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Peter Heine{*}

Nicht nur Almosen

Solidarität und Nächstenliebe im Islam

 

Aus: Herder Korrespondenz, 2006/6, S. 302-306

 

    Hilft auch das reiche Saudi-Arabien den Erdbebenopfern in Pakistan als in Not geratenen muslimischen Glaubensbrüdern? Welchen Stellenwert haben Solidarität und Nächstenliebe im Islam überhaupt? Die Abgabe vom eigenen Vermögen ist der Pflicht zu Glaubensbekenntnis und Gebet gleichgestellt.

 

Von den großen Naturkatastrophen, die uns in den vergangenen Jahren heimgesucht haben, waren häufig die Teile der Welt betroffen, in denen Muslime zu Hause sind. Man erfuhr von Erdbeben in Iran, Kaschmir, der Türkei, Nahrungsmittelkatastrophen in der Sahelzone und in Somalia; Muslime traf die große Tsunamiwelle von 2004. Muslime werden seit längerem auch von den Folgen militärischer Operationen heimgesucht, so in Bosnien, Albanien, Palästina, Irak, Afgnanistan oder in Tschetschenien, um nur einige zu nennen. In all diesen Fällen kam es zu Hilfsaktionen durch zahlreiche nationale und internationale Hilfsorganisationen. Welche Solidarität haben dabei islamische Staaten, muslimische Organisationen und Einzelpersonen mit ihren in Not geratenen Glaubensbrüdern geübt?

 


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Solidarität ist ein Begriff, der in den verschiedensten Debatten unter islamischen Gelehrten und Intellektuellen ganz selbstverständlich gebraucht wird. Sie beziehen sich dabei häufig auf eine der "fünf Säulen des Islams". Neben dem Bekenntnis zur Einheit Gottes, der Prophetenschaft Muhammads, dem Pflichtgebet und der Pilgerfahrt werden in diesen Pflchtenkanon das Fasten im Monat Ramadan und die Pflicht der Zakât gezählt, die als die religiöse Basis solidarischen Handelns verstanden werden. Die Zakât wird als eine Steuer auf Eigentum beschrieben. Es handelt sich um genau bemessene Anteile auf die Vermögensmasse jedes Gläubigen.

Häufig wird von Muslimen darauf hingewiesen, dass es sich dabei nicht um ein Almosen im Sinne einer freiwilligen Abgabe handelt. Verwendet wird heute oft der Begriff "Sozialsteuer". Sie soll im wesentlichen acht Gruppen zugute kommen. Dazu heißt es im Koran (Sure 9,60): "Die Zakât ist bestimmt für die Armen, die Bedürftigen, die, die damit befasst sind, die, deren Herzen vertraut gemacht werden sollen, die Gefangenen, die Verschuldeten, für den Einsatz auf dem Wege Gottes und für die Reisenden." Dabei versteht man unter denen, "deren Herzen vertraut gemacht werden sollen", Menschen, die im Begriff sind, zum Islam zu konvertieren. Gelder "für den Einsatz auf dem Wege Gottes" sollen für den Jihad verwendet werden.

Viele der modernen Korankommentare weisen darauf hin, dass es vor allem um die Versorgung von Armen und Bedürftigen geht. Insgesamt kann man die verschiedenen Äußerungen zur Zakât in etwa so paraphrasieren: Genau betrachtet besitzt die Zakât den Charakter von etwas Anvertrautem, das man seinem eigentlichen Eigentümer, in diesem Fall den Armen und Bedürftigen, zurückgeben muss. Zakât ist der festgelegte Anteil am Vermögen eines Muslims, der eigentlich nicht zu seinem Eigentum zählt und über den er keine Besitz- oder Verfügungsrechte hat, sondern verpflichtet ist, ihn an den Zakât-Berechtigten weiterzuleiten. Umgekehrt ist der Bedürftige kein Almosenempfänger, sondern hat einen Rechtsanspruch. Wer besitzt, hat Pflichten; wer entbehrt, hat Rechte vor Gott und gegenüber den Menschen.

Der Islam begreift die Armut nicht als normale Tatsache des gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens und sieht auch nicht vor, dass die Lösung dieses Problems in der freiwilligen Mildtätigkeit der einen für die anderen besteht in der Hoffnung, dass der Überfluss der Reichen und die Bedürftigkeit der Armen auf wunderbare Weise ins Gleichgewicht kommen. Die Pflicht der Zakât erhebt diese Frage in den Rang des Rechts jenseits der persönlichen Entscheidung des Einzelnen. Die soziale Solidarität gehört zum Glauben; sie ist dessen konkretestes Zeugnis. Mit Gott sein, heißt nach islamischer Vorstellung, mit den Menschen sein. Oder, wie es in der viel zitierten Prophetentradition heißt: "Wer zu Bett geht und weiß, dass sein Nachbar hungert, ist kein Muslim."

Damit stellt sich natürlich die Frage, wer dann ein Nachbar ist. Die Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens waren ja zumindest im Mittelalter multi-religiös. Neben der politischen, wenn auch nicht in allen Fällen zahlenmäßig dominierenden muslimischen Gemeinschaft gab es beträchtliche jüdische und christliche Minderheiten, von Zorostriern, Sabäerns, Yezidi und anderen kleineren religiösen Gruppen einmal ganz abgesehen. Wie die Beziehungen sich im Rahmen eines sozialen Ausgleichs zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen darstellten, ist bisher wenig untersucht worden. Im Großen und Ganzen waren die einzelnen Gruppen für den internen Ausgleich selbst zuständig.
    Die Tatsache, dass diese Frage sich in den Quellen kaum findet, lässt vermuten, dass die islamischen Rechtsgelehrten mit ihr kaum befasst waren und der interne Ausgleich innerhalb der Religionsgemeinschaften funktioniert hatte. Noch gibt es in muslimischen Staaten religiöse Minderheiten, auch wenn ihr Prozentanteil an der Gesamtbevölkerung in den meisten Fällen deutlich zurückgegangen ist.

 

Die soziale Frage steht im Zentrum des Islam

In verschiedenen arabischen Tageszeitungen findet sich ein oder zwei Mal in der Woche eine Rubrik, in der Rechtsgelehrte auf brieflich gestellte Fragen von Lesern kurze Rechtsgutachten erteilen. Inzwischen sind solche Anfragen auch im Internet allgemein üblich. Für die Autoren dieser Gutachten hat sich in der deutschen islamwissenschaftlichen Diskussion der ein wenig despektierliche Begriff des 'Briefkasten-Mufti' eingebürgert. Die Zahl der Anfragen bezüglich der Form und Höhe der Zakât-Zahlungen sind beträchtlich.

Oft wird beispielsweise die Frage gestellt, wie es denn mit Vermögen bestellt sei, das aus wirtschaftlichen Aktivitäten entstanden sei, die sich nicht mit den Vorschriften des islamischen Rechts in Übereinstimmung befänden. Die daraus gezahlten Almosen dürfen nach der Meinung der Briefkasten-Muftis nicht auf die Höhe der Sozialsteuer angerechnet werden. Der Frage, wohin mit diesem Geld, weichen die Gelehrten aus. Unter den Rechtsgutachten, die der Briefkasten-Mufti einer arabischen Tageszeitung verfasst hat, findet sich auch eines zu der Frage, ob auch Nicht-Muslime aus Zakât-Mitteln unterstützt werden dürfen.

Der Gutachter erklärt, dass auch Nicht-Muslime, vor allem Juden und Christen, aber wohl auch Hindus solche Mittel erhalten dürfen; er schränkt diese Feststellung allerdings durch den Zusatz ein, dass dies erst dann der Fall sein dürfe, wenn die entsprechenden Mittel für muslimische Bedürftige in einer islamischen Gesellschaft nicht mehr benötigt würden.

 


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Die konkrete Kenntnis über die möglichen Empfänger von Zakât-Mitteln ist bei Muslimen unterschiedlich verbreitet. In Ägypten wissen nach einer empirischen Untersuchung 86,1 Prozent der Befragten, dass Bedürftige einen Anspruch haben; 72 Prozent meinen, dass Menschen, die in der Gefahr sind, sich vom Islam zu entfernen, Zakât-Empfänger sein können; Flüchtlingen sprechen 63,9 Prozent einen Anspruch zu. 37,3 Prozent wissen, dass auch Nicht-Muslime bedacht werden sollten. Interessant ist eine Kategorie, die in den koranischen Vorschriften nicht ausdrücklich erwähnt ist. 84 Prozent der befragten Ägypter meinen, das Menschen, die an einer chronischen Krankheit leiden, Anspruch auf Zakât haben.

 

Keine echte Ausübung der Religion ohne persönliches Engagement in der Gemeinschaft

Die Praxis der Zakât-Zahlungen unterscheidet sich von Land zu Land. In der Mehrheit der Fälle wird den Gläubigen die Zahlung der Sozialsteuer an spezifische, ihnen vertraute Bedürftige aus der Nachbarschaft oder Bekanntschaft überlassen. Hier kann es durchaus geschehen, dass ein Armer, der bis dahin regelmäßig eine entsprechende Summe von einem wohlhabenden Nachbarn erhalten hat, den Geber aufsucht und mit der entsprechenden Bemerkung sein Recht auf die Zahlung der Sozialsteuer vorbringt. Man kann hier geradezu von einer Geschäftsbeziehung sprechen. In einigen wenigen Staaten wie in Saudi-Arabien oder Pakistan wird die Zakât von einer staatlichen Behörde eingesammelt und dann entsprechend verteilt.

Die aktuelle grundsätzliche Haltung der zeitgenössischen muslimischen Rechtsgelehrten zur Zakât sieht insgesamt so aus. Wenn die Sozialsteuer direkt neben das Glaubensbekenntnis und das Gebet gestellt wird, zeigt sich allein daran die besonders herausgehobene Relevanz der sozialen Frage. Wie auch die Pflichten zum gemeinsamen Gebet und zum Zusammenkommen bei der Pilgerfahrt zeigen, vermittelt der Islam überhaupt eine Lehre, die sich in all ihren Aspekten auf die gesellschaftliche, auf die gemeinschaftliche Dimension richtet und zwar in dem Maße, dass gesagt werden kann, dass es keine echte Ausübung der Religion gibt ohne persönliches Engagement in der Gemeinschaft.

Man kann die soziale Frage also als zentral für den Islam betrachten. Dies wird von muslimischen Beobachtern vor allem deshalb immer wieder in Erinnerung gerufen, weil auch in der islamischen Welt der hegemoniale globale Diskurs des Ökonomismus spürbar ist. Sich diesem zu unterwerfen, sei auch bei vielen Intellektuellen festzustellen. Die sich daraus ergebende Forderung an Muslime, beispielsweise auch in Europa laute, dass Religion von der Politik getrennt werden müsse. Wenn aber Religion unpolitisch sein müsse, dann verkomme der gesellschaftspolitische Charakter des Sozialen im Islam zur Caritas als individuelle Mildtätigkeit.

Der in der Schweiz lebende Tariq Ramadan, der sich derzeit einige Kritik wegen seines geistigen Hintergrunds und seiner Vorstellungen gefallen lassen muss, sagt dazu: "In der Mehrheit der muslimischen Gesellschaften engagieren sich die sozialen Akteure, die in der Mobilisierung der Gemeinschaft am aktivsten sind, im Namen islamischer Werte. Die lokalen Aktivitäten, die sozialen Netzwerke, die 'alternative' Erhebung der Zakât, der Aufbau von Krankenstationen, die schulische Unterstützung und die Alphabetisierung der Erwachsenen sind nicht das Werk von Regierungen und noch weniger das Ziel von Strukturanpassungsprogrammen. Die Arbeit an der Basis wird unbezahlt, freiwillig und dynamisch von Muslimen verrichtet, die verstanden haben, dass ihr Engagement vor Gott zu allererst das Engagement mit den Menschen ist."

Im Monat Ramadan sind Muslime, für die (es) nicht die eine oder andere Form der Dispens gibt, gehalten, sich vom Morgen bis zum Sonnenuntergang unter anderem jeder flüssigen oder festen Nahrung zu enthalten. Die aktuellen islamischen Quellen finden auch hier ein Moment der islamischen Solidarität. Das Fasten wird einerseits mit der Vorstellung begründet, dass alle 1,3 Milliarden Muslime auf der Welt sich zur gleichen Zeit dieser Belastung unterwerfen, schaffe ein hohes Maß an Zusammengehörigkeitsgefühl. Zugleich lasse das Hungergefühl, dass die Fastenden täglich spüren, Mitleid mit denen wachsen, die nicht nur während des Ramadan hungern müssten. Bekanntlich dürfen Muslime nach Sonnenuntergang wieder essen und trinken, ehe am folgenden Morgen wieder eine neue Fastenphase beginnt.

Das abendliche Fastenbrechen ist ein Ereignis von hoher sozialer wie auch politischer Relevanz. Politiker und Parteien laden in Dörfern oder den einzelnen Quartieren muslimischer Städte die Bevölkerung zum gemeinsamen Mahl des Fastenbrechens (iftâr) ein. Bekannte Religionsgelehrte nahmen den Iftar zum Anlass, sich zu Fragen der islamischen Solidarität zu äußern. Gerade im Ramadan werden Almosen in besonders reichem Maße gegeben. Die Zakât al-fitr ist hier eine weit verbreitete Form der Caritas.

Der Ramadan kann daher als ein wichtiges Moment in der Belebung der islamischen Solidarität angesehen werden. Gerade hier findet eine ganz persönliche Form der Verteilung statt, in der vor allem im traditionellen Bereich Regeln der Reziprozität wie auch und vor allem der Diskretion eingehalten werden müssen. Das bedeutet, dass mit Almosen vor allem diejenigen in der unmittelbaren Umgebung bedacht werden, die sich in einer momentanen Notlage befinden.

Die Geber gehen davon aus, dass die Empfänger sich bei gewandelten Verhältnissen der früheren Spender erinnern werden. Dies steht nur scheinbar im Gegensatz zum Gebot der Diskretion. Dieses verlangt, dass die Gaben so vermittelt werden, dass der Empfänger dadurch nicht beschämt wird. Sie werden so abgelegt, dass sie zwar den intendierten Empfänger erreichen, aber eine direkte Konfrontation zwischen Geber und Nehmer vermieden wird. Natürlich weiß der Empfänger, von wem die Gabe stammt. Durch die Diskretion der Übergabe wird ihm aber die Möglichkeit gegeben, das Gesicht zu wahren.

 


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Der Begriff einer "islamischen Solidarität" ist eine neuere Erscheinung, die inzwischen allerdings einiges von ihrer konkreten Aktualität in den innerislamischen Debatten verloren hat. Vor allem in den siebziger Jahren war der Begriff verbreitet. Auch damals spielte das Moment des Zusammengehörigkeitsgefühls eine wichtige Rolle. Als 1971 eine neue ägyptische Verfassung verabschiedet wurde und der damalige Rektor der Azhar-Universität sich positiv dazu äußerte, kam Kritik von islamistischer Seite.

Mustafa Kamil Wasfi propagierte einen islamischen Staat, in dem die Solidarität unter den Gläubigen ein wichtiges Element darstellt: Demnach ist der islamische Staat dem europäischen überlegen, weil er das höchstmögliche Prinzip, das göttliche, verwirklicht. Der islamische Mensch, eingebettet in die Solidarität seiner Glaubensbrüder, die alle sich dem Gesetz des Schöpfers unterwerfen, überwindet seine kleinlichen, selbstsüchtigen, gesellschaftsschädigenden Triebe. Er hat damit die höchste Stufe des Menschseins erklommen, lebt in dem fortschrittlichsten Gemeinwesen, das vorstellbar ist. Jeder überzeugte Muslim teile heute (1971) diese Ansichten. Sie geben ihm Gewissheit, das die Lösungen, die der Islam für alle gesellschaftlichen und politischen Probleme anbietet, endgültigen, unumstößlichen Charakter tragen.

Sucht man heute im Internet nach dem Begriff, findet man ihn in unterschiedlichen Zusammenhängen. So gibt es einen Aufruf zur islamischen Solidarität mit einem muslimischen Mädchen in Australien, das vom Schiedsrichter als Mitglied einer Fußballmannschaft von einem Match ausgeschlossen wurde, weil es mit einem Kopftuch angetreten war. Besonders häufig kommt der Begriff vor im Zusammenhang mit der "Solidarität mit den Palästinensern".

 


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In den entsprechenden Internet-Fatwas, also Rechtsgutachten von muslimischen Gelehrten, die im Internet bekannt gemacht werden, finden sich Hinweise auf den Inhalt und die konkrete solidarische Praxis unter Muslimen. Da heißt es beispielsweise: "Wir können sie finanziell unterstützen, da jeder von uns gefragt ist, das an Geld zur Verfügung zu stellen, wozu er in der Lage ist, als Zeichen der Solidarität mit diesem unterdrückten Volk. Weiter sollten wir ihre Sache öffentlich vertreten und sie allgemein bekannt machen, vor allem, da sie nicht eine Sache der Palästinenser ist, sondern eine des Islams."

 

Seit 1969 gibt es einen Zusammenschluss islamischer Staaten

Besonders häufig wurde der Begriff im Zusammenhang mit der Gründung verschiedener internationaler islamischer Organisationen in den sechziger Jahren verwendet. Dies gilt vor allem für die Organisation der islamischen Konferenz (OIC), in der sich 1969 eine Anzahl islamischer Staaten zusammenfand. Die Gründungsväter dieser Organisation beriefen sich auf ein Zitat aus dem Koran, wo es heißt: "Haltet allesamt fest an der Verbindung mit Gott und spaltet euch nicht." (Koran, Sure 3, Vers 109) Der Vers ist Teil des Emblems der Organisation der Islamischen Konferenz und bringt das Anliegen dieser Staatengemeinschaft zum Ausdruck, die sich sowohl zum Zusammenhalt als auch zur gemeinsamen Orientierung an islamischen Prinzipien verpflichtet.

Das Konzept der islamischen Solidarität wurde vor allem von dem saudischen König Faisal propagiert. Die inner-islamische Debatte ging aus von der Überzeugung, dass sich die islamische Welt in dem Ost-West-Konflikt der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht für eine der beiden Seiten entscheiden sollte. Faisal führte die von ihm so konstatierte Schwäche der islamischen Welt auf Zersplitterung und Uneinigkeit zurück, eben auf mangelnde Solidarität der Muslime unter einander.

Durch Solidarität könnten vor allem zwei Ziele erreicht werden: Erstens sollte die ökonomische und die kulturelle, wissenschaftliche und technologische Unterentwicklung überwunden werden. Dieses Ziel könne durch den Aufbau von eigenen Industrien, eigener Kontrolle der Naturreichtümer, wissenschaftlich-technischen Fortschritt und die Entwicklung der Landwirtschaft hin zur Selbstversorgung der Bevölkerung, einschließlich deren zu erwartendem Wachstum, erreicht werden. Als zweites Ziel wird angestrebt, einen eigenen islamischen Beitrag zur menschlichen Zivilisation zu leisten. Die Anhebung des Entwicklungsniveaus der islamischen Gemeinschaft soll also nicht den Muslimen allein, sondern der gesamten Menschheit zu Gute kommen.

Dabei wird aber besonderer Wert auf die Gleichheit und Ebenbürtigkeit der islamischen Länder mit anderen Nationen, vor allem den Industriestaaten gelegt. Man fordert von deren Seite einen Umgang mit islamischen Staaten auf der Basis der Gleichberechtigung, des gegenseitigen Respekts und der Anerkennung ihrer Rechte und Würde. Man erwartet für die Zukunft eine Tendenz hin zur Einheit der Welt, charakterisiert vor allem durch die zunehmende Kooperation in einer Vielzahl von internationalen und regionalen Organisationen.

Dennoch, und vor allem angesichts der subjektiv häufig negativen Erfahrungen, die die islamischen Staaten in der Kooperation auf internationaler Ebene gemacht hätten, sollte unter dem Aspekt der islamischen Solidarität, trotz weiterhin aktiver Mitarbeit in internationalen Organisationen, eine eigene, den Bedürfnissen der islamischen Staaten entsprechende Organisation, nämlich die OIC, geschaffen werden. Die Zusammenarbeit in der OIC soll auf der Basis der besonderen kulturellen, religiösen und geistigen Gemeinsamkeiten erfolgen, die auf dem Islam gegründet sind.

Welche konkreten Konsequenzen zogen die Mitglieder der OIC aus ihrer Verpflichtung zur Solidarität? Hier sei auf die Entscheidungen der Konferenz der OIC für das Jahr 1980 hingewiesen: Man stellte Mittel zur Verfügung für die Opfer von Naturkatastrophen in Djibuti und auf den Komoren, desgleichen für Flüchtlinge in Djibuti, Somalia und aus dem Tschad in Kamerun und aus Uganda in den Sudan. Als einzige nichtafrikanische Region ging es um die Flüchtlinge aus Kampuchea, die sich nach Thailand gewandt hatten.

Eine wichtige Form der Solidarpraxis der OIC ist die Islamische Entwicklungsbank. Diese vergibt zinslose Darlehen für Infrastrukturprojekte wie die Anlage von Brücken, Straßen und Flughäfen, aber auch solche mit Wirkung auf die soziale Entwicklung wie Einrichtungen des Gesundheitswesens oder Bildungseinrichtungen oder des sozialen Wohnungsbaus. Seit etlichen Jahren betreibt die Bank in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Stellen in Saudi-Arabien das Sacrificial Meat Utilization Project. Die Schlachttiere, die während des Rituals der Pilgerfahrt geopfert werden, werden für Bedürftige in der islamischen Welt verarbeitet und an diese weitergeleitet.

Dabei werden die Opfertiere in den entsprechenden Schlachthöfen in der Nähe der Pilgerstätten geschlachtet, tiefgefroren und dann in den Staaten der OIC mit dem entsprechenden Bedarf verteilt. Inzwischen gibt es auch Berichte, dass die Islamische Entwicklungsbank Zertifikate verkauft, die den Kosten eines Opfertiers entsprechen. Die eingekommenen Mittel werden für karitative Zwecke in den Mitgliedsstaaten verwendet.

Aus all dem ergibt sich, dass Muslime ein hohes Maß an Solidarität für Bedürftige an den Tag legen. Diese Solidarität erstreckt sich nicht nur auf andere Muslime, sondern geht darüber hinaus. Angesichts des wachsenden Bedarfs an Hilfsmitteln sollte die Kooperation von islamischen und nicht-islamischen Hilfsorganisationen verbessert werden. Aus muslimischer Perspektive spricht nichts dagegen.

 

    {*}Peter Heine (geb. 1944), Dr. phil., 1978 Habilitation für das Fach Islamwissenschaft; seit 1994 Professor für Islamwissenschaft des nicht-arabischen Raumes an der Berliner Humboldt-Universität; zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt "Schauplatz Irak. Hintergründe eines Weltkonflikts", Freiburg 2002; "Islam zur Einführung", Hamburg 2003.

 

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