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Kurzfassung

5. November 1943 - Paul Chastonay SJ
† Bern

Ein tiefer Einschnitt teilt das Ordensleben P. de Chastonays in zwei fast gleiche Hälften, die sich nicht leichthin als ein Ganzes überschauen und verstehen lassen: seine Berufung als Studentenseelsorger nach Zürich. Für jene, die ihn fast nur in der ersten Zeit gekannt haben, war er der hochspirituelle Novizenmeister und Obere, für die andern zunächst der weltoffene, bis zu einem gewissen Grade weltfreudige Gebildetenseelsorger und Heimatschriftsteller.

Schon um der Lösung dieses scheinbaren Gegensatzes von Weltflucht und Weltbejahung willen, beginnen diese Zeilen nicht, wie man es im Nachruf eines Jesuiten vielleicht erwarten würde, mit seinem Eintritt ins Noviziat (am 10. Oktober 1894 zu Blijenbeek im holländischen Limburg), obwohl er dort in seinem berühmten Landsmann, dem Novizenmeister P. Moritz Meschler, ein Stück Heimat vorfand, sondern mit einem Blick in diese seine Heimat, wo er am 13. September 1870 geboren wurde.

Die de Chastonays sind ein altes starkes Geschlecht. Erst ritterbürtige Ministerialen der Grafen von Savoyen im Waadtland, nachgewiesen seit 1250, faßte der noch jetzt blühende Stamm der Familie, seines Glaubens willen aus dem protestantisch gewordenen Waadtland um 1550 ausgewandert, festen Fuß im welschen Teil des Wallis, im alten Städtchen Siders. Seither gehörten sie mit andern sogenannten Häuptergeschlechtern zu den im Staat und Heer führenden Familien im "Centre" und im "Bas-Valais". Dieses Führen ist ihnen im Blut geblieben: der Vater P. de Chastonays, Viktor, war als Nationalrat demokratischer Volksvertreter des "Standes" Wallis in der Bundesstadt Bern, sein Onkel Jean-Maria als Ständerat ebenda Vertreter seines souveränen Heimatkantons, sein jüngerer und einziger Bruder Joseph als Staatsrat in Sitten Finanzminister der selbstbewußten Talschaft und "Republik".

So konnte es nicht ausbleiben, daß der junge Paul sehr bald auch selber am Geschick und an der Geschichte seiner eigenen Heimat regen Anteil nahm und am Familientisch bei den vielen staatsmännischen Gesprächen rascher reifte und 'sensim sine sensu' auch politisch denken und urteilen lernte. Georg Baumberger, von dem noch die Rede sein wird, schilderte einmal in einem seiner Reiseberichte ein solches rede- und weinfreudiges Treffen im Hause der Chastonay. Auch Paul hatte es das Jurastudium angetan. Den klaren Kopf, die geistige Beweglichkeit, den treffenenden Mutterwitz und eine besonders bei Tischreden oft sprühende Beredsamkeit brachte er von Haus aus mit. Über zwei kurze Semester in dem Ansatz zu einer Juristischen Fakultät, den sich Sitten damals noch leistete, ist es aber nicht gekommen.

P. de Chastonay hat es nie verraten, was seine Wendung zur Theologie veranlaßt hat. War es seine Studienzeit in Feldkirch, in Maria Einsiedeln oder seine fromme Mutter? Madame Gabrielle de Chastonay war eine geborene de Courten, ebenfalls aus einem alten Geschlecht von Siders, das vor 1300 aus Italien ins Wallis eingewandert war (déCourti), aber in "fremden Diensten" im Hl. Römischen Reich auch die deutsche Reichsgrafenwürde in einer Linie erworben hatte. Es darf wohl angenommen werden, daß P. de Chastonay seine kernhafte, unbeirrbare, urkatholische Frömmigkeit grundlegend der mütterlichen Erziehung zu verdanken hat.

Schulmänner werden stutzig, wenn sie von einem Schüler hören, der viele Anstalten gewechselt hat. Bevor Paul de Chastonay von der Jurisprudenz zur Theologie hinübersattelte, hatte er allerdings manche Anstalten besucht. Er soll selber etwas besorgt gewesen sein, ob man ihn trotz der vielen Jugendstreiche in die Gesellschaft aufnehmen werde.

Seine ersten Studien machte er im nahen Sitten, in Fribourg und Einsiedeln, wo er nach der alten Studienordnung mit der "Physik" sein Gymnasium abschloß. Aber vor diesem letzten Jahr war er mit andern Laien zusammen ein volles Jahr (1888/89) im alten Philosophat auf dem Feldkircher Reichenfeld den philosophischen Vorlesungen der PP. Prümm, Marty und Th. Schmid gefolgt. Uns heutigen gehetzten Menschen ist dieser scheinbare Zeitverlust kaum faßlich, aber in der damals so friedvollen und geruhsamen Zeit war eine derartige gediegene Vorbereitung auf die Hochschule, trotz des Verlustes zweier Semester für das Berufsstudium, auch für Laien, noch immer möglich.

In der Feldkircher Zeit mag auch sein Beruf zur Gesellschaft gereift sein. Er blieb bei diesem Entschluß fest, obwohl ihn sein älterer Vetter, der Benediktinerpater Sigismund de Courten nach allen Regeln der Kunst für Einsiedeln zu "keilen" suchte. Umso erstaunter muß er gewesen sein, als ihm P. de Courten nach all den vergeblichen Versuchen erklärte: "Nun ja, wenn ich nochmals zu wählen hätte, würde ich auch bei den Jesuiten eintreten." Für Paul de Chastonay bedeutete der Entschluß, in die damals noch ungeteilte Deutsche Provinz einzutreten, nicht in eine Provinz des französischen Sprachgebietes, ein heroisches Opfer, würdig seiner Seelengröße, indem er auf die Wirksamkeit in seiner Muttersprache verzichtete. Er folgte damit dem leuchtenden Vorbild seines Landmannes P. Peter Roh, dessen Leben er später mit so viel Pietät geschrieben hat. Dieses Opfer wurde auch dadurch belohnt, daß er mit der Zeit in beiden Sprachen vorzüglich predigte und schrieb. Nur wenn er müde war, mißlang ihm gelegentlich eine Endsilbe.

Novizenmeister war also P. Moritz Meschler. Damit ist, wenigstens für uns Ältere, die wir noch viele Meschlerbücher gelesen haben, auch die Spiritualität eindeutig festgestellt, in der Carissimus de Chastonay von diesem berühmten Geisteslehrer gebildet wurde. Wir brauchen uns also nicht erst bei P. Gallati im fernen Indien, seinem noch einzig lebenden Mitnovizen desselben Jahrganges, zu erkundigen.

Auf das Noviziat folgte, damals noch unentbehrlich, auch für ehemalige Universitätsstudenten, das Juniorat in Wijnandsrade. Für Carissimus de Chastonay wurde insofern eine Ausnahme gestattet, daß er das zweite Jahr des Noviziates mit dem Juniorat zusammenlegen durfte. Er muß also ein gutes erstes Jahr gemacht haben. Seine Lehrer waren die PP. Gietmann, Racke und Helten, das bekannte Dreigestirn, das so viele Jahre hindurch das Licht klassischer Bildung auf der holländischen Heide hat leuchten lassen. Spiritual des Hauses war der wegen seiner Tugend hochverehrte P. Eberschweiler.

Die sicher gediegenen philosophischen Studien de Chastonays in Sitten und Feldkirch sowie die beiden Jussemester vermochten damals nicht von den vorgeschriebenen drei Jahren Philosophie zu dispensieren, von denen er die beiden ersten in Blijenbeek (1893/95), das dritte (1895/96) im neu erbauten Valkenburger Kolleg verbrachte. Dieses letzte Jahr führte Frater de Chastonay auch mit Paul Mathies zusammen, seinem späteren unmittelbaren Vorgänger in Zürich, von dem hernach noch einiges zu sagen ist.

Zwischen Philosophie und Theologie lag auch für Frater de Chastonay das damals fast obligatorische "Interstiz". Im Herbst 1896 begann er seine vierjährige Präfektur in Feldkirch bei den Großen des Ersten Pensionates. Es war die äußere Blütezeit der Stella matutina. Generalpräfekt war der weltoffene, großzügige P. Karl Schäffer, der nachmalige Rektor und Provinzial. Die Erste Division führte der kluge, erfolgreiche Pädagoge P. Anton David. Unter den Professoren befanden sich hervorragende Köpfe, weil die Deutsche Provinz infolge ihrer Verbannung aus der Heimat ihre wissenschaftlich fähigsten Leute zum großen Teil nach Feldkirch schickte: ich nenne hier nur die Altphilologen Thüssing und Ludewig sowie den geistreichen Historiker Robert von Nostiz-Rieneck. Dazu der äußere Rahmen: die Zeit der "Großen Monarchie", noch alles scheinbar in Glanz und Gloria. Feldkirch war damals so etwas wie ein Eatoncollege für die Söhne deutscher und österreichischer Familien. Auch viele Ausländer waren unter den Zöglingen, besonders Franzosen, Polen, Süd- und Nordamerikaner und Engländer. Wir Zöglinge waren überrascht, als der Frater de Chastonay (Stony nannten wir ihn) schon nach einem Jahr Präfektur die Erste Division in die Hand nahm, die Jahre hindurch von einem Priester wie P. David geleitet worden war. Aber "Pater" de Chastonay wußte sich durchzusetzen und hat uns durch sein überlegenes Wesen imponiert; er war auch sehr beliebt und an den "Goutés" wurden seine Witzblätter von schallendem Gelächter begleitet.

Für die Zeit der Theologie lasse ich das Wort gern zweien seiner Feldkircher Mitpräfekten, den PP. Umberg und Arens.

P. Umberg, der Chastonay schon in Einsiedeln kennenlernte, schickte unter anderem die folgenden Zeilen: "Sein Ansehen im Scholastikat war seines Charakters willen unbestritten; als Theologe stand er in der vordersten Reihe. Aber es war doch schwer, einen Einblick in sein Inneres zu gewinnen, obschon wir unserer Fünf, darunter Zimmermann Otto, v. Dalwick, Wiget und Arens, sehr viel beieinander waren, als Präfekten von der Stella her. Wenn ich mich nach seinem Temperament frage, muß ich sagen, daß er ein gutes Stück Melancholiker war; schon deswegen, weil er sehr witzig sein konnte; aber auch deswegen, weil er vor der Verantwortung als Oberer zurückschreckte und darum dergleichen Ämter sobald als nur möglich wieder abgab. Er war auch Choleriker; nicht als hätte er diese seine Anlage zu Zornausbrüchen gehen lassen, aber er hatte einen starken Willen, der ihm half, das Ziel eines Ordensmannes unentwegt zu erstreben. Im Laufe der Zeit merkte man an ihm eine Schwächung der Nerven, wie sein bekanntes Augenzwinkern und seine Handschrift hinreichend bezeugen."

Und P. Ahrens: "P. Paul de Chastonay war während der Theologiezeit von den Obern und Professoren auf ungewöhnliche Weise geschätzt. Wegen der Reife seines Charakters, des religiösen und wissenschaftlichen Strebens trat er unwillkürlich aus den Reihen der übrigen Theologen heraus. Er drängte sich in keiner Weise auf, aber schon beim ersten Gespräch merkte man, daß man hier einen ganzen Mann, einen ganzen Religiosen vor sich hatte, und so kam es, daß die Patres ihn mehr als ihresgleichen denn als Scholastiker behandelten.

Bei den Theologen stand er ebenfalls in hoher Achtung; aber in diese Achtung mischte sich manchmal eine gewisse Scheu. Der Grundzug seines Wesens war tiefer Ernst, und dieser legte sich mitunter auf sein Äußeres. Regen Anteil nahm er an den Erholungen, war aber kein Freund von allzu lautem Wesen; seinem Geist konnte man absehen, daß er innerlich ablehnend wurde, und hie und da folgte auch ein festes Wort, gegen das niemand Einspruch erhob. Auch war er ein Feind jeder Kritik, sobald sie sich gegen Obere wandte. Von manchen Theologen war er der Vertrauensmann; dabei war er diskret und verschwiegen. Im Studium besaß er eine wohltuende Weite des Geistes; bei aller Vorliebe für das Studium der Theologie nahm er sich Zeit für andere Fächer.

Für die alten Feldkircher war er in Valkenburg eigentlich der Mittelpunkt. Jede Woche ungefähr, wenn freie Erholung war, kamen diese einmal zusammen. Es waren stets heitere Erholungen, die uns überaus angenehm waren, aber auch hier mußte alles in gemessenem Rahmen bleiben."

Am 28. August 1904 wurde P. de Chastonay von Bischof Drehmanns von Roermond zum Priester geweiht. Sein drittes Probejahr machte er unter P. Pütz. Hernach wurde er für ein Jahr Socius des Novizenmeisters P. Thill in Exaten und übernahm selbst 1907 das Amt des Novizenmeisters auf sechs Jahre in Tisis und die ersten Jahre auch das des Obern. Einer seiner Novizen war Alois Grimm, der unter Hitler für seinen Glauben sterben sollte. Ein anderer, P. Robert Leiber, gibt folgende Charakteristik von jener Zeit:

"Ich gehörte zu den Novizen in Tisis, die nach vier Monaten Noviziat von P. Johann Baptist Müller als Novizenmeister zu P. de Chastonay hinüber wechselten. Wodurch der zweite Novizenmeister immer in gleichem Maß Eindruck auf uns machte, war die Verbindung feiner Kultur mit ganz ernstem religiösen Wesen sowie die volle Hingabe und der rührende Eifer, womit er seinem Amte oblag, im allgemeinen und für jeden einzelnen. Nach meinem Empfinden hat er an Einzelbetreuung eher zu viel als zu wenig getan. Mir jedenfalls lag mehr die zurückhaltende Haltung von P. Müller.

Sehr viel geboten hat P. de Chastonay in den Punkten. Auffassung und Anwendung des Stoffes waren immer anziehend und natürlich, nie gesucht und gezwungen. Für mich die wertvollste Viertelstunde des Tagewerks. Das eben Bemerkte gilt im höchsten Maß von den großen Exerzitien, die wir dann als Zweitjährige unter P. de Chastonay bis in die dritte Woche hinein mitmachten. Dabei hat er streng alles weggelassen, was dem eigentlichen Zweck einer Betrachtung oder den folgerichtigen Aufbau des Ganzen hätte stören können. Reich an Inhalt waren auch die Instruktionen, alles philosophisch und theologisch gründlich unterbaut. An geistlicher Unterweisung hat der Novizenmeister uns eher zuviel als zu wenig geboten.

Ich könnte mir denken, daß für einen reifen Menschen mit etwas Selbständigkeit P. de Chastonay ein recht idealer Novizenmeister sein mochte. Für uns andere - und ich muß mich ganz zu ihnen rechnen - hat er die Zügel wohl etwas zu straff angezogen. Ich denke, unter dem Druck der Verantwortung, unter der er ja auch später nicht wenig gelitten hat. Er gehörte auch zu jenen, bei denen man nie recht weiß, ob man bei ihnen "der Liebe oder des Hasses" würdig ist. Er konnte sehr ungut sein. Er gab sich wohl so, um den jungen Menschen zu prüfen. Aber er ging etwas weit darin. Seine Lapidationen waren gefürchtet, und zwar wegen des Punktes, den er am Schluß auf das I setzte. Auch das Bild, das er in den Instruktionen vom "Scholastiker" zeichnete, war zu negativ. Ich habe nachher in Valkenburg den "Scholastiker" viel besser gefunden, als er uns im Noviziat gezeichnet wurde. Nun war alles Harte wieder überdeckt von unendlichviel gewollter Liebe und Sorge. Ich habe mir auch das hier gefällte Urteil so erst in späteren Jahren gebildet. Aber wahr bleibt, daß etwas mehr ungesuchte, einfach-selbstverständliche Güte uns wohlgetan hätte."

Schon in Tisis begann die Gesundheit P. de Chastonays bedenklich abzunehmen. Seine vielleicht deshalb 1912 erfolgte Versetzung nach München als Oberer der kleinen, damals noch mit "Statio V" bezeichneten Residenz, führte ihn zum erstenmal in das großstädtische Apostolat, das durch seine spätere Berufung nach Zürich den bedeutendsten Abschnitt seines Lebens ausmachen sollte. In München traf er mit P. Lippert zusammen, dem er zeitlebens in Freundschaft verbunden blieb und dessen Schwermut er durch schalkhafte Neckereien zum mildern suchte. "Gott dank, daß er nicht ganz gesund ist", sagte mir später einmal P. Lippert, "sonst käme man überhaupt nicht mehr gegen ihn auf."

Das Superiorat in München war nur von kurzer Dauer. Bald berief ihn das Vertrauen der Obern zum Socius des P. Provinzials, zunächst seines unter dem Namen Abbé Joye populären Landsmanns und dann des P. Ludwig Kösters. Aber schon am 25. November 1915, ein Jahr nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, mußte P. de Chastonay die infolge der Weltlage doppelt schwere Bürde eines Rektors des großen Kollegs von Valkenburg auf seine geschwächten Schulten nehmen. Auch daß er nicht Deutscher war, machte seine Stellung schwieriger. Aber er hielt zwei Jahre als angesehener Oberer durch und besaß das volle Vertrauen der im Felde stehenden Scholastiker, deren zahlreiche Briefe er kaum zu beantworten vermochte. Aber Ende 1917 mußte er "zur Erholung" in die Walliser Heimat verreisen, ohne daß er in Valkenburg förmlichen Abschied nahm. "Ich bin am Ende meiner Kraft", schrieb er mir damals nach Exaeten ins Terziat.

Damit beginnt der zweite und bedeutendere Abschnitt seiner priesterlichen Wirksamkeit, der darum auch eingehender beschrieben werden soll. Es läßt sich das umso leichter machen, weil ich mit ihm zusammen die Züricher Studentenseelsorge begründen sollte.

Schon immer hatte P. Joye, der langjährige Obere der Missio Helvetica, bei seinem Weitblick, auf eine Gelegenheit gewartet, die Wirksamkeit der Gesellschaft auf die Hochschulen der Stadt Zürich auszudehnen, die sich in raschem Aufstieg zur industriellen und handelspolitischen Metropole der Schweiz entwickelte und eine stark wachsende Diasporagemeinde aufwies. In seiner klugen Weise hatte er bereits zwei Pfarreien Unsrige als Vikare zur Verfügung gestellt, um einer etwaigen Meinung vorzubeugen, als wollte man nur den Rahm abschöpfen. Ein Zufall machte ihn auf eine käufliche Liegenschaft aufmerksam, die unmittelbar am Fuße der beiden Züricher Hochschulen, der kantonalen Universität und der Eidgenössischen Technischen Hochschule, gelegen ist. Um nicht zu spät zu kommen, sicherte sich P. Joye telegraphisch die Erlaubnis von Rom und veranlaßte zugleich den der Gesellschaft sehr ergebenen Altfeldkircher Dr. Ludwig Schneller zur Gründung des Augustinusvereins, der das Zürcher Studentenwerk nach außen vertreten und seine finanziellen und baulichen Belange verwalten sollte. Dr. Schneller, der geistvolle Advokat und Katholikenführer, und P. de Chastonay verstanden sich bald sehr gut und blieben zeitlebens in gegenseitiger Hochachtung verbunden.

Der Kauf der Liegenschaft war im Mai 1918 vollzogen worden, aber solange der bisherige Zürcher Studentenseelsorger Prälat Paul von Mathies seine neue Stelle als Pfarrer von Satigny bei Genf nicht angetreten hatte, war an den Arbeitsbeginn in Zürich nicht zu denken. Der Konvertit Paul von Mathies, der Verfasser des bekannten Hamburger Gesellschaftsromans "Moribus paternis", war, wie bereits erwähnt, vor seinem Austritt aus der Gesellschaft, im gleichen Jahrgang der Philosophie mit P. de Chastonay bekannt geworden. Es wurde früher Herbst, bis er uns seinen Wegzug melden konnte.

Bei Beginn unserer Tätigkeit wollte P. de Chastonay nicht nach einem großen Plan apriori vorgehen. Die hauptamtliche Studentenseelsorge war damals noch überall ein kaum erprobtes Neuland, sie mußte sich auch in weitgehendem Maße den Orts- und Landesverhältnissen anpassen. Auch wollte er jeden Anschein vermeiden, als könnten wir finanziell nur so aus dem Vollen schöpfen. Tatsächlich waren wir sehr schlecht bei Kasse. Als ich P. Joye um Geld für Bücher anging, antwortete er mir mit seiner Stentorstimme: "Wozu brauché Sie Bücher? Sie hatté genug Bücher in Valkenburg". Der erste Zuschuß kam denn auch von P. Provinzial Kösters, der an die 20 000 Franken für die werdende Bücherei zur Verfügung stellte. Ein zweiter Grund still anzufangen, war die Lage der Gesellschaft in der Schweiz. Zur Tarnung nannte sich P. de Chastonay "Professor". Auch bei den Unsrigen war er von jetzt an einfach "der Herr Professor".

Trotz des ersten Tastens waren P. de Chastonay gewisse Grundlinien klar. Die Studentenseelsorge sollte nicht an die Person allein gebunden sein. Es sollte den Studenten vielmehr ein Institut zur Verfügung gestellt werden, aber nicht etwa ein Pensionat für einige Schützlinge, sondern zunächst eine Lesehalle, die allgemein, unentgeltlich und ohne Umstände für jedermann, Studenten und Studentinnen, Katholiken und Nichtkatholiken, zugänglich war. Bei Prälat Mathies mußten die Studenten ihre Visitenkarte auf einem silbernen Teller abgeben, bevor sie vom Diener eingelassen wurden.

Dieser Lesesaal, der Vortragssaal, die Bibliothek, die Kapelle sollten ferner den sonst an der Universität gebräuchlichen Einrichtungen entsprechen, um die Minderwertigkeitsgefühle der katholischen Studenten auszuschalten. Dieser Plan ging allerdings nur langsam in Erfüllung, endgültig erst in den dreißiger Jahren durch den großzügigen Neubau P. Richard Gutzwillers.

Von Anfang an war P. de Chastonay auch bemüht, in Predigt, Vortrag und Schriftstellerei (in Zeitung und Zeitschrift) "Niveau zu halten", sowohl der Form wie auch dem Inhalt nach, wie auch die Exerzitienmeister für Jung- und Altakademiker sorgfältig auszuwählen, so P. von Dunin-Borkowski und P. Lippert, um nur Verstorbene zu nennen. Es war überhaupt der Gedanke wegleitend, die katholischen Studenten, die zumeist von den Landkantonen und den kleinen Städten kamen, auch kulturell auf die Stufe der großstädtischen Umwelt emporzuheben. Der eifrige und fromme Zürcher Klerus war vollauf mit dem Aufbau der riesig wachsenden Diasporaseelsorge beschäftigt und hatte nicht die Muße, sich dieser Sonderseelsorge zu widmen.

Prälat von Mathies hatte einen "Cercle dŽEtudes" für die Westschweizer sowie die Marianische Sammelkongregation "Sedes Spientiae" hinterlassen. P. de Chastonay reservierte sich den Cercle und gruppierte auch sogleich die Studentinnen, das Organisatorische im Haus und bei den Studenten überließ er der Initiative seines jüngeren Mitbruders. In den nicht seltenen schlaflosen Nächten las sich nun P. de Chastonay, nach so vielen Jahren deutscher Umwelt, vor allem in die lange Reihe der Etudes-Bände ein, verschmähte aber auch nicht, wie manch anderer Mitbruder, hie und da, zur Anregung, einen Detektivroman.

P. de Chastonay wandte sich aber grundsätzlich an die Gebildeten überhaupt und auch an jene weitere Bildungsschicht, die man in diesen Jahren erstmals durch die sogenannten Volkshochschulkurse zu erfassen suchte. Er hielt auch die erste Radiopredigt in Zürich (nur Prof. Meyenberg war ihm für die gesamte Schweiz zuvorgekommen). Sein Ansehen mehrte sich in diesen Kreisen rasch, dank seiner Erfahrung, seiner Klugheit und einer sich unwillkürlich aufdrängenden geistigen Überlegenheit, die sich, zumal bei der Begrüßung, mit einer Liebenswürdigkeit verband, die man am besten mit dem französischen Worte "Charme" bezeichnen kann. So wurde er bald ein geschätzter Ratgeber, besonders auch in den führenden Kreisen des Schweizerischen Frauenbundes, aber auch von Persönlichkeiten wie etwa Georg Baumberger und nicht zuletzt von Heinrich Federer, mit dem er einen lebhaften Briefwechsel unterhielt und zu dessen Ehre er auch bei der Totenfeier in der Liebfrauenkirche die Abschiedsworte sprach. Im Jahre 1925 regte P. de Chastonay auch die Gründung der Priesterkongregation in Zürich an und hielt die monatlichen Ansprachen auch meistens selber, wie schon seit Jahren in einer Reihe mit anderen Priesterkonferenzen.

Schwieriger als die Wirksamkeit bei den katholischen Gebildeten gestaltete sich das Fußfassen auf dem Gebiete der Hochschule selber. Katholisch-Zürich wuchs eben aus den bescheidenen Verhältnissen einer armen Diasporagemeinde heraus. Dr. Kaspar Melliger, der Einsiedler Studienkamerad von P. de Chastonay, war der erste Katholik, der es wagte, sich in Zürich als Anwalt niederzulassen, und Georg Baumberger focht bis in sein hohes Alter um die Festigung und Verwurzelung der von ihm gegründeten Christlichsozialen Partei. Es handelte sich darum, auch an der Universität gehört und ernst genommen zu werden, kurz um das a pari, um das die Katholiken vieler Länder schon das ganze 19. Jahrhundert hindurch mühsam gerungen hatten. Daß katholische Politiker wie die schweizerischen Bundesräte Motta und Musy oder der österreichische Bundeskanzler Ignaz Seipel oder der Vertreter des Institutes für geistige Zusammenarbeit des Völkerbundes, Gonzague de Reynold, zu Vorträgen an die Hochschule eingeladen wurden, war verhältnismäßig leicht zu erreichen. Viel schwieriger gestaltete sich die Berufung von Katholiken als solchen und erst recht von Priestern. Aber es gelang, um nur die ersten zu nennen, mit Marius Besson, dem ebenso beredten wie liebenswürdigen Historiker auf dem Freiburger Bischofsstuhl, mit dem Dominikaner Gallus Manser, der über Thomas sprach, mit Pierre Batiffol und - für Zürich eine kleine, dramatisch verlaufene Sensation - mit dem Jesuitenpater Erich Przywara.

Der Hochschulwelt gegenüber gibt es zwei in ihrer Art notwendige Typen des priesterlichen Apostolates: den geistigen Führer, der z.B. in Karl Sonnenschein und Romano Guardini überragende Vertreter gefunden hat, und den eigentlichen Seelsorger, der allen zur Verfügung steht und für die Anliegen aller Sinn und Herz hat. Um in die Kreise der Akademiker einzudringen, verfolgte P. de Chastonay, zusammen mit Dr. Ludwig Schneller, vor allem zwei Ziele: die Sammlung der gebildeten Katholiken Zürichs in einen Club, der nach dem legendären Stadtheiligen "Club Felix" genannt wurde und im Akademikerhaus bis heute seine Räume hat, vor allem aber die Erneuerung der kulturellen Zeitschrift der Schweizer Katholiken, der "Schweizer Rundschau", die einem wahren Siechtum verfallen war. Es gelang auch, der Zeitschrift, die vom Verlag Benziger übernommen wurde, neues blühendes Leben einzuflößen, dank vor allem der rührigen und gewandten Tätigkeit des Zürcher Altfeldkirchers Dr. Carl Doka, der gleich anfangs die Redaktion der Zeitschrift übernahm, bis dieselbe, nach Jahren, in die Hände des Basler Schriftstellers Dr. Siegfried Streicher überging. Damals schon war es den Leitern der Schweizer Rundschau klar, daß dieses in der Diaspora erscheinende Organ eine Art Vorzeichen dafür war, daß die geistige Führung auch der katholischen Schweiz mit der Zeit auf die großen Universitäts-, Handels- und Industriezentren übergehen werde.

Einen ähnlichen, zwar nicht so starken Anstoß gab P. de Chastonay durch die grundsätzliche Übernahme des sogenannten "Apologetischen Institutes" des Schweiz. kath. Volksvereins, wenn auch der eigentliche Ausbau des jetzt so blühenden und einflußreichen Institutes jüngeren Kräften der Gesellschaft überlassen blieb.

Auch die Studentenschaft war für geistige Fragen aufgeschlossen. Es war damals die große Mode des Vortragswesens, in der man, nach einem Scherzwort, einen Vortrag über den Himmel dem Himmel selber vorzog. Freilich, die geistige Linie setzte sich bei den Studenten nur sehr langsam, wenn auch unaufhaltsam durch. Es war der sehr fühlbare Übergang von der alten und veralteten Burschenherrlichkeit der liberal-kapitalistischen Ära zum Studenten der heute so ernsten und noterfüllten Kampfzeit, damals am sichtbarsten ausgeprägt im Typus des sogenannten Werkstudenten.

Die Zahl der katholischen Studenten an den beiden Zürcher Hochschulen mehrte sich stetig, so daß die Gesamtzahl die Hörer der katholischen Universität Fribourg um viele Hunderte übertraf. Eine besondere Studentenseelsorge war auch aus diesem Grund eine dringende Aufgabe und keine Konkurrenz zu den anders gelagerten Belangen an der welschen Hochschule.

Aber auch andere Universitäten verlangten einen Studentenseelsorger. P. de Chastonay benützte die Gelegenheit, um in Bern Fuß zu fassen. Er nahm seine Wohnung zunächst an der Sulgeneckstraße in einem Nebengebäude der Dreifaltigkeitskirche und setzte sich an den Tisch des Berner Stadtpfarrers Monsgr. Nünlist, der ihn gastlich und großzügig aufnahm. Erst dem Nachfolger P. de Chastonays, P. Paul Reinert, gelang es, für die Studenten nahe bei der Universität gelegene Räume zu schaffen, und erst seinem zweiten Nachfoger, P. Emil Meier, ein schönes und günstig gelegenes Haus an der Alpeneggstraße zu erwerben.

Aber P. de Chastonay war es vor allem um etwas anderes zu tun. Bern ist die Bundesstadt, der Sammelpunkt der eidgenössischen Bundesbehörden, des National- und Ständerates und der ausländischen Diplomaten, unter denen sich stets viele Katholiken befinden. Seiner gesellschaftlichen Begabung entsprechend hoffte er, in den maßgebenden Kreisen durch den persönlichen Verkehr sozusagen unbemerkt eine für die Auslegung des Jesuitenartikels der Bundesverfassung günstigere Stimmung zu schaffen. Man darf wohl sagen, daß ihm dieses Ziel weitgehend gelungen ist, wenn auch jener ungerechte und hemmende Verfassungsartikel noch nicht zu Fall gebracht worden ist.

In Bern residiert auch der päpstliche Nuntius. Monsgr. Maglione, der spätere Kardinalstaatssekretär, dankte bei seiner Versetzung nach Paris P. de Chastonay eigens für die geleisteten Dienste. Es wird sich dabei hauptsächlich um Aufschluß und Rat gehandelt haben.

Auch die Stellung P. de Chastonays innerhalb der Missio Helvetica und im Orden überhaupt erhielt in Bern ihre Festigung und ihren Höhepunkt. Nachdem er bereits 1923 mit P. von Nostitz-Rieneck als Elector der Süddeutschen Provinz P. Provinzial Bea nach Rom begleitet hatte, berief ihn P. General Ledochowski 1938 eigens zur 23. Generalkongregation des Ordens nach Rom, weil er seinen klugen Rat nicht missen wollte. Dem gleichen Umstand ist auch die lange Obernzeit zuzuschreiben. Vom 29. März 1921 bis zum 1. September 1936, also mehr als 15 Jahre, blieb P. de Chastonay Oberer der Missio Helvetica und suchte erstmals große und klare Linien in die werdende Provinz hineinzutragen.

Seine geistige Überlegenheit und seine Stellung als Oberer führten, auch als er nicht mehr Oberer war, gelegentlich zu einer kleinen Spannung. Ein köstlicher Ausdruck davon ist die folgende scherzhafte Grabschrift, die ihm Prälat Nünlist als Replik auf ein verlorenes Epitaph verfaßt hat, das P. de Chastonay auf den hochmögenden Berner Stadtpfarrer "gesetzt" hatte. Sie lautete wie folgt:

Hic jacet Pl. Rev. P. P. ex Castoneis. Professor publicus. Jesuita secretus. Juvenum olim perfectus ducator. Inter tempestates bellicas peritissimus navigator. Circuli Tigurensis felix regulator. Vicariorum postea protector. Parochorum consolator. Monsignorum massacrator. Episcoporum inspirator. Guberniorem tum virorum tum preacique feminarum conciliator. Multorum bonorum consiliorum fabricator. Animarum plus vel minus sanctarum confessor. Ditiones suae indefessus perambulator. Studiosorum conceipator. Spiritus eremitici usque ad mortem fidelis conservator. Rector de facto. Provincialis in petto. Generalis ex voto. Ad meliorem vitam transiit apud Bernenses. - Die Sache ist völlig echt. Mons. Nünlist hat mir die "Grabschrift" am 10. April 1929 nach Zürich zugeschickt, unter der Bedingung, dieselbe nicht sofort "anzubringen".

Die erwähnte "Superiorität" hinderte P. de Chastonay aber keineswegs, ein land- und volksverbundener Walliser zu sein. Schon an der 1. Generalversammlung des Ordens, an der er teilnahm, hatte ihn P. Ledochowski rufen lassen und ihm zugeredet, daß er viel zu "demokratisch" denke. Wie sehr aber P. de Chastonay mit seiner Heimat verbunden war, beweisen zur Fülle jene hübschen, kleinen Schriften, die er ihr zuliebe verfaßt hat.

Nachdem P. Paul Reinert 1931 die Studentenseelsorge in Bern übernommen hatte, verfügte P. de Chastonay über die nötige Muße, um seinen Lebensabend mit Schriftstellerei auszufüllen. Es war eine notgedrungene Muße, denn sein chronischer Bronchialkatarrh erlaubte ihm nicht mehr, öffentlich auf der Kanzel oder in einem Saal zu reden.

Das Schrifttum P. de Chastonays hat einen doppelten Charakter: es ist religiöse Literatur im engeren Sinn des Wortes und religiös empfundene Heimatkunde. Auch hier zeigt sich die Brücke zwischen den eingangs erwähnten zwei "Aspekten".

Gleich die erste Schrift, die P. de Chastonay kurz vor der 18. Generalkongregation fertig gestellt hatte, waren "Die Satzungen des Jesuitenordens. Werden, Inhalt, Geistesart" (Einsiedeln bei Benziger, 1938); auch in französischer Übersetzung. "Les Constituions de lŽOrdre des Jésuites" (Aubier, Editions Montaigne, Paris, 1914). Es ist die reife Frucht eines langen und treuen Lebens als Ordensmann und Oberer. Gerade der dritte Teil über die Geistesart, in der P. de Chastonay die aus den Satzungen selber erwachsene Problematik in ebenso aufgeschlossener wie feinfühliger Weise durchspricht, zeigt seine innige Verbundenheit mit der Gesellschaft Jesu.

Unmittelbar aus seinem Gebetsleben fließen die gern gelesenen Betrachtungen "Introibo. Ein Priesterbuch. Lesungen und Erwägungen über das Missale" (Einsiedeln, 1941); auch italienisch: "Introibo. Letture e considerazioni. Traduzione di Franzcesco Dalmazzo" (Brescia, Morcelliana, 1943). Lange beschäftigte sich P. de Chastonay mit einer Arbeit über P. Lallemant. Er sollte damit nicht mehr zu Ende kommen. Aber die Vorarbeiten dazu dienten seinem jüngeren, leider so früh verstorbenen Mitbruder Robert Rast zur Herausgabe des Buches "Louis Lallemant. Die geistliche Lehre. Übersetzt und neu geordnet" (Luzern, Räber, 1948). Auch Franz von Sales fühlte sich P. de Chastonay verbunden; er hatte manche Ähnlichkeit mit ihm.

Einen ersten schriftstellerischen Schritt in seine Heimat tat P. de Chastonay mit der kurzen Biographie seines wohl bedeutendsten Landsmannes, des Kardinals Matthäus Schiner. In anschaulicher Weise schildert er den Aufstieg dieses Hirtenknaben zum Bischof und Landesherrn, zum großen Soldatenführer und zum weltpolitisch wirkenden Kirchenfürsten ("Kardinal Schiner, Führer in Kirche und Staat". Luzern, Räber, 1938).

Mit der Gesellschaft Jesu und dem Wallis zugleich verbindet P. de Chastonay "Das Leben des Walliser Paters Peter Roh. 1811-1872" (Olten, Otto Wlater, 1940); ins Französische übertragen von P. Favre, Spitalsseelsorger im Berner Sanatorium Viktoria, zur Zeit als P. de Chastonay daselbst Wohnung bezogen hatte: "LŽOdyssée dŽun Jésuite valaisan. Le Père Pierre Roh." (Sion, Fiorina et Pellet. 1945). In dieser französischen Ausgabe findet sich zu Anfang auch ein Lichtbild P. de Chastonays.

Mit P. Roh, dem wortmächtigen Volksmissionar, hatte P. de Chastonay nicht nur die Heimat und die frohmütige Tatkraft gemein, sondern auch, wie schon erwähnt, die heroische Annahme einer fremden Sprache, des Deutschen, die er sich so sehr zu eigen machte, daß er seine Schriften von andern ins Französische übertragen ließ.

Ureigentliche Heimatsschriften sind die beiden letzten reizenden Bändchen "Im Val dŽAnniviers. Ein Buch der Heimatkunde" (Luzern, Räber, 1939), "An Val dŽAnniviers. Traduction par Andrè Favre" (St. Maurice, Editions de lŽOeuvre de St. Augustin, 1942) und das nun endlich französisch geschriebene "Sierre et son passé" (Sierre, Amaker-Exquis. 1942).

In diese letzte Schrift hat P. de Chastonay sein ganzes Herz hineingelegt. Es ist die abgeklärte Liebe eines Ordensmannes, der nach der Weisung des hl. Ignatius seine irdische Liebe zu Familie und Heimat in eine übernatürliche verwandelt und erhöht hat.

Als P. de Chastonay zum Sterben kam, war er 73 Jahre alt geworden. Vielleicht niemand weniger als er, hatte an ein so langes Leben gedacht. Schon in seinen ersten Zürcher Jahren rechnete er stets mit einer schweren Lungenentzündung. Eine letzte ernste Todesmahnung war eine sechsstündige Ohnmacht in Sonvico, wo er viele Winter hindurch an der Tessiner Sonne Milderung seiner chronischen Bronchialentzündung suchte. Die beiden Hausärzte hatten ihn bereits aufgegeben. Aber er erholte sich. Ja, er erholte sich noch eine Woche vor seinem Tod von einer bösartigen Darmgrippe. Das Ende brachte eine Angina pectoris. Am 5. November 1943, kurz vor Mitternacht, läutete er der Schwester. Sie fand ihn bereits in den letzten Zügen. So ist P. de Chastonay ohne geistlichen Beistand rasch und einsam gestorben - nur Gott zutiefst verbunden - wie er eigentlich auch einsam durchs Leben gegangen war, in beidem dem hl. Ignatius vergleichbar. Seine vielen Freunde waren ihm nie wirklich nahe gekommen, obwohl seine Heimatbücher ein im tiefsten Grunde liebendes Herz verraten haben.

In der Heimat, in der Familiengruft zu Siders, sollte er denn auch seine letzte Ruhestätte finden. Es würde auch niemand wundern, wenn ihm seine Mitbürger am altersgrauen Château de Chastonay eine Erinnerungstafel setzen. Aber nicht nur in der engeren Heimat, auch im gesamten Bereich der Schweiz, war P. de Chastonay zweifelsohne einer der bedeutendsten Priester seiner Zeit.

R. i. P.

P. Rudolf Walter von Moos SJ

Aus: Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu,
17. Band, Nr. 113-116, 1953-1956, S. 67-76

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