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Harald Schöndorf SJ

Ist die Wahrheit intolerant?

 

Aus: Stimmen der Zeit, 2/2009, S. 125-135

 

    Ausgehend von der Frage, ob Wahrheit intolerant sein kann, setzt sich HARALD SCHÖNDORF, Professor für Erkenntnislehre und Geschichte der Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München, mit dem Toleranz- und Wahrheitsbegriff unter dem Vorrang der Menschenwürde und dem Glauben an Gott auseinander. Er kommt zu dem Ergebnis, daß gerade die höchste Wahrheit die größtmögliche Toleranz schafft.

 

Nach der wegen Protesten von kirchenkritisch eingestellten Professoren und Studenten abgesagten Rede Papst Benedikts XVI. an der römischen Universität La Sapienza schrieb Johan Schloemann in der Süddeutschen Zeitung am 18. Januar 2008: "Die wegen ‚Intoleranz' verhinderte akademische Rede des Papstes verkündet, gefällig verschleiert, ihrerseits einen im Kern intoleranten Wahrheitsbegriff."

Ähnliche Äußerungen sind durchaus nicht selten zu vernehmen. Aber was ist denn ein intoleranter Wahrheitsbegriff? Wer darüber nachdenkt, was die Wörter "tolerant" und "Toleranz" bedeuten, müßte merken, daß die Rede von einer intoleranten Wahrheit schief ist, da nur Menschen in ihrem Verhalten tolerant oder intolerant sein können. In einem abgeleiteten Sinn kann man dann auch die betreffenden Vorgehens- oder Verhaltensweisen als tolerant oder intolerant bezeichnen, aber die Wahrheit kann ebensowenig tolerant oder intolerant sein wie etwa die Naturwissenschaft oder die Menschenwürde.

Von einer intoleranten Wahrheit zu reden, ist ebenso ein Kategorienfehler, wie die Philosophen sagen, wie die Aussage Karl Valentins in seinem "Ententraum" von dem Regenwurm, der 30 Zentimeter gelb war. Die Tatsache, daß man anscheinend gar nicht merkt, daß diese Formulierung sprachlich verunglückt ist, scheint als solche schon ein Indiz dafür zu sein, daß diese Behauptung mehr von Ressentiments und Emotionen geprägt ist als von rationaler Überlegung.

Genau genommen, hat also die Rede von einem intoleranten Wahrheitsbegriff überhaupt keinen sprachlich korrekten Sinn. Dennoch ist der Titel dieses Beitrags bewußt so gewählt, daß er diese verbreitete sprachliche Fehlleistung aufgreift und von der Intoleranz der Wahrheit spricht. Was ist mit dieser Formulierung gemeint? Sprachlich richtig wäre es zu sagen, daß die Überzeugung von der absoluten Wahrheit intolerant macht. Wer sich einer absoluten Wahrheit verpflichtet fühle, so lautet der Vorwurf, der toleriere keine Verhaltensweisen, die dieser absoluten Wahrheit entgegenstehen. Nun gebe es aber in einer pluralistischen Gesellschaft keine allgemein anerkannte absolute Wahrheit. Also müßten in einer pluralistischen Gesellschaft Verhaltensweisen erlaubt sein, die im Gegensatz zu einer absoluten Wahrheit stehen. Dies werde aber von den Anhängern einer absoluten Wahrheit nicht toleriert. So müßte man wohl den Vorwurf, um den es hier geht, etwas ausführlicher formulieren und begründen.

 


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Was ist Toleranz?

Um diesen Vorwurf zu klären, sei als erstes die Frage gestellt: Was versteht man unter Toleranz? Toleranz heißt - wörtlich übersetzt - Duldung. Die Toleranz besteht aber nicht darin, daß ich etwas dulde, obwohl es mir aus irgendwelchen Gründen nicht gefällt. Wenn mir bei anderen etwas aus rein subjektiven Gründen nicht gefällt, so habe ich nicht das mindeste Recht, es deshalb zu unterbinden. Denn zunächst einmal hat in einer freiheitlichen Gesellschaft jeder Mensch die Freiheit, nach seinem Willen zu handeln, solange er nicht die Freiheit der anderen behindert oder ihnen Schaden zufügt. Darum kann ich noch nicht von Toleranz sprechen, wenn es einfach darum geht, etwas zu dulden, was mich ärgert oder stört. Denn die Frage, was mir gefällt oder nicht, ist kein Maßstab für die Freiheit meiner Mitmenschen. Daß mir ein bestimmtes Verhalten subjektiv gegen den Strich geht, gibt mir für sich allein noch keinerlei Berechtigung dafür, es einem anderen verbieten zu wollen.

Wäre es anders, so müßte ich jeden schon dann als tolerant bezeichnen, wenn er sich nicht wie ein Despot aufführt, und dies ist offensichtlich nicht das, was wir mit Toleranz meinen. Ursprünglich war unter Toleranz die Duldung anderer Religionen verstanden worden, die man zwar nicht für richtig hielt, deren Bekenntnis und deren Praktiken aber geduldet wurden. Wir können also erst dann von Toleranz sprechen, wenn es sich um die Duldung eines Verhaltens handelt, das ich mit guten Gründen objektiv nicht für richtig erachte. Wenn mir ein Verhalten gleichgültig ist, so stellt sich die Frage der Tolerierung überhaupt nicht. Und wenn ich ein Verhalten billige, so toleriere ich es nicht, sondern ich halte es für gut und befürworte es. Toleranz ist also etwas anderes als Billigung oder Gutheißung. Nur von dem, was ich nicht billige und nicht für richtig erachte, kann ich sinnvollerweise sagen, daß ich es dennoch toleriere. Somit erweist sich also die Toleranz als die Duldung eines Verhaltens, das man der Sache nach für falsch hält. Man kann aber nur dann etwas für objektiv falsch halten, wenn man davon überzeugt ist, daß es eine objektive Wahrheit gibt. Es zeigt sich also schon bei einer genaueren Analyse dessen, was unter Toleranz zu verstehen ist, daß es ohne die Überzeugung von der Wahrheit gar keine Toleranz gibt, sondern nur die Frage, wie unterschiedliche subjektive Interessen miteinander auskommen können.

 

Toleranz ist nicht Billigung

Nun gibt es heutzutage eine neue Tendenz, die nicht nur Toleranz, sondern Billigung fordert. Dies zeigt sich daran, daß man nicht nur die Ermöglichung der Ausübung bestimmter Verhaltensweisen verlangt, sondern darüber hinaus auch noch jede Kritik an diesem Verhalten verbieten möchte oder tatsächlich verbietet. Das Zauberwort hierfür lautet bekanntlich "Diskriminierungsverbot".

 


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Natürlich ist es berechtigt, soziale und rechtliche Diskriminierungen aus unberechtigten Gründen zu verbieten. Aber dieses Diskriminierungsverbot darf nicht dahingehend ausgedehnt werden, daß daraus ein Kritikverbot gemacht wird. Nun kann ich zwar von Mitgliedern einer Organisation oder Institution Loyalität einfordern und insofern das Recht auf öffentliche Kritik der Linie der betreffenden Institution oder ihrer Führung einschränken, wie dies beispielsweise von Beamten oder von Mitgliedern einer Firma, einer Partei, einer Kirche und dergleichen gefordert wird. Aber ganz allgemein innerhalb des Staates kann ich von niemandem fordern, ein bestimmtes Verhalten nicht nur zu tolerieren, sondern für gut zu erklären. Wer dies verlangt, ist kein freiheitlicher Demokrat mehr, sondern verhält sich totalitär. Niemand hat das Recht, von mir zu fordern, daß ich sein Verhalten billigen müsse. Denn das ist nichts anderes, als daß man anderen einen Maulkorb umhängt und sie ihres Rechtes auf freie Meinungsäußerung beraubt. Denn dieses Recht ist ja nur interessant, insofern es ein Recht darauf ist, andere zu kritisieren.

Die Tatsache, daß in früheren Zeiten Autoritäten aller Art diese Meinungsfreiheit nicht gewährt haben, rührte ja in der Hauptsache daher, daß sie keine Kritik wünschten und aus diesem Grund jede Kritik von vornherein als diskriminierend bezeichneten. Daß heute bestimmte Gruppen mit denselben Argumenten versuchen, jede Kritik an ihnen zu unterbinden, ist ein fundamentaler Angriff auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung und muß mit aller Deutlichkeit zurückgewiesen werden. Es ist sicherlich im Einzelfall nicht immer leicht, die Grenze zwischen einer sachlichen und somit erlaubten und einer beleidigenden und herabsetzenden Kritik zu ziehen. Es steht aber außer Frage, daß es in einer freiheitlichen Demokratie immer erlaubt sein muß, eine sachlich begründete Kritik am Verhalten eines anderen vorzutragen.

Eine sachliche Begründung kann aber nur darin bestehen, daß ich eine bestimmte Verhaltensweise begründeterweise als unklug, zwecklos, unberechtigt, unmoralisch usw. bezeichne. Dies stellt natürlich eine Disqualifizierung des betreffenden Verhaltens dar. Aber eine andere Weise, eine Kritik sachlich zu begründen, gibt es nun einmal nicht. Wenn Kritik überhaupt erlaubt sein soll, so muß es auch erlaubt sein, eine bestimmte Handlungsweise negativ zu charakterisieren. Wer also jede derartige Charakterisierung sofort als Diskriminierung bezeichnet und aus diesem Grund unterbinden will, der erklärt in Wahrheit jede Kritik definitorisch zur Beleidigung und Diskriminierung. Damit wird aber das Recht auf Kritik überhaupt in Frage gestellt. Das Recht auf Kritik gehört aber zum Kernbestand des Grundrechtes auf freie Meinungsäußerung, das wiederum eine Grundvoraussetzung jeder Demokratie darstellt, die diesen Namen verdient.

 


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Suche nach der Wahrheit statt Erkenntnis der Wahrheit?

Nun wird aber vielfach behauptet, die Berufung auf die Wahrheit führe dazu, daß sich Menschen auf eine höhere Stufe als die anderen stellen und das Verhalten der anderen diktieren wollten. Nur wer selbst auf den Anspruch verzichte, die Wahrheit zu erkennen oder zu besitzen, könne auch anderen gegenüber tolerant sein. Heißt das also, daß man im Stil Gotthold Ephraim Lessings die Suche nach der Wahrheit an die Stelle der Wahrheit selbst setzen sollte? Dies hätte doch, wie es scheint, den Vorteil, daß dann niemand mehr von sich beanspruchen könnte, über die Wahrheit zu verfügen und dementsprechend zu dekretieren, welche Verhaltensweisen erlaubt sind und welche nicht.

Wie steht es mit der Behauptung, daß die Suche nach der Wahrheit besser sei als die Wahrheit selbst? Nehmen wir diese Behauptung beim Wort und fragen wir einmal nach ihrer genauen Bedeutung: Was verstehen wir denn unter einer Suche? Wenn ich etwas suche, so heißt dies nichts anderes, als daß ich mich darum bemühe, etwas zu finden. Wer nichts finden will, der sucht auch nach nichts. Wenn der Sinn und Zweck des Suchens aber darin besteht, das Gesuchte zu finden, so kann ich nicht die Suche nach der Wahrheit als das Bessere gegenüber der Erkenntnis der Wahrheit bezeichnen. Wer das Ziel seines Tuns, also das Finden der Wahrheit, disqualifiziert, der disqualifiziert damit auch sein Tun als solches.

Dagegen könnte jemand einwenden, daß doch in vielen Fällen gerade die Suche einen eigentümlichen Reiz hat, der beim Finden verschwindet. Bei einer Kriminalgeschichte ist es doch gerade die Suche nach dem Täter, die die ganze Angelegenheit interessant macht. Dies ist zweifellos richtig, aber doch nur dann, wenn am Ende auch der Täter gefunden wird. Ein Autor von Kriminalromanen kann sich zwar vielleicht einmal den Gag leisten, daß man am Ende des Romans vergeblich darauf wartet, den wahren Täter zu entdecken. Wenn er öfter nach diesem Schema arbeiten sollte, wird er bald keine Leser mehr finden. Denn wenn sich das Suchen als sinnlos herausstellt, weil das Gesuchte sich einfach nicht finden läßt, so geht auch der Reiz der Suche verloren und verwandelt sich in Langeweile und Enttäuschung. Ein Forscher, der zum Resultat gelangt, daß die von ihm gesuchte Lösung des Problems nicht zu finden ist, wird seine Bemühungen aufgeben, denn ein Suchen, das von vornherein vergeblich ist, da das Gesuchte nicht gefunden werden kann, hat sein Interesse verloren und wird sinnlos.

Nun kann es natürlich sein, daß jemand deshalb die Suche nach der Wahrheit so hochhält, weil er die Wahrheit selbst für langweilig hält. Wer dieser Meinung ist, von dem steht freilich zu befürchten, daß er die Wahrheit überhaupt noch nie ernsthaft gesucht hat. Jedenfalls hat er sie noch nicht wirklich entdeckt und begriffen. Jeder erfolgreiche Forscher kann ihn darüber belehren, daß die Wahrheit alles andere als langweilig und uninteressant ist.

 


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Die absolute Wahrheit

Was ist von dem Vorwurf zu halten, nicht unbedingt jede Wahrheit, aber die absolute Wahrheit mache intolerant? Hier stellt sich als erstes wiederum die Frage, was unter absoluter Wahrheit verstanden wird. Das lateinische Wort "absolutus" bedeutet, wenn man es wörtlich übersetzt, "losgelöst". Absolut ist etwas, was rein in sich steht und von nichts anderem abhängig ist. Zunächst einmal bedeutet das Wort von der absoluten Wahrheit also seinem Wortsinn nach eine oder diejenige Wahrheit, die rein für sich selbst und unabhängig von irgendwelchen sonstigen Faktoren, Interessen, Wünschen oder dergleichen mehr den Charakter der Wahrheit besitzt. Eine solche Wahrheit ist also frei von allem anderen, von Privatinteressen, von Machtansprüchen, von Gewaltphantasien usw.

Aus einer solchen Bestimmung folgt, daß man eine absolute Wahrheit gar nicht in dem Sinn besitzen kann, als wäre sie eine Art Privateigentum, da sie nämlich über allem Privaten und Individuellen stehen muß, um wirklich absolut zu sein. Man kann sie darum auch nicht so verteidigen, wie man sein Eigentum, seine Heimat oder seine Mitmenschen verteidigt. Wenn die Wahrheit in diesem Sinn absolut ist, dann führt das rechte Verhältnis zu ihr nicht zu Intoleranz, sondern im Gegenteil gerade zur Toleranz. Denn eine solche Wahrheit wird von niemandem einfachhin gehabt oder verwaltet; sie wird anerkannt, geachtet, respektiert. Wer sie völlig vereinnahmen wollte, würde gerade ihre Absolutheit zerstören.

Eine wirklich absolute Wahrheit ist auch darum für niemanden eine Gefahr, weil jegliche Wahrheit nur durch Überzeugung erlangt und nicht mit anderen Mitteln durchgesetzt werden kann. Die Wahrheit kann grundsätzlich nicht mit Gewalt erzwungen werden, und nicht etwa deshalb nicht, weil dies eine bestimmte Weltanschauung, Philosophie oder Religion sagen würde. Aus diesem Grund verfehlt eine intolerante Durchsetzung der Wahrheit von vornherein ihren Zweck. Man kann die Wahrheit nicht einem anderen mit Gewalt aufdrängen, denn die Wahrheit kann ihrem Wesen nach nur durch eine freie vernünftige Einsicht erkannt werden. Eine andere Art, die Wahrheit zu erkennen, gibt es schlicht und einfach nicht. Auf der reinen Ebene der theoretischen Erkenntnis gibt es keinen Zwang zur Wahrheit. Ganz im Gegenteil: Nur wer frei überlegend denken und nachdenken kann, ist imstande, zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen. Natürlich gehören hierzu die vielfältigen Formen der Bezugnahme auf andere, angefangen vom einfachen Lernen bis zur ausführlichen und lange dauernden geistigen Auseinandersetzung. Dies alles ändert nichts daran, daß die Erkenntnis der Wahrheit letzten Endes nur als eine Einsicht möglich ist, und daß eine Einsicht niemals von außen oder durch irgendwelche körperlichen Methoden erzwingbar ist.

Man kann zwar versuchen, einen Menschen so zu manipulieren, daß er bestimmte Dinge für wahr hält, aber das ist eine psychologische Überlistung und keine wirkliche Erkenntnis, auch wenn der Betreffende selbst nicht immer in der Lage sein mag,

 


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dies festzustellen. Wer wirklich an der Wahrheit interessiert ist, kann an solchen zweifelhaften oder gar unmenschlichen Methoden überhaupt kein Interesse haben. Um es deutlich zu sagen: Es mag sein, daß es Methoden der Gehirnwäsche gibt, mit deren Hilfe wir einem Menschen bestimmte Meinungen aufoktroyieren können - eine wirkliche Erkenntnis der Wahrheit ist auf diese Weise nie und nimmer zu erreichen. Zwangsbekehrungen sind ihrer Natur nach unmöglich, auch wenn sie leider immer wieder in der Geschichte versucht wurden. Eine wirklich absolute, d. h. von allen Interessen und Emotionen befreite Wahrheit kann gar nicht zur Intoleranz führen, denn die Wahrheit kann nur in Freiheit als Überzeugung angenommen werden. Wer daran interessiert ist, den Gesprächspartner wirklich zu überzeugen und nicht nur rhetorisch zu überrumpeln, dem geht es in seinem Reden um die Wahrheit. Denn eine echte Überzeugung kann sich nur da einstellen, wo ich etwas für wahr halte.

Daß eine absolute Wahrheit nicht vereinnahmt werden darf, sollte im Grund auch allen Instanzen, die mit ihr zu tun haben, bewußt sein. So ist es nicht die Aufgabe eines Verfassungsgerichts, die einzig mögliche Ableitung aus einem Verfassungsgrundsatz herzuleiten, sondern nur, negativ bestimmte Entscheidungen des Gesetzgebers als verfassungswidrig zu erklären und positiv einen Rahmen abzustecken, innerhalb dessen eine verfassungsmäßige Entscheidung sich zu halten hat. Dasselbe gilt für das kirchliche Lehramt. Seine Aufgabe besteht ebenfalls nicht darin, die einzige mögliche Weise der Glaubensaussage zu definieren, sondern diejenigen Aussagen zu verwerfen, die nicht mit dem Glauben vereinbar sind, und bei Bedarf den Rahmen für die richtige Auslegung des Glaubens vorzugeben. Dies ist freilich, wie wir alle wissen, im Einzelfall nicht immer den dafür Zuständigen klar. Aber dies ist nicht die Schuld der Wahrheit, sondern es liegt am falschen Umgang mit ihr. Eigentlich ermöglicht gerade die höchste Wahrheit die größtmögliche Toleranz. Denn sie zeigt uns, daß wir immer hinter ihrer Forderung zurückbleiben und daß wir dies darum auch anderen zubilligen müssen.

 

Wahrheit und Gewalt

Es ist Mode geworden, klare Überzeugungen als Ursprung von Gewalt zu brandmarken. Ich will nicht auf den angeblichen historischen Nachweis dieser These eingehen: zum einen, weil ich mich auf diesem Gebiet nicht auskenne; zum anderen, weil solche historischen Beweise grundsätzlich fragwürdig sind. Es genügt, sich die Frage nach der jeweiligen Verantwortung bestimmter Personen für die Kriege der letzten 200 Jahre vor Augen zu halten, von denen wir historisch immerhin mehr wissen als von Dingen, die vor zwei- bis viertausend Jahren passiert sind, um zu sehen, wie extrem schwierig es ist, bei historischen Ereignissen unvoreingenommen festzustellen, wer in welchem Ausmaß woran wirklich schuld ist. Denn bekanntlich sind die Motive für unser Tun so gut wie immer gemischt und nicht nur von einer

 


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einzigen Art. Und dies heißt meistens auch, daß es in vielen Fällen ebenso falsch ist, die offen vorgetragenen Motive alle in Bausch und Bogen für eine Lüge zu erklären, als sie alle für wahr und für die einzigen Motive zu halten. Es spricht darum alles dafür, daß die allzu einfachen Erklärungen historischer Ereignisse unzulässige Vereinfachungen darstellen.

Dennoch ist es unbestreitbar, daß die Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein, zu Überheblichkeit und Unduldsamkeit führen kann und oft auch geführt hat. Und es trifft ebenso zu, daß es den Fanatismus nur da gibt, wo Menschen sich für etwas einsetzen, und der schlimmste Fanatismus ist meist derjenige, der vorgibt, sich für die höchsten Werte einzusetzen. Auch hier gilt der alte Spruch: "corruptio optimi pessima" (die Verkehrung des Besten ist das Schlimmste). Nichts in unserem Leben ist dagegen gefeit, in sein Gegenteil verkehrt zu werden. Darum hat niemand so deutlich die Verkehrung des Religiösen angeprangert wie Jesus. Aber hieraus folgt nicht, daß das, was hier verkehrt wird, keinen Wert besäße. Bekanntlich entspringt der tiefste Haß oft enttäuschter Liebe. Aber hieraus wird doch kein auch nur halbwegs vernünftiger Mensch den Schluß ziehen, die Liebe als solche sei etwas Schlechtes und nicht erstrebenswert. So kann natürlich auch die Intoleranz aus einem falschen Verständnis von Wahrheit entspringen, ohne daß hieraus folgen würde, daß die Wahrheit als solche notwendigerweise zur Intoleranz führt.

Zudem ist der Fanatismus nicht unbedingt die Verteidigung einer absoluten Wahrheit, sondern oft genug die Verteidigung der vermeintlichen oder wahren eigenen Rechte, die sehr oft partikulärer Natur sind und die nationale, ethnische oder kulturelle Identität, aber keine allumfassende Wahrheit betreffen. Auch manche uns heute eher befremdlich anmutende Verhaltensweisen Israels im Alten Testament (die bei anderen Völkern der damaligen Zeit nicht anders waren) sind als Verteidigung der eigenen Identität in einer Minderheitssituation zu erklären. Hätten sich die Israeliten einfach mit den anderen vermischt, bevor sie eine entsprechende Zahl erreicht und einen regelrechten Staat gegründet hatten, so wären sie über kurz oder lang als Israeliten und als Gläubige des einen Gottes untergegangen.

Eine weitere Gefahr stellt die unehrliche Berufung auf die angebliche Verteidigung der Wahrheit dar. Sie ist eine der Formen von Heuchelei, die besonders gefährlich ist, weil sie sich als Verteidigung des Guten tarnt. Wer darum weiß, kann nun aber ebenso in die gegenteilige Falle tappen und aus Angst, aus Konformismus oder aus bloßer Bequemlichkeit überhaupt darauf verzichten, die Wahrheit zu verteidigen. Dies hat dann nichts mehr mit Toleranz zu tun, sondern ist in Wirklichkeit die Vorstufe zu ihrer Abschaffung. Denn wo keine Werte und keine Wahrheiten mehr verteidigt werden, da hat der Intolerante leichtes Spiel; da setzt sich die Macht des Stärkeren durch, und auf längere Sicht wird die öffentliche Moral untergraben, wie wir das vom Überhandnehmen von Schutzgelderpressungen, Korruption und ähnlichen Mißständen in vielen Ländern kennen; wenn sich solche Mißbräuche einmal eingenistet haben, ist dagegen sehr schwer anzukämpfen.

 


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Grenzen der Toleranz

Damit haben wir bereits die Grenzen der Toleranz angesprochen - ein Thema, das hier nicht in allen Einzelheiten erörtert werden kann. Denn die Toleranz findet zunächst einmal da ihre Grenzen, wo anderen Menschen Schaden zugefügt wird, ohne daß dies um eines höheren Gutes willen gerechtfertigt werden kann. Es ist allerdings nicht möglich, jegliches Verhalten zu unterbinden, das einem anderen schadet oder ihn ungerechtfertigt benachteiligt. Die Schwierigkeit mit der Toleranz besteht also darin, daß sie in dem Augenblick aufhört, wo der oder die anderen etwas tun, was jemandem ernsthaften Schaden zufügt. Denn es kann und darf nicht toleriert werden, daß einem anderen Menschen Schaden zugefügt wird, es sei denn, dies ließe sich um eines höheren Gutes willen nicht vermeiden. Hieraus ergibt sich ein schwieriges Problem, denn die Frage, wann jemand geschädigt wird, ist nicht so leicht zu beantworten. Mit den meisten Dingen, die wir tun, fügen wir auch jemand anderem einen Nachteil zu, angefangen vom Nachteil einer nicht völlig gerechten Behandlung bis hin zu massiven psychischen, sozialen oder gesundheitlichen Schädigungen. Wer wird zum Beispiel schon behaupten wollen, er hätte seine häusliche und schulische Erziehung völlig unbeschädigt überstanden?

Wenn Menschen bei jeder Kleinigkeit Protest anmelden und behaupten, sie seien in ihrer Ruhe oder ihrer persönlichen Entfaltung gestört, so kann daraus eine Haltung der Intoleranz erwachsen, bei der so etwas wie Rücksichtnahme auf die anderen und auf die Anliegen der Allgemeinheit kaum noch vorkommen. Wenn umgekehrt Menschen bei keiner ihrer Verhaltensweisen darauf achten, ob sie damit andere belästigen, so kommen wir zum selben Ergebnis. Toleranz fängt mit der Rücksichtnahme auf andere an und nicht damit, daß man immer zuerst die Rücksicht von seiten der anderen fordert. Ohne eine Kultur der Rücksichtnahme und der Bereitschaft, um des Allgemeinwohls auch die eine oder andere eigene Annehmlichkeit einzuschränken, kann sich auch keine Kultur der rechten Toleranz entwickeln.

Lenken wir darum unser Augenmerk auf diejenigen Fälle, wo kein Zweifel daran besteht, daß sie nicht toleriert werden können. Dies ist zweifellos dann der Fall, wenn die Duldung bestimmter Verhaltensweisen zur Intoleranz anderer führt oder fundamentale Menschenrechte verletzt. Eine grenzenlose Toleranz wäre selbstzerstörerisch. Die Toleranz braucht also selbst eine wahre und unverrückbare Grundlage, um nicht zum Opfer der Intoleranten zu werden. Wir benötigen folglich die Überzeugung von unantastbaren Rechten, deren Verletzung auf keinen Fall toleriert werden darf. Hierzu gehören alle Verhaltensweisen, die die Menschenrechte und die Menschenwürde verletzen und darum ein Verbrechen oder Vergehen gegen die Menschlichkeit darstellen. Dies bedeutet aber nichts anderes, als daß das Bekenntnis zur Unantastbarkeit und Unaufgebbarkeit der Rechte und der Würde aller Menschen den Rang einer absoluten Wahrheit

 


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einnimmt. Die Toleranz benötigt also ein Fundament der Wahrheit, wenn sie nicht der Intoleranz zum Opfer fallen will.

Aus diesem Grund ist die Verteidigung der Menschenwürde und der Menschenrechte die unentbehrliche Grundlage jeden toleranten Zusammenlebens. Diese Verteidigung ist aber nur dann möglich, wenn wir von der Wahrheit der Menschenwürde und der Menschenrechte überzeugt sind. Die zur Verteidigung der Toleranz nötige Zivilcourage setzt nicht nur Mut, sondern zunächst einmal die Überzeugung von der Wahrheit dessen voraus, was zu verteidigen ist. Man darf zwar niemanden zwingen, etwas zu tun, was gegen sein Gewissen ist. Aber man muß sehr wohl in bestimmten Fällen jemanden daran hindern, etwas zu tun, wovon er behauptet, sein Gewissen gebiete ihm das, wie dies beispielsweise bei Terroristen der Fall ist.

Das Zusammenleben auf der Ebene der Toleranz setzt weiterhin voraus, daß es im Normalfall zu keinen Konflikten kommt, bei denen sich die Frage stellt, ob das betreffende Verhalten noch tolerierbar ist oder ob es selbst einen Angriff auf die Toleranz darstellt, so daß es unter allen Umständen verhindert werden muß. Ein solches Zusammenleben ist in einer pluralistischen Gesellschaft nur deshalb möglich, weil es trotz unterschiedlicher Auffassungen über religiöse und weltanschauliche Grundüberzeugungen doch einen weitgehenden Konsens über die praktischen Verhaltensweisen gibt. Wo dieser Konsens nicht oder nicht mehr vorhanden ist, weil er durch Korruption, durch die Gewaltherrschaft krimineller Zusammenschlüsse, durch menschenverachtende Herrschaftssysteme oder durch Fanatiker und Terroristen zerrüttet wurde, beginnt die Rede von der Toleranz zu einer bloß akademischen Theorie zu werden. Aber gerade dann und dort wird die Besinnung auf die Wahrheit noch dringender als in einer Gesellschaft, in der das Zusammenleben trotz unterschiedlicher Grundüberzeugungen einigermaßen problemlos funktioniert. Denn das friedliche Miteinander der verschiedenartigen Auffassungen und Verhaltensweisen kann immer bedroht werden und bedarf darum immer der Besinnung auf die unbestrittenen gemeinsamen Grundlagen. Eine solche Besinnung hat aber immer die Form der Suche nach der Wahrheit, denn die bloße Konvention, die bloße Dezision kann nur eine vorübergehende Basis sein, sofern sie nicht auf einer tieferen Grundlage ruht, die von sich her Zustimmung verlangt - und dies ist die Wahrheit.

 

Toleranz setzt Wahrheit voraus

Die Toleranz setzt die Überzeugung von der absoluten Wahrheit des Vorrangs des Menschen voraus. Wer diese Überzeugung nicht teilt, ist in Gefahr, entweder selbst intolerant zu sein oder zu werden oder nichts gegen Intoleranz zu unternehmen. Denn er wird entweder Verhaltensweisen tolerieren, die sich gegen die Menschenwürde richten, oder er wird bestimmte inakzeptable Verhaltensweisen aus Gründen

 


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der Staatsraison, der Religion, der eigenen Nation oder dergleichen in bestimmten Fällen für annehmbar erachten, wie etwa die Anwendung der Folter, die Tötung harmloser Unbeteiligter, Meineid, Verrat, die Mißachtung des Kriegsrechts und ähnliches mehr. Natürlich ist für ein solches Verhalten nicht unbedingt notwendig, daß jemand ausdrücklich die Überzeugung besitzt oder vertritt, daß bestimmten Normen unbedingte Geltung zukommt, wie es ja auch sonst beim Handeln oft der Fall ist, daß die Normen, die wir theoretisch vertreten, und diejenigen, an die wir uns dann in der Praxis wirklich halten, mehr oder weniger voneinander abweichen können.

Es zeigt sich also, daß die zumindest praktisch gelebte Überzeugung von der Wahrheit, und wir dürfen auch sagen, von einer absoluten Wahrheit, die notwendige Voraussetzung für echte Toleranz darstellt. Denn nur im Licht einer absoluten Wahrheit wird jedem Menschen der nötige Respekt zuteil, der Quelle und Begründung für die Toleranz darstellt. Zugleich werden in diesem Licht aber auch die Grenzen der Toleranz deutlich, und es zeigt sich, wann und wo Widerstand zu leisten ist.

 

Vorrang der Menschenwürde und Glaube an Gott

Es ist auch bedenkenswert, daß die Toleranz in einer christlichen Tradition entstanden ist, auch wenn sie nicht selten gegen die christlichen Kirchen durchgesetzt werden mußte. Denn nach christlicher Überzeugung hat der Mensch den Vorrang vor allen religiösen Riten und Bräuchen. Nur da, wo der Sabbat für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat da ist, kann Toleranz gelebt werden. Wird der Mensch jedoch dem Funktionieren - des Staates, der Wirtschaft oder sonstiger Institutionen - oder bestimmten Gruppeninteressen untergeordnet, die auch in der Gestalt von kulturellen Traditionen oder angeblichen Minderheitsrechten auftreten können, dann gerät die Toleranz in Gefahr. Wir müssen dann im Namen der Menschenrechte, und somit auch im Namen der Wahrheit, im Konfliktfall solchen Praktiken mit einem Veto entgegentreten. Denn nur diejenigen Auffassungen können toleriert werden, bei denen es zu keiner Verabsolutierung irdischer Dinge kommt, sondern der Mensch den Vorrang innehat.

Für die Toleranz gilt übrigens wie für jede Moral: Natürlich kann der Atheist ebenso moralisch denken und moralisch sein wie derjenige, der an Gott glaubt. Aber nur wenn ich an einen Gott glaube, in dessen Händen letzten Endes das Geschick der Welt liegt, kann ich es verantworten, moralisch zu handeln. Denn der moralisch Handelnde zieht in nicht wenigen Fällen den Kürzeren gegenüber dem Skrupellosen, und er muß vor allem auch das Risiko eingehen, daß er andere nicht vor der Macht des Unrechts schützen kann. Dies ist nur dann moralisch zu verantworten, wenn ich daran glaube, daß es eine göttliche Weltregierung gibt. Wenn man

 


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dagegen der Meinung ist, alles liege an uns selbst, dann untergräbt man damit die Moral und die Toleranz, denn dann halten sich Menschen für berechtigt und vielleicht sogar verpflichtet, ohne Rücksicht auf Gesetz und Moral alle Mittel anzuwenden, um ihre Ziele durchzusetzen, da sie ja die Welt retten wollen.

Vor solchem Fehlverhalten schützt neben der konkreten Wachsamkeit nur die immer wieder nötige Rückbesinnung auf die unverrückbaren Fundamente eines freiheitlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft und die Bereitschaft zu ihrer Verteidigung. Dies ist aber nichts anderes als die Rückbesinnung auf diejenigen Wahrheiten, ohne die ein echt menschliches Leben und Zusammenleben nicht gelingen kann. Denn echte Toleranz steht nicht im Gegensatz zur Wahrheit; sie ist vielmehr überhaupt nur möglich, wenn sie auf den Grundwahrheiten über die Freiheit und Würde des Menschen beruht.

 

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