19. März 1976 - P. Alfons Tanner
in Berlin

Alfons Leo Tanner (Tandetzki) wurde am 15. April 1905 in Danzig-Langfuhr geboren. Sein Vater Franz T. war Schneidermeister, seine Mutter Berta T. eine geborene Medoch. Nach dem Abitur bereitete er sich auf den Lehrerberuf vor. Am 17. April 1928 trat er in die Gesellschaft Jesu ein. Auf zwei Jahre Noviziat in Mittelsteine 1928-30, folgen Philosophie- und Theologiestudium in Valkenburg (1930-36) - am 27. August 1936 wird er in Valkenburg zum Priester geweiht - und Frankfurt/M. (36/37). Von 1937-40 ist er Jugendseelsorger in Breslau St. Ignatius, macht 1940/41 in Wien sein Tertiat (3. Probejahr) und ist 41-43 bei der Wehrmacht. 1943-48 wirkt er als Kaplan an St. Sebastian, Berlin und von 1948 bis 1967 als ND-Pater in St. Clemens, im Ignatiushaus und in Berlin-Kladow, ab 1968 dann als Gefängnispfarrer.

Können trockene Daten ein so bewegtes, reiches und originelles Leben erfassen? Ja, dieses Leben war bunt, manchmal genial und immer bis zum äußersten Einsatz von einem tiefen Glauben angetrieben. So ist es vielleicht am besten, wenn Menschen zu Wort kommen, die ihm in verschiedenen Lebensabschnitten nahe standen.

"Alfons leitete 1926 die ND-Gruppe der Innenstadt Danzig und war unser Gaugraf. Ich verdanke ihm sehr viel. Er war damals noch Junglehrer. Dann ist er mit zwei anderen Danzigern nach Mittelsteine ins Noviziat gegangen. In den Weihnachtsferien 1930 hat er acht von uns dorthin zu Exerzitien kommen lassen. Das war für mich die entschiedene Wende zum Priestertum. Vor dem ND-Bundestag in Oranienstein ließ er 18 Mann noch Valkenburg zu Exerzitien kommen ... Während des Krieges bin ich ihm mitten in Rußland begegnet. Er war Schreiber beim Armeearzt und beklagte sich, daß er sich leider beim "Alten" unentbehrlich gemacht habe, sodaß er noch nicht wie die anderen Jesuiten nach Hause geschickt worden sei ... "
Johannes Goedecke, Geistl. Rat, Pfarrer in Bad Soden/Hessen

"1937 waren die Jugendgruppen in Breslau fast zerschlagen. 'PT', auch 'Teddy' genannt, übernahm in dieser Situation die Verantwortung und verstand es meisterhaft und in mühevoller Kleinarbeit als Bibelkreise getarnte Gruppen aufzubauen ... über 400 Jungen und Mädchen scharte er um sich. Noch im Kriegsjahr 1940 fuhren Gruppen zum Skilaufen in das Riesengebirge, am Wochenende und in den Ferien in das Landheim Leonhardwitz und in das Noviziatshaus nach Mittelsteine, ja nach Tirol. Ob der Kombiwagen der Schwestern vom Guten Hirten gechartert wurde, ob Mütter und Schwestern als Köchinnen zu gewinnen waren, ob es um Geld oder 'Fressalien' ging, 'PT' wußte immer Rat ... Unsere Ehefrauen später im Westen gewöhnten sich daran, daß stets zu ungelegener Zeit 'PT' mit einigen 'Knechten' vor der Tür stand und um Kost und Logis bat. Über das Ende des Besuches sprach er sich selten aus ... Die Breslauer Gestapo kam trotz Haussuchungen, Verhaftungen und Verhören, auch von Jungen, nie ganz hinter seine Schliche ... Als Sanitätsunteroffizier betrieb er von Smolensk aus moderne Telefonseelsorge. Ob man bei Charkow im Graben oder als Student in einer Kaserne in Stuttgart-Vaihingen lag, 'PT' fand den Standort seiner 'Knechte' heraus. Das Telefonieren zu unmöglichen Zeiten behielt er übrigens auch später bei ... Dieses Wirken ohne Rast und Ruh konnte 'PT' nur durchhalten, weil er ein tiefgläubiger Mann war. Der Danziger hatte das Gemüt eines 'echten' Schlesiers. Wir verdanken ihm sehr, sehr viel. 'PT' hat sich um das Reich Gottes verdient gemacht."
Dr. Werner Pierchalla, Oberbürgermeister, Münster/W.

"... Aus dem Rußlandfeldzug entlassen, kam PT 1943 als Kaplan in die Arbeiterpfarrei St. Sebastian am Wedding in Berlin. In wenigen Wochen hatte er zahlreiche junge Menschen um sich gesammelt - skeptisch von den staatlichen Organen beobachtet. Ungeachtet des Verbotes beherbergte er besonders französische Zwangsarbeiter und überließ ihnen Räume, ohne daß sein Pfarrer es wußte. Er gab keine Stunde des Tages und der Nacht, wo er nicht zu sprechen war. 1945-47 war seine Wohnung Zuflucht für Kriegsgefangene, Freunde aus Breslau, Heimatvertriebene und zeitweise Mittelpunkt der Jesuiten.

... In den fünfziger Jahren erlebte ihn die Neudeutsche Jungengemeinschaft in Berlin als 'Markkaplan' in Zeltlagern, Rom- und Frankreichreisen. Es gab in seinen gesunden Tagen keinen Tag, an dem er nicht die hl. Messe feierte. Seine Jungenführer ministrierten ihm in St. Clemens früh um 6 oder 7 Uhr. Anschließend wurde gefrühstückt und die gemeinsame Arbeit besprochen. Seine einfache Sprache, sein Engagement, sein menschliches Entgegenkommen begeisterten und schafften Vertrauen. Man ging ins Kino, in die Oper, in das Theater. Sartre, Eliot, Bert Brecht wurden besprochen. Der immer deutlicher werdende Gegensatz von Ost und West veranlaßte P. Tanner zum Bau des Alfred-Delp-Hauses in Berlin-Kladow. Bei Bischöfen und Ministern, sogar bei Konrad Adenauer, bettelte er, um dieses Haus zu einer Begegnungsstätte für mitteldeutsche Jugend zu machen. Und das gelang bis zum Bau der Mauer. Später wurde Kladow hauptsächlich ein Jugendhotel mit Gästen aus Westdeutschland und dem Ausland. Mit denen saß der Pater abends diskutierend und plaudernd am Kamin. Wieviele Päckchen mag er wohl in die 'Zone' geschickt haben? Im Keller des Ignatiushauses mußte da jeder, der kam und etwas Zeit hatte, mit anpacken.

1968 gab PT die geliebte Jugendarbeit in jüngere Hände. Nun waren Gestrauchelte in Strafanstalten seine Gesprächspartner. Wer ihn in diesen Jahren als Freund kannte, weiß, wieviel er für diese Menschen getan hat. Er sah auch die Armseligkeit der Justiz. Staatsanwälten und Gefängnisdirektoren war er oft lästig.

Ein Motor, der jahrzehntelang auf Hochtouren lief! Ein Leberleiden und mehrere Herzinfarkte ließen das Ende vorausahnen. An seinem 70. Geburtstag mußte er sich von seinem geliebten Alfred-Delp-Haus trennen. Eine große Schar von Getreuen, die diesen Geburtstag mit ihm feierten, erleichterte ihm die Trennung. Oft verließ ihn nun sein Gedächtnis. Zuletzt war er nur noch ein Schatten seiner selbst. - Neudeutschland - ja ganz Berlin hat einen unermüdlichen Priester verloren."
Günter Bürger, Stadtrat, Berlin-Schöneberg

"Hunderte von Menschen nahmen an dem regnerischen 25. März 1976 an dem Requiem in der Canisiuskirche (Berlin-Charlottenburg) teil. Unter ihnen Kardinal BENGSCH. P. Provinzial BRENNINKMEYER zeigte in seiner Gedächtnisrede, daß der Verstorbene wahrhaft, nach seinem Lieblingswort, ein 'Knecht' Gottes war. Dies war wohl die größte Beerdigung, die jemals ein Jesuit in Berlin hatte."
Rudolf Pischel SJ, Marburg

Die Texte wurden zusammengestellt von
P. Erich Rommerskirch SJ

[zurück zu P. Otto Syres SJ - Kalendarium]

Link to 'Public Con-Spiracy for the Poor'