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GESCHICHTE

der

Ostdeutschen Provinz

der Gesellschaft Jesu

2. Teil

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges
bis zum Beginn
der 31. Generalkongregation
im Mai 1965












von
Alfred Rothe S.J.


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ii

Zur Einführung

Während es im ersten Teil bei einigen Häusern an den nötigen Unterlagen fehlte, ist jetzt hier und da eher ein Überangebot an Material da. Es gilt also auszuwählen. Aber leider werden bei manchen Häusern oft nur nebensächliche Kleinigkeiten berichtet, ohne daß auf die eigentlichen Arbeiten und Anliegen des Hauses eingegangen wird.

Vielleicht würde es gern gesehen, wenn manche Dinge ausführlicher behandelt worden wären. Aber es ist bewußt Wert gelegt worden auf eine kurze, gestraffte und zusammenfassende Darstellung, die nicht zu sehr auf Einzelheiten eingeht. Das Ziel war auch dieses Mal, die wichtigsten Geschehnisse mit genauen Fakten und Daten festzuhalten. Über die Häuser, die in der DDR liegen, fehlen leider seit 1961, dem Jahr der Errichtung der Berliner Mauer, genaue Berichte.

Die ersten Kapitel wurden im Jahre 1968 niedergeschrieben und berücksichtigen die damaligen Verhältnisse. Wegen Erkrankung des Verfassers zog sich jedoch die Niederschrift über eine längere Zeit hin. Als Abschluß des Berichtes gilt der Beginn der 31. Generalkongregation im Mai 1965.

Berlin, im Januar 1971

P. Alfred Rothe S.J.

 

ABKÜRZUNGEN

AdPr

=

Aus der Provinz. Nachrichten aus den deutschen Provinzen

ARSJ

=

Acta Romana Societatis Jesu.

Hist.dom.

=

Historia domus. Hausgeschichte.

Hist.gen.Prov.Germ.Orient.

=

Historia generalis Provinciae Germaniae Orientalis.

JesLex

=

Koch, Jesuiten-Lexikon, Paderborn 1934.

Mttlg.

=

Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu.

 


iii

Inhaltsverzeichnis

I.

ALLGEMEINE GESCHICHTE DER OSTDEUTSCHEN PROVINZ

 
 

Die äußere Entwicklung

1
 

Das Unglück von Herrsching

5
 

Der Biesdorfer Prozeß

8

II.

BERLINER HÄUSER

 
 

Canisius-Kolleg

14
 

St. Clemens

17
 

Provinzialat Dahlem

20
 

Canisiushaus

22
 

Haus Maria Frieden

23
 

Ignatiushaus

25
 

Peter-Faber-Kolleg

28
 

Exerzitienhaus Biesdorf

30

III.

MITTELDEUTSCHE HÄUSER

 
 

Dresden

31.2
 

Erfurt

35
 

Leipzig

37
 

Magdeburg

39
 

Weimar

41
 

Zwickau

42
 

Rostock

43

IV.

WESTDEUTSCHE HÄUSER

 

Gießen

45
 

Marburg

47
 

Darmstadt

48
 

Jakobsberg

49

V.

SINOIA-MISSION

52

VI.

SCHRIFTSTELLERISCHE TÄTIGKEIT

57
 

Anhang

 
 

DER JESUITENPROZESS
(Petrusblatt, Berlin, den 11.Januar 1959)

62
 

ZEITTAFEL
zur Geschichte der Ostdeutschen Provinz S.J.

65

 


1

I. Allgemeine Geschichte der Ostdeutschen Provinz

Die äußere Entwicklung

Als der Krieg im Frühjahr 1945 zu Ende ging, war es lange Zeit nicht möglich, eine genaue Bestandsaufnahme der Provinz zu machen, also festzustellen, wer den Krieg lebend überstanden habe. Die für Sommer 1945 genannte Zahl von 252 Mitgliedern (1) konnte erst später errechnet werden. Sie hätte noch mehrmals korrigiert werden müssen, als nämlich bisher Vermißte als verstorben angesehen werden mußten, bzw. der schon lange tot geglaubte P. Heinrich Werling in Estland noch lebte und erst 1961 starb (2).

Da die Provinz den größten Teil ihres Gebietes durch den Krieg verloren hatte, wurden ihr jene Teile der Niederdeutschen Provinz, die in der russischen Zone liegen, als vorläufiges Arbeitsgebiet übertragen. Es waren dies vor allem Thüringen, das zur Diözese Fulda gehört, und Mecklenburg, das einen Teil der Diözese Osnabrück ausmacht. In diesen Gebieten entstanden schon bald nach dem Kriege die Niederlassungen von Erfurt und Rostock. Das Provinzgebiet bestand also jetzt, zwar nicht juristisch (de iure), wohl aber tatsächlich (de facto) aus Berlin und der bald entstehenden DDR (Deutsche Demokratische Republik). Dazu kamen später noch als Arbeitsgebiete in der Bundesrepublik die Diözesen Fulda und Mainz (3).

Die Zahl der Eintritte in den ersten Jahren nach dem Kriege war erfreulich hoch, so daß die Ostdeutsche Provinz die Verluste des Krieges bald ausgleichen konnte. Allerdings war auch die Zahl der Wiederaustritte größer als in früheren Jahren. Bis zum Mai 1965 traten in die Ostdeutsche Provinz ein: 4 Priester, 219 Scholastikerkandidaten und 28 Brüder. Von den Priestern wurde einer aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Die drei anderen blieben dem Orden treu. Von den 219 Scholastikerkandidaten starben 16 im Orden, bis auf einen alle Opfer des Unglücks von Herrsching (4), und 94 wurden bis 1. April 1968 wieder entlassen. 109 also, davon 11 in der DDR, sind Priester geworden oder stehen in der unmittelbaren Vorbereitung auf das Priestertum. Von den Brüdern starb Br. Gerhard Zocholl (5) 1966 in der Sinoia-Mission; zwölf wurden wieder entlassen. Die übrigen 15 sind heute (1968) in Heimat oder Mission tätig.

Da während des Krieges viele Scholastiker vorzeitig geweiht worden waren und in dieser Zeit keine Eintritte erfolgten, gab es in den ersten Jahren nach dem Kriege nur wenige Neupriester. Wohl wurden in den Jahren 1947 und 1948 nochmals 10 bzw. 8 Scholastiker geweiht; in den nachfolgenden Jahren waren es nur einige Vereinzelte, bis dann mit dem Jahre 1955 die Zahl der jährlichen Priesterweihen wieder ansteigt. Im ganzen hatte die Provinz in den 20 Jahren vom Mai 1945 bis Mai 1965 genau 90 Neupriester.

___________________

(1) Geschichte der Ostdeutschen Provinz, 1. Teil, S.78 - (2) Rundbrief vom 8. April 1961 - (3) Hist.gen.prov.Germ.Orient. 196o, 1962 - (4) Siehe folgendes Kapitel - 5) Mttlg. XXI.

 


2

Trotz des Unglückes von Herrsching erholte sich die Provinz rasch von dem Tiefstand des Jahres 1945. Anfang 1956 schon wurde die Zahl 300 überschritten und 1960 war der Vorkriegshöchststand mit 320 Mitgliedern erreicht. Es folgte 1962 der bisherige Höchststand in der Gesamtgeschichte der Provinz mit 326 Mitgliedern (6), der aber nicht gehalten wurde. Zu Beginn des Jahres 1965 zählte die Provinz genau 320 Mitglieder wie im Jahre 1939. In der Zusammensetzung der 320 Mitglieder besteht jedoch ein gewaltiger Unterschied. Im Jahre 1939 waren es 135 Priester, 124 Scholastiker und 61 Brüder. 1965 dagegen sind es 213 Priester, 60 Scholastiker und 47 Brüder. Die Zahl der Priester hat also bedeutend zugenommen, die der Scholastiker wurde halbiert und die der Brüder ging um ein Viertel zurück. Damit hängt ferner zusammen, daß im Jahre 1939 mehr als 2/3 der Provinz, genau 228 Mitglieder, jünger als 40 Jahre waren. 1965 waren es nur noch 127 (7).

Wenn von ostdeutschen Jesuiten die Rede ist, ist zu beachten, daß durchaus nicht alle aus Ostdeutschland stammten. Von den 306 Mitgliedern, die die Provinz Ende 1957 zählte, waren 161 in den Gebieten östlich der Oder-Neiße geboren, 54 in Berlin und 30 in Mitteldeutschland (DDR). Weitere 47 stammten aus der Bundesrepublik - es waren hauptsächlich solche, die schon vor 1931 in Ostdeutschland gearbeitet hatten und damals zur Ostdeutschen Provinz überschrieben wurden - und schließlich 14 aus dem Ausland, vor allem aus dem Sudetenland (8).

Die politische Situation zwang die Provinz, im Jahre 1958 ein eigenes Noviziat für die DDR zu eröffnen und damit zugleich auch schon an die Schaffung von Studienmöglichkeiten und an die Errichtung eines Scholastikates zu denken. Denn nach und nach war es immer schwieriger geworden, junge Priester in die DDR zu schicken. Schon 1952 war Westberliner Bürgern selbst die Reise dorthin unmöglich geworden. Und umgekehrt wurde das illegale Verlassen der DDR schwer bestraft (9). Naturgemäß mußten wegen der geringen Anzahl von Katholiken in der DDR Noviziat und Scholastikat klein bleiben (10). - Aus ähnlichen Gründen war schon vorher P. Bruno Spors und am 5. Oktober 1955 P. Georg Sunder zum Regionalobern für die DDR ernannt worden (11). Es follten im Januar 1959 P. Herbert Gorski und am 20. März 1964 P. Georg Conrad.

___________________

(6) Vorübergehend, nach dem Eintritt neuer Kandidaten, zählte die Provinz sogar noch mehr Mitglieder. Aber diese Tatsache hat in den jährlichen Katalogen keinen Niederschlag gefunden, weil einige dieser Kandidaten bald wieder weggeschickt wurden.
(7) Am 31. August 1957 betrug das Durchschnittsalter der Ostdeutschen Provinz 43,6 Jahre (43 Jahre, 7 Monate, 4 Tage). Im einzelnen wurde damals errechnet:
Patres 49 J. 9 Mon. 7 Tage = 49,77 Jahre
Scholastiker 26 J. 6 Mon. 7 Tage = 26,52 Jahre
Patres und Schol. 43 J. 1 Mon. 29 Tage = 43,16 Jahre
Brüder 46 J. 10 Mon. 1 Tag = 46,84 Jahre
(Rundbrief vom 14. September 1957)

(8) Rundbrief vom 6. Dezember 1957 - (9) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1958 - (10) Vgl. Rundbrief vom 23. Juli 1962 - (11) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1955

 


3

Sehr traurig sah in den ersten Jahren nach dem Kriege die wirtschaftliche Lage der Provinz aus. Im Kriege waren nicht bloß ungeheure Vermögenswerte verloren gegangen, es bestand auch keine Möglichkeit, wiederum neue zu schaffen. Die Häuser im Währungsgebiet der Ostmark, also in Ostberlin und in der DDR, waren eher auf Hilfe angewiesen, als daß sie hätten helfen können (12). Und doch mußten die jungen Scholastiker erhalten und ihre Ausbildung sicher gestellt werden. Es war dies nur möglich, weil die Provinz vom Ordensgeneral und aus anderen Provinzen gute Meßstipendien erhielt. Ebenso wertvoll war andere karitative Hilfe, die vor allem aus den beiden Amerika kam. Dabei sei besonders des 'Centre Canisius' in Montreal/Kanada gedacht, das Jahre lang ungezählte Kisten mit Lebensmitteln, Kleidung und Schuhwerk geschickt hat.

Die Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten hatte es mit sich gebracht, daß ein großer Teil der ostdeutschen Jesuiten nach Süd- und Westdeutschland ging. Die jungen Fratres wurden sogar eigens dorthin geschickt, weil eine andere Ausbildungsmöglichkeit nicht bestand. Sie studierten vor allem in Pullach bei München. Einige wenige konnten ins Ausland geschickt werden, weil die Provinz dort einen Freiplatz hatte. Die Priester wurden nach und nach in die Provinz zurückberufen, dennoch blieben auch später aus verschiedenen Gründen nicht wenige in Süd- und Westdeutschland. Dieser Umstand macht es unmöglich, einen genauen gültigen Überblick über die von ostdeutschen Jesuiten in der Seelsorge geleistete Arbeit zu geben. Aber nicht vergessen werden soll, mit welchem Eifer in den ersten Jahren nach dem Krieg in der Flüchtlingsseelsorge gearbeitet wurde. Es geschah dies meistens in einer Form verkürzter Volksmissionen, auf denen die Gläubigen während dreier Tage auf den Empfang der Sakramente vorbereitet wurden. Diese Kurzmissionen sind damals in Hunderten von Orten mit außerordentlichem Erfolg (eximio successu) gehalten worden, vor allem in Mecklenburg, Sachsen und Thüringen. Hunderttausende ost- und sudetendeutscher Katholiken waren damals in Gegenden verschlagen worden, in denen es weder einen katholischen Priester noch katholischen Gottesdienst gab. Allein für das Jahr 1948 werden 196 solcher Missionen gemeldet (13).

Der Anteil der Ostdeutschen Provinz an den auswärtigen Missionen war in den ersten Jahren ihres Bestehens gering. Wohl waren einige Scholastiker nach Japan gegangen; acht von ihnen wurden auch nach Abschluß ihrer Ausbildung zur Japanischen Provinz überschrieben (14). Und der Versuch, in Afrika ein eigenes Missionsgebiet zu erhalten, wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vereitelt (15). Dennoch waren schon sechs Patres und vier Brüder nach Afrika gezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg

___________________

(12) Hist.gen.prov.Germ.Orient. 1946/49 - (13) Hist.gen.prov.Germ.Orient. 1946/49 - (14) Es sind dies die Patres Hubert Cieslik, Josef Edelmann, Arnold Lademann, Alfred Matern, Franz Reuschel, Johannes Stolte, Gerhard Malik, Heinrich Jokiel. - (15) Geschichte der Ostdeutschen Provinz, 1.Teil, S.15

 


4

wurde dann jeder Priester im eigenen Provinzgebiet, vor allem für die Seelsorge unter den Heimatvertriebenen, dringend gebraucht. Im Jahre 1957 erlaubte schließlich der Ordensgeneral, daß die Provinz wiederum Missionare nach Afrika schicke (16). Und im folgenden Jahre reiste P. Provinzial Wehner selbst nach Rhodesien, um an Ort und Stelle Möglichkeiten und Bedingungen eines eigenen Missionsgebietes zu erkunden (17). Eine neue, der Ostdeutschen Provinz zu übertragende Mission wurde am 31. Juli 1959 durch Dekret des Ordensgenerals errichtet, das am 8. September publiziert wurde und damit in Kraft trat (18). Anfang 1965 arbeiteten bereits 20 ostdeutsche Jesuiten daselbst, zu denen noch zwei Patres aus der Niederdeutschen Provinz und ein eingeborener Bruder kamen. Die Geschichte dieser Mission wird in einem eigenem Kapitel gewchildert werden.

Die Ostdeutsche Provinz zählte zum gleichen Zeitpunkt in ihren westlichen Häusern 141 (91 + 15 + 35), in den östlichen Niederlassungen 61 (45 + 11 + 5), in der Sinoia-Mission 21 (12 + 4 + 5) und in anderen Provinzen 97 (65 + 30 + 2), insgesamt also 320 (213 + 60 + 47) Mitglieder (19).

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(16) Hist.gen.prov.Germ.erient. 1957 - (17) Hist.gen.prov.Germ.Orient. 1958; Rundbrief vom 6. Dezember 1958; Mitteilungen, Band 18 (1960) 391-396 - (18) Hist.gen.prov.Germ.Orient. 1959; Acta Romana S.J. XIII (1959) 6o3-6o5; Rundbrief vom 1.Oktober 1959 - (19) Amtsfolge der Provinziäle: Bernhard Hapig, 24. Mai 1942; Paul Boegner, 4. Juni 1948; Karl Wehner, 25. März 1954; Paul Mianecki, 19. März 1960; Günter Soballa, 27. Januar 1965 (Viceprov.), 31. Juli 1965 Prov.

 


5

Das Unglück von Herrsching

Nach der Vertreibung aus Schlesien und dem Verlust von Mittelsteine hatte die Ostdeutsche Provinz ihr Noviziat zunächst gemeinsam mit der Oberdeutschen Provinz. Im Jahre 1951 wurden die beiden Noviziate getrennt und der bisherige Novizenmeister P. Otto Pies versetzt (1). Deshalb baten die in Pullach studierenden Fratres der Ostdeutschen Provinz, die alle ihr Noviziat unter der Leitung von P. Pies gemacht hatten, mit ihm eine Wallfahrt nach Andechs, der Heimat der hl. Hedwig, machen zu dürfen.

Am 19. Juni 1951 fuhren in aller Frühe 22 Fratres nach Andechs. Dort feierten sie zusammen mit P. Pies die Votivmesse von der hl. Hedwig und blieben auch danach noch längere Zeit in der Wallfahrtskirche. Anschließend wurde an einem stillen, abgelegenen Platz am Pilsensee Mittagsrast gehalten. Trotz des schlechten, regnerischen Wetters herrschte unter den Fratres 'herzliche Fröhlichkeit'. Gegen 16 Uhr wurde die Heimfahrt angetreten. Der Weg, den man benutzte, führte an der Bahn entlang und machte nach etwa 100 Metern eine Biegung, um die Bahn zu überqueren. Die Schranke, die immer geschlossen sein sollte und von den Passanten selbst geöffnet wurde, war offen. Der Fahrer fuhr also ohne Halt weiter. Da der Weg auf den Bahndamm hinauf ein wenig anstieg, fuhr der Wagen von selbst langsamer. Der Bahnkörper ist hier wegen dichten Gebüsches nur auf etwa 100 - 120 Meter zu übersehen. Als der Wagen mit den Fratres gerade über die Gleise holperte, ertönte der Pfiff eines Zuges. Der Fahrer gab sofort Gas, aber schon raste die elektrische Lokomotive mit 70 bis 80 Stundenkilometern in den Hinterteil des Wagens, der sich noch auf den Geleisen befand. Der Lokomotivführer, der plötzlich einen Wagen vor sich auf den Schienen gesehen hatte, hatte sofort die Notbremse gezogen und einen Warnungspfiff abgegeben, aber es war schon zu spät. Die Fratres wurden beim Zusammenstoß nach verschiedenen Seiten herausgeschleudert und der Wagen in die Luft geworfen. Er blieb etwa 15 Meter entfernt im sumpfigen Gelände stecken (2).

P. Pies, der in der Fahrerkabine gesessen und einen leichten Schädelbruch und eine Gehirnerschütterung erlitten hatte, konnte bald aus seiner Einzwängung befreit werden. Zusammen mit Fr. Bernhard Raab und einigen wenigen Helfern, die im Eisenbahnzuge gesessen hatten, nahm er sich der noch lebenden Fratres an. Ein Reisender benachrichtigte das in der Nähe befindliche Tbc-Krankenhaus von Herrsching. Sofort erschienen ein Arzt und ein Priester, so daß alle Sterbenden und Schwerverletzten die hl. Ölung empfangen konnten. P. Pies selbst hatte kein hl. Öl bei sich; darum konnte er nur die Generalabsolution erteilen. Die Schwerverletzten, die besondere chirurgische Hilfe brauchten, wurden in das Krankenhaus Seefeld, die anderen in das Herrschinger Krankenhaus gebracht.

___________________

(1) Mttlg. XIX, 397-402 - (2) Akten vom Unglück bei Herrsching, Provinzarchiv

 


6

Einige der Fratres waren sofort tot, andere starben auf dem Transport ins Krankenhaus oder im Krankenhaus. Im ganzen starben von den 22 Fratres 16, darunter der Engländer Raymond McGrath, der sich an der Wallfahrt beteiligt hatte (3). Von den übrigen waren vier schwer verletzt, zwei leichter. Auch der Fahrer des Wagens Herr Schenk kam mit leichteren Verletzungen davon.

Schon bald nach dem großen Unglück gingen aus aller Welt Beileidsbezeugungen ein, nicht bloß von Mitbrüdern und Ordensleuten, sondern auch von Bischöfen, Ministern und anderen hochgestellten Persönlichkeiten wie auch von einfachen Leuten (4). Am 22. Juni wurden die sterblichen überreste der Verunglückten in Pullach beigesetzt. Eine außergewöhnlich große Trauergemeinde hatte sich im Berchmanskolleg zum Requiem eingefunden, das Kardinal Faulhaber von München zelebrierte. P. Provinzial Boegner von Berlin nahm die Beerdigung vor und P. Provinzial Franz Xaver Müller von der Oberdeutschen Provinz hielt die Ansprache (5).

Das Unglück hatte noch ein sich über Jahre hinziehendes gerichtliches Nachspiel. Der Prozeß wurde in München geführt und begann am 12. Januar 1954. Am 29. Januar wurde das Urteil verkündet. Der Fahrer Schenk wurde freigesprochen, dagegen wurden

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(3) R. Bleistein S.J. Die große Berufung. Von Leben und Sterben sechzehn junger Jesuiten. Augsburg, Winfriedwerk 1952

Die 15 Toten der Ostdeutschen Provinz sind:
Dziadek, Hans Konrad, geb. 10. Juli 1929 in Cottbus
Halatsch, Werner, geb. 15. April 1927 in Ratibor OS
Ibrom, Werner, geb. 20. März 1926 in Oppeln OS
Jung, Hans Georg, geb. 25. Mai 1925 in Hindenburg OS
Juraschek, Johannes Nepomuk, geb. 14. Oktober 1917 in Bromberg
Keith, Günter, geb. 8. Januar 1928 in Gleiwitz OS
Kodes, Ernst, geb. 24. Dezember 1923 in Waldenburg/Schl.
Kostka, Johannes, geb. 1. Juli 1926 in Breslau
Kramer, Bernhard, geb. 13. Februar 1925 in Breslau
Patton, Reiner, geb. 9. März 1928 in Beuthen OS
Persicke, Josef, geb. 15. Februar 1925 in Breslau
Rothkege1, Winfried, geb. 19. Juli 1923 in Berlin
Schindler, Johannes, geb. 3. August 1923 in Breslau
Seidenschwarz, Karlheinz, geb. 26. April 1924 in Berlin
Szyskowitz, Johannes, geb. 30. Juli 1929 in Berlin

(4) Rundbrief vom 11. August 1951 - (5) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1951

 


7

drei Bundesbahnbeamte zu 7 bzw. 8 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie wegen "Duldung des unvorschriftsmäßigen Zustandes des Übergangs das Unglück ursächlich mitverschuldet" hätten (6). Da die Staatsanwaltschaft wie auch die Bundesbahnbeamten Berufung einlegten, wurde ein zweiter Prozeß nötig, der im November 1955 geführt wurde und wiederum mit dem Freispruch des Fahrer Schenk und der Verurteilung der Bundesbahnbeamten endete (7). Da erneut Berufung eingelegt wurde, kam die Sache vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe, der den Revisionsantrag der Staatsanwaltschaft verwarf und den Freispruch des Kraftfahrers Schenk durch das Landgericht München rechtskräftig bestätigte. Ebenso wurden die Urteile gegen zwei Bundesbahn-Oberräte bestätigt, die wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Transportgefährdung verurteilt worden waren (8).

Von den überlebenden Fratres ist einer später aus dem Orden ausgetreten, die anderen sind Priester geworden. Es sind die Patres Wolfgang Hundeck, Georg Muschalek, Josef Ortscheid, Bernhard Raab und Johannes Bapt. Wagner.

___________________

(6) Rundbrief 1954/1 - (7) Rundbrief 1955/V1 - (8) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1957. Rundbrief vom 22. Februar 1957

 


8

Der Biesdorfer Prozeß

Seitdem im Jahre 1952 das Exerzitienhaus in Berlin-Biesdorf vom Bistum Berlin übernommen war (1), wohnten die Biesdorfer Jesuiten nicht mehr im Exerzitienhaus, sondern hatten eine kleine Wohnung in der Heesestraße 12 gemietet. Dort wohnten aber nur P. Superior Spors und P. Robert Frater. Der Kuratus P. Wilhelm Rueter und P. Walter Hruza sowie Br. Adalbert Moschall hatten ihre Zimmer in der sog. Pfarrbaracke, Fortunaallee 30. Zu den Mahlzeiten und zur Erholung kam man aber in der Heesestraße zusammen.

Die Verhaftungen. Am 22. Juli 1958 gegen 22.00 Uhr erschien in der Heesestraße 12 ein Kommando des SSD (Staatssicherheitsdienstes), verlangte nach P. Robert Frater, durchsuchte 5 Stunden lang sein Zimmer und nahm ihn am 23. Juli früh um 3.00 Uhr mit. Am Morgen geht P. Josef Menzel aus Magdeburg, der in Biesdorf seine jährlichen Exerzitien gemacht und in diesen Tagen in der Pfarrbaracke gewohnt hatte, zur Heesestraße. Dort erfährt er von der Haushälterin, was sich in der Nacht zugetragen hat. Er geht zur Fortunaallee zurück, um die Nachricht von der Verhaftung des P. Frater sofort zu überbringen. Dann kehrt er zur Heesestraße zurück und wird von der Volkspolizei, die wiederum eingetroffen ist, ebenfalls verhaftet. Das gleiche Schicksal ereilt P. Kuratus Wilhelm Rueter, der hinübergegangen war, um zu frühstücken und bei dieser Gelegenheit festzustellen, was geschehen sei.

Nachmittags kommt P. Josef Müldner aus Zwickau nach Biesdorf. Er weilte zur Erholung in Berlin und hatte sich bereit erklärt, den Exerzitienkurs für Ordensschwestern zu übernehmen, den P. Frater geben sollte. P. Müldner wußte wohl, daß P. Frater verhaftet sei, hatte aber nicht erfahren, daß das gleiche auch den Patres Menzel und Rueter widerfahren sei. Als er nun zur Heesestraße kommt, wird auch er festgenommen (2).

Die beiden Patres Bruno Spors und Walter Hruza, die in jenen Tagen nicht zuhause waren, entgingen ihrer Festnahme.

In den folgenden Wochen und Monaten war über das Schicksal der verhafteten Patres nichts zu erfahren. Auch der Berliner Bischof Döpfner, der sich am 9. August an den Generalstaatsanwalt der DDR gewandt hatte, erhielt keine Antwort. Und den Verteidigern der vier Patres wurde nur erklärt, daß die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien und darum auch noch kein Verhandlungstermin feststehe.

Die nun schon länger als drei Monate andauernde Unsicherheit veranlaßte Bischof Döpfner, am 2. November, einem Sonntag, als er in Biesdorf-Süd das Sakrament der Firmung spendete, zu folgender Erklärung:

___________________

(1) Siehe unter II. Exerzitienhaus Biesdorf - (2) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1958; Rundbrief vom 20. August 1958

 


9

"Euer Seelsorger P. Wilhelm Rueter ist seit dem 23. Juli 1958 verhaftet zusammen mit drei anderen Mitbrüdern der Gesellschaft Jesu, P. Frater, P. Menzel und P. Müldner.

Das Wirken dieser vier Priester des Jesuitenordens vollzog sich vor unser aller Augen zum Besten des katholischen Volkes. Sie haben Tausenden von Gläubigen Stärkung und Freude zur Erfüllung ihrer täglichen Pflichten vermittelt. So spreche ich in dieser Zeit schwerer Prüfung den Dank der Kirche aus:

Pater Wilhelm Rueter betreute mit Eifer Eure Gemeinde 'Herz Jesu' Biesdorf seit dem 15.April 1958;
Pater Robert Frater war in der Exerzitienarbeit und Seelsorge tätig;
Pater Josef Menzel half in der Seelsorge im Gebiet von Magdegurg mit und
Pater Josef Müldner im Gebiet von Zwickau.

Wir gedenken auch der Schwester Anita Weber (3), die im Zusammenhang mit den vier Jesuitenpatres kurz danach - Ende Juli dieses Jahres - verhaftet wurde, und schließen bei dieser Gelegenheit in unser brüderliches Gedenken auch die elf katholischen Männer von Rathenow ein, die im Juli dieses Jahres verhaftet wurden (4).

Am 9. August 1958 schrieb ich an den Herrn Generalstaatsanwalt der DDR mit der Bitte, dienstlichen Aufschluß über die für uns so unerwartete Verhaftung der vier Jesuitenpatres zu geben und den Fall zu einem klärenden Abschluß zu führen. Ich erhielt keine Antwort.

Ich habe auf dem Katholikentag am 17. August die Hoffnung ausgesprochen, daß unseren Glaubensbrüdern, Priestern, Qrdensleuten und Laien, die festgehalten werden, die gerechte Behandlung zuteil werde und ihnen ehestens die Freiheit zurückgegeben werde. Unsere Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

So muß ich heute wiederum vor Euch und in aller Namen die Sorge und tiefe Beunruhigung des katholischen Volkes aussprechen über die für uns unverständlichen Verhaftungen und über die bald vier Monate währende Freiheitsberaubung, ohne daß dafür eine Begründung in Recht und Gerechtigkeit vorliegt..., ... Forderung erheben, daß bald überzeugende Klarheit geschaffen wird" (5).

Erst allmählich wurde klar, was der Anlaß zur Verhaftung von P. Frater und damit auch der anderen gewesen sein könne. P. Frater betreute seelsorglich eine Caritasschwester. Diese hatte in Dresden gearbeitet, war aber um das Jahr 1953, nachdem sie gerade einer Verhaftung entgangen war, nach Westberlin gekommen. Und weil ihr auch in Westberlin eine Gefährdung nicht ohne weiteres ausgeschlossen schien, verschaffte sie sich einen nicht auf ihren Namen lautenden Personalausweis. Damit hatte sie auch die Möglichkeit, in den Berliner Ostsektor zu gehen, ohne sich unmittelbar zu gefährden. Mit diesem Ausweis hat sie auch einige Male P. Frater in der Biesdorfer Heesestraße aufgesucht.

___________________

(3) Das Verfahren gegen Schwester Anita Weber wurde nicht durchgeführt, sondern Ende Dezember 1958 eingestellt und die Schwester auf freien Fuß gesetzt. - (4) Diese Männer wurden am 12. Dezember 1958 vom Bezirksgericht Potsdam wegen angeblicher Spionage zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. - (5) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1958; Petrusblatt, 14. Jahrg., Nr. 45, Berlin, den 9. November 1958

 


10

Im Frühjahr 1958 schrieb nun P. Frater an die Schwester einen Brief, den er einem Bekannten mitgab mit der dringenden Bitte, den Brief nur in Westberlin in den Briefkasten zu werfen. Die Schwester erhielt den Brief auch einige Tage später, aber mit einem ostzonalen Poststempel. Dem Briefe war ferner anzusehen, daß er kontrolliert worden war. Durch ihn haben wohl dann die östlichen Sicherheitsorgane die Anschrift der Caritasschwester erfahren und vor allem ihre Verbindung zu P. Frater festgestellt.

Einige Zeit später traf P. Frater in der Wohnung der Schwester einen Herrn vom Bundes-Verfassungsschutz, genannt der 'Doktor'. P. Frater hatte diese Begegnung weder gesucht noch beabsichtigt, sondern sie hatte sich ganz zufällig ergeben. Der Herr vom Verfassungsschutz erzählte nun, daß er daran interessiert sei, Einzelheiten über die Verhältnisse in der DDR zu erfahren; er hoffe, daß ihm P. Frater dabei behilflich sein werde. P. Frater lehnte dieses Ansinnen ab mit der Begründung, daß er Seelsorger sei und sich auf politische Anliegen nicht einlasse. Diese Begegnung mit dem 'Doktor' war und blieb die einzige.

Als dann einige Zeit später die Eheleute H., die P. Frater schon lange bekannt waren, ihm mitteilten, daß sie beabsichtigten, in den Westen zu gehen, wies sie P. Frater an die erwähnte Caritasschwester, damit sie die Familie in ein Lager bringe. Die Schwester jedoch führte trotz ausdrücklichen Verbotes von P. Frater den Herrn H. zum 'Doktor'. Dieser erklärte, er könne nur solchen Leuten helfen, die auch für ihn gearbeitet hätten. Er forderte darum Herrn H. auf, umzukehren und in der DDR für ihn Spitzeldienste zu leisten; letzteres lehnte Herr H. ab (6).

Der Prozeß. Überraschend und unerwartet kam die Sache Mitte Dezember 1958 wieder in Bewegung. Am 9. Dezember benachrichtigte der General-Staatsanwalt die beiden Verteidiger, daß die Angelegenheit an das Bezirksgericht Frankfurt/Oder überwiesen sei. Und schon am 11. Dezember wurde vom dortigen Strafsenat das Verfahren eröffnet und mitgeteilt, daß die Hauptverhandlung am 17. Dezember stattfinden werde. Obgleich zwei der Angeklagten in Ostberlin wohnten und der ganze Vorfall sich in Ostberlin abgespielt hatte, kam die Sache nicht vor das Ostberliner Stadtgericht, sondern wurde nach Frankfurt/Oder, also an die äußerste Ostgrenze der DDR überwiesen. Damit wurde unzweideutig klar, daß man unter sich sein und keine westlichen Zuschauer, vor allem keine westlichen Journalisten, dabei sehen wollte.

Die Gerichtsverhandlung fand am 17. und 18. Dezember statt, und am 20. Dezember wurde das Urteil gesprochen. Die vier Patres waren verschiedener 'Straftaten' angeklagt, so der Spionage, Abwerbung, staatsgefährdender Hetze und illegaler Einfuhr von Waren und Geld. Das Gericht hatte an den einzelnen Punkten ein sehr unterschiedliches Interesse. Verstöße gegen die Bestimmungen über die Ein- und Ausfuhr von Waren und Zahlungsmitteln wurden verhältnismäßig geringfügig geahndet. Das Hauptgewicht

___________________

(6) Akten zum Prozeß Biesdorf, Provinzarchiv

 


11

legte die Anklage auf die Punkte der 'Abwerbung', 'Spionage' und 'staatsgefährdenden Hetze' (7). Als solche galt schon der Besitz einzelner Nummern westlicher Zeitschriften. Erst recht war mühsam zusammengesucht, was den Beweis für Abwerbung und Spionage liefern sollte.

Dem Hauptangeklagten, P. Robert Frater, wurden zur Last gelegt Spionage in Tateinheit mit Abwerbung (Zusammenarbeit mit dem Bundesverfassungsschutz), staatsgefährdende Hetze (weil er westliche theologische Zeitschriften auf seinem Zimmer hatte), Beihilfe zur Republikflucht (der Eheleute H.) und unerlaubter Besitz von 47.- DM (West).

Den Vorwurf der Spionage in Tateinheit mit Abwerbung hat P. Robert Frater bis zum Schluß der Berichtsverhandlung energisch bestritten. Er wurde jedoch von dem Zeugen H. belastet, dessen Absicht, zu flüchten, den östlichen Sicherheitsbehörden bekannt geworden war und der deshalb verhaftet wurde. Die völlig unbewiesenen und von P. Frater zurückgewiesenen Aussagen des Herrn H., der offensichtlich unter Zwang aussagte, sah das Gericht als ausreichend an und verurteilte P. Frater deswegen zu vier Jahren Zuchthaus.

Zum Besitz westlicher theologischer Zeitschriften äußerte sich P. Frater dahin, er sei auf diese Zeitschriften, die er als Geschenk erhalten habe, für seine seelsorgliche Arbeit angewiesen, weil in der DDR keine theologischen Zeitschriften lizensiert seien. Dafür erhielt er 8 Monate Zuchthaus. Die bei ihm gefundenen 47.- DM (West) habe er nach religiösen Vorträgen von kirchlichen Stellen erhalten. Hier lautete die Strafe auf 2 Monate Zuchthaus. Die Gesamtstrafe wurde auf 4 Jahre und 4 Monate Zuchthaus zusammengezogen (8).

P. Josef Menzel wurden von der Anklage vorgeworfen: Verleitung Jugendlicher zum Verlassen der DDR, unerlaubte Einfuhr von Geld, bzw. nicht genehmigte Einfuhr von 6 Mopeds und staatsgefährdende Hetze, d.h. Besitz westlicher theologischer Literatur. Den Vorwurf der Abwerbung Jugendlicher hat P. Menzel energisch zurückgewiesen, zumal keiner der Jugendlichen, um die es sich handelte, tatsächlich die DDR verließ. Dagegen gab er zu, daß er 1954 sechs Mopeds eingeführt habe. Ein Warenbegleitschein oder eine Einfuhrgenehmigung sei damals von den Kontrollorganen nicht gefordert worden. Infolgedessen habe er die für die Seelsorge benötigten Mopeds offen und ohne jede Verheimlichung über die üblichen Kontrollstellen mitgenommen. Und die fraglichen Gelder seien mehrfache Finanzhilfen des Bonifatiuswerkes in Paderborn für ihn und andere Patres gewesen. Er habe das Geld abgeholt, umgetauscht und in Magdeburg dem Prokurator zur Einzahlung auf ein Konto der Niederlassung gegeben. Gegen den Vorwurf, westliche Zeitschriften besessen zu haben, verteidigte er sich ähnlich wie P. Frater. Als Gesamtstrafe erhielt P. Menzel 3 Jahre und 4 Monate Gefängnis.

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(7) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1958; Petrusblatt, 15. Jahrg., Nr. 2, Berlin den 11. Januar 1959; Siehe dazu Anhang - (8) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1958; Akten zum Prozeß Biesdorf, Provinzarchiv

 


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P. Wilhelm Rueter wurde der Beihilfe zur Republikflucht in vier Fällen und staatsgefährdender Hetze (Besitz westlicher Zeitschriften) angeklagt. Die ihm zur Last gelegte Beihilfe zur Republikflucht hat er in allen vier Fällen energisch bestritten. Drei der in Frage stehenden Mitglieder seiner früheren Gemeinde Oebisfelde Bez. Magdeburg seien ohne sein Wissen und seine Beihilfe weggegangen. Dem Vierten habe er auf seine Bitten hin lediglich bescheinigt, daß er ein eifriges Gemeindemitglied war, und ihn deshalb für Unterstützung empfohlen. Wegen dieser Empfehlung aus dem Jahre 1950 und wegen des Besitzes von 5 verschiedenen Nummern des Westberliner Kirchenblattes erhielt er insgesamt 1 Jahr und 5 Monate Gefängnis.

P. Josef Müldner schließlich war angeklagt der nicht genehmigten Einfuhr von Geld, des Besitzes westlicher Zeitschriften und des Abhörens westlicher Sender in einem Studentenkreis. Die Einfuhr des Geldes gab er zu, und den Besitz westlicher Zeitschriften erklärte er ähnlich wie die anderen. Wegen des Abhörens westlicher Nachrichten wurde er von einem Studenten erfolgreich entlastet. Solche Nachrichten habe man niemals in Gegenwart oder gar unter Leitung von P. Müldner abgehört, höchstens gelegentlich einmal bei dessen Abwesenheit. Er erhielt 1 Jahr und 3 Monate Gefängnis mit zweijähriger Bewährungsfrist und wurde sofort aus der Haft entlassen und konnte nach Zwickau zurückkehren (9).

Gegen das Urteil wurde sofort Berufung eingelegt und bei P. Frater vor allem darauf hingewiesen, daß er schwer kriegsbeschädigt sei; denn er habe 1941 einen Kopfschuß mit Gehirnverletzung erhalten. Obgleich ferner die verschiedenen Ungereimtheiten und Widersprüche im Urteil herausgestellt wurden, wurde die Berufung schon am 9. Januar 1959 als 'offensichtlich unbegründet' zurückgewiesen (10).

Gelegentlich wurde von östlicher Seite betont, man habe nichts gegen die Kirche oder den Jesuitenorden. Man gehe nur gegen einzelne vor, die sich schwer vergangen hätten. Es war aber nur zu offensichtlich, daß diese Behauptung die wahren Hintergründe verschleiern sollte. Es ist doch keine Schande und kein Verbrechen, jemandem die Fahrgelegenheit eines Mopeds zu verschaffen oder jemandem, der die DDR bereits verlassen hat, in Westberlin zu einer schnelleren Anerkennung zu verhelfen. Oder ist der Staat schon deshalb gefährdet, weil in einem Pfarrbüro einige Nummern eines westlichen Kirchenblattes herumliegen?

Über die Verurteilung der Biesdorfer Jesuiten wurde im ganzen deutschen Sprachgebiet und darüber hinaus, ja in einem gewissen Sinn in der ganzen katholischen Welt berichtet. Die Teilnahme war überall groß und echt und äußerte sich in verschiedener Form. So ordnete der Erzbischof von Köln Kardinal Frings besondere Fürbittgottesdienste an. "Vier Jesuitenpatres", so

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(9) Ebd.; Rundbrief vom 1. Februar 1959 - (10) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. l958

 


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schreibt der Kardinal, "deren einzige Schuld darin liegt, daß sie das Wort Gottes mit Kraft zu verkünden verstanden, und elf ehrenwerte Männer, deren einzige Schuld darin liegt, daß sie an religiösen Einkehrtagen in Westberlin in völlig legaler Weise teilgenommen haben, sind mit Gefängnis und Zuchthaus bestraft worden... Wir wären herzlos, wenn wir am Schicksal unserer Brüder nicht Anteil nähmen" (11).

Die Verurteilten durften nur einmal monatlich ihren nächsten Angehörigen schreiben und auch nur von diesen Post empfangen. P. Frater erhielt diese Vergünstigung jedoch erst 10 Monate nach seiner Verurteilung. Aus den Briefen der Gefangenen klingt immer wieder die Bitte um Gebet, aber auch die Versicherung, daß sie ihr Kreuz geduldig trügen (12). Sie waren alle drei in Einzelhaft, durften weder selbst die hl. Messe feiern noch am allgemeinen Gottesdienst teilnehmen. Und nur einmal im Vierteljahr durften sie von nächsten Angehörigen besucht werden, wenn diese in Ostberlin oder der DDR wohnten, sonst nur halbjährlich. Diese Besuche wurden von tapferen Schwestern der Gefangenen gemacht; die Schwester des P. Frater allerdings erhielt diese Erlaubnis im ganzen nur dreimal. Bemühungen, den Gefangenen ein deutsches Brevier zukommen zu lassen, waren vergeblich. Bei P. Rueter, der schon einmal in seiner Studienzeit an Lungentuberkulose gelitten hatte, kam diese wieder zum Ausbruch (13).

Als erster wurde nach Abbüßung der Gesamtstrafe P. Rueter am 21. Dezember 1959 entlassen. Ein Gnadengesuch, das die Schwester von P. Josef Menzel einreichte, wurde zwar abgelehnt, aber P. Menzel am 19. November 1960, nachdem er Zweidrittel seiner Strafe abgebüßt hatte, dann doch vorzeitig nach Magdeburg entlassen (15). Und im Frühjahr 1962 kam schließlich auch P. Robert Frater frei, nachdem er fast die gesamte Zeit abgesessen hatte (16), jedoch nicht aufgrund einer Amnestie, sondern nur zur Strafaussetzung (17).

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(11) Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, 18. Januar 1959 - (12) Rundbrief vom 22. August 1959 - (13) Rundbrief vom 8. Dezember 1959 - (14) Rundbrief vom 1. Juni 1960 - (15) Rundbrief vom 22. Mai 1962 - (17) P. Robert Frater hat diesen Bericht im Entwurf durchgelesen und den Verfasser auf eine Reihe wichtiger Einzelheiten aufmerksam gemacht, wofür ihm auch an dieser Stelle gedankt sei. - (13) Rundbrief vom 6. Dezember 1960

 


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II. Berliner Häuser

Als der Krieg im Mai 1945 zu Ende ging, wohnten die Berliner Jesuiten einzeln oder in kleinen Gruppen über die ganze Stadt verstreut. Das Haus in Charlottenburg war zerstört und die Schule geschlossen; St. Clemens war beschlagnahmt gewesen und das Exerzitienhaus in Berlin-Biesdorf Seuchenkrankenhaus geworden. So war es unmöglich, etwa dort fortzufahren, wo man vor Ausbruch des Krieges gestanden hatte. Überall mußte von neuem begonnen werden.

 

Canisius-Kolleg

Weil nicht bloß die Schule von der nationalsozialistischen Regierung geschlossen, sondern auch das bisherige Schulgebäude ein Opfer des Bombenkrieges geworden war, stand das Canisius-Kolleg im Mai 1945 vor einer doppelten Aufgabe. Einmal mußte die im Jahre 1925 mühsam errungene rechtliche Stellung neu gefestigt und zweitens eine möglichst endgültige neue Unterkunft für das Kolleg geschaffen werden (1). In beiden Fällen war rasches Handeln erforderlich, weil klar war, daß in den ersten Nachkriegsjahren manches leichter sein würde als später.

Am 1. Juni 1945 wurde das Gymnasium wieder eröffnet und am 16. Juni mit dem Unterricht angefangen. Zunächst waren es meist nur Vorbereitungskurse, die an verschiedenen Stellen der Stadt gehalten wurden. Die eigentlichen Klassenunterrichte begannen am 1. Oktober 1945 (2). Die Schule fand in dem ehemaligen Gesellenhaus bei St. Clemens am Anhalter Bahnhof eine für den Anfang ausreichende Notunterkunft. Hier wurden bis zum Sommer 1947 fünf Klassen und drei Abiturienten-Vorbereitungskurse mit insgesamt 300 Schülern eingerichtet. Dreimal wurde auch eine Reifeprüfung abgehalten.

Die Anerkennung der früheren Rechte der Schule erfolgte im Februar 1946 durch das Erziehungskomitee der Viermächte-Militärregierung von Berlin, das sich die Befugnisse des früheren deutschen Erziehungsministerium vorbehalten hatte. Weniger leicht schien es zu sein, ein neues Heim für das Kolleg zu finden. Die Möglichkeit bei St. Clemens zu bleiben, schied wegen der beengten Verhältnisse aus. Ein Neubau war in jener Zeit undurchführbar. Darum wurde Ausschau gehalten nach einem vom Krieg möglichst wenig beschädigten Haus, das sowohl Schule und Ordenskommunität aufnehmen konnte als auch günstig und zentral gelegen war. Es gab mancherlei Angebote und Pläne, bis im

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(1) Klein, Heinrich, Zur Geschichte des Canisius-Kollegs 1945 - 1949. Provinzarchiv; Rundbrief vom 23. Oktober 1957 - (2) Unsere Schule, Canisius-Kolleg 1947. Berlin 1950, S. 6

 


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November 1946 P. Heinrich Klein auf das geeignetste Gebäude aufmerksam gemacht wurde, das es damals in Berlin gab, das Krupphaus in der Tiergartenstraße 30/31. Das Haus war bereits der Stadt Berlin und einer Versicherungsgesellschaft angeboten worden. Beide lehnten ab, weil das Grundstück für ihre Zwecke zu ungünstig gelegen sei.

Als dann im Dezember 1946 die Kaufverhandlungen ernstlich begannen, wollte der britische Treuhänder der Firma Krupp das Haus nur vermieten. Dieses Angebot wurde begreiflicherweise glatt abgelehnt. Die Kaufverhandlungen, die in Berlin und Essen geführt wurden, zogen sich bis zum 15. Mai 1947 hin. An diesem Tage wurde das Haus dem neuen Eigentümer, dem Bischöflichen Stuhl von Berlin, lastenfrei übergeben. Trotz der noch bestehenden Unsicherheit über den Ausgang der Kaufverhandlungen wurde schom im April 1947 der Auftrag zur Instandsetzung des Hauses erteilt, das Grundstück bis zum 1. Oktober 1947 friedensmäßig wiederherzustellen. Wenn auch die Bauarbeiten bis zu diesem Termin keineswegs beendet waren, konnte doch das Schuljahr 1947/48 mit 500 Schülern in 12 Klassen im neuen Heim eröffnet werden. Noch sehr viel fehlte von der Einrichtung, die erst nach und nach entsprechend ergänzt werden konnte (3).

Die Zahl der Schüler nahm sehr rasch zu, obgleich jährlich eine nicht unbedeutende Anzahl von Bewerbern abgewiesen wurde. Im Herbst 1949 beginnt das neue Schuljahr bereits mit 750 Schülern in 19 Klassen (4), im folgenden Jahr sind es gar 777 (5). Dies war aber auch das Maximum an Schülern, das in dem Schulgebäude untergebracht werden konnte. Mit Absicht wurde darum die Schülerzahl gedrosselt und zunächst unter 700 und später etwa bei 600 gehalten. Diese Maßnahme wurde durch zwei Umstände erleichtert. Einmal wuchsen jetzt die geburtenschwachen Jahrgänge des Krieges und der ersten Nachkriegszeit heran. Sodann wurde es Eltern in der DDR immer schwerer gemacht, ihre Kinder auf eine Westberliner Schule zu schicken.

Im ganzen gingen in den Jahren 1925-1965 mehr als 3000 Schüler durch das Canisius-Kolleg. 774 von ihnen bestanden die Reifeprüfung (6). Zur sozialen Herkunft der Schüler sei nur bemerkt, daß in den letzten Jahren jeweils mehr als 10% aus Familien von Angestellten, Ärzten und Kaufleuten kamen. Und annähernd 10% stellten die Berufsgruppen der Bamten, Handwerker und Lehrer (7).

Die 607 Abiturienten, die in den Jahren 1953-1964 die Schule verließen, wählten folgende Berufe; dabei sind spätere Änderungen im Berufsvorhaben fast ausnahmslos berücksichtigt. Führend sind die Gruppen der Juristen und Ingenieure mit 114 bzw. 92 Abiturienten. Es folgen der Lehrberuf mit 71, der Beruf

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(3) Vgl. Anmerkung 1; Unsere Schule 1950 - (4) Ebd. S. 20 - (5) Unsere Schule 1951, S. 12; 1965, S. 8 - (6) Vgl. dazu Materialien über die Arbeit der Ostdeutschen Prov. 1968. Vervielfältigt. S. 64 - (7) Unsere Schule 1963, S. 32

 


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des Priesters und des Arztes mit 70 bzw. 69 Kandidaten. Das Studium von Mathematik und Naturwissenschaften wie von Volks- und Betriebswirtschaft wird von 46 bzw. 41 Abiturienten gewählt. Der Rest verteilt sich auf andere Berufe (8).

Bis Ostern 1965 sind aus dem Canisius-Kolleg 111 Priester hervorgegangen, 75 Welt- und 36 Ordenspriester (9). Und der erste Priester, der die bischöfliche Würde erhielt, ist Alfred Kardinal Bengsch (10).

Von den benötigten Lehrkräften konnte der Orden in der Regel nur etwas mehr als die Hälfte stellen; die übrigen waren Laien.

Trotz der starken Beanspruchung durch den Schuldienst gingen die Patres fast ausnahmslos an Sonn- und Feiertagen hinaus in die Pfarreien, um auszuhelfen, zu predigen und den Gottesdienst zu übernehmen. Dazu kamen, soweit Zeit und Kräfte reichten, andere Arbeiten wie Einkehrtage und Exerzitien. besonders sei hier erwähnt, daß P. Rudolf Leder seit Jahrzehnten Katecheten und Katechetinnen ausbildete, meist Lehrer und Lehrerinnen aller Schularten. In zweijährigen Kursen hat er bisher 300 Bewerber zur 'missio canonica' geführt.

So hat sich das Canisius-Kolleg in den vier Jahrzehnten seines Bestehens bemüht, dem Zweck seiner Gründung (11) und dem "Verlangen katholischer Eltern zu entsprechen, die ihre Kinder im Geiste ihrer Religion erzogen wissen wollen" (12).

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(8) Unsere Schule 1964, S. 29ff - (9) Unsere Schule 1965, S. 82 - (10) Am 3. Oktober 1970 wurde Johannes Kleineidam, ein ehemaliger Schüler des Kollegs, zum Bischof geweiht. - (11) Unsere Schule 1965, S.4 - (12) Rektoren waren: Paul Mianecki, 15.September 1947; Johannes Schömann, 18. Januar 1954; Johannes Maniera, 12. März 1960; Heinrich Wanke, 24. Juni 1968 ff; - Direktoren waren: Heinrich Klein, 1945 - 1963; Johannes Zawacki, 1963 ff.

 


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St. Clemens

Als das Canisius-Kolleg im Oktober 1947 aus den Räumen bei St. Clemens ausgezogen war, wurde die Residenz wieder errichtet (1). Die Kirche allerdings konnte wegen der Schwierigkeiten der Materialbeschaffung und wegen der Währungsumstellung im Jahre 1948 erst zwei Jahre später in Gebrauch genommen werden. Am 3. April 1949, dem Passionssonntag, wurde der erste Gottesdienst in der wiederhergestellten Kirche gehalten (2). Da der Wiederaufbau der Kirche in jenen Jahren nur den ärgsten Notstand beheben konnte, wurden bald Renovierungsarbeiten nötig. Im Jahr 1955 erhielt die Kirche ein neues Dach und wurde 1957 im Innern vollständig instand gesetzt und ausgemalt (3). 1960 konnte schließlich ein neuer Kreuzweg eingeweiht werden (4).

Die Gemeinde war durch die schweren Kriegsschäden, die das Pfarrgebiet erlitten hatte, auf etwa 800 - 900 Mitglieder zusammengeschrumpft und ging in späteren Jahren noch weiter zurück, weil nicht wenige Gemeindemitglieder in bessere Wohnviertel Berlins verzogen. P. Eugen Berner, der am 1. Oktober 1947 zum Kuratus von St. Clemens ernannt wurde, mußte seine Gemeinde erst mühsam sammeln und die Pfarrarbeit aufbauen (5). Weil aber viele Gläubige, die einst zur Kuratie gehört hatten, wie auch andere, fast aus der ganzen Stadt, gern nach St. Clemens kamen, lag die Zahl der sonntäglichen Kirchenbesucher ebenso hoch wie die Zahl der Gemeindemitglieder (6). Dabei hat sicher sehr mitgesprochen, daß der Chor der St. Hedwigskathedrale unter Leitung von Msgr. Forster für gewöhnlich im Hochamt um 10.00 Uhr sang (7). Und daß die Zahl der jährlich ausgeteilten hl. Kommunionen von rund 35.000 durchschnittlich für die kleine Gemeinde ungewöhnlich hoch war, erklärt sich nur aus der Tatsache, daß nicht bloß Sonntags, sondern auch an Werktagen viele Gläubige zur hl. Kommunion kamen, die nicht zur Gemeinde gehörten.

Wegen der günstigen Lage der Kirche waren stets zahlreiche Katholiken aus Ostberlin zum Gottesdienst oder zu anderen kirchlichen Veranstaltungen gekommen. Deshalb ging bei der Errichtung der Berliner Mauer im Jahre 1961 die Zahl der Kirchenbesucher empfindlich zurück. Auch manche kirchliche Veranstaltungen, die bisher in St. Clemens abgehalten wurden, fielen weg oder wurden anderswohin verlegt. Die St. Clemenskirche,

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(1) Hist.dom. 1947/48 - (2) Memorabilia S.J. VIII, 190 ss; Rundbrief vom 26. April 1949 - (3) Hist.dom. 1955/57; Rundbrief 1957/8 - (4) Rundbrief 1960/2 - (5) Rundbrief vom 31. Juli 1949 - (6) Hist.dom. 1953 - (7) Hist.dom. 1950

 


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einst im Mittelpunkt der Stadt liegt jetzt in einem toten Winkel (8).

Wenn auch die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sich in keiner Weise mit jenen nach dem Ersten Weltkrieg vergleichen lassen, so erlebte doch auch das heutige St. Clemens manchen religiösen Höhepunkt oder glanzvolle Feste, wie die religiösen Wochen, die P. Leo Dymek hielt, das Ignatiusjubiläum 1956 (9), gelegentliche überpfarrliche Männer- und Jugendgottesdienste, die Firmung der Konvertiten, Priesterweihe usw. (10). Und daß viele Jahre hindurch der Berliner Klerus zu seinen monatlichen Rekollektionen, die sehr oft von Jesuiten gehalten wurden, sich in St. Clemens zusammenfand, soll wenigstens erwähnt werden (11).

Gegenüber früheren Jahrzehnten spielte im neuerstandenen St. Clemens, besonders in den ersten Jahren, die außerordentliche Seelsorge eine größere Rolle. Genau wie früher hatten Kolping und ND, die jetzt von den Patres Johannes Wellen und Bernward Brenninkmeyer bzw. den Patres Bruno Schmidt, Alfons Tanner und Alfons Zegke betreut wurden, hier ihre geistliche Heimat, obgleich das Gesellenhaus nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck dient. Im Jahre 1954 kam die "Glaubensberatung für Suchende" hinzu, für die P. Robert Manitius freigestellt wurde (12). Ferner wurden von St. Clemcns aus regelmäßige Standespredigten bzw. Vorträge für Männer und Frauen in mehreren Pfarreien gehalten. So hielt schon am 14. Februar 1954 P. Wilhelm Aust die 1000. Mütterpredigt (13). Im Jahre 1948 wird P. Bruno Schmidt zum Seelsorger für die jugendlichen Strafgefangenen und P. Kuratus Berner 1954 zum Diözesan-Blinden-Seelsorger ernannt. Erwähnt sei noch die Arbeit von P. Johannes Kipp unter den Studentinnen (14) und das Soziale Seminar Kolping (15) unter Leitung von P. Bernward Brenninkmeyer. Nicht übergangen werden dürfen die Rundfunkansprachen, die P. Brenninkmeyer schon seit vielen Jahren hält und die überall großen Anklang finden. Darüber hinaus wurden von den Patres aus St. Clemens, vor allem in den ersten Jahren nach dem Krieg zahlreiche Exerzitienkurse gegeben.

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(8) Hist.dom. 1961; Rundbrief 1962/2 - (9) Rundbrief 1956/4 - (10) St. Clemens Berlin 1911-1961 (Jubiläumsschrift); Rundbriefe 1952/111, 1953/111, 1954/11, 1955/11 usw. - (11) Hist.dom. 1957 - (12) Mitteilungen, Bd. 20, S.394-403; Rundbrief 1958/6 - (13) Hist.dom. 1954 - (14) Memorabila S.J., VIII, 272 - (15) Rundbrief 1953/1

 


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So wurden für das Jahr 1951 allein 73 Kurse mit etwa 2300 Teilnehmern gemeldet (16). Diese Zahl ist später nicht mehr erreicht worden und nicht zuletzt darin begründet, daß damals mehrere Patres Operarii zur Residenz gehörten.

Gedacht sei schließlich noch eines Mannes, der nicht geringe Verdienste am inneren und äußeren Aufbau von St. Clemens hat, des P. Superior Theo Hoffmann (17), der am 17. Dezember 1953 starb (18).

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(16) Hist.dom. 1951 - (17) Mitteilungen, Bd. 17, S.367-373 - (18) Die Oberen der Residenz von St. Clemens: P. Heinrich Klein , 15. Juli 1941; P. Bernhard Riedl, 3. Dezmeber 1947; P. Theo Hoffmann, 29. März 1951; P. Bruno Schmidt, 31. Mai 1954; P. Bernward Brenninkmeyer, 31. Mai 1960; P. Norbert Baumer, 3. September 1967. - Die Kuraten von St. Clemens: P. Heinrich Klein, 1. Oktober 1941; P. Eugen Berner, 1. Oktober 1947; P. Rudolf Stromberg, 1. Oktober 1967.

 


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Provinzialat Dahlem

Im Jahre 1943 war das Provinzialat nach Oppeln verlegt worden. Dorthin konnte Mitte Januar 1945 P. Provinzial Hapig, der gerade in Berlin weilte, wegen des Näherrückens der russischen Front nicht mehr zurückkehren. Weil auch die Wohnungen der Berliner Patres zu einem Teil zerstört waren, fand P. Provinzial gastliche Aufnahme bei Herrn Dr. Rudolf Brenninkmeyer, dem Vater des damaligen Scholastikers Bernward Brenninkmeyer. Und als die Front sich bald auch Berlin näherte, verließ Herr Dr. Brenninkmeyer mit seiner Familie die Stadt und übergab sein Haus in Dahlem an P. Provinzial Hapig. Da dieser vor seinem Eintritt in die Gesellschaft Jesu Medizin studiert hatte und approbierter Arzt war, richtete er in dem Haus ein kleines Lazarett ein, in das er Kranke und Verwundete, aber auch andere Hilfsbedürftige aufnahm (1).

Unterdessen kam auch schon der eine oder andere Mitbruder, der anderswo keine Unterkunft fand, nach Dahlem und half im Lazarett. So entstand in der Messelstraße 5 eine kleine Statio. Im August trafen aus Schlesien ein P. Socius Schmutte, der sofort als Lehrer an das neuerstandene Canisius-Kolleg ging, und der Provinzprokurator P. A1fred Rothe, sowie Br. Joachim Larisch, der Provinzbruder. Nach und nach wurde wieder die Provinzverwaltung aufgebaut, obgleich alle Bücher, Dokumente und andere wichtige Dinge in Oppeln vernichtet worden waren. Küche und Hausarbeit übernahmen die Brüder Franz Gabriel und Walter Tautz. Die Unsrigen bewohnten hauptsächlich das erste Stockwerke während ins Erdgeschoß die Verwaltung der Firma C.& A. Brenninkmeyer einzog und im Dachgeschoß und neben uns noch andere Leute wohnten. Im Mai 1946 kam P. Paul Mianecki, der zum Socius Provincialis ernannt worden war. Damit war das Provinzialat wieder vollständig. außerdem wohnten in dem Hause für kürzere oder längere Zeit die einen oder anderen Mitbrüder (2).

Weil das Haus einst jüdischer Besitz gewesen war, wurde es in staatliche Verwaltung genommen. Das Provinzialat mußte jetzt monatlich 400.- DM Miete zahlen. Dies wäre nach der Währungsumstellung nicht mehr möglich gewesen und das Provinzialat hätte ausziehen müssen, wenn nicht Herr Dr. Brenninkmeyer die Miete vorgestreckt hätte (3). Der gerichtliche Streit zwischen Herrn Dr. Brenninkmeyer und dem früheren Besitzer zog sich über mehrere Jahre hin. Erst 1953 einigten sich beide Parteien. Das Haus blieb im Besitz des Herrn Brenninkmeyer, und das Provinzialat konnte weiterhin unentgeltlich in dem Hause wohnen (4).

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(1) Hist.dom. 1945 - (2) Hist.dom. 1945/46 - (3) Hist.dom. 1948/49 (4) Hist.dom. 1953

 


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Am 4. Juni 1948 wurde P. Provinzial Hapig von P. Paul Boegner abgelöst (5). Der neue Provinzial sah es als eine seiner ersten und wichtigsten Aufgaben an, die über ganz Deutschland verstreuten Mitglieder seiner Provinz zu besuchen, was unter den damals oft noch recht primitiven Reiseverhältnissen nicht leicht war. Auf P. Boegner folgte am 25. März 1954 P. Karl Wehner, der damit zum zweitenmal die Leitung der Provinz übernahm. Er bemühte sich sofort, für das Provinzialat eine geeignetere Unterkunft zu finden. Zunächst dachte er daran, das Haus Neue Kantstraße 2 wieder aufzubauen. Doch diese Bemühungen scheiterten. Da bot sich ganz unerwartet die Möglichkeit, das Grundstück Neue Kantstraße 1 zu erwerben. Schon am 5. April 1955 konnte der Kaufvertrag abgeschlossen werden (6). Sofort begannen Bemühungen und Verhandlungen, auf dem Grundstück ein Haus zu errichten, das nicht nur das Provinzialat, sondern auch die einzeln in der Stadt lebenden Patres aufnehmen sollte (7). Das Provinzialat konnte bereits Ende Januar 1957 umziehen. Das Haus in der Messelstraße wurde damit aufgegeben.

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß das Haus in Dahlem zahlreichen Mitbrüdern, die nach Berlin kamen, Gastfreundschaft bot und von dort aus den Mitbrüdern in der Ostzone ungezählte Liebesgaben vermittelt werden konnten. Soweit es möglich war, wurden noch seelsorgliche Aufgaben währgenommen. Ebenso wurde die kleine Kapelle des Hauses an Sonn- und Feiertagen, zu Maiandachten und ähnlichen Anlässen auch von Auswärtigen besucht (8).

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(4) Hist.dom. 1953 - (5) Mttlg. Bd. 18, S.136-142 - (6) Hist.dom. 1955 - (7) Hist.dom. 1956 - (8) Hist.dom. 1949/50

 


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Canisiushaus

Nach der Zerstörung des Hauses in der Neuen Kantstraße 2 im Februar 1944 hatte das Pfarramt St. Canisius im Hause des Katholischen Frauenbundes in der Wundtstraße 40/44 eine vorläufige Unterkunft gefunden. Um die Jahreswende 1946/47 wurde dann das Haus in der Herbartstraße 24 gemietet, das freilich erst im Frühjahr 1947 bezogen werden konnte, weil es zuvor instand gesetzt werden mußte. Der Gottesdienst wurde weiterhin im Turnsaal des Frauenbundhauses gehalten. Am 1. November 1947 wurde das Canisiushaus selbständige Residenz und P. Bernhard Bley zum Superior ernannt (1). Die neue Residenz trat mit 5 Patres und 2 Brüdern ins Leben.

Im Mittelpunkt stand begreiflicherweise die Arbeit in der Pfarrei. Darüber hinaus gab P. Superior Bley, vor allem in den ersten Jahren, zahlreiche Exerzitienkurse für Priester und Ordensschwestern, und P. Josef Michalke arbeitete als Diözesan- Jugendseelsorger für die weibliche Jugend.

Schon bald nach der Währungsreform im Jahre 1948 bemühte sich P. Kuratus Paul Gocke um den Bau einer Kirche, obgleich die Möglichkeit eines Kirchbaues zunächst sehr gering war. Mehrere Pläne wurden verworfen, bis im Jahre 1953 der Entwurf des Architekten Hofbauer aus Wetzlar von den maßgebenden Stellen gebilligt wurde. Am 23. Mai 1954 wurde der Grundstein gelegt und am 20. März 1955 die neue Kirche von Bischof Weskamm konsekriert (2). Das Haus in der Herbartstraße wurde 1957 dem Ignatiushaus zugeschrieben und im Jahre 1961 aufgegeben, als das Pfarramt in das neu erbaute Pfarrhaus Neue Kantstraße 2 zog.

Leider mußte die Kirche schon am 13. August 1961 geschlossen werden. Denn "mit Überraschung mußte festgestellt werden", wie das Mitteilungsblatt der Pfarrei schreibt, "daß die Ytonausmauerung innerhalb der Eisenkonstruktion gelockert war, und man sogar ganze Steine mit der Hand herausnehmen konnte... Die Ursache dieser Schäden ist darauf zurückzuführen, daß einmal die Yton beim Vermauern nicht angenäßt wurden, so daß der Mörtel verbrannte, zum andern aber auch das Mauerwerk durch die Spannungen der Eisenkonstruktion infolge der fehlenden Wärmedämmung in Bewegung geraten ist... Voraussichtlich werden die Planungen, Entwürfe, Ausschreibungen, das Einholen der Kostenanschläge und die Genehmigungen durch die verschiedenen Behörden Monate in Anspruch nehmen, so daß wir nicht vor Frühjahr mit dem Beginn der Arbeiten rechnen dürfen" (3).

Tatsächlich zog sich die Erneuerung der Kirche mit den nötigen Vorarbeiten über Jahre hin (4), und erst am Canisiusfest 1965, am 27. April, konnte in der Kirche wiederum Gottesdienst gehalten werden (5).

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(1) Rundbriefe vom 27. April 1947 und 26. November 1947 - (2) Hist.dom. 1953-55; Rundbriefe 53/IV; 54/1I,III,IV; 55/11 - (3) Rundbrief vom 20. November 1961 - (4) Rundbriefe vom 7. Dezember 1963 und 15. Februar 1964 - (5) Superioren: Bernhard Bley, 1. November 1947; Paul Gocke, 29. Juni 1954. - Kuraten: Paul Gocke, 10. April 1940; Bruno Spors, 1. April 1962.

 


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Haus Maria Frieden

Das in Ostberlin gelegene Exerzitienhaus von Biesdorf wurde nach dem Krieg von Westberliner Katholiken kaum noch aufgesucht. Außerdem war es zu einem großen Teil noch mit einem Behelfskrankenhaus belegt und hatte darum für Exerzitanten nur sehr wenige Zimmer frei. Deshalb bemühte sich P. Alfons Matzker, der 1950 Sekretär des Exerzitienwerkes für die Diözese Berlin geworden war, um die Schaffung eines Exerzitienhauses in Westberlin. Eine Gelegenheit bot sich in Steglitz mit dem Haus in der Grunewaldstraße 24, das der Familie Brenninkmeyer gehörte und von ihr in hochherziger Weise zur Verfügung gestellt wurde. Das Haus war zwar im Kriege stark beschädigt und dadurch unbewohnbar geworden, konnte aber ohne allzu großen Kostenaufwand wiederhergestellt werden.

Am 22. Mai 1951 fand ein Lokaltermin statt, an dem Herr Dr. Rudolf Brenninkmeyer, die Patres Bernward Brenninkmeyer und Alfons Matzker, sowie der Architekt der Firma C. & A. Brenninkmeyer teilnahmen. Dabei wurden Umbau und Neueinrichtung des Hauses, deren Kosten von der Firma Brenninkmeyer übernommen wurden, besprochen. Das Haus sollte so eingerichtet werden, daß es zunächst als Exerzitienhaus und später einmal als Wohnheim für Angestellte der Firma Brenninkmeyer dienen könnte. Da die Arbeiten an dem Hause sofort begannen und flott voranschritten, konnten Haus und Kapelle schon am Christkönigsfest, dem 28. Oktober 1951, von Generalvikar Prälat Puchowski eingesegnet werden. Am 30. Oktober begann der erste Exerzitienkurs, den P. Günter Soballa für 27 Studenten gab (1).

Das Haus stand in den kommenden Jahren offen für Exerzitien und Einkehrtage, aber auch für Werktagungen und ähnliche Veranstaltungen. Seit 1953 wird 'Der Weg', Mitteilungen aus der Exerzitienbewegung, herausgegeben, die den Förderern des Exerzitienwerkes behilflich sein und die Verbindung mit den ehemaligen Exerzitanten aufrecht erhalten sollen (2). In den Jahren 1959 und 1960 gab Kardinal Döpfner persönlich drei Kurse für Priester, an denen aber wegen der beschränkten Zahl von Zimmern nicht alle teilnehmen konnten, die es gern getan hätten (3). Soziale Kurse, die für Männer aus dem Osten gehalten wurden, wurden im Juni 1958 eingestellt, weil Männer aus Rathenow, die an diesen Kursen teilgenommen hatten, verhaftet und mit schweren Freiheitsstrafen belegt wurden (4).

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(1) Hist.dom. 1951; Rundbrief vom 6.November 1951 - (2) Hist.dom. 1953 - (3) Hist.dom. 1959/60 - (4) Hist.dom. 1958

 


24

In den ersten zehn Jahren wurden in Haus Maria Frieden rund 580 Exerzitienkurse gehalten, an denen knapp 13.000 Exerzitanten teilnahmen: 1280 Priester, 1700 Männer, etwa 1900 Jungmänner, 6000 Frauen und 2000 Mädchen (5).

Verschiedene Gründe waren maßgebend, das Exerzitienhaus aus der immer unruhiger werdenden Grunewaldstraße in Steglitz in einen anderen Stadtteil zu verlegen. Der Neubau wurde auf einem Grundstück neben dem Peter-Faber-Kolleg in Berlin-Kladow errichtet. Das neue Exerzitienhaus, das am 18. Februar 1964 von Erzbischof Bengsch eingeweiht wurde, ist nicht mehr ein Haus der Ostdeutschen Provinz S.J., sondern gehört dem Bistum Berlin (6). Die Ostdeutsche Provinz stellt aber weiterhin den Leiter des Hauses (7).

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5) Hist. dom. 1961; Petrusblatt, Berlin, 5. November 1961; Rundbrief vom 20. November 1961 - (6) Rundbrief vom 16. Oktober 1964 - (7) Leiter des Hauses: P. Alfons Matzker, 1951-1960; P. Georg Muschalek (II), 1. Juli 1960 - 30. Sept.1961; P. Leo Zodrow, 30. September 1961 - 5. November 1967; P. Josef Michalke, seit 5. November 1967.

 


25

Ignatiushaus

Schon bald nach dem Kriege setzten Bemühungen ein um ein Haus, das die in der überpfarrlichen Seelsorge tätigen Patres aufnehmen und in dem auch das Provinzialat unterkommen könnte. Zunächst hoffte man, das Haus Neue Kantstraße 2 wiederaufbauen zu können, um dort Provinzialat, Pfarrei und Residenz unterzubringen. Das Grundstück gehörte jedoch der Kirchengemeinde Herz-Jesu in Berlin-Charlottenburg. Der Kirchenvorstand dieser Gemeinde beschloß auch am 27. April 1954, uns das Grundstück als Eigentum zu überlassen, wie es den Absichten des ehemaligen Pfarrers von Herz-Jesu, des Prälaten Bernhard Lichtenberg (1), entsprach, der uns Jesuiten nach Charlottenburg gerufen hatte. Diesem Beschluß verweigerte Anfang 1955 Bischof Weskamm von Berlin die oberhirtliche Genehmigung. Es mußte also ein anderer Platz gefunden werden, auf dem gebaut werden konnte. Es gab auch einige Projekte, die sich - so darf man heute sagen! - zu unserem Segen wieder zerschlugen (2).

Ganz unerwartet nämlich wurde P. Provinzial Wehner darauf aufmerksam gemacht, daß das Trümmergrundstück Neue Kantstraße 1 Suarezstraße 18, also das Nachbargrundstück, zum Kauf angeboten werde. Er griff sofort zu, und am 5. April 1955 wurde der etwa 1570 qm große Platz erworben. Trotz mancher Schwierigkeiten mit dem Berliner Bauplanungsamt, das den Entwurf des Architekten Johannes Jackel, eines Altschülers des Canisius-Kollegs, zuerst verwarf, aber nach einigen kleineren Änderungen doch billigte, wurde am 10. Mai 1956 der Grundstein gelegt und am 22. August das Richtfest gefeiert (3). Noch bevor die Bauarbeiten völlig beendet waren, zog das Provinzialat am 28. Januar 1957 in das neue Ignatiushaus ein, in dem am 31. Januar in einem behelfsmäßig eingerichteten Oratorium die erste hl. Messe gefeiert wurde (4). Da der Ausbau des Hauses weiter gut voranschritt, konnte das Haus Anfang Mai bezogen und durch den damals neuen Berliner Bischof Döpfner am 7. Mai 1957 eingeweiht werden. So wurde, wie in jenen Tagen öfter betont wurde, das Unglück und die Zerstörung von 1943/44 zum Glück und Segen für heute. Und es mutet fast wie eine Wiedergutmachung der Geschichte an, daß P. Karl Wehner, der 1943/44 als Vice-Rektor die Zerstörung des alten Charlottenburger Hauses erlebte, jetzt als Provinzial die Einweihung des neuen Hauses feiern konnte (5)

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(1) Vgl. Erb, Bernhard Lichtenberg, Dompropst von St. Hedwig zu Berlin. Berlin 1946, Morus-Verlag. - (2) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1956 - (3) Ebd.; Rundbriefe 1955/II, 1956/III, 1956/IV - (4) Rundbrief vom 22. Februar 1957 - (5) Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1957; Rundbrief vom 10. Mai 1957

 


26

Als am 2. Mai 1957 die Residentia Maior Sancti Ignatii offiziell errichtet wurde, wurden ihr auch die vereinzelt in Berlin wohnenden Patres, soweit sie nicht damals in das neue Haus zogen, zugeschrieben, so daß sich die stattliche Zahl von 26 Patres und 4 Brüdern ergab, wozu noch P. Provinzial mit seinen beiden Socii kam (6). Die Zahl der Priester war in den folgenden Jahren nur geringfügigen Schwankungen unterworfen, die der Brüder erhöhte sich etwas, weil nach und nach noch einige Brüder aus anderen Häusern ins Ignatiushaus versetzt wurden.

Es ist unmöglich, alle vom Ignatiushaus geleisteten seelsorglichen Arbeiten hier zu behandeln, wie ja überhaupt seelsorgliches Wirken sich nicht durch Zahlen oder Namen ausdrücken und umschreiben läßt. Dennoch sollen einige Zahlen und Namen genannt werden. In den Jahren 1957 bis 1964 wurden durchschnittlich im Jahr etwa 3400 Predigten, Konferenzen, Vorträge usw gehalten, 1300 Katechismusstunden erteilt und 50 Exerzitienkurse mit rund 1300 Teilnehmern gegeben.

Auf einige Opera apostolica sei noch besonders hingewiesen. Am 6. August 1958 wurde die von P. Gebhard von Stillfried ins Leben gerufene 'Offene Tür Berlin' (OTB) von Bischof Döpfner mit einer Pontifikalmesse in der Krypta der OTB, Rankestraße 5, eingeweiht und eröffnet. Die OTB hatte vom Eröffnungstag bis zum Dezember 1964 "weit über 100.000 Besucher" (7). Am 9. April 1960 wurde P. Waldemar Molinski von Kardinal Döpfner mit der Leitung der Seelsorge für die katholischen Studenten beauftragt und ihm zugleich die Leitung des katholischen Studentenhauses, des Wilhelm-Weskamm-Hauses, übertragen (8). Und als P. Molinski den Lehrstuhl für katholische Theologie an der Pädagogischen Hochschule erhielt und am 13. März 1963 zum Professor ernannt wurde (9), - einen Lehrauftrag an der Westberliner Freien Universität hatte er schon seit 1960 (10) - wurde ihm am 25. August 1963 P. Heinz Wanke als Hilfe beigegeben (11), der dann am 1. März 1964 die Studentenseelsorge und die Leitung des Wilhelm-Weskamm-Hauses endgültig übernahm (12). - Schließlich soll noch gesagt werden, daß zum Ignatiushaus P. Walter Hruza gehört, der seit vielen Jahren das Päpstliche Werk für Geistliche Berufe im Bistum Berlin betreut (13).

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(6) Ebd. - (7) Sorge um alle - Seelsorge als Heilsorge in dieser Welt. Herausgegeben von Constantin Pohlmann OFM und Stephan Richter OFM. Paderborn 1962, S.198-209. Abgedruckt in Mitteilungen XX, 382-393; Vgl. ferner Rundbrief vom 22. August 1959 - (8) Hist.dom. 1960 - (9) Hist.dom. 1963 - (10) Rundbrief vom 5. Februar 1961 - (11) Hist.dom. 1963 - (12) Schematismus für das Bistum Berlin 1965. S.38 - (13) Schematismus für das Bistum Berlin 1967. S.105

 


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Andere Patres arbeiteten auf anderen Gebieten, in der Jugend-, Krankenhaus- und Häftlingsseelsorge, in der Seelsorge für Priester, Ordensfrauen und Laien, ohne daß jedoch hier alle Namen und Arbeiten und Aufgaben angeführt werden können. Und zu guter Letzt sei noch gesagt, daß P. Superior Mianecki vom vorbereitenden Katholikentagskomitee im Jahre 1958 zum Leiter der Kommission für Programmgestaltung und Redner bestellt wurde (14).

Das Haus hatte stets viele Gäste zu beherbergen, nicht zuletzt solche, die P. Provinzial besuchten. Da viele von ihnen aus dem Ostteil unserer Provinz kamen, ging die Zahl der Besucher nach dem Bau der Berliner Mater am 13. August 1961 auffallend zurück (15). Aber bei besonderen Anlässen, wie bei großen Tagungen oder überhaupt in den Sommermonaten, konnte das Haus stets zahlreiche Gäste aus dem westlichen In- und Ausland aufnehmen. Die Befürchtung, die bei dem Bau des Hauses zuweilen gehegt wurde, das Haus sei zu groß und werde darum teilweise leer stehen, hat sich also in keiner Weise bewahrheitet (16).

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(14) Rundbrief vom 2. März 1958 - (15) Vgl. Rundbrief vom 23. März 1962 - (16) Obere des Ignatiushauses waren: Johannes Bayer (Vicesup.), 1957; Paul Mianecki, 24. November 1957; Herbert Roth, 17. April 1960; Rudolf Kornberger, 8. März 1964; Waldemar Molinski (Vicesup.), 7. Mai 1970.

 


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Peter-Faber-Kolleg

Schon länger bestand der Plan, das Noviziat, das außerhalb des eigenen Provinzgebietes lag, in dasselbe zu überführen. Die Sache wurde schließlich dringend und verlangte eine Entscheidung weil der Vertrag über den Jakobsberg (1) im November 1960 ablief und eine Verlängerung in der bisherigen Form nicht möglich war. Denn die Trappisten wollten ihren Besitz nicht mehr nur verpachten, sondern verkaufen.

Von einem Makler wurde damals P. Provinzial Wehner auf ein Grundstück in Berlin-Kladow hingewiesen. Ein reicher Jude hatte sich dort seinen Alterssitz bauen wollen, aber die Ereignisse des Jahres 1933 zwangen ihn, davon abzusehen und ins Ausland zu gehen. Das Haus, das noch nicht vollständig ausgebaut war, stand darum meist leer, schien aber für ein Noviziat sehr geeignet und der völlige Ausbau ohne allzu großen Kosten zu erreichen sein. So wurde das Grundstück am 11. Juni 1959 gekauft. P. Johannes Bayer, der Provinzökonom, bot alle Kräfte auf, verhandelte unentwegt mit den Behörden und konnte bis November 1960 das Haus bezugsfertig machen. Auch der Bau der Kapelle, die von Grund auf neu errichtet wurde, konnte trotz des Winters durchgeführt werden (2). Und am 2. Februar 1961, genau 40 Jahre nach der Teilung der alten Deutschen Provinz und 30 Jahre nach Errichtung der Ostdeutschen Provinz, erhielten Haus und Kirche durch Kardinal Döpfner, damals Bischof von Berlin, ihre kirchliche Weihe (3).

Obgleich die Zahl der Katholiken im Gebiet der Ostdeutschen Provinz gering ist (4), hatte sie doch jährlich einige Kandidaten. Allerdings waren es weniger als etwa in dem Jahrzehnt 1945/54. Außerdem blieben die Kandidaten aus der DDR aus, für die ein eigenes Noviziat in Erfurt geschaffen worden war. Es darf aber auch nicht übersehen werden, daß sich stets einige junge Leute für das Berliner Noviziat meldeten, die nicht aus dem Gebiet der Ostdeutschen Provinz stammten, nicht selten mit dem Wunsch, in die Mission nach Afrika geschickt zu werden. Oder sie kamen nach Berlin, "weil sie der bedrängten Diaspora helfen möchten, vor allem dann, wenn ihre Eltern aus Mittel- oder Ostdeutschland stammen" (5).

Von den für das Noviziat eigentümlichen Experimenten ließen sich in Berlin außer den dreißigtätigen Exerzitien vor allem ein vier- bis sechswöchiges Krankenpflegerpraktikum im Gertraudenkrankenhaus und zwei bis drei Monate lang Katechismusunterricht in der Schule durchführen (6).

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(1) Siehe Abschnitt IV. - (2) Hist.prov.gen. 1961; Hist.dom. 1961 - (3) Rundbrief vom 5. Februar 1961 - (4) Rundbrief vom 23. Juli 1962 - (5) Noviziat SJ in Berlin. o.J. S.5 - (6) Ebd. S. 13; Hist.dom. 1962

 


29

Im Jahre 1962 wurde ein kleines, unmittelbar angrenzendes Grundstück erworben und darauf eine dringend benötigte Alters- und Krankenstation erbaut, die im Mai 1963 bezogen werden konnte (7). Aber schon vorher war der eine oder andere alte und kranke Mitbruder, der besondere Pflege brauchte, ins Peter-Faber-Kolleg gekommen. So starb hier, wenige Tage vor seinem 65jährigen Ordensjubiläum, am 22. April 1962 P. Bernhard Bley (8), der erste Provinzial der Ostdeutschen Provinz.

Die Patres des Peter-Faber-Kollegs, die durch ihr Amt meist an das Haus gebunden waren, gaben gelegentlich Exerzitien oder halfen in der Seelsorge der benachbarten Pfarreien wie auch in der Kratkenhausseelsorge in Havelhöhe. Besonders sei noch hervorgehoben, daß P. Rektor Soballa im Sommersemester 1964 wöchentlich je eine theologische Vorlesung in der Freien (FU) wie in der Technischen Universität (TU) hielt (9). In der Hauptsache aber diente das Haus der Ausbildung und Erziehung der Novizen, deren Zahl allerdings Ende 1964 gegenüber früheren Jahren recht klein war. Bei der Verlegung des Noviziates nach Berlin im Jahre 1960 waren es 18 Novizen, davon 2 Brüdernovizen, gewesen. Ende 1964 sind es nur noch 10, darunter ein Brudernovize (10).

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(7) Hist. dom. 1962/63 - (8) Mttlg. XXI, 468-482 - (9) Hist.dom. 1964 - (10) Rektor und Novizenmeister: Günter Soballa, 13. November 1960

 


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Exerzitienhaus Biesdorf

Das Haus war immer noch Seuchenkrankenhaus und Altersheim, und nur ein Stockwerk stand den Patres zur Verfügung. Das Hauptgewicht seelsorglichen Wirkens ruhte zunächst auf der Arbeit in der kleinen Kuratie, bald aber wurden auch überpfarrliche Aufgaben übernommen. 1947 wird ein kleines Jugend- und Kinderheim eingerichtete das bis 1952 bestand (1). Von 1948 an werden wieder vereinzelte Exerzitienkurse gegeben, 1949 seit langem auch für Priester. Wegen Raummangels können es allerdings nur sehr kleine Kurse sein. So nahmen an 10 Kursen insgesamt nur etwa 80 Priester teil (2).

Am 14. Dezember 1951 kündigt das Bezirksamt Berlin-Lichtenberg den Krankenhausvertrag. Dafür wird ab 1. Januar 1952 das ganze Haus vom Bistum Berlin übernommen, das darin das Priesterseminar für seine Theologen einrichten will (3). Auch die Jesuiten ziehen aus und mieten zum 1. Februar 1952 in der Heesestraße 12 eine kleine Wohnung. Das Exerzitienhaus wird überholt, und das geplante Seminar soll am 6. April 1952 feierlich eröffnet werden. Da wird am 4. April von den staatlichen Behörden die Errichtung eines Seminars in Ostberlin untersagt. Der Vertrag mit dem Bistum Berlin bleibt dennoch bestehen. Ein Teil des Hauses wird wiederum Altersheim, der andere für Exerzitien frei gehalten (4).

Im Jahre 1953 drohte seitens der staatlichen Behörden die Auflösung des Hauses und die Beschlagnahme des ganzen Grundstückes. Bischof Weskamm von Berlin konnte jedoch diese Maßnahme abwenden, und das ganze Haus blieb weiterhin als Altersheim und Exerzitienhaus bestehen (5).

Über die Ereignisse im Sommer 1958 ist schon berichtet worden (6). Die Wohnung in der Heesestraße wurde jetzt aufgegeben und die Kuratie während der Verhaftung und Abwesenheit des Kuratus von einem Weltpriester verwaltet. Im Juni 1959 wird P. Hermann Jäger nach Biesdorf versetzt und übernimmt die Leitung der Exerzitien. Am 21. Dezember kommt der Kuratus P. Wilhelm Rueter wieder frei (7). Da er aber eine längere Erholung nötig hat, übernimmt er die Kuratie erst wieder am 1. April 1960 (8). Es bleiben nunmehr nur die beiden Patres Jäger und Rueter in Biesdorf, ein Zustand, der sich auch in den folgenden Jahren nicht ändert (9).

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(1) Hist.dom. 1946 und 1947 - (2) Hist.dom. 1949 - (3) Hist. dom. 1951; Rundbrief 1952/1 - (4) Hist. dom. 1952 - (5) Hist. dom. 1953 - (6) Siehe S. 8 ff. - (7) Hist. dom. 1959 - (8) Hist.dom. 1960 - (9) Superioren waren; Paul Boegner (Vicesup.), 12. März 1947; Friedrich Schulte (Vicesup.), 13. Juni 1948; Alfons Berner, 23. Februar 1949; Bruno Spors (Vicesup.), 22. November 1956. Kuraten waren: Paul Saft, 15. September 1946; Wilhelm Rueter, 15. April 1958.

 


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III. Mitteldeutsche Häuser

Vor dem Zweiten Weltkrieg besaß die Ostdeutsche Provinz in Mitteldeutschland nur die Residenz Dresden (1), zu der auch das Exerzitienhaus Hoheneichen gehörte. Die Niederlassung zählte, einschließlich der Brüder, nie mehr als 10 - 12 Jesuiten, ausgenommen die kurze Zeit, in der das Noviziat von Mittelsteine in Haus Hoheneichen eine Unterkunft gefunden hatte (2). Danach ging die Zahl der Jesuiten in Sachsen wieder zurück. Eine völlig neue Situation in Mitteldeutschland schuf der Zusammenbruch von 1945. Die aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße vertriebenen Patres blieben zu einem Teil hier oder wurden eigens hierher berufen. Die Dresdener Niederlassung erhielt neue Kräfte, und bald entstanden Häuser auch in anderen Städten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

 

Dresden

Beim Einzug der Russen am 8. Mai 1945 waren noch 5 Jesuiten in Dresden und der näheren Umgebung, nämlich P. Superior Bruno Borucki, P. Hermann Christmann, Pfarrer von Dresden-Strahlen, P. Stanislaus Nauke, Pfarrvikar in Dresden-Hosterwitz, P. Paul Franz Saft, Kaplan in Freital (3) und P. Karlheinz Brungs, der in Goppeln privat seine Studien fortsetzen sollte (4). Die Lage änderte sich jedoch sehr schnell. Denn bald nach dem Einmarsch der Russen erreichte P. Stanislaus Nauke beim russischen Stadtkommandanten die Freigabe von Haus Hoheneichen für dessen frühere kirchliche Zwecke. Es war zwar noch von Evakuierten und Flüchtlingen belegt, aber nach und nach konnten auch einige Jesuiten dort einziehen. So fand sich dort im Lauf des Jahres 1946 allmählich eine Gemeinschaft von 4 Patres und 4 Brüdern zusammen. Die Abhaltung von Exerzitien war allerdings noch nicht möglich, denn Ende des Jahres 1945 waren noch 17 Fremde im Haus (5).

Von großer Bedeutung für die Residenz war es, daß Familie Pick, die von Dresden wegging, ihr Haus Gustav-Adolf-Straße 10 den Jesuiten zur Verfügung stellte und später auch schenkte. Am 19. Februar 1946 zogen P. Superior Borucki und P. Christmann dort ein, zu denen bald noch P. Stefan Jordan und zwei Ordensschwestern kamen, die die Wirtschaft führten. Auch eine kleine Kapelle ließ sich einrichten, die mit dem Inventar der Kapelle des markgräflichen Schlosses in Dresden-Wachwitz ausgestattet worden konnte (6).

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(1) Geschichte der Ostdeutschen Provinz, 1.Teil, S.42ff. u. 74 - (2) Ebd. S.44 - (3) Ebd. S.74 - (4) Mitteilungen, XVII, 214 - (5) Residenz Dresden - Krieg und Gestapo. Ms im Provinzarchiv; Hist. dom. 1946 - (6) Hist. dom. 1946-49

 


32

Mitte Juli 1946 ereignete sich in Haus Hoheneichen ein furchtbares Unglück, das drei Menschenleben forderte. Bei der Zubereitung des Abendbrotes unterlief der Köchin ein schwerer Mißgriff. Sie hielt ein von der Hitlerjugend zurückgelassenes Salz für Kochsalz und tat es in die Speisen. Später stellte es sich heraus, daß es Hypochlorid war, ein giftiges Unkrautvertilgungsmittel. Dreizehn Personen aßen davon, acht Jesuiten, zwei Ordensschwestern und drei Flüchtlingsfrauen. P. Rochus Weinsziehr und Br. Alois Springer kamen später und erhielten den Rest des Essens, in dem sich das Gift besonders stark ausgewirkt hatte. In der Nacht stellten sich bei einigen, die das vergiftete Essen eingenommen hatten, Erbrechen und Durchfall mit Schüttelfrost ein. Der am Morgen herbeigerufene Arzt stellte wohl Vergiftungserscheinungen fest, hielt aber die Fälle für ungefährlich. Da sich aber bei einigen der Zustand verschlimmerte, kamen P. Weinsziehr und die Brüder Georg Peter und Springer ins Krankenhaus, wo kurz nacheinander Br. Springer und P. Weinsziehr starben (7). Der dritte Tote war eine Flüchtlingsfrau.

Die große Kälte im Januar und Februar 1947 traf besonders die Bewohner von Haus Hoheneichen. Da kaum Heizmaterial vorhanden war, saßen Patres, Brüder und die übrigen Hausbewohner mehrere Wochen hindurch gemeinsam im Speisesaal an einem Tisch, waren in Decken gehüllt und arbeiteten, studierten, beteten, aßen usw. (8).

Hier sei auch einer Arbeit gedacht, die P. Paul Banaschik in den Jahren 1946/48 leistete. Durch die Grenzziehung von 1945 waren drei Pfarreien der Diözese Meißen unter polnische Verwaltung gekommen, weil sie östlich der Lausitzer Neiße lagen. Die deutschen Pfarrer dieser Gemeinden waren entweder ausgewiesen worden oder in ihrer Arbeit sehr behindert. Deshalb bat im Juli 1946 das Bischöfliche Ordinariat Meißen um P. Paul Banaschik den die Vertreibung aus Schlesien nach Sachsen verschlagen hatte, damit er wegen seiner Kenntnis der polnischen Sprache in den östlich der Neiße gelegenen Pfarreien als 'Regionalseelsorger' eingesetzt werden könne. Denn ihm war es möglich, mit den polnischen Dehörden ohne Dolmetscher zu verkehren. P. Banaschik übernahm im August 1946 diese Aufgabe und hielt nun an allen Sonn- und Feiertagen in jeder der drei Pfarreien Hochamt mit Predigt und gelegentlich an einem vierten Ort noch eine Andacht mit Predigt. Da die Kirchdörfer bis zu 10 km auseinanderlagen und eine Fahrgelegenheit kaum zu bekommen war, war es eine sehr beschwerliche und mühsame Tätigkeit (9). Weil aber auch hier die deutsche Bevölkerung vertrieben wurde und in die Ortschaften polnische Umsiedler mit ihren Priestern kamen, hörte die Arbeit des P. Banaschik im Sommer 1948 von selbst auf.

Allmählich war es auch gelungen, das Exerzitienhaus frei zu bekommen. Bereits für das Jahr 1950 werden 23 Kurse mit 380

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(7) Hist. dom. 1946; Mttlg., XVI, 28o; Rundbrief vom 31. Juli 1946 - (8) Hist. dom. 1947 - (9) Bericht von Dr. Franz Schwarzbach, Pfarrer von Reichenau, an das Bischöfliche Ordinariat Meißen vom November 1946; Provinzarchiv

 


33

Teilnehmern gemeldet: 5(37) Kurse für Priester, 6(134) für Männer und Jungmänner, 12(209) für Frauen und Mädchen. Die Zahl der Kurse hat sich in den folgenden Jahren nur geringfügig erhöht, stärker nahm die Zahl der Teilnehmer zu. Die höchste Beteiligung in dieser Periode wird für das Jahr 1959 angegeben, nämlich 36 Kurse mit 708 Teilnehmern. In diesen Zahlen sind Einkehrtage und kirchliche Tagungen, für die das Haus ebenfalls offenstand, nicht enthalten (10).

Auch andere seelsorgliche Arbeiten, vor allem unter der studierenden Jugend, wurden in steigendem Maße von den Dresdener Patres übernommen. Besonders erwähnt seien noch die sogenannten Kurzmissionen, die vornehmlich von den Patres Johannes Hein und Walter Hruza gehalten wurden. Es wurden, meist an entlegenen Orten, drei oder vier Tage lang Predigten für die katholischen Heimatvertriebenen gehalten und diese auf den Empfang der hl. Sakramente vorbereitet (11). In größeren Gemeinden mit eigener Kirche hielt vor allem P. Leo Dymek seine gern gehörten und stets gut besuchten Religiösen Wochen.

Die 400. Wiederkehr des Todestages ihres Ordensstifters feierten die Dresdener Jesuiten am 15. April 1956 im großen Saal der evangelischen Christusgemeinde in Dresden-Strehlen. Die Festrede hielt Bischof Spülbeck, damals apostolischer Administrator des Bistums Meißen (12). Ebenso wurde am 17. Januar 1960 mit großer Feierlichkeit der Gedenktag begangen: 250 Jahre Jesuiten in Dresden. Den geschichtlichen Bericht gab P. Saft (13).

Das große Anliegen der Katholiken von Dresden-Strehlen war der Bau einer Kirche. Schon vor dem Kriege schien man diesem Ziel recht nahe zu sein, bis schließlich der Bau wegen des Krieges unterblieb (14). Nach dem Kriege wurde erst einmal auf dom Kirchbaugrundstück an der Franz-Liszt-Straße 18 eine Steinbaracke errichtet, die Pfingsten 1947 benediziert wurde (15). Aber alle weiteren Bemühungen, die so nötige Kirche erbauen zu können, schienen vergeblich. Am 26. Juli 1954 starb P. Hermann Christmann (15), der fast 25 Jahre lang Pfarrer von Dresden-Strehlen gewesen war. Und wenige Tage nach seinem Tod wurde vom Rat der Stadt Dresden die Notwendigkeit einer katholischen Kirche in Dresden-Strehlen anerkannt (17). Eber noch lange war man nicht am Ziel.

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(10) Hist. dom. 195o ff. - (11) Hist. dom. 1950 - (12) Hist. dom. 1956 - (13) Hist. dom. 1960, vgl. Paul Franz Saft, Der Neuaufbau der katholischen Kirche in Sachsen im 18. Jahrhundert. Leipzig 1961; Ludwig Baum, 750 Jahre katholische Kirche in Dresden. Dresden 1956. S. 38 f. - (14) Geschichte der Ostdeutschen Provinz, 1.Teil, S. 44 - (15) Hist. dom. 1947; Tag des Herrn, 12. Jg., Leipzig 26. Mai 1962 - (16) Mttlg, XVIII, 101 f. - (17) Tag des Herrn, a.a.O.

 


34

Zwei Jahre später, am 21. September 1956, kam folgende Vereinbarung zustande: Die Gesellschaft Jesu übergibt der Stadt Dresden das Kirchbaugrundstück (4780 qm) an der Franz-Liszt-Str. 8, das Ruinengrundstück (2020 qm) an der Tiergartenstraße 6, wo bis Februar 1945 die Residenz gestanden hatte, und noch eine kleinere Baustelle, zusammen 7650 qm. Dafür überließ der Rat der Stadt Dresden der Gesellschaft Jesu 17.555 qm "von guter Baubeschaffenheit" an der Dohnaer Straße 53 (18). Die endgültige Übernahme erfolgte am 1. April 1957.

Aber erst am 25. August 1959 wurde die Erlaubnis für den Kirchbau gegeben, mit der eine Reihe einschneidender Auflagen verbunden waren. Anfangs wurde nur eine Verlegung der bisherigen Kirche auf einen anderen Platz gestattet, aber in mehr als drei Jahre sich hinziehenden Verhandlungen wurden dann doch noch einige Zugeständnisse gemacht, wie Verwendung neuen Baumaterials, Aufbau in massiver, bleibender Form, größere Höhe des Kircheninnern usw. Auf diese Weise wurde erreicht, daß die Quadratmeter überbauten Gottesdienstraumes sich verdoppelten, ohne daß dies wegen der Beibehaltung der Grundrißform zu offensichtlich in Erscheinung trat. Damit, daß die 'Scheunenform' blieb, wurde auch die Bedingung erfüllt, die bisherige Notkirche dürfe nur verlegt werden. Ein Turm wurde nicht gestattet. Am 10. Oktober 1959 konnte dann der erste Spatenstich getan werden. Der Bau selbst wurde allerdings durch den katastrophalen Mangel an Zement sehr behindert (19). Am 18. Mai 1960 wurde der Grundstein gelegt und am 25. März 1962 konnte die Kirche (20) endlich von Bischof Spülbeck konsekriert werden (21).

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(18) Hist. dom. 1956/57 - (19) Hist. dom. 1959 - (20) Tag des Herrn, a.a.O. - (21) Obere waren: Bruno Borucki, 1. Januar 1941; Gerhard Bernardt, 10. Dezember 1948; Alfred Fritzen, 27. Januar 1955; Georg Conrad, 19. März 1960; Pfarrer waren: Hermann Christmann, 5. Oktober 1930; Gerhard Bernardt, 15. Januar 1955; Paul Franz Saft, 2. Mai 1965.

 


35

Erfurt

Schon P. Provinzial Bley hatte nach dem Ersten Weltkrieg versucht, in Erfurt eine Residenz einzurichten, aber aus verschiedenen Gründen scheiterte dieser Plan. Während des Zweiten Weltkrieges waren dann nach Thüringen Jesuiten aus jenen westdeutschen Häusern gekommen, die entweder von der Gestapo aufgelöst oder durch Fliegerangriffe zerstört worden waren, und im Jahre 1945 kamen Patres, die aus Ostdeutschland geflüchtet waren. Einer von diesen war P. Heinrich Graf aus der Niederdeutschen Provinz. Auf Bitten des Erfurter Propstes Dr. Freusberg blieb P. Graf dort, um dem erkrankten Pfarrer von Erfurt-Hochheim zu helfen und nach dessen Tode die Pfarrei zu verwalten. Mag es auch anfangs nicht beabsichtigt gewesen sein, tatsächlich wurde diese Anstellung Anfang und Anstoß für die Erfurter Residenz (1).

Offenbar auf Vorstellungen des Erfurter Propstes hin wandte sich das Bischöfliche Generalvikariat Fulda am 25. Februar 1946 an P. Provinzial Flosdorf in Köln mit der Bitte, in Erfurt oder in der Nähe von Erfurt eine Niederlassung der Gesellschaft Jesu zu übernehmen. P. Provinzial Flosdorf lehnte wegen Personalmangel dieses Angebot ab, leitete es aber an P. Provinzial Hapig in Berlin weiter, dem dann auch Propst Freusberg am 9. Mai 1946 die Dringlichkeit einer Jesuitenniederlassung in Erfurt vortrug. Näheres wurde kurz darauf in einer persönlichen Besprechung geregelt (2). Mit der Gründung der Statio in Erfurt wurde P. Bruno Spors beauftragt, der bis 1945 Superior und Pfarrer in Oppeln gewesen war. Am 26. Juni 1946 kam er in Erfurt-Hochheim an. Ihm folgten bald andere Patres und Br. Anton Freytag, der durch seinen Fleiß und seine Geschicklichkeit nicht wenig zum Ausbau des Hauses beigetragen hat (3).

Im November 1946 begannen P. Superior Spors und P. Hubert Klose an einigen Orten religionswissenschrftliche Vorträge zu halten. Dabei wurden sie auch von anderen Patres unterstützt, und schon nach kurzer Zeit wurden diese Vorträge in etwa 50 Städten Thüringens und Sachsens gehalten (4). Dazu kamen Volksmissionen, Religiöse Wochen, Exerzitien und andere überpfarrliche Arbeiten, so daß immer mehr Patres nach Erfurt geholt wurden, die freilich wegen der Enge des Hochheimer Pfarrhauses nicht alle dort unterkommen konnten. Dies führte dazu, daß von Erfurt aus neue Niederlassungen entstanden, von denen noch die Rede sein wird (5). Für das Jahr 1950 werden 49 Volksmissionen und Religiöse Wochen und 33 Exerzitienkurse mit 664 Teilnehmern aus den verschiedensten Ständen gemeldet (6). Im Jahre 1954 waren es, nachdem die Volksmissionare nach Weimar gezogen waren, noch 16 Missionen und 15 Exerzitienkurse mit 311 Teilnehmern (7). Im Jahre 1948 wurde auf Wunsch des Herrn Generalvikars ein kleines Konvikt für Knaben übernommen, die die Absicht hatten, Priester zu werden (8). Das Konvikt wurde von den Jesuiten geleitet, bis es staatlicherseits nach und nach abgewürgt wurde (9).

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(1) Hist. dom. 1945/47 - (2) Schreiben Propst Msgr. Dr. Freusberg an P. Prov. Hapig vom 9. Mai 1946. Provinzarchiv. - (3) Rundbrief vom 31. Juli 1946 - (4) Hist. dom. 1949 - (5) Hist. dom. 1947ff; Rundbrief Januar 1947 - (6) Hist. dom. l950 - (7) Hist. dom. 1954 - (8) Hist. dom. 1948 - (9) Hist. dom. 1958

 


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Am 25. Oktober 1950 verunglückte P. Karlheinz Brungs, der auf einer Außenstation von Zella-Mehlis Gottesdienst gehalten hatte und auf seinem Motorrad in die Stadt zurückkehrte. Er starb zwei Stunden nach dem Unfall im Krankenhaus zu Zella-Mehlis (10).

Unter Leitung von P. Emil Drost machten 1952/53 vier junge Patres in Erfurt Hochheim ihr drittes Probejahr (11). Und weil es immer schwieriger und schließlich unmöglich wurde, weitere Patres und Brüder in die DDR zu versetzen, ergab sich von selbst die Notwendigkeit, ein Noviziat zu errichten und von Anfang an auch die Ausbildung der jungen Fratres zu gewährleisten. Für Noviziat und Studien kam nur Erfurt in Frage, weil nur dort die Fratres die Möglichkeit hatten, an einer Philosophisch-theologischen Hochschule immatrikuliert zu werden. So begann am 15. September 1958 das Noviziat unter P. Franz Baron mit vier Scholastikernovizen (12). Und nur weil es später möglich wurde, das Haus zu erweitern bzw. aufzustocken, ließen sich Pfarrei, Noviziat und ein Teil des Scholastikates im gleichen Hause unterbringen. Andere Scholastiker wohnten, als ihre Zahl größer wurde, wenigstens zeitweise, im Priesterseminar. Zu Beginn des Jahres 1965 wurden 9 Fratres und zwei Scholastikernovizen gezählt. Dazu kommt noch ein junger Bruder, der durch das Erfurter Noviziat gegangen ist (13).

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(10) Hist. dom. 1950; Mttlg. XVII, 215f. - (11) Hist. dom. 1952/53 - (12) Hist. dom. 1958 - (13) Obere waren: Bruno Spors, 27. Juni 1946 (Vicesup.), 23. September 1947 (Sup.); Wolfgang Kurts (Vicesup.), 10. September 1954; Franz Baron, 10. September 1958; Bruno Borucki (Vicesup.), 1. September 1963; Herbert Gorski, 1. September 1964; Pfarrer von Erfurt-Hochheim waren: Hermann Jäger, 27. April 1947; Stanislaus Nauke, 27. April 1955; Joseph Müldner, 1. Januar 1964.

 


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Leipzig

Im November 1946 hatten P. Bruno Spors und P. Hubert Klose begonnen, von Erfurt aus religionswissenschaftliche Vorträge zu halten, die allgemein sehr großen Anklang fanden. Deshalb wurden, wenn auch oft nur vorübergehend, immer mehr Patres für diese wichtige Aufgabe zur Verfügung gestellt. Und schon bald zeigte es sich, daß es dringend notwendig sei, daß die "Redner" zusammenwohnten, um ihre gemeinsamen Anliegen und Fragen leichter besprechen und ihre Vorträge aufeinander abstimmen zu können. Versuche, ein passendes Haus in Erfurt zu finden, scheiterten.

Ein solcher Mittelpunkt wurde schließlich durch den damaligen Propst von Leipzig und späteren Bischof von Meißen, Dr. Otto Spülbeck, in Leipzig vermittelt. Das Haus wurde am 5. September 1950 eingeweiht. Die Wahl von Leipzig erwies sich wegen seiner zentralen Lage alsbald für die Arbeit der Redner als sehr günstig. Anfangs gehörten fünf Patres zu dieser Rednerturme, zu denen gelegentlich auch noch ein sechster kam (1). 1952 wurden diese Vorträge schon in 88 Städten gehalten (2). Hinzu kamen an einigen Orten auch Exhorten für Priester und Ordensschwestern. Im Jahre 1954 wurden von den Rednern etwa 60.000 Eisenbahnkilometer zurückgelegt, 1.000 Vorträge vor etwa 200.000 Hörern gehalten, ferner 24.000 Beichten gehört (3). Im Jahre 1956 sind es schon mehr als 100 Pfarreien, in denen gepredigt wird. Es werden allerdings nicht alle Pfarreien monatlich aufgesucht, sondern abwechselnd mit anderen Orten. Seit 1959 stehen für diese Predigten nur noch die Patres Johannes Bartsch, Johannes Beckmann, Gerhard Kroll und Otto Ogiermann zur Verfügung, die abwechselnd die einzelnen Reiserouten befahren (4).

Die Predigten werden gehalten in den Monaten März bis Juli und September bis November. Der Monat August ist für Ferien frei und die Wintermonate für Studium und Vorbereitung der neuen Predigten. Es ließ sich freilich nicht vermeiden, daß wegen Erkrankung eines Redners zuweilen die eine oder mehrere Predigten ausfallen mußten, weil nicht immer ein Vertreter gestellt werden konnte. Die Orte, die aufgesucht wurden, waren in fünf Gruppen (Reiserouten) aufgeteilt (5).

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(1) Hist. dom. 1950 - (2) Hist. dom. 1952 - (3) Hist. dom. 1954 - (4) Hist. dom. 1959 - (5) Hist. dom. 1960.
Diese Gruppen sind:
a) Mecklenburg. Dazu gehörten auch die Orte in Brandenburg und im Görlitzer Bezirk.
b) Sachsen. Diese Reise ging quer durch Sachsen bis Görlitz.
c) Thüringen. Hier wurde das südliche Thüringen bis Meiningen und Eisenach besucht.
d) Eichsfeld. Diese Fahrt ging über Jena und Erfurt bis Heiligenstadt.
e) Magdeburg. Auf dieser Reise wurden vor allem die Städte des Magdeburger Kommissariates aufgesucht.

 


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Wie sehr diese Arbeit geschätzt wurde, geht schon allein aus der Tatsache hervor, daß immer wieder neue Anfragen und Bitten um diese Predigten eingingen. - Soweit es sich ermöglichen ließ, standen die Leipziger Patres auch für andere Arbeiten, vor allem für Exerzitien, zur Verfügung.

Ein besonderer Festtag der Leipziger Jesuiten war das Pfingstfest 1960. Denn an diesem Tage gedachten die Katholiken Leipzigs jenes Tages, an dem vor 250 Jahren, im Jahre 1710, Jesuiten den ersten katholischen Gottesdienst (6) nach der Glaubensspaltung in Leipzig gehalten hatten (7).

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(6) Hist. dom. 1960; Paul Franz Saft, Der Neuaufbau der katholischen Kirche in Sachsen im 18. Jahrhundert. Leipzig 1961. S. 134. - (7) Obere waren: Bruno Borucki, 1. Mai 1951; Herbert Gorski, 31. Mai 1957; Gerhard Kroll, 1. April 1964.

 


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Magdeburg

Im Oktober 1944 übernahm P. Paul Overhage aus der Niederdeutschen Provinz die Verwaltung der Pfarrei Oebisfelde Kr. Gardelegen. Gegen Schluß des Krieges waren nämlich in das Gebiet dieser Pfarrei zahlreiche Katholiken aus Westdeutschland gekommen, die hier vor den immer drohender werdenden Fliegerangriffen Schutz suchten. Und als nach Kriegsende die westdeutschen Katholiken in ihre Haimatstädte zurückkehrten, kamen heimatvertriebene Katholiken aus Ostdeutschland. So stieg die Zahl der Katholiken in der Pfarrei Oebisfelde von etwa 400 auf mehr als 2000 an, von denen allerdings nur knapp die Hälfte in der Stadt selbst wohnte. Und als P. Overhage im Herbst 1945 in seine Heimatprovinz zurückberufen wurde, trat am 13. November 1945 an seine Stelle P. Georg Sunder (1). Ihm wurde im Mai 1946 Br. Karl Neumann als Hilfe beigegeben. Da noch andere Patres in das Erzb. Kommissariat Magdeburg versetzt wurden, entstand eine kleine Statio. Neben der Pfarrseelsorge wurden von den Patres nach Möglichkeit auch überpfarrliche Arbeiten übernommen. - Im August 1956 wurde die Pfarrei Oebisfelde an den Weltklerus zurückgegeben (2).

Vorübergehend arbeiteten in den Jahren 1948-52 auch in der Lutherstadt Eisleben einige Patres. Da der dortige Pfarrer die Patres nur als seine Kapläne beschäftigen wollte, für überpfarrliche Arbeiten aber wenig Verständnis zeigte, wurden die Eislebener Patres im Oktober 1952 wieder zurückgezogen (3).

Endlich konnte im Jahre 1951 in Magdeburg selbst fester Fuß gefaßt werden. Am 30. März 1951 segnete der damalige Erzbischöfliche Kommissar, Weihbischof Wilhelm Weskamm, das Haus Uhlichstraße 1 ein, das aber schon 1953 auf Verlangen der sowjetischen Militärverwaltung gegen ein anderes Haus (Karl-Liebknecht-Platz 2) eingetauscht werden mußte. Der Umzug geschah am 9. und 10. März 1953 (4).

Die Zahl der zu Magdeburg gehörenden Patres war manchen Schwankungen unterworfen, blieb aber stets unter 10. Und erst als das Haus am Karl-Liebknecht-Platz erworben worden war, konnte die Mehrzahl der Magdeburger Jesuiten beisammen wohnen. Nach 1958 sank ihre Zahl mehr und mehr, bis es nur noch vier oder fünf Jesuiten wnren, die im Magdeburger Gebiet arbeiteten. Dementsprechend nahmen auch die Seelsorgsarbeiten ab. So werden für das Jahr 1954 33 Exerzitienkurse mit 484 Teilnehmern gemeldet, im Jahre 1957 sind es neben acht Volksmissionen sogar 41 Kurse mit 1028 Teilnehmern. Damit ist aber der Höhepunkt überschritten, und die seelsorglichen Arbeiten gehen zahlenmäßig nach und nach zurück. Die überpfarrliche Seelsorge bleibt aber weiterhin die Hauptaufgabe des Magdeburger Hauses (5).

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(1) Hist. dom. 1944-49; Rundbrief vom Januar 1947 - (2) Hist. dom. 1956 - (3) Hist. dom. 1952 - (4) Hist. dom. 1953 - (5) Hist. dom. 1953 ff.

 


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Seit 1949 leitete P. Franz Baron ein kleines Konvikt für Knaben, die Priester werden wollten. Obgleich das Haus dem Erzbischöflichen Kommissariat gehörte und nicht dem Orden, mußte es dennoch im Jahre 1958 geschlossen werden. Denn die Magdeburger Schulbehörden verboten, auswärtige Schüler ohne besondere Genehmigung auf einem Magdeburger Gymnasium einzuschulen (6).

Am 29. November 1957 wurde P. Josef Riethmeister, als er aus Berlin zurückkehrte, auf dem Bahnhof Griebnitzsee bei Potsdam verhaftet und nach Potsdam gebracht. Bei einer Kontrolle waren bei ihm ein Heft der 'Stimmen der Zeit' und zwei Nummern der Schweizer Zeitschrift 'Orientierung' gefunden worden. In Magdeburg selbst wurden am 29. und 30. November sein Zimmer sowie das Erholungszimmer, in dem auch die Zeitschriften auslagen, vom Staatssicherheitsdienst (SSD) durchsucht. P. Riethmeister wurde am 14. Dezember ohne Angabe einer Begründung für seine Verhaftung wieder freigelassen (7).

Wie oben schon berichtet wurde, wurde am 23. Juli 1958 in Berlin-Biesdorf P. Josef Menzel, der zum Magdeburger Haus gehört, festgenommen. Auch bei ihm wurde anschließend das Zimmer durchsucht. Ferner konnte seit dem Sommer 1958 der damalige Superior P. Georg Sunder nicht mehr nach Magdeburg zurückkehren, weil auch er vom Staatssicherheitsdienst gesucht wurde. Er reiste dann im folgenden Jahr in die Sinoia-Mission nach Afrika (8).

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(6) Hist. dom. 1958 - (7) Hist. dom. 1957 - (8) Obere waren: Georg Sunder, 30. März 1951; Josef Riethmeister, 4. Februar 1960.

 


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Weimar

Wegen der räumlichen Beengtheit in Erfurt zogen schon Ende 1946 zwei Patres nach Weimar, wo es gelungen war, eine kleine Wohnung zu mieten. Auf eine ausgedehntere Seelsorgstätigkeit in Weimar selbst wurde von Anfang an verzichtet. Später gelang es, eine größere Wohnung zu finden, so daß in Weimar eine regelrechte Statio entstand, die aber anfangs noch abhängig war, vom Superior in Erfurt. In Weimar wurden die Volksmissionare zusammengezogen, das Haus entsprechend eingerichtet und mit einer zweckmäßigen Bücherei ausgestattet.

Anfangs gehörten sechs oder sieben Patres zu dem neuen Haus, später ging ihre Zahl allmählich zurück. Denn es schied der eine oder andere Pater aus gesundheitlichen Gründen aus, ohne daß Ersatz gestellt werden konnte. So blieben schließlich noch drei oder vier Patres, an deren Spitze ein Minister stand. Daraus ergab sich von selbst, daß auch die Zahl der Missionen zurückging, während die der Exerzitienkurse schwankte. So wurden im Jahre 1954 106 Missionen und 13 Exerzitienkurse mit etwa 300 Teilnehmern gezählt. Und im letzten Jahr, über das noch Berichte vorliegen, im Jahre 1960, werden noch 62 Missionen und 21 Exerzitienkurse mit 720 Teilnehmern gemeldet. Allerdings waren darunter 17 Kurse für Ordensschwestern mit 550 Teilnehmerinnen (1).

Die Volksmissionen konnten im allgemeinen unbehindert gehalten werden. Später machte sich freilich der atheistische Einfluß stärker bemerkbar, so daß die Beteiligung an Missionen und Religiösen Wochen nachließ. So kamen, um ein krasses Beispiel anzuführen, auf einer Außenstation mit etwa 100 Katholiken kaum mehr als fünf zu den einzelnen Predigten - bei der Schlußandacht waren 15 Gläubige zugegeh - darunter ein einziger Mann, der aber dennoch nicht zu den Sakramenten ging (2). Von 1959 an wurden die Volksmissionen in den Grenzgebieten entlang der Zonengrenze, so auch auf dem katholischen Eichsfeld unmöglich gemacht, weil die Missionare einen besonderen Passierschein benötigten, der verweigert wurde (3). Im ganzen aber darf gesagt werden, daß von dem kleinen Haus in Weimar ungemein viel Gutes gewirkt wurde und der Segen Gottes spürbar auf den Arbeiten der Patres ruhte (4).

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(1) Hist. dom. 1954 und 1960 - (2) Hist. dom. 1958 - (3) Hist. dom. 1959 - (4) Obere waren: Wilhelm Greefrath, 1. November 1951; Emil Drost, 31. August 1956.

 


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Zwickau

Die Katholische Diaspora-Mission Zwickau wurde errichtete weil im Südwesten Sachsens keine Niederlassung männlicher Ordensleute bestand. Dem neuen Haus wurde als Aufgabe gestellt, in der seelsorglichen Betreuung der "Arbeiter-, Industrie- und Kohlenbergbaustadt Zwickau" zu helfen (1). Begonnen wurde am 2. November 1956 mit drei Patres, zu denen noch zwei Patres der österreichischen Provinz zu zählen sind, die in der Pfarrseelsorge arbeiteten. Die Statio, die anfangs zu Dresden gehörte, wurde am 2. Februar 1958 selbständig (2).

Für das Jahr 1960 werden 28 Volksmissionen und 9 Exerzitienkurse mit 193 Teilnehmern gemeldet; davon wurden 5 Kurse mit 129 Ordensschwestern gehalten (3). Von den fünf Patres, die damals zum Zwickauer Haus gehörten, arbeiteten P. Wilhelm Greefrath und P. Johannes Wyrwich als Volksmissionare, P. Afons Berner hielt Priesterrekollektionen, P. Josef Müldner war Kongragationspräses und P. Bertold Haußmann Pfarrvikar von Meerane. 1965 war die Zahl der Patres auf vier gesunken (4).

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(1) Hist. dom. Dresden 1956 - (2) Hist. dom. 1958 - (3) Hist. dom. 1960 - (4) Obere waren: Greefrath, 2. Februar 1958; Johannes Wyrwich, 11. Februar 1964.

 


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Rostock

Nach Mecklenburg waren im Jahre 1941 mehrere Patres aus Westdeutschland gekommen, die von der Gestapo aus Rheinland-Westfalen ausgewiesen wurden (1). Nach Rostock wurde P. Wilhelm Köning (2) geschickt, der am 17. Juli 1941 ankam und in der überpfarrlichen Seelsorge tätig sen sollte. Nach fast dreijähriger Tätigkeit wurde er am 11. April 1944 bei einem Fliegerangriff verschüttet (3), hatte jedoch in diesen drei Jahren dem späteren Wirken der Jesuiten die Wege gebahnt. Sein Nachfolger war P. Johannes Bapt. Bayer, der am 3. September 1944 eintraf und sich um den Wiederaufbau der durch Luftangriffe zerstörten Pfarrkirche sehr verdient gemacht hat (4).

Der erste Priester aus der Ostdeutschen Provinz, der Anfang Oktober 1943 nach Mecklenburg geschickt wurde, war P. Emil Drost, dem bald andere Patres folgten, die sich vor allem der heimatvertriebenen Katholiken aus dem deutschen Osten annahmen (5). Allmählich festigten sich die Verhältnisse, und die sechs damals in Mecklenburg tätigen Patres wurden am 8. Dezember 1946 zu einer Statio zusammengefaßt, die am 11. Dezember 1948 zur Residenz erhoben wurde (6). Ende 1946 war es gelungen, im Hause Wismarsche Straße 5 eine kleine Wohnung zu mieten, die am 14. Januar 1947 von einem Teil der Rostocker Patres bezogen werden konnte (7). Die Zahl der zum Rostocker Hause gehörenden Patres stieg allmählich auf zehn, sank aber später wieder auf sieben.

Anfangs bildete die Seelsorge unter den Heimatvertriebenen die Hauptaufgabe der Rostocker Patres. Aber bald kamen auch andere Arbeiten hinzu. So übernahm P. Josef Riethmeister am 25. November 1946 die Krankenhaus- und Gefangenenseelsorge in Rostock und P. Anton Zug im Herbst 1951 die Studentenseelsorge (8). Als vornehmste und wichtigste Aufgabe sahen auch die Rostocker Patres die Abhaltung von Volksmissionen und Exerzitien an. Schon 1946 konnte P. Emil Drost zehn Religiöse Wochen und drei Exerzitienkurse für Priester und vier für Ordensschwestern halten (9).

Im Jahre 1952 werden von den Rostocker Patres 44 Volksmissionen bzw. Religiöse Wochen und 58 Exerzitienkurse mit 1073 Teilnehmern gegeben. Darunter waren neun Kurse mit 120 Männern und 26 mit 374 Frauen und Mädchen. Die meisten dieser Kurse wurden im Exerzitienhaus Parchim gehalten (10). 1957 sind es gar 45 Missionen und 76 Kurse Exerzitien mit 1785 Teilnehmern (11). Auch in den folgenden Jahren haben sich diese Zahlen kaum



Das Foto wurde aufgenommen am Ignatiusfest, 31. Juli 1954, in der Residenz Rostock, Wismarsche Str. 5
Von l.n.r. hinten: Artur Riedel, Georg Conrad, Stanislaus Nauke, Erhard Kaisig, Emil Drost, William Strieder
vorn: Johannes Bapt. Bayer, Anton Scholz, Anton Zug, Josef Riethmeister

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(1) Mttlg. XVI, 6 ff. - (2) Mttlg. XVI, 445-450 - (3) Ebd.; Hist. dom. 1947 - (4) Hist. dom. 1947 - (5) Hist. dom. 1947; Rundbriefe von Pfingsten 1946, Ignatiusfest 1946 und Januar 1947 - (6) Hist. dom. 1948 - (7) Hist. dom. 1947 - (8) Hist. dom. 1947 und 1951 - (9) Hist. dom. 1947 - (10) Hist. dom. 1952 - (11) Hist. dom. 1957

 


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geändert. Leider fehlen dann seit 1961 genaue statistische Angaben. Denn wegen der Schwierigkeiten persönlichen und brieflichen Verkehrs seit der Errichtung der Berliner Mauer wurden diese Berichte nicht mehr verlangt.

Wegen der großen seelsorglichen Not und wegen des großen Priestermangels wurden nach Kriegsschluß auch im Kommissariat Schwerin mehrere Kapläne gestellt und für einige Jahre die Kapellengemeinde Ribnitz versorgt. Um den Gottesdienst auf den Außenstationen halten und die Kinder unterrichten zu können, mußten hier nicht selten weite Wegstrecken zurückgelegt werden, was damals nur mit dem Fahrrad möglich war und große Anforderungen an die physischen Kräfte der Patres stellte (12). Die Kapläne wurden nach und nach zurückgezogen und auch Ribnitz im Jahre 1954 dem Weltklerus übergeben; dafür wurde in Rostock die Kuratie St. Josef aufgebaut.

Am 1. Dezember wurde P. William Strieder zum Pastor von Rostock-Reutershagen ernannt. Die ersten Gottesdienste hielt er in einer protestantischen Kirche. Noch im Dezember konnte er eine alte, leerstehende Baracke aus Holz kaufen (13). Die Genehmigung aber, ein festes Holzgebäude zu errichten, wurde zwar anfangs gegeben, jedoch bald wieder zurückgezogen und auch künftig verweigert, so daß der Gottesdienst weiter in protestantischen Kirchen gehalten werden mußte (14). Im Jahre 1956 konnte wohl eine kleine Werkstatt gemietet werden, in der an Sonn- und Feiertagen zwei Gottesdienste gehalten wurden; man war aber weiterhin auch auf die protestantischen Kirchen angewiesen (15). Denn die Bauerlaubnis für Kirche und Pfarrhaus wurde auch jetzt nicht erteilt. Es konnte im Jahre 1960 nur eine kleine Wohnung innerhalb des Pfarrgebietes für die Pfarrgeistlichen gemietet werden (16).

P. Artur Riedel dagegen konnte in Schwaan unter großen Schwierigkeiten an Stelle des kleinen, engen Gotteshauses eine neue Kirche erbauen, die am 23. Dezember 1952 von dem Bischöflichen Kommissar Msgr. Schräder benediziert und am 8. November 1953 von dem Osnabrücker Weihbischof Johannes von Rudloff konsekriert wurde (17). Zum 1. Juli 1954 wurde Schwaan vom Weltklerus übernommen. P. Riedel wurde nach Rostock zu den Volksmissionaren geholt. Hier gründete er, vor allem in größeren Gemeinden, Marianische Kongregationen (18), die sich nach manchen Schwierigkeiten und anfänglichem Widerspruch jedoch bald gut entfalteten (19).

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(12) Hist. dom. 1948 - (13) Hist. dom. 1954 - (14) Hist. dom. 1955 - (15) Hist. dom. 1956 - (16) Hist. dom. 1960 - (17) Hist. dom. 1952 und 1953 - (18) Hist. dom. 1955, 1956 und 1960 - (19) Obere waren: Johannes Bapt. Bayer, 8. Dezember 1946; Emil Drost, 1. Oktober 1947 bzw. 29. Januar 1949; Anton Zug, 2. Februar 1955; Erhard Kaisig, 2. Februar 1962.

 


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IV. Westdeutsche Häuser

Weil es immer schwieriger und schließlich unmöglich wurde, Patres und Brüder aus dem Westen in die DDR zu versetzen, um die dortigen Niederlassungen weiter auszubauen, bemühte sich P. Provinzial Wehner um die Erlaubnis, in Westdeutschland die eine oder andere kleinere Niederlassung zu errichten, die aber ihm als dem Provinzial der Ostdeutschen Provinz unterstehen sollte. Damit sollte zugleich vermieden werden, daß die Zerstreuung der Provinz noch größer und ärger werde. Vom Ordensgeneral wurden daraufhin die beiden Diözesen Fulda und Mainz, in denen weder die Niederdeutsche noch die Oberdeutsche Provinz ein Haus besaßen, der Ostdeutschen Provinz als vorübergehendes Arbeitsgebiet zugewiesen.

 

Gießen

Der Anfang wurde in Gießen gemacht, weil Bischof Stohr von Mainz dringend eine Ordensniederlassung für Oberhessen wünschte. Am 1. Februar 1955 kam als erster Jesuit P. Wilheln Kohlen nach Gießen und fand Wohnung im Caritashause Es felgten bald noch zwei andere Patres, und so entstand eine kleine Statio, die zunächst noch abhängig blieb vom Rektor des Noviziatshauses auf dem Jakobsberg. Diese Patres übernahmen vor allem Religionsunterricht an Berufsschulen und die Seelsorge in den Universitätskliniken, wozu sehr bald auch andere Arbeiten verschiedenster Art kamen. Hinderlich für das seelsorgliche Arbeiten war von Anfang an, daß die Patres kein eigenes Haus und vor allem keine eigene Kapelle besaßen (1). Es wurde deshalb viel überlegt, ob der Orden in Gießen eine Pfarrei übernehmen solle oder nicht. Entschieden wurde diese Frage am 30. November 1956, als die Aufteilung Gießens in drei Seelsorgsbezirke beschlossen wurde, von denen die Ostdeutsche Provinz Gießen-Nord erhalten sollte (2).

Am 1. Juni 1957 wird die Pfarrkuratie St. Albert errichtet und P. Max Müller zum Verwalter der Kuratie ernannt. Es begannen auch bald die Vorbereitungen für den Bau einer Kirche, deren Grundstein am 3. November 1957 gelegt wurde. Anfang April schon waren die Patres in das sog. Kettelerhaus gezogen, und die Niederlassung wurde nun selbständige Residenz (3). Die feierliche Konsekration der Kirche wurde am 8. und 9. November 1958 von Bischof Stohr vollzogen (4). Als der Ordensgeneral die

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(1) Hist. dom. 1955 - (2) Hist. dom. 1956 - (3) Hist. dom. 1957; Rundbrief vom 6. Dezember 1957 - (4) Hist. dom. 1958; Rundbrief vom 6. Dezember 1958

 


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Übernahme der Pfarrei gestattete, geschah es unter der Bedingung, daß im Pfarrhaus die Klausur eingerichtet werden könne und auch noch andere Patres darin wohnen könnten. Es vergingen mehrere Jahre, bis das Pfarrhaus stand; am 28. Oktober 1963 konnte es endlich bezogen werden. Da es aber nicht groß genug war, um alle Patres aufzunehmen, wurden der kranke P. Kohlen nach Berlin und die beiden Missionsprokuratoren nach Darmstadt versetzt (5).

Die Arbeiten der Gießener Patres zeigen eine gute Verbindung von pfarrlicher und überpfarrlicher Seelsorge. Unter den überpfarrlichen Arbeiten sind vor allem zu nennen: Religionsunterricht an höheren und an Berufsschulen, Klinikenseelsorge, Exerzitien für Priester und Ordensschwestern, die vor allem P. Superior Wehner gibt, und schließlich die Religiösen Schülerwochen des P. Bernhard Gluth, der bis Frühjahr 1964 solche Wochen in etwa 150 Schulen mit 40.000 Teilnehmern gehalten hat (6). Und die Pfarrei, die bei der Übernahme im Jahre 1957 etwa 4.50 Gläubige hatte, meist sudetendeutsche Heimatvertriebene, war 1964 schon auf fast 10.000 Mitglieder angewachsen (7). Denn als Folge der Ausbreitung der Industrie entstanden immer neue Wohnviertel (8).

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(5) Hist. dom. 1963 - (6) Hist. dom. 1962; Rundbrief vom 13. Juni 1964 - (7) Hist. dom. 1964; Rundbrief vom 13. Juni 1964 - (8) Superioren waren: Wilhelm Kohlen (Vicesup.), 14. April 1957; Karl Wehner, 2. Juli 1960; Josef Michalke, 3. Februar 1965. Kuraten waren: Maximilian Müller, 1. Juni 1957; Johannes Wagner, 1. September 1961; Josef Michalke, 10. Februar 1965.

 


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Marburg

Sechs Jahre nach der Gründung von Gießen wurde in Marburg begonnen. Im Dezember 1960 führte P. Provinzial Mianecki deswegen mit Bischof Bolte von Fulda die ersten Besprechungen (1). "Ebenso herzlich wie dringend" baten damals Bischof und Generalvikar, im Raum von Marburg eine Niederlassung zu gründen und zu überlegen, ob nicht auch eine neu zu errichtende Pfarrei in Marburg übernommen worden könne. Dazu würden überpfarrliche Aufgaben wie Priesterseelsorge, geistliche Betreuung der Akademiker und Erwachsenenbildung komnen (2).

In Marburg arbeitete schon seit dem Sommersemester 1946 als Studentenseelsorger P. Gerhard Koch. Mitte April 1961 kam neu hinzu P. Erich Rommerskirch, der vor allem für Priesterrekollektionen in der Diözese Fulda zur Verfügung stehen sollte. Und am 1. Juli wurde P. Heinrich Kreutz zum Pfarrer des neu zu schaffenden Seelsorgsbezirkes ernannt, dessen Grenzen südlich der Lahn aber erst im Oktober genau umschrieben wurden. Obgleich es anfangs aussichtslos schien, eine passende Wohnung für die Patres zu finden, konnte doch Mitte August eine kleine Wohnung am Kaffweg 9b gemietet werden. So wurde jetzt die Statio Marburg, die ordensrechtlich aber noch vom Superior in Gießen abhängig blieb, offiziell errichtet. Ende des Jahres 1961 zählte sie bereits 7 Patres, von denen nur P. Georg Kurz, Spiritual im Fuldaer Priesterseminar, außerhalb Marburgs wohnte (3).

Wenn auch der Bau von Kirche und Haus bald angepackt wurde, vergingen doch ein paar Jahre, bis alles stand und bezugsfertig war. Erst am 16. und 17. April 1964 konnten die Patres aus der bisherigen Mietswohnung in das neue Haus Großseelheimer Straße 10 umziehen. Am 31. August wurde die Niederlassung auch ordensrechtlich selbständig und ein neuer Superior ernannt (4). Gleichzeitig war auch der Bau der Kirche entsprechend vorangeschritten. Am 31. Juli 1963 wurde der Grundstein gelegt (5) und am 29. August 1965 die Kirche vom Bischof von Fulda konsekriert (6).

Ende 1964 gehörten zum Marburger Haus 11 Patres. Drei von ihnen studierten an der Universität. Von den übrigen arbeiteten je zwei Patres in der Pfarr- und Studentenseelsorge, P. Superior gab Priesterrekollektionen und P. Minister half in der Seelsorge unter den Amerikanern, P. Eugen Bergmann war Spiritual im Fuldaer Priesterseninar und P. Rudolf Pischel schließlich widmete sich der Jugendarbeit.

Da sowohl die pfarrliche wie die überpfarrliche Seelsorge der Marburger Patres, ausgenommen die Arbeit unter den Studenten, noch in den Anfängen stecken, lassen sich darüber noch kein Urteil und kein gültiger Überblick geben. Bemerkt sei nur, daß im Jahre 1964 (7) 43 Exerzitienkurse mit 936 Teilnehmern gegeben wurden; 17 Kurse waren für Männer und 20 Kurse für Frauen mit 365 bzw. 491 Teilnehmern. Die restlichen Kurse wurden für Priester, Priesterkandidaten und Ordensschwestern gehalten (8).

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(1) Hist. dom. 1960 - (2) Hist. dom. 1961; Hist. dom. Giessensis 1961; Rundbrief vom 5. Februar 1961 - (3) Hist. dom. 1961; Rundbriefe vom 20. November 1961 und 23. März 1962 - (4) Hist. dom. 1964; Rundbrief vom 13. Juni 1964 - (5) Rundbrief vom 3. August 1963 - (6) Hist. dom. 1965; Rundbrief vom 1. November 1965 - (7) Hist. dom. 1964. (8) Superioren: Erich Rommerskirch, August 1961; Georg Kurz, 31. August 1964; Pfarrkuraten: Heinrich Kreutz, l. Juli 1961; Erich Rommerskirch, 1. September 1964.

 


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Darmstadt

Die dritte Niederlassung, die in jenen Jahren von der Ostdeutschen Provinz in der Bundesrepublik gegründet wurde, war Darmstadt. Der Anlaß zu dieser Gründung war die Bitte des Bischofs von Mainz, die Seelsorge unter den Studenten der Technischen Hochschule in Darmstadt zu übernehmen (1). P. Provinzial Mianecki verhandelte wegen dieses Angebotes Ende 1962 mit dem Generalvikar von Mainz. Dabei wurde vereinbart, daß zwei Patres nach Darmstadt kommen und in einem Hause, das der Pfarrei St. Fidelis gehörte, wohnen sollten, bis das neue Gebäude in der Nähe der Universität errichtet sei, das von der Diözese als Bildungszentrum geplant werde und auch den Jesuiten Unterkunft bieten solle (2).

Als erster Jesuit kam am 22. April 1963 P. Werner Bulst nach Darmstadt und bezog Wohnung in der Feldbergstr. 32. Zusätzlich wurde Ende 1963 in Griesheim bei Darmstadt ein Neubau gemietet, in den die beiden Missionsprokuratoren zogen, die von Gießen kamen. Das Haus wurde jedoch im August 1964 wieder aufgegeben und dafür eine günstiger gelegene Wohnung in der Roßdörfer Str. 129 gemietet. Dem Darmstädter Haus wurden jetzt auch die Patres Johannes Leppich und Alfons Matzker zugeschrieben. Am 13. März 1964 wurde P. Herbert Roth Superior der Statio, zu der beide Darmstädter Wohnungen gehörten. Schließlich errichtete auch Bischof Volk von Mainz am 1. Dezember 1964 formell die Darmstädter Jesuitenniederlassung (3).

Einzig die beiden Studentenseelsorger mußten ihre Arbeit neu aufbauen. Die anderen Patres führten ihre bisherigen Arbeiten nur unter veränderten Wohnungsverhältnissen weiter. Daraus erklärt sich auch, daß die Darmstädter Patres schon im Jahre 1964 zusammen 51 Exerzitienkurse für fast 2000 Teilnehmer gaben (4). Darunter waren zwei Kurse von je 30 Tagen, der eine für eine Gruppe Ordensschwestern, der andere für eine Einzelexerzitantin. Beide Kurse gab P. Superior Roth (5).

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(1) Hist. dom. 1963 - (2) Rundbrief vom 4. Dezember 1962 - (3) Hist. dom. 1963 - (4) Hist. dom. 1964 - (5) Superior war: Herbert Roth, 13. März 1964

 


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Jakobsberg

Ganz anderer Art waren die Gründe, die die Ostdeutsche Provinz veranlaßten, das Kloster Jakobsberg für einige Jahre zu pachten. Die Ostdeutsche Provinz hatte nämlich durch die politischen Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Noviziatshaus Mittelsteine in Schlesien verloren. Deshalb hatte sie ihre Novizen zunächst gemeinsam mit denen der Oberdeutschen Provinz im Exerzitienhause Rottmannshöhe am Starnberger See. Dort war an 25. Juli 1945 das Noviziat der beiden Provinzen unter P. Otto Pies (1), der vor dem Kriege schon Novizenmeister in Mttelsteine gewesen war, eröffnet morden. Das Noviziat wurde dann am 26. April 1946 in das Noviziatshaus der Oberdeutschen Provinz bei Feldkirch (Vorarlberg) übertragen, wurde aber wegen der Paß- und Reiseschwierigkeiten, die damals zwischen Deutschland uud Österreich bestanden, am 30. Juli 1947 in das Berchmanskolleg Pullach bei München verlegt (2).

Da aber auch dieses Haus das Noviziat auf die Dauer nicht beherbergen konntet mußte eine endgültige Lösung gefunden werden. Das Noviziat wurde wiederum getrennt. Die Oberdeutsche Provinz began in Neuhausen bei Stuttgart zu bauen, und für die ostdeutsche Provinz schien sich im Jahre 1951 eine Gelegenheit in Bad Homburg v.d.H. zu bieten (3). Ein Teil der Novizen war auch bereits dorthin übergesiedelt, ja sogar schon ein Vertrag abgeschlossen worden, als P. Reinhold Doerge, der Minister des Noviziatshauses, auf das Trappistenkloster Jakobsberg bei Bingen/Rhein aufmerksam gemacht wurde. Dieses Haus war geräumiger und für das Noviziat bedeutend geeigneter als jenes in Bad Homburg (4).

Das Jakobsberger Kloster hatte schon länger mit großen äußeren und inneren Schwierigkeiten zu kämpfen und sollte auf Geheiß der römischen Religiosenkongregation aufgelöst werden. Deshalb war es den zuständigen Äbten von Mariawald/Eifel und Echt/Holland nicht unangenehm, daß die Ostdeutsche Provinz Haus und Grundstück für ihr Noviziat pachten wollte. Es war am Unglückstag von Herrsching und fast zur gleichen Stunde, als P. Provinzial Boegner in der Abtei Mariawald die ersten Vorbesprechungen führte. Und einen Monat später konnte auf dem Jakobsberg der Vertrag im wesentlichen festgelegt werden (5).

Der Umzug aus Bad Homburg und Pullach vollzog sich nach und nach, aber bereits am 8. August 1951 abends begann auf dem Jakobsberg der Noviziatsbetrieb. Die Ökonomie wurde am 1. September übernommen und von Br. Josef Heinrich geleitet. Da im September eine größere Zahl Kandidaten eintrat, zählte das Haus am Schluß des Jahres 1951 schon 44 Bewohner: 8 Patres, 2 Scholastiker, 23 Scholastikernovizen, 7 Brüder, 3 Brüdernovizen und 1 Postulanten (6).

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(1) Mttlg. XIX, 397-402 - (2) Rundbrief vom 6. Dezember 1957 - (3) Rundbrief Pfingsten 1951 - (4) Hist. dom. 1951 - (5) Rundbrief vom 11. August 1951 - (6) Hist. dom. 1951

 


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Das Haus war bei der Übernahme nicht in bestem Zustand, der Neubau noch nicht verputzt. Es verging darum einige Zeit, bis alles wohnlich eingerichtet war (7). Im Jahre 1953 wurde die kleine Wallfahrtskirche, die den vierzehn Nothelfern geweiht ist, von Peter Paul Etz, Dozent an der Staatl. Kunstschule in Mainz, und seinen Schülern renoviert. Die Apsis wurde mit einem 4,5 Meter hohen Christusbild in Glasmosaik ausgestattet und die Vierzehnheiligen als Sgrafitti auf der Wand zu beiden Seiten des Rundbogens dargestellt, der neue Hochaltar schließlich am 12. Setember 1953 von Bischof Stohr von Mainz feierlich konsekriert (8).

Schon bald nach ihrem Einzug wurden die Patres des Jakobsberges für Exerzitien, seelsorgliche Aushilfen usw. angefordert. P. Bernhard Gluth und später P. Georg Wedig und P. Bernhard Pfirschke halfen dem Pfarrer von Ockenheim im Beichtstuhl, bei der Betreuung der Jugend und anderen seelsorglichen Obliegenheiten. P. Reinhold Doergé arbeitete mit in der Seelsorge unter den amerikanischen Soldaten, P. Karl Krause und später P. Franz Kreis in der Seelsorge unter den Heimatvertriebenen, andere Patres gaben Exerzitien oder leisteten Aushilfen oder Vertretungen. So gab P. Magister Soballa Exerzitien für Priester, Theologie-Studenten, so zum Beispiel für die Alumnen der Priesterseminare von Frankfurt, Freiburg/Br., Köln, Paderborn und Speyer. P. Bernhard Hapig gab mehrfach einzelnen Herren länger dauernde, ja sogar 30tägige Exerzitien. Im Jahre 1957 betreute er 12 Einzelexerzitanten. Es waren dies hauptsächlich Priester, Theologiestudenten und Akademiker. Im Jahre 1958 gaben die Jakobsberger Patres 14 Kurse Exerzitien, darunter waren vier 30tägige Kurse, je zwei für Priester und Laien. Und im folgenden Jahr werden 22 Kurse mit 581 Teilnehmern gemeldet. Wenn auch die Patres mehrfach wechselten, blieben doch die seelsorglichen Arbeiten, die geleistet wurden, in allen Jahren mehr oder weniger die gleichen (9).

Für die Jakobsberger Wallfahrtstage wurden nicht selten auswärtige Prediger eingeladen. So sprach am Herz-Jesu-Fest 1958 P. Johannes Leppich vor etwa 3000 Zuhörern (10).

Nachdem das ehemalige Pilgerheim als Jugendheim eingerichtet war, kamen zahlreiche Jugendliche, hauptsächlich während der großen Ferien, zum Jakobsberg. Bevorzugt wurden aufgenommen Jungen aus heimatvertriebenen Familien aus Berlin und der DDR. Die Zahl der Jungen, die aus der DDR kamen, ließ allerdings später spürbar nach. Die jugendliche Gäste wurden aber nicht nur äußerlich betreut, auch ihre religiöse Schulung wurde nicht vergessen (11).

Die Experimente, denen sich nach dem Wunsch des hl. Ignatius der Jesuitennovize zu unterziehen hat, wurden auf dem Jakobsberg den Verhältnissen entsprechend durchgeführt. Ohne Schwierigkeit ließ sich das Krankenhausexperiment (Hilfe in der Krankenpflege auf Männerstationen) in Bingen einrichten. Von besonderer Art war ein soziales Experiment, das zuerst in einem Sägewerk

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(7) Hist. dom. 1951 - (8) Hist. dom. 1953; Rundbrief 1953/III - (9) Hist. dom. 1952-1959 - (10) Hist. dom. 1958 - (11) Hist. dom. 1954, 1956, 1959

 


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und im Jahre 1953 im Opelwerk von Rüsselskeim den Novizen auferlegt wurde (12). Darüber wird berichtet: "Zunächst waren zwei, dann später drei Novizen eingesetzt, die sechs Wochen im städtischen Lehrlingsheim wohnen und schichtweise in der Montagehalle am Fließband arbeiten. So mechanisch diese Arbeit in sich ist, so wertvoll ist sie zugleich für das praktische Apostolat, und der menschlich-persönliche Einfluß auf die Arbeitskameraden ist unverkennbar" (13). Auf höheren Wunsch jedoch wurde dieses Experiment nicht weitergeführt.

Im November 1960 wurde der Jakobsberg, der neun Jahre das Noviziat der Ostdeutschen Provinz beherbergt hatte, aufgegeben (14) und das Noviziat nach Berlin verlegt (15). Und schon einen Monat später berichtete die Binger Presse (16), daß die Trappisten ihren Besitz an die Missionsbenediktiner von St. Ottilien verkauft hätten (17).

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(12) Hist. dom. 1952, 1953 - (13) Rundbrief 1953/III - (14) Rundbrief von 6. Dezember 1960 - (15) S.o. II. Peter-Faber-Kolleg, S. 28 - (16) Rundbrief vom 5. Februar 1961. (17) Rektoren waren: Otto Pies (Vice-Rektor), 18. Oktober 1951; Bernhard Bley, 19. März 1954; Novizenmeister waren: Otto Pies, 8. August 1951; Günter Soballa, 19. März 1954.

 


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V. Sinoia-Mission

Schon seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts waren deutsche Jesuiten an den Sambesi gezogen (1). Aber die Hoffnung, daß dort vielleicht einmal eine deutsche Jesuitenmission entstehen köhnte, wurde durch den Ersten Weltkrieg zerschlagen.

Nach zwanzigjähriger Unterbrechung reiste im September 1935 wieder eine Gruppe deutscher Jesuiten an den Sambesi: P. Karl Brosig mit den Brüdern Kilian Heim, Heinrich Jaschke und Bernhard Lisson. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges folgten noch weitere 5 Patres, 2 Scholastiker und 5 Brüder; von diesen waren drei aus der Litauischen Provinz. Aber auch dieses hoffnungsvolle Beginnen wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unterbrochen (2).

Dennoch hatte der Gedanke einer deutschen Jesuiten-Mission in Afrika neuen Auftrieb erhalten. Die geplante Mission sollte der Ostdeutschen Provinz übertragen werden, die bis dahin wohl einige Missionare nach Japan geschickt hatte, aber kein eigenes Missionsgebiet besaß. Zunächst wurden freilich alle Priester, wie schon im ersten Kapitel dargetan wurde, in der Heimat benötigt. Als dann die Verhältnisse sich wieder gefestigt hatten, und man daran denken konnte, Patres und Brüder für die Mission freizustellen, übertrug P. General Janssens durch Dekret vom 31. Juli 1959 der Ostdeutschen Provinz ein eigenes Missionsgebiet, das den Namen 'Sinoia-Mission' erhielt (3). Erster Oberer der Mission wurde P. Joseph Michael Otto, der schon 20 Jahre in Afrika arbeitete. Die Mission selbst zählte am 8. September, als das Dekret verkündet wurde, 10 Priester, 6 Scholastiker und einen Bruder, die allerdings noch nicht alle im Gebiet der neuen Mission eingesetzt waren (4).

Das der Ostdeutschen Provinz übertragene Missionsgebiet umfaßt den nördlichen Teil der Erzdiözese Salisbury, eine bisher wenig missionierte Gegend. Die einzige wirkliche Missionsstation daselbst ist Marymount. Sie liegt im östlichen Teil der Mission und hat etwa 10 Schulen und ein kleines Krankenhaus. Ferner gehören zur Mission die kleine Station St. Bernadette in Sipolilo und die Pfarrei in dem Städtchen Sinoia. Von dort aus wird die Seelsorge in Karoi, Banket usw., sowie in den Reservaten Urungwe und Magondi wahrgenommen. Eine große Schwierigkeit besteht vor allem darin, die weit zerstreuten Katholiken zu sammeln und ihnen Gelegenheit zum Sakramentenempfang zu geben (5).

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(1) Mttlg., XVIII, 385ff; Rundbrief vom 13. April 1958 - (2) Mttlg., XVIII, 390 - (3) ARSJ XIII, 603 ss; Hist.gen.Prov.Germ.Orient. 1959; Rundbrief vom 1. Oktober 1959 - (4) Hist.gen.Frov.Germ.Orient. 1959 - (5) Hist. Mission. Sinoiensis 1959-1961

 


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Von Marymount wird im Jahre 1960 berichtet: gespendet wurden 304 Taufen, ferner gab es 264 Erstkommunikanten und 182 Firmlinge, allerdings meist Kinder und Minderjährige. Gottesdienst wird an 9 Orten gehalten. Das Krankenhaus hat 35 Betten. - In Sinoia betreut der Missionsobere P. Otto die Schulen der Afrikaner, P. Karl Brosig ist Pfarrer und P. Reinhard Zinkann verrichtet Kaplansdienste (6).

Über die Gründung von St. Bernadette bei Sipolilo berichtet P. Erich Kotzki (7). In Fest Allerheiligen 1957 besichtigte er mit dem Regierungskommissar und Herrn W. Kerr, dem Eigentümer der Dande Farm, jene Gegend, um einen geeigneten Platz für eine Missionsstation zu finden. Am Dande in unmittelbarer Nähe der Sipolilo Reserve wurde ein Stück Land ausgesucht, das Herr Kerr dem P. Kotzki für die geplante Station überließ. Dort wurde 1958 ein kleines Haus gebaut, und am 26. Juni 1958 zog P. Kotzki selbst dorthin, um die Bauarbeiten zu überwachen und voranzutreiben. So konnte schon am 15. August die Station eröffnet werden. Wegen des 100jährigen Jubiläums der Erscheinungen von Lourdes wurde sie der hl. Bernadette geweiht.

Am 18. August 1958 steigt P. Kotzki zum ersten Mal ins Sambesital hinab und begann sofort mit der Katechese unter den Eingeborenen. Und als er am 9. September wiederum unten weilte, entdeckte er das Grab des P. Emmanuel Gabriel S.J., der dort im Jahre 1885 den christlichen Glauben predigte, aber schon bald an der Malaria starb (8).

Und als P. Kotzki am 30. Septembor zusammen mit P. Provinzial Wehner, der damals zu Verhandlungen über die geplante Sinoiamission in Rhodesien wollte, erneut ins Sambesital hinabstieg, suchten sie sich einen Platz aus, auf dem eine neue Missionsstation gegründet werden sollte. Aber wegen der Nähe einer nicht-katholischen Mission verweigerte die Regierung die Erlaubnis zur Gründung einer katholischen Station. Im Jahre 1959 glaubte man schließlich, am Utete einen geeigneten Platz gefunden zu haben, der auch die Billigung der staatlichen und kirchlichen Behörden fand. Als man dann aber feststellen mußte, daß der Utete in den Monaten Juli/August überhaupt kein Wasser führte, wurde klar, daß der Platz für die Gründung einer Missionsstation nicht in Frage kam. Auch weitere Versuche, sich im Sambesital niederzulassen, scheiterten, bis es im Jahre 1962 gelang, dort Fuß zu fassen (9). Es fehlte aber auch weiterhin nicht an Schwierigkeiten. So wurde nur die Erlaubnis für eine einzige Grundschule gegeben. 1964 konnte schließlich im Tal eine weitere Station, St. Raphael, gegründet werden.

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(6) Hist. Mission. Sinoiensis 1959-1961 - (7) Hist. Stat. Sipolilensis 1958-1961 - (8) P. Emmanuel Gabriel war Oberschlesier und 1848 in Militsch Kr. Cosel geboren. Als junger Priester ging er in die damals neugegründete Sambesi-Mission, wo er jedoch bald starb. Archiv für schlesische Kirchengeschichte, Bd. 18 (Hildesheim 1960), S. 234. - (9) Hist. Stat. Sipolilensis S. Bernardae 1962/64

 


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Und als P. Provinzial Mianecki im Jahre 1961 die Sinoia-Mission besuchte, berichtete er seinen Mitbrüdern in der Heimat: "Bis jetzt besitzt die Sinoia-Mission als einzige große Missionsstation nur Marymount, dessen voll ausgebaute achtjährige Volkäschule rund 300 Schüler zählt. Dazu kommt die Betreuung von 11 Außenschulen und 5 Farmschulen mit etwa 2000 Kindern, deren Lerneifer überall in Afrika erstaunlich ist. Diese Außenschulen liegen im Distrikt Mount Darwin, dessen Bevölkerungszahl auf etwa 100.000 Menschen geschätzt wird und dessen Ausdehnung der der Mark Brandenburg oder des Landes Schleswig-Holstein entspricht. Im Sipolilo-Distrikt besitzen wir eine kleine St. Bernadette-Mission mit Haus und Kapelle, von wo aus P. Kotzki vier Außenschulen und eine Farmschule unter Aufsicht hält und vor allem regelmäßig ins heiße Sambesital hinunterfährt auf Wegen, die keine mehr sind, und zu Leuten, die zu den Ärmsten gehören. Dazu kommt Sinoia selbst als Sitz des Missionssuperiors mit einer armseligen Notkirche und einer zweiten, nicht viel besseren in Karoi, von wo aus die Urungwe-Reserve missioniert wird, wo es unter etwa 25.000 Jfrikanern gegen 1.000 Katholiken geben soll, für die noch keine einzige stabile Kirche gebaut ist. Zu Sinoia gehören drei Schulen. Dazu kommen der Religionsunterricht für europäische Kinder und, was die Hauptsache ist und sich von selbst versteht, die verschiedenen Gottesdienste in Sinoia, Karoi und in den Reserves der Afrikaner. Schließlich bleibt noch die Mangula-Station, die neuerdings P. Joseph Friedrich anstelle eines englischen Paters übernommen hat... Was mich auf den Fahrten durch dieses Land am meisten beeindruckt, ja schockiert hat, sind die endlosen Entfernungen auf guten und häufig sehr schlechten Straßen, zusammen mit der Menschenleere oder wenigstens relativ äußerst geringen Bevölkerungsdichte in diesem ländlichen Südrhodesien, das ja bei einem Flächeninhalt wie Deutschland kaum 3 Millionen Einwohner zählt..." (10).

In der Marymount-Mission gab es 1962 zweimal Unruhen unter den Jungen. Im 16. Juni abends beklagten sich diese über das Essen und wiesen es zurück. Lm folgenden Tage, einem Sonntag, ging keiner der Jungen zur hl. Kommunion, sondern nach der hl. Messe verlangten sie mit großem Geschrei, daß ihnen das Schulgeld zurückgegeben werde und sie nach Hause gehen dürften. Drei von ihnen, die Urheber der Unruhen, wurden sofort entlassen. Ernster wnr es am 4. November, wiederum an einem Sonntag. Zunächst fiel die große Stille in den Wohnräumen der Jungen auf, die nichts Gutes ahnen ließ. Bald flogen auch Steine; einige Fensterscheiben gingen dabei zu Bruch. Ein Junge versuchte, die elektrischen Leitungen durchzuschneiden, andere wollten die Benzin- und Öltanks in Brand stecken. Dies konnte Br. Gerhard Zocholl noch im letzten Augenblick verhindern; dabei erhielt er einen Steinwurf ans Kinn. Zufällig war an diesem Tage ein eingeborener Polizist in Marymount, der trotz der Steinwürfe in kürzester Zeit 9 Jungen, die Haupträdelsführer, festnahm und in einer Schulklasse einschloß.

Als die Unruhen begannen, hatte P. Superior Kensy sofort die Polizei in Mount Darwin benachrichtigt, die aber erst nachts um 2 Uhr eintraf. Die Jungen hatten nämlich glücklicherweise vergessen bzw. übersehen, die Telefonleitungen durchzuschneiden.

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(10) Rundbrief vom 8. August 1961

 


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Außer den 9 Verhafteten wurden am folgenden Tage weitere 19 fristlos entlassen. Seitdem herrschte Ruhe auf der Station. Die Ursache dieser Unruhen war keineswegs politischer Art oder höchstens zu einem ganz geringen Teil. Es war vielmehr ein Fehler gewesen, Jungen aufzunehmen, die für die Schule zu alt waren und nicht mitkamen, und die jetzt ihre Mißerfolge der Schule und der Mission ankreideten (11).

Von den politischen Unruhen, die zunehmend das Land erschütterten, blieb die Mission zunächst unberührt. Nur einige Erwachsene schienen den Umgang mit den weißen Missionaren zu meiden und deshalb auch sonntags der hl. Messe fernzubleiben. Weil vielmehr Jahr für Jahr neue Missionare aus Europa eintrafen, konnte sich die Mission weiterhin ausbreiten (12).

Das wichtigste Ereignis dieser Zeit war die Gründung von St. Albert. Schon am 24. Oktober 1959 hatte P. Georg Muschalek, damals Superior in Marymount, einen geeigneten Platz für die geplante Mission gefunden. Er war groß genug, um auf ihm nach und nach eine Station mit den nötigen Gebäuden, Spielplätzen usw. errichten zu können. Auch das für Afrika so lebensnotwundige Wasser schien vorhanden zu sein. Obgleich sofort die entsprechenden Anträge bei der Regierung eingereicht wurden, verzögerte sich die Sache bis zum Jahre 1961. Am 23. November 1961 erlaubte das Gesundheiteministerium den Bau eines Krankenhauses, und endlich am 26. Februar 1962 kam der Distriktskommissar mit seinen Beamten, um die Grenzen der neuen Station zu vermessen und festzulegen. Am 29. August trafen P. Georg Muschalek und Br. Bernhard Lisson dort ein und bezogen ein mitgebrachtes Fertighaus. Am folgenden Tage wurde zusammen mit dem Missionsobern P. Joseph Michael Otto der Beginn der neuen Station gefeiert. Die Fastenaktion der deutschen Katholiken 'Misereor' trug die Kosten für Bau und Einrichtung des Krankenhauses. Ende des Jahres 1962 waren die Bauten soweit vorangeschritten, daß die weihnachtliche Mitternachtsmesse in der neuen Kapelle gefeiert werden konnte (13).

Am Pfingstfest, dem 31. Mai 1963, erhielt Karoi in P. Reinhard Zinkann einen ständigen Seelsorger. Eine kleine Kirche gab es schon länger am Ort. Zu Karoi gehören einige Farmen und Eingeborenen-Reservate, in denen sich bereits Schulen und Seelsorgszentren befinden (14). Ebenso wurde von P. Joseph Friedrich bei der Mangula Mine, wo er vor allem das Krankenhaus für die Minenarbeiter betreute, eine kleine Kirche erbaut, in der ebenfalls in der hl. Nacht die erste hl. Messe gefeiert wurde (15).

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(11) Hist. Mariae Montis Residentiae 1962 - (12) Hist. Sinoiensis Residentiae 1962 - (13) Hist. Res. St. Alberti 1962 - (14) Hist. Karoiensis Stationis 1963; Vgl. Rundbrief vom 7. Dezember 1963 - (15) Hist. Mangulensis Stationis 1963; Vgl. Rundbrief vom 7. Dezember 1963

 


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Von Bedeutung für die gesamte Mission wurde der Kauf eines Hauses in Salisbury. Bisher hatten die Fatres und Brüder, die nach Salisbury kamen, um einzukaufen oder andere geschäftliche Dinge zu erledigen, bei den englischen Jesuiten stets gastfreundliche Aufnahme gefunden. Um aber die Gastfreundschaft der englischen Mitbrüder nicht zu sehr zu belasten und um gemachte Erfahrungen untereinander austauschen zu können, hatte schon im Jahr 1961 P. Provinzial Mianecki den Auftrag gegeben, in Salisbury ein Haus zu kaufen, in dem die von den Stationen kommenden Patres und Brüder wohnen und sich treffen könnten. Im Februar 1962 wurde daraufhin in dem Stadtteil Marlbourough ein Haus gekauft, das zwar für den gedachten Zweck zu klein war, aber günstig lag und ohne weiteres vergrößert werden konnte. Hier kamen um die Mitte des Jahres 1963, soweit sie nicht auf den Stationen bleiben mußten, die deutschen Missionare zu ihrem ersten 'Dies' (Exhortatio, casus conscientiae usw.) zusammen, auf dem auch das 25jährige Priesterjubiläum von P. Rudolf Kensy gefeiert wurde (16).

Aus verschiedenen, nicht immer sich entsprechenden Nachrichten, heißt es in einem Bericht vom Juni 1964 (17), geht hervor, daß unsere "kleine Mission" im "großen Afrika" mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Dennoch ist unverkennbar, wie schnell sie sich entwickelt, indem man vor allem versucht, durch Gründung kleiner neuer Stationen das weite und relativ dünn besiedelte Gebiet seelsorglich besser in die Hand zu bekommen. Auf diese Weise werden die großen Entfernungen zwischen den Stationen verringert. Die Nachbarn kommen sich näher.

So ist P. Rudolf Kensy drauf und dran, zusammen mit Br. Johannes Werner in den Busch zu ziehen, um in der Magondi Reserve mit dem Bau eines kleinen Missionszentrums zu beginnen. Die Stelle liegt 50 Meilen von Sinoia entfernt am Umfuli River, hat also genügend Wasser. P. Johannes Weisbrich versucht in Banket Fuß zu fassen, einem Marktflecken, wohin die Afrikaner einkaufen kommen. Mit Hilfe von 'Misereor' konnte bei Sinoia eine Lehrfarm erworben werden. 'Misereor' zahlt auch die Auslagen für drei Entwicklungshelfer, die die Farm leiten sollen. Zwei sind bereits Ende Mai aus Bayern eingetroffen.

Um diese Zeit arbeiteten in der Sinoia-Mission 13 Patres, ein Scholastiker und vier Brüder. Ende 1964 waren es schon 14 Patres, 4 Scholastiker und 5 Brüder (18). Am 28. März 1965 wurde von Erzbischof Markall von Salisbury die Kirche in Banket eingeweiht. So befindet sich jetzt an jedem, etwas größeren Ort an der Straße Salisbury-Lusaka eine katholische Kirche (19). Auch andere Stationen melden ein stetiges Wachsen. So gab es zu Beginn des Jahres 1965 schon neun größere und kleinere Stationen, die alle zu berechtigten Hoffnungen Anlaß gaben. Dazu kam noch das Haus in Salisbury. Schließlich aber gingen die Ereignisse der großen Politik auch an der Kirche nicht spurlos vorüber, was aber zeitlich nicht mehr hierher gehört (20).

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(16) Hist. Salisburiensis Domus St. Petri 1962/63 - (17) Rundbrief vom 13. Juni 1964 - (18) Hist.gen.Prov.Germ. Orient. 1964 - ( 19) Rundbrief vom 3. Mai 1965 - (20) Missionsobere waren: Joseph Michael Otto, 1. Oktober 1959; Georg Sunder, 25. März 1963.

 


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VI. Schriftstellerische Tätigkeit

Auf die seelsorglichen Arbeiten wurde bei den einzelnen Häusern hingewiesen. Über die schriftstellerische Tätigkeit, die weniger an ein Haus gebunden ist und in der Regel von bestimmten Patres geleistet wird, soll hier ein kurzer Überblick geboten werden. Dabei ist zu beachten, daß nicht wenige Schriftsteller der Ostdeutschen Provinz (1) außerhalb derselben lebten und darum bei den einzelnen Häusern garnicht erfaßt werden können.

Wir halten uns hier an die Einteilung, die vom Index Bibliographicus S.J. angewandt wird.

Theologie. Als Bibelwissenschaftler tat sich hervor P. Alfred Pohl (1890-1961) (2), der dreißig Jahre am römischen Bibelinstitut lehrte. Neben zahlreichen Einzelarbeiten und -aufsätzen zur Zeitgeschichte des Alten Testamentes gab er in den 'Orientalia' seit 1940 eine Keilschriftbibliographie und seit 1946 Berichte über Institute und Kongresse, Forschungen und Funde heraus. Neuerdings arbeitet auf dem Gebiet der alttestamentlichen Hilfswissenschaften P. Hans Quecke (geb. 1928). Zu neutestamentlichen Fragen nahmen Stellung P. Franz Josef Schierse (geb. 1915, dim. 1962) zur theologischen Grundfrage des Hebräerbriefes und P. Günter Soballa (geb. 1918) zur Theologie der Frömmigkeit nach den paulinischen Schriften. Für die Praxis, "für Unterricht und Predigt und die persönliche religiöse Vertiefung" schrieb P. Gerhard Kroll (geb. 1914) 'Auf den Spuren Jesu'.

Patristische Beiträge lieferte P. Alois Lieske (1902-1946) (3).

Eine Theologie für Laien 'Also glaube ich' schrieb P. Herbert Roth (geb. 1908); im Jahre 1963 erschien die 4. Auflage. Und der Breslauer Konvertitenseelsorger P. Wilhelm Leblanc (1879-1948) (4) gab einen Katechismus und eine Religionslehre, vor allem für Konvertiten, heraus.

Von den Patres, die die Predigtliteratur bereichert haben, können nur einige wenige genannt werden. Außerdem wird unterschieden zwischen denen, die bereits (1965) verstorben sind, und denen, die noch leben. Denn über diese läßt sich noch kein abschließendes Urteil bilden.

In dem Jahrzehnt 1920/30 gab P. Georg Beyer (1878-1932) (5) mehrere Predigtreihen heraus. Er war außerdem Mitarbeiter und einige Jahre auch Schriftleiter des 'Chrysologus'.

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(1) A. Rothe, Scriptores Provinciae Germaniae Orientalis Soc.Jesu. Ms. 1958; Ergänzungen I-VI, 1959-1964 - (2) Orientalia 31 (Roma) 1-6; Revue d'Assyriologie 55 (1961) 206. - (3) Mttlg. XVIII, 95f.; Zeitschrift für katholische Theologie 70 (Innsbruck 1948) 1 - (4) Mttlg. XVII, 137-141 - (5) Mttlg. XIII, 200 ff; JesLex. Sp. 203

 


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Ebenso veröffentlichte 30 Jahre später P. Leo Dymek (1903-1964) (6), der originellste Prediger, den die Ostdeutsche Provinz je gehabt hat, seine Predigten. Diese spiegeln aber in keiner Weise die Lebendigkeit und Originalität der gehaltenen Predigten wider.

In der Zeit um den Ersten Weltkrieg war einer der bedeutendsten Prediger und Redner im katholischen Raum P. Otto Cohauß (1872-1938) (7), der zugleich auch ein eifriger homiletisch-aszetischer Schriftsteller war. Im ganzen gab er etwa 60 Bücher, Broschüren und Kleinschriften heraus (ohne die Übersetzungen in andere Sprachen), lieferte zwischen 1929-1938 der Linzer Theologisch-praktischen Zeitschrift 25 Beiträge aszetisch-pastoraler Art. Die meisten seiner Schriften gingen aus seiner Predigt- und Vortragstätigkeit hervor. So behandelte er apologetische Themen, nahm Stellung zu religiösen Gegenwartsfragen, erklärte einzelne Bücher der hl. Schrift wie auch die großen Rundschreiben Pius' XI. über Ehe, gesellschaftliche Ordnung und christliche Erziehung. 'Im Gefolge Jesu' (Erwägungen für Lehrerihnen), 'Aus den Klostermauern' (Erwägungen für Ordensleute) und 'Paulus' (ein Buch für Priester) erlebten nicht nur mehrere Auflagen, sondern wurden auch in andere Sprachen übersetzt.

Seit 1957 gibt P. Hermann Zeller (geb. 1914) jährlich seine Radioansprachen in kleinen geschmackvollen Bändchen heraus.

Die Bücher des P. Johannes Leppich (geb. 1915) erreichten bereits im Jahre 1962 zusammen Auflagen von mehreren Millionen. 'Christus auf der Reeperbahn' hatte damals allein schon eine Gesamtauflage von anderthalb Millionen; hinzu kamen noch Übersetzungen in fünf andere Sprachen. 'Pater Leppich spricht - 3 x Satan' hatte fast eine Million und 'Gott zwischen Götzen und Genossen' nicht viel weniger.

Über Exerzitien schrieben vor allem P. Johannes Bapt. Drüding (1873-1945) (8) und P. Erich Bollonia (1890-1966) (9). P. Drüding gab zusammen mit P. Emmerich Raitz von Frentz eine Exerzitienbibliographie heraus und schrieb im 'Paulus', Zeitschrift für missionarische Seelsorge, mehrere Aufsätze über Exerzitien. Auch P. Bollonia veröffentlichte im 'Paulus' ein paar Artikel, schrieb aber hauptsächlich in Tageszeitungen und Kirchenblättern Werbeaufsätze über Exerzitien.

Seit 1952 hält P. Herbert Roth (geb. l908) auf der Tagung der Österreichischen Ordensoberinnen aszetische Vorträge, die jeweils als Manuskripte gedruckt wurden. P. Anton Albert (1903-1961) (10) und P. Bruno Borucki (geb. 1894) veröffentlichten ihre Rekollektionsvorträge für Priester. Und P. Johannes Beckmann (geb. 1912) gab in Lizenzausgaben für die DDR mehrere aszetische Bücher heraus, vor allem die Werke von Charles Pierre S.J. und Richard Gräf C.S.Sp. - Als religiös-populärer Schriftsteller sei P. Georg Pulsfort (geb. 1898) mit 14 Buchtiteln genannt.

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(6) Mttlg. XXI - (7) Mttlg. XV. 240-247; W. Sierp S.J., P. Otto Cohauß S.J. Ein Apostel in Wort und Schrift. 76 S. Maschinenschrift 1938; JesLex. Sp. 345f. - (8) Mttlg. XVII, 109-112 - (9) Mttlg. XXI - (10) Mttlg. XX, 131-141

 


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Von Gebetbüchern, die das übliche Niveau solcher Literatur überragen, seien genannt: 'Gebete und Gedanken für die studierende Jugend', die P. Stanislaus von Dunin-Borkowski (1864-1934) (11) im Jahre 1922 zum ersten Mal herausgab; 'Im Herrn. Gebete des königlichen Priestertums' von P. Otto Pies (1901-1960) (12), die 1941 das erste Mal erschienen und bis 1962 neun Auflagen erlebten; und schließlich die eucharistischen Andachten: 'Wir beten an' von P. Werner Bulst (geb. 1913), die 1950 in erster und 1963 in zehnter Auflage herauskamen und auch in andere Uprachen übersetzt wurden.

Beiträge zur Taufliturgie schrieb P. Alois Stenzel (geb.1917).

Auf dem Gebiet der Orientalistik arbeitet seit 30 Jahren P. Bernhard Schultze (geb. 1902). Er schrieb vor allem über die russisch-orthodoxe Theologie und Philosophie mehrere Monographien und zahlreiche Aufsätze, nicht bloß in deutschen, sondern auch in römischen Zeitschriften, Nach dem Ersten Weltkrieg behandelte P. Felix Wiercinski (1858-1940) in mehreren Aufsätzen die kirchlichen Verhältnisse in Rußland und Rumänien. Fachmann in der Alt-Orientalistik war auch der schon erwähnte P. Alfred Pohl (1890-1961). Und P. Matthias Dietz (geb. 1890) bemüht sich, die Kenntnis der Ostkirche in weiteren Kreisen zu verbreiten.

Philosophie und verwandte Gebiete. Das literarische Lebenswerk des P. Erich Przywara (geb. 1889) läßt sich nicht leicht einordnen. Denn er ist Dichter und Beter, Philosoph und Theologe, Redner und Schriftsteller. Dennoch soll er hier an der Spitze der Philosophen geführt werden, weil seine Philosophie auch sein sonstiges Schrifttum durchzieht. Eine Bibliographie (14), die bis zum Jahre 1962 reicht, zählt im ersten Teil unter den 'Werken' 46 Nummern auf. 'Unsere Kirche' (zusammen mit P. Josef Kreitmaier) und 'Eucharistie und Arbeit' gab er schon als Scholastiker heraus. Die übrigen Werke erschienen in den 40er Jahren zwischen 1922 und 1962 und behandeln Themen sehr verschiedener Art. Im Jahre 1962 gab der Johannes Verlag, Einsiedeln, in drei Bänden einen Teil der frühen religiösen und religionsphilosophischen Schriften sowie die 'Analogia entis' neu heraus. Aber auch nach 1962 ließ das schriftstellerische Arbeiten von P. Przywara nicht nach. Fast unübersehbar sind die sonstigen Veröffentlichungen, Abhandlungen und Beiträge, Einzel- und Sammelbesprechungen, zusammen mehr als 750 Nummern. Allein in den 'Stimmen der Zeit' schrieb P. Przywara in den zwanzig Jahren von 1922 bis 1942 weit über 100 Aufsätze.

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11) Siehe Anmerkung 15. - (12) Mttlg. XIX, 597-402 - (13) Der beständige Aufbruch. Festschrift für Erich Przywara. Herausgegeben von Siegfried Behn. 238 Seiten, Glock & Lutz, Nürnberg 1959; Gisbert Kranz, Europas christliche Literatur von 1500 bis heute. Ferd. Schöningh, München-Paderborn 1968. 2. Aufl., S. 392-399; Katholische Leistung in der Weltliteraur der Gegenwart. Freiburg 1934. S. 7, 49f., 96; JesLex, Sp. 1483.- (14) Erich Przywara. Sein Schrifttum 1912-1962. Zusammengestellt von Leo Zimny. Johannes-Verlag, Einsiedeln 1963.

 


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Ganz anderer Art als Mensch und Philosoph war P. Stanislaus von Dunin-Borkowski (1864-1934) (15). Er ist vor allem bekanntgeworden als Pädagoge und Jugenderzieher (16), hat sich aber auch als philosophischer Schriftsteller durch sein vierbändiges Werk über Spinoza einen Namen gemacht. Auch er war Jahrzehnte hindurch Mitarbeiter der 'Stimmen der Zeit', denen er an die 100 Beiträge lieferte. Als philosophische Schriftsteller sollen noch erwähnt werden P. Helmut Ogiermann (geb.l90l) und P. Franz Maria Sladeczek (geb. 1889).

Themen und Fragen der katholischen Soziallehre behandelte P. Gustav Gundlach (1892-1963) (17). Seine weit verstreuten Zeitschriftenartikel und kleineren Schriften wurden 1964 von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach in zwei Bänden unter dem Titel 'Die Ordnung der menschlichen Gesellschaft' neu herausgegeben.

Mit der Weltanschauung des Bolschewismus und Kommunismus und mit dem dialektischen Materialismus setzten sich auseinander P. Heinrich Falk (geb. 1912) und P. Peter Ehlen (geb. 1934).

Der schon erwähnte P. Stanislaus von Dunin-Borkowski, der ursprünglich für die wissenschaftliche Arbeit bestimmt war, wurde schon bald Religionslehrer in Feldkirch, Gymnasiastenseelsorger in Bonn und schließlich Theologenspiritual in Breslau. Damit kam er auf Arbeitsfelder, die seiner Art ungemein zusagten und ihn zu einem gefeierten pädagogischen Schriftsteller machten. Der Einfluß seiner Bücher in dem Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg kann nicht hoch genug bewertet werden (18).

Die Dokumente zum 'Kampf um die Schule' in Berlin trug P. Peter Friedrichs (1891-1963) (19) zusammen.

Veröffentlichungen aus den Naturwissenschaften verdanken wir den beiden Biologen P. Josef Aßmuth (1871-1954) (20) und P. Johannes Nepom. Haas (geb. 1912).

Fragen und Probleme der Kunstwissenschaft, vor allem der religiösen und sakralen Kunst, behandelt seit etwa 15 Jahren in den 'Stimmen der Zeit' und anderen Zeitschriften P. Herbert Schade (geb. 1920).

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(15) Mttlg. XIII, 549-573; JesLex Sp. 461f. - (16) Siehe Anmerkung 18. - (17) Freiheit und Verantwortung in der modernen Gesellschaft. Festschrift zum 70. Geburtstag des Professors der Sozialphilosophie...., Münster 1962, 361 S. Jahrbuch des Instituts für christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelm-Universität, 3.Bd.; Mttlg. XX, 321-332 - (18) P. Scholen, Dunin-Borkowski SJ als Jugendführer und Priesterbildner. Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädogogik, Münster 30 (1954) 113-122, 212-227.; Ders., Dunin-Borkowski als Jugendführer. Zum 20. Todestag des großen Erziehers und Menschenfreundes. Pädagogische Rundschau, Ratingen 8 (1954) 354-360. - (19) Mttlg. XX, 483-488 - (20) Mttlg. XVII, 588-593; Hermann Schmitz, Eine Gelehrtenlaufbahn im Jesuitenorden. In: Canisius 7 (1953) 11-16.

 


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Literatur. Zu den Dichtern und Literaten ist vor allem P. Erich Przywara (geb. 1889) zu rechnen, der mehrere Bändchen geistlicher Lieder und Verse herausgab und bei den Philosophen bereits gewürdigt wurde (21).

P. Franz Hillig (geb. 1902), seit 1937 Mitarbeiter der beiden Zeitschriften 'Stimmen der Zeit' und 'Geist und Leben', behandelte in ihnen kulturelle, literarische und religiöse Fragen. Außerdem schrieb er zahlreiche Artikel und Artikelserien in Kirchenblättern. In ähnlicher Weise schrieb auch P. Paul Mianecki (1907-1965) neben einigen Aufsätzen verschiedenen Inhalts kleinere und größere Artikel in Tageszeitungen und Kirchenblättern. Von 1948-1958 waren es nach seinen eigenen Angaben rund 225.

Als Jugendschriftsteller hat sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg P. Erich Rommerskirch (geb. 1904) einen Namen gemacht. Und P. Heribert Gorski (geb. 1911) gibt im Leipziger St. Benno-Verlag als Lizenzausgaben für die DDR zwei Buchreihen heraus: 'Religiöse Gestalten' und 'Katholische Dichter unserer Zeit'.

P. Heribert Fischer (geb. 1902) arbeitet an der Herausgabe der Werke Meister Eckharts und P. Heinrich Kreutz (geb.1902) über Rainer Maria Rilke.

Geschichte. Zwei Bände zu einem 'Werkbuch der Kirchengeschichte' stellte P. Georg Hahn (1885-1954) (22) zusammen. Leider blieb das Werk unvollendet, weil der Verfasser bei einem schweren Luftangriff auf Freiburg/Br., wo er damals wohnte, sämtliche Unterlagen verlor.

Den 'Neuaufbau der katholischen Kirche in Sachsen im 18. Jahrhundert' beschrieb P. Paul Franz Saft (geb. 1908). Er konnte für seine Arbeit noch viele, später durch Kriegseinwirkung verlorengegangene Archivalien benützen.

P. Alfred Rothe (geb. 1907) verfaßte mehrere Aufsätze zur Geschichte der Gesellschaft Jesu in Ostdeutschland. Dazu kamen Nachrufe ostdeutscher oder wenigstens im Osten tätig gewesener Jesuiten sowie heimat- und familiengeschichtliche Veröffentlichungen.

Themen aus der Missionsgeschichte Japans bearbeitet der 1948 zur Japanischen Vizeprovinz überschriebene P. Hubert Cieslik (geb. 1914).

Als Hagiograph war weit über die Grenzen des deutschen Sprachgebietes P. Constantin Kempf (1873-1944) (23) bekannt. Fast 20 Jahre berichtete er in der 'Zeitschrift für Aszese und Mystik' über die von der römischen Ritenkongregation behandelten Selig- und Heiligsprechungsprozesse.

Lebensbilder unterschiedlichen Umfangs schrieben P. Constantin Kempf und P. Otto Pies (1901-1960) (24), wie auch P. Karlheinz Riedel (geb. 1909).

Um den Rahmen des Ganzen nicht zu sprengen, konnte und sollte hier nur ein kurzer überblick über die schriftstellerische Tätigkeit der ostdeutschen Jesuiten gebracht werden.

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(21) Siehe Anmerkungen 13 und 14. - (22) Mttlg. XVII, 395-399; 'Unsere Schule', Canisius-Kolleg Berlin 1955 - (23) Mttlg. XVII, 459-470: JesLex, Sp. 972 - (24) Siehe Anmerkung 12.

 


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Anhang

DER JESUITENPROZESS
(Petrusblatt, Berlin, den 11.Januar 1959)

Die deutsche Öffentlichkeit fordert Freilassung der verurteilten Priester.

Auf den Zuhörerbänken im Frankfurter Bezirksgericht saßen 'Delegierte' aus den Betrieben. Für sie war offenbar das Verfahren gegen die Jesuiten als politischer Anschauungsunterricht gedacht. Sind sie auf ihre Kosten gekommen?

Propaganda widerlegt.
"Die ganze Geschichte des Ordens ist ein einziger Beweis seiner Rolle als hinterhältiger, raffinierter, in der Wahl seiner Mittel skrupelloser Vorkämpfer einer der jeweils ärgsten Reaktion verpflichteten Kirche." Diese Feststellung über den Jesuitenorden steht auf der ersten Seite des bekannten Buches des SED-Ideologen Georg Klaus "Jesuiten - Gott - Materie" und ist in den letzten Jahren von der SED-Propaganda weidlich ausgewalzt worden. Die Zuschauer in Frankfurt durften also die sensationelle Entlarvung einer konspirativen Gruppe erwarten, deren Heimtücke und Gesellschaftsfeindlichkeit offen zu Tage treten werde. Aber die Sensation blieb aus. Von konspirativer Tätigkeit war im Prozeß keine Rede. Von irgendwelchen "gelenkten Aktionen" keine Spur. Jede Bestätigung des Gesichtes, das die Propaganda dem Jesuitenorden angeschminkt hatte, blieb aus. Wer sich einen Rest von Unvoreingenommenheit bewahrt hatte, konnte in den vier Männern auf der Anklagebank nur ehrlich bemühte, aufrechte Seelsorger und Priester entdecken. Das ist die erste und wahrscheinlich wichtigste Feststellung zum Frankfurter Prozeß.

Wir wollen im folgenden einige Einzelheiten des Jesuitenprozesses hervorheben, die beachtenswert erscheinen.

Dehnbare Gesetze
Die vier Priester der Gesellschaft Jesu waren verschiedener Delikte angeklagt: der Spionage, Abwerbung, staatsgefährdender Hetze, illegaler Einfuhr von Waren und Geld. Das Gericht hatte in diesen Anklagepunkten unterschiedliches Interesse. Die Verstöße gegen die Verordnung über die Ein- und Ausfuhr von Zahlungsmitteln blieben im Hintergrund. Das Strafmaß war auch hier verhältnismäßig gering. Das gleiche gilt für die illegale Einfuhr von Mopeds. Aber schon hier wurde die ganze Unsachlichkeit eines Verfahrens sichtbar, bei dem man aus allen Ecken die Anklagepunkte mühsam zusammenkratzen mußte, um überhaupt einen Prozeß durchführen zu können. Zu dem Zeitpunkt, als Pater Menzel jene Mopeds ohne jede Heimlichkeit in die DDR einführte, wurde eine solche Einfuhr nicht beanstandet. Der Pater wurde nach einem Gesetz bestraft, das zur Zeit seiner "Tat" zwar in Kraft war, aber von den zuständigen Behörden - jedenfalls für Mopeds - allgemein nicht angewendet wurde. Doch sollte man hier auch beachten, daß durch diese Einfuhr niemand in der DDR zu Schaden gekommen ist, sondern nur einigen Seelsorgern geholfen wurde,

 


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die seitdem ihre weiten Wege in der Diaspora nicht mehr zu Fuß zurücklegen müssen. Sieht man solche Hilfe nicht gerne?

Nun kommen wir zu den Punkten, auf die sich das Interesse der Anklage konzentrierte. Was sah man als "staatsgefährdende Hetze" an? Pater Menzel führte ein Tagebuch, in dem er gelegentlich seinem Herzen Luft machte. Daß er dies auch vor anderen getan hat, konnte die Anklage ihm nicht nachweisen. Das Gericht setzte es einfach voraus! Im übrigen stützte sich die Anklage gegen ihn und Pater Rueter auf den Besitz einzelner Zeitschriften. Besonders schwerwiegend war der Besitz einzelner Nummern der "Katholischen Missionen" und des "Petrusblattes". Hier sprach das Frankfurter Bezirksgericht übrigens sein Urteil aus im Gegensatz zur Rechtssprechung des Obersten Gerichts der DDR, das bisher den Besitz einzelner Nummern westlicher Zeitschriften nicht als strafbar ansah. Pater Rueter hat in Biesdorf nur vorübergehend wenige Nummern des "Petrusblattes" erhalten. Dafür allein erhielt er 8 Monate Gefängnis! Ist der Sinn dieses brutalen Urteils Abschreckung? Will man eine umfassende Orientierung über die weltweite Kirche selbst unter den Priestern in der DDR verhindern?

Noch schwerer wog der Komplex "Abwerbung". Im normalen Sprachgebrauch stellt man sich unter Abwerbung den planmäßigen Versuch vor, jemanden zu veranlassen, seine bisherige Arbeitsstelle aufzugeben und seine gute, brauchbare Arbeitskraft einem anderen zur Verfügung zu stellen. Was warf man den Jesuiten vor? Einmal ging es um ein Empfehlungsschreiben, das Pater Rueter schon 1950 einem Mann sandte, der die gerade entstandene DDR bereits verlassen hatte und sich in Westdeutschland seinem neuen Pfarrer gegenüber ausweisen wollte. Damals stand "Abwerbung" - wenn man einen solchen Brief je überhaupt im Ernst unter diesen Begriff fassen kann! - noch gar nicht unter Strafe. Trotzdem wurde Pater Rueter deshalb zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt. -

Pater Menzel hat einen Oberschüler beraten, der vielleicht Priester werden und in den Jesuitenorden eintreten wollte. Er war dabei äußerst zurückhaltend, weil "Werbung" in irgendeiner Form in seinem Orden verpönt ist. Er sprach davon, daß das Noviziat der Ostprovinz zur Zeit in Westdeutschland sei, daß der Orden aber nicht wünsche, daß ein Jugendlicher illegal dorthin ginge, weil dann im Falle, daß er während des Noviziats spüre, nicht berufen zu sein, eine Rückkehr nach Mitteldeutschland unmöglich wäre. Der junge Mann ist heute noch in der DDR. Er wurde in Frankfurt als Zeuge vernommen. Er bestätigte in vollem Umfang Pater Menzels Darstellung. Trotzdem sah das Gericht den Tatbestand der Abwerbung als erfüllt an!

Der Belastungszeuge
Damit sind wir nun bei dem zentralen Fall des Prozesses - oder besser: bei dem, was der zentrale Fall des Prozesses sein sollte. Was warf man Pater Frater vor? Auch hier geht es zunächst um Abwerbung. Der Pater betreute als Seelsorger seit Jahren ein Ehepaar. Die Familie des Mannes hatte schon zur Nazizeit schweres Leid erfahren. Nun wurden die Eheleute unter Druck gesetzt, weil eines ihrer vier Kinder vor der Entscheidung zur Jugendweihe stand. Beim Versuch, Ostberlin zu verlassen, wurde das Ehepaar verhaftet. Obwohl es bei ihnen um einen recht einfachen Fall von Republikflucht geht, waren sie zur Zeit des Jesuitenprozesses noch nicht verurteilt. Sie erhielten ihr Urteil erst, kurz

 


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nachdem sie in diesem Prozeß als Hauptbelastungszeugen ausgesagt hatten! Der Mann kam in den Frankfurter Gerichtssaal auf den Stock gestützt, mußte sich während der Vernehmung setzen, brach dabei mehrfach in Tränen aus und machte einen völlig gebrochenen Eindruck. Auf einen einzigen Satz in der Aussage dieses Mannes stützt sich dann auch die Spionageanklage gegen Pater Frater! Selbst die gleichfalls aus der Untersuchungshaft vorgeführte Ehefrau konnte in diesem entscheidenden Punkte die Aussage ihres Mannes nicht bestätigen. Ja, der Mann sagte sogar aus, daß Pater Frater ihn gelobt habe, weil er einen Spionageauftrag kategorisch abgelehnt hatte. Das Gericht sah das Lob dieser Haltung als Heuchelei an. Pater Frater hat während der Verhandlung immer wieder energisch erklärt, er habe niemals irgend etwas mit Spionage zu tun gehabt. Die Beweisaufnahme hat tatsächlich auch nichts anderes zutage gefördert, als daß Pater Frater jenem Ehepaar in Westberlin zu einer schnelleren Anerkennung als Flüchtlinge verhelfen wollte. Alles andere in diesem "Spionagefall" ist willkürliche Kombination.

Schwester freigelassen
Hier ist auch zu beachten, daß die im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Pater Frater Ende Juli 1958 verhaftete Schwester Anita Weber kurz nach dem Frankfurter Prozeß freigelassen worden ist. Das Verfahren gegen sie wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt!

Auf die Rigorosität des Gerichts wirft es übrigens ein bezeichnendes Licht, daß es sich eine Sachkunde darüber angemaßt hat, ob ein so schwer kopfverletzter Mann wie Pater Frater nicht einmal einen Satz sagen kann, der, im Affekt oder in der Überanstrengung gesprochen, nicht mehr seiner vollen Kontrolle unterliegt. Das Gericht hat eine gründliche psychiatrische Untersuchung Pater Fraters abgelehnt. Wie kann man die Anklage gegen einen so schwer beschädigten Mann - allein unter menschlich-ärztlichen Gesichtspunkten - auf einzelne Worte aufbauen (einmal auch ganz abgesehen von der Frage, ob diese Worte je gesprochen wurden)?

Diffamierung der Beichte
Im Prozeßbericht des SED-Organs "Neues Deutschland" fiel der Vorwurf gegen Pater Frater auf, er habe sein Amt als Beichtvater mißbraucht. Tährend des Prozesses wurde jenem als Hauptbelastungszeugen vorgeführten Ehepaar die Suggestivfrage gestellt: "Wenn Ihnen Ihr Beichtvater gesagt hätte, Sie sollten nicht aus der DDR weggehen, wären Sie dann geblieben?" Die Zeugen antworteten mit "Ja". Das Gericht sah darin eine Belastung für den Angeklagten, offenbar, weil in der Antwort die große Autorität sichtbar geworden sein soll, die Pater Frater bei den Angeklagten besaß. Sicher, die Frage war nur hypothetisch - aber wie sollte Pater Frater zu ihr Stellung nehmen, ohne - nachdem er als "Beichtvater" angesprochen worden war - in den Verdacht zu geraten, etwas über einen Gegenstand der Beichte zu sagen? Die Beichte ist in unnötiger Weise durch diese Frage in den Prozeß und damit in die Pressepropaganda hineingezogen worden. Der unglaubliche Vorwurf des "Neuen Deutschland" steht jedenfalls ohne jede Begründung.

Die Akten über den Frankfurter Prozeß sind noch nicht geschlossen. Es ist Berufung eingelegt. Die deutsche Öffentlichkeit und die katholische Welt erwarten die Freilassung der zu Unrecht festgehaltenen Priester.

 


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ZEITTAFEL
zur
Geschichte der Ostdeutschen Provinz S.J.

7. August

1814

Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu

 

1826

P. Beckx nach Köthen

25. Mai

1845

P. Bartholomäus Gracchi in Dresden gestorben

6. Mai

1848

Jesuiten aus Köthen vertrieben

Mai

1858

Jesuiten-Volksmission in Berlin

 

1860

Residenz Neiße OS

 

1867

Residenz Schweidnitz

4. Juli

1872

Jesuitengesetz

 

1889

Erster Versuch einer Berliner Niederlassung

1893 -

1900

P. Josef Dahlmann studiert in Berlin

 

1894

P. Augustin Arndt Schriftleiter des Breslauer Kirchenblattes

Herbst

1900

Statio Berolinensis: PP. Brors und Joh. Zorell

Herbst

1903

P. Theophil Mertz Spiritual im Breslauer Theologenkonvikt

8. März

1904

§2 des Jesuitengesetzes aufgehoben

25. Juni

1911

Feierliche Konsekration der St. Clemenskirche

Weihnacht

1911

P. Franz Rensing als erster Jesuit nach St. Clemens zu Graf Galen

19. April

1917

Aufhebung des Jesuitengesetzes

1. September

1919

St. Clemens von der S.J. übernommen

Herbst

1920

Exerzitienhaus in Biesdorf eröffnet

2. Februar

1921

Ostdeutschland ordensrechtlich der Niederdeutschen Provinz zugeteilt

16. November

1921

P. Rembert Richard feiert 1. hl. Messe im Hause Neue Kantstraße 2

13. Dezember

1921

P. Karl Kah als erster Jesuit (seit 76 Jahren) nach Dresden

24. Juli

1922

Haus in Zobten bei Breslau erworben

13. Juni

1923

Residenz in Breslau

7. September

1923

Haus Theaterstraße 8 in Königsberg erworben

 


66

25. März

1924

Franz-Ludwig-Konvikt in Breslau übernommen

12. Juli

1924

Villa Sedanstraße 11 in Oppeln gekauft

4. August

1924

Ostnoviziat in Exaten eröffnet

24. August

1924

Notkirche St. Canisius in Charlottenburg benediziert

19. Februar

1925

Gymnasium am Lietzensee vom preußischen Kultusministerium genehmigt

30.März

1925

Lüttwitzhof in Mittelsteine gekauft

Mitte Mai

1926

Noviziat von Exaten nach Mittelsteine verlegt

8. Dezember

1927

Ostdeutschland wird eigener Verwaltungsbezirk (Viceprovincia dependens)
Diözese Meißen zur Viceprov.Germ.Orient. überschrieben

1. April

1928

Residenz Beuthen OS

26. August

1928

Residenz Königsberg

6. März

1929

Haus Gabitzstraße 16 in Breslau gekauft

1. Juli

1930

Statio Schneidemühl

Herbst

1930

Pfarrei Dresden-Strehlen übernommen

2. Februar

1931

P r o v i n c i a

11. November

1932

Heiligelinde wird übernommen

Ostern

1934

Erstes Abitur am Gymnasium in Berlin

27. September

1935

Aussendung der ersten Missionare nach Afrika

25. März

1936

Litauen wird ordensrechtlich selbständig

16. Juli

1936

Durch Ministerialerlaß stufenweiser Abbau der Berliner Schule angeordnet

27. Dezember

1936

P. Profittlich Titularerzbischof, Apost. Administrator von Estland

Anfang

1939

Schneidemühl wird aufgegeben

16. März

1940

Letzter Schultag am Gymnasium in Berlin

20. Mai

1940

Biesdorf Reservelazarett, später Infektionskrankenhaus

7. September

1949

Exerzitienhaus Zobten beschlagnahmt

15. April

1941

St. Josefshaus, Mittelsteine, beschlagnahmt

17. Juni

1941

St. Clemens in Berlin von Gestapo geschlossen

25./26. März

1942

Große Hausdurchsuchung in Berlin-Charlottenburg.
P. Bruno Schmidt wird verhaftet

15. Februar

1944

Haus Neue Kantstraße in Berlin zerstört

30. August

1944

Haus in Königsberg zerstört

 


67

14./15. Februar

1945

Haus in Dresden zerstört

21.April

1945

Letzter Gottesdienst in St. Clemens, Berlin

23.April

1945

Biesdorf von Russen besetzt

1.Juni

1945

Schule in Berlin als Canisius-Kolleg wieder eröffnet

13. November

1945

P. Sunder übernimmt Oebisfelde

August

1945

Die deutschen Jesuiten verlassen Oppeln

25. November

1945

Beuthen wird den polnischen Jesuiten übergeben

24. März

1946

Die deutschen Jesuiten verlassen Mittelsteine

26. Juni

1946

Residenz Erfurt

2. Dezember

1946

Die letzten deutschen Jesuiten verlassen Breslau

8. Dezember

1946

Statio Rostock

15. Mai

1947

Grundstück Tiergartenstraße 30/31 in Berlin erworben

28.Juni

1947

Die letzten deutschen Jesuiten verlassen Heiligelinde

11. Dezember

1948

Residenz Rostock

3. April

1949

Erster Gottesdienst in der wiederhergestellten St. Clemenskirche in Berlin

5. September

1950

Residenz Leipzig

30. März

1951

Peter-Beckx-Haus in Magdeburg eingeweiht

19. Juni

1951

Unglück von Herrsching

8. August

1951

Noviziat auf dem Jakobsberg eröffnet

28. Oktober

1951

Haus Maria Frieden, Berlin, eingeweiht

1. November

1951

Residenz Weimar

1. Januar

1952

Haus Biesdorf wird vom Bistum Berlin übernommen

Oktober

1952

Eisleben wird aufgegeben

9./10. März

1953

Umzug in Magdeburg (zum Karl-Liebknecht-Platz)

1. Dezember

1954

Kuratie Rostock-Reutershagen (P. Strieder)

1. Februar

1955

Beginn in Gießen (P. Kohlen)

20. März

1955

Konsekration der St. Canisiuskirche, Berlin

5. April

1955

Grundstück Neue Kantsbraße 1 wird erworben

August

1956

Oebisfelde wird an den Weltklerus zurückgegeben

2. November

1956

Beginn in Zwickau

Ende

1956

Die letzten deutschen Jesuiten verlassen Schlesien

 


68

14. April

1957

Residenz Gießen

7. Mai

1957

Ignatiushaus eingeweiht

2. Februar

1958

Residenz Zwickau

22./23. Juli

1958

Verhaftungen in Biesdorf

15. September

1958

Noviziat in Erfurt

8./9. November

1958

Konsekration der Kirche in Gießen

17./18. November

1958

Biesdorfer Prozeß in Frankfurt/Oder

11. Juni

1959

Grundstück in Berlin-Kladow gekauft

8. September

1959

Sinoia-Mission errichtet

2. November

1960

Noviziat in Berlin-Kladow

2. Februar

1961

Peter-Faber-Kolleg eingeweiht

April

1961

Beginn in Marburg (P. Rommerskirch)

13. August

1961

Berliner Mauer

25. März

1962

Konsekration der Kirche in Dresden

22. April

1963

Beginn in Darmstadt (P. Bulst)

18. Februar

1964

Exerzitienhaus in Berlin-Kladow eingeweiht

31. August

1964

Residenz Marburg

27. April

1965

Erster Gottesdienst in der renovierten Canisiuskirche in Berlin

29. August

1965

Konsekration der Kirche in Marburg

 

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