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Walter Kardinal Kasper

Ökumene im Wandel

Einführung bei der Vollversammlung
des Päpstlichen Einheitsrates
am 13. November 2006

 

Aus: Stimmen der Zeit, 1/2007, S. 3-18

 

    Zum Auftakt der vom 13. bis 18. November 2006 tagenden Vollversammlung des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen hielt dessen Präsident WALTER KARDINAL KASPER ein Referat zum aktuellen Stand der Ökumene. Er spricht strittige Fragen ebenso an wie neue Herausforderungen und Aufgaben und beendet seine Überlegungen mit fünf Punkten, worauf es aus seiner Sicht in der nächsten Zeit ankommt.

 

Vor mehr als 40 Jahren ist am 8. Dezember 1965 das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende gegangen mit einer klaren Entscheidung für die ökumenische Annäherung. In dem Dekret über den Ökumenismus "Unitatis redintegratio" hat das Konzil die Wiederherstellung der Einheit aller Christen als eine seiner Hauptaufgaben bezeichnet. Das Ökumenismusdekret beginnt mit den Worten: "Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen, ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils" (UR 1). Das Konzilsdekret machte freilich klar, daß es mit dieser Aussage nicht irgendeine Ökumene im Sinn hatte, sondern Ökumene in der Wahrheit und in der Liebe mit dem Ziel der sichtbaren Einheit Kirche (vgl. UR 2f.).

 

Unser bleibender Auftag

Papst Johannes Paul II. hat die ökumenische Entscheidung in der Enzyklika "Ut unum sint" (1995) als irreversibel bezeichnet (UUS 3) und hinzugefügt, das ökumenische Anliegen sei nicht bloß irgendein Anhängsel der pastoralen Tätigkeit der Kirche (UUS 20); er bezeichnete es vielmehr als "eine der pastoralen Prioritäten" seines Pontifikats (UUS 99). Papst Benedikt XVI. hat die Einheit der Kirche bereits einen Tag nach seiner Wahl in einer programmatischen Rede vor den versammelten Kardinälen sowie bei seiner Amtseinführung auf dem Petersplatz am 24. April 2005 als ein grundlegendes Anliegen bezeichnet.

Auch wenn aus begreiflichen Gründen in letzter Zeit der interreligiöse Dialog (theologisch unterschieden vom ökumenischen Dialog) mehr in den Vordergrund des allgemeinen Interesses getreten ist, so ist Ökumene nach wie vor kein geschmäcklerisches Unternehmen einiger Enthusiasten; es ist der Auftrag, den die Kirche von Jesus Christus selbst übernommen und den sie sich durch das Zweite Vatikanische Konzil irreversibel zu eigen gemacht hat. Diesen Auftrag hat die katholische Kirche in ihren beiden Rechtsbüchern festgeschrieben und ihn besonders den Bischöfen ans Herz gelegt (CIC c. 364 n.6; 387 §3; 755; CCEO cc. 902-908). Wir können deshalb feststellen: Bei allem Wandel der ökumenischen Situation, von

 


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dem gleich die Rede sein wird, steht der ökumenische Auftrag als solcher nicht in Frage; er ist uns von unserem Herrn selbst aufgetragen (vgl. Joh 17,21) und durch die Kirche mehrfach ausdrücklich bestätigt.

 

Wandel der ökumenischen Situation

Zum 40. Jubiläum des Ökumenismusdekrets veranstaltete der Päpstliche Einheitsrat vom 11. bis 12. November 2004 in Rocca di Papa einen Kongreß, zu dem Vertreter aller Bischofskonferenzen der Welt und aller Kirchen, mit denen wir im Dialog stehen, eingeladen waren{1}. Wir haben das Konzilsdekret analysiert und auf seiner Grundlage den weiteren Weg konzipiert. Besonders wertvoll waren uns die Worte, die Papst Johannes Paul II. bei einem Vespergottesdienst am 13. November in der Basilika Sankt Peter an uns gerichtet hat; es war seine letzte, mit letzter Kraft vorgetragene Rede zur ökumenischen Aufgabe, gleichsam sein ökumenisches Testament. Von einem Jammern über den schlechten Zustand der Dinge war dort nichts zu hören; es waren mutige und ermutigende Worte, welche hoffnungsvoll in die Zukunft blickten.

Bei diesem Kongreß haben wir Licht und Schatten der gegenwärtigen Situation herausgestellt. Die wichtigste positive Frucht der Ökumene der letzten 40 Jahre sind nicht die Dokumente, sondern der neue Geist, der fast überall in der Kirche eingezogen ist. Johannes Paul II. hat von einer Neuentdeckung der christlichen Brüderlichkeit gesprochen und sie als die wichtigste Frucht der Ökumene bezeichnet (UUS 42). Wir betrachten die anderen Christen nicht mehr als Gegner oder als Konkurrenten, sondern als Brüder und Schwestern in Christus. Fast selbstverständlich beten (von einigen Ausnahmen abgesehen) und arbeiten wir mit ihnen zusammen und geben vor allem in sozialen Fragen gemeinsam Zeugnis. In vielen ökumenischen Dokumenten haben wir auch theologisch ein gutes Stück Weg zurückgelegt.

Natürlich sind die Schattenseiten ebensowenig zu übersehen. Dazu gehören Mißverständnisse und Mißbräuche des ökumenischen Anliegens, ökumenische Ungeduld ebenso wie Bequemlichkeit und Status quo-Denken; der verstorbene Papst hat von Trägheit und Enge des Herzens gesprochen (Novo millenio ineunte, 48). Die eigentliche Schattenseite, um nicht zu sagen: die Dunkelseite, ist die Tatsache, daß wir zwar Fortschritte auf dem Weg zum ökumenischen Ziel gemacht, dieses selbst aber nicht erreicht haben. Inzwischen sind sogar neue Schwierigkeiten unübersehbar, und der Weg zum Ziel erscheint uns heute weiter und mühsamer, als anfangs viele dachten. Auch dies hat Johannes Paul II. gegen Ende deutlich gesehen (ebd. 12).

Seit Rocca di Papa ist die Entwicklung nicht stehen geblieben. Ich spreche zuerst von den Bewegungen innerhalb des gewohnten ökumenischen Rahmens und dann

 


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von der Entwicklung der ökumenischen Szene selbst. Dabei beschränke ich mich - dem Auftrag des Päpstlichen Einheitsrates entsprechend - auf die universale Dimension, wobei ich selbstverständlich weiß, das Ökumene auch und sogar vor allem auf der ortskirchlichen Ebene geschieht.

Ich nenne nur einige jüngere Entwicklungen. Nach einer bedauerlichen längeren Unterbrechung konnte zunächst die Arbeit in der Gemischten theologischen Kommission mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen (Kopten, Syrer, Armenier, Malankara und andere) neu aufgenommen werden. Mit ihnen konnten schon früher die christologischen Differenzen, die seit dem fünften Jahrhundert bestanden, überwunden werden. Mit den orthodoxen Kirchen konnten wir den internationalen Dialog nach dem Stillstand seit der Vollversammlung in Emmitsburg/Baltimore (2000) im September 2006 in Belgrad wieder aufnehmen{2}. Das Gesamtthema lautet "communio" (koinonia); in diesem Gesamtrahmen wollen wir uns der entscheidenden Kontroversfrage, dem Petrusamt{3}, wie der sensiblen Frage des sogenannten Uniatismus zuwenden. Die Arbeit der Kommission hat in einem guten Geist in konstruktiver Weise begonnen. Von der Begegnung des Papstes mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. im Fanar versprechen wir uns weitere wichtige Impulse. Gott sei Dank können wir sagen, daß die positive Entwicklung und die Verbesserung unserer Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen die verheißungsvollste Veränderung der ökumenischen Beziehungen ist. Es ist interessant festzustellen, daß auch der Weltrat der Kirchen seine Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen nach der Krise bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare (1998) verbessern konnte.

Mit der anglikanischen Gemeinschaft und den Kirchen der Reformation{4} konnten einige wichtige Dialogdokumente verabschiedet werden{5}. Schon allein die Zahl dieser Dialoge und Dokumente zeigt, daß das Gerücht, die katholische Kirche habe den Dialog mit den Kirchen der Reformation "abgeschrieben", jeder Grundlage entbehrt. Von besonderer Bedeutung ist, daß der Weltrat der methodistischen Kirchen im Juni 2006 in Seoul seinen Beitritt zu der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" (1999) erklärt hat. Die Zusammenarbeit mit dem Weltrat der Kirchen ist nach dessen Vollversammlung in Porto Alegre (Februar 2006) in der Gemeinsamen Arbeitsgruppe neu aufgenommen worden{6}. Gemeinsam mit dem Weltrat bereiten wir seit 1968 die "Gebetswoche für die Einheit der Christen" vor. Dazu kommen unzählige, fast tägliche Begegnungen mit Vertretern anderer Kirchen in unserem Büro, sowie viele Reisen buchstäblich rund um die Welt. Auch bei diesen Gelegenheiten ist das Wehen des Heiligen Geistes zu spüren.

Es gibt kaum ein wichtiges kirchliches Ereignis, bei dem nicht offizielle Vertreter anderer Kirchen zugegen sind. Das gilt etwa von der Bischofssynode 2005, dem Symposium aus Anlaß des 40. Jahrestags der Konzilskonstitution "Dei Verbum" (2005) und vollends vom Begräbnis von Papst Johannes Paul II. und von der Amtseinführung von Papst Benedikt XVI. Zu diesen beiden Ereignissen haben fast alle

 


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Kirchen hochrangige Vertreter entsandt. Das hat es in der gesamten Kirchengeschichte noch nie gegeben. Damit befinden wir uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer Situation, von der man zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Wer darum einfachhin und undifferenziert von Rückschritt, von Stillstand oder gar von einer ökumenischen Eiszeit und dergleichen redet, verrät Unkenntnis der Situation. Zu einem Lamento oder gar zu Panik ist kein Anlaß. Vielmehr haben wir Grund, unsere Dankbarkeit gegenüber Gott wie gegenüber vielen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zum Ausdruck zu bringen.

Wir wären freilich blind, würden wir nicht auch die rasanten und tiefgreifenden Veränderungen sehen, die sich seit dem Konzil in den letzten 40 Jahren allgemein-politisch wie geistespolitisch überall in der Welt und auf praktisch allen Lebensgebieten ereignet haben. Es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, diese komplexen Prozesse im einzelnen zu beschreiben. Es muß genügen, die Globalisierung, den internationalen Terrorismus und die Zunahme der Gewalt in der Welt zu nennen und festzustellen, daß die fortgeschrittene Säkularisierung in der westlichen Welt, der Geist des ethischen Relativismus, des religiösen Indifferentismus und alles, was man als Postmoderne bezeichnen kann, auch Auswirkungen im Bereich der Ökumene haben. Der ökumenische Wandel betrifft jedoch nicht nur die Rahmenbedingungen der Ökumene, vielmehr sind die ökumenische Szene und die ökumenische Gesamtkonstellation selbst gegenwärtig in einem rapiden Wandel begriffen.

Um die gegenwärtige ökumenische Situation zu verstehen, genügt es darum nicht, nur die klassischen Formen der Ökumene und den Fortschritt in einzelnen ökumenischen Dialogen in den Blick zu nehmen. Man muß die veränderte ökumenische Gesamtkonstellation sehen und daraus praktische Folgerungen für die Zukunft der Ökumene ziehen.

 

Ein Klimawandel - die neue Frage nach der eigenen Identität

An erster Stelle ist ein deutlicher Klimawandel im Dialog mit den historischen Kirchen in Ost wie in West festzustellen. In allen Dialogen ist ein relativ neues Element in den Vordergrund getreten: Die Frage nach der eigenen Identität, die manchmal auch als "Ökumene der Profile" (Bischof Wolfgang Huber) bezeichnet wird.

Schon länger befürchten manche, Ökumene würde zur Auflösung der jeweiligen konfessionellen Identität führen. Die einen haben Angst vor einer Protestantisierung der katholischen Kirche, während andere umgekehrt einen Katholisierungsverdacht äußern und fürchten, die evangelischen Partner ließen sich über den Tisch ziehen und katholische Fragestellungen aufzwingen. So ist an die Stelle einer Hermeneutik des Vertrauens oft eine Hermeneutik des Verdachts getreten.

Doch grundsätzlich ist die Sorge um die eigene Identität ein berechtigtes Anlie-

 


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gen. Jeder Dialog, auch der ökumenische Dialog, setzt Partner voraus, welche ihre jeweils eigene Identität haben, sie schätzen, sie artikulieren und zur Geltung bringen. Verharmlosung, Verschleierung, oder - wie man gelegentlich sagt: "Schummelei" (Eberhard Jüngel) - nützen niemandem, am wenigsten dem ökumenischen Anliegen selbst.

Die Frage ist freilich, was man mit Identität meint: eine ängstlich in sich verschlossene, defensive, auf Abgrenzung bedachte Einstellung oder eine offene Identität, die sich bewußt ist, daß man Identität grundsätzlich nur in Kommunikation, Begegnung, Austausch und d.h. im Dialog mit anderen haben kann. Dialog heißt ja nicht, die eigenen Position aufzugeben, sich auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner zu treffen und so ärmer zu werden, sondern die eigene Identität im Austausch mit anderen bereichern, wachsen und reifen zu lassen. In diesem Sinn hat Johannes Paul II. den Dialog als "unerläßlichen Durchgang auf dem Weg zur Selbsterfüllung des Menschen, des Individuums wie auch jeder menschlichen Gemeinschaft" bezeichnet und den Dialog entsprechend als "Austausch von Gaben" definiert (UUS 28; vgl. 57). Dialog will also nicht verarmen, er kann und will bereichern.

Auf dieser Grundlage muß man sich mit der ökumenischen Totalkritik in manchen orthodoxen und leider auch in manchen katholischen Kreisen, ebenso in vielen evangelikalen und pentekostalen Gruppierungen auseinandersetzen. Sie meinen, Ökumene führe zu dogmatischem Relativismus, Synkretismus und Indifferentismus. Für manche ist Ökumene geradezu zu einem Reizwort geworden, zum Inbegriff aller Häresien und zum Ausdruck des apokalyptischen Versuchs einer antichristlichen Welteinheits-Kirche, vor der bereits die Johannesapokalypse gewarnt haben soll. Diese Kritik eines falsch verstandenen Ökumenismus kann man schon in Wladimir Solojows (1853-1900) eindrucksvollem Essay "Der Antichrist" nachlesen. In den historischen Kirchen findet sich eine solche Total- und Frontalkritik offiziell nicht; in deren offiziellen Äußerungen wird die Kritik wesentlich differenzierter und seriöser vorgetragen.

In der katholischen Kirche steht die Sorge um die Identität hinter dem "Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über einige Aspekte der Kirche als Communio" ("Communionis notio", 1992), der Erklärung über den Begriff Schwesterkirche (2000) und vor allem der Erklärung "Dominus Jesus" (2000), die aufgrund der Konzilsaussage "subsistit in" zwischen "Kirche" und "kirchlicher Gemeinschaft" unterschied und somit die Identität der katholischen Kirche bekräftigte und die fortdauernde Verwirklichung der Kirche Christi in ihr (vgl. LG 8; UR 4).

Auf evangelischer Seite haben diese Dokumente Reaktionen ausgelöst, welche die evangelische Kirche wieder stärker als "protestantisch" erscheinen ließen. Schon gegenüber der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999) wurde von evangelischen Theologen teilweise herbe Kritik laut, gegenüber der Erklärung Dominus Jesus schwoll sie zu einem mächtigen Chor an, der bis heute nicht verstummt ist. Umgekehrt wurden von katholischer Seite einige harsche Töne in einigen jün-

 


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geren Stellungnahmen aus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD){7} sowie der Rückzug der EKD aus der gemeinsamen Arbeit an der "Einheitsübersetzung" der Bibel mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Die Vorbereitung eines Papiers über "Amt und Ordination" in der VELKD und der EKD erfüllt nicht nur Katholiken sondern auch nicht wenige Lutheraner mit einiger Sorge, die sich durch den endgültigen Text "Ordnungsgemäß berufen" (2006) bestätigt haben. Dieser Text geht nicht nur hinter bisherige ökumenische Abmachungen zurück; er ist einseitig auf Abgrenzung bedacht. Von den bei allen Unterschieden gegebenen größeren Gemeinsamkeiten ist nicht mehr die Rede.

Einige evangelische Theologen gehen so weit, daß sie sich von der sogenannten Konsensökumene verabschieden und eine Differenzökumene propagieren (Ulrich H. J. Körtner); andere sprechen von einer heilsamen Enttäuschung und meinen damit, daß die bisherigen Konsens- und Konvergenzdokumente nicht tragfähig seien und darum verdientermaßen enttäuschen mußten (Winfried Härle). Für sie stehen alle bisherigen sogenannten Konsens- bzw. Konvergenzdokumente auf dem Prüfstand. Das Klima ist insgesamt rauher geworden.

Das neue Klima war auch bei den jüngsten Gesprächen mit den orthodoxen Kirchen deutlich zu spüren. Sie verliefen in einer guten und konstruktiven geistlichen Atmosphäre. Bei der Diskussion eines bereits am Ende der 80er und zu Anfang der 90er Jahre vorbereiteten Textes zeigte sich jedoch, daß manche etwas harmonisierenden Formulierungen von damals sowohl auf orthodoxer wie auf katholischer Seite auf Bedenken stießen; von beiden Seiten wurde Wert auf größere Präzisierung gelegt. Die Arbeit ging dadurch langsamer als ursprünglich erwartet, aber dafür wesentlich solider voran.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Die Betonung der eigenen Identität bzw. eine Ökumene der Profile ist ökumenisch dann legitim und auch weiterführend, wenn sie zum einen die bestehenden Unterschiede auf der Grundlage und im Rahmen des größeren gemeinsamen Glaubens benennen, und wenn dies zum anderen nicht mit dem Ziel der Abgrenzung oder der Eigenprofilierung geschieht, sondern in dem Bemühen die Unterschiede in einem wahrheitsorientierten Dialog zu überwinden.

 

Strittige Fragen über Grundlagen und Ziel der Ökumene

Der Wandel des Klimas und der Atmosphäre hat selbstverständlich tiefere Ursachen; es geht nicht nur um Stimmungen, sondern um tieferliegende Probleme, die in der "Sache" selbst begründet sind. Sowohl hinsichtlich der Grundlagen wie des Ziels der Ökumene gibt es gegenwärtig alte und teilweise auch neue Probleme.

Die Grundlagen der Ökumene sind nicht ein sentimentaler Irenismus, für den die Wahrheitsfrage gleichgültig geworden ist, nicht ein vages Zusammengehörigkeits-

 


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gefühl, ein diffuser Humanismus oder eine Allerweltsreligion. Nach katholischem Verständnis bestehen die Grundlagen der Ökumene in dem gemeinsamen Bekenntnis zu Jesus Christus und zum dreifaltigen Gott, wie es auch in der Basisformel des Weltrates der Kirchen zum Ausdruck kommt, die vom Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils ausdrücklich zitiert wird (UR 1). Es heißt dort, die ökumenische Bewegung werde von Menschen getragen, welche den dreieinigen Gott anrufen und Jesus als Herrn und Erlöser bekennen. In der Studie des Ökumenischen Rates der Kirchen über das nikaia-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis "Confessing the one Faith" ("Gemeinsam den einen Gott bekennen", 1991) wurde diese gemeinsame Glaubensgrundlage ausführlich kommentiert und in ihrer Bedeutung für heute ausgelegt.

Leider ist diese Studie kaum rezipiert. In dieser faktischen Nichtrezeption zeigt sich ein grundsätzliches Problem. Das christologische und trinitätstheologische Bekenntnis steht zwar in den Bekenntnisschriften aller historischen Kirchen, die Frage ist aber, ob es auch überall wirklich anerkannt ist. Das Problem wird schlaglichtartig offenkundig, wenn man die Diskussion in einigen reformierten Kirchen verfolgt, welche die trinitarische Taufformel durch andere, sogenannte inklusive Formeln zu ersetzen erlauben. Auch in anderen Fragen, vor allem denen des Lebensschutzes, der Familie, der Sexualmoral, der Bioethik, der Frauenordination, sind im Verhältnis zu einigen Kirchen leider neue, bisher nicht gegebene Unterschiede deutlich geworden, welche auf tieferliegende Probleme der Anthropologie und der Bibelhermeneutik hindeuten. Diese neuen Unterschiede erschweren das gemeinsame Zeugnis der Kirchen in der Welt und schwächen es erheblich.

Während zu Beginn der ökumenischen Bewegung auf evangelischer Seite die Luther-Renaissance und die Wort-Gottes-Theologie von Karl Barth (1886-1968) führend waren, erleben wir gegenwärtig eine Renaissance des liberal-individualistischen Protestantismus und des Kulturprotestantismus. So treten Motive wie Individualität, Innerlichkeit, individuelles Gewissen - alles zentrale Inhalte der Vorlesungen, welche Adolf Harnack über das "Wesen des Christentum" 1899/1900 hielt - wieder in den Vordergrund. Das hat zur Folge, daß die sichtbare Einheit der Kirche nicht länger ein vordringliches Problem darstellt. Im Vordergrund des Interesses stehen Probleme der Begegnung mit der gegenwärtigen Kultur oder mit anderen Kulturen.

Letztlich geht es um die Frage, ob und inwiefern uns Gott nicht nur "in", sondern auch "durch" die Kirche begegnet. Man kann diese Frage nach der heilsvermittelnden Funktion der Kirche auch so formulieren: Ist der einzelne Christ unmittelbar zu Gott, oder ist sein persönliches Gottesverhältnis durch die Kirche vermittelt? In der Antwort stehen sich ein mehr individualistisches protestantisches und ein mehr gemeinschaftsbezogenes katholisches Kirchenverständnis gegenüber.

Es ist deshalb allzu vereinfacht, das ökumenische Problem auf die Amtsfrage zu reduzieren. Die Amtsfrage stellt sozusagen nur die Spitze des Eisbergs dar. Das

 


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grundlegendere Problem ist das Verhältnis von Wort Gottes und Kirche und in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Schrift und Tradition sowie von Schrift und kirchlichem Lehramt. So sind trotz mancher Annäherungen grundlegende Fragen des Kirchenverständnisses und der damit verbundenen Marien- und Heiligenverehrung noch offen (vgl. UR 20; UUS 79). Es ist bezeichnend, daß das in diesem Zusammenhang wichtige Dokument der bilateralen lutherisch-katholischen Arbeitsgruppe in Deutschland "Communio sanctorum" (2000) bisher von evangelischer Seite offiziel nicht formell rezipiert, inoffiziell aber harscher Kritik unterzogen wurde.

Die offenen ekklesiologischen Grundlagenfragen führen zu einer unterschiedlichen ökumenischen Zielbestimmung. Die Basisformel des Weltrats der Kirchen definiert dieses Ziel als sichtbare Einheit. Die Vollversammlung von Porto Alegre (2006) hat diese Aussage nochmals bestätigt{8}. Die vorhergehende Vollversammlung in Harare (1998) hat freilich eingeräumt, daß gegenwärtig kein voller Konsens darüber besteht, was mit sichtbarer Einheit konkret gemeint wird. Es wird eingeräumt, daß wir kein gemeinsames Verständnis der Einheit und keine gemeinsame Vision ("common vision") haben{9}.

Der Mangel einer gemeinsamen Zielvorstellung ist neben der Unklarheit in den Grundlagen das wohl schwerwiegendste Problem der gegenwärtigen ökumenischen Situation. Denn hat man kein gemeinsames Ziel, besteht die Gefahr, daß man sich, ohne es zu wollen, in verschiedene Richtungen bewegt und am Ende weiter auseinander ist als zuvor.

Übereinstimmung besteht darüber, daß Einheit nicht Uniformität bedeutet. Was wir suchen, ist volle sichtbare Gemeinschaft (communio) als "Einheit in der Vielfalt und der Vielfalt in der Einheit". Doch bei genauerem Zusehen ist diese Formel alles andere als eindeutig{10}.

Die katholische Kirche versteht darunter - und dabei stimmt sie mit der orthodoxen Position grundsätzlich überein - eine Einheit im einen Glauben, in denselben Sakramenten und im einen apostolisch begründeten Bischofsamt. Verschiedenheit dagegen ist möglich in den Ausdrucksformen des einen Glaubens, in den sakramentalen Riten sowie in der konkreten kanonischen Ausgestaltung der hierarchischen Struktur (vgl. LG 13; 15; UR 2f.) und auch in der von Papst Johannes Paul II. aufgeworfenen Frage, wie das Petrusamt in Zukunft bei Wahrung seines Wesens konkret ausgeübt werden soll (UUS 95). In diesem Sinn hat die katholische Kirche etwa in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre eine legitime Einheit in der Vielfalt anerkannt.

Auf evangelischer Seite hat sich in den letzten Jahrzehnten in weiten Teilen ein anderes Verständnis der Einheit in der Vielfalt durchgesetzt. Man beruft sich dafür auf den berühmten Art. 7 der Confessio Augustana, der besagt, daß es zur Einheit der Kirche genügt (satis est), in der Lehre des Evangeliums und in der evangeliums-

 


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gemäßen Verwaltung der Sakramente übereinzustimmen. Das bedeutet nach einer heute oft vertretenen Auffassung, daß zur Einheit ein Grundkonsens hinsichtlich des Evangeliums und der evangeliumsgemäßen Spendung von Taufe und Abendmahl genügt, daß aber etwa im Verständnis und in der Gestalt der kirchlichen Ämter wesentliche Unterschiede möglich sind.

Auf dieser Grundlage haben die Kirchen lutherischer und reformierter Tradition 1973 in der Leuenberger Konkordie Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und damit Kirchengemeinschaft aufgenommen; sie taten dies, obwohl zwischen ihnen im Eucharistieverständnis wie im Kirchen- und Amtsverständnis weiterhin lehrmäßige Unterschiede bestehen. Auf dieser Grundlage ist es in jüngster Zeit zu weiteren Zusammenschlüssen auf evangelischer Seite gekommen, etwa der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Ebenfalls auf dieser Grundlage wird von der katholischen Kirche sehr oft die Zulassung zur Kommunion bzw. sogenannte eucharistische Gastfreundschaft erwartet. Doch für uns (wie mit den orthodoxen Kirchen) ist Kirchen- und Kommuniongemeinschaft nicht ohne Einheit im Kirchen- und Amtsverständnis möglich. Ähnliche Bedenken werden auch von einigen der Porvoo-Erklärung (1992) verpflichteten evangelischen Kirchen Skandinaviens erhoben.

Es bestehen also unterschiedliche ökumenische Konzepte von der anzustrebenden Einheit der Kirche; wir sind uns nicht einig, wohin die ökumenische Reise gehen soll. Um in dieser Frage weiterzukommen, hat das Dokument der Vollversammlung des Weltrates der Kirchen in Porto Alegre "Called to be One Church" gemeinsam mit dem Dokument der Kommission "Glaube und Kirchenverfassung" des Weltrats der Kirchen "Nature and Mission of the Church" (2005) für uns eine große Bedeutung. Diese beiden Dokumente sind positive Zeichen. Wir hoffen, daß die Kommission Glaube und Kirchenverfassung an den dort behandelten Fragen energisch weiterarbeitet. Denn nur auf dem Weg einer Klärung des Kirchenverständnisses können wir in den Fragen der Eucharistiegemeinschaft weiterkommen und eine gemeinsame ökumenische Vision entwickeln.

 

Neue Herausforderung durch die Evangelikalen und die Pfingstkirchen

Während die historischen Kirchen über ihre geschichtlich ererbten Probleme diskutieren und teilweise auch neue Gräben aufwerfen, ziehen bereits neue Formationen kirchlicher Gemeinschaften herauf. Man spricht von einer dritten Welle in der Christentumsgeschichte: nach den auf das erste Jahrtausend zurückgehenden Kirchen (alt-orientalische, orthodoxe Kirchen und katholische Kirche), den Kirchen, welche direkt oder indirekt (Freikirchen) auf die Reformation zurückgehen, jetzt die evangelikalen, charismatischen Gemeinschaften und vor allem die Pfingstkirchen. Ihre Ausbreitung und ihr Einfluß nehmen rasant zu. Dazu kommen viele neue christliche, nichtchristliche und synkretistische sektenhafte Bewegungen und

 


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Gruppierungen, zu denen auch eine Vielzahlt von sogenannten autonomen afrikanischen Kirchen gehören.

Evangelikale Strömungen und Gemeinschaften gab es innerhalb des Protestantismus schon in der Vergangenheit in den verschiedenen Erweckungsbewegungen, besonders im Pietismus. Heute sind sie weithin als Reaktion auf liberal-modernistische Tendenzen in manchen historischen Kirchen auf dem Vormarsch. Evangelikal ist deshalb oft geradezu zu einem kirchenpolitischen Kampfbegriff geworden. Öfters (freilich nicht immer) sind damit fundamentalistische Tendenzen verbunden. Die Evangelikalen betonen die wörtliche Inspiration und unbedingte Autorität der Schrift, halten an der unverkürzten Christologie des Apostolikums fest, legen Wert auf persönliche Bekehrung und Heiligung, sie geben der Mission den Vorrang vor der sozialen Aktion und vertreten eine eschatologische Naherwartung. Teilweise kommt es auch zu einer Neu- bzw. Wiederentdeckung der Tradition.

Im einzelnen gibt es eine große Bandbreite. Manche dieser Gemeinschaften sind kirchenähnlich organisiert (Missouri-Synod, Southern Baptist); sie sind neuerdings wieder am Gespräch mit der katholischen Kirche interessiert. Daneben gibt es parakirchliche Strukturen in charismatischen Gruppen, Bekenntnisbewegungen und Bekenntniskongressen, Gemeindetagen, Arbeitskreisen usw.; auch mit ihnen gibt es in letzter Zeit zunehmend Kontakte{11}. Organisatorisch zusammengeschlossen ist die Bewegung in der "World Evangelical Alliance".

In ekklesiologischen und sakramententheologischen Fragen sind die Evangelikalen meist recht verschieden von uns; sie stehen uns aber in christologischen und vor allem in ethischen Fragen oft wesentlich näher als manche historische protestantische Kirchen. So sind praktische Koalitionen, man kann auch sagen: strategische Allianzen möglich{12}.

Davon sind die Pfingstkirchen zu unterscheiden. Sie sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Milieu der methodistischen Erweckungsbewegung entstanden; sie haben aber keine direkten Wurzeln in der Reformation des 16. Jahrhunderts, sondern sind nach eigener Überzeugung durch eine unmittelbare neue Ausgießung des Heiligen Geistes ins Leben gerufen worden. Seit ihrem ersten Auftreten expandierten sie in einer atemberaubenden, bisher nie dagewesenen Weise vor allem in der südlichen Hemisphäre; inzwischen schwappt die Bewegung auch auf Europa über. Schon spricht man vom "Christentum der Zukunft" (Philip Jenkins).

Man kann fragen, ob man dabei von einem neuen Typus von Kirche sprechen kann. Denn es handelt sich um eine Vielzahl von Gemeinden, bei denen jede autonom und nur locker mit anderen Gemeinden verbunden ist. Gemeinsam ist ihnen die unmittelbare Geisterfahrung (Geisttaufe), eine emotionale und spontane Spiritualtität, welche die Erfahrung der Zugehörigkeit zu einer großen Gruppe vermittelt. Inzwischen unterscheidet man drei Wellen: der klassische Pentekostalismus, wobei mit einzelnen Gruppen gute Dialoge möglich waren{13} - die charismatische Bewegung innerhalb der traditionellen Kirche, auch in der katholischen Kirche -

 


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und der Neopentekostalismus, der oft zu einer Religion rein innerweltlicher Prosperitätsversprechung wird. Er verhält sich zu den traditionellen Kirchen meist recht aggressiv und proselytistisch; ein Dialog des Lebens ist selbstverständlich möglich, ein Dialog im eigentlichen und gewohnten Sinn dagegen bisher kaum.

Das was dann? Eine Herausforderung ist der Pentekostalismus in jedem Fall. Das Problem wird von vielen Bischöfen anläßlich ihrer Ad-limina-Besuche artikuliert, und auch Papst Johannes Paul II. wie Benedikt XVI. haben ihre Sorge wiederholt zum Ausdruck gebracht. Wie sollen wir dieser Herausforderung begegnen? Wir sind der Meinung: in erster Linie selbstkritisch. Wir müssen uns fragen: Was macht diese Bewegung so anziehend? Warum verlassen so viele Gläubige unsere Kirche? Was versprechen sie sich von den Pfingstgemeinden? Was fehlt ihnen bei uns? Was können und was müssen wir pastoral ändern, um dem geistlichen Durst und dem Hunger nach konkreter Erfahrung wie den konkreten sozialen Notlagen gerecht zu werden? In diesem Sinn hat der Päpstliche Einheitsrat im Jahr 2005 vier größere Seminare mit Bischöfen und Theologen veranstaltet: eines im anglophonen Afrika (Nairobi), eines im frankophonen Afrika (Dakar), eines in Lateinamerika (São Paulo) und eines in Korea (Seoul); im Februar 2007 ist ein solches Seminar auf den Philippinen (Manila) geplant.

 

Fragmentierung und neue Vernetzung der Ökumene

Das relativ lockere protestantische Verständnis der Einheit der Kirche und die neueren evangelikalen und charismatischen Gruppierungen haben einerseits zu einer Fragmentierung der ökumenischen Szene und andererseits zu neuen Formen ökumenischer Vernetzung und Zusammenarbeit geführt.

Die protestantischen Kirchen sind landeskirchlich oder national strukturiert; erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu weltweiten konfessionellen Kirchenbünden, die sich freilich nicht als Kirche sondern als Kirchenbünde oder als Gemeinschaft von Kirchen verstehen. Die universale ökumenische Einheit kann nach diesem Verständnis nur in einem Netzwerk wechselseitiger Beziehungen und gegenseitiger Anerkennung als Kirchen bestehen.

So gab es schon bisher eine ausgesprochene ökumenische Asymmetrie hinsichtlich der Entscheidungsstrukturen. Sie wird gegenwärtig durch eine dem protestantischen Modell offensichtliche immanente Tendenz zur Fragmentierung wie durch die evangelikalen Gruppierungen verstärkt. Das Problem zeigt sich in allen konfessionellen Weltbünden, am deutlichsten in der anglikanischen Gemeinschaft, welche aus verschiedenen Gründen, auch wegen des Fehlens einer zentralen Autorität, derzeit einen eher diffusen Eindruck erweckt.

In der Folge dieser Fragmentierung gibt es auf der einen Seite ausgesprochen liberale Tendenzen und Gruppierungen, auf der anderen Seite Klöster, Kommunitä-

 


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ten, hochkirchliche Gemeinschaften (Michaelsbruderschaft, Jakobusbruderschaft, Hochkirchliche Vereinigung Augsburgischen Bekenntnisses und andere), Anglo-Catholics, auch einzelne freikirchliche Gruppen, welche vor allem in der Liturgie wie in der Ausgestaltung der Ämter das katholische Erbe im Protestantismus stärker zur Geltung bringen wollen. Sie schließen sich in letzter Zeit oft mit entsprechenden katholischen Partnern (Orden und Kongregationen, einzelne Klöster, geistliche Bewegungen, Werken usw.) zu Netzwerken zusammen. So haben sich im Mai 2004 in Stuttgart etwa 10.000 meist jüngere Leute aus den verschiedenen Kirchen versammelt; über Satellit waren europaweit etwa 100.000 an der Begegnung beteiligt. Für April 2007 ist ein "Stuttgart II" geplant. Daneben gibt es viele regionale und nationale Treffen dieser Art. Man kann in diesem Zusammenhang auch an die Ausstrahlung von Klöstern wie Taizé, Bose, Chevetogne und andere oder an ökumenische Gemeinschaften etwa innerhalb der Focolare-Bewegung, Sant' Egidio oder Chemin neuf denken.

Im Augenblick kann man noch nicht sehen, wohin uns der Geist Gottes mit dieser Entwicklung führen wird. Grundsätzlich verbinde ich damit große Hoffnungen. Andererseits ist die ökumenische Situation dadurch unübersichtlich geworden; sie paßt nicht mehr in die herkömmlichen ökumenischen Strukturen. Dieses Problem wird auch im Weltrat der Kirchen gesehen und mit Hilfe der Idee eines globalen ökumenischen Forums diskutiert, bei dem auch Kirchen, Gemeinschaften und Gruppen teilnehmen können, die nicht Mitglied im Weltrat der Kirchen sind. In dieselbe Richtung geht die neue Organisation "Christian Churches together" in den Vereinigten Staaten.

Für uns stellt sich angesichts dieser Entwicklung die Frage: Wer ist unser Partner, und wie verhalten wir uns zu den verschiedenen, sehr verschiedenartigen Partnern? Bisher war diese Frage eindeutig entschieden. Es galt der Grundsatz: Wir sprechen mit den Kirchen, auf der universalen Ebene mit den konfessionellen Kirchenbünden. Das werden wir selbstverständlich auch weiterhin tun. Die Frage ist jedoch: Ist die damit gegebene Selbstbeschränkung noch realistisch? In welcher Weise sollen und können wir in Dialog mit einzelnen Gruppierungen eintreten, die an unsere Tür klopfen und das Gespräch mit uns suchen?

Die Antwort ist delikat. Selbstverständlich wollen wir kein unehrliches Doppelspiel treiben; vollends liegt uns jede Form von Proselytismus und jede Art eines neuen Uniatismus fern. Jede Antwort verlangt darum ein hohes Maß an Transparenz gegenüber unseren Partnern in den anderen Kirchen.

 

Neue wichtige Aufgaben: Säkular- und Fundamentalökumene

Als letztes Phänomen einer sich wandelnden Ökumene möchte ich das Phänomen der Säkularökumene und das der Fundamentalökumene ansprechen. Der Begriff

 


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Säkularökumene stammt vom ehemaligen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen Konrad Raiser. Er meinte, daß sich die Kirchen in Zukunft nicht durch weiteren theologischen Dialog, sondern durch Zusammenarbeit für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit in der Welt zusammenfinden. Dies war für ihn das neue Paradigma der Ökumene.

Ich denke, daß daran etwas Wahres ist, aber nur eine Teilwahrheit. In der Tat, die Christen haben allen Grund, schon heute zusammenzuarbeiten und gemeinsam Zeugnis zu geben. Das gilt nicht nur in bezug auf die armen Länder der sogenannten Dritten Welt, auf die Menschenrechte, auf Frieden und Gerechtigkeit in der Welt, sondern auch für Europa, wo es darum geht, gemeinsam die christlichen Wurzeln und Werte wieder bewußter zu machen. Entsprechende Angebote und Anregungen dazu gehen gegenwärtig vor allem von orthodoxer Seite aus. Diese Angebote verdienen es, aufgegriffen zu werden.

Doch die theologischen Fragen können dadurch nicht gelöst werden; sie melden sich nicht zuletzt in den Fragen nach der rechten Praxis (Orthopraxis). Denn es ist nicht wahr, wie manche meinen, daß die Lehre trennt, während die Praxis eint. Es waren und sind vielmehr auch unterschiedliche, ja gegensätzliche Kriterien und politische Optionen (etwa in der Einstellung zum früheren Ostblock, zu manchen Befreiungsbewegungen, zur Krise im Nahen und Mittleren Osten usw.), welche zu Spannungen und Spaltungen geführt haben. Orthopraxis läßt sich nicht von Orthodoxie trennen.

Die Tatsache, daß viele Menschen inzwischen nicht mehr an den alten Kontroversen und ihrer Überwindung interessiert sind, kann darum nicht dadurch gelöst werden, daß man diese Fragen überspringt, sondern dadurch, daß man sie neu erschließt. Die Ignoranz, oft auch Indifferenz betrifft nicht nur die Kontroversfragen, sondern auch die gemeinsamen Grundlagen, von denen die Kirchen ausgehen. So können viele und vor allem junge Menschen die traditionellen Unterscheidungslehren bei bestem Willen nicht mehr verstehen. Sie brauchen elementare Kost, es muß ihnen die zentrale und fundamentale christliche Botschaft in einer Sprache, die sie verstehen, neu zugänglich gemacht werden. Wo diese Fundamentalvermittlung geschieht, da entsteht eine neue Art der Ökumene auf der Grundlage des christlichen Glaubens. Daher kann man von einer Art Fundamentalökumene sprechen, die dann wachsen und reifen muß zur vollen sichtbaren Einheit als letztem Ziel der Ökumene.

Ich habe dieses Phänomen beim Erscheinen der Enzyklika "Deus caritas est" beobachten können. Es waren nicht nur Katholiken, es waren auch Protestanten und Orthodoxe, und es waren nicht zuletzt viele, die man oft etwas vorschnell als Fernstehende bezeichnet, die man jedoch besser als Pilger, Fragende und Suchende bezeichnen sollte, die sich angesprochen fühlten und die neu aufhorchten. Dasselbe gilt von der Predigt, welche Papst Benedikt XVI. beim ökumenischen Gottesdienst in Regensburg am 12. September 2006 gehalten hat. Diese Predigt wurde gelegentlich kritisiert, weil sie angeblich keinen ökumenischen Fortschritt und nichts Neues

 


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gebracht hat. Sie hat aber auf die tieferen Verstehensprobleme hingewiesen, die heute viele mit der Rechtfertigungslehre haben. "Im letzten", so hat der Papst gesagt, "steht eine Abschwächung unseres Gottesverhältnisses hinter diesem Verblassen des Themas der Rechtfertigung und der Vergebung der Sünden. So wird es wohl unser aller erste Aufgabe sein, den lebendigen Gott wieder in unserem Leben und in unserer Zeit und Gesellschaft neu zu entdecken."

Die Aufgabe einer Fundamentalökumene nimmt uns ökumenisch gemeinsam in Pflicht. Indem wir uns dieser Aufgabe widmen, gewinnen wir auch wieder etwas Abstand von einer akademisch gewordenen Ökumene, welche sicherlich auch in Zukunft notwendig und unverzichtbar ist, die aber, wenn sie einseitig vorherrschend wird, die "normalen" Gläubigen der ökumenischen Sache mehr entfremdet, als daß sie diese ihnen nahebringt.

Diese Überlegungen führen uns zurück zur letzten Vollversammlung im Jahr 2003, deren Thema der geistliche Ökumenismus war{14}. Denn letztlich ist die Fundamentalökumene eine geistliche Aufgabe. Sie rückt damit wieder neu in den Mittelpunkt, daß Ökumene zutiefst und in ihrer Herzmitte geistliche Ökumene ist, d.h. eine Ökumene, welche nach all den sündhaften Spaltungen, den Sünden gegen die Liebe und gegen die Wahrheit, den Vorurteilen und Bosheiten gegeneinander dem Geist Christi, der ein Geist der Versöhnung und der Liebe ist, Raum gibt (UR 8; UUS 21-27). Bezeichnenderweise ist das Wort Jesu, "daß alle eins seien" (Joh 17, 21) kein Auftrag und schon gar kein Befehl; es ist ein Gebet, und Ökumene heißt nichts anderes, als sich diesem Gebet des Herrn anzuschließen und es sich zu eigen zu machen. So hat es der große Meister des geistlichen Ökumenismus Jean Paul Couturier (1881-1953) gelehrt.

 

Worauf es in nächster Zeit ankommt

Darum freue ich mich, daß ich bei dieser Vollversammlung endlich das "Vademecum" für den geistlichen Ökumenismus vorlegen kann, das die letzte Vollversammlung angeregt hat{15}. Ich bin überzeugt: Gerade in dieser Zeit eines rasanten Wandels auf allen Gebieten, auch in der ökumenischen Szene, wird die Ökumene der Zukunft geistliche Ökumene sein, oder sie wird nicht mehr sein. In diesem Sinn sollten wir während dieser Vollversammlung die folgenden Fragen beantworten, die sich aus dieser Einführung für die Diskussion ergeben.

  1. In der gegenwärtigen Situation muß der Dialog der Liebe dem Dialog der Wahrheit neu den Weg bereiten. Denn der Dialog der Wahrheit setzt eine Atmosphäre des Vertrauens voraus. Welche neuen vertrauensbildenden Maßnahmen und welche konkreten Zeichen und Gesten sind nötig, welche wünschenswert?
  2. Ökumene ist Ökumene in der Wahrheit. Dabei müssen wir zurück zu den Quellen, vor allem zur Heiligen Schrift und zur Liturgie. Wir müssen das, was die

     


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    gemeinsame Basis ist, neu vermitteln und die Unterschiede vom gemeinsamen Grund her neu verständlich machen. Wie kann solche ökumenische Bildung geschehen in den Gemeinden, im Presbyterium, an den Universitäten usw?

  3. Spirituelle Ökumene ist das Herz der Ökumene. In welcher Weise kann deren Anliegen gefördert und wie können die Anregungen des Vademecum konkret umgesetzt werden, im Leben des einzelnen (Laien, Ordensleute, Priester), in den Gemeinden und Gemeinschaften, in den ökumenischen Netzwerken?
  4. Die ökumenische Situation ist durch neue Fragmentierungen und zugleich durch neue konfessionsübergreifende Gruppierungen und Netzwerke gekennzeichnet. Wie sollen und können wir uns in der Frage neuer Partnerschaften verhalten? Wie können wir vor allem dem Phänomen des Pentekostalismus und der vielen neuen Sekten begegnen?
  5. Praktische Zusammenarbeit ist schon heute auf vielen Gebieten möglich und als gemeinsames Zeugnis auch nötig: im sozialen und karitativen Bereich, in ethischen Fragen, im Bereich der Kultur, in der Friedensarbeit und vor allem in der Ökumene des alltäglichen Lebens. Wie können wir diese Zusammenarbeit ermutigen und fördern? Inwiefern sind sogenannte strategische Partnerschaften hilfreich?

Dies sind Fragen, die uns während dieser Vollversammlung beschäftigen werden; sie werden für die ökumenische Arbeit der nächsten Jahre und für die Zukunft der Ökumene von entscheidender Bedeutung sein. Dabei sind wir uns bewußt, daß man die Einheit der Kirche nicht "machen" und nicht organisieren kann. Sie ist ein Geschenk des Geistes Gottes; er ist der eigentliche Akteur der ökumenischen Bewegung. Er hat sie angestoßen (UR 1; 4); so dürfen wir zuversichtlich darauf vertrauen, daß er sein Werk auch fortsetzen und zu Ende führen wird. Wann, wo und wie dies geschieht, ist seine und nicht unsere Sache. Doch hier und heute müssen wir das Unsrige tun. In diesem Sinn hofft der Päpstliche Einheitsrat, daß diese Vollversammlung mithilft, den gegenwärtigen ökumenischen Wandel fruchtbar und segensreich zu machen für das Leben und die Einheit der Kirche.

 

ANMERKUNGEN

{1} Jean Paul II, Cardinal Walter Kasper u.a., Rechercher l´Unité des Chrétiens. Actes de la Conférence Internationale organisée à l´occasion du 40e anniversaire de la promulgation du Décret Unitatis redintegratio du Concile Vatican II, 11-13 novembre 2004 (Montrouge 2006).

{2} In der Zwischenzeit fanden viele Begegnungen mit einzelnen orthodoxen Kirchen, Besuche des Papstes in Ägypten (Kopten), Damaskus, Griechenland, Bulgarien, Armenien, auch Besuche des Ökumenischen Patriarchen, des Patriarchen von Antiochien und des russisch-orthodoxen Patriarchen in Rom statt. Auch der theologische Dialog ging auf lokaler Ebene weiter, vor allem in der North American Orthodox-Catholic Theological Consultation (seit 1965), welche 2003 das Dokument "The Filioque: A Church-Dividing Issue?" veröffentlichen konnte. Gegenwärtig arbeitet diese Gruppe an dem Thema "Primacies and Conciliarity".

 


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{3} Der Päpstliche Einheitsrat hat zu diesem Thema vom 21. bis 24. Mai 2003 ein Symposium veranstaltet: Il ministero Petrino. Cattolici e ortodossi in dialogo, hg. v. W. Kasper (rom 2004).

{4} In diesem deskriptiven Text wird auch der Begriff "Kirche" in einem deskriptiven Sinn verwandt und die theologische Unterscheidung zwischen Kirche im eigentlichen Sinn und Kirchengemeinschaft übergangen.

{5} Mit der Anglikanischen Gemeinschaft: "Maria: Gnade und Hoffnung in Christus" (2005) sowie die noch nicht veröffentlichte Zusammenfassung der Ergebnisse der ersten und zweiten Phase von ARCIC durch JARCCUM (Joint Anglican Roman Catholic Commission on Unity and Mission): "Growing Together in Unity and Mission" (2006). Mit dem Lutherischen Weltbund: das ebenfalls noch nicht veröffentlichte Dokument über die "Apostolizität der Kirche" (2006). Aus dem katholisch-reformierten Dialog: "The Church as Community of Common Witness to the Kingdom of God" (2006). Zu erwähnen ist auch das Bemühen einer presbyterianischen Kirche, die antikatholischen Aussagen des 16. Jahrhunderts in ihren Bekenntnisschriften zu korrigieren. Mit dem Methodistischen Weltrat: "The Grace Given You in Christ. Catholics and Methodists Reflect Further on the Church" (2006). Die neue Dialogkommission mit den Baptisten befaßt sich mit dem Thema "Christus in Schrift und Tradition"; die Dialogkommission mit den Mennoniten mit dem Thema "Gemeinsamer Aufruf, Friedensstifter zu sein".

{6} Vgl. den Bericht über die Gemeinsame Arbeitsgruppe der römisch-katholischen Kirche und des Ökumenischen Rates der Kirchen, Achter Bericht 1999-2005 (Genf/Rom 2005).

{7} Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis. Ein Beitrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD Text 69) 2001; Ökumene nach evangelisch-lutherischem Verständnis. Ein Votum zum geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen (VELKD Text 123) 2004; Allgemeines Priestertum, Ordination u. Beauftragung nach evangelischem Verständnis (EKD-VELKd Text 130) 2004, in überarbeiteter endgültiger Fassung: "Ordnungsgemäß berufen" (VELKD Informationen Nr. 118 vom 26. September 2006).

{8} Vgl. das Dokument der Generalversammlung: "Called to be the One Church. An invitation to the churches to renew their commitment to the search for unity and to deepen their dialogue."

{9} "Together on the Way", Official Report of the eighth Assembly of the World Council of Churches (Harare), World Council of Churches Publications, hg. v. D. Kessler (Genf 1999).

{10} Mit diesem Problem hat sich die Vollversammlung 2001 ausführlich befaßt: vgl. Service d´information, nr. 109 (2002/I-III), 12-90.

{11} Vgl. die Grußworte verschiedener Kardinäle zum VIII. Europäischen Bekenntniskongreß in Bad Blankenburg, Oktober 2006.

{12} Vgl. die Erklärung "That They May Have Life. A Statement of Evangelicals and Catholics together", in: First Things, October 2006, Nr. 166, 18-27.

{13} Zur Zeit ist ein neues Dokument in Vorbereitung unter dem Arbeitstitel: "On Becoming a Christian. Insights from Scripture and Patristic Era". Es ist interessant, daß dieses Dokument die patristische Tradition wiederentdeckt.

{14} Sevice d´information, nr. 115 (2004/I-II), 24-81.

{15} Die Veröffentlichung in deutscher Sprache unter dem Titel "Wegweiser. Ökumene u. Spiritualität" ist für das Frühjahr 2007 beim Verlag Herder vorgesehen.

 

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