Hans Gasper {*}

Gottes Geist ist konkret

Josef Sudbrack zum 85. Geburtstag

Aus: Geist und Leben, 2/2010 S. 153-156

 

In einer ersten Begegnung vor fast dreißig Jahren sagte Josef Sudbrack sinngemäß: "Immer, wenn die Kirche in der Mitte des Glaubens stark und verwurzelt war, war sie fähig zur Weite und zur Integration." Das trifft sein geistliches und wissenschaftliches Programm, vor allem seine Person. 1925 in Trier geboren, schreibt er über seine Kindheit: "Ich bin dankbar für den Schatz an Geborgenheit, den mir meine Kindheit schenkte, ein Schatz an Verwurzelung, an Heimat- Erfahrung. (...) Für meine Kindheit ... war die geschlossene christliche Umwelt ein unbezahlbarer Schatz. Der christliche Glaube in katholischer Ausprägung war so selbstverständlich wie mein Kind-Sein, wie meine deutsche Sprache, wie mein behütendes Elternhaus. Dieses 'Heimat'-Gefühl lebt bis heute in einem tiefen Urvertrauen weiter {1}. Und über seine Vaterstadt: "Die Stadt Trier, in der ich aufwuchs, war auch während der Zeit des Nationalsozialismus katholisch geprägt." {2} Hans Urs von Balthasar, mit Henri de Lubac und Karl Rahner einer der für Josef Sudbrack prägenden Theologen, identifiziert in der Erfahrung mütterlicher und elterlicher Liebe eine grundlegende Gotteserfahrung. "Es bedarf eines nachfolgenden Prozesses - und ihn einzuleiten ist Aufgabe der Eltern -, um die zunächst unteilbare Liebe des Kindes zu differenzieren: in mitmenschliche Liebe und in Liebe zum Absoluten, die Hinwendung der kindlichen Liebe auf Gott einzuleiten, was am schmerzlosesten dann geschieht, wenn die Eltern sich selbst als 'Kinder Gottes' erklären und benehmen und mit ihren Kindern gemeinsam sich Gott zuwenden." {3} Dies hat nach eigenem Zeugnis Josef Sudbrack erfahren können.

 

"Wer schwimmt, meditiert"

In dieser im Urvertrauen gefestigten Identität und der Hinwendung zum Du Gottes kann man schon den zentralen Impuls von Sudbracks Leben und Wirken entdecken. Noch etwas muss genannt werden. Josef Sudbrack war begeisterter Sportler, so sehr, dass sich die Mutter deswegen Sorgen machte, vor allem beim als Leistungssport betriebenen Schwimmen. Hinzu kam die Musik, zumal die Orgel. Es gründet hier etwas, das ebenfalls wichtig wurde: Leiblichkeit und Ganzheitlichkeit als Elemente christlicher Spiritualität. "Wer schwimmt, meditiert", so Karlfried Graf Dürckheim zu Sudbrack. Dem Begründer der "Initiatischen Therapie" sieht er sich, nicht ohne kritische Vorbehalte, bis heute verbunden. Mit Sport und Musik war zunächst einmal Schluss, als 1944 dem 19jährigen Kriegsverwundeten das linke Bein amputiert wurde. Trägt man das alles zusammen, weiß man schon viel über Josef Sudbrack: sein Grundvertrauen, Verwurzelung in katholischer Mitte, Befähigung zu Offenheit und Weite. Von hier hat er, um beim Schwimmen zu bleiben - das er als Versehrtensport weiter betrieben hat - seine Bahnen gezogen. Nicht in beruhigtem Altherrentempo, sondern initiativ, drängend, gelegentlich, so in Sachen Meditation, "hart am Mann". Sudbrack hat Wasserball gespielt und auch geboxt, Sportarten, bei denen man auch mal dahin gehen muss, wo es weh tut.

 

Geist und Leben

Bleiben wir noch bei der Biographie. Josef Sudbrack trat 1945 der Gesellschaft Jesu bei und wurde nach Studien in Pullach und Frankfurt 1956 zum Priester geweiht. Bereits für "Geist und Leben" destiniert, promovierte er 1963 in Bonn mit einer gelehrten Arbeit über den Benediktiner Johannes von Kastl (um 1400). Zu ihm hegt Sudbrack eine etwas gebrochene Freundschaft. Der erwartet große Mystiker war Johannes von Kastl nicht, fromm, kenntnisreich, aber eher ein "fleißiger Abschreiber". Sudbrack erhielt jedoch auch durch ihn wichtige Zugänge zur großen Tradition, freilich aus "zweiter Hand". Unter der anspruchsvollen Ägide von Friedrich Wulf begann 1962 die Arbeit für "Geist und Leben", von 1979 bis 1986 als Schriftleiter, unterbrochen 1974 bis 1975 durch eine Gastprofessur an der Harvard-Universität in den USA. 1973 wurde Josef Sudbrack in Innsbruck habilitiert.

Im Laufe seines Lebens hat Josef Sudbrack allein für "Geist und Leben" fast 200 Artikel geschrieben {4}. Sein Thema in vielen Schriften, Vorträgen, publizistischen, editorischen und praktischen Engagements ist die christliche Spiritualität: deren Proprium und Reichtum, deren Unentbehrlichkeit als Fundament jeglicher Theologie, gegen Missverständnis und Verzerrung und, angesichts eines wachsenden Marktes von Spiritualitäten, in Unterscheidung und respektvollem Dialog, interreligiös, neureligiös, mit den Humanwissenschaften.

 

Offenheit für das Du Gottes

Grundlegend ist die Offenheit für das Du Gottes. Josef Sudbrack ist hier bei den großen jüdischen Denkern in die Schule gegangen, Martin Buber, später Emmanuel Levinas. Martin Bubers Weg von einer Entgrenzungs- und Verschmelzungsmystik in dessen "Ekstatischen Konfessionen" zum Personalen und Dialogischen wurde paradigmatisch. Dies ist wesentlich auch für alle christliche Gotteserfahrung. Zwei Belege: "Personale Liebe, gerade dem Höchsten gegenüber, ist für die christliche Mystik der Höhepunkt aller Meditation und Erfahrung." "Selbstüberstieg als Kern der Selbstfindung ist ein Signum aller christlichen Gotteserfahrung." {5}< Dies ist zentrales Kriterium, ob religiöse Erfahrung, Meditation und Mystik sich öffnen können für die Begegnung mit dem Gott der Bibel, für den Gott Jesu Christi. Als Autor und Herausgeber war Sudbrack unermüdlich bestrebt, diese Mitte und den darin gründenden Reichtum aufzuzeigen, bei den griechischen Vätern, Augustinus, Hildegard, Bernhard, Mechthild, Meister Eckhart, der "Wolke des Nichtwissens", dem ostkirchlichen Jesusgebet, Martin Luther, Ignatius, Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz bis hin zur heiligen kleinen Therese.

Von diesem Kriterium des Personalen ist dann ein vertieftes Gespräch möglich mit den großen religiösen Traditionen des Ostens wie mit der neuen Religiosität hierzulande. Auch dabei geht es Josef Sudbrack gegen Verkürzungen um die Wahrnehmung des Ganzen, um Offenheit für Tiefenschichten von Erfahrung gegen abstrakte ("neuscholastische") Verbegrifflichung, aber auch gegen vorschnelle Vermischung. Sudbrack, der nach eigenem Bekunden bei Dürckheim in der Zen-Meditation eine tiefe Erfahrung gemacht hat, fordert eindringlich das theologische Gespräch mit dem Zen-Buddhismus und dem Buddhismus insgesamt. Ähnlich hat Josef Sudbrack das "respektvolle Gespräch" mit der Neuen Religiosität gesucht. Sein Buch von 1987 ist bis heute eines der besten zum Thema {6}. Noch im gleichen Jahr kam es zusammen mit dem langjährigen evangelischen Akademiedirektor Wolfgang Böhme zur Gründung der "Gesellschaft der Freunde christlicher Mystik", um einem breiteren Kreis die authentischen Zeugnisse christlicher Mystik zu erschließen, offen zu sein für das Gespräch mit Suchenden. Die mit dem damaligen Leiter der "Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen" Reinhart Hummel begonnene Reihe "Unterscheidung", zu der er selbst zwei wichtige Bücher über Mystik und über Meditation beisteuerte, verfolgte das gleiche Ziel {7}. Zu erwähnen ist noch das Bemühen um eine verantwortete ganzheitliche Integration von Meditation, Gebet, Spiritualität, die sich dem Reichtum menschlicher Erfahrungsformen öffnet. Dazu ist auch das Gespräch mit den Humanwissenschaften erforderlich.

Josef Sudbrack lebt seit 2002 im Seniorenheim der Jesuiten in Köln-Mülheim. Der fortschreitende Verlust des Augenlichtes hat weitere Arbeit unmöglich gemacht. Ein Vermächtnis sind zwei wichtige Bücher: Die Monographie über einen der ganz Großen christlicher Mystik, über Dionysius Areopagita, gern mit dem Epitheton "Pseudo" abgetan. Dessen "mystische Theologie", ein sprachliches Meisterwerk, wird zugleich in den Kontext dichterischer Sprache gestellt {8}. Eine Summe seines Weges gewissermaßen ist schließlich ein Buch, das autobiographisch anhebt und dann noch einmal den weiten Horizont der Themen abschreitet. Der Titel ist zugleich ein Lebenszeugnis Josef Sudbracks: "Gottes Geist ist konkret". {9}

 

Anmerkungen

{1} Vgl. J. Sudbrack, Gottes Geist ist konkret. Spiritualität im christlichen Kontext. Würzburg 1999, 3f.

{2} Aa0., 3.

{3} H.U. von Balthasar, Bewegung zu Gott, in: Ders., Spiritus Creator. Skizzen zur Theologie, Bd. 3. Einsiedeln 1967, 14f.

{4} Eine vollständige Bibliografie seiner Beiträge findet sich unter www.geistundleben.de (archiv Bibliografien)

{5} 1. Sudbrack, Herausgefordert zur Meditation. Christliche Erfahrung im Gespräch mit dem Osten. Freiburg 1977, 31 u. 107.

{6} Ders., Neue Religiosität. Herausforderung für die Christen. Mainz 1987.

{7} Ders., Mystik: Selbsterfahrung Kosmische Erfahrung Gotteserfahrung. Mainz, Stuttgart 1988 u. Ders., Meditative Erfahrung Quellgrund der Religionen? Mainz, Stuttgart 1994.

{8} Ders., Trunken vom Hell-Lichten Dunkel des Absoluten. Dionysius der Areopagite und die Poesie der Gotteserfahrung. Freiburg 2001.

{9} Vgl. Anm. 1.

 

    {*} Hans Gasper, geb. 1942 / verh. / Dipl. theol. Bis 2007 Referent der Zentralstelle Pastoral der DBK Ökumene, Neue religiöse Bewegungen.

 

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