Reinhold Wehner SJ

Vortrag zur Einweihung des Exerzitienhauses am 23.2.1991

 

Die Geschichte des Exerzitienhauses in Berlin-Biesdorf reicht zurück bis in das Jahr 1912.

Exerzitienhaus Berlin-Biesdorf

 

Unter den Patres, die vor dem 1. Weltkrieg in Berlin arbeiteten, war des öfteren der Gedanke laut geworden, dass für die Seelsorge in dieser Stadt ein Exerzitienhaus von großem Nutzen sei. Aber noch bestand das aus der Zeit des Bismarckschen Kulturkampfes stammende sog. Jesuitengesetz, das jegliche Gründung einer Ordensniederlassung verbot. Aus diesem Grunde konnte der Orden mit solchen Plänen nicht an die Öffentlichkeit treten. So nahm der damalige Kuratus der Berliner St. Clemens-Gemeinde und spätere Bischof und Kardinal von Münster Clemens August Graf v. Galen dieses Anliegen tatkräftig in die Hand.

Auf seine Anregung hin kam es - in Absprache mit den Jesuiten - am 13. September 1912 zur Gründung der "Gesellschaft Erholung mbH" als der Rechtsträgerin des Projektes. Die Gesellschafter waren: Kuratus v. Galen, sein Bruder, der Reichtagsabgeordnete Friedrich v. Galen, ferner der bekannte und einflussreiche Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger, sowie der Berliner Strafanstaltspfarrer Dr. Alfred Saltzgeber, ein Germaniker.

Bald fand man auch ein geeignetes Baugelände, und zwar innerhalb der damals gerade im Aufblühen begriffenen "Villenkolonie Biesdorf-Süd". Am 26. September 1912 kaufte die "Gesellschaft Erholung" zwei benachbarte beidseits der Wuhle gelegene parkähnliche Grundstücke in Biesdorf / Kaulsdorf. Die nötigen Gelder wurden der "Gesellschaft Erholung" von der Deutschen Provinz der Gesellschaft Jesu zur Verfügung gestellt.

Als dann der Bau des Exerzitienhauses beginnen sollte, verweigerte der zuständige Landrat des Kreises Niederbarnim, zu dem Biesdorf damals noch gehörte, die Baugenehmigung, weil Trierer Borromäerinnen den Haushalt führen sollten und damit der Tatbestand einer illegalen Ordensgründung vorläge. Dr. Erzberger bedeutete daraufhin dem Herrn, wenn er die Erlaubnis weiterhin hinausschiebe, werde er die Sache öffentlich im Reichstag zur Sprache bringen. Das half. Nach 3 Tagen lag die Bauerlaubnis vor.

Der Entwurf für das Gebäude stammte von dem Architekten und späteren Diözesanbaurat Carl Kühn, der noch mehrere Kirchen im Bistum Berlin baute. Die Bauarbeiten selbst begannen im Herbst 1913, wurden durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges unterbrochen und gingen kriegsbedingt nur sehr langsam voran. - Trotzdem konnte bereits im Jahre 1916 Pfr. Johannes Surma aus Karlshorst die feierliche Benediktion der Herz-Jesu-Kapelle vollziehen. Die Bauarbeiten am Exerzitienhaus konnten erst nach Kriegsende unter größten Schwierigkeiten von P. Haggeney und Br. Gropper im Jahre 1920 zu Ende geführt werden. Für die Exerzitienteilnehmer standen neben der Kapelle 40 Zimmer mit 60 Betten, mehrere Vortragsräume unterschiedlicher Größe und ein großer Speisesaal zur Verfügung.

Aufgrund der in Deutschland seit 1918 völlig veränderten politischen Verhältnisse traten die Jesuiten jetzt als Eigentümer auf und übernahmen offiziell die Leitung des Hauses.

Die Hauswirtschaft, die in der Bauphase Trierer Borromäerinnen geführt hatten, wurde jetzt von Nonnenwerther Franziskanerinnen übernommen.
Mit einem Exerzitienkurs, den der damals sehr bekannte und auch heute noch nicht vergessene P. Peter Lippert vom 4.-8. Oktober 1920 für 47 Priester hielt, wurde das Haus offiziell eröffnet.
Seit 1821 arbeitete ein Pater hauptamtlich als Exerzitienmeister im Hause, von 1929 an zwei. Zu ihnen gehörten in chronologischer Reihenfolge die dem einen oder anderen der hier anwesenden Gäste vielleicht noch bekannten Patres August Holtschneider, Erich Bollonia, Walter Hruza, Ignatius Werth, Johannes v. Dallwigk, Wilhelm Kohlen und Alfons Berner. - Außer den im Exerzitienhaus hauptamtlich tätigen Geistlichen hielten auch andere, vor allem aus den Berliner Jesuitenniederlassungen kommende Patres hier zahlreiche Exerzitienkurse und Einkehrtage.

Die Erwartungen, die die Initiatoren bei Gründung des Hauses gehegt hatten, gingen in Erfüllung. In einer zeitgenössischen Einschätzung lesen wir: In diesem großen Exerzitienhaus wirkten dann die Jesuitenpatres segensreich als Exerzitienmeister. - In der etwas nüchterneren Sprache der Statistik heißt es: Von der Eröffnung 1920 bis zum Jahre 1939, als der Kriegsausbruch der Exerzitienarbeit vorläufig ein Ende setzte, konnten hier im Durchschnitt 1.700 Exerzitienteilnehmer pro Jahr gezählt werden. Nicht berücksichtigt sind bei dieser Zahl die vielen Gläubigen, die zu Einkehrtagen und anderen Veranstaltungen nach Biesdorf kamen. Was sich allerdings in den geistlichen Vorträgen, im persönlichen Gebet vor dem Tabernakel, im vertrauensvollen Gespräch mit dem Exerzitienmeister und in der Verschwiegenheit des Beichtstuhles getan hat, das lässt sich weder zählen noch messen.

Mit der Geschichte des Exerzitienhauses ganz eng verbunden ist die Entwicklung der Pfarrgemeinde Biesdorf-Süd.
Seit Eröffnung des Exerzitienhauses war es für die in der Umgebung ansässigen Katholiken sehr schnell eine Selbstverständlichkeit, an den Gottesdiensten im Hause teilzunehmen, zumal die Entfernungen zu den Pfarrkirchen in Friedrichsfelde, Kaulsdorf und Köpenick relativ weit und die Verkehrsverbindungen schlecht waren. Schon 1928 zählte man, vor allem im Sommer, an manchen Sonntagen bis zu 150 "auswärtige" Kirchenbesucher. Der Pfarrer von Friedrichsfelde, Alfons Glaeser, auf dessen ausgedehntem Gebiet das Exerzitienhaus lag, sah diese Unterstützung seiner Arbeit nicht ungern. Es gehört zu den Verdiensten vor allem von P. Bollonia, die sich anbahnende örtliche Gemeindebildung nach Kräften gefördert zu haben. Schon zu Anfang der dreißiger Jahre wurde deshalb immer vernehmlicher der Wunsch laut, die de facto vorhandene kleine Gemeinde, die sich langsam aber stetig vergrößerte, kirchenrechtlich zu verselbständigen. 1938 erklärte sich der Jesuitenprovinzial bereit, einen Pater eigens für die Gemeindeseelsorge freizustellen. Mit Wirkung vom 1. Januar 1939 wurde die Herz-Jesu-Kuratie Biesdorf-Süd errichtet, die genau 52 Jahre lang, bis zum 31. Dezember 1990, von Jesuitenpatres betreut wurde.

Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 wurde das Exerzitienhaus von der Wehrmacht beschlagnahmt und als Reservelazarett genutzt. Von den 80 aufgeschlagenen Betten waren durchschnittlich 60 - 70 belegt. Die Pflege der Kranken besorgten 3 Franziskanerinnen sowie 5 Sanitätssoldaten.

Ein Jahr später, im September 1940 übernahm der Magistrat von Berlin das Haus als ziviles Infektionskrankenhaus, vor allem für Kinder und Jugendliche. Organisatorisch gehörte die Biesdorfer Infektionsabteilung jetzt zum Karlshorster St. Antionius-Krankenhaus, und die Pflege der Kranken wurde von den dortigen Marienschwestern übernommen.

Das Jahr 1944 begann für das Haus mit einem schlimmen Ereignis. Die immer intensiveren Bombardements der Alliierten verschonten auch Biesdorf nicht. In der Nacht zum 3. Januar explodierte, keine 30 Meter vom Haus entfernt, eine 36-Zentner Luftmine, ein so genannter "Wohnblockknacker". Die Schäden waren enorm: Das Dach über dem Kapellentrakt war völlig zerstört, das übrige stark beschädigt, das Gewölbe des Altarraumes eingestürzt. Die Sakristei lag in Trümmern. Fast alle Fenster und Türen des Hauses waren herausgerissen. Alle Kranken mussten evakuiert werden. Die Kapelle war unbenutzbar. Aber schon am 1. Mai desselben Jahres konnte die Infektionsabteilung ihren Betrieb wieder aufnehmen, wenn auch unter ständig komplizierteren Bedingungen. Das Krankenhaus blieb auch nach Kriegsende noch bestehen.

Ja, die Auflösung des Städtischen Altersheimes Wuhlheide stellte dem Haus noch eine neue Aufgabe. Unangemeldet wurden am 11. Mai 1945 mit Lastwagen 85 alte Menschen ins Exerzitienhaus gebracht, für 40 von ihnen musste kurzfristig Unterkunft und Pflegemöglichkeit geschaffen werden.

Gleich nach Ostern 1950 verließen die Franziskanerinnen, die 3 Jahrzehnte dem Haus treu gedient hatten, Biesdorf. An ihre Stelle kam - bis zum heutigen Tag - ein Konvent der "Armen Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu".

Im Februar 1952 erfolgte die Auflösung des Krankenhauses durch den Magistrat ohne nähere Begründung.
Angesichts der politischen Entwicklung erwies es sich als notwendig, in der DDR ein eigenes Priesterseminar zu errichten. Dafür bot sich das freigewordene Exerzitienhaus in Biesdorf an. Die Kapelle und die Räume des Hauses wurden gründlich renoviert, im Parkgelände waren zusätzlich eine Wohn- und eine Hörsaalbaracke vorgesehen. Regens und zugleich Prof. für Philosophie sollte Dr. Erich Kleineidam werden. Ein staatliches Veto - wahrscheinlich wegen der räumlichen Nähe zu Westberlin - erzwang eine Verlegung des Priesterseminars nach Erfurt. Nun übernahm der Caritas-Verband Berlin den größten Teil des Exerzitienhauses als Altersheim. Nur die 2. Etage des Gebäudes mietete das Bischöfliche Ordinariat als Exerzitien- und Tagungsstätte.

Nur ein Jahr später (1953) sollte das Haus mit der Begründung, dass es "Westbesitz" sei, vom Staat beschlagnahmt und einem anderen Zweck zugeführt werden. Alle erklärenden Einwendungen seitens der zuständigen kirchlichen Stellen wurden nicht anerkannt. Die Zwangsräumung wurde auf den 12. Mai als endgültigen Termin festgesetzt. Weihbischof Tkotsch und Caritasdirektor Dr. Albs feierten um 7.00 Uhr mit der Gemeinde die Bittmesse mit anschließender Bittprozession durch den Park, an der über 200 Gläubige teilnahmen. Der Tag verlief in einer Atmosphäre äußerster Gespanntheit. Dr. Albs stand in telefonischer Verbindung mit Caritasdirektor Zinke, dem Leiter der Berliner Hauptabteilung des Deutschen Caritasverbandes. Dabei bediente er sich teilweise der lateinischen Sprache, um dem Staatssicherheitsdienst das Abhören zu erschweren. Direktor Zinke trat in Verbindung mit dem für die kirchlichen Angelegenheiten zuständigen Offizier der sowjetischen Zentralverwaltung in Karlshorst und berief sich dabei auf eine Bestimmung des Potsdamer Viermächteabkommens, wonach religiöse Einrichtungen zu respektieren sind. Das müsse auch für Exerzitienhäuser gelten. Dieses Argument wurde von dem russischen Offizier anerkannt, der daraufhin die Ostberliner Behörden veranlasste, von einer Beschlagnahmung des Hauses abzusehen.

Die Verhaftung der Patres Frater, Rueter, Menzel und Müldner - die beiden letzten waren rein zufällig in Biesdorf - am 22./23. Juli 1958 durch das Ulbricht-Regime mit anschließendem Schauprozess in Frankfurt/O. kann ich aus Zeitgründen nur erwähnen.

Im April 1970 - im 50. Jahr des Bestehens - übernahmen die Jesuiten wieder die Leitung der Exerzitienetage. Die Veranstaltungen des Bischöflichen Ordinariates wurden in das Bildungshaus in der Pappelallee verlegt.

Eine Gefahr ganz anderer Art drohte dem Haus in Form von Bauschäden. Durch die Regulierung und Tieferlegung der Wuhle Anfang der 50er Jahre wurde der Grundwasserspiegel erheblich gesenkt. Das führte zu Baugrundveränderungen und im Gefolge zu bedrohlicher Rissbildung im gesamten Nordflügel. In einem aufwendigen Sanierungsverfahren, das wieder eine 2-jährige Schließung des Exerzitienhauses bedeutete, wurden diese Schäden in den Jahren 1982/83 behoben.

Genau 70 Jahre lang, vom Herbst 1920 bis zum Herbst 1990, stand das Haus St. Josef - mit zeitlichen und räumlichen Einschränkungen der Exerzitienarbeit zur Verfügung. 70 Jahre sind für die Kirche, die in Jahrhunderten zu denken pflegt, eine kurze Zeit, aber es war eine intensive, an Abwechslungen reiche und wohl auch segensreiche Zeit.

Anlässlich der Pfingsttagung 1983 in Dresden entschloss sich der Orden in gemeinsamer Überlegung zum Neubau eines Exerzitienhauses um bessere äußere Voraussetzung für die Exerzitienarbeit und eine Jesuitenkommunität im Ostteil der Stadt Berlin zu schaffen. Dieses Haus, das wir heute unter den Namen von P. Friedrich Spee stellen, hat - wenn wir einmal von der turbulenten Baugeschichte in einer immer desolateren DDR-Wirtschaft absehen - noch keine Geschichte.

Wir stehen an einem Neuanfang. Zudem hat sich durch die "Wende" und den Fall der Mauer eine völlig veränderte Situation ergeben. Die Einweihung des Hauses fällt in eine politisch und wirtschaftlich gesehen nicht leichte Zeit. In die Freude über die Eröffnung mischen sich auch Sorgen um die Zukunft.

Liebe Gäste!
Ich möchte diesen geschichtlichen Überblick beschließen mit einem Text, der mir als das Gebet eines chinesischen Christen zum Neujahrsfest in die Hände fiel, und der mutatis mutandis auch für den heutigen Tag gilt:

Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann. Er aber antwortete:

      Gehe nur in die Dunkelheit
      und lege deine Hand in die Hand Gottes.
      Das ist besser als ein Licht
      und sicherer als ein bekannter Weg.

 

Anhang 1

Der Neubau des Exerzitienhauses Friedrich Spee
Seit 1920 bestand nun dieses Haus. Allerdings konnte es seit dem 2. Weltkrieg nur zu einem Drittel für die Exerzitienarbeit genutzt werden. (1. und 3. Etage Altersheim, 2. Etage Exerzititantenzimmer und Patres) Die dreifache Nutzung durch die Pfarrei, das Altenheim und Exerzitienhaus brachte jeweils erhebliche gegenseitige Beeinträchtigungen mit sich. Daraus ergaben sich Überlegungen für den Neubau eines Exerzitienhauses auf dem (vom Ministerium für Staatssicherheit als Lagerplatz genutzten) Nachbargelände.

Während einer 'Pfingsttagung' für die Mitbrüder der Regio DDR wurde diese Frage thematisiert. Die anwesenden Mitbrüder überlegten, diskutierten und beteten (deliberatio communitaria - unter Leitung von P. Heinrich Jürgens SJ), um zu einer Entscheidung zu kommen. Am Ende dieser Tage stand der Entschluss, einen Neubau zu errichten, fest. Die ersten Arbeiten begannen 1986. Trotz vieler Schwierigkeiten konnte das Haus schließlich am 23. Februar 1991 von Kardinal Georg Sterzinsky eingeweiht werden. Seitdem steht es für die Exerzitien- und Bildungsarbeit offen. Es können 30 Gäste in Einzelzimmern untergebracht werden; auch für Parallelkurse gibt es genügend Raum. Die Leitung des Hauses haben die beiden Mitbrüder P. Christian Geisler und Br. Franz Gabriel sowie die beiden 'Missionsschwestern vom hl. Namen Mariens' Sr. Matthia Palm und Sr. M. Hiltrudis Menke. In ca. 60 Kursen pro Jahr werden im Durchschnitt 1060 Gäste aufgenommen.

Für die Zukunft deutet sich eine Veränderung in der Trägerschaft des Hauses an. Es ist geplant, das Haus 1996 dem Bistum Berlin zu überlassen. Vorläufig soll es aber auch in den kommenden Jahren als Exerzitienhaus weitergeführt werden.

P. Christian Geisler SJ
Provinznachrichten 1995/1

aus: Häuser stellen sich vor
Die Niederlassungen der Norddeutschen Provinz SJ
vorgestellt in den Provinznachrichten zwischen 1993-1999
Herausgegeben von P. Josef Ullrich SJ

(Hinzufügungen in Klammern vom Webmaster)

 

Anhang 2

Berlin (DT) Mit einer Eucharistiefeier im Seminar Redemptoris Mater in Berlin-Biesdorf mit Georg Kardinal Sterzinksy, Erzbischof von Berlin, hat das Neokatechumenat kürzlich das zehnjährige Bestehen des "Seminarkurses" und zugleich fünfjährige Jubiläum des Priesterseminars Redemptoris Mater des Erzbistums Berlin" begangen. "Gott hat es gewollt und hat es durchgesetzt. In den vielen Schwierigkeiten hat der Herr uns gestärkt und uns wachsen lassen. Heute sind die Früchte vor allem elf Priester und vier Diakone. Deo Gratias!" So lautete das Resümée von Regens Silvano Latini bei den Jubiläumsfeierlichkeiten des missionarischen Diözesanseminars von Berlin.

Wechselvolle Geschichte
Zehn Jahre Priesterseminar Redemptoris Mater in Berlin
DT Nr.46 vom 18.04.2003

 

Roman Bleistein SJ
Das Neukatechumenat
Zwischen Erwachsenenkatechese und Kirchenpolitik

Aus: Stimmen der Zeit, 7/1992

Im Herbst 1991 wurde in Berlin das 19. Priesterseminar "Redemptoris Mater" gegründet. Bei diesem Priesterseminar handelt es sich - nach einem römischen Vorbild in der Via delle Tenuta della Maglianella 88 - um ein Diözesanseminar unter der Autorität des Ortsbischofs. Es dient allerdings der Ausbildung von Priestern, die nach ihrer Weihe zunächst drei bis fünf Jahre in dieser Diözese arbeiten, dann aber im Einvernehmen mit dem Ortsbischof (und wohl auf Weisung einer Zentrale des Neukatechumenats in Rom) zur Evangelisation in andere Weltgegenden geschickt werden.

Dieses neuartige Seminar in Berlin hat die folgende Geschichte. Nach einem Bericht von Prälat Peter Tanzmann vom 26. November 1991 beklagt Kardinal Georg Sterzinsky bei einem Gemeinschaftstag der Neukatechisten in Berlin, daß sich 1991 nur ein einziger junger Mann aus dem Bistum Berlin zum Theologiestudium angemeldet habe. Da "bietet das Neokatechumenat dem Bischof von Berlin ein Priesterseminar 'Redemptoris Mater' an. Der Berliner Kardinal nimmt nach vielen klärenden Rückfragen dieses Angebot an und bittet um Entsendung von etwa 20 Kandidaten." Am 20. Oktober 1991 treffen 24 Seminaristen aus elf Nationen, von denen nur acht der deutschen Sprache mächtig sind, in Berlin ein. Sie hatten sich am 6. Oktober 1991 in Rom zur Verfügung gestellt und nehmen nun je zu zweit Quartier in Familien des Neukatechumenats. Inzwischen besuchen die Seminaristen seit dem 28. Oktober 1991 eine Sprachschule. Als Ort der theologischen Ausbildung scheint das Theologische Seminar an der Freien Universität Berlin nicht in Frage zu kommen. Die Verantwortlichen des Neukatechumenats zeigen "eine große Reserviertheit gegenüber einer staatlichen Theologischen Fakultät in Berlin, weil man eine Theologie befürchtet, die von den Folgen des geistigen Umbruchs von 1968 beeinflußt ist". Kardinal Sterzinsky sieht dann nur die Möglichkeit einer Fakultät im Rahmen der Konkordate und weist darauf hin, "daß ein Diözesanseminar 'Redemptoris Mater' in Berlin nicht das Diözesanseminar für alle sein kann, sondern nur für jene Priesteramtskandidaten, die auf dem neukatechumenalen Weg sind". Man hat demnach in der Diözese Berlin offensichtlich zwei Priesterseminare.

 

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