2. April 1946 - Friedrich Muckermann SJ
† in Montreux (Schweiz)

Sechs Jahre älter als mein Bruder Friedrich, hätte ich erwarten dürfen, daß er mir einmal die Grabschrift schreiben würde. Nun ist es meine Aufgabe, ihm ein Gedenkblatt zu weihen. Er starb, noch nicht 63 Jahre alt, nach drei Jahrzehnten intensiver öffentlicher Wirksamkeit am 2. April 1946 in der Klinik Florimont zu Montreux am Genfer See. Nach den schweren Verfolgungen, die er seit 1933 erlitt, war sein Herz vor der Zeit zum Stillstand gekommen.

Am 7. April wurde er in Bad Schönbrunn bei Zürich beigesetzt. Es traf sich, daß unter anderem der frühere österreichische Bundeskanzler Schuschnigg in Zürich weilte. Er nahm in Erinnerung an gemeinsame Kämpfe an der Trauerfeier teil. Das Schweizer Radio und die Schweizer Presse ehrten meinen Bruder um so williger, als das Reichsinnenministerium und das Auswärtige Amt zu Berlin am 25. April 1938 ihn der deutschen Staatsangehörigkeit beraubt hatten.

Wer die Lebensarbeit dieses Mannes verstehen will, muß die Quellen seiner Einsicht und Kraft kennen, die ihn rastlos vorwärts trugen, der Aufgabe zu dienen, die sein Gewissen ihm befahl. Die Eltern stammen aus dem Herzen Westfalens. Vom Vater hatte Friedrich die Lust zu sinnvoller Arbeit und von der Mutter das Naturverbundene, das zuletzt in Gott ruht und Gott allein zustrebt. Beide Eltern waren tief religiös, ebenso wie die Vorfahren, am meisten die Mutter. Sie schenkte ihm vor allem das große Herz und den feinen Humor. Ein weiterer Kraftquell war die Kirche und im besonderen der Jesuitenorden, dem sich mein Bruder bald nach seinem sechzehnten Lebensjahr anschloß. Im Orden wurde er im ersten Kriegsmonat 1914 zum Priester geweiht. Am 2. Februar legte er die feierlichen Profeßgelübde ab.

Der Orden hat ihn immer großzügig behandelt. Über die philosophischen und theologischen Studien hinaus gab er ihm Gelegenheit, an der Universität Kopenhagen seine Vorbildung als Kulturphilosoph zu vollenden. Für die Lebensarbeit selbst gab er ihm jene Freiheit, deren er bedurfte, um an der Lösung der Kulturproblem auf christlicher Grundlage mitzuwirken. Ein dritter Quell der Einsicht und Kraft aber war das Leben, in dessen Grundwogen er immer stand, und die er in seinem Bereich mit der Macht des Geistes zu lenken versuchte. Er pflegte alles, was echt ist, wo immer er es fand - unerbitterlich gegenüber der Bosheit, aber verstehend und hilfsbereit sonst. Die Art des Welterlösers war sein Vorbild. Seine Lebensarbeit umfaßt zwei Phasen, von denen die erste in die zweite überging. Diese zweite Phase galt der Niederwerfung des Nationalsozialismus.

Die letzte Begegnung auf deutschem Boden, die ich mit meinem Bruder hatte, lag genau vierzehn Tage nach jenem verhängnisvollen 30. Juni 1934. Er war in Münster in Westfalen, der damaligen Zentralstätte seiner vielumspannenden Organisationen. Ich hatte in Erfahrung gebracht, daß das Leben meines Bruders in äußerster Gefahr sei. So beeilte ich mich, auf einer Fahrt, die gleichzeitig ein anderes Opfer der Gestapo entreißen sollte, ihm den Rat zu geben, nach Möglichkeit noch am gleichen Abend nach Holland zu gehen. Es sei sein Los, sagte ich, fern der Heimat für die Freiheit zu kämpfen, während ich es wagen wollte, den Kampf in der Heimat so lange wie möglich fortzusetzen. Tatsächlich waren die Häscher am gleichen Abend in seiner Arbeitsstätte, während er sich anschickte, über jenen Streifen Landes zu gehen, wo nach seiner eigenen Bemerkung die Hühner in Holland fressen und in Deutschland ihre Eier legen.

Mein Bruder hat 1945 in einer Schrift, die er mir bald nach Erscheinen zusenden konnte, ein Bild seiner Widerstandsbewegung entworfen, das erschütternd ist. Die Schrift trägt den Titel seiner Hauptzeitschrift gegen den Nationalsozialismus: "Der deutsche Weg". Er habe, so sagte er selbst, dieses Dokument veröffentlicht, damit das Wort "Kollektivschuld" richtig gedeutet werde. Die Kollektivschuld, so erklärte er, gehöre mehr der Ebene der seinshaften Schicksalverbundenheit von Familie und Volk an als der ethischen Bewertung einzelner Gruppen und Menschen. Tatsächlich wird in der Schrift bewiesen, daß die katholische Widerstandsbewegung in Deutschland ein Maß gehabt hat, wie es die öffentliche Meinung bis dahin jedenfalls nicht wissen konnte. Diese Widerstandsbewegung, die von Anfang an viele Märtyrer aufzuweisen hatte - ich nenne vor allem seinen treuen Mitarbeiter Pater Albert Maring -, wurde im wesentlichen Bezirk geführt auf den es ankommt, im Bezirk der Gewissensfreiheit selbst. Sie durchzog das ganze christliche Abendland und erfolgte im Zusammenhang mit den großen Widerstandsbewegungen der Christen des Erdkreises. Was sie bewegte, ist in der Enzyklika "Mit brennender Sorge" ausgesprochen.

Um den Grad der Leidenschaft zu erkennen, mit der mein Bruder durch öffentliche Vorträge in vielen Ländern Europas und in seinen in immer neuer Form erscheinenden Korrespondenzen und Zeitschriften gegen den Nationalsozialismus kämpfte, sei aus dieser Schrift das Urteil über das Buch "Mein Kampf" widergegeben, das er im Jahre 1932 auch in seiner Zeitschrift "Der Gral" in erweiterter Form ausgesprochen hat. Mein Bruder schreibt: "Dieses Buch ist das Werk eines Demagogen, der das Volk beherrscht, weil er es peitscht . . . Obwohl letzte Ziele verschleiert werden, ersieht man doch aus dem Zusammenhang, daß hier mit bewußter Lüge oder mit unbewußter Selbsttäuschung eine Lehre verkündet wird, dazu bestimmt, die christliche Ära zu begraben und eine rassistische an ihre Stelle zu setzen." Mein Bruder fügt hinzu, er habe vor sich das ungeheure Vakuum geschaut, das in der deutschen und in der europäischen Seele, ja in der ganzen Menschheit entstehen müsse, wenn man verwerfe und zerstöre, was so viele Jahrhunderte Glück und Erfüllung gewesen sei.

Die Zentrale der Widerstandsbewegung war nach der Vertreibung aus Münster zunächst in verschiedenen Städten Hollands, Belgiens und Luxemburgs, dann in Rom, in Wien und am Ende in Paris. Von all diesen Zentralen führten viele Verbindungen durch den größten Teil Europas bis tief nach Deutschland hinein, und Hunderte wanderten hin und her, um die Rohstoffe der Nachrichten aufzuspüren und die Kritik am Zeitgeschehen in einem vielfältigen Echo zurückzutragen, oft unter Lebensgefahr der tapferen Boten. In der französischen Hauptstadt fand mein Bruder treue Freunde. Zwei Jahre lang hat die Gestapo keine Ahnung davon gehabt, daß er in einem Raum nicht weit vom linken Ufer der Seine, in dem Voltaire einst gewohnt hat, sein Redaktionsbüro hatte. Seine Freunde in Deutschland wußten von seiner Anwesenheit in Paris, da er oft im Auftrage des Quai dŽOrsay im Radio sprach: sie kannten ihn an seiner Stimme. Die letzte Nummer des "Deutschen Weges" kam heraus zur Zeit der Massenflucht aus Paris. Scherzend bemerkte mein Bruder nach seinem letzten Vortrag am Pariser Sender, daß ein Deutscher der letzte Franzose gewesen sei, der von dort aus für das christliche Abendland gesprochen habe. Noch einmal erschien eine Broschüre, während die deutschen Soldaten und die Gestapo bereits draußen in den Straßen waren. Wiederum in buchstäblich der letzten Nacht gelang es meinem Bruder, mit einem Wagen die Schweiz zu erreichen, wo er bis zu seinem Tode, offiziell als Internierter, verstehende Gastfreundschaft fand.

Und nun knüpft sein Leben an die erste Phase an, die durch die Kulturzeitschrift "Der Gral" bezeichnet ist. Diese Zeitschrift wurde bereits 1906 in Wien von Franz Eichert auf Anregung einer Vereinigung katholischer Schriftsteller begründet. Um 1920 wurde sie von meinem Bruder übernommen und zu einer Monatsschrift für Dichtung und Leben entwickelt. Eine Fülle geistvoller Beiträge über das Kulturleben der Zeit im Lichte christlicher Anschauungen ist in diesen Blättern erschienen. Eine Auslese davon wurde zum Teil in neuer Fassung und vielfältig erweitert in Büchern zusammengefaßt. Ich nenne die vielgelesenen Schriften "Der Mönch tritt über die Schwelle" (1932), und "Heiliger Frühling" (1935). Eine Ergänzung bildet das Buch "Vom Rätsel der Zeit" (1933), das sich in einer symphonischen Zusammenordnung von Bildern und Gedanken mit den totalitären Systemen auseinandersetzt. Von der fast übermenschlichen Arbeit, die gleichzeitig von seinem Korrespondenzbüro für Presse und Film geleistet wurde, und auch von den vielen Vorträgen, die die Ideen Hunderttausenden von Menschen zutrugen, will ich schweigen. Nur eine Tat aus jener Zeit sei besonders herausgestellt! Es ist das urwüchsige Buch, das zum hundertjährigen Gedenktag an Goethes Tod bereits 1931 erschien. Es trägt den Titel "Goethe". Die Stadt Frankfurt verlieh meinem Bruder die Goethe-Medaille. Er zeigte sie mir, als er noch in Münster war. So wenig sich mein Bruder um das Urteil der Menschen kümmerte, so hat er sich doch über diese Auszeichnung gefreut, zumal gleichzeitig ein bedeutender Kenner Goethes von diesem Buch in der damaligen "Frankfurter Zeitung" sagte, es sei in seiner Art so umfassend und tiefgründig wie kein anderes vor ihm.

In den letzten Schweizer Jahren gab er zwei Bücher heraus, die noch nicht den Weg nach Deutschland gefunden haben. Das eine gilt der Idee des technischen Zeitalters, vom Christentum her gesehen, das andere dem russischen Theosophen Wladimir Sergejewitsch Solowjew, der 1896 im geheimen zur katholischen Kirche übertrat. Wie mein Bruder selbst schon 1932 bemerkte, war es vor allem der persönliche Gehalt des Daseins von Solowjew, der ihn fesselte. Was er von Solowjew dachte, gilt von ihm selbst: "Er war ein Mensch der Gottesordnung, innig verflochten mit der Liebe . . . Weisheit paarte sich mit Wissen und Mystik mit nüchternem Sinn. Und aller Reichtum, der in ihm lag, war wundervoll beseelt von jener göttlichen Liebe her, die wie eine heilige Flamme still in ihm glühte. Nie hat er sich, auch in schwersten Enttäuschung nicht, der Verzweiflung ergeben . . . Er wirkte fort, solange noch ein Atemzug in ihm war. "

Vor mir steht das letzte Bild meines Bruders. Es wurde wenige Wochen vor dem Sterben festgehalten. Das Antlitz, das einmal wie eine zerklüftete Bergwelt aussah, erscheint nun wie eine stille Landschaft an der Mündung eines großen Stromes. Alles Licht, das auf der Landschaft ruht, geht von den beiden Augen aus. Es ist in ihnen ein Gebet für den Frieden der Völker und für die Auferstehung der Heimat. Daß ich mich in dieser Deutung nicht täusche, lassen Sätze erkennen aus dem letzten Brief, den ich von meinem Bruder erhielt. Sie lauten: "Die Stimmung Deutschland gegenüber bessert sich langsam beim Anblick dessen, was das deutsche Volk jetzt leidet. Hoffentlich bringt unser Volk die nötige Geduld auf, trägt würdig das Schreckliche, glaubt weiter an seinen Stern, bleibt zusammen ohne Separatismus, wartet still auf die Stunde, in der die Welt es braucht. Diese Stunde ist fast schon da . . . "

P. Hermann Muckermann SJ

Aus: Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu,
17. Band, Nr. 113-116, 1953-1956, S. 325-328

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