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Johannes Oeldemann {*}

Unterwegs zu einer neuen orthodox-katholischen Ökumene

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 2/2010 S. 25 f. und 3/2010 S. 33 f.

 

    Nähern sich katholische und orthodoxe Kirche an? Entsprechende Meldungen lassen die einen hoffen, dass es auch im Westen wieder zu einem entschiedeneren Glaubenszeugnis kommt. Andere befürchten, dass der katholisch-orthodoxe Dialog traditionalistische Strömungen stärkt. Zunächst gilt es, die Vielfalt der orthodoxen und katholischen Kirche wahrzunehmen und die wichtigsten Differenzen und gemeinsamen Herausforderungen zu benennen. Ein zweiter Teil geht dann auf die Chancen des Dialogs ein.

Es gibt vielfältige ökumenische Kontakte zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche. Auffällig ist, dass viele westliche Christen die östliche Liturgie und Spiritualität bewundern, während orthodoxe Hierarchen häufig den Liberalismus und den moralischen Relativismus der westlichen Christenheit kritisieren. Neigen westliche Christen zu einer Idealisierung des orthodoxen Christentums? Gibt es auf orthodoxer Seite eine Tendenz zur Profilierung gegenüber der westlichen Christenheit? Obwohl die Medien oft die Beziehungen zwischen den Kirchen in Ost und West so einseitig charakterisieren, stellt die Gegenüberstellung von Idealisierung und Profilierung eine unzulässige Vereinfachung dar, die der vielfältigen Wirklichkeit nicht gerecht wird.

 

Lebendige kirchliche Vielfalt

Zunächst einmal kann man nicht ohne Weiteres von "der Orthodoxie" sprechen. Denn das orthodoxe Christentum gliedert sich aus konfessionskundlicher Sicht in drei Gruppierungen, die seit Jahrhunderten getrennt sind und nicht miteinander in Kirchengemeinschaft stehen. Da ist zum einen die Assyrische Kirche des Ostens, eine ursprünglich in Mesopotamien beheimatete Kirche des ostsyrischen Ritus, die sich im Mittelalter von Indien über Mittelasien bis nach China ausbreitete. Heute gehören ihr nur noch wenige Hunderttausend Gläubige im Irak und Iran sowie in der nordamerikanischen Diaspora an. Die zweite Gruppe bilden die orientalisch-orthodoxen Kirchen, die sich nach dem Konzil von Chalcedon 451 von der Reichskirche trennten. Zu dieser Kirchenfamilie gehören heute die Kopten, Syrer, Armenier, Äthiopier, Eritreer sowie die Malankaren in Indien. Drittens gibt es die Gruppe der orthodoxen Christen, die gemeinsam mit den westlichen Kirchen die Beschlüsse von Chalcedon annahmen und deren Ritus und Kirchenrecht weitgehend von der Hauptstadt des Oströmischen Reiches geprägt wurden. Diese Kirchen des byzantinischen Ritus, die im Englischen als "Eastern Orthodox" bezeichnet und im Deutschen meist schlicht "orthodox" genannt werden, bilden nach ihrer Überzeugung eine einzige Kirche, wenn auch in unterschiedlichen nationalen Ausprägungen. Zu ihr zählen die orthodoxen Kirchen in Griechenland, Russland, der Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Georgien, um nur die größten zu nennen. Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf den ökumenischen Dialog mit diesen Kirchen.

Zur Vielfalt auf orthodoxer Seite gehören auch die Hunderttausende orthodoxer Christen, die inzwischen in den Staaten Westeuropas und Nordamerikas leben. Die orthodoxe Kirche ist heute ebenso wie die katholische Kirche eine weltweit verbreitete Kirche. Dadurch, dass diese orthodoxen Christen im Umfeld der westlichen Kultur leben und arbeiten, können sie zu einem Motor des Dialogs zwischen Orthodoxen und Katholiken werden.

Auch ein genauerer Blick auf die katholische Kirche offenbart eine größere Vielfalt, als sie gemeinhin wahrgenommen wird. An erster Stelle ist hier auf die notwendige Unterscheidung zwischen der katholischen Kirche des lateinischen Ritus und den mit Rom unierten (vereinigten) Kirchen der verschiedenen östlichen Riten zu verweisen. Aufgrund inzwischen überholter Einheitsvorstellungen der frühen Neuzeit gibt es heute zu fast jeder orthodoxen Landeskirche eine parallele, mit Rom unierte Ostkirche. Diese einst als Keimzelle der Einheit zwischen Orthodoxen und Katholiken gedachten Kirchen sind heute vielfach ein Stein des Anstoßes im Dialog. Dies gilt allerdings nur für den osteuropäischen Kontext. Im Nahen und Mittleren Osten ist dagegen oft eine gute Zusammenarbeit von Orthodoxen und griechischen Katholiken zu beobachten, bis hin zu gemeinsamen Kirchbauten. Daher darf im orthodox-katholischen Dialog nicht pauschal von "den Unierten" gesprochen werden. Selbst in Osteuropa gibt es klare Unterschiede, beispielsweise zwischen den unierten "Volkskirchen" in der Ukraine oder in Rumänien und den sehr kleinen griechisch-katholischen Gemeinschaften in Albanien oder Kroatien.

Aber auch die römisch-katholische Kirche des lateinischen Ritus ist keineswegs eine so einheitliche und damit bedrohliche Größe, wie sie von Orthodoxen manchmal wahrgenommen wird. Es gibt große Unterschiede zwischen der katholischen Kirche in Norwegen, in Deutschland und in Italien, um drei Beispiele auf einer Nord-Süd-Achse zu wählen, wo sich nicht nur die konfessionellen Verhältnisse, sondern auch der kulturelle Kontext unterscheiden.

Die Vielfalt wahrzunehmen heißt auch, die unterschiedlichen Bereiche in den Blick zu nehmen, in denen sich der Dialog zwischen Orthodoxen und Katholiken vollzieht. An erster Stelle sind die offiziellen Kommissionen zu nennen. Die internationale orthodox-katholische Dialogkommission hat in den achtziger Jahren drei grundlegende Dokumente zum Kirchen- und Sakramentsverständnis erarbeitet. Nach 1990 verursachte das Wiederaufleben der mit Rom unierten Kirchen in Osteuropa eine Zeit der Krise. Vor drei Jahren nahm die Kommission ihre Arbeit wieder auf. Mit dem Dokument von Ravenna wurde 2007 ein erster Text vorgelegt, der sich mit dem Verhältnis von Konziliarität und Primat in der Kirche befasst - also mit der Beziehung zwischen der Gemeinschaft der Bischöfe und der Vorrangstellung der Patriarchen beziehungsweise des Papstes. Damit wurde einer der zentralen Streitpunkte zwischen Orthodoxen und Katholiken aufgegriffen. Zuletzt tagte die Kommission im Oktober 2009 auf Zypern, wo sie sich mit dem Primat im ersten Jahrtausend befasste.

 

Das Netz der Dialoge

Neben der internationalen Dialogkommission gibt es auch nationale und regionale Kreise, die zum Teil bemerkenswerte Dokumente erarbeitet haben. So hat beispielsweise das orthodox-katholische Komitee in Frankreich 1991 einen lesenswerten Text zum Verständnis des römischen Primats innerhalb der Communio (Gemeinschaft) der Kirchen vorgelegt. Die orthodox-katholische Kommission in Deutschland hat sich in den neunziger Jahren vor allem mit dem Verständnis und der Praxis der Sakramente befasst. Schließlich gibt es in Nordamerika bereits seit 1965 regelmäßige orthodox-katholische Treffen. Zuletzt entstand dabei im Jahr 2006 ein bemerkenswerter Text zur Frage des "Filioque", die das Zueinander der drei Personen innerhalb des dreieinen Gottes betrifft.

Neben der theologischen Ebene gibt es Kontakte von Bischofskonferenzen oder einzelnen Bischöfen mit orthodoxen Kirchenvertretern. Besonders aktiv sind die Bischofskonferenzen in Italien und in Deutschland. In Italien ist dies zum einen durch die jahrhundertelange Präsenz byzantinischer Kultur auf der italienischen Halbinsel, zum anderen durch die anhaltenden Pilgerströme orthodoxer Gläubiger bedingt, beispielsweise zum heiligen Bischof Nikolaus, dessen Gebeine in Bari aufbewahrt werden. In Deutschland unterstützt die Bischofskonferenz den Dialog mit der orthodoxen Kirche durch ein Stipendienprogramm für orthodoxe Theologiestudierende, das mit Hilfe des Ostkirchlichen Instituts in Regensburg umgesetzt wird. Die Arbeitsgruppe "Kirchen des Ostens" im Rahmen der Ökumenekommission pflegt die Kontakte mit den orthodoxen Patriarchaten. Außerdem führt die deutsche Bischofskonferenz eigene theologische Gespräche, beispielsweise mit dem Moskauer Patriarchat, die nach längerer Unterbrechung im Dezember 2009 wieder aufgenommen wurden.

Eine dritte Ebene des Dialogs stellen schließlich inoffizielle Treffen und Arbeitskreise dar. Hier hat sich bereits seit Jahrzehnten die Wiener Stiftung "Pro Oriente" große Verdienste erworben. Auch die

 


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Symposien zur ostkirchlichen Spiritualität, die von der ökumenischen Gemeinschaft im norditalienischen Kloster Bose organisiert werden, oder die persönlichen Kontakte, die von geistlichen Gemeinschaften wie Sant'Egidio oder den Fokolaren gepflegt werden, zählen dazu. Der internationale orthodox-katholische Arbeitskreis St. Irenäus, der vor fünf Jahren in Paderborn gegründet wurde, hat sich bei seinen jährlichen Tagungen vor allem mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Lehre und Praxis des Primats in Ost und West befasst. Schließlich gibt es auch Kontakte zwischen Gemeinden und einzelnen Gläubigen, die häufig aufgrund der Initiative Einzelner zustande gekommen sind, gleichwohl aber einen unschätzbaren Beitrag zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Orthodoxen und Katholiken an der kirchlichen Basis leisten.

Auch wenn in den letzten 45 Jahren ein vielfältiges Netz ökumenischer Kontakte entstanden ist, tauchen bei diesen Gesprächen immer wieder dieselben Fragen auf. Sie betreffen vor allem die Ursachen der Spaltung, die gegenwärtigen Konflikte und die unterschiedlichen Vorstellungen über das zukünftige Miteinander. Im ökumenischen Dialog werden diese Spannungen angesprochen, Lösungen werden gesucht, Vorschläge diskutiert und wieder verworfen. Drei Fragekomplexe sind für den orthodox-katholischen Dialog von zentraler Bedeutung: Primat und Synodalität, Nation und Universalität, Reform und Kontinuität.

Mit der Frage nach dem Verhältnis von Primat und Synodalität hat sich auch die internationale Dialogkommission in ihrem Ravenna-Dokument befasst. Die katholische Seite betonte vor allem, dass die orthodoxe Kirche in diesem Text erstmals die Notwendigkeit eines Primats universalkirchlich anerkannt habe. Das ist zwar richtig, gilt aber nur für "die Tatsache des Primats auf der universalen Ebene", nicht jedoch im Blick auf die Art seiner Ausübung. Gerade die rechtlichen und lehramtlichen Kompetenzen des Papstes bilden jedoch den zentralen Streitpunkt. Hier wird die Kommission noch viele offene Fragen klären müssen, denn das Dokument hat die Primatsfrage keineswegs endgültig beantwortet. Der wichtigste Ertrag besteht in der Anerkennung der wechselseitigen Bezogenheit von Primat und Synodalität auf allen Ebenen der Kirche. Nimmt man dies ernst, so fordert das Dokument von Ravenna nicht nur die Orthodoxen, sondern auch die Katholiken heraus. Denn die katholische Kirche kennt zwar Formen synodaler Beratung, aber - mit Ausnahme der katholischen Ostkirchen - kaum Möglichkeiten, synodal Beschlüsse zu fassen.

Außerdem müsste es gemäß dem Ravenna-Dokument primatiale Strukturen unterhalb der Ebene des päpstlichen Primats geben. Auch das gibt es nur in den katholischen Ostkirchen, wo die Patriarchen beziehungsweise Großerzbischöfe zumindest ansatzweise über eine entsprechende Autorität verfügen. Für das ökumenische Gespräch mit der Orthodoxie wäre es daher von Vorteil, die Autorität der katholischen Patriarchen und Großerzbischöfe sowie ihrer Synoden zu stärken. Eine größere Unabhängigkeit der katholischen Ostkirchen würde zwar für den Vatikan einen Verlust an Einfluss und Macht bedeuten; gleichzeitig würde Rom aber an Autorität in den zwischenkirchlichen Beziehungen gewinnen.

 

Nation und Universalität

Das zweite Problemfeld ist das Verhältnis von Nation und Universalität. Selbstverständlich bekennen sich alle Kirchen dazu, dass der christliche Glaube die Grenzen von Geschlecht, Stand, Rasse und Nation überschreitet. Dennoch lässt sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert eine enge Verbindung von Nationalbewusstsein und Kirchenzugehörigkeit beobachten. Auch wenn dieses Phänomen heute vor allem im orthodoxen Raum zu beobachten ist, gilt es grundsätzlich für alle volkskirchlich geprägten Gesellschaften. Nicht nur in Griechenland und Russland, sondern auch in Polen oder Spanien ist die Verbindung von Kirche und Staat so eng, dass der universale Anspruch des christlichen Glaubens manchmal aus dem Blick gerät.

Auf orthodoxer Seite ist die Bindung der Kirche an eine Nation vor allem in der westlichen Diaspora spürbar. Denn dort bestehen orthodoxe Bistümer unterschiedlicher Patriarchate nebeneinander, obwohl sich die Orthodoxen grundsätzlich als eine Kirche verstehen. Aber auch in traditionell orthodoxen Ländern kommt es immer wieder zu parallelen Kirchenstrukturen, wie zum Beispiel in Estland, in der Ukraine oder in Moldawien. Im Fall der russischen orthodoxen Kirche greift das Prinzip der Nationalität nicht mehr, weil sie sich selbst als eine "multinationale Kirche" versteht. Da ihr nicht nur gebürtige Russen, sondern auch Angehörige vieler Nationalitäten im nachsowjetischen Raum angehören, wird ersatzweise das Prinzip der Territorialität ins Feld geführt. So versucht das Moskauer Patriarchat, sein "kanonisches Gebiet" gegen konkurrierende innerorthodoxe Gruppierungen zu verteidigen. Daneben soll aber auch ein weiteres Ausdehnen der katholischen Kirche verhindert werden, wie der Streit um die Errichtung der vier katholischen Bistümer in der Russischen Föderation gezeigt hat.

Ganz gleich, ob das nationale oder das territoriale Prinzip betont wird, in beiden Fällen werden der universale Charakter des Christentums und die Katholizität der Kirche Jesu Christi infrage gestellt. Dass die gegenwärtige Situation nicht dem Ideal entspricht, wissen auch die Orthodoxen. Eine panorthodoxe Synode, die seit Jahrzehnten vorbereitet wird, soll eine Lösung finden. Es ist erfreulich, dass der Vorbereitungsprozess inzwischen eine neue Dynamik gewonnen hat. Denn entscheidende Fortschritte im orthodox-katholischen Dialog wird es nur geben, wenn zuvor eine innerorthodoxe Verständigung erzielt wurde.

Unterschiede gibt es auch beim Verhältnis von Reform und Kontinuität in der Kirche. Sowohl in der katholischen als auch in der orthodoxen Kirche ist man bei der Gewichtung von Tradition und Erneuerung äußerst sensibel. Die orthodoxe Kirche gilt gemeinhin als die "Kirche der Tradition". Viele Orthodoxe vertreten stolz die These, dass allein in ihrer Kirche die Tradition der Alten Kirche unverändert bewahrt worden sei. Solche Stimmen verkennen einschneidende Veränderungen der kirchlichen Strukturen, wie die Umbrüche des 15. Jahrhunderts (das Ende des byzantinischen Kaisertums), des 18. Jahrhunderts (die Kirchenreform Zar Peters des Großen) und des 20. Jahrhunderts (der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und des russischen Kaiserreiches). Außerdem lässt ein starrer Traditionalismus die lebendige Entwicklung des Glaubens zu einem fiktiven Zeitpunkt irgendwo zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert einfrieren.

 

Moderne Tradition

Gegenüber solch traditionalistischen Stimmen betonen die Theologen der Pariser Schule von Saint-Serge, dass die orthodoxe Kirche als "Kirche des Heiligen Geistes" immer eine lebendige Entwicklung der Tradition gekannt hat, die sich auf neue kulturelle Kontexte einstellt und den christlichen Glauben in unterschiedliche Gesellschaften inkulturiert. Oft wird der orthodoxen Kirche vorgeworfen, dass sie keine Aufklärung durchlaufen habe. Auch wenn dies nicht innerhalb kürzester Zeit nachzuholen ist, so halten inzwischen viele orthodoxe Theologen, eine Auseinandersetzung mit den von der Moderne und der Postmoderne aufgeworfenen Fragen für unumgänglich.

Auf katholischer Seite hat sich vor allem das Zweite Vatikanische Konzil mit der Moderne auseinandergesetzt. Leider wird in jüngster Zeit die nachkonziliare Entwicklung gerade auch innerkatholisch infrage gestellt. Die Rede von der radikalen Wende und Öffnung der katholischen Kirche durch das Konzil hat zu Verunsicherungen geführt. Papst Benedikt XVI. hat sich bereits im ersten Jahr seines Pontifikats vor dem Kardinalskollegium zur Hermeneutik, zum Verstehen des Konzils geäußert: Er lehne eine "Hermeneutik der Diskontinuität" ab. Bemerkenswert ist, dass er dagegen nicht für eine "Hermeneutik der Kontinuität" plädiert, sondern für eine "Hermeneutik der Reform", die das alte Erbe bewahrt, sich aber zugleich "den Erfordernissen unserer Zeit" stellt. Es geht, so Benedikt XVI., um die anspruchsvolle "Verbindung von Treue und Dynamik". Die Kontinuität zu wahren und zugleich Reformen zu wagen ist eine Herausforderung, die unsere Kirchen gemeinsam aufgreifen müssen. Wir können nicht nur rückwärtsgewandt an überlieferten Formen festhalten, sondern müssen den christlichen Glauben in die Zukunft hineintragen und damit den Weg für das Reich Gottes öffnen.

(Es folgt ein weiterer Teil.)

 

    Die im ersten Teil zusammengefassten Spannungen zwischen orthodoxer und katholischer Kirche (vgl. CIG Nr. 2, S. 25) sind gleichzeitig Chancen für den ökumenischen Dialog wenn man sie als gemeinsame Herausforderungen annimmt.

Wer nach den Chancen des orthodox-katholischen Dialogs fragt, darf nicht einfach die Probleme verdrängen, um Möglichkeiten für einen fruchtbaren Austausch in anderen Bereichen wie Liturgie und Spiritualität zu suchen. Vielmehr birgt die Erkenntnis der Schwierigkeiten zugleich Chancen für ökumenische Lernprozesse. Wenn die Beziehung zwischen Primat und Synodalität nicht nur als ein Problem innerhalb der katholischen Kirche und das rechte Verhältnis von nationaler Bindung und Universalität des Christentums nicht nur als orthodoxe Schwierigkeit wahrgenommen wird, sondern - ebenso wie das Verhältnis von Reform und Kontinuität - jeweils als Herausforderung, vor der beide Kirchen stehen, dann kann aus dieser Erkenntnis das Bemühen wachsen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass das Kirchenmodell, dem wir im zweiten Jahrtausend gefolgt sind, vielleicht nicht das Ideal für das dritte Jahrtausend darstellen muss.

 

Tradition ist: Reformen

Gerade von orthodoxer Seite wird immer wieder gefordert, sich am Modell des ersten Jahrtausends zu orientieren. Die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst wurde von orthodoxen Christen nicht zuletzt deshalb so einhellig begrüßt, weil vielen Theologen noch sein berühmtes Zitat in den Ohren klingt: "Rom muss vom Osten nicht mehr an Primatslehre verlangen, als im ersten Jahrtausend gelebt und gelehrt wurde." Auf den ersten Blick klingt dies einsichtig und plausibel. Die umstrittene Primatsfrage wird so jedoch nicht gelöst, weil es bis heute nicht gelungen ist, gemeinsam zu definieren, was im ersten Jahrtausend über den Primat gelehrt und wie er damals gelebt wurde. Historische Studien mögen vielleicht irgendwann eine gemeinsame Definition ermöglichen. Damit ist aber keineswegs gesagt, dass die Primatspraxis immer dieser Lehre entsprochen hat.

Schließlich ist zu bedenken, dass in der globalisierten Welt des dritten Jahrtausends im Vergleich zum ersten Jahrtausend eine veränderte Form der Primatspraxis erforderlich sein wird. Die Lösung liegt daher nicht in der Vergangenheit, sondern im gemeinsamen Blick auf die Zukunft. Genau dies dürfte die Intention von Papst Johannes Paul II. gewesen sein, als er in seiner Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" ("Dass sie eins seien") die Vertreter der anderen christlichen Kirchen aufforderte, gemeinsam mit ihm über eine Form der Primatsausübung nachzudenken, "die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet".

Ähnliches gilt für das Verhältnis von Nation und Universalität. Es ist unumstritten, dass das Christentum keine abstrakte Lehre ist, sondern ein lebendiger Glaube in immer neuen historischen Zusammenhängen. Im ersten Jahrtausend waren es vor allem die römische, die griechische und die syrische Kultur, in die sich der christliche Glaube inkulturierte. An der Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend folgten fränkische, germanische, slawische Einflüsse. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert kamen durch die weltweite Mission neue Kulturen in den Einflussbereich des Christentums.

In Europa entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine enge Bindung zwischen Kirche und Nation. Auf orthodoxer Seite wurde der sogenannte Ethnophyletismus, eine zu enge Bindung der Kirche an die Nation, zwar verurteilt, dennoch entwickelten sich so enge Bande zwischen Kirche und Nationalkultur, dass bis heute jeder Russe als potenzieller Orthodoxer und jeder Pole als potenzieller Katholik betrachtet wird. Nationale Konflikte wurden konfessionell überhöht oder untermauert. Entsprechend ist bis heute das Verhältnis beispielsweise zwischen Serben und Kroaten belastet. Inzwischen bemühen sich eine ganze Reihe ökumenischer Projekte um ein "Healing of memories", also um ein Heilen der Erinnerungen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun. Bevor die Erinnerungen geheilt werden können, müssen wir lernen, mit ihnen umzugehen. Das "Dealing with memories", der Umgang mit den Erinnerungen, muss dem Heilen vorangehen. Dies wäre auch für die Konflikte zwischen Orthodoxen und Unierten in der Ukraine und in Rumänien ein wichtiger Grundsatz.

Im Hinblick auf das Verhältnis von Reform und Kontinuität in der Kirche scheint ein Dialog einfacher zu sein, da sich hier keine Seite zur Lehrmeisterin der anderen erheben kann. Beide Kirchen betonen ihre Kontinuität mit der Kirche der Apostel. In beiden Kirchen gibt es Beispiele für gelungene, aber auch misslungene Reformen. In beiden Kirchen gibt es traditionalistische Kreise, die jegliche Reform als Gefährdung der kirchlichen Identität betrachten und sich dem ökumenischen Dialog verschließen. Interessanterweise bezieht sich ihr Traditionalismus oft auf Katechismen und liturgische Bücher des 17. bis 19. Jahrhunderts, also auf recht junge "Traditionen" in der Kirchengeschichte. Die Traditionalisten erkennen nicht, dass ihre Riten und Aussageformen nicht die unveränderliche Tradition der Kirche, sondern das Ergebnis eines jahrhundertelangen Prozesses sind. Eine Tradition, die sich nicht verändert, erstarrt. Ein Glaube, der nicht auf den jeweiligen historischen Kontext Bezug nimmt, stirbt.

Viele orthodoxe Theologen des 20. Jahrhunderts sprechen deshalb von der "lebendigen Tradition" der Kirche, die aber nur bewahrt wird, wenn sie offen ist für Veränderungen. Beim Gespräch über die Tradition der Kirche denken wir viel zu oft rückwärtsgewandt. "Traditio" meint aber im ursprünglichen Sinn "Überlieferung", "Weitergabe". Sie ist also auf die Zukunft ausgerichtet, auf die Weitergabe des Glaubens. Joannis Zizioulas und andere zeitgenössische orthodoxe Theologen betonen daher den eschatologischen Aspekt der Kirche. Die Kirche bewahrt nicht nur die Tradition der Apostel, sie ist zugleich Vorgriff auf das Reich Gottes, das in ihr schon in dieser Welt wirksam wird. In dieser Perspektive steckt eine dynamische Kraft, die Reformen in der Kirche nicht als Gefährdungen ihrer Kontinuität, sondern als Schritte auf dem Weg in die Zukunft betrachten kann. Eben deshalb sind alle Problemfelder zugleich auch Chancen für ökumenische Lernprozesse. Wer im orthodox-katholischen Dialog Wege zur Einheit sucht, muss daher keine ganz neuen erfinden, sondern kann von den Erfahrungen der Vergangenheit profitieren, wenn er fragt: Wie hat sich die Kirche zwischen den jeweiligen Polen bewegt?

 

Statt vereinheitlichen: ergänzen

Bei der Einheit, die wir suchen, geht es nicht um eine strukturelle, sondern um eine gelebte, nicht um eine geistige, sondern um eine geistliche, nicht um eine wiederhergestellte, sondern um eine wiederentdeckte Einheit. Ersteres bedeutet nicht, dass die Kirche keine Strukturen brauchte und eine rein charismatische Gruppierung wäre. Orthodoxe und Katholiken sind sich über die Grundstrukturen der Kirche, beispielsweise ihre bischöfliche Verfasstheit, ja einig. Darüber hinaus brauchen wir jedoch keine einheitliche Organisationsstruktur, sondern einen lebendigen Austausch zwischen den Bischöfen, den Theologen und den Gläubigen in den Gemeinden. Deshalb brauchen wir persönliche Begegnungen, sei es durch Gemeindepartnerschaften, sei es durch Begegnungen zwischen Klostergemeinschaften, sei es durch gemeinsame Tagungen von Bischöfen.

Wir brauchen keine geistige Einheit, weil Orthodoxe und Katholiken seit Jahrhunderten in unterschiedlichen geistigen Welten leben. Es haben sich unterschiedliche Denkformen, verschiedene philosophische Konzepte sowie eine eigene Geisteskultur entwickelt. Es bedarf keiner Vereinheitlichung dieser geistigen Welten. Das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils spricht davon, dass "im Orient und im Abendland verschiedene Methoden und Arten des Vorgehens zur Erkenntnis und zum Bekenntnis der göttlichen Dinge angewendet worden" sind, und stellt fest, "dass von der einen und von der anderen Seite bestimmte Aspekte des offenbarten Mysteriums manchmal besser verstanden und deutlicher ins Licht gestellt wurden, und zwar so, dass man bei jenen verschiedenartigen theologischen Formeln oft mehr von einer gegenseitigen Ergänzung als von einer Gegensätzlichkeit sprechen muss". Diese gegenseitige Ergänzung der Traditionen ginge verloren, wenn wir nach einer Vereinheitlichung unserer geistigen Welten streben würden. Die Vielfalt in der geistigen Welt muss jedoch durch eine geistliche Einheit getragen werden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat im Ökumenismusdekret den geistlichen

 


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Ökumenismus als die "Seele der ganzen ökumenischen Bewegung" bezeichnet.

Auf die Bewunderung westlicher Christen für östliche Liturgie und Spiritualität wurde bereits im ersten Teil hingewiesen. Wenn wir die geistliche Einheit fördern wollen, darf dies jedoch kein einseitiger Prozess bleiben. Wir müssen uns daher stärker darum bemühen, den orthodoxen Gläubigen auch die geistlichen Schätze des Abendlandes nahezubringen. Die Schriften der westlichen Mystiker sollten verstärkt in östliche Sprachen übersetzt werden. Orthodoxen Gesprächspartnern würde dann eher deutlich, dass die abendländische Kirche im Mittelalter keineswegs in einem scholastischen Lehrgebäude erstarrt war, sondern auch über ein lebendiges spirituelles Leben verfügte. Im orthodoxen Bereich gibt es heute durchaus Ansätze, das westliche Erbe zu vermitteln, etwa durch die Vertonung der Chrysostomus-Liturgie mit gregorianischen Melodien durch Erzbischof Jonafan (Jeleckich) oder das Weihnachtsoratorium und die Matthäus-Passion von Erzbischof Hilarion (Alfejev). Das sind ermutigende Beispiele, die sich jedoch noch zu einer breiteren Bewegung entwickeln müssen, damit es wirklich zu einem "Austausch der Gaben" kommt.

Der Hinweis, dass die Einheit nicht wiederhergestellt, sondern wiederentdeckt werden muss, soll daran erinnern, dass die Einheit zwischen den Kirchen nie vollständig zerbrochen ist. Die Spaltung ging nicht bis an die Wurzeln. Daher müssen wir die Einheit nicht wiederherstellen, sondern die gemeinsamen Wurzeln wiederentdecken. Dann können sich neue Triebe entwickeln. Außerdem wird die Einheit letztlich nicht aufgrund menschlicher Bemühungen wiederhergestellt, sondern ist immer eine Gabe Gottes, die wir wiederentdecken müssen. Bischöfe und Theologen haben dabei eine besondere Verantwortung, insofern sie diesen Prozess des Wiederentdeckens der Gemeinsamkeiten fördern können.

Wenn wir die Vielfalt der Formen gelebten Glaubens wahrnehmen und schätzen lernen, die Problemfelder erkennen und die darin liegenden Chancen für Lernprozesse nutzen, kann unsere Suche nach Einheit mit Gottes Hilfe gelingen.

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'