offen halten wollen.

 

Keine professionelle Hilfe

Die Gemeinschaft lebt in einem politischen, interreligiösen und kirchlich ökumenisch herausforderndem Zusammenhang. Sie hat sich nicht auf ein Thema spezialisiert über das sie eine besondere soziale Kompetenz beanspruchen könnte. Professionelle Hilfe muss anderswo gesucht werden. Menschen ganz unterschiedlicher Prägung sind anwesend, mit denen wir Gemeinschaft und Freundschaft entdecken. Dabei finden wir viele Abhängigkeiten und entdecken unterschiedliches Suchtverhalten. In den freundschaftlichen Beziehungen nicht selbst zu Co-Süchtigen zu werden, ist eine große Herausforderung. Wir wollen uns durch die Suchtbrille den Blick für die Wirklichkeit nicht verstellen lassen und jeweils zum eigenen Nein und Ja oder zum Widersagen und Glauben finden, wie es in der Liturgie der Taufe heißt. Wir sind selbst in Süchte verstrickt: wir stecken mit vielen in der kapitalistischen Sucht der Geldvermehrung. Auch durch die klerikale Sucht in religiösen Gemeinschaften - gleich welcher Weltanschauung - wird der Blick auf die Wirklichkeit durch Gesetzlichkeit verstellt. Im Bereich der Sexualmoral werden Grundsätze wichtiger als der barmherzige Blick auf betroffene Menschen. Sie geraten darüber in Notlagen. Wir sind eingeladen, einen Schritt auf dem Weg der Einheit mit Gott und der von ihm geschenkten Freiheit zu tun. Die dankbare Freude darüber, wenn Ungeister weichen und Versöhnung eintritt, ist unermesslich.

 

Zusammenfassend

Am Schluss soll eine Definition unserer "community of insertation" stehen, die den Namen unserer Straße trägt: Naunynstraße 60. Für mich ist die Kommunität eine überbordende und doch stille Pilgerherberge geworden, in der Gastfreundschaft geübt wird mitten in einer Gesellschaft, die ständig neue Kontroll- und Überwachungstechniken einsetzen und in der die traditionellen kirchlichen Gemeinschaften an Bedeutung verlieren. Unsere Kommunität verwurzelt sich in der Begegnung mit Menschen im nahen Umfeld, im weltweiten Zusammenhang und darüber in der Wirklichkeit Gottes, der uns in allem überraschen will.

Artikel für die Zeitschrift Promotio Justitiae, Rom (eng.fr.it.span.) 2008

 

Straße werden
Erfahrungen mit Exerzitien auf der Straße

Mein Leben begann 1943 mitten im 2. Weltkrieg als mein Vater mit dem U-Boot unterwegs nach Singapur war. Er selbst kam gesund zurück und musste dann einen neuen Beruf lernen. Wir zogen mit ihm häufig um. Entsprechend viele Schulen besuchte ich bis nicht mehr mitkam und auf der Werft in Kiel eine Ausbildung zum Maschinenbauingenieur begann. Doch gegen viele Widerstände nahm ich nochmal Anlauf, beendigte nach einer Zeit beim Militär meine Schulausbildung und trat Anfang 1969 in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein.

1. Das Lesen der Erfahrungen auf dem eigenen Lebensweg

Den Ruf Gottes an mich hörte ich 1971 durch Michael Walzer SJ während unseres Philosophiestudiums in München. Er fragte mich: "Ich möchte eine manuelle Fabrikarbeit aufnehmen und den Graben zwischen Arbeitern und Studierten überwinden; kommst du mit?" Sofort spürte ich ein Ja in mir, der ich sonst lange um Entscheidungen ringe und antwortete ihm zustimmend. Der Beginn unseres gemeinsamen Engagements zog sich noch sieben Jahre hin, aber ich startete umgehend mit einer regelmäßigen Arbeit als LKW-Fahrer, als Möbelträger und auch am Fließband neben dem Studium der Theologie in Frankfurt. Dann zog ich zu Mitbrüdern nach Frankreich, deren Leben von manueller Arbeit bestimmt war. Ich fand Anstellungen in der Metallindustrie und wurde zum Dreher ausgebildet. Nach drei Jahren zogen wir beide 1978 nach Berlin, fanden Arbeit und gründeten mit einem dritten Mitbruder eine kleine Kommunität. Nun begann das langsame Hineinwachsen in einen Großbetrieb, in dem ich 21 Jahre blieb, und in einen sehr unruhigen, armen Stadtteil, der von vielen gemieden oder nur mit großer Angst betreten wurde. Michael starb 1986 an einem Gehirntumor. Mit ihm hatte ich mich in verschiedenen Gruppen und mit KollegInnen in der Gewerkschaft engagiert. Das war gut und richtig so. Ich tat es weiter. Aber auf die Frage, warum ich das tat, konnte ich wohl nie befriedigend antworten. Da gab es mitten in meinem Leben ein Geheimnis.

Gerne tauschte ich mich über die Ländergrenzen hinweg mit Menschen aus, die einen ähnlichen Weg der Inkulturation in häufig abgewerteten Lebensbereichen machten. Anfangs dachte ich, dass irgendwann ein missionarisches Engagement mit Worten entstehen würde. Doch dazu kam es an meinem Arbeitsplatz nie. Die Kollegen schützten mich vor einem solchen coming out mit meiner Studienzeit und Ordenszugehörigkeit. Sie wollten mich im gemeinschaftlichen Engagement durch die zu erwartenden Anfeindungen nicht mundtot machen.

In der Mitte der KollegInnen habe ich den auferstandenen Jesus gesucht und auch gefunden. Doch ich bin nie auf die Idee gekommen, dass ich selbst Teil seiner Menschwerdung bin. Ja, ich bin über eine Grenze gegangen, die seinem Weg nach unten entspricht (Phil 2,6f). Immer mehr entdeckte ich seine Liebe zu mir fremden Menschen und lernte mit ihnen zusammen zu leben. In unserer größer werdenden Wohngemeinschaft, in der wir Jesuiten mit Menschen aus allen Kontinenten in Berlin-Kreuzberg leben, lernte ich unterschiedliche Formen der Gastfreundschaft und der gegenseitigen Achtung kennen.Wir leben auf engem Raum zusammen mit etwa 15 Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen, Gesellschaftsschichten und Religionen stammen. Mit möglichst wenig vorgegebenen Regeln versuchen wir zusammen zu leben. Diese tendenzielle Offenheit zu allen Menschen - nicht zu allen Meinungen und allem Verhalten - erfahre ich als ein Eins-werden mit dem von mir wahrgenommenen Verhalten Gottes. Sein Mitgehen mit allen Menschen in ihren Fähigkeiten und ihren Bedürfnissen ist für mich ein Erkennungszeichen seiner Allmacht.

Meine Erfahrungen mit stark reglementierten Arbeitsabläufen, oft willkürlichen, kaum nachzuvollziehenden autoritären Strukturen, besonders im Gefängnis, verstärken meine Abwehr gegenüber spirituelle Übungen, die festgeschriebenen Abläufe folgen. Ihren Wert will ich nicht infrage stellen. Doch ich lerne das experimentelle Vorgehen von Ignatius immer mehr schätzen und nehme in mir eine anarchistische Kreativität wahr, wie ich sie auch in der jüdisch-christliche Tradition entdecke. Jesus lebte auf der Grenze zwischen der nomadischen und der sesshaften Zeit seines Volkes, in der viele abgrenzenden Strukturen noch nicht so ausgebildet waren.

Seit September 1995 bete ich mit einer Gruppe von Ordensleuten und vielen FreundInnen regelmäßig vor dem Abschiebegefängnis in Berlin. Anschließend gehen wir in diesen großen fest verschlossenen Tabernakel der Anwesenheit Jesu (vgl. Mt 25,36) und besuchen einzelne Gefangene.

Die in dieser Situation gewachsene Aufmerksamkeit wurde eine entscheidende Voraussetzung, Menschen bei ihren Geistlichen Übungen auf der Straße zu begleiten. Überraschend klopften einige mit diesem Anliegen in jener Zeit an die Tür unserer Kommunität. 1998 fand für Mitbrüder ein erster kleiner Exerzitienkurs in unserem Stadtteil statt. Untergebracht waren wir während der Sommerpause in einer Wärmestube für obdachlose Menschen. Wir erinnerten uns an die Erfahrungen von Ignatius, die Grundlage für seine Exerzitienbegleitung wurden. Er lebte damals in Manresa als Obdachloser in und am Rande der Stadt.

Nach meiner Entlassung aus dem Betrieb begann 2000 ein neuer Abschnitt meines Lebens. Mit vier Ordensleuten gegen Ausgrenzung - also mit unseren Erfahrungen vor dem Abschiebegefängnis und dem Kontakt mit den Weggeschlossenen - schrieben wir einen offenen Exerzitienkurs auf den Straßen von Berlin-Kreuzberg aus {1}. Wir begleiteten die beiden Exerzitiengruppen mit jeweils einer Frau und einem Mann. Diese offene Begleitung in kleinen Gruppen hat sich bewährt. Anschließend gaben mir die drei anderen BegleiterInnen den Auftrag, einen neuen Kurs auszuschreiben. Dies geschah in den nächsten Jahren nicht nur in Berlin und vielen Städten Deutschlands, sondern auch in Belgien, Ungarn, Frankreich und der Schweiz. Meist waren es 10tägige Exerzitienkurse, manchmal auch eintägige Experimente oder Einladungen für nur wenige Stunden. Termine und Reflexionen finden sich in mehreren Sprachen auf www.con-spiration.de/exerzitien

 

Das von innerem Schweigen getragene Zuhören

So sehr Fasten und Stillschweigen Konzentrationshilfen sind, so grenzen solche Absprachen immer einige von der Teilnahme an Geistlichen Übungen aus. Überraschend machten wir die Erfahrung, wie bei den Exerzitien auf der Straße ganz ungeübte Menschen ins innere Hören und damit auch in ein aufmerksames Schweigen treten und so die Gegenwart Gottes in vielerlei Zeichen und Menschen wahrnehmen. So kann ein in starren kirchlich Verhältnissen lebender Mensch vor einem Mann mit einem Presslufthammer in der Krypta einer Kirche meditieren und spüren, wie die Betondecke in ihm Risse bekommt und er sich unter ihr wieder lebendig wahr nimmt. Er erzählt abends von seinem Erlebnis. Am nächsten Tag besuchen andere TeilnehmerInnen diese Kirche. Sie fanden eine gesicherte Baustelle, doch den Engel oder Jesus selbst fanden sie nicht mehr. Er war für den Übenden am Tag vorher da gewesen. Alle, die sich auf dieses "Beten mit offenen Augen" einlassen, kennen solche Geschichten von Jesus mit dem Presslufthammer, als Kanalarbeiter, als BettlerIn, usw. Ähnlich erzählen die ersten Zeugen der Auferstehung von Jesus als Gärtner, Fremden, Koch, der Fische brät.

Ihre Geschichten ähneln der von Mose vor dem Dornbusch in der Wüste (Ex 3,2-4). Ganz überraschend begegnete Mose der brennenden aber nicht verbrennenden Liebe Gottes verborgen in einem Dornbusch. An diesem Ort zog Mose, der schon 80 Jahre alt war (Apg 7,30), aus Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes die Schuhe der Distanz (Mt 5,3) aus und ließ sich in die Freiheit mit seinem ganzen Volk rufen. Auch das Gesicht Jesu, aus dem uns die Liebe Gottes entgegen sieht, entdecken wir auf seinem Befreiungsweg zur Kreuzigung in einem kleinen Dornbusch. Er ist zum Folterinstrument einer Dornenkrone geworden. In diesem Kontrast wird die Liebesbotschaft des Evangelums noch eindringlicher: Jesus lädt einen der Hingerichteten zu sich ein (Lk 23,43), sorgt für seine Mutter (Joh 19,27) und lässt sich auf Gott auch ohne ein abschließendes Verstehen ein.

Wie Mose werden die Übenden von der überwältigenden Einladung in die Freiheit überrascht. "Kann das wahr sein, dass ich den eingeübten Weg meines Lebens verlassen soll?" Vor dieser Anfrage Gottes stehen auf die eine oder andere Weise alle Übenden.

Jetzt erinnere ich mich: Ich hatte in der Fabrik gearbeitet, bin dann in die Schule zurückgekehrt, in den Orden eingetreten und habe mein Studium aufgenommen. Da wurde ich von Michael gefragt, ob ich mit ihm in die Fabrik als ungelernter Arbeiter zurückkehren wolle. Mein Ja war eine große Befreiung, denn ich konnte mir nie vorstellen, einmal Priester in der ersten Reihe zu sein (Mt 23,2-10). Gott hat einen anderen Weg für mich gefunden, Priester zu sein.

 

Das Fundament Sehnsucht

Die Exerzitien auf der Straße beginnen mit der Frage: Was ärgert dich immer neu, was macht dich jeweils traurig oder ängstigt dich; worüber freust du dich unverhofft, überschwänglich? Durch den Schmerz oder auch die Freude hindurch ist die eigene Sehnsucht zu spüren, die diese ursprüngliche Regungen anstößt. Sie sind Wegweiser zum Ursprung unseres Lebens, der sich in uns Menschen auf so unterschiedliche Weise ausdrückt und lebendig zeigt. Unsere Sehnsüchte sind göttliche Abdrücke seiner Liebe in uns, die uns zum Leben befähigen. Diese vielfältige Größe Gottes spiegelt sich in der Gemeinschaft aller Menschen wieder. Wir suchen über die lebendigen Liebeszeichen in uns auf Gott zuzugehen, ihn im Gebet anzusprechen und von ihm leiten zu lassen. Der Ärger über das Nichtbeachten von Menschen führt eine Frau in den Exerzitien zu ihrer Sehnsucht, dass alle Menschen wahrgenommen werden wollen, damit das von Gott anvertraute Leben in ihnen entdeckt kann. Die Übende findet darüber zu ihrem persönlichen Gebet: "Du, die Du mich schön ansiehst und mich das Lieben lehrst." Dieses innere Gespräch mit unserem Ursprung führt die Übenden an Orte in der Stadt, die ihnen heilig, das heißt lebensweisend werden, also zu ihren brennenden und nicht verbrennenden Dornbüschen der liebenden Gegenwart Gottes. Sie finden diesen Heiligen Boden oft an vorher von ihnen unbeachteten Plätzen.

Nach und nach entdecke ich meine Geschichte der Sehnsucht. 1975 habe ich sie vor dem Aufbruch nach Frankreich "Solidarisch leben" genannt. "Die Lust Einheit zu entdecken" ist eine spätere Formulierung meines Wunsches, respektvolles Sehen und Hören einzuüben. Die Straße der Sehnsucht in uns weist auf den Menschwerdungsprozess hin, der die Menschwerdung Gottes in uns aufleuchten lässt. Darüber staune ich während der Exerzitienbegleitung bei den TeilnehmerInnen und bei mir selbst. Das Begleiten geschieht im Nichtwissen über diese Pläne Gottes und ermutigt die Übenden, die eigenen Erfahrungen ernst zu nehmen.

Auf diese Weise stoße ich nochmals auf den Bibeltext, den ich jahrelang meditiert habe: Das Nein Jesu und seinem darin deutlich werdenden Glaubensbekenntnis, wie wir es in den Versuchungsgeschichten finden: Der Mensch lebt von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt; du sollst Gott nicht auf die Probe stellen, sondern ihm allein dienen (Mt 4,1-11; Lk 4,1-13). Die Suche nach dem persönlichen Neinsagen kann ebendo in die Geistlichen Übungen einführen und zum Fundament der Gottessuche werden: Einem Leben aus dem Wort Gottes, dessen Glaubwürdigkeit wir nicht misstrauen, sondern dem wir dienen wollen.

 

Jesus ist Straße

Mit unserer Sehnsucht gehen wir über das Gewohnte, über die Steppe (Ex 3,1), aus den privaten Räumen hinaus auf die offene Straße. Nach und nach erkennen wir Jesus als die Straße (Joh 4,16), auf der Gott uns entgegenkommt. Vielleicht bemerken wir ihn zuerst als Obdachloser, der keinen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann (Mt 8,20) oder als jemanden, der uns heilen will. Viele Heilungen finden auf der Straße statt. Einmal wird dazu sogar das Dach abgedeckt, weil Jesus in einem Haus ist (Mk 2,4). Phantasiereich nutzt er die Heilungsmöglichkeiten der Straße. Vor einem blinden Menschen spukt Jesus auf die Erde und trägt den entstandenen Brei auf seine Augen auf. Dann weist er den Bettler an, sich im Teich Siloach zu waschen. Übersetzt heißt dieser See: der Gesandte (Joh 9,7), ein Hinweis auf den erwarteten Messias.

Wir kennen die Zumutungen des Lebens auf der Straße, die wir nicht selbstverständlich als Begegnung mit Gott wahrnehmen wollen. Mit einem "Das kann er doch nicht von mir erwarten" weisen wir seine Einladungen ins Leben häufig zurück. Doch Jesus ist auch heute der Durstige, der eine Frau am Brunnen (Jo 4,7) um Wasser bittet. Er steht neben uns auf der Straße, auf die viel Müll, das Restrisiko, die unverkäuflichen Abfälle, Menschen in Krisensituationen geworfen werden, die von der Allgemeinheit entsorgt werden sollen. Mitten in diese Krankheitsymptome einer geldorientierten Gesellschaft lädt Jesus ein, nach ihm, dem lebendigen Wasser, zu verlangen.

Die Frau, die Jesus um Wasser bittet, entdeckt ihren Durst nach dem nicht versiegenden Wasser. Sie bittet Jesus um das Wasser, das ewiges Leben spendet. Aber erst als sie die Zusage Jesu mit ihrer eigenen Lebenserfahrung in Verbindung bringt, ahnt sie etwas von dem Gehörten und ruft die Leute aus dem Dorf zusammen. Erst zwei Zeugen können auf die Wahrheit hinweisen. Im Zusammenspiel von Schrift und Erfahrung wird sie sichtbar.

Jesus ist die Straße, auf der uns die Wahrheit und das Leben Gottes auch heute entgegen kommt (Jo 14,6). Hier und an den Orten, die uns zur Straße werden, will er uns begegnen. Als Jesus im Haus eines Pharisäers eingeladen war, kam eine von vielen verachtete Frau zu ihm und wusch ihm mit ihren Tränen die Füße. Da war durch diese Frau mitten in der Männergesellschaft das Gott widerspiegelnde Unplanbare der Straße greifbar (Lk 7,38). Auch in der Exerzitiengruppe tritt nach einiger Zeit das Überraschende der Straße in das abendliche Nachgehen der Erlebnisse ein.

Die Erfahrungen auf der Straße weisen mich auf eine entscheidende Auslegungshilfe für biblische Texte hin, die ich schlicht "Straße" nenne. Sie weist auf einen wichtigen Offenbarungszusammenhang in der biblischen Botschaft hin. In der Offenheit der Straße spiegelt sich die Offenheit Gottes und die nomadische, heimatlose Gesellschaft, an die im jüdischen Glaubensbekenntnis erinnert wird (Dt 26,5).

Auf der Straße entdecken wir ganz unterschiedliche BegleiterInnen. Sie handeln ohne eine besondere Absicht. Jesus erzählt von ihnen in seiner Rede vom letzten Gericht (Mt 25,31-46). Dieser Text führt uns in die Offenheit allen Menschen gegenüber. Das ist der zentrale Hinweis auf die Botschaft der Straße, der ich mich öffnen will. Die Freude darüber hat mein Leben mehr und mehr verändert.

 

Im Zuhören bleiben, die Schuhe ausziehen

Da wir in einer mörderischen, von Gewalt geprägten Welt leben - wie Schafe unter Wölfen (Lk 10,3f) -, sollten wir uns die vier Weisungen Jesu zu Herzen nehmen und unseren Blick durch die scheinbare Sicherheit geordneter Verhältnisse nicht verstellen lassen. Jesus fordert uns weiter dazu auf, unsere Schuhe zurück zu lassen: die hochhackigen, mit denen wir auf andere hinab sehen, die Turnschuhe, mit denen wir allen Konflikten schnell auszuweichen versuchen, jene, die wir als Waffen einsetzen können, oder die glitzernden Schuhe der Eitelkeit. Ebenso sollen uns die fesselnden Konventionen der Harmonie, des Grüßens (Lk 10,4) oder der richtigen Kleidung nicht gefangen nehmen. Unsere Wahrnehmung wird davon schnell eingeengt, was die Begegnung mit dem Leben verhindert.

In den Exerzitien auf Straße üben wir, uns zu persönlichen Begegnungsorten führen zu lassen. Sie liegen scheinbar zufällig am Wegrand. Aber wir finden sie auch in uns selbst oder in schon lange bestehenden Beziehungen. Am Abend taucht regelmäßig die Frage auf: Welche Distanz musstest du überwinden, welche Schuhe ausziehen, um in der beschriebenen Situation die bereitliegende Botschaft hören zu können? Wenn ich an den Meditationsorten meine nackten Füße spüre, mit meinem Herz nicht beschuht also nicht distanziert bleibe, dann werde ich auch an einem unruhigen Ort nach einer Ablenkung wieder in das Jetzt und Hier zurückfinden. Diese Übung veränderte meinen Alltag und lässt mich heute vieles gemeinschaftlicher wahrnehmen, was ich vorher nur als Information registriert habe. Immer noch sehe ich manches distanziert beobachtend und als brauchbar oder unbrauchbar wertend. Aber die Überraschungen nehmen zu, das Gemeinsame des Lebens mit anderen Menschen zusammen zu entdecken.

Jesus privatisiert seine Beziehung zum Vater nicht, sondern lässt uns daran teilhaben. Wir sehen durch ihn den Vater. Jesus ist die Straße zu ihm, die Wahrheit und das Leben. Jesus führt uns zu den ursprünglichen Gotteserfahrungen des Volkes, als sie Nomaden in der Wüste waren. Dorthin sind Menschen auch später in der Geschichte aufgebrochen, um den Glauben von vielen Dekorationen zu befreien und nach einem direkten Zugang zu Gott zu suchen. Die Exerzitien auf der Straße bescheren mir den Kontakt mit diesem pilgernden, ergebnisoffenen Suchen, das nicht in einem bestimmten Zeitrahmen eingegrenzt werden kann. Ich entdecke zunehmend die Einladung, dass wir selbst zur Straße werden dürfen, einer Straße, die dem Frieden den Weg bereitet, auf der wir Barmherzigkeit üben, die Gerechtigkeit Gottes wahrnehmen und sie greifbar werden lassen.

In den Exerzitien klärt sich nicht nur die Beziehung zum Ursprung des Lebens, zu der Quelle der eigenen Sehnsucht, zu Gott, sondern auch zu den Mitmenschen, der Natur und zu allem, in dem wir leben. Der Austausch über die täglichen Erfahrungen am Ende des Tages ist ein wichtiger Schritt in die Offenheit vor dem Nächsten und vor Gott zu treten.

 

Die dritte Etappe der Exerzitien

Nach der Fundamentsphase (1) und der Suche nach der Begegnung mit dem Leben (2) - Mose vor dem Dornbusch im Angesicht der brennenden Gegenwart Gottes - gehen die Übenden in der dritten Etappe gemeinsam - ähnlich den Jüngern - von Emmaus zurück nach Jerusalem in die Versammlung der Jünger (Lk 24,33). Dort konnten die beiden am Morgen den Berichten der Frauen und Petrus nicht mehr zuhören und mussten weggehen. Jetzt am Abend können sie nach der Begegnung mit dem Fremden, in dem sie Jesus erkannten, den Freunden wieder zuhören. Dieses Hörenkönnen ist das Ziel von Geistlichen Übungen. Der Ruf Höre Israel hat in der Geschichte einen zentralen Platz. Am Ende der Exerzitien nehmen wir beim Gottesdienst in einer Gemeinde oder einer anderen Gruppe die Veränderungen bei uns wahr. Der für manche sogar verbrannte Boden einer Kirche kann wieder betreten werden. Notwendige, ergebnisoffene Klärungsprozesse beginnen und brauchen manchmal einen längeren Zeitraum für ausstehenden Entscheidungen. Die gemeinschaftlichen Elemente der Exerzitien helfen in diesem Prozess lange über die vorgesehene Übungszeit hinaus.

Einige TeilnehmerInnen sind bereit, ihr Hören andern Übenden zu schenken und zukünftige Exerzitienkurse zu begleiten. Etwa 80 Menschen waren in den letzten 10 Jahren zu diesem kostenlosen Dienst bereit. Nicht jedes Jahr werden sie ihre Urlaubszeit dafür einsetzen. Aber aus dieser großen Gruppe kommen immer wieder Initiativen, Exerzitien oder Übungstage auf den Straßen größerer oder kleiner Städte zustande.

In mir ist großes Vertrauen in den Heiligen Geist gewachsen, da ich erlebt habe wie er die Menschen in ihrem Suchen unterstützt und seinen Sinn finden lässt. Ebenso kann ich mich in das Bemühen der BegleiterInnen loslassen, da unter ihnen das Hören auf den Ruf Gottes deutlich spürbar ist. Ich erlebe Kirche.

In der Begleitung und in vielen anderen Situationen bemerke ich, wie ich aus dem Hören heraus zu sprechen beginne. Die Emmausjünger hören Petrus zu, wie er Jesus begegnet ist. In Einheit mit dem Gehörten erzählen auch sie. Während die beiden von den Ereignissen erzählten, war Jesus wieder anwesend und wünschte ihnen Frieden. Leider wird in der Regel diese Aussage beim Vorlesen der Geschichte weggelassen, weil die Bibelausgaben sie zur nächsten Perikope schlagen. Doch dieser Satz macht für mich deutlich, was die Kirche unter Erinnern versteht, wie wir sie in der Eucharistie feiern. Jesus ist neu gegenwärtig unter uns, und die Jünger reagieren wieder erschrocken und halten ihn für einen Geist. In den Exerzitien auf der Straße und weit darüber hinaus üben wir wenigstens kurzzeitig im Jetzt zu leben, also in der Sehnsucht nach der unbegrenzten Einheit mit Gott. Im Jetzt dürfen wir die Ewigkeit schmecken, mit der wir wie nach der Verklärung Jesu wieder mit ihm in unseren Alltag hinuntersteigen, der durch unsere Erfahrungen auf dem Berg mitten in der Stadt sein Mehr gezeigt hat: Der Mensch lebt nicht allein von Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.

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{1} Jahrbuch SJ 2002

Veröffentlicht in: Review of Ignatian Spirituality, Rom 2011, eng., span., fr.

 

Der vorausgegangene Bruder

In meiner Jugend und als junger Erwachsener begleitete mich Jesus als Gleichaltriger brüderlich. In meiner Vorstellung hat er sich bei den Pharisäern, Sadduzäern usw. umgesehen. Er kannte sie gut. Auch ich habe bei unterschiedlichen Gruppen Anschluss gesucht und mich mit ihm darüber unterhalten. Er machte mir Mut, weiterhin auf innere Impulse zu warten und meine Identität mitten in langen Phasen der Einsamkeit zu finden.
Jesus wurde nach seiner Taufe in die Wüste geführt. Dort ist er in 40 Tagen Fasten den vierzigjährigen Weg der Glaubensfindung seines Volkes nachgegangen und hat dann sein dreimaliges Nein zu den Versuchungen des Lebens gesagt. In diesen Reaktionen spiegelt sich für mich die froh machende Botschaft seines Lebens.
Viel später bemerkte ich in mir eine Unbeholfenheit in der Beziehung zu Jesus; als Gleichaltriger war er nicht mehr anwesend. Nach einer Zeit der Trauer fand ich ihn wieder als Vorausgegangenen. Den Auferstandenen entdeckte ich dann auf der Arbeit in der Fabrik, unter armen Menschen, unter Gefangenen oder Kranken und auch in mir selbst.
Heute beschenkt mich Jesus besonders mit einem neuen Blick auf die Religionen, die vielfältig auf den Schöpfer hinweisen. Christus eröffnet mir dabei Orte der Begegnung: in meiner Gemeinschaft, bei Exerzitien auf der Straße, bei Besuchen in der Stadt und der Natur. Ich lebe im Suchen und Finden mit ihm.

 

Die Entschiedenheit aus der Mitte zu leben

Am 7. November 2007 starb Martha Barabaß fast 88jährig. Sie ist eine Mitbegründerin dieser Zeitschrift. In ihrem Leben hat sie sich immer wieder von Konfliktsituationen ansprechen lassen. Wenn sie sich dann zum Handeln entschloss, blieb sie ihm auch über viele Jahre hinweg treu. Aus ihrem christlichen Glauben heraus hat sie zu der Freiheit gefunden, unbequeme Wahrheiten zu sehen und sie anzusprechen, aber noch mehr, ein Wir zu spüren und sich darin zu engagieren. Ein solches Wir entdeckte sie in der Gruppe Angehörige politischer Gefangener in der BRD. Alle Menschen waren mit eingeschlossen, die sich für einen menschlichen Kontakt und die Freilassung der Gefangenen einsetzten. Mit dieser Erfahrung der Entschiedenheit und Offenheit, die wir im Kontakt mit ihr erlebt haben, war es nahe liegend, bei der Beerdigung am 15.11. auf dem Westfriedhof in Köln die biblische Geschichte von der Witwe zu wählen, die einen ungerechten Richter so sehr bedrängte, bis er endlich ihr Recht sah und bestätigte. (Lk 18,1-8) Eine solche Entschiedenheit hat uns Martha gelehrt, aber auch die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen und über sich zu lachen. Ihr Kämpfen hat sie nicht starr werden lassen, sondern sie suchte weiter Zugang zu Menschen aus unterschiedlichen Richtungen. Jedem Gefangenen schickte sie zum Geburtstag eine Karte, alle Angehörigen und Freunde bekamen einen eigenen Blick der Zuwendung, aber auch ein Nein, wenn sie es für notwenig hielt. Entschiedenheit hat sich in ihr mit Offenheit gepaart zu einem Engagement des Friedens untereinander. Mit dieser Hoffnung auf Frieden musste sie durch viele schmerzhafte Auseinandersetzungen gehen. Sie haben in ihr den Wunsch nach Aussöhnung noch stärker werden lassen. Dort liegt wohl ihre Quelle des Strahlens, diese Schönheit in ihrem Gesicht und ihrer Gestik, die Vorfreude auf die menschliche Heimat, die in allen Kämpfen mitgegangen ist und in der sie jetzt ganz leben darf.

 

Spiritualität auf der Straße

Über Ikonen in der Ostkirche wird oft erzählt, dass sie nicht von Menschenhand gemalt sind. Die Künstler überlassen sich mit all ihren Fertigkeiten der sie lenkenden Intuition. Diesen Vorgang beschreiben gläubige Menschen als Gebet, also als Einheitserfahrung mit dem Grund allen Lebens. Wenn wir in inniger Verbindung mit uns selbst und allem anderen die Schöpfung bejahen, dann erfahren wir unser eigenes Agieren als Handeln Gottes. Von außen und manchmal auch von uns selbst mag dieses Tun oder Denken ohne gläubigen Bezug als fremdbestimmtes Handeln wahrgenommen werden. Wir sollen unsere Intuitionen nachgehen. Von welchem Geist sind sie erfüllt und mit welchen Kriterien betrachten wir sie. Eine Vorabprüfung ist nur bedingt möglich. Erst an den Früchten werden wir das von unserer persönlichen Spiritualität getragene Handeln überprüfen können. Sind wir weiterführenden Intuitionen gefolgt oder haben wir uns von Fantasien und Fremdbestimmungen leiten lassen? Oft müssen wir bis zur Ernte warten, um nicht beim Jäten des Unkrauts die guten Pflanzen mit auszureißen. (Mt 13,29f) Deshalb wird Meditierenden geraten, sich regelmäßig dem Hören auf das Leben zu öffnen und die vielen weltverbessernden Gedanken beiseite zu legen. Die lebenswichtigen Intentionen haben sonst keine Chance wahrgenommen zu werden.

Einige Jahre habe ich Aufmerksamübungen (Exerzitien) auf der Straße begleitet, ohne dies zu wissen. Menschen, die eine Auszeit suchten, sind nicht in die Abgeschiedenheit eines Klosters oder Tagungshauses gegangen, umgeben von einer äußeren Stille, die die innere Stille des Hörens unterstützen soll. Sondern sie kamen in unsere überfüllte Wohnung, wo sie keine Zimmertür hinter sich schließen konnten. Aber sie hatten ihren Alltag verlassen. Das ist wohl eine wichtige Bedingung, um ins Hören zu kommen.

In der Geschichte von Mose wird berichtet, dass er in der Steppe beim Hüten der Schafe seines Schwiegervaters Jitro mit 80 Jahren (Apg 7,30) spürte, das in seinem Leben noch eine Sehnsucht unerfüllt geblieben ist. Er drückte sie mitten in seinem Schmerz im Namen seines Sohnes aus: Gerschom (Ödgast), denn er fühlte sich als "Gast in der Fremde" (Ex 2,22). Nun war es soweit: "Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus." (Ex 3,1) Dieser unprofessonelle Akt - ein Hirte sucht sonst Wasser und Futterstellen für die anvertrauten Tiere - ermöglicht den nächsten Schritt seines Suchens. Mose will zum Gottesberg Horeb ziehen.

 

Die richtungsweisende Sehnsucht in uns

Die Menschen, die zu uns kamen, hatten diesen Schritt über die Steppe hinaus getan und wollten zehn Tage ohne äußere Verpflichtungen bleiben. Ich hörte ihnen mit meinen Lebenserfahrungen als im Stadtviertel Wohnender abends nach der Arbeit in der Fabrik zu. Dabei suchte ich auch selbst den Kontakt mit dem Auferstandenen in unserer Mitte an allen Orten des Lebens. Dieses Mitgehen hatte ich den Gästen versprochen, denn ich wusste aus eigener Erfahrung wie wichtig das Sprechen über die eigenen Erlebnisse ist, um nicht in Vorurteilen oder einengenden Deutungen hängen zu bleiben. So wurde ich von ihnen durch die Stadt geführt, getrieben von ihrer Sehnsucht. Sich ihr durch blockierenden Ärger oder entmutigende Traurigkeit hindurch zu stellen, war meist der erste Schritt hin zu einer größeren Aufmerksamkeit. Ihre Sehnsucht ist der Antrieb den Ärger oder die Traurigkeit zu spüren. Der nachfragende Satz "Wie soll es denn sein" öffnete den Blick auf diese Handschrift des Lebens in ihrem Herzen. Wird sie ausgesprochen, dann frage ich weiter: "Wie könnte dein Lebensprinzip, dein Ursprung, Gott heißen, wenn er/sie deine Einmaligkeit mit solch einer Sehnsucht in Dir manifestiert hat?

Die Sehnsucht von Mose wurde im Namen seines Sohnes deutlich. Es war die Sehnsucht eines Fremden nach Heimat. Er war ein Mensch, der sich nicht in der Kultur seines Gastlandes assimilieren wollte. Den Gott der Verheißung wollte er aus seinem Leben nicht auslöschen. Jetzt hatte er sich auf den Weg zum Berg Horeb gemacht.

 

Auf dem Weg

Mose war nun in der Wüste neu in der Fremde und staunte über das was er sah. Die Übenden leben auch bei uns in der Fremde und sahen erstaunliche Dinge, die sie deuten müssen. Einer erlebte den Potsdamer Platz, der stark ausgeleuchtet ist, als Hölle, weil die Menschen dort keinen Schatten haben. Einer meditierte vor Abrisshäusern die Wunden der Stadt oder setzte sich mit einer Flasche Bier in der Hand zu einer Gruppe Männer auf der Bahnhofstreppe. Er erlebte diese Zeit wie eine Nichtexistenz, weil alle Vorbeieilenden über die Gruppe Obdachloser hinwegsahen oder sie bestenfalls beschimpften. Die im Weg Sitzenden werden nicht gesehen; sie gehören nicht zu den Menschen ihrer Umgebung. Doch der Übende fühlte sich wie auf heiligem Boden. Hier soll ihm, dem anerkannten Direktor eines Exerzitienhauses etwas gesagt werden sollte.

Als Mose in der Wüste war, sah er einen brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch und wurde neugierig wie der Übende im Bahnhof. Mose ging auf den stacheligen Dornbusch zu und spürte, dass er auf dem Weg dorthin auf heiligem Boden stand und die Schuhe der Distanz ausziehen, also ganz ohne Schutz in der Realität stehen sollte. Er legte die Turnschuhe des schnellen Weglaufens aus Krisen, die hochhackigen Schuhe des nur beobachtenden Hinunterschauens, die Schuhe mit Eisenkappen, die als Waffen eingesetzt werden können, oder eine andere Variante der Distanz beiseite. Mit seiner ganzen Realität steht er nun vor der Barmherzigkeit Gottes, der seine und die Not seines Volkes gesehen hat. Dieser gibt ihm einen Auftrag. Mose wehrt sich "mit Händen und Füßen" dagegen, wie wir es auch von uns kennen, wenn wir einen Ruf Gottes hören. Unglaublich was Gott ihm zumutet. Aber Mose ist nicht allein. Zuerst zeigt Gott, dieser "Ich-bin-da" (Ex 3,14), sich selbst als Mitziehender, also geradezu als Heimathafen seiner Sehnsucht, und stellt ihm Helfer zur Seite.

Die Ungeheuerlichkeit dieses Auftrags Gottes an Mose, der sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens herausführen soll, aktualisiere ich gern: Was würde ich tun, wenn ich den Ruf des Lebensspenders höre, Deutschland vom Kapitalismus zu befreien, der uns in den Bann der Geldvermehrung zieht und die Zukunft eines würdevollen Lebens aller zerstört. Um die Vorherrschaft der Ägypter gegenüber den Zugewanderten sicher zu stellen, sollte Mose wie alle Knaben seiner Generation getötet werden. (Ex 1,16) Nun wurde dieser Flüchtling mit einer großen Verheißung zu seinem Volk nach Ägypten zurück geschickt.

Mitten im Leid - der Dornbusch oder die Dornenkrone auf dem Haupt Jesu stehen dafür als Symbol (Jo 19,2) - oder der Freude dürfen wir geleitet von unserer Sehnsucht persönlich unseren Ruf ins Leben hören und ihm folgen.

 

Gott hört

Die Lösung geschieht nicht unbedingt in den zehn Tagen einer Auszeit. Aber ich habe in der Begleitung noch nie erlebt, dass Menschen ohne Hoffnung weiter gehen mussten. Gott hört auf unser Gebet und antwortet überraschend schnell. Oft so prompt, dass wir noch nicht damit rechnen. Nochmals: Die Übenden gehen auf die Straße und folgen ihrer Intuition. Wenn sie eine Ahnung haben, hier und jetzt sollen sie etwas Neues erfahren, also die Barmherzigkeit des Auferstandenen zu spüren dann nehmen sie ihre innere Wahrnehmung ernst und ziehen wie Mose ihre Schuhe (des Herzens) aus. Als gewaltlos Dastehende vor einem Gefängnis, in einer Psychiatrischen Klinik oder einer Suppenküche, vor dem Ehrenmahl für einen Widerstandskämpfer, einem Werbeplakat mit Schlüsselworten, einer Statue oder einer Sonnenblume im Garten halten sie an und werden sogar manchmal für die Vorbeigehenden als Hörende sichtbar. Sie ahnen, dass es gut ist zu bleiben und sich dem "Gebet mit offenen Augen" zu überlassen, wie Peter Hundhammer diese Form der Spiritualität nennt.

Ich habe viele Jahre nicht begriffen, dass ich Zeuge einer Spiritualität der Straße war, bis ich dann als Arbeitsloser von der Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung" in Berlin aufgefordert wurde, in Notunterkünften oder an anderen kostenlos zur Verfügung gestellten Orten zu Exerzitien auf der Straße einzuladen. Viele Frauen und Männer waren in den letzten zehn Jahren bereit TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen jeweils zu zweit für einige Zeit zu begleiten - manchmal nur für Stunden meist für zehn Tage. Wer mehr über diese Zeit des Entdeckens lesen möchte, nehme bitte das kleine Buch "Auf nackten Sohlen" in die Hand, das 2006 im Echterverlag erschienen ist. Darin beschreibe ich meine Erfahrungen ähnlich denen der betenden Ikonenmaler, die ihre Bilder als "nicht von Menschenhand gemalt" wahrgenommen haben.

 

Jesus ist Straße

Die Geschichte von Moses gibt uns für unseren Erfahrungsaustausch einige Stichworte an die Hand: Das Gehen über die Steppe hinaus, das Hören auf die eigene Intuition, das Entdecken Heiligen Bodens, auf dem wir angesichts der Barmherzigkeit Gottes unsere Schuhe abstreifen, die nächsten Schritte auf dem Weg unserer Sehnsucht - oft erst beim abendlichen Gespräch mit den anderen Übenden - ahnen und den Namen Gottes als Antwort auf unsere Sehnsucht hören können (vgl. Ex3,14). Jetzt gehen wir aus dem Vertrauten hinaus in das Unplanbare, auf die offene Straße. Sie ist ein Bild für den uns immer neu überraschenden Gott. Auf der Straße wissen wir nicht, wem wir begegnen. Die Straße führt uns an ganz unterschiedliche Orte und lädt uns auch ein, wie Mose umzukehren, selbst dorthin mit einer Verheißung zurückzukehren, wo wir verletzt wurden. Hagar lief vor der sie quälenden Chefin weg. In der Wüste ist sie auf den Gott gestoßen, der nach ihr schaut. Mit der Verheißung eines kraftvollen Sohnes, durch den ein neues Volk entstehen sollte, ging sie in die Demütigungen zurück. Von dieser ägyptischen Frau hören wir einen der ersten persönlichen Namen Gottes in der Bibel. (Gen 16)

Jesus lebt als Obdachloser auf der Straße: "Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann."(Lk 9,58) Im Johannesevangelium bezeichnet sich Jesus selbst als Straße: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben." (Jo 14,6). Auf diese Straße treten wir, ohne Jesus sofort zu erkennen. Er wird uns leiten, wenn wir offen dafür sind.

Auf den öffentlichen Plätzen und Straßen spielen sich die meisten Geschichten ab, die in den Evangelien erzählen werden. Manchmal wird auch das Innere eines Hauses zur Straße, wenn Leute das Dach abgedecken, um einen Kranken vor die Füße Jesu hinab zu lassen (Lk 5,19), oder eine unerwünschte Frau dringt in die abgeschlossene Männerwelt ein. (Lk 7,38) Wenn wir lange genug auf den Straße lernen, aufmerksamer zu werden, dann haben wir eigene Erfahrungen, diese Geschichten in Verbindung mit unserem Leben zu lesen. Wir beginnen die Heilungen, Ermahnungen und Ermutigungen von Jesus mit eigenen Erlebnissen in Beziehungen zu setzen. So wird die Bibel in unseren Herzen weiter geschrieben.

 

Mit Kleopas und Maria unterwegs nach Emmaus

Im letzten Kapitel des Lukasevangeliums wird berichtet, dass zwei aus dem Kreis der Jünger nach Emmaus gehen. Einen kennen wir mit Namen: Kleopas (24,18). Die zweite Person war vielleicht Maria, die im Johannesevangelium genannt wird. Sie stand mit Maria, der Mutter Jesu, mit Maria von Magdala und dem Jünger, den Jesus besonders liebte, in der Todesstunde unter dem Kreuz Jesu. (19,26) Dort wird sie als Maria, die Frau des Klopas bezeichnet. Die Worte der Bibel sind hunderte Mal hin und her gewendet worden. Manche sagen Kleopas und Klopas sind nur verschiedene Schreibweisen. Andere sehen große Unterschiede. Wenn wir auf der Straße sind müssen wir oft nochmals hinsehen und näher treten um besser zu sehen.

Der Evangelist Lukas stellt gerne Geschichten eines Mannes neben die einer Frau: Simeon und Hanna geben von ihrer Freude Ausdruck bei der Darbringung des Kindes im Tempel (Lk 2,7-38) und die Erzählung von dem Mann, der dem verlorenen Schaf nachgeht, steht neben jener die von der Frau, die einen Groschen verloren hat. (Lk 15,3-10)

Die Archäologen haben den Ort Emmaus gesucht. Auch hier gibt es keine eindeutige Antwort. Lukas schreibt, dass Emmaus von Jerusalem etwa 12 Kilometer oder 60 Stadien entfernt liegt. Diese Angabe scheint ungenau zu sein. Aber in einem Ort Emmaus, 31 Kilometer oder 160 Stadien Weg von Jerusalem weg - heute Amwas - wurde über dem Haus von Kleopas später eine Kathedrale gebaut. Da Kleopas und Maria am Ostertag dorthin und zurück gegangen sind, glauben viele Exegeten nicht an diese Variante. Aber es gibt keine Antwort, die alle befriedigt.

Verfallen wir auf der Straße in den Exerzitien nicht in Rechthaberei und in Spekulationen sondern kommen wir aus dem Kopf heraus, sehen und hören wir auf unsere Wahrnehmung: Zwei Menschen gehen verwirrt von Jerusalem zurück nach hause. Weg der Traum vom Messias, der ihr Land von der römischen Besetzung befreien sollte. Bis zum Schluss hatte Maria am Kreuz bei Jesus ausgeharrt. Kleopas wird wohl mit den anderen Jüngern lieber in der heißen Phase der Gefahr ausgewichen sein. - Und nun am dritten Tag brachten die Frauen, die den Leichnam Jesu salben wollten, die Nachricht mit: Das Grab ist leer und zwei Engel haben gesagt, dass Jesus lebt. Petrus hielt den Bericht der Frauen nicht gleich für Weibergeschwätz und eilt zur Grabstelle. Ja, es war so, wie die Frauen erzählten: Das Gab ist leer.

Da hatten Maria und Kleopas wirklich Redebedarf: "Was meinst du Maria; was meinst du Klopas, was sollen wir glauben?" Die beiden gehen zur Selbstfindung raus aus dem Kreis der Jünger auf die Straße nach Emmaus. Diese Situation kann wohl jeder und jede, der/die in einer Beziehung lebt, nachvollziehen. Wenn wir den beiden näher treten, können wir hören, wie sie einander das erzählen, was sie wahrgenommen haben und wie sie auch von ihrer Enttäuschung sprechen.

 

Ein unwissender Fremder tritt hinzu

Wir kennen in den Exerzitien, wie ein Werbespruch, das Lachen eines Kindes oder etwas sonst Unvorhergesehenes die Situation unserer Wahrnehmung und Deutung schlagartig verändert. Maria und Kleopas werden von einem Fremden neugierig angesprochen: "Was wälzt ihr denn da für Probleme auf euer Wanderung?" Die beiden bleiben betroffen stehen. Ihr Gesicht drückt nacheinander Traurigkeit, Strenge, Schmollen, Erschlaffen, schlechte Laune,Verwirrung oder Beunruhigung aus, wie im Wörterbuch vermerkt. Sie überlegen wohl einen Moment, ob sie dem Uninformierten antworten sollen. Bei den Exerzitien haben wir auf der Straße den schnellen Rückgriff auf vorgefertigte Antworten verlassen. Auch Kleopas drückt sein Erstaunen über die Unwissenheit des Mannes aus. Die beiden Wanderer stehen vor ihrem eigenen Unwissen. Mit dem Fremden ist den beiden Hinaus-getretenen das Gemeinsame gegenübergetreten.

Wenn wir bei Exerzitien Paare begleiten, dann hören wir in der Austauschrunde erst die Erlebnisse des Tages von einem und dann der anderen und in einem dritten Anlauf fragen wir nach den Erfahrungen des Paares. So sind wir als Begleitende dreimal aufmerksam. Wenn es sich einrichten lässt, werden Paare, in welcher Zusammensetzung auch immer, von Menschen begleitet, die selbst als Paare zusammen leben.

 

Eine direkte Reaktion

Nachdem Kleopas alle Fakten aufgezählt hatte, antwortete der Fremde sehr direkt. Wie oft erleben wir diese Direktheit auf der Straße von Kindern, Busfahrern, Obdachlosen, Kranken? Sie verlieren sich oft nicht in Höflichkeiten. Auch der Fremde, das Gemeinsame dieses Paares, äußert sich ohne Umschweife, als er gefragt wurde. Dieser Schritt in die Aufmerksamkeit ist in den Exerzitien eine Grundvoraussetzung, um ins Hören zu kommen.

Der Fremde klagt sie an, in ihren Herzen träge geblieben zu sein. Habt ihr die Schrift nicht gelesen; seid ihr unverständig geblieben? Der Glaube betrifft auch das Gemüt, ja die ganze persönliche Existenz. Auf der Straße werden wir als Zeugen mit hineingenommen in die Passion von Menschen und wir erfahren ihre Güte, Liebe und die schon aufleuchtenden Herrlichkeit: "Der Messias musste durch das Leiden hindurch in seine Herrlichkeit eingehen." (Lk 14,26) Wie Jesus es bei der Verklärung getan hat (Mt 17,1-9), so weist der Fremde auch auf die Aussagen von Mose und die Propheten hin.

Der Fremde will beim Erreichen des Dorfes Emmaus weitergehen. Er drängt sich nicht auf. Das Gemeinsame der Beziehung zwischen uns Menschen ist ist oft scheu.

 

Einladung zum Bleiben

Glücklicherweise laden Maria und Kleopas den Fremden in ihr Haus ein. Das abendliche Gespräch über die Erfahrungen des Tages sind bei Exerzitien auf der Straße ein sehr wichtiger Moment. Denn oft wird da erst der Sinn der Erfahrungen deutlich. Dann werden die Einladenden zu Gästen im eigenen Haus. Der Fremde bricht ihnen das Brot. Da verfliegt ihre Blindheit und sie spüren das Brennen ihrer Herzens. Auch in den Exerzitien ist es immer eine große Freude, dieses Begreifen der Anwesenheit Jesu unter uns zu spüren. Sofort wollen die beiden wieder bei den anderen Jüngern sein und hören, welche Erfahrungen sie gemacht haben. In Jerusalem hören sie Petrus mit ihren Erlebnissen zu und können ihm glauben. Da erzählen auch sie so, dass Jesus wieder unter ihnen ist und ihnen den Frieden wünscht. Es ist das Erzählen der Eucharistie, das nicht in der Vergangenheit hängen bleibt. Dieses Erzählen in der Gegenwart zu lernen ist die dritte Etappe in den Exerzitien auf der Straße.

    Die Exerzitienanregungen sind festgehalten im Ignatianischen Impuls 51, Christian Herwartz, "Brennende Gegenwart - Exerzitien auf der Straße, Echterverlag Würzburg 2011. Termine und weitere Berichte finden sich unter www.con-spiration.de/exerzitien

 

Unterwegs zu hause - Mensch werden inmitten der Auferstehung

Durch den häufigen Wohnortwechsel in meiner Kindheit habe ich oft Fremdheit und Ausgrenzung aber auch Heimat der mitziehenden Familie und in der Kirche erlebt. Diese Entwurzelungen und das Scheitern in der Schule geschah mitten in einem - zu unserem Glück - schmerzhaft entwurzelten und geteilten Volk. Die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland, die zum Zweiten Weltkrieg geführt hatte, war mit ihrem Rassismus weiter gegenwärtig bis in die Kirche hinein. Dieser Schmerz der Ausgrenzung hat Suchen und Gegenwehr mobilisiert. Dabei konnte ich geschenkte Solidarität mit Obdachlosen entdecken, den Hunger nach einer religiösen Gemeinschaft und nach einem missionarischen Handeln im weltweiten Kontext. Auf einer großen Schiffswerft begann ich eine Maschinenbauausbildung. Es gab viel zu entdecken. Am 24. Dezember 1960 arbeiteten wir nur einen halben Tag. Als wir dann mit dem Schiff zu den Familienfesten nach hause fuhren, entdeckte ich, dass wohl fast alle Kollegen betrunken waren. Ich war perplex. Und ich habe begriffen, dass Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Gottes, für viele Menschen eine Zeit der Überforderung, des Unfriedens, der Einsamkeit oder gar der Selbsttötung ist. Mein Leiden an der ideologischen und praktischen Verschlossenheit in meinem Land wurde größer. Warum lebten nicht mehr Menschen ihren Glauben sichtbar, nannten Unrecht beim Namen, auch wenn dies Ausgrenzung nach sich ziehen würde. Warum waren so wenige Christen im Westteil unseres Landes im Gefängnis? Im Osten hatte die Regierung den Glauben an Gott als Störung ihrer Ideologie erkannt und bekämpft.

 

Ausbildung in der Gesellschaft Jesu

Mit 25 Jahren trat ich mit meinem Hunger nach einer solidarischen Gemeinschaft in die Gesellschaft Jesu ein. Die Geschichte der Ausgrenzung ging auch dort weiter. Zum Glück gab es gegenteilige Erfahrungen von Freundschaft und Aufnahme unter Mitbrüdern.

Dazu gehörten vor allem die Begegnungen mit Michael Walzer, einem Mitstudenten in München. Er hatte früh bemerkt, wie die Kinder nach vier Jahren Schule voneinander getrennt werden, um ihre Wege in unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen weiter zu gehen. Auf dem Weg zu den getrennten Schulen saßen die einen vorne und die anderen hinten in der Straßenbahn. Sie hatten jetzt verschiedene Themen und Verhaltensweisen. Michael hat sich in den deutsch-französischen Begegnungen engagiert, also um die Versöhnung zwischen den alten Kriegsparteien. - Auf einem Spaziergang sagte er plötzlich: "Nach dem Philosophiestudium möchte ich gern für zwei Jahre als Arbeiter in die Fabrik gehen und mich unserer Entfremdung voneinander stellen. Willst du mitkommen?" Noch heute wundere ich mich über mein spontanes Ja damals, dass mein weiteres Leben bestimmt hat. Wir unternahmen einiges, um unseren Plan umzusetzen. Er scheiterte im ersten Anlauf und wir mußten getrennte Wege an verschiedenen Orten gehen. Sieben Jahre später aber begannen wir mit der Arbeit in der Fabrik in Berlin und gründeten 1978 eine kleine Jesuitengemeinschaft, in der ich bis heute lebe. Michael starb vor fast 20 Jahren an einem Gehirntumor.

Im Theologiestudium in Frankfurt wurde ich besonders von den ausländischen Studenten aufgenommen. Sie trafen sich in der Hochschule regelmäßig und kochten mit ihren vielen kulturellen Hintergründen. Ich war der einzige Deutsche unter ihnen und brauchte nicht zu kochen. Die hiesige Küche war ihr Alltag. Diese Begegnungen machten mir Mut. Ich entdeckte darüber besonders die ausländischen Arbeiter in Deutschland. Als Tagelöhner arbeitete ich während des Studiums regelmäßig in einem Umzugsunternehmen und kam dabei mit vielen Menschen zusammen, die Gefängnisstrafen hinter sich hatten. Ich suchte auch Begegnungen mit Jugendlichen. Doch die Fahrten zur Arbeit wurden die Zeiten, in denen ich mit Gewinn die Bibel lesen konnte. Diese Erfahrung wies mir den weiteren Weg.

Nach dem Studium, das für mich ein spezielles Training im Zuhören war, ging ich drei Jahre nach Frankreich in die Lehre zu den Mitbrüdern, die in der Gruppe Arbeitermission SJ zusammengefaßt waren. Nun wurde das Motiv meines Suchens deutlicher: Jesus lebt unter uns am Arbeitsplatz, mitten in den Anstrengungen und der deutlichen Verachtung von uns Arbeitern. Wie kann ich ihn besser entdecken und ansprechen? Wie können wir die Gemeinschaft mit ihm stückweise auch gemeinschaftlich leben? Wie kann ich mich in Deutschland mit anderen als Arbeiter in einer gesellschaftlich fremdbestimmten Kirche am Glaubensleben beteiligen?

Nach Frankreich bin ich ohne Sprachkenntnisse gefahren und habe trotzdem bald Arbeit in Toulouse gefunden. Auch die einladenden Mitbrüder dort hatten im Ausland gearbeitet und kannten die damit verbundenen Schmerzen des Nichtverstehens von Sprache und Kultur. Besonders unter ihnen fand ich meine Heimat im Orden. Die Arbeitermission in Frankreich, Spanien, Italien, Belgien ist mir ein Zuhause geworden. Mit diesem Hintergrund konnte ich später Zeiten der Ablehnung besser überstehen.

Aber mir wurde noch eine zweite Zugehörigkeit in Frankreich geschenkt. Auf einem großen Fest ausländischer Arbeiter bemerkte ich: ich gehöre zu diesem Volk der Ausländer inmitten des Volkes meiner französischen Mitbrüder, das ich sehr schätze. Damit war ich auf einen wichtigen Aspekt meiner Identität gestoßen. Ich konnte mich nicht mehr für Ausländer, für Kollegen und Kolleginnen - z.B. als Berater - engagieren, sondern nur noch mit ihnen, als einer der auch Teil davon ist. Ich entdeckte mich, später auch unter meinen deutschen Landsleuten, als einen Fremden.

 

Fabrikarbeit und Gründung einer neuen Kommunität in Berlin-Kreuzberg

Bei der Rückkehr nach Deutschland war ich 35 Jahre alt und hatte gelernt, dass die Suche nach Gemeinschaft mit Jesus über Grenzen führt. Der Glaube entwurzelt und wird oft genug lebendig im Unglauben alten sozialen und religiösen Vorstellungen gegenüber. Trotz scheinbar unüblichen Verhaltens bemerkte ich andererseits, wie die Identität als Jesuit gewachsen war und sich z.B. der Pilgerbericht von Ignatius direkt im Alltag auslegte. Das gab eine innere Ruhe. Wir gingen ja mit unserer kleine Gemeinschaft in Berlin-Kreuzberg einen bisher in Deutschland unbekannten Weg. Neues wird häufig mit Verdächtigungen überschüttet, auch weil es sich oft konzeptionell und nicht von Erfahrungen her begründen muß.

Gewartet haben wir häufig auf den "Marktplätzen" (Mt 20,3) von Berlin um zu sehen, wo sich eine Tür auftat und wir eingeladen wurden: am Arbeitsplatz, vor sozialen Brennpunkten, Gefängnissen, Wohnhäusern. Besonders herausfordernd war es im deutschen Ausland eine Straße weiter. Berlin wurde durch eine streng bewachte Mauer geteilt. Eine andere Kultur war jenseits der Grenze entstanden und darüber hatte sich dort auch die Sprache verändert. Trotz aller Schwierigkeiten gingen wir nach der Arbeit rüber, weil die dort entdeckten Freunde uns nicht besuchen konnten. Sie schenkten uns einen wichtigen Blick auf unsere kapitalistische Gesellschaft. Nach einiger Zeit kam ich in diese ganz anderen Welt von meinem Gefühl her nach hause und konnte die Sprache dort besser verstehen. Da es kein Telefon gab und die Grenzübertritte den Behörden nicht zu sehr auffallen durften, mußten wir häufig in den Straßen warten, bis jemand von den Freunden da war. Die Zeit war immer kurz. Das Warten - ich würde heute lieber schreiben: das Gebet - war Teil dieser reichen Zeit in dem ganz nahen Ausland.

In unserem Stadtteil Kreuzberg leben viel Menschen türkischer Herkunft. Sie helfen, die ausländische Seite in mir wach zu halten. Dies Anliegen unterstützte auch eine Reise in die Türkei, bei der wir die Kultur unserer Nachbarn mehr schätzen lernten.

Der entscheidende Lernort war aber der Arbeitsplatz. Vieles habe ich in meinem Beruf als Dreher und später als Lagerarbeiter dazugelernt und die möglichen Beziehungen und Kommunikationsformen auch in der Akkordarbeit entdeckt. Die Kollegen haben mir mitten im Dreck der Arbeit das Brot gebrochen. Nach drei Jahren habe ich unter ihnen in einem Konflikt mit dem Meister für uns das Wort ergriffen. Das war ein einschneidendes Erlebnis für mich, diese Gemeinsamkeit zu spüren und aus ihr heraus zu handeln. Später habe ich auf großen Versammlungen und im Parlament der Gewerkschaft gesprochen und Beifall oder Ablehnung bekommen. Wie schnell hebt man dabei vom Boden ab und wird als ein ganz anderer auf einen Sockel gestellt. "Hast du keine Angst arbeitslos zu werden," wurde ich oft gefragt. So war es jedes Mal nach solchen Wortmeldungen wichtig, einige Tage ganz still meine Arbeit zu tun, ohne ein Wort mehr, um die entstandene Fremdheit auch in mir zu durchleben. Sehr zum Ärger meiner Kollegen mußte ich deshalb die mir angetragenen Ämter in unseren Organisationen ablehnen, die doch zum Überleben notwendig sind in der demokratiefeindlichen Welt der Arbeit, die oft Gefängnisstrukturen aufweist.

 

Ein interkulturelles Leben

Nach und nach gehörten wir Jesuiten verschiedenen städtischen Kulturen an und waren in unserer Identität zerrissen. Täglich wechselten wir zwischen ihnen hin und her, sprachen, fühlten, reagierten mit unterschiedlichen Worten und Gesten. Spielten wir nur noch verschiedene Rollen? Diese Frage wühlte auf. Mehr und mehr fand ich darüber meine Identität darin, über die Brücken der sich feindlich gegenüberstehenden kirchlichen, sozialen und politischen Kulturen zu gehen und dabei jede Zugehörigkeit ohne Verachtung der anderen als Pilger zu leben. Die Einsamkeit oft alleine über die schmalen gesellschaftlichen Brücken, durch die Berliner oder Gefängnismauern zu gehen, ist geblieben. Aber dazu kam die Freude auf das Wiedersehen und Neuentdecken der Menschen auf der anderen, schon vertrauten Seite.

Nach ein paar Jahren wuchs unsere Wohngemeinschaft, obwohl wir meist nur noch zwei Jesuiten waren. Es klopften obdachlose Menschen an. Ganz unterschiedliche Situationen hatten sie in diese Lage gebracht. Manche waren arbeitslos, aus dem Gefängnis oder dem Krankenhaus entlassen, hatten Suchtprobleme, waren krank - viele sind auf der Flucht in Deutschland und nach Deutschland. Oft fehlen für die Bürokratie wichtige Papiere. Unsere kleine Kommunität wurde zu einer Herberge. Manche Menschen blieben nur ein paar Tage, andere viele Jahre. Weil sie mit einer Not anklopften, habe ich sie anfangs nur darin gesehen. Doch eines Tages wurde ich zu einem internationalen Treffen von Jesuiten eingeladen, die zusammen mit Muslimen leben. Dort gingen mir die Augen auf, wie eindimensional mein Blick auf die Mitbewohner ist. Sie waren Menschen mit Problemen geblieben, die ich nicht hatte. So waren die richtigen Beschreibungen ihrer Situationen zu Abgrenzungen geworden. Jetzt konnten sie zu Lehrerinnen und Lehrern mit ihren Erfahrungen, Kulturen, Religionen werden. Besonders diese Menschen aus über 50 Nationen, mit denen ich in den Jahren in einem Zimmer zusammen geschlafen habe, lehrten uns Gastfreundschaft, in der wir ihre Menschlichkeit und ihren Glauben entdecken durften. Die schmerzliche Seite ihrer Not war nicht zu übersehen. Nach einiger Zeit bemerkten wir ihre Schmerzen auch in uns. Aber wir freuen uns auch mit ihnen, die Bibel oder den Koran zu lesen und das Gemeinsame zu entdecken, das uns menschlich leben läßt. Es ist ein Geschenk, mich jeden Abend unter sie alle in den Schlaf hinein loszulassen, mitten in diese konkrete weltweite Gemeinschaft. Das hier entstandene interreligiöse Gebet hat für mich jetzt auch einen öffentlichen Ausdruck bekommen. Mit Freunden treffen wir uns dazu jeden Monat einmal auf einem der Plätze Berlins, um für den Frieden zu beten.

 

Das Leben ist nicht begrenzbar und nicht nach Grundsätzen zu ordnen

Nun bin ich seit über 25 Jahren seßhaft geworden, um persönliche Beziehungen auf der Arbeit langfristig zu leben. Ständig darf ich neue Grenzen überschreiten und dabei die göttliche und die eigene Menschwerdung entdecken. Gott ist mit uns Mensch geworden und hat in Jesus gesellschaftliche und religiöse Grenzen überschritten. Er wurde an den äußersten Rand abgedrängt ja getötet, weil sein grenzüberschreitendes Leben, das Essen mit den Zöllnern und Sündern die Herrschenden gefährdete. Auch unsere Ordnungen werden durch sein Verhalten in Frage gestellt. Wir dürfen mit vielen nicht angesehenen Menschen essen und feiern. Doch wir bemerken auch, dass wir Menschen ausgrenzen. Dies geschieht oft notgedrungen in Verantwortung für ein Engagement oder einen Ort, wo sich Menschen sammeln können. Mitten in diesem Schmerz merke ich: Jesus war und ist kein Funktionär, der eine Institution schützen müßte; Jesus läßt sich lieber ausgrenzen, als unter unseren Bedingungen dazugehören zu wollen. In Entscheidungssituationen suche ich deshalb die von der Entscheidung betroffenen Menschen. Selbst in der Trennung von ihnen hoffe ich darauf: der anwesende, auferstandene Christus wird die jetzt unerwünschte Person begleiten und ich darf auf neue Beziehungen mit diesem Menschen hoffen. Das ist oftgenug auf wunderbare Weise geschehen.

Im Evangelium lesen wir, wie Jesus über das Wasser und als Auferstandener durch Mauern geht. Wenn ich ganz überrascht nach langem Warten bemerke, dass Jesus uns schon lange auf diesem Weg mitgenommen hat, beginne ich zu ahnen, was es heißt, mit ihm hier in der Auferstehung zu leben.

 

Keine Flucht in die Zukunft

Die Arbeit in der Fabrik habe ich seit einigen Jahren verloren, war arbeitslos und bekomme jetzt eine Rente. Mit etwa zehn Menschen leben wir heute in unserer Wohnung, darunter Franz Keller, ein älterer Jesuit aus der Schweiz. Wir müssen den Sinn unseres Lebens nicht verstehen, es ist ausreichend zu wissen, dass wir hierher gerufen und gesandt sind. In diesem Jetzt ist der Himmel offen. Und ich habe erfahren, dass ich keinen spirituellen Weg für mich und andere zusammenzimmern muß, sondern mich auf das Gebet Jesu in uns verlassen kann. Das setzt eine Spontanität frei, die auch ungewöhnliches, inkulturiertes Handeln ermöglicht und Distanzen der Angst und oft genug des Denkens überwindet. So ahne ich, was es heißt, Mission zu leben, nämlich die Anwesenheit Gottes und sein Handeln in den Menschen zu entdecken und anzusprechen.

 

In der Anwesenheit des Auferstandenen leben und sein Warten entdecken

Seit einigen Jahren laden wir Menschen ein, in unserem Stadtteil und auch in anderen Städten "Exerzitien auf der Straße" zu machen. (vgl. Jahrbuch SJ 2002) Die TeilnehmerInnen schlafen in einer Notunterkunft und gehen in die Stadt mit der Frage: Wo will mir Gott begegnen? Wo wartet er auf mich?

Mit einer Einführung ins Gebet (Fundamentbetrachtung) beginnen die geistlichen Übungen. Von ihrem Ärger oder ihrer Traurigkeit herkommend, fragen wir die Teilnehmerinnen nach ihren Sehnsüchten und den darin den Einzelnen persönlich anvertrauten Namen Gottes. Wir laden dazu ein, Gott mit den gefundenen Namen - z.B. "Du der mich schön ansieht" - anzusprechen und das Gespräch mit ihm zu suchen. Zwei Tage später geben wir ihnen die Geschichte von Mose, in der dieser mitten in seiner Arbeit einen Dornbusch entdeckt, der brennt, aber nicht verbrennt. Dieser Erscheinung der Liebe Gottes nähert sich Mose und wird aufgefordert, seine Schuhe auszuziehen. Er soll ganz in der Realität stehen und alle schützende Distanz vor Gott und auch alle Versuchungen der Flucht oder des Stolzes ablegen. Dann steht er mitten in seinem Volk und hört den Namen Gottes, der immer da ist, und bekommt seinen Auftrag, der Befreiung und der Anbetung zu dienen.

Diese Geschichte aus dem Buch Exodus (Kap. 3) bekommen die Übenden als Anleitung mit, sich vom Inneren her, vom Gebet her, führen zu lassen und dorthin zu gehen, wo Gott auf sie wartet. Dort ist es eine große Hilfe, wirklich zumindestens die Schuhe des Herzens auszuziehen und zu hören. Oft gehen die Übenden dabei an Orte, um die sie vorher einen Bogen gemacht haben, sehen die Situation neu, entdecken die Anwesenheit Gottes und ziehen die Schuhe aus im Angesicht der dort lebenden Menschen und auch vor sich selbst. Sie können - auf diesem Weg der von Jesus besungenen Armut vor Gott (Mt 5,3) - eigene schmerzhafte Blindheiten aufgegeben und es kommt Licht in ihr Leben.

Abends versammeln sich die Teilnehmer in maximal zwei Gruppen von bis zu fünf TeilnehmerInnen und erzählen von ihrem Suchen und Finden. Jeweils eine Frau und ein Mann begleiten die kleinen Gruppen. In den 10 Tagen der Geistlichen Übungen stellt sich in den Gruppen ein Schweigen ein, das aber kein äußerliches Nichtsprechen ist. Sie lernen hinzuhören, was ihnen durch andere Teilnehmer oder von Menschen auf der Straße, in der Moschee, auf dem Arbeitsamt, ... gesagt werden soll. Auf diese Weise können an den Übungen auch Menschen teilnehmen, denen anderswo die Teilnahme an Exerzitien verweigert wird, weil sie das Stillschweigen überfordert oder gar in Krankheiten stoßen würde. Die Offenheit gegenüber so vielen Menschen bei dieser grenzüberschreitenden Form religiösen Suchens ist für mich die jüngste Freude bei den Exerzitien, die ja "Chefsache" sind, wie eine Teilnehmerin es ausdrückt: der "Chef", Gott selbst, leitet das Geschehen in den Übenden und zeigt sich ihnen auf immer neu originelle Weise.

Veröffentlicht 2005 in der Jesuitenzeitschrift Promotio Iustitiae

 

Zieh deine Schuhe an einem Ort aus, der dir unangenehm ist!

Ein junger Mann in Budapest war bereit, seine Schuhe mitten in der Stadt auszuziehen und ging auf einen Platz, an dem sich Ausländer trafen, die eine Arbeit suchten. Dort kamen auch die Menschen vorbei, die billige Tagelöhner suchten. Unfallversicherung und Steuer sollte nicht gezahlt werden. Alles musste im Geheimen geschehen. An diesen Ort ging der junge Mann und zog sich schon am Rand des Platzes seine Schuhe aus. Dann gesellte er sich unbehelligt zu der Gruppe der Arbeit(er)suchenden. Von ihm ging keine Gefahr aus, denn er war sicher kein Polizist, Staatsanwalt oder Richter, denn die kamen nicht barfüßig daher. Sie wurden über den Platz schon von Weitem bemerkt. Der junge Mann wollte sein Land aus einem neuen Blickwinkel sehen, die unverblümte Wirklichkeit und nicht eine Repräsentationsfolie, zusammengesetzt aus vielen Vorurteilen. Ja, er suchte vor allem nach dem Ort, wo ihm der auferstandene Jesus in seiner Stadt begegnen konnte oder wie er sie aus seiner Perspektive sehen konnte.

Voll Freude kehrte er abends nach Hause zurück. Er hatte an diesem Tag fünf Mal staunend seine Schuhe und vor allem seine Vorurteile ausgezogen und konnte sich und seine Mitmenschen z.B. in der Suppenküche als Geschwister erleben und sich darüber freuen.

Ebenso ging eine junge Frau in Deutschland an einen Drogenumschlagplatz in der Nähe einer U-Bahnstation ihrer Stadt. Sie mied diesen Ort sonst besonders wegen des Lärmes dort. An einem Tag der Besinnung, an dem sie ihren stressigen Alltag hinter sich lassen konnte, ging sie an diesen Treffpunkt der Menschen, die ihr so fremd waren. Sie zog die Schuhe ihres Herzens, ihren Hochmut, ihre Verurteilungen, ihre Distanz aus. Unglaublich, sonst fand sie Stille und Erquickung eher in Parks oder in Kirchen, jetzt hier in dem Trubel. Staunend blieb sie in Sichtweite stehen. Sie sah viel Schmerzhaftes im Umgang miteinander, aber dann auch ganz zärtliche Szenen, in denen Menschen achtsam mit denen umgingen, die in ihrem Rausch die Orientierung verloren hatten. Fast unbemerkt hatten sich die Schuhe der Frau geöffnet und sie standen jetzt sogar neben ihr. Eine Meditation, ganz verwurzelt in der Realität, hatte stattgefunden - mit den Füßen und dem Herzen gefühlt.

"Zieh die Schuhe aus!" - diese Anweisung bekam Mose, als er sich neugierig einem brennenden Dornbusch in der Wüste näherte (2. Mose 3,5). In diesem Busch brannte ein Feuer, das die Zweige aber nicht verbrannte. So sah Mose mitten in den Dornen des Lebens die Liebe Gottes, die den Menschen erwärmt aber nicht verbrennt. Mose wurde in dieser Situation der Verletzlichkeit auf eine beiseite geschobene Wirklichkeit in seinem Leben hingewiesen: Sein Volk litt große Not und wartete unbewusst auf seine Befreiung. Gott wollte ihn nun als 80jährigen dafür in seinen Dienst nehmen.

Was magst du unter den Menschen bemerken, denen du gern aus dem Weg gehst? Keiner kann das Ergebnis voraussehen. Doch wenn wir uns auf dieses Abenteuer mit dem unter uns anwesenden Gott mitten unter den von uns Unbeachteten oder sogar Verdrängten einlassen, dann bekommt das Leben eine neue Kraft.

Jesus wiederholt die Anweisung "Zieht die Schuhe aus", als er die Jünger "wie Schafe unter die Wölfe" in die Orte sendet, in denen er in der nächsten Zeit predigen wollte. Dort sollen sie sich in die Familien einladen lassen und den Menschen den Frieden bringen. Wenn sie die fremden Häuser betreten, werden sie aus Respekt vor den Bewohnern ihre Schuhe ausziehen. Jesus sagt ihnen aber: Nehmt keine Schuhe mit (Lk 10,3f)! Der Besuch in den Häusern beginnt also schon hier und jetzt, höre ich.

Wann willst du in der Bereitschaft leben, die hochhackigen Schuhe des Hinuntersehens, die Turnschuhe für die schnelle Flucht, die dicken Stiefel, mit denen du zutreten kannst oder die bunten Schuhe der Eitelkeit abzulegen und neu für die erfühlte Wirklichkeit ansprechbar zu sein?

Weitere Anregungen für das Üben der Aufmerksamkeit in der Stadt finden sich unter dem Stichwort "Exerzitien auf der Straße" unter www.con-spiration.de/exerzitien und in dem kleinen Buch: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Echterverlag

    Christian Herwartz ist Jesuit und lebt in einer kleinen Gemeinschaft in Berlin-Kreuzberg.

 

Die sich wandelnde Arbeitswelt in Deutschland

Arbeitsplätze im landwirtschaftlichen und industriellen Bereich werden immer seltener angeboten. Rationalisierung und Verlagerung ins Ausland sind dafür wichtige Gründe. Ein Teil dieser Arbeiten wird dort in Freihandelszonen durchgeführt, in denen Firmen besonders junge Menschen ausbeuten, wenig Steuern zahlen und ihre Betriebe gewerkschaftsfrei halten.

Eine ähnliche Tendenz gibt es auch im Inland bei Arbeiten, die man nicht ins Ausland verlagern kann. Auch hier sind ähnlich wie in Übersee "Freihandelszonen" entstanden. Die hier beschäftigten Kolleginnen und Kollegen wurden oft privat, gewerblich oder kriminell aus dem Ausland herbeigeholt und leben ohne Papiere. Sie müssen sich mit einem sehr geringen Lohn zufrieden geben - oft wird ihnen gar kein Lohn ausgezahlt und gesundheitsschädigende, schwere Arbeiten zugemutet; die Arbeitgeber zahlen keine Steuern und Sozialabgaben. Schon bei legal angeworbenen Arbeitsimmigranten fallen Ausbildungsausgaben weitgehend weg, bei den Papierlosen gibt es keine Ausgaben für die nächste Generation und die "Entsorgung" im Krankheitsfall, im Alter ist sichergestellt. Der Staat übernimmt die Abschiebekosten.

In der Logik des kapitalistischen Systems entstand z.B. im Baugewerbe durch ausländische Firmen, die nicht die erkämpften Standards im Land erfüllen müssen, ein Wettbewerbsdruck. Um Gewinn und einige Arbeitsplätze für Einheimische zu retten, werden unterbezahlte papierlose Arbeiter angeworben. Ähnliches läßt sich auch bei größeren industiellen Firmen beobachten, die Betriebsteile auslagern, Subunternehmen Arbeiten überlassen, usw.

Restaurants, Putzkolonnen und Schlachthöfe bedienen sich ebenso dieser Form der Migration. Arbeiten in diesen Bereichen sind weitgehend - ähnlich wie in der Landwirtschaft - so schlecht entlohnt, dass Einheimische mit ihren Ausgaben für Wohnen, Nahrung, Gesundheit, Kindererziehung, usw. sie nicht mehr annehmen können.

Ähnliches gilt für notwendige Dienstleistungen in der Betreuung von alten oder kranken Menschen oder Kleinkindern im privaten Bereich. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist im legalen Bereich so teuer geworden, dass sie sich auch Menschen im Mittelstand nicht mehr leisten können. Auch sie werben über entsprechende Dienste - z.B. im Internet - Arbeitskräfte im Ausland an. - Ein zusätzliches Feld papierloser Arbeit ist die Sexarbeit.

In Deutschland werden Menschen aus dieser entwürdigenden Situation sehr selten legalisiert. So versiegt diese Quelle billiger Arbeitskräfte nicht und die herrschende Ideologie ändern sich nicht, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Die oft brutale Abschiebepraxis vor allem im Dienst der Lohndrücker und Rassisten scheint von einer Mehrheit gerechtfertigt.

Wir sind von dieser veränderten Arbeitswelt betroffen und reagieren in unserem solidarischen Engagement

  • in Übersee, um den realen Migrationsdruck zu verkleinern und Lebensqualitäten zu erhalten,
  • in der eigenen Arbeitsuche und im Kontakt mit Migranten, um uns dieser Realität zu stellen und die Gesichter unserer Kolleginnen sehen zu können;
  • im Stadtviertel und in unseren Wohnungen, um das Leben mit ihnen zu teilen;
  • in den Gefängnissen, um die Freunde nicht allein zu lassen.

Wir arbeiten nicht mehr unter Bedingungen, die weitgehend durch soziale Gesetze abgesichert und gewerkschaftlich ausgehandelt sind. Viele Absicherungen sind zerstört, so dass immer mehr Menschen auch aus der Mittelschicht unter die Armutsgrenze fallen, besonders Familien mit Kindern. Die weltweite Angleichung im wirtschaftlichen Bereich, bei der einige Reiche viel reicher und die große Mehrheit ärmer wird, nimmt deutlich zu. Staatliche Lenkung fördert weitgehend diese Entwicklung und leistet immer weniger Widerstand.

Im September 2004 wurde mit Unterstützung der Gewerkschaft Bau, Steine, Erden der Europäische Bund der Wanderarbeiter gegründet, durch die KollegInnen Unterstützung finden, die bisher nicht organisierbar sind. www.migrant-workers-union.org

 

Begleitende / erwachsene / geschwisterliche Beziehungen

In vielfältige Beziehungen trete ich täglich ein oder finde ich mich darin vor: am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Arzt, auf dem Postamt, im Elternhaus, im Konzert, in einer Jugendgruppe, auf einem Fest, in einer politischen Gruppe, beim Sport. Manche Begegnungen sind kurz, funktional - ich kaufe eine Briefmarke und gehe wieder; lasse mir einen Zahn aufbohren und füllen und gehe wieder; helfe einem älteren Menschen über die Straße und gehe weiter - andere sind länger und oft auch beschwerlich: ich bin auf der Arbeit oder an der Uni und treffe wieder und wieder auf einen Meister oder Professor, der mich beurteilt und dadurch über meinen Lebensweg mit entscheidet. Oft ist viel Fingerspitzengefühl notwendig, mich unter diesen Rahmenbedingungen der Abhängigkeit angemessen zu verhalten: was gebe ich von mir preis und öffne damit die Beziehung; was gehört hier nicht hin, weil es den partiellen Kontakt überfordern oder gar vergiften würde. Das gilt für beide Seiten: die Professorin oder den Professor wie auch die Studentin oder den Studenten. Was sollen der Meister aber auch die Mitlehrlinge von mir wissen, was geht sie nichts an? Das hängt für mich davon ab, wie sehr auch in diesen weiterhin abhängigen oder von Konkurrenz geprägten Beziehungen ganz versteckt "freundschaftliche Inseln" entstehen. Die dort ausgetauschten Informationen dürfen dann nicht im Austragen der alltäglichen Machtkonflikte verwendet werden. Vertrauen, das der Situation angemessen ist, jeweils neu zu wagen oder mutig zu schweigen, wo ich oder andere über den Tisch gezogen werden sollen, verlangt viel Aufmerksamkeit und ein Lernen aus Konflikten und Fehlern. Es ist garnicht selbst-verständlich, dass diese Erfahrungen genutzt werden, wie ich oft bei verbitterten oder stark rechtlich orientierten Menschen gelernt habe. So verständlich ihr Verhalten auch sein mag, ich möchte weiter zwischen ermutigenden, lebensspendenden Erfahrungen und jenen unterscheiden, die mich Vorsicht und Widerstand lehren.

Ich gerate in viele abhängige Beziehungen, wenn ich nach Anerkennung suche, auf der Flucht bin, mich betäuben will, Drogen brauche, in der Konkurrenz zueinander andere abdrängen oder ausschalten will, dafür Verbündete suche. Auch in den von mir gewünschten, erwachsenen, partnerschaftlichen, liebevollen Beziehungen bre-chen diese Mißbrauch-Versuchungen auf und wollen die egalitären Beziehungen von Gleich zu Gleich in Zweckbeziehungen - um das oder jenes zu erreichen - um-wandeln. Manche Menschen haben soviel Vertrauensmißbrauch erlebt, daß sie sich eine geschwisterliche Beziehung scheinbar nicht mehr vorstellen können und sich einsam ständig abgrenzen von denen da unten, über denen sie "Gott sei Dank" ste-hen; gleichzeitig möchten sie gern von den gesellschaftlich Anerkannten beachtet werden. Der Bruder oder die Schwester nebenan kommt bei einer solchen Sicht-weise weniger in den Blick. Aber ich kann mich bei dieser fremdbestimmten Suche auf irgendeiner Rangleiter auch selbst nicht entdecken: Wer bin ich denn in all die-sen vielfältigen Beziehungen? Wann folge ich den Interessen anderer, obwohl sie zerstörerisch sind? Wo weiche ich der Stille aus, in der ich nach den eigenen und den gemeinsamen Wünschen fragen kann. Wo ist etwas geglückt, bei dem ich anknüpfen möchte?

Bei meinem Suchen frage ich mich auch nach den Beziehungswünschen Gottes, so wie sie mir durch das Leben Jesu deutlich werden. Da gibt es von der eigenen Erfahrung herkommend für mich immer Neues zu entdecken. Jesus hat sich gegen alle abhängigen Beziehungen gewehrt. Er wollte nicht mit Herr, Vater oder Meister angeredet werden (Mt 23,9+10 auch Jo 13.13-17). Und auch in den familiären Be-ziehungen wollte er sich nicht festschreiben lassen: Ihr alle, die ihr nach dem Wil-len Gottes sucht, seid mir Brüder und Schwestern (Mt 12,48-50). Dahinter steckt die Botschaft, daß wir alle Töchter und Söhne Gottes sind (Mt 5,45). Aber auch das versteht Jesus nicht als eine abhängige Beziehung sondern als eine freie, nämlich die von Erben (Röm 8,17). Die egalitäre Beziehung von Gott und Mensch, die Jesus gelebt hat, halten wir oft nicht aus. Wir erhöhen Gott und erniedrigen den Menschen. Sind wir unfähig, seine gleichmachende "himmlische" Botschaft jetzt anzunehmen und umzusetzen? Macht es uns so sehr Angst, das hierachische Den-ken zurückzustellen und in die liebende Grundbeziehung zu Gott und allen Men-schen einzutreten? Ja, dieser Schritt zu einer erwachsenen Beziehung zu Gott und allen Menschen fällt nicht leicht. Wir brauchen den Grund nicht nur in der eingeübten gesellschaftlichen Erwartung der Mächtigen zu suchen, die sich der unterschiedlichen Institutionen bedienen. Jeder Mensch kennt den Mißbrauch von Beziehungen, indem der andere überredet oder überrumpelt wird, seine Freiheit verliert und zum Objekt wird, um etwas für sich oder andere zu erreichen. In der erwachsenen Beziehung bleibt Gott - und auch mein Nächster - der ganz andere. Gott aber auch jede Tochter und Sohn Gottes ist unbrauchbar für mein Prestige- und Machtbedürfnis. Diese ihm gegenüber hinterhältigen Bedürfnisse sind Blockaden in einer erwachsenen Beziehung, in der wir uns auf die gegenseitige Begleitung ohne therapeutisches, pädagogisches, organisatorische Machtgefälle einlassen. Es ist der Weg des Entdeckens der eigenen authentischen aus der Liebe Gottes empfangenen Eigenständigkeit. In der Bibel wird sie Vollmacht genannt. Es geht um das coming-out, das Sichtbarwerden meiner Identität und der meines Mitmenschen. Ja, es geht auch auf diesem Weg des Glaubens um Macht, die sich auf den Konflikt mit der vorgefundenen Macht und allen anderen menschlichen Interessen einläßt. Es geht um die Befreiung zum Menschsein als Schwester und Bruder aller, denen ich in meiner Begrenztheit Nächster sein darf.

Ich frage mich machmal: In welchen Beziehungen finde ich mich vor? Kommt es darin zur gegenseitigen Begleitung oder soll ich nur funktionieren? Wie kann ich die Beziehungen mitgestalten? Was ist mir dabei wichtig?

Gott, Du bleibst unser Schöpfer und der Unverfügbare in der von Dir angebotenen liebenden Beziehung, die unser Rechnen mit Plus- und Minuspunkten auf den Skalen der Macht, des Ansehens, der Moral hinter sich läßt. Ich löse mich nur schwer davon, suche Sicherheiten, Vorweisbares, obwohl ich mich davon lösen möchte. Ich will mich nicht verstecken, sondern mich öffnen (lassen) in der ge-schwisterlichen Liebe mit Dir und jedem Menschen, den Du mir zeigst. Das wird mich überfordern. Doch in Deiner Treue schenkst Du die Kraft und die Beschei-denheit, den Nächsten und mich selber in dieser Beziehung wachsen zu lassen. Da bin ich trotz allen Zauderns zuversichtlich. Amen

 

Berufen und gesandt

"Ihr Jesuiten in Berlin-Kreuzberg, Ihr seid keine Lehrer, Professoren, Pfarrer, ..., was macht ihr eigentlich? Diese Frage ist uns in den letzten zwanzig Jahren oft gestellt worden. Als Antwort zähle ich dann die Berufe auf, in denen ich gearbeitet habe: Möbelträger, LKW-Fahrer, Pressenführer, Dreher, Lagerarbeiter. Ich bin froh, daß ich noch Arbeit habe und so mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammensein kann. Aber ich bin auch froh, daß ich in unserer Wohngemeinschaft mit Arbeits- und Obdachlosen, Strafentlassenen, ... zusammenwohnen darf, weil ich so auch an den Sorgen und Freuden dieser Menschen Anteil haben darf. Viele Einwohner Kreuzbergs - etwa 140 000 Menschen - sind ohne Arbeit und viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.

Meist werde ich spätestens hier im Erzählen unterbrochen. Die Fragenden wollen wissen, warum wir in diesem multikulturellen Stadtteil wohnen und in solchen Berufen arbeiten.

Ich antworte dann ersteinmal mit meiner persönlichen Berufungsgeschichte: Beim Lesen der Bibel wurde mir immer klarer, daß Gott eine Vorliebe für Arme und Ausgegrenzten hat. ER und Sie - aus Gott ist ja der Mann und die Frau erschaffen - ist unter diesen Verachteten anwesend. Von hieraus liebt Gott alle Menschen und ruft sie zur Umkehr. Von diesem unter uns anwesenden Gott wollte ich mich rufen lassen. Also habe ich Orte aufgesucht, wo das Hören leichter fällt: unter Obdachlosen, in Exerzitien, unter Kranken, in der Fabrik, unter Ausländern, unter jungen Menschen, ... Und das Suchen hat sich gelohnt: Auf dem Weg zur Arbeit in einer Umzugsfirma, wo fast ausschließlich Vorbestrafte beschäftigt waren, dort habe ich in der Staßenbahn mit besonders großem inneren Gewinn in der Bibel gelesen. Das war ein Zeichen, dem ich nachgehen mußte. Ich war auf der Spur, meine Berufung zu entdecken.

Doch das reicht nicht.

Nach dem II. Vatikanischen Konzil hat sich auch unser Orden neu gefragt, wohin ihn Gott führen will; modern ausgedrückt: was seine Identität ist. Dabei wurde besonders nach den eigenen Wurzeln gefragt. Die 32. Generalkongregation hat dann 1975 das Ergebnis so zusammengefaßt:

"Der Auftrag der Gesellschaft Jesu heute besteht im Dienst am Glauben, zu dem die Förderung der Gerechtigkeit notwendig dazugehört." (Nr. 48) Doch wir Jesuiten wissen oft auf Grund unserer Herkunft oder durch den Zugang zur Bildung und den Bindungen an einflußreiche Menschen nicht viel von der Not armer und unterdrückter Menschen, steht dann in einem späteren Abschnitt der Dokumente (Nr. 98). Ein grundlegender Weg, um diese Voraussetzung für die Förderung der Gesellschaft zu erlangen, wird dann beschrieben:

"Wenn eir geduldig und bescheiden unseren Weg mit den Armen gehen, werden wir entdecken, wie wir ihnen helfen können. Das wird nur dann gelingen, wenn wir uns eingestehen, daß auch wir von ihnen zu empfangen haben. Ohne geduldige, nicht übereilte Schritte stünde der Einsatz für die Armen und Unterdrückten im Widerspruch zu unseren eigenen Absichten und würde verhindern, daß diese ihre eigenen Erwartungen zu Gehör bringen und sich selbst die Voraussetzungen schaffen, um ihr persönliches und kollektives Schicksal wirksam in die Hand zu nehmen. (Nr. 99)

Von diesem Gedanken her hat die Ordensleitung - wie anderswo in der Welt auch - in Deutschland Mitbrüder gesucht, "die unter den Ärmsten leben und arbeiten, (damit) sie empfindsam gemacht werden, welches die Schwierigkeiten und Sehnsüchte der Besitzlosen sind." (Nr. 98)

Nach einigen Jahren der Vorbereitung als Gastarbeiter in Frankreich wurden Michael Walzer aus der Süddeutschen Provinz und ich aus der Norddeutschen Provinz gefragt, ob wir bereit wären, eine neue Kommunität unter Arbeitern, Ausländern, Menschen am Rand der herrschenden Gesellschaft zu gründen. Wir wurden dann im im Herbst 1978 nach Berlin gesandt. Später stießen andere Mitbrüder dazu. Zur Zeit lebt Franz Keller, einem schweizer Jesuiten, und ich mit durchschnittlich weiteren fünf Menschen aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedenen Religionen und reichen Lebensgeschichten zusammen.

Im Zusammenleben mit den Arbeitskolleginnen und Kollegen, den Nachbarn, den Gefangenen, mit denen wir Kontakt haben, unseren Mitbewohnern in der Wohngemeinschaft, den Menschen, mit denen wir uns in der Gewerkschaft und in Gruppen für mehr Gerechtigkeit engagieren, mit den JEVs, die wir in Berlin begleiten, haben wir uns mehr und mehr verändert. In diesem Prozess ist uns wichtig, daß wir uns jede Woche über unsere Erfahrungen in der Kommunität austauschen und darüber ins Gebet kommen. Sie ist für uns eine sichtbare Zelle der Kirche, die uns im Alltag unterstützt und es uns ermöglicht, dem gegenwärtig verachteten, ausgegrenzten und neu gekreuzigten Gott in unserer Gesellschaft nachzuspüren und um Einheit mit ihm zu beten.

Oft möchten wir die Tische der Wechsler in Seinem Heiligtum, das ja die ganze Welt ist, umwerfen (vgl.Mt 21,12) und manchmal tun wir es in Solidarität zusammen mit Obdachlosen, Streikenden, ... Aber häufig geht die Wiederentdeckung der Würde einen stilleren Weg. Das Leid, besonders das sinnlos zugefügte, schmerzt sehr. Das Jagen nach Besitz, Macht und Ansehen hinterläßt tiefe Wunden bei vielen. Doch ist unser Leben nicht so schmerzhaft, wie viele meinen: denn ein Stückweit in die Nähe Gottes gerufen zu sein und ihn zu begleiten, ist eine große Freude. Davon möchten wir Zeugnis ablegen und einladen, diese Dimenson seiner Anwesenheit zu suchen.

Beitrag für's FREUNDEHEFT Sommer 98

 

Der lernende Jesus in uns

"Fremd ist der Fremde nur in der Fremde (B. Brecht)" war das Thema eines Studientages in Steyl am 11. November 2006. Wie hat Jesus gelernt mit dem Fremden umzugehen, wurde ich einige Tage später nochmals in der Nürnberger Studentengemeinde gefragt. Jetzt will ich einige Notizen zu diesem Thema als Anstoß zum Weitersuchen zusammenstellen.
Jesus ist Jude und wurde in dieser Tradition oft daran erinnert, mit seinem Volk aus der Fremde und Ablehnung zu kommen. So heißt der erste Satz im jüdischen Glaubensbekenntnis: "Mein Vater war ein heimatloser Aramäer." (Dtn 26,5) Häufig wird in der Bibel an die Verachtung in der ägyptischen Sklaverei erinnert. Besonders beim zentralen Fest der Juden - der Paschafeier - wird diese Zeit in besonderer Weise nochmals durchlebt. Mit bitteren Kräutern wird Not dargestellt und gekostet. An diesem Fest lernen vor allem die Kinder ihre Geschichte, in die sie hinein geboren sind, diese Geschichte der Not und der Befreiung durch Gottes Hand. Sie lernen sich von der Hand Gottes führen zu lassen und erzählen sich gegenseitig ihre Geschichte mit Gott.
Jesus feiert dieses Begehen am Tag vor seiner Ermordung mit seinen Jüngern. Dabei trägt er uns Christen auf, dieses Abendmahl erinnernd zu feiern und uns mit ihm in die Geschichte der Sklaverei und Befreiung zu stellen und sie heute in Einheit mit ihm fortzusetzen.
Auch die 10 Gebote (Ex 20.2; Dtn 5,6) beginnen mit der Erinnerung an diese Geschichte und begründen sich darin. Gott ist der, der "den Fremdling liebt, indem er ihm Nahrung und Kleidung gibt. So sollt auch ihr den Fremdling lieben." (Dtn 10,18f vgl. auch Lev 19,33f)
Ist diese Grunderfahrung lebendig, dann kann es heißen: "Einen Fremden sollst Du nicht unterdrücken. Ihr wißt doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr seid selbst in Ägypten Fremde gewesen." (Ex 23,9)

Das zentrale Gebet der Christen das "Vater unser.." (Mt 6,9-13; Lk 11,2-4) ist ein Hineinfallenlassen in das Gebet Jesu und in die Hoffnung seines Volkes. So wie Jesus sich mit ihm identifiziert hat, kann er in uns lebendig, ja der befreiende Kern unseres Lebens sein. Dieses Gebet ist die Frucht seines Lernens in der Geschichte seines Volkes, an der er uns teilnehmen läßt.

An dieser Stelle höre ich die Frage: Mußte Jesus denn Lernen? Er ist doch der Sohn Gottes. Dann können in Gruppen schnell die Diskussionen aufkommen, wie sie im 3. Jahrhundert heftig geführt wurden. Zur Klärung war ein Konzil nötig. Es verkündete: Jesus ist ganz Mensch und ganz Gott. Manche Christen konnten diesen Satz nicht nachsprechen und bildeten eigene Kirchen. Zum Menschsein gehört zentral das Lernen. Zum Gottsein die Einheit mit Gott. In beides will uns Jesus auf besonders intensive Weise mitnehmen. Im eigenen Prozess können wir die immer größere Einheit mit ihm spüren. Er steht nicht auf einem Sockel des Besserwissenden, sondern als Bruder neben und mit der alles durchdringenden Göttlichkeit in uns. Dieses "Wissen" der Gläubigen benennen Muslime mit einem Bild: Gott ist uns näher als unsere Halsschlagader.

In den verschiedenen Phasen unseres Lernens werden wir unterschiedliche Etappen des Lernens im Leben Jesu entdecken. Ich möchte auf zwei hinweisen. Dabei kommt es mir im Zusammenhang des Themas nicht so sehr auf das intellektuelle, sondern auf das emotionale Lernen an. Wie entwickelt sich das Sehen mit dem Herzen und beeinflußt ein freier werdendes Handeln?

a) Die Evangelisten (Lk 7,36-50 und Mt 26,6-13; Mk 14,3-9; Jo 12,3-8) berichten von einer Frau, die in ihrer Not die Regeln des damaligen Anstands durchbricht und zu Jesus mitten in einer Männergesellschaft geht. Die Frau war wahrscheinlich in der Gesellschaft nicht geachtet. Mit ihren Tränen wusch sie Jesus, wie eine gute Gastgeberin, die Füße und salbte sie sogar mit Öl. Als sich die Männer empörten, stellt sich Jesus zu dieser Frau und zeigt seine Wertschätzung. Wohl auch durch diese Erfahrung angestoßen hat in ihm ein Lernprozess stattgefunden, auf den er in einer ähnlichen Situation seines Lebens zurückgreift: Als er einen Tag vor seiner Hinrichtung in Todesangst ist, legt er wie die Sklaven sein Obergewand ab und wäscht seinen Jüngern die Füße (Jo 13,1-17). Nicht Rechtfertigungen sondern dieses schlichte Zeichen der Demut führt ihn und später immer neu die ganze Gemeinschaft der Jünger zurück zu den eigenen Ursprüngen. Mitten im Ärger über mißglücktes Menschsein kann die Entschiedenheit und Ruhe einkehren, die die göttliche Einheit nicht verliert. Die Frau, Jesus bezeichnet sie als Prophetin, wurde ihm zur Lehrerin.

b) Jesus lernt in vielen Etappen eine immer größere Offenheit. Biblisch wird sie Armut genannt. In den Seligpreisungen (Mt 5,3) wird diese Armut/Offenheit vor Gott an erster Stelle gepriesen.
Ein Fremder, ein römischer Hauptmann zeigt Jesus den Weg zu dieser vertrauensvollen Offenheit, einem Glauben, wie er ihn in Israel nicht gesehen hat (Mt 8,10; Lk 7,9).
Ein besonderes Beispiel für das Lernen im Kontakt mit Fremden wird von Matthäus erzählt (15,21-28; Mk 7,24ff). Folgen wir der Erzählung einmal langsam Satz für Satz:

Nach einem immer gefährlicher werdenden Konflikt mit Menschen aus der Partei der Pharisäer in der Gegend von Genesaret, weicht Jesus über die Landesgrenze nach Norden aus. Also:
"Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück."
Jesus war dort Ausländer und hatte vorübergehend Asyl gefunden.
"Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält."
Jesus trifft also auf eine Frau in Not, die ihn um Heilung bittet. Wir kennen diese Situation, dass uns fremde Menschen um Hilfe bitten.
"Jesus aber gab ihr keine Antwort."
Auch wir gehen an bettelnden Personen oft genug in Gedanken oder in Eile vorbei. Jesus ist ein Mensch wie wir alle.
"Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befreie sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her."
Die Jünger wollen Jesus aus seiner mangelnden Anteilnahme herausholen, zumal ihnen die Frau lästig wird. Sie zurecht zu weisen haben die Jünger wohl nicht mehr den Mut, da Jesus oft genug Partei für Frauen und Kinder genommen hat. Doch Jesus läßt sich nicht zum Handeln bewegen:
"Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt."
Mit diesem recht arrogant wirkenden Satz drückt Jesus seinen bisherigen Erkenntnisstand aus, zu dem er sich durchgerungen hatte. Eine darüber hinausgehende Anfrage überfordert ihn und seine Jünger offensichtlich. Wo soll das Engagement dann noch hinführen? Jeder von uns kennt die notwendigen aber auch die ängstlichen Diskussionen um sinnvolle Grenzziehungen.
"Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!"
Die Frau macht in ihrer Not einen zweiten Schritt. Mir kommt es so vor, dass sie vor Jesus demütig ihre Schuhe auszieht und ihre Schwachheit zeigt.
"Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen."
Doch Jesus weist noch einmal auf die ihm notwendig erscheinende Grenzziehung verärgert hin. Was mag bei diese Antwort alles im Spiel sein? Jesus will die eigenen Pläne nicht so schnell aus der Hand legen. Wir alle kennen dieses oft ängstliche Klammern an unsere Regeln auch. Wie leicht fallen dann diskriminierende Worte: die ihn aufnehmenden Fremden werden als Hunde bezeichnet. Jesus war blieb in seiner Herkunftskultur gefangen und war in der neuen Situation des vorübergehenden Exils noch nicht angekommen.
"Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen."
Die Frau widerlegt seine Argumente nicht. Sie bestätigt sogar die planend, männlich wirkenden Gedanken Jesu. Sie stört sich nicht an dem Schimpfwort, nimmt es an und erzählt die Geschichte weiter. Sie lädt Jesus ein, die Geschehen aus ihrer Lage heraus zu sehen. Sie versucht sein Herz zu erreichen.
"Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt."
Jetzt entdeckt Jesus ihren Glauben und der Funke des gemeinsamen göttlichen Lebens springt über. Die Frau bekommt ihre Würde zurück. Die Grenzziehungen entfallen und die Heilung von dem quälenden Ungeist findet statt. Er hat keine Macht mehr über Jesus und die Tochter der kanaanäischen Frau. Jesus ist nicht mehr der Fremde. Ob er es selbst schon bemerkt hat, wird nicht erzählt.
Aber die Früchte dieses Lernprozesses können wir später sehen: Jesus kündigt gegen Ende seines Lebens an, dass die Botschaft allen Völkern verkündigt wird. Das darin angesprochene Leben kann von keiner Grenze abgehalten werden:
"Dieses Evangelium vom Reich Gottes wird auf der ganzen Welt verkündet werden, damit alle Völker es hören." (Mt 24,14)
Bestärkt wird diese schmerzhaft gefundene Sicht nochmals vom Auferstandenen. In seinem von allen Ängsten gereinigten Menschsein - so wie wir ihn heute erleben können - sagt er seinen Jüngern und Jüngerinnen:
"Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern." (Mt 28,19)

Wir werden also zur Grenzüberschreitung hin auf den Fremden aufgefordert. Dies geschieht nicht nur mit dem Argument der Barmherzigkeit, weil wir uns in unserer Not auch Barmherzigkeit gewünscht haben, sondern mit dem Argument der Teilhabe an der Wahrheit. Es gibt für Jesus kein Fremdsein auf der Ebene menschlicher Würde. Dies hat er im Entdecken des Glaubens bei der Frau aus dem Gebiet von Tyrus und Sidon - also in dem oft umkämpften Gebiet im heutigen Libanon nahe der Grenze zu Israel - oder dem römischen Hauptmann erleben können. Diese Erfahrungen wurden auf seinem Weg in die Einheit mit seiner Grundsehnsucht der Einheit in Gott richtungsweisend.

Jesus lernt immer neu das Leben und die Gesetze in ihrem Sinn zu entschlüsseln, im Kontakt mit Menschen in Not oder mit denen, die oft nicht wertgeschätzt werden, wie Kinder, Zöllner, Sünder und Fremde. Jesus lernte mitten im Leben und ist dort auch heute zu finden. Diese Erfahrungen machen wir besonders in den Exerzitien auf der Straße, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Dabei sind die Entdeckungsorte der Anwesenheit Gottes überraschend und ganz auf die persönliche Geschichte jeder/s Einzelnen zugeschnitten. Dies kann an einem stillen Ort aber auch in der Begegnung mit einem Drogenkranken geschehen. Viele Erfahrungen aus diesen besonderen Zeiten der Aufmerksamkeit, wie wir die Geistlichen Übungen auch nennen, sind zu finden auf der Seite: www.con-spiration.de/exerzitien oder in dem kleinen Buch: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Echterverlag Herbst 2006.

Im Glauben dürfen wir die Einheit mit Jesus in der gemeinsamen Bezogenheit auf Gott entdecken. Er ist uns so nah, wie Gott uns ist, wir können unsere ganz persönliche Identität in ihm entdecken und er bleibt doch unterscheidbar. Er steht uns aber auch gegenüber und lädt uns ein, das Leben in uns lernend zu entdecken und zu bestätigen.
Das Fremde bleibt dann keine Bedrohung, sondern es gibt Anstöße, die eigene Enge, Überforderung oder fundamentalistische Reaktionen zu überwinden und in die Freude der grenzüberschreitenden Liebe einzutreten, diese frohe Botschaft des Leben.

 

Die Größte, der Größte von uns
Ein gastliches Leben. Mensch werden - menschlich leben

Kein Mensch konnte sich aussuchen, wo und wann er oder sie geboren und aufgewachsen ist. Wir sind ungefragt in Situationen geraten, die uns sehr geprägt haben. Bin ich ohne oder mit Geschwistern aufgewachsen? Habe ich meine Eltern gekannt oder auch nicht? Wieviel Zeit hatten sie für mich; welche Interessen haben sie verfolgt? Bin ich als Ältester aufgewachsen, der sich für die jüngeren Geschwister mit verantwortlich fühlte, oder als Zweite, die sich gegen den dominierenden Älteren behaupten mußte, oder als Jüngster, der es mit schon erfahrenen und vielleicht großzügigeren Eltern zu tun hatte? In welche Generation bin ich hineingeboren; bin ich in ihr mit den anderen mitgezogen oder war ich mehr Außenseiter/in? In jeder dieser Situa-tionen habe ich mir spontane Verhaltensweisen zugelegt, die ich bis ins hohe Alter dann hoffentlich schmunzelnd wiederentdecken werde.

Einerseits freue ich mich darüber, wie gut ich mich mit mir allein beschäftige oder wie ich mich unter anderen durchsetze, andererseits ärgere ich mich auch oftgenug, lustlos durch die Gegend zu laufen oder im Streit mit anderen zu verlieren. Es ist gar nicht einfach, mir auf die Schliche zu kommen. Die eingeübten Verhaltensmuster werden ja in mir nicht nur durch äußere Reize und Erwartungen in Gang gesetzt, die mich befähigen reale und vermeintliche Gefahren abzuwehren, sondern ebenso bei aufkommenden Fragen in mir selbst. Alles, was so typisch für mich ist, brauche ich zur Lebensbewältigung; es kann aber auch zum Gefängnis werden, aus dem ich schlecht herausfinde.

Besonders dramatisch wird die Situation, wenn Menschen, die ich gerne habe, an meinem Verhalten leiden. Ich gehe ihnen auf den Wecker. Wenn sie mich dann trotzdem annehmen, bekomme ich eine Chance, mich mit ihren Augen zu sehen. Oft wehre ich mich gegen ihre Sicht; doch besonders sie zeigen mir die blinden Flecken in meiner Wahrnehmung. Es ist meist schmerzhaft, die ungeschminkte Realität zu sehen und sie nicht schnell wieder beiseite zu schieben. Ich fühle mich dann oft elend und blind, denn ich sehe ja auch den Schmerz der anderen über mein Verhalten.

Durch diese Krisen hindurch werde ich verändert und lerne hoffentlich, mich mehr anzunehmen. Dann versuche ich mich mit meinen Stärken so einzubringen, dass ich andere nicht erdrücke. Außerdem will ich meine Schwächen nicht so stark verbergen, dass mich andere nicht mehr als Lernender sehen können. Trotzdem wird es weiter Krisen geben, weil ich auf entsprechende Reizwörter oder Situationen direkt mit meinem typischen Verhalten antworte. Anderen geht es ähnlich. Sie werden durch meine Art und Weise vielleicht an ihre Mutter, ihren älteren Bruder oder an eine andere "Nervensäge" erinnert und wollen sich gegen diese Bedrohung behaupten. Diesen Hintergründen auf die Schliche zu kommen, ist befreiend und dann Grund für ein schallendes Gelächter.

Der Wunsch nach Anerkennung zieht sich durch die verschiedenen Spielarten unseres eingeübten Verhaltens. Jeder Mensch will gehört werden, will etwas sagen und zu sagen haben. In einer dramatischen Situation, nämlich an dem letzten Abend Jesu mit seinen Jüngern, schildert Lukas folgende Begebenheit:

Das feierliche Essen, das Passamahl, war gerade beendet. "Da kam unter den Jüngern ein Streit darüber auf, wer von ihnen als der Größte zu gelten habe. Jesus sagte zu ihnen: Die Könige der Welt unterdrücken ihre Völker und die Tyrannen lassen sich `Wohltäter des Volkes´ nennen. Bei euch soll es anders sein! Der Größte unter euch muß wie der Geringste werden und der Führende wie einer, der dient." (22,24f)

Jesus kennt das Beiseiteschieben der Schwächeren und die Mechanismen der Unterdrückung und Ausgrenzung in der Gesellschaft. Er ist selbst Opfer davon. Jesus hat diese Ausgrenzung zugelassen, denn längst nicht alle menschenverachtende Handlungen können durch Gegengewalt zu begrenzt werden. In Kenntnis der tradierten und eingeübten Verhaltensweisen ermahnt Jesus die Jünger deshalb zur Umkehr dieser Traditionen im eigenen Kreis, damit von ihnen eine Gegenbeeinflussung ausgeht. Wir sollen bewahrendes aber auch reinigendes, ausbrennendes Salz in der Gesellschaft sein. Zu diesem Selbstvertrauen dürfen wir finden, wenn wir uns nicht nur auf unsere eigenen Kräfte verlassen, sondern auch auf die Hilfe von Freundinnen und Freunde, die sich um den Geist Lebens, den Geist Gottes bemühen.

Was sind meine typischen Verhaltensweisen des mangelnden oder übersteigerten und damit andere beiseiteschiebenden Selbstvertrauens? Wie können sich diese beiden Übertreibungen im Blick auf die Aufforderung Jesu umdrehen lassen? Wie will ich den Weg der Gegenbeeinflussung gehen, damit ich weniger Sklave meiner Macken bin?

Jesus, du bist als Jude unter römischer Fremdherrschaft aufgewachsen. Du hast dich prägen lassen von der Geschichte Gottes mit Deinem Volk. Auch ich bin froh über die Formung durch meine Kultur, meine Zeit, mein Geschlecht, meinen suchenden Glauben. Du lädst mich in der Beziehung mit dir und der Offenheit zu allen Menschen dazu ein, die familiären, gesellschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Grenzen zu überschreiten. So möchte ich die Beziehung zu dir und jedem Mensch, in dem du mir begegnen willst, mehr annehmen. Amen.

 

Die Entschiedenheit aus der Mitte zu leben

Am 7. November 2007 starb Martha Barabaß fast 88jährig. Sie ist eine Mitbegründerin dieser Zeitschrift. In ihrem Leben hat sie sich immer wieder von Konfliktsituationen ansprechen lassen. Wenn sie sich dann zum Handeln entschloss, blieb sie ihm auch über viele Jahre hinweg treu. Aus ihrem christlichen Glauben heraus hat sie zu der Freiheit gefunden, unbequeme Wahrheiten zu sehen und sie anzusprechen, aber noch mehr, ein Wir zu spüren und sich darin zu engagieren. Ein solches Wir entdeckte sie in der Gruppe Angehörige politischer Gefangener in der BRD. Alle Menschen waren mit eingeschlossen, die sich für einen menschlichen Kontakt und die Freilassung der Gefangenen einsetzten. Mit dieser Erfahrung der Entschiedenheit und Offenheit, die wir im Kontakt mit ihr erlebt haben, war es nahe liegend, bei der Beerdigung am 15.11. auf dem Westfriedhof in Köln die biblische Geschichte von der Witwe zu wählen, die einen ungerechten Richter so sehr bedrängte, bis er endlich ihr Recht sah und bestätigte. (Lk 18,1-8) Eine solche Entschiedenheit hat uns Martha gelehrt, aber auch die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen und über sich zu lachen. Ihr Kämpfen hat sie nicht starr werden lassen, sondern sie suchte weiter Zugang zu Menschen aus unterschiedlichen Richtungen. Jedem Gefangenen schickte sie zum Geburtstag eine Karte, alle Angehörigen und Freunde bekamen einen eigenen Blick der Zuwendung, aber auch ein Nein, wenn sie es für notwenig hielt. Entschiedenheit hat sich in ihr mit Offenheit gepaart zu einem Engagement des Friedens untereinander. Mit dieser Hoffnung auf Frieden musste sie durch viele schmerzhafte Auseinandersetzungen gehen. Sie haben in ihr den Wunsch nach Aussöhnung noch stärker werden lassen. Dort liegt wohl ihre Quelle des Strahlens, diese Schönheit in ihrem Gesicht und ihrer Gestik, die Vorfreude auf die menschliche Heimat, die in allen Kämpfen mitgegangen ist und in der sie jetzt ganz leben darf.

 

 

Weg des Entdeckens menschlicher Würde

Im Evangelium hören wir drei Ratschläge, wie wir voreinander und in der Einheit mit Gott wachsen können. Diese drei evangelischen Räte setze ich in Verbindung mit drei Namen für unsere Würde, wie sie in der Taufe genannt werden. Die Taufe verwurzelt uns sichtbar in der Beziehung zu Jesus Christus und damit in seiner Würde. Bei der Chrisamsalbung wird sie als königlich, prophetisch und priesterlich beschrieben. Aus dieser Würde heraus sind wir befähigt und verpflichtet, Entscheidungen zu fällen und umzusetzen, Konsequenzen unseres Handelns zu sehen und zu beherzigen, geschichtliche Erfahrungen erinnernd gegenwärtig zu setzen und das Gute segnend zu benennen. Im gegenseitigen Ernstnehmen und Entdecken unserer königlichen, prophetischen und priesterlichen Begabungen wird unsere Würde sichtbar.

In der Taufvorbereitung steht wie am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu ein dreimaliges Nein. Wir hören von den drei Versuchungen Jesu und seinen Antworten. Ein deutliches Nein ist notwendig, um auf dem Weg der Menschwerdung weiter zu gehen. Wir lernen zu unterscheiden, zwischen gutem und menschenverachtendem Handeln, ebenso zwischen schätzenswertem Tun und dem Verfolgen von zentralen Motiven häufig durch schmerzhafte Etappen hindurch. Der Weg in die Fülle und in die Freiheit des Lebens ist kein Mitschwimmen mit der aktuellen Mode. Es ist ein Entdecken und Abschwören von falschen Göttern, die uns entfremden von unserer Würde als Könige oder Königinnen, als Propheten oder Prophetinnen, als Priester oder Priesterinnen.

 

Einfach leben

Der erste Rat, den Jesus einzelnen Menschen gibt und den er vorlebt, heißt: verkaufe deinen Reichtum und lebe arm. Auch die Seligpreisungen beginnen damit, die Armut vor Gott zu loben: vor Gott können wir uns mit nichts brüsten sondern nur als Arme begreifen. Alles andere wäre lächerlich. Wie können wir diese Grundhaltung gegenüber unseren Mitmenschen leben, in denen uns Jesus als Schwester oder Bruder begegnen will? Der evangelische Rat lädt dazu ein, keine Distanz in der Beziehung zu Gott und in der Begegnung mit anderen Menschen zu suchen. Wir dürfen einfach, brauchen also nicht kompliziert leben. Wir können das Leben und alles was dazu nötig ist miteinander teilen. Diese elend- und mangelüberwindende Haltung fördert Gemeinschaft und wehrt sich gegen Neid, Habsucht und Selbstgerechtigkeit.

Mitten in der "Religion der Sicherheit", in der wir in unserem Land leben, rät uns das Evangelium Unsicherheit. Es ermahnt uns, Sicherheiten loszulassen und in Gott den Grund zu suchen, der uns Halt gibt. Gehen wir diesen Weg, dann sehen wir deutlicher die Versuchung der Götzen falscher Sicherheiten: die Sicherheit des Geldes, des Besitzes, der gesellschaftlichen Stellung, des richtigen Passes, der erfolgreicheren Hautfarbe, der Beziehungen. Der prophetische Blick wird geschärft. Wir sehen besser, was nötig und unnötig ist für ein glückliches Leben. So verwurzelt uns der erste evangelische Rat in unserem Hunger nach Glück, der in unserem Wunsch nach Einheit, nach Liebe begründet ist und der oft von einer Sucht nach Besitz und Anerkennung verstellt wird. Deshalb sagt Jesus seinem Versucher, der ihm einen Weg zu Reichtum und Anerkennung zeigt: "Der Mensch lebt nicht nur vom Brot; er lebt von jedem Wort, das Gott spricht." Dieser vorausschauende Satz ist prophetisch: Bestand hat das Wort und das Handeln aus der Liebe.

Menschen, die in dieser Tradition ein Gelübde der Armut und Einfachheit ablegen, aktualisieren ihre Taufe. Aber oft wird das Leben in einer religiösen Gemeinschaft nicht einfacher. Ordensleute sind oft reicher und einflussreicher als Menschen in ihrer Umgebung. Das ist ein Skandal, wenn sie diesen Reichtum für ihr eigenes Leben privatisieren. Dann leben sie nicht mehr die prophetische Kritik des Evangeliums gegen die Privatisierung von Ressourcen, die eine eigene Bereicherung und eine Verarmung vieler Menschen ist. Sie zerstört die Gemeinsamkeit untereinander und mit Gott. Ordensleben ist in seinem Ursprung aus der Kritik an der herrschenden Gesellschaft und der Kirche entstanden und in Liebe zu den Menschen am Rande. So haben die Wüstenväter zur Zeit der konstantinischen Wende, in der die Kirche durch den Kaiser Ansehen erhielt und es förderlich wurde, Christ zu sein, ihren Protest in großer Schlichtheit am Rande der Nordafrikanischen Wüsten gelebt. Auch heute leben wir in Interessenkonflikten und brauchen den evangelischen Rat der persönlichen Einfachheit, um für ein Leben in Gemeinschaft offen zu sein. Dabei wird das prophetische Vertrauen, dass die Ressourcen dieser Welt für alle reichen, im Kontext von Flüchtlingen, Arbeitern, Landwirten oder Prostituierten sich unterschiedlich ausdrücken.

 

Geschwisterlich leben

Leben wir für Gottes Liebe empfänglich, so wie Maria ansprechbar für die Botschaft Gottes durch den Engel Gabriel war? Sie lebte ganz gegenwärtig und sagte Ja zu dem unvorstellbaren Ansinnen Gottes. Sie gebar Jesus jungfräulich, wie es im Text des Glaubensbekenntnisses heißt. Die Worte keusch oder jungfräulich kommen in unserer Alltagssprache nicht mehr vor. Wie könnten wir den Rat der Offenheit für die Liebestaten Gottes benennen? Wir sind eingeladen, mit allen Menschen, in denen Jesus uns begegnen will, als Bruder oder als Schwester zusammen zu leben. Wenn wir diese verwandtschaftliche Beziehung in Christus ernst nehmen, können wir nicht mehr heiraten. Das wäre Inzucht. Eine Ausnahme ist gestattet: einen Menschen können wir als Mann oder als Frau erkennen. Aber wer die Liebe Gottes ahnt, der uns alle zu Brüdern oder Schwestern macht, der bleibe ehelos. So lautet der Rat des Evangeliums. Ich muss fassungslos über die unbegrenzte Liebe Gottes sein, um auf die Einheit in einer intimen Beziehung zwischen Mann und Frau oder unter Männern oder Frauen zu verzichten.

Die geschwisterlichen Begegnungen können aus der priesterlichen Würde des Menschen lebendig werden. Im Mittelpunkt der Botschaft Jesu steht ja sein Wunsch nach Einheit jedes Menschen mit Gott. Deshalb hat er ein vermittelndes Tempel-Priestertum abgeschafft. Jeder Mensch kann aus seiner priesterlichen Würde heraus direkt mit Gott sprechen. Ja er kann das Handeln Jesu gegenwärtig setzen, er kann daran erinnern. Um besonders das letzte Abendmahl Jesu und den Auftrag des Verzeihens nicht zu vergessen, werden einzelne zu Priestern geweiht. Sie sollen die Gläubigen an ihre priesterlichen Vollmachten durch die ihnen anvertrauten Sakramente erinnern. Denn der priesterliche Dienst ist allen anvertraut: das Brot den Armen zu brechen, den Segen Gottes auszusprechen, die 99 Schafe zurückzulassen, um dem verlorenen nachzugehen, kurz die Menschen wohlwollend an zu sehen, sie im Guten zu bestärken und sich über die Umkehr zu freuen. So können wir mitten in aller Entfremdung uns gegenseitig als Brüder und Schwestern erkennen.
Das Gelübde der Ehelosigkeit erinnert mich an meinen Wunsch geschwisterlich zu leben.

 

Unabgelenkt im Jetzt leben

Die königliche Würde des Menschen begründet seine Entscheidungsfähigkeit. Ihr ist der evangelische Rat des Gehorsams Gott gegenüber beigegeben. Dieser Gehorsam ist keine Fremdbestimmung, sondern eine Wachsen in der inneren Einheit mit Gott. Ohne die göttlichen Anteile in uns finden wir keine volle Identität. Fremdbestimmende Ideologien und Fluchtbewegungen in Vergangenheit und Zukunft können wir darüber abweisen.

Aber mit dem Wort Gehorsam ist in der Geschichte viel Missbrauch getrieben worden. Besonders im Faschismus wurde im Namen des Gehorsams die Aufgabe des eigenen Urteilens und die Unterwerfung unter die Anweisungen eines Führers verlangt. Auch in der Kirche haben sich unaufgeklärte Vorstellungen zu dem Thema gehalten, die uns mit Recht sehr fremd vorkommen.

Doch Gehorsam ist der Anker im Lebensursprung oder im Gewissen. Durch ihn finden wir die Freude und Freiheit unabgelenkt im Jetzt zu leben. Der von Jesus gewünschte königliche Gehorsam ist herrschaftskritisch, wie ihn uns Jesus vorgelebt hat. Willenlose Anpassung oder Selbstanbetung ist damit nicht begründbar. Nur vor Gott können wir niederfallen und ihn anbeten. Auf dem Weg des Gehorsams treten wir aus dem Druck fauler Kompromisse heraus, zwei Herren dienen zu sollen. Wir lernen den Menschen großzügiger zu dienen, die in der größeren Not leben. Dies geschieht nicht, weil sie bessere Menschen sind, sondern aus der uns geschenkten Freude am Leben. Die ärmeren Menschen zeigen den Weg in die Geheimnisse des Lebens. Sie werden uns zum Sakrament, also zur Anwesenheit Gottes.

Auf dem Weg des Gehorsams verschwinden unsere Vorbehalte ihnen gegenüber und wir treten ein in die Gegenwart Gottes. Wir werden offen auch für seine unvermittelten Anfragen. Der Gehorsam ist ein Reinigungsprozess von herrschaftlichen Wünschen, die in jedem Menschen stecken. Herrschaft missbraucht die Menschen oft, Gehorsam entdeckt ihre Würde neu. Das Gelübde des Gehorsams soll das gemeinschaftliche Suchen nach den Wegen Gottes und die gegenseitigen Korrektur untereinander bestärken.

 

Gegen die Mächtigen, gegen die überwältigende Mehrheit glauben und handeln können
- Elemente einer Spiritualität des Widerstandes

So unterschiedlich wir Menschen auch sind, in einem Punkt ähneln wir uns: wir wollen alle geachtet und wenigstens von einigen geliebt werden. Dieser zentrale Wunsch nach Achtung und Liebe ist offensichtlich, auch wenn er manchmal nur noch ganz verängstigt geäußert wird, einige ihn sich selbst nicht mehr eingestehen, weil ihnen ihre Würde oft genug abgesprochen wurde, und andere sogar soweit gehen, versteckt in der Mißachtung anderer, ja sogar in Gewalttätigkeit ihren Hunger nach Liebe herausschreien.

Auch in der Botschaft des jüdisch/christlichen Glaubens - und weit darüber hinaus - bekommen wir bestätigt: Der Mensch ist ein auf Liebe angewiesenes Wesen, jeder hat eine ihm ganz eigene Würde und das Recht auf Achtung und Ehre. So hat Gott den Menschen von seiner eigenen Würde her geschaffen, als sein Ebenbild, als Mann und als Frau.

Die zweite Botschaft des Glaubens heißt: Gott liebt jeden Menschen in seiner besonderen Eigenart. Mit anderen Worten heißt das: Wir sind nicht nur liebeshungrige Wesen, sondern auch schon immer geliebte Frauen oder Männer, auch wenn uns alle anderen Menschen gleichgültig gegenüber ständen, uns verachten oder gar hassen würden. Auf diese Realität der Liebe Gottes zu bauen, ist für mich der entscheidende Ausgangspunkt im Widerstand gegen die Sucht, von möglichst vielen geliebt zu werden, ständig bettelnd anderen hinterherzulaufen und meine Kraft in der Anpassung an herrschende Meinungen, Moden, ... zu verbrauchen. Diesen Ausgangspunkt in allen Konflikten mir jeweils neu zeigen zu lassen, scheint mir ein lebenslanger Prozeß zu sein.

Viele Einflüsse unserer Umwelten drängen uns aber in die entgegengesetzte Richtung: Was sollen wir nicht alles tun oder unterlassen, um dazuzugehören. Liebe, Anerkennung - Liebesentzug, Strafandrohung und Strafen sind wichtige Erziehungsmittel und sollen das gesellschaftliche Miteinander steuern. Diese Mittel werden besonders wirkungsvoll von den gesellschaftlich Mächtigen - in der Wirtschaft, Politik, Kultur, Erziehung, Kirche, .. - eingesetzt, aber in vielen direkten oder versteckten Formen wohl von jedem Menschen. Wie unterwürfig sind wir gegenüber diesen Einflüssen unserer Umwelt? Zwar ist die Sozialisation in den Kulturen unterschiedlich, doch alle erhellen und verdunkeln, ja leugnen sogar diese Realität, daß Gott jeden Menschen liebt und ihm so einen Lebensgrundstock dafür gegeben hat, es ihm ein Stück weit gleich zu tun. Wenn ich mich auf diese Realität einlasse, werde ich schrittweise unabhängiger, von dem Diktat meiner Umwelt nach oft bedingungsloser Anpassung. Es ist ein Weg der Entdeckung der eigenen Würde und der Würde vieler anderer Menschen aber auch ein oft schmerzhafter Weg des Loslassens vieler manchmal sehr liebgewordener Unfreiheiten. Es ist ein Weg des Gegenübertretens - ins Angesicht mächtiger Personen, aber auch in Abgrenzung scheinbar übermächtiger gesellschaftlicher Ausgrenzungsregeln, die sich in mir verwurzelt haben. Wenn ich in Konflikten Menschen mit aller Kraft und mit meiner offenkundigen Schwäche gegenübertrete, erinnere ich mich auch schon mal an den späteren König David, wie er ganz überraschend vor Goljat trat, dieser Hirtenjunge mit einer Schleuder vor dem gepanzerten hochgerüsteten Krieger (1 Samuel 17). David hatte sich diesen Konflikt nicht ausgesucht. Seinem Volk wurde die Unterwerfung angedroht und ihr Gott wurde beleidigt. Er hätte keine Kraft, sie zu schützen. Da spürte David, daß er sich der Unfreiheit entgegenstellen mußte, im Vertrauen auf Gott.

Ähnlich sind wir eingeladen, uns trotz des oft verdeckt angedrohten Liebesentzugs und häufig gegen unseren spontanen Willen nicht der herrschenden Meinung zu unterwerfen und auf unsere Einheit mit Gott, unser Gewissen, unser Geliebtsein zu hören. Dabei ist mir folgendes aufgefallen:

  • Ähnlich wie der Dank eines Menschen, dem ich etwas Gutes getan habe, kann die Verachtung eines Menschen oder einer Gruppe eine Ehre sein. Die Ausgrenzung aus einer rassistisch reden und handelnden Gruppe kann ich als Kompliment begreifen. Die Einsamkeit und Hilflosigkeit ihnen gegenüber wird dadurch nicht weggewischt, aber die Freude mit meiner Meinung, meinem Grundanliegen erkannt zu sein, hat vielleicht noch ganz verborgen in meiner Wut über ihr Verhalten begonnen Funken zu schlagen.
  • Es gibt geheimniskrämerische Angebote des Verstehens, des Vertrauens, der Liebe. Stasi-Offiziere in der DDR - und ähnlich tun es Menschen mit entsprechenden Aufträgen in allen Gesellschaften - gingen bei ihren Anwerbungsversuchen Informeller Mitarbeiter neben den Geldangeboten oft diesen Weg der "Freundschaft". Sie nutzten wirtschaftliche Notlagen und den Hunger nach Anerkennung für ihr Geschäft aus. Wird jemand von solchen Menschen mit schmutzigen Geschäften angesprochen, ist es wichtig, auch zur eigenen Abklärung anderen davon zu erzählen. Gerade wenn wir zu Geheimhaltung aufgefordert werden, sollten wir möglichst sofort die Veröffentlichung ankündigen, um den Spuk zu vertreiben. Als Agenten der Schnüffler sind wir dann unbrauchbar geworden und wir wissen, ob wirklich ein Vertrauens-, ein Liebesangebot vorgelegen hat. Liebe drängt über kurz oder lang nach Veröffentlichung.
  • Wenn ein Vorgesetzter im Betrieb ungerechtfertigt Macht ausübt und wir darunter leiden, ist mir nicht sofort klar, wie ich mich verhalten soll. Es hängt ja auch nicht von mir allein ab, ihn in seine Schranken zu verweisen. Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden, denn unser Verhalten ist ja eine der Voraus-setzungen seines Verhaltens. In wieweit spielen wir mit, weil wir untereinander uneins sind? In diesem Prozeß unter uns kann es auch mal notwendig sein, daß ich ihm als Einzelner gegenübertrete. Doch das sollte nicht zur Regel werden. Unser Widerstand gegen Machtmißbrauch sollte offen sichtbar werden. Wie kann ich aber an diesem Ort weiterleben, wenn es nicht dazu kommt? Muß ich gehen, ja manchmal geradezu fliehen oder hat meine Hoffnung auf Veränderung noch genügend Kraft? Die Situation wird zur Hölle, wenn ich diese oder andere Alternativen nicht mehr sehe und nur noch blind durchhalten will. In der bedingungslosen Unterwerfung ist mein Widerstand gebrochen. Manchmal ist nicht die Flucht sondern das Bleiben ein Verlust an Ehre, wenn es den notwendigen Widerstand gegen Unrecht verhindert. In einer solchen oder anderen Notlage erkennen wir die eigenen Unfreiheiten oft sehr schmerzhaft, verdrängen sie wieder oder können sie hoffentlich loslassen.
  • Das Wegsehen und Weghören ist oft die spontane Reaktion, wenn wir einen unrecht Behandelten im näheren Bereich z.B. auf der Straße sehen oder davon in der Zeitung erfahren. Das wird zum Training der Abstumpfung, wenn ich nicht irgendwann lerne, wo ich dran bin, mich einzumischen. In manchen Situationen habe ich, manchmal ich allein - in meinem Geliebtsein von Gott, aus meinem Gewissen heraus - die Vollmacht, mit meinen Kräften und Schwächen einzugreifen, und bei vielen anderen Gelegenheiten habe ich sie nicht. Bei dieser Unterscheidung können mir andere Menschen helfen - ja sie sind notwendig beim Erfassen der Situation - doch können sie mir die Entscheidung nicht abnehmen. In der damit verbundenen Einsamkeit bin ich auf mein Fundament - des von Gott Geliebtseins - zurückgeworfen und alles Klatschen oder Spotten der Anderen ist hoffentlich weit weg.
  • In der Mitte der Stadt hatten in einer Wagenburg obdachlose und nach anderen Lebensformen suchende Menschen ein Zuhause gefunden. Mit einigen hatte ich Freundschaft geschlossen. Mit einem großen Polizeiaufgebot wurden sie eines Tages vertrieben. Ich gesellte mich dazu und habe mit ihnen gegen die Vertreibung der Armen aus der Stadt mit einer wochenlang andauernden Mahnwache protestiert. Bei eisiger Kälte und unter polizeilicher Kontrolle - wohlwollender und schikanöser - haben wir vor dem Rathaus gewacht und geschlafen. Viele Menschen sind gekommen, haben mit uns gesprochen und uns mit Decken, ... und Geld für die zu erwartenden Prozeßkosten unterstützt. Wir haben auf das öffentliche Ärgernis der Vertreibung, der Obdachlosigkeit, der Zerstörung von Lebensräumen zugunsten von Profitinteressen hingewiesen und "natürlich" die Ablehnung der Herrschenden direkt mittels Behördenvertretern und Polizei und mittelbar durch die Gerichte zu spüren bekommen. In diesen Wochen habe ich nur wenige Menschen erlebt, die uns beschimpft hätten. Wir hatten ja auch eine wirklich vorhandene gesellschaftliche Frage öffentlich gemacht. Aber einige haben um uns einen Bogen gemacht. Sie hielten uns für unerreichbar stark. "Wie könnt ihr immer noch lachen, obwohl eure berechtigten Fragen an den Politikern abprallen?" war ihre Frage. - Ich habe uns nicht stark gesehen. Wir haben nur unser Not angesichts der reicherwerdenden, repräsentierenden, die Bewohner an den Rand drängenden Stadt öffentlich gemacht. Schwachheit als Stärke? Ja es ist ein Schritt in der Befreiung, im Widerstand, die eigene und die gesellschaftliche Not öffentlich greifbar zu machen und sie nicht mehr zu verbergen, irgendwohin zu verstecken.
  • In den Kirchen stoße ich immer wieder mal auf Menschen, die sich für klüger als Jesus, den Sohn Gottes, halten. Das ist neben den schon angedeuteten auch eine der alltäglichen Horrorsituationen. Vielleicht sind sie uns so geläufig, daß wir noch zusätzliche Horrorgeschichten erfinden müssen, um sie wieder zu bemerken.

Manche Christen sagen direkt oder indirekt: Wenn Jesus etwas geschickter, einfühlsamer, ausdauernder gepredigt hätte, vielleicht einige Kompromisse realpolitisch eingegangen wäre, dann hätte er den tödlich ausgegangenen Konflikt am Kreuz vermeiden können. Und sie selbst wollen nach dieser Devise handeln. Diese Überheblichkeit macht mich fassungslos.

Seine Klugheit, seine Behutsamkeit - das geknickte Rohr zerbricht er nicht (Jesaja 24,3) - seine Schuldlosigkeit hat Jesus vor den Konflikten mit den Mächtigen, Ängstlichen, Herrschsüchtigen nicht bewahrt, sondern ihn davor nicht ausweichen lassen. Er konnte dies im Vertrauen auf seine Einheit mit dem Vater tun. Und dazu fordert er uns auch auf.

Ich kenne diese Gefahr auch in mir, mich klüger, mich moralisch besser als andere und selbst als Jesus zu halten. Diese Unfreiheiten in mir sind für mich der größte Horror, vor dem ich gerne ausweichen möchte. Ihm gegenüberzutreten, mich nicht - auch mit Unterstützung anderer Christen - davon einschüchtern zu lassen, ist meine Hoffnung auf einen Weg in die Freiheit für uns alle.

 

Die sich wandelnde Arbeitswelt in Deutschland

Arbeitsplätze im landwirtschaftlichen und industriellen Bereich werden immer seltener angeboten. Rationalisierung und Verlagerung ins Ausland sind dafür wichtige Gründe. Ein Teil dieser Arbeiten wird dort in Freihandelszonen durchgeführt, in denen Firmen besonders junge Menschen ausbeuten, wenig Steuern zahlen und ihre Betriebe gewerkschaftsfrei halten.

Eine ähnliche Tendenz gibt es auch im Inland bei Arbeiten, die man nicht ins Ausland verlagern kann. Auch hier sind ähnlich wie in Übersee "Freihandelszonen" entstanden. Die hier beschäftigten Kolleginnen und Kollegen wurden oft privat, gewerblich oder kriminell aus dem Ausland herbeigeholt und leben ohne Papiere. Sie müssen sich mit einem sehr geringen Lohn zufrieden geben - oft wird ihnen gar kein Lohn ausgezahlt und gesundheitsschädigende, schwere Arbeiten zugemutet; die Arbeitgeber zahlen keine Steuern und Sozialabgaben. Schon bei legal angeworbenen Arbeitsimmigranten fallen Ausbildungsausgaben weitgehend weg, bei den Papierlosen gibt es keine Ausgaben für die nächste Generation und die "Entsorgung" im Krankheitsfall, im Alter ist sichergestellt. Der Staat übernimmt die Abschiebekosten.

In der Logik des kapitalistischen Systems entstand z.B. im Baugewerbe durch ausländische Firmen, die nicht die erkämpften Standards im Land erfüllen müssen, ein Wettbewerbsdruck. Um Gewinn und einige Arbeitsplätze für Einheimische zu retten, werden unterbezahlte papierlose Arbeiter angeworben. Ähnliches läßt sich auch bei größeren industiellen Firmen beobachten, die Betriebsteile auslagern, Subunternehmen Arbeiten überlassen, usw.

Restaurants, Putzkolonnen und Schlachthöfe bedienen sich ebenso dieser Form der Migration. Arbeiten in diesen Bereichen sind weitgehend - ähnlich wie in der Landwirtschaft - so schlecht entlohnt, dass Einheimische mit ihren Ausgaben für Wohnen, Nahrung, Gesundheit, Kindererziehung, usw. sie nicht mehr annehmen können.

Ähnliches gilt für notwendige Dienstleistungen in der Betreuung von alten oder kranken Menschen oder Kleinkindern im privaten Bereich. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist im legalen Bereich so teuer geworden, dass sie sich auch Menschen im Mittelstand nicht mehr leisten können. Auch sie werben über entsprechende Dienste - z.B. im Internet - Arbeitskräfte im Ausland an. - Ein zusätzliches Feld papierloser Arbeit ist die Sexarbeit.

In Deutschland werden Menschen aus dieser entwürdigenden Situation sehr selten legalisiert. So versiegt diese Quelle billiger Arbeitskräfte nicht und die herrschende Ideologie ändern sich nicht, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Die oft brutale Abschiebepraxis vor allem im Dienst der Lohndrücker und Rassisten scheint von einer Mehrheit gerechtfertigt.

Wir sind von dieser veränderten Arbeitswelt betroffen und reagieren in unserem solidarischen Engagement

  • in Übersee, um den realen Migrationsdruck zu verkleinern und Lebensqualitäten zu erhalten,
  • in der eigenen Arbeitsuche und im Kontakt mit Migranten, um uns dieser Realität zu stellen und die Gesichter unserer Kolleginnen sehen zu können;
  • im Stadtviertel und in unseren Wohnungen, um das Leben mit ihnen zu teilen;
  • in den Gefängnissen, um die Freunde nicht allein zu lassen.

Wir arbeiten nicht mehr unter Bedingungen, die weitgehend durch soziale Gesetze abgesichert und gewerkschaftlich ausgehandelt sind. Viele Absicherungen sind zerstört, so dass immer mehr Menschen auch aus der Mittelschicht unter die Armutsgrenze fallen, besonders Familien mit Kindern. Die weltweite Angleichung im wirtschaftlichen Bereich, bei der einige Reiche viel reicher und die große Mehrheit ärmer wird, nimmt deutlich zu. Staatliche Lenkung fördert weitgehend diese Entwicklung und leistet immer weniger Widerstand.

Im September 2004 wurde mit Unterstützung der Gewerkschaft Bau, Steine, Erden der Europäische Bund der Wanderarbeiter gegründet, durch die KollegInnen Unterstützung finden, die bisher nicht organisierbar sind. www.migrant-workers-union.org

 

Der vorausgegangene Bruder

In meiner Jugend und als junger Erwachsener begleitete mich Jesus als Gleichaltriger brüderlich. In meiner Vorstellung hat er sich bei den Pharisäern, Sadduzäern usw. umgesehen. Er kannte sie gut. Auch ich habe bei unterschiedlichen Gruppen Anschluss gesucht und mich mit ihm darüber unterhalten. Er machte mir Mut, weiterhin auf innere Impulse zu warten und meine Identität mitten in langen Phasen der Einsamkeit zu finden.

Jesus wurde nach seiner Taufe in die Wüste geführt. Dort ist er in 40 Tagen Fasten den vierzigjährigen Weg der Glaubensfindung seines Volkes nachgegangen und hat dann sein dreimaliges Nein zu den Versuchungen des Lebens gesagt. In diesen Reaktionen spiegelt sich für mich die froh machende Botschaft seines Lebens.

Viel später bemerkte ich in mir eine Unbeholfenheit in der Beziehung zu Jesus; als Gleichaltriger war er nicht mehr anwesend. Nach einer Zeit der Trauer fand ich ihn wieder als Vorausgegangenen. Den Auferstandenen entdeckte ich dann auf der Arbeit in der Fabrik, unter armen Menschen, unter Gefangenen oder Kranken und auch in mir selbst.

Heute beschenkt mich Jesus besonders mit einem neuen Blick auf die Religionen, die vielfältig auf den Schöpfer hinweisen. Christus eröffnet mir dabei Orte der Begegnung: in meiner Gemeinschaft, bei Exerzitien auf der Straße, bei Besuchen in der Stadt und der Natur. Ich lebe im Suchen und Finden mit ihm.

 

Schmecke Dein Leben, Mann!
Karfreitag 2011

Die Augen im Schrecken öffnen

Die todbringenden Folgen andauernder Fehlentscheidungen bestimmen unser Leben weltweit:

a) Die unvorstellbare Gefahr der Atomenergie im militärischen und zivilen Bereich wird mit dem Wort Restrisiko verschleiert. Wie bei anderen Katastrophen gehen nun Männer in die Gefahrenzonen. Sie werden geopfert, um schlimmeres Unheil zu verhindern. Jesus nahm das Restrisiko seines Einsatzes für das Leben aller mit ans Kreuz. Eine Straße Gottes ist er, auf der uns der Vater, die Wahrheit und das Leben entgegen kommt (Jo 14,6). In der Tradition des heimatlosen Nomaden (Dt 26,5) begegnet er uns als Obdachloser (Mt 8,20), der keinen geschützten Ort hat, seinen Kopf hin zu legen. Auch uns lädt er ein, eine Straße der Auseinandersetzung und des Friedens zu sein.

b) Das Wegsehen von der andauernden Kolonialpolitik vernebelt die Verantwortung für das begangene Unrecht und behindert den Widerstand gegen die Ausbeutung durch neue Aktionäre. Sie werden unterstützt durch angepasste Zölle, Steuern, diplomatische und militärische Aktivitäten. Die Folge sind Kriege zwischen den in Nationalstaaten gepressten oder zerrissenen Völkern. Bodenschätze und andere Güter sollen erobert werden.

Von Demonstrationen in Nordafrika gegen die Handelspartner der kolonialen Wirtschaftskräfte und von Flüchtlingsströmen lesen wir in der Zeitung. Unser Land versucht sich vor Flüchtlingen abzuschotten, ähnlich wie Jesus mit seiner Botschaft zurückgedrängt wurde: "Wir haben ein Gesetz..." (Jo 19,7). Nur mit einem Visum ist die Einreise aus armen Ländern erlaubt. Die Nachbarstaaten sollen die Flüchtlinge abwehren. Wir sehen sie nicht an, sondern schieben unbesehen alle über Italien Einreisenden dorthin zurück. "Wir haben das Schengener Abkommen."

Jesus, Deine Verurteilung und Kreuzigung findet wieder statt. Leicht lassen wir Dich auf den Weg in dem Tod allein. Doch das gelingt uns nicht wirklich. Denn Du bist das Leben in uns, mit welchem Namen wir Dich auch ansprechen mögen. Wir können von Dir nicht weg schauen, weder in uns noch in unseren Mitmenschen. Was sehe ich als Mann, wenn Du in unserer Mitte gefoltert und verlacht wirst und Dein Tod im Mittelmeer tausendfach bei der Grenzsicherung in Kauf genommen wird? Gesetzesbruch, fehlende Hilfeleistung, Gewinnmaximierung, emotionale Kälte nehme ich wahr. Darüber verroht die Liebe zum Leben, die doch nach Nähe, nach Vereinigung bis in den körperlichen Bereich hungert. Wie ist sie zu den Fremden, in denen Du uns begegnest, so möglich, dass die Liebe uns gegenseitig wärmt?

In Dir dürfen wir unsere Sehnsucht schmecken. In Verbindung mit Dir kann uns keiner vertrösten. Wir spüren Deinen Schmerz hautnah. Deine Botschaft ist nicht erfolgsabhängig. Du verkrümmst Dich nicht trotzig in Dir selbst, schweigend-hinhörend bleibst Du Dir treu. Du rechtfertigst Dich nicht vor Pilatus. Mitten in der Bedrängnis bleibst Du dem Nachbarn am Kreuz nah und sorgst für Deine Mutter. Bis in die letzte Minute Deines Lebens ringst Du mit unserer Lebenshoffnung: die Einheit mit dem Vater.

Alte Geschichten werden, wenn wir neu hinsehen, mit unseren Erfahrungen lebendig. Mitten im Entsetzen über das Leid des Gottesknechtes hören wir bei Jesaja, wie er - selbst verstoßen und unbeachtet - mit uns in heilender Beziehung bleibt.
Jesaja 52,13 bis 53,12

Wie lassen wir das Leid über Missstände bei anderen und in uns zu?
Auf welche Mauern der Zurückweisung stoßen wir, z.B. auf die juristischen "Notwendigkeiten", die rechtfertigende Hilflosigkeit, das distanzierende "selbst Schuld"?

 

Jenseits des Grabens

Nach dem Theologiestudium habe ich als Möbelträger, LKW-Fahrer, Pressenführer in der Aluminiumverarbeitung, als Dreher und Lagerarbeiter in Frankreich und Deutschland gearbeitet. Eine kleine Gruppe von Mitbrüdern und die Verantwortlichen im Orden spürten, dass Christus uns zu sich unter Menschen ruft, die manuelle arbeiten. Als Kollegen durften wir ihre und darin Gottes Liebe entdecken. Oft verließ ich morgens das Haus mit dem Gefühl, in die Schule des Lebens zu gehen. Der Weg der eigenen Menschwerdung, aber auch der Menschwerdung Gottes in unserer Welt wurde immer greifbarer.

Das Rufen und Vorausgehen Gottes, von dem wir uns führen lassen wollen, geschieht in einer Welt, in der das goldene Kalb Geld angebetet wird. Die Arbeitsplätze liegen außerhalb der demokratischen Ordnung und sind geradezu diktatorisch abhängig von Kapitalinteressen und der Börse. Die Vorgesetzten sind den Aktionären meist mehr verpflichtet als den Interessen der Belegschaft oder der Menschen im ganzen Land. Sie befinden sich strukturell auf der anderen Seite eines tiefen gesellschaftlichen Grabens. Deshalb ist es schwer, ihnen Vertrauen entgegenzubringen. Eigene Schwächen müssen oft verborgen werden, so dass auch wir ihnen gegenüber nicht mehr menschlich erscheinen können. Gegenteilige Interessen stehen im Mittelpunkt und doch sitzen wir im selben Boot und brauchen einander.

Das notwendige Teilen der Erfahrungen über die Klippen der Hierarchie hinweg ist gefährlich, weil anvertrautes Wissen für das Herrschen von Menschen über Menschen genutzt wird. In der Atmosphäre eines unhinterfragten Geldinteresses und der mangelnden Bereitschaft, das Arbeitsergebnis gerecht zu verteilen, ist das Vertrauen untereinander grundlegend gestört.

Unter diesem Kreuz haben wir Jesus Christus neu gefunden. Wir haben das Evangelium neu gelesen und deutlicher bemerkt, wie er ausgegrenzt wurde, weil er Tischgemeinschaft mit Menschen pflegte, mit denen viele ihr Leben nicht teilen wollten. Darüber wurde Jesus in der Öffentlichkeit, besonders gegenüber seinen Anklägern und Richtern, immer schweigsamer. Dieses Schweigen Jesu war für mich am Arbeitsplatz gut nachvollziehbar und auch das Teilen des Lebens mit verachteten Menschen.

Manchmal konnten Vorgesetzte über eine schwere Krankheit zu einem offeneren menschlichen Verhalten umgekehrt. Dann war der Graben zugeschüttet. Wir konnten uns begegnen und eigenes abgrenzendes Verhalten überwinden. Es kam zu "Nachtgesprächen", wie sie Jesus mit Nikodemus geführt hat (Joh 3).

 

Gastfreundschaft

    Gastfreundschaft vergeßt nicht. Durch sie haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. Hebr 13,2

Schritt 1: Gast sein, um Gastfreundschaft bitten

a) Fremdlinge und Gäste sind wir vor Gott, die kein Land auf Dauer kaufen oder verkaufen können (Lev 25,23). Gäste können ihren Gestaltungsauftrag nicht mit Rechtstiteln begründen. Sie leben in einer direkten, auf die Offenheit des anderen angewiesenen Beziehung. Sie können Situationen erkennen, sich an die eigenen Erfahrungen erinnern und frei von Machtansprüchen darüber reden. Das ist ein wichtiger gesellschaftlicher Dienst.
Gott wird von Jeremia als fremder Gast, als Wanderer gesehen, der nur über Nacht bleibt (Jer 14,8). Gott teilt unsere Angewiesenheit besonders in Jesus, der immer neu anklopft und uns auch dazu anhält: "Klopft (beständig) an, dann wird euch aufgetan." (Lk 11,9) Er sagt uns, dass er unter Hungrigen, Kranken, Gefangenen, allen ausgegrenzten Menschen auf besondere Weise zu finden ist (Mt 25). Sein gelebtes Glaubensbekenntnis, von einem heimatlosen Aramäer abzu-stammen (Dt 26,5), wird für uns greifbar, wenn er um etwas zu trinken (Joh 4,7) und noch als Auferstandener um etwas zu essen bittet (Lk 24,41). Er zeigt uns das unaufdringliche Leben als Gast, der sich z.B. zum Gebet zurückzieht (Mk 1,35), sich beim Essen an den letzten Platz setzt (Lk 14,8), sich von verachteten Menschen einladen läßt, z.B. von Zachäus dem Zöllner (Lk 19,6), und Zeit hat für Kinder (Mt 19, 14), für die zur Steinigung aus der Stadt getriebene Frau (Joh 8,6) oder für jene, die ihm die Füße mit ihren Tränen wäscht. Jesus konnte entdecken, wer Gastfreundschaft lebt (Lk 7,36-47).
Weitere Texte für die Meditation: Ps 39,13; Hebr. 11,13; Satzungen 67; GK 34 1/7f, 3/1, 5/6

b) Bei Exerzitien erlebe ich, wie Menschen Obdachlose, Drogenabhängige, Bettler darum bitten, sich eine Weile zu ihnen auf die Straße zu setzen; überraschend wurde einem dann ein Karton als Unterlage angeboten und ihm wurde eine neue Nähe zu Jesus geschenkt. - Schon das Warten auf Gastfreundschaft kann zu einer heilsamen Zeit werden, in der die eigene Angst, mit dem oder jenem gesehen zu werden, aber auch die Liebe Gottes neu zu entdecken ist. Jesus wurde ja wegen der Tischgemeinschaft mit gesellschaftlich und religiös Ausgegrenzten - wegen dieser für die Mächtigen gefährlichen Grenzüberschreitung - umgebracht.

c) Wohin könnten wir einzeln und gemeinsam als Freunde in Christus gehen, um unser Unter-wegssein, als Gast, als Fremde weiter zu leben? Wo sind wir nicht mit einer Funktion eingeladen und sicher, nicht auf Grund unseres gesellschaftlichen Ansehens auf einen der vorderen Plätze gebeten werden? Wo können wir unsere Bedürfnisse als Gäste neu erfahren? Wo sind wir mit anderen - z.B. vor einer Suppenküche wartend - Eingeladene?
Auf diesem Weg des Pilgerns die Freundschaft in Christus zu entdecken, könnte einmal heißen, sich mit einem Mitbruder zum Besuch eines Gefangenen zu verabreden, d.h. die/den Gefange-ne/n um eine Einladung zu bitten, in der Vorbereitung die eigenen Interessen zu entdecken, beim Besuch die Nähe Gottes - die Freundschaft in Christus - zu spüren. Der erste Schritt dabei ist, die Gastfreundschaft der Gefangenen anzunehmen. - In der Nachbetrachtung können die Beziehungen untereinander und zu dem Besuchten ausgesprochen und dann in der Kommunität - mit Besuchserfahrungen an sonst gemiedenen Orten wie z.B. in der Warteschlange auf dem Flur des Arbeitsamtes oder betend in einer Moschee - zur Sprache kommen.

 

Schritt 2: Gastgeber sein: Das Fest der Gastfreundschaft gestalten

a) Abrahams Gastfreundschaft wird besonders deutlich, als er die drei Gesandten Gottes in Mamre dringend darum bittet, bei ihm zu rasten, aber auch als er mit ihnen um das Leben der Menschen in Sodom ringt. (Gen 18)
Jesus, der selbst meist Gast war, bringt uns in Gleichnissen die Gastfreundschaft des Vaters na-he. Von großen Festen wird erzählt: Mt 22,1-14, 25,1-13; Lk 15,11-31, 14,16-24. Gastfreund-schaft ist Ausdruck des Reiches Gottes, das unter uns begonnen hat. Sie gilt besonders denen, die keine Gegeneinladung aussprechen können (Mt 5,46). - Zum Gastgeber wird Jesus nach einer Heilungen: er nimmt von einem Jungen Brot und Fisch, spricht das Dankgebet und läßt es austeilen. Der bescheidene Beitrag des Gastes wird durch Jesus als Gastgeber zur Quelle der Freude für alle (Mt 15,35; Jo 6,9). Als Gastgeber wäscht Jesus seinen Jüngern die Füße (Jo 13,4) und öffnet ihnen in Emmaus beim Brotbrechen die Augen (Lk 24,32). Dann können sie befreit nach Jerusalem in die Gemeinschaft der Apostel zurückkehren.
Weitere Texte für die Meditation: 1Ti 3,2; 1 Pet 4,9; GK 32 11/48; GK 34 1/11, 8/23, 9/15.

b) Wenn wir uns an die Erfahrungen als Pilger, als Fremde, als Gäste erinnern, können wir als Gastgeber Menschen ankommen lassen. Wir werden neugierig auf die Erfahrungen der Fremden und Nachbarn, geben ihnen Raum und dürfen von ihnen lernen. Dabei überwinden wir Fremd-heit und Ausgrenzungen, hören ihre Geschichten oder Ratschläge, nehmen ihre Gestaltungsbei-träge an und bieten ihnen so angemessen Raum und Zeit, die wir manchmal anderen abtrotzen müssen. Aus dem Herzen heraus tun wir das, was dran ist. "Wenn ihr Fremde, Sklaven, ... seht, erinnert Euch daran, wie es ihnen zumute ist." (Ex 23,9; Lv 19,33f). Auch verschüttete und ver-achtete menschliche Würde kann dabei wieder entdeckt werden, wenn wir uns erinnern, was uns wichtig war, als wir in der Fremde müde oder krank waren, die Sprache nicht verstanden und zu Wort kommen wollten.

c) Wie können wir in unserer Arbeitszeit Menschen einladen, ohne dabei hauptsächlich mit un-seren Aufgaben und Funktionen sichtbar zu sein? Wie sehen wir dabei jene, die uns nicht wieder einladen oder andere Vorteile bringen können? Es ist ein ganz kostbares Geschenk, wenn es dabei mutig zu einer partiellen Überwindung der oft notwendigen Rollen kommt, mit denen wir gesehen werden. Mitten in den dabei auftretenden Konflikten helfen oft fremde Menschen - auch Klienten -, besonders wenn sie zu Gästen oder später gar zu Mitgliedern werden (Ergän-zende Normen 175).

Nachbarn, ausländische Gäste, ... können wir in unser Haus oder an andere Orte einladen, die uns geeignet erscheinen; auch zu einem Ausflug an Plätze, die uns wichtig sind, an denen etwas von uns sichtbar wird und wir uns gegenseitig in unserer Würde entdecken können. Solch ein Fest wurde z.B. die Feier der Erinnerung an die Blutzeugen von Plötzensee, unter ihnen P. Alf-red Delp, am 60. Jahrestag der Ermordung. Es wurde deutlich, was uns in der Freundschaft zu Christus heute wichtig ist und wir teilten diese Geschichte mit anderen.

Neben den gut vorbereiteten Festen gibt es die ungeplanten spontanen Einladungen, die unser Leben zum Fest werden lassen. Welche Absprachen unter uns ermöglichen, welche stillschwei-genden Übereinkünfte verhindern sie? Unter welchen Bedingungen findet eine Mitarbeiterin oder ein hungernder oder obdachloser Mensch Aufnahme, wenn ihn ein Mitbruder mitbringt oder wenn er unangemeldet anklopft?

 

Schritt 3: Wie die Gastfreundschaft und den Frieden schützen?

a) Je nach ihren Vermögen ist den Einzelnen in einer gastlichen Gemeinschaft auch der Schutz der Gäste anvertraut. Wie kann uns bewußter werden, welches alltägliche Verhalten die Gast-freundschaft einer Gemeinschaft zerstört?
In dem Gleichnis vom Hochzeitsfest fragt der Gastgeber einen der vielen guten und bösen von den Straßen herbeigeholten Menschen, warum er kein hochzeitliches Gewand an hat (Mt 22,12). Jener hatte keine Entschuldigung und wurde hinausgeworfen. Welcher Mangel macht einen sol-chen Ausschluß nötig? Es geht nicht um eine Frage der Sympathie, einer angesehen Stellung in der Gesellschaft, Geld, Bildung oder einem guten Lebenswandel. Alle sind eingeladen worden. Doch es gab Umstände, in denen die Gastfreundschaft mißbraucht wurde.

Ist der Gast ohne hochzeitliches Gewand mit seinem Herzen in der Vergangenheit geblieben, hat nicht zulassen wollen, dass wir jetzt nicht mehr Fremde oder Gäste sondern Hausgenossen des Gastgebers im Himmel sind (Eph 2,19); ist er ein Mensch geblieben, für den jemand, der Drogen genommen oder einen anderen umgebracht hat, immer ein mißtrauisch zu beobachtender Drogenabhängiger oder Mörder bleibt, ist er also ein Mensch, der keinen Neuanfang zuläßt?
Viele Interpretationen dieser Stelle gibt es unter uns. Wenn wir sie in der Kommunität einmal aussprechen, können wir wichtige Elemente einer gastfreundliche Lebensweise entdecken.
Texte zur weiteren Meditation: 1 Petr 4,9; EN 323; GK 34 1/11, 10/3

b) Die gesellschaftliche Mißachtung von Menschengruppen muß von einer gastlichen Runde abgewehrt werden. In unserer Mitte gibt es Menschen, die einen besonderen Schutz brauchen, wie Kinder, Verfolgte, Mißhandelte, Alte, usw., deren Verspottung wir abwehren und denen wir diskreten Schutz gewährleisten müssen. Eine besondere Aufmerksamkeit verlangt es auch, anstehende Themen zuzulassen und sie nicht vorschnell in private oder sakrale Räume abzudrän-gen: Wie offen gehen wir mit einem Suchtproblem in unserer Mitte - auch zusammen mit Gästen - um oder mit der Frage nach Gott in einer uns ungewohnten Ausdrucksweise?

In den Satzungen (266) wird besondere Aufmerksamkeit Frauen gegenüber angemahnt, die auch weiterhin in unserer Gesellschaft und auch in der Kirche um die Achtung ihrer Würde ringen müssen (GK 14).

Wenn wir in unseren Gemeinschaften um einen würdevollen Umgang ringen, können sie Orte der Überwindung großer Verletzungen sein, nicht nur bei Frauen, Homosexuellen, Mißbrauch-ten, ... sondern auch in unseren eigenen emotional manchmal zumindest partiell unterkühlten und eingefrorenen Beziehungen. - Weiterhin steht in den Satzungen an dieser Stelle, dass es in unseren Häusern keine Waffen und eitle Dinge geben soll. Wenn wir Gewaltlosigkeit in einer gastlichen Gemeinschaft sichern und in Bescheidenheit leben wollen, sind alle mit ihrer Phanta-sie gefordert, wie sie daran mitwirken können. Was tut dem Gast Gewalt an? Wo wird Ängst-lichkeit in den interkulturellen und -religiösen Auseinandersetzungen mit Gewaltlosigkeit ver-wechselt, obwohl sie ja oft Motor von Gewalttätigkeiten ist?

Ebenso können sowohl persönliche Eitelkeiten wie das Nennen von Titeln oder das ständige Erzählen von Erfolgsgeschichten oder andere kommunitäre Gepflogenheiten, Gäste aus anderen Lebensbereichen - besonders verletzte, ärmere Menschen - sehr bedrängen. Erklärungen sind manchmal Verständigungsbrücken, Rechtfertigungen reißen oft Gräben auf.
Ohne Scheuklappen aus Erfahrungen zu lernen bedeutet, dass ein "schwieriger" Gast nicht nur eine Störung sondern auch ein Engel Gottes werden kann.

c) Für ein Kommunitätsgespräch sind vielleicht die folgende Fragen interessant:
- Könnten wir zwecks größerer Offenheit gegenüber möglichen Gästen einige behindernde Din-ge, ausgrenzendes Verhalten, usw. weglassen? Gibt es Bemerkungen von Gästen oder auswärti-gen Mitbrüdern, die uns bei einer Entscheidung helfen?
- Entdecken wir besonders schutzbedürftige Personen, denen wir - wie Jesus z.B. den Kindern gegenüber (Mt 19,4) - eine besondere Achtsamkeit entgegenbringen wollen?

Beispiele: einem trockenen Alkoholiker kein Bier oder Pralinen mit Likör anbieten; nicht einen zur Anzeige verpflichteten Polizisten oder Richter und einen Menschen ohne Papiere zusammen einladen; keinen Menschen leichtsinnig in dem geschützten, privaten Raum der Gastfreund-schaft in die Öffentlichkeit von Fernsehen usw. drängen; diskriminierende Redeweisen mög-lichst sofort deutlich als zerstörerisch benennen und sich angemessen distanzieren.
- Wollen wir Gäste und Pilger besonders um die Auslegung der Schrift (Lk 4,20f) und ihren Segen bitten?

 

Gespräch zwischen Klaus Mertes und Christian Herwartz

KM: Christian, ich gehöre ja eher zur 68er-Spätlese. 1973 habe ich Abitur gemacht. Als ich 1977 in den Orden eintrat, hoffte ich, den ideologischen Auseinandersetzungen an der Uni entfliehen zu können. Ich erinnere mich an einen Besuch im Noviziat von Dir. Du kamst aus Frankreich und redetest über Deine Sympathien mit der Französischen Kommunistischen Partei. Das war für mich ein Schock.

CH: Klaus, ich bin wohl ein richtiger 68er. Mindestens kann ich das in der Rückschau so sehen. In Frankreich habe ich mit anderen Arbeiterpriestern zusammen gelebt und in der Produktion gearbeitet. Ich wollte mit den KollegInnen zusammen Mensch werden - angestachelt durch die Menschwerdung Gottes in Jesus, unserem Bruder.

KM: Ich war ein Diplomatenkind und hatte aus meinen Moskauer Jahren die Sowjetunion in Erinnerung. 1966 war ich nach Deutschland zurückgekehrt. Ich erinnere mich immer an das tiefe Aufatmen, wenn wir den Eisernen Vorhang von Osten nach Westen überquerten. Ich habe dann später sehr viel von der Dissidentenliteratur gelesen, Solschenizyn und andere, und ich konnte einfach nicht verstehen, wenn man im Westen mit Kommunisten politisch sympathisierte.

CH: Ich habe in meiner Entwicklung Identität gesucht durch die Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen Hitler. Über solche Menschen und Gruppen habe ich gelernt, wie wichtig ein klarer Blick auf die Wirklichkeit ist. Jesus tat es ähnlich und fand sein Nein zu den Versuchungen in der Wüste mitten in seinem Hunger nach Leben.

KM: Kannst Du mehr davon erzählen?

CH: Unsere unterschiedlichen Neins auf dem Weg zum Leben ergänzen sich wohl. Meins ist mir greifbar in der Aussage Jesu: Lasst euch nicht Meister, Vater oder Lehrer nennen! (Mt 23,8-10) Dieses Nein, die vorderen Sitze zu beanspruchen, öffnet den Blick auf die Mitmenschen als Geschwister. Das Wissen darum ist mir zum Leitfaden geworden.

KM: Wozu konkret wolltest Du Nein sagen? Ich hatte mein großes Nein gegen den Kommunismus. Das unterschied mich damals von Dir - so habe ich es jedenfalls bei unserer ersten Begegnung im Noviziat empfunden. Oder insistiere ich jetzt zu sehr auf einen Nebenaspekt?

CH: Ja, da verrennst du dich aus meiner Sicht. Mir ging es darum, mich nicht von den Kollegen zu distanzieren, die in die Kommunistische Partei eingetreten sind und mit uns allen für eine Verbesserung des Lebens gekämpft haben. Ich habe mich entschieden gegen eine Entsolidarisierung gewehrt. Zwar war ich in keiner Partei, aber in einer Gewerkschaft. Mit wem warst du solidarisch?

KM: Ja, das ist eine gute Frage. Ich lebte damals sozusagen im meinen gewachsenen Solidaritäten: Familie, Gemeinde, Kirche, Schule. Politisch dachte und lebte ich in der Dankbarkeit gegenüber den Alliierten, die uns von Hitler befreit hatten, vor allem den Westalliierten, die danach mit uns eine Demokratie und einen Rechtsstaat erbaut hatten. Die Solidaritäten der 68er gingen über meinen Rahmen hinaus. Am schwierigsten war es für mich, als ich Deine Gesprächskontakte mit den RAF-Gefangenen verfolgen musste. Dagegen stand meine persönliche Familienerfahrung, weil mein Vater auch im Fadenkreuz der RAF stand und unser Haus deswegen abgesichert werden musste.
Was hast Du denn in der Solidarität mit den anderen gelernt?

CH: Zuhören. In jedem Konflikt entsteht eine neue Sprache. Solidarität ist für mich der Ausstieg aus der Haltung einer Fürsorglichkeit, in der ich mich über den anderen stelle oder ganz in einer Funktion bleibe. In Konflikten kann ich eigene Vorurteile sehen und überwinden. Die Hungerstreikforderungen der politischen Gefangenen im Frühjahr 1989 wurden für mich dann verständlich: Kranke Gefangene zu entlassen oder eine gesellschaftliche Diskussion mit allen zu beginnen, damit Licht in den dunklen Teil unserer Geschichte der 70er Jahren fallen kann. Die Verantwortlichen konnten nicht darauf eingehen. Aber ich bin dankbar für die Begegnungen mit den Gefangenen, ihren Angehörigen und Unterstützern.
Du kennst dieses Erlebnis der Einheit doch auch im Zulassen der Missbrauchsgeschichten jetzt, in der dir Sprache geschenkt wurde.

KM: Ja, das stimmt. Vor allem habe ich besser begriffen, was eine Schweigespirale ist und dass sie einen systemischen Aspekt hat. "System" war ja eines der Lieblingsworte der 68er. Eine Schweigespirale schweigt Menschen und ihre Erfahrungen tot. Übrigens begann ja bei vielen 68ern die Phase der Radikalisierung mit dem Protest gegen die Gewalt bei der Heimkindererziehung. Auch das finde ich einen interessanten Zusammenhang zwischen dem Thema Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und 68er-Bewegung. Und noch eines wird mir heute deutlich: Die Versuchung zur Gewalt bleibt. Diesen Slogan "macht kaputt, was Euch kaputt macht" verstehe ich heute zwar besser als früher, doch es muss eine Alternative zur Gewalt gegen die Gewalt geben. Gab es bei Dir Punkte, wo Du versucht warst, Gewalt zu legitimieren oder selbst dreinzuschlagen?

CH: Ich komme aus einer Familie, in der gern und lange um angemessene Reaktionen gerungen wird. Gewaltlösungen waren geächtet. Diese eingeübte Blockade spüre ich zum Glück weiter in mir. Aber ich bin oft perplex über die Verlogenheit von Menschen, die vernichtende Gewalt anwenden, z.B. Familien Lebensgrundlagen entziehen und gleichzeitig brutal gegen Reaktionen darauf vorgehen. Merken sie den Zusammenhang nicht? Diese Verlogenheit macht mir Gewaltreaktionen verständlich, auch wenn ich sie für mich ablehne. Ich kann mich nicht so leicht davon distanzieren ohne praktisch die Gegenseite zu unterstützen, was ich nicht will.

KM: Den Zusammenhang kenne ich von den Missbrauchsopfern: Sie sind Opfer von Gewalt und werden auch noch totgeschwiegen, wenn sie sich gegen diese Gewalt wehren. Das Sprechen, Anklagen und Schreien der Opfer wird als Gewalt erlebt und überschreitet tatsächlich auch manchmal Grenzen.
Hat sich eigentlich durch den Fall der Mauer 1989 etwas an Deinem Blick auf die Zeit vorher geändert? Für mich hat sich etwas ganz Wesentliches verändert, weil der Ost-West-Konflikt mein Denken nicht mehr so stark beherrscht. Der machte es mir ja damals so schwer, den 68ern zuzuhören.

CH: Auch für mich hat sich viel geändert durch die neue Erfahrung, ohne eine staatliche Mauer vor der Tür zu leben. Darüber musste sich wieder einmal meine Sprache ändern. Dieser Verlust hatte etwas Schmerzhaftes mitten in der Freude neuer Begegnungen mit ehemaligen Bürgern der DDR. In diesem Sprachloch tummeln sich viele Verführer, die das Volk immer mehr in Reiche und Arme spalten, sogar unter einem christlichen Deckmantel. Solidarische Beziehungen werden unterlaufen. Ich hoffe auf ein neues Ringen, die Wirklichkeit solidarisch anzusprechen.

 

Geht dahin, wo es euch berührt
Gespräch mit Christian Herwartz

Die Eckkneipen Berlins, auch eine vom Aussterben bedrohte Spezies, haben oft Namen, die nicht drumrumreden, nichts beschönigen, sondern sofort deutlich werden lassen, um was es geht. "Trinkteufel", heißt die im Haus der Wohngemeinschaft Naunynstraße, in der Christian Herwartz seit mehr als 32 Jahren lebt, in jenem Teil Kreuzbergs, der auch als "Klein Istanbul" über die Grenzen Berlins hinaus bekannt ist. Es ist eine Jesuiten-Kommunität - in den Orden ist Christian 1969 eingetreten -, die sich daran orientiert, inmitten der Armen und Entrechteten zu leben, zu arbeiten und Solidarität zu üben. Er ist Arbeiterpriester, aufgebrochen, wie er sagt, "mein Leben mit Menschen zu teilen, mitten im Volk zu leben, mitten in allen Ausgrenzungen". Mittlerweile ist er 67 Jahre alt, ein großer, kräftiger Mann mit grauen Haaren, grauem Bart und einem klaren, durchdringenden Blick. Anfangs verunsichert mich dieser Blick, da ich ihn als prüfend interpretiere, im Laufe unseres Gesprächs habe ich immer mehr das Gefühl, in diesem Blick ruhen zu können, aufgehoben, gehalten zu sein.

Als ich die Wohnung betrete, ist es zunächst wie eine Reise in die Vergangenheit für mich. Vor 30 Jahren habe ich in Kreuzberg in einer Wohngemeinschaft gelebt in einer Wohnung mit ganz ähnlichem Schnitt, ähnlichem Komfort und ähnlich einfachem, zusammengewürfeltem Mobiliar. Zwei Männer sitzen am Küchentisch und schneiden Zwiebeln, einer telefoniert im Wohnzimmer, ein weiterer zieht sich den Mantel an und geht. Mit Christian und mir sind wir hier in diesem Moment Menschen aus fünf verschiedenen Nationen. "Stadt bedeutet für mich Internationalität, es sind keine überschaubaren Räume mehr. Ich habe in meinem Schlafzimmer schon mit Leuten aus über 60 Nationen übernachtet. Das ist für mich das, was Stadt bedeutet. Wir versuchen hier in dieser Gemeinschaft offen zu leben, sind aber keine Institution, die Offenheit ist nicht wie die Offenheit eines Rathauses, eines öffentlichen Raums. Wir sind eine Privatwohnung, und es stellt sich für uns immer wieder neu die Frage, wie können wir in dem Rahmen einer Privatwohnung gastfreundlich sein?"

Ich bin gekommen, um mit Christian über die Straßenexerzitien zu sprechen, die er seit zehn Jahren regelmäßig durchführt, und wir setzen uns dazu ins Wohnzimmer und trinken Kaffee. Exerzitien auf der Straße verbinden zwei spirituelle Stränge: in die Stille gehen, sich hinsetzen, und pilgern, unterwegs sein. "Mitten in der Stadt hörend werden" - lese ich auf seiner Hompepage. Oder sehend, denn es geht um ein Wahrnehmen mit allen Sinnen, wie Christian später sagt. "Wenn die Leute durch die Straßen gehen und auf einmal anhalten und sagen, in den Hinterhof sollte ich jetzt, dann ist es wichtig, diese Stimme in sich wahrzunehmen und dann auch zu gehen. Vielleicht ist es auch ein Kind oder eine Blume, was den nächsten Schritt auslöst, oder ein Graffiti oder eine Werbung." Die Straße ist Begegnungs- und Ausgrenzungsort in einem, in der Begegnung mit anderen, mit ungewohnten Situationen begegnen wir immer auch uns selbst in unseren eigenen Begrenzungen und Ausgrenzungen. Und hier auf der Straße können wir, wie ich an anderer Stelle lese " diese überschreiten, Heilung finden und neue Perspektiven für unser Leben sehen".

Ab und zu kommen Menschen ins Zimmer herein, grüßen freundlich und verschwinden hinter Türen, die in weitere Räume führen. Ein großer Kachelofen steht in der Ecke. So haben wir damals auch geheizt; anfangs fand ich es sehr romantisch und so alternativ, aber oft war es mir dann viel zu mühselig, morgens vor der Arbeit noch den Ofen anzuheizen, und so war ich im Winter oft dauererkältet und verbrachte viel Zeit im Bett. Nach zehn Jahren zogen wir in eine Wohnung mit Zentralheizung, und ich war heilfroh. Mehr und mehr verschwanden im Laufe der Jahre die kleinen Kohlehandlungen aus dem Stadtbild, ebenso wie die kohlegeschwärzten Männer, die auf ihren Kiepen die Briketts in die Wohnungen hoch trugen. Hier in der Naunynstraße sind die Kachelöfen keine nostalgischen Überbleibsel längst vergangener Zeiten, sondern werden gebraucht und genutzt, und sie geben diese wunderbare Art von Wärme ab, die nur von solchen Öfen ausgehen kann.

"Die Straßenexerzitien sind mir geschenkt worden. Ein junger Jesuit fragte an, ob er seine jährlichen Exerzitien bei uns in der Wohnung machen könne. Ich wollte das zuerst nicht, mochte aber auch unsere Gastfreundschaft nicht in Frage stellen. Und so stimmte ich zu. Wir vereinbarten dann ein Gespräch pro Abend nach meiner Arbeit in der Fabrik und ich schlug ihm jeden Tag einen Bibeltext zur Meditation vor. Er hat die Stadt durchstreift, fand in Baulücken ruhige Meditationsorte, sah die Bauarbeiten am Potsdamer Platz, protzige Gebäude, heruntergekommene Häuser. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass er einen Weg entlang der Markierung, da, wo früher die Berliner Mauer war, wählte, ein schmaler, gepflasteter Streifen, und er ist dann mit einem Bein im Osten, mit dem anderen im Westen gegangen und hat so über die Zerrissenheit der Welt und seine eigene Zerrissenheit meditiert. Er hat in den Brachen der Stadt, den alten Verwundungen vom Krieg, seine eigenen Verwundungen erkannt. So hat er sich Stück für Stück mit der Stadt vertraut gemacht und darin sich selbst gesehen. Aber mit der Frage, die ihn hergeführt hat, ist er nicht weitergekommen, der Frage, wohin sein Weg im nächsten Jahr gehen werde, ob er in einem Aidshospiz mitarbeiten solle. Eines Abends fuhr er dann mit der U-Bahn, und auf der Treppe kam er an einem Bettler vorbei, es war nur eine ganz flüchtige Begegnung, aber danach wusste er, was er tun sollte.

Und ich konnte nun nicht mehr sagen, das geht hier nicht mit den Exerzitien, sondern verstand, dass ich an einem sehr privilegierten Ort dafür lebe. Und dann sind andere gekommen und die haben es so ähnlich gemacht. Und dann kam jemand, der wollte mit einer Gruppe Exerzitien machen; ich habe das zwar organisiert, aber im Grunde immer noch nichts verstanden. Den ersten Kurs haben wir dann 2000 mit vier Begleitern gemacht, zwei Gruppen mit jeweils einem Mann und einer Frau als Begleitung. Und in den zehn Jahren ist das dann gewachsen und hat auch verschiedene Formen angenommen. Die Grundform ist aber immer die gleiche geblieben: Der Kurs dauert zehn Tage. Es gibt zwei Untergruppen. Übernachtet wird in Räumen, die uns z. B. kirchliche Gemeinden zur Verfügung stellen, (im Winter werden sie oft als Notunterkünfte genutzt). Drei Impulse während der ganzen Zeit sollen helfen, ins Sehen zu kommen, ins Sehen nach außen, aber auch ins Sehen nach innen. Und dann machen sich die Menschen auf den Weg, wohin auch immer, vielleicht haben sie ein Ziel, vielleicht lassen sie sich treiben. Und abends treffen sich die Gruppen und jeder und jede erzählt von den Erlebnissen des Tages. An diesen Gesprächen teilzunehmen ist die einzige Bedingung, alles andere ist frei. Oft erleben wir, dass wir erst beim Erzählen wirklich etwas verstehen, sonst bleiben wir meist in unseren Vorurteilen stecken. Es ist wichtig, dass wir das Erlebte, und auch unsere Gefühle, vor anderen ausbreiten und wir dann hören, was sie sagen. Sonst kann der Prozess nicht weitergehen."

 

Wo ist mein persönlicher Dornbusch?

Die biblische Geschichte vom brennenden Dornbusch erhielt für mich erstmals eine tiefere Bedeutung, als sie der Benediktiner Bruder David Steindl-Rast 2008 in der tunesischen Wüste erzählte. "Zieh deine Schuhe aus, hier ist heiliger Boden", sprach Gott zu Moses, als der sich dem brennenden Dornbusch näherte. "Das bedeutet: Alles, wirklich alles ist heiliger Boden", sagte Bruder David, und er selbst ging auf eine Weise durch den Wüstensand, dass ich spürte, es sind dies nicht nur Worte, nicht nur Interpretation einer alten Geschichte, nein, für ihn ist das alles hier heiliger Boden.

Wiederbegegnet bin ich dieser Geschichte bei Christian Herwartz, und zwar in weiteren Facetten, sie zu verstehen und zu leben. Bei den Straßenexerzitien ist sie ein zentraler Impuls, führt sie doch unmittelbar zu zwei Fragen, die nicht nur für die Exerzitien, sondern für das Leben selbst ungemein wichtig sind: Wo ist mein persönlicher Dornbusch und was sind die Schuhe, die ich ausziehen muss? Er erzählt diese Geschichte oft, wie er überhaupt gerne Geschichten erzählt, wie er sagt. Und so erzählt er sie auch an diesem Nachmittag: "Moses ging eines Tages mit seiner Herde über die Steppe hinaus. Ich glaube, das ist ein gutes Bild für die Straßenexerzitien, nicht im Gewohnten zu bleiben, sondern darüber hinauszugehen. Von außen sieht das vielleicht unprofessionell aus, eine Herde durch die Wüste zu treiben, ohne Wasser und ohne Futter, das ist nicht sehr professionell. Es geht darum, die Angst zu verlieren, nicht immer nur Abgesichertes zu tun und eine Offenheit zu entwickeln, und in dieser Offenheit sieht man dann Neues. Und Moses hat einen Dornbusch gesehen, der brannte. Er hat hingeguckt und gesehen, der verbrennt ja gar nicht. Ein anderer, der schon länger in der Wüste lebte, hätte vielleicht gesagt, ach, da ist ja schon wieder so ein Dornbusch, der sich selbst entzündet hat. Aber dadurch, dass es für Moses neu war, hat er ganz anders hingesehen und ist neugierig geworden. Das Feuer in dem Dornbusch, das brennt und nicht verbrennt, ist ja ein Symbol der Liebe, denn die Liebe ist ja das Einzige im Leben, was brennt, aber nicht verbrennt. Er geht also darauf zu. Und er merkt dann, hier muss ich stehen bleiben. In der Bibel heißt es, dass er auf heiligem Boden steht. Und heiliger Boden ist ja nur ein anderes Wort für ‚hier ist was, was du hören sollst, was du wahrnehmen sollst'. Und als Erstes hat er die Schuhe ausgezogen. Er hat also mit diesem Boden, mit der Realität, Kontakt aufgenommen. Und das ist entscheidend, diesen Kontakt zu suchen. Im Fuß ist ja der ganze Körper abgebildet; es geht also darum, sich mit der ganzen Existenz in diese Realität zu stellen, das ist der erste Schritt in dieser Geschichte. Und dann hört er etwas, was er schon längst weiß. In den Exerzitien geht es zunächst gar nicht darum, etwas völlig Neues zu verstehen, sondern das, was verdrängt wurde, zu sehen. Und das, was er hört, ist, dass sein Volk in Sklaverei ist. Das wusste er mit Sicherheit, das wird nichts Neues für ihn gewesen sein, vielleicht hatte er es aber auch verdrängt. Er steht nun vor der Wirklichkeit, dass er heimatlos ist, dass er aus einem Volk kommt, was unterdrückt ist. Und gesehen zu werden in der Unterdrückung und nicht davor wegzulaufen, das ist der Schritt, zu dem wir in den Exerzitien eingeladen sind."

Um hörend oder sehend zu werden mitten in der Stadt, müssen wir also unsere Schuhe ausziehen, das, was uns immer wieder von der Wirklichkeit abtrennt, unsere Konzepte, Vorurteile, Bewertungen, die Schuhe, mit denen wir uns immer schnell abwenden oder nur unbeteiligt Zugucken, die Schuhe, des "später mal", des "nicht schon wieder", die Schuhe des "Ja aber", wie Christian sagt. ("Ja klar, ist ja auch ein Mensch, aber …"). Im Durchstreifen der Stadt spüren wir erst, wie viele Schuhe wir tragen, dazu bedarf es gar keiner Exerzitien, sondern nur ein waches Unterwegssein. Aber wir können sie, so wie Moses es tat, ausziehen und schauen, was passiert. Sie schnell wieder anziehen und weglaufen, geht meist immer noch, wenn uns nicht "Auf nackten Sohlen", wie der Titel des Buches von Christian Herwartz über die Straßenexerzitien lautet, dann urplötzlich unser persönlicher Dornbusch begegnet. "Das Leben, ja Gott selbst will mit uns sprechen, an welchem Ort und aus welchem brennenden Dornbusch heraus auch immer. Dann stehen wir auf heiligem Boden, mitten auf den Straßen des Lebens. Straßenexerzitien sind eine Einladung, den heiligen Ort im Angesicht des persönlichen Dornbuschs zu finden. Und für manche Menschen bedeutet das, Gott zu finden."

 

Wo ist hier Gott?

"Sich auf den Weg machen, das muss man letztlich alleine tun. Manchmal gehen auch zwei Menschen zusammen, z. B. ein Ehepaar, aber im Grunde genommen ist es wichtig, dass der Einzelne sich führen lässt, denn keiner weiß, wo der Ort ist, wo es passiert, aber ich habe noch nie erlebt, dass der nicht gefunden wurde. Das kann in der U-Bahn sein, auf der Straße, im Hinterhof. Wir haben eine Liste von Orten, die wir den Leuten geben, aber nicht, damit sie unbedingt dort hingehen, aber damit sie merken, das sind Orte, um die ich sonst immer einen Bogen mache. Das kann eine Psychiatrie sein, ein Kinderspielplatz, ein Gefängnis, und manchmal gehen die Leute auch dorthin, aber oft kommt schon auf dem Weg dorthin der Moment, in dem sie spüren, hier sollte ich anhalten.

Einmal stand ein Mann drei Tage vor einem Asylantenheim und hat gewartet, was da passiert, und da kam dann ein Araber zu ihm und fragte ihn, was er da tue, und er sagte, ich suche Gott, und da sagte der Araber: ‚Da bist du hier richtig.' Ein anderer hat einen Bauarbeiter in einer Baugrube gefragt: ‚Ich suche Gott, wo finde ich den eigentlich' und der hat gesagt: ‚Wenn du nichts auf dem Kerbholz hast, dann geh geradeaus. Geh geradeaus.' Einem weiteren wurde von einem Passanten gesagt: ‚Ich würde da und dahin gehen, um ihn zu finden` Wenn man den Mut hat, das, was man als Sehnsucht in sich trägt, was man als Frage hat, auch zu stellen und nicht in Konventionen steckenzubleiben, dann bewegt sich etwas. Und die, die das tun, bekommen meist auch wunderbare Antworten.

In Exerzitien geschieht Heilung, weil ich mich öffne für andere Orte, andere Erfahrungen, und ich darüber rede, es also nicht in mir vergrabe. Das ist ein Schritt. Spannend ist dann, wie es weitergeht, wie ich im Alltag weitergehe. Aber selbst die Wege, die man kennt, sehen dann anders aus. Wenn man sich in diese Langsamkeit hineinbegibt, kann man die Welt neu sehen."

Ich möchte von Christian wissen, wie sich Elemente aus den Exerzitien im normalen Alltag leben lassen? "Einer hat es mal genannt, mit offenen Augen beten, eine Haltung, sich nicht zu verkriechen, sondern die Offenheit zu Gott oder wie immer man das nennen mag, zu leben. Jemand sagte mir, ich entdecke so viele Zeiten, in denen ich in die Offenheit gehen kann, wenn ich beim Zahnarzt warte, vielleicht sogar auf dem Behandlungsstuhl, in der Bahn, wo auch immer. Man kann viele Zeiten für sich so nutzen."

Und wie kann ich meine Begrenzungen, mit denen ich in der Stadt tagtäglich konfrontiert werde, erweitern?

"Eine Möglichkeit ist, einen Bettler zu fragen, ob man sich neben ihn setzen darf, und die Welt aus dieser Sicht einmal zu betrachten. Und das heißt ja, dass man genauso angeguckt wird. Bei einem Retreat in Hamburg setzte sich der Leiter eines Exerzitienhauses im Bahnhof mit einer Flasche Bier zu einer Gruppe auf eine Treppe. Bei seiner Rückkehr sagte er fassungslos: ‚Ich habe drei Stunden nicht existiert.' Alle hatten über ihn und die anderen hinweggesehen.

Bei all unseren Meditationen geht es ja darum, dass der andere, um den ich vorher einen Bogen gemacht habe, zum Bruder, zur Schwester wird. Das aber kann ich nicht machen, das ist ein Geschenk, der in dem Prozess geschieht und das braucht manchmal Zeit."

Was kann uns im Alltag unterstützen, so meine letzte Frage an Christian, im Mitmenschen Gott oder Christus zu sehen und sich nicht immer vorschnell abzuwenden?

"Bei den letzten Exerzitien war eine Frau dabei, die ist dahin gegangen, wo Frauen, auf den Strich gehen. Und es hat ein Auto angehalten, der Fahrer hat sie angegafft, sie hat abgelehnt, der Fahrer kam dann noch ein zweites Mal vorgefahren. Sie hat wieder abgelehnt. Und sie war ganz aufgewühlt. Abends hat sie dann gemerkt, dass sie durch den Mann zur Schwester der anderen Frauen geworden ist. Das war ein großes Glück für sie. Drei Tage später hat sie erkannt, dass sie in dem Mann Gott gesehen hat, denn durch ihn hat sie erleben dürfen, dass sie Schwester ist, und wer kann das schon. Es hat diesen Mann gebraucht, dass sie das erleben kann. Sie konnte in dem Mann Gott erleben, so ähnlich wie die Frauen das im Garten bei seinem Grab erleben konnten oder die Jünger als der Fremde, das Brot für sie brach. Er ist in diese Rolle des Freiers geschlüpft, um ihr etwas zu zeigen. Und das ist etwas, das man nicht machen kann. Man kann nicht sagen, jetzt möchte ich den Mann, den Freier als meinen Nächsten oder sogar als Gott oder in seiner Würde sehen. Das wäre nur eine Kopfsache. Aber dies konkret zu erleben, das war eine große Sache für sie. Und wenn so etwas einmal passiert ist, dann hält man noch andere Dinge für möglich. Dieses Versteckspiel Gottes, dem auf die Spur kommen und es nicht durch Rationalität runterbrechen, das ist das Entscheidende.

Einer hat bei seinen Exerzitien, die dauerten nur einen Tag, am Schluss mit einem Bier am Bahnhof gesessen und nach einer Weile kam ein junger Mann zu ihm rüber aus einer Gruppe Drogenabhängiger, die nicht weit von ihm saßen, und sagte: ‚Mir hat vor kurzem ein Arzt gesagt, dass ich bald sterben werde an Aids, kannst du immer an mich denken? Nimm diesen Ring, den ich stets trage, damit du an mich denkst.' ‚Du hast doch deine Freunde, die werden schon an dich denken', sagte der andere. Doch der junge Mann erwiderte: ‚Ja, ja, die denken an mich, aber nach drei Tagen haben die was anderes, die können das nicht.' Und da gab er sich einen Ruck und nahm den Ring an. Er trägt ihn heute nach elf Jahren immer noch. Und er sagt: ‚Ich teile mein Leben in vor und nach diesen fünf Minuten.'
Und so etwas erlebt jeder vielleicht. Aber in der Regel schieben wir es wieder von uns. Ich kann das nicht machen, nicht planen, aber ich kann entdecken, wenn es passiert."

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In ein "survival kit für die Stadt" gehört für mich ...
nach meinen Vorurteilen suchen.
Vorurteile können wir nicht verhindern, aber wir können merken, jetzt bin ich in meinem Vorurteil gefangen. Dann können wir fragen: Lass ich das Vorurteil fallen in dem Moment oder kann ich es nicht. Wenn ich die Vorurteile fallen lassen kann, dann ins Handeln kommen, nicht beim Gaffen stehen bleiben, bei der reinen Zuguck-Haltung, in der wir so oft verharren.
Christian Herwartz

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Am Ende meines Besuchs schenkt mir Christian ein Buch, es heißt Geschwister erleben und ist eine Sammlung von Beiträgen der Gemeinschaft Naunynstraße. Ich finde darin eine kleine Geschichte von Petra Maria Tollkötter über ihre Gottsuche, und sie gefällt mir so gut, weil sie so vollkommen unspektakulär, in gewisser Weise so alltäglich ist.
"Einmal saß ich zwei Stunden im Park zwischen zwei mir unbekannten, alkoholisierten Männern, die mich begrüßt hatten mit: ‚Auf dich haben wir gewartet.' Ich hatte an diesem Tag eine denkbar schlechte Stimmung, fühlte mich hohl und leer, ziellos und genervt. Ich hatte nichts zu bieten, ganz sicher nicht in irgendwelchen menschlichen Kontakten. Das Angebot der beiden nahm ich an, hockte mich müde zwischen sie, nuckelte an meiner Wasserflasche wie sie an ihrem Bier. Wir wechselten gelegentlich Ein- bis Dreiwortsätze. Meistens aber schwiegen wir. Sie hatten genauso wenig zu bieten wie ich und machten keinen Hehl daraus. Da entstand etwas zwischen uns jenseits der Worte, gerade im Ausgelaugtsein, in der Erschöpfung, im müden Schweigen. Als ich nach zwei Stunden weiterging, war ich auf eigenartige Weise getröstet und belebt. Da habe ich eine lebendig machende, sich Jahr für Jahr vertiefende Gottesspur entdeckt: Ich darf sein - ohne (Vor-)Leistung, ohne intellektuelle Schminke, ohne emotionale Kontur, ohne Anspruch, ohne Wollen. Und dieses Da-Sein einfach zuzulassen - dazu haben mich die beiden ganz elementar angesteckt und mir etwas von Gottes großem Ja zu mir vermittelt." {1}

Als ich mich verabschiede, wird in der Küche weiter gekocht, aber das Essen scheint bald fertig zu sein, denn die Teller stehen schon auf dem Tisch. Draußen ist die Straße voller Menschen, ein buntes Gemisch unterschiedlicher Nationalitäten. Während meines Gesprächs mit Christian habe ich anfangs immer wieder Gedanken an meine Brieftasche beiseite schieben müssen, die ich am Vortag mit relativ viel Geld und allen nur erdenklichen Karten im Bus habe liegen lassen. Bisher war sie nicht bei den Verkehrsbetrieben abgegeben worden, und ich rechnete auch kaum noch damit, dass dies noch passieren würde. Aber hier in der Naunynstraße erschienen mir meine Sorgen um Geld und Karten so banal und "kleinkariert" und ich spürte ein Gefühl von Scham, dass ich anfangs noch mit einem Teil meiner Aufmerksamkeit damit befasst war, darüber nachzusinnen, wie viel Geld denn nun wirklich drin gewesen waren. Im Laufe des Gesprächs vergaß ich die Brieftasche, aber als jetzt ich auf der Straße stehe, kommt sie mir sofort wieder in den Sinn. Und gleichzeitig gehe ich ganz anders durch die Adalbertstraße zum Kottbusser Tor, als ich hergekommen bin. Empfinde mich mehr einfach als Teil dieses Gewusels an Menschen, Hunden, Autos, Hupen, Rufen, Rempeln, Roten Ampeln, Polizeisirenen. Als ich in meinem Büro ankomme, liegt ein dicker Briefumschlag auf dem Schreibtisch. Er enthält meine Brieftasche. Das Geld ist weg, aber alle Karten sind noch da, sogar die Monatskarte. Auf dem Briefumschlag ist eine Marke der Post, d. h., die Person, so wird mir schnell klar, hat sich die Mühe gemacht, zur Post zu gehen, vermutlich hat sie in der Schlange stehen müssen, so kurz vor Weihnachten, um mir meine Brieftasche zurückzuschicken. Sie hätte sie ja auch einfach wegwerfen können. Vielleicht war sie mir dankbar für das Geld, das sie jetzt hat, und ich bin ihr jetzt dankbar für ihre Freundlichkeit. Ein neues Band ist geknüpft in dieser Millionenstadt zwischen sich vollkommen unbekannten Personen, die sich jede auf ihre Art und nicht unbedingt freiwillig, etwas Gutes getan haben.

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{1} Petra Maria Tollkötter, Christian Herwartz, Renate Trobitzsch (Hg.) Geschwister erleben, Berlin 2010, S. 58

In: Ursula Richard, "Stille in der Stadt" Kösel-Verlag,
München 2011, S. 107-118