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Georg Evers {*}

Politisch und religiös gespannt

Bangladesch nach der Aussetzung der Parlamentswahlen

 

Aus: Herder Korrespondenz, 3/2007, S. 154-159

 

    Das seit 1971 unabhängige Bangladesch, Heimat von Muhammad Yunus, der 2006 den Friedensnobelpreis bekam, ist politisch notorisch instabil, wie gerade die letzten Monate wieder gezeigt haben. Die Lage der kleinen christlichen Minderheit im Land ist durch das Erstarken radikaler islamischer Strömungen schwieriger geworden.

 

Bangladesch ist ein Land, das immer dann in die Schlagzeilen der Weltpresse gerät, wenn es in Folge von den jährlich über das Land hinwegziehenden Zyklonen große Überschwemmungen gibt, oder, wie dies gegenwärtig der Fall ist, politische Spannungen zu Unruhen und Ausschreitungen führen. Mit einer Fläche von 147.570 qkm ist Bangladesch fast gleich groß wie Nepal. Aber während dort nur 25 Millionen Menschen leben, hat Bangladesch mit 148 Millionen Einwohnern die siebtgrößte Bevölkerung und ist mit einer Einwohnerdichte von etwas über 1000 Menschen pro Quadratkilometer das bevölkerungsreichste Land der Welt.

Bangladesch weist so gut wie keine Rohstoffe auf. In den letzten Jahren ist die Textilindustrie stark gewachsen, die gegenwärtig 1,8 Millionen Menschen beschäftigt und 2006 5,5 Milliarden Euro erwirtschaftete. In den schnell errichteten Fabriken wird die Arbeitskraft vor allem von angelernten Frauen, die in langen Schichten im Akkord Textilien für den internationalen Markt herstellen, rücksichtslos ausgebeutet. Im Frühjahr 2006 kam es in Dhaka und anderen Städten zu mehrtägigen gewalttätigen Auseinandersetzungen von Arbeiterinnen und Arbeitern, die gegen die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie protestierten, eine Anhebung der Mindestlöhne, einen wöchentlichen Ruhetag und das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren, forderten.

 

Von politischen Unruhen und Gewalt geprägt

Angeführt von der Textilindustrie weisen auch andere Wirtschaftszweige gegenwärtig positive Zahlen aus. Die 2006 erzielte Rate von 6,3 Prozent Wirtschaftswachstum im Jahr reicht allerdings bei weitem nicht aus, den notwendigen Ausbau der Infrastruktur des Landes dem Bevölkerungswachstum von 2,1 Prozent anzupassen und die Armut effektiv zu bekämpfen. Bei mehr als der Hälfte der Bevölkerung des Landes liegt der Lebensstandard unter der Armutsgrenze. 36 Prozent der Bevölkerung verfügen nur über 1 Dollar pro Tag, um damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Bei einer Alphabetisierungsquote von nun 43,1 Prozent fehlt es an vielen Stellen an ausgebildeten Fachkräften. Die weit verbreitete Arbeitslosigkeit zwingt viele Männer, in den Ölstaaten am Golf ihr Geld zu verdienen. Die Abwanderung dieser Männer hat sehr negative Folgen für das Familienleben. Viele allein erziehende Mütter sehen sich überfordert und nehmen Zuflucht zu Drogen. Andererseits bedeuten die Geldüberweisungen der im Ausland lebenden und arbeitenden Bangladeschis einen sehr entscheidenden Faktor in der Außenhandelsbilanz des Landes, da die Summe dieser Überweisungen höher ist als der Gesamtbetrag der ausländischen Entwicklungshilfe und Direktinvestitionen.

Bangladesch gehört zu den jüngeren unabhängigen Staaten, da es sich erst 1971 nach einem blutigen Bürgerkrieg von Pakistan lösen und die politische Unabhängigkeit gewinnen konnte. Das nach der Teilung des indischen Subkontinents 1947 aus der ehemaligen ostindischen Provinz Bengalen entstandene Ostpakistan, hatte allein schon wegen der räumlichen Distanz von mehr als 1000 km, durch die es von Westpakistan getrennt war, sich nie in dem von Karachi beziehungsweise Islamabad beherrschten Pakistan aufgehoben und respektiert gefühlt. Die politische Entwicklung nach der Unabhängigkeit war von politischen Unruhen und Gewalt geprägt. Der Gründervater der Nation, Mujibur Rahman, wurde 1975 mit vielen Mitgliedern seiner Familie ermordet. Die beiden führenden politischen Parteien des Landes, die Awami Liga (AL) unter der Tochter des Staatsgründers, Scheikh Hasina Wajid, und die Bangladesh National Party (BNP), ebenfalls von einer Frau, Begum Khaleda Zia, geführt, haben das Land tief gespalten und sorgen bis heute für Spannung und Unruhe.

Begum Khaleda Zias Weg in die Politik begann nach der Ermordung ihres Mannes Ziaur Rahman, der im Mai 1981 einem Attentat zum Opfer fiel. Dem als General der Armee an die Macht gekommenen Ziaur Rahman war es zuvor gelungen, den Übergang von den bis dahin einander ablösenden Militärregierungen zur parlamentarischen Demokratie zustande zu bringen. Nach seinem gewaltsamen Tod setzte sich die Reihe der Militärregie-

 


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rungen unter dem autoritären General Hussain Ershad (1982-1990) wieder fort. Um das Erbe ihres Mannes zu sichern, begann Begum Khaleda Zia ihre politische Laufbahn im Widerstand gegen das Regime von Ershad, der sie mehrfach inhaftieren ließ. Als Ershad 1991 zum Rücktritt gezwungen wurde, gewann die BNP die nachfolgenden Wahlen, und Khaleda Zia wurde zur ersten Ministerpräsidentin des Landes gewählt. Die durch Wahlmanipulationen zustande gekommene Wiederwahl im Juni 1996 wurde vom Höchsten Gericht annulliert. In der darauf erfolgten Wiederholungswahl siegte Sheikh Hasina Wajid von der oppositionellen Awami-Liga und löste Khaleda Zia als Ministerpräsidentin ab.

 

Der vorgesehene Wahltermin konnte nicht eingehalten werden

Bei den nächsten Wahlen 2001 gelang es Khaleda Zia wiederum, mit einer aus vier Parteien bestehenden Koalitionsregierung, in der auch die fundamentalistischen islamischen Parteien der Jamat-e-Islam und Islami Oikya Jote vertreten waren, zur Ministerpräsidentin gewählt zu werden. Der damit verbundene verstärkte Einfluss radikaler islamischer Strömungen auf die Regierungsarbeit wurde sowohl im In- als auch im Ausland kritisch beobachtet.

Die regierende BNP hat in den langen Jahren, in denen sie die Politik des Landes bestimmte, mit immer neuen und härteren Methoden versucht, die Opposition von einer Beteiligung an der Macht fern zu halten und sie an der Ausübung ihrer nach der Verfassung zustehenden politischen Rolle zu hindern. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden politischen Blöcken haben in jüngster Zeit immer härtere Formen angenommen. Waren es zunächst Demonstrationen und zeitlich und örtlich begrenzte Streiks, so kam es in jüngerer Zeit immer häufiger zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen es Tote und viele Verwundete gab.

Diese politisch vergiftete Atmosphäre führte schließlich dazu, dass der eigentlich vorgesehene Wahltermin (22. Januar 2007) nicht eingehalten werden konnte. Am 28. Oktober 2006 endete offiziell die Regierungszeit der von Premierministerin Khaleda Zia angeführten Koalitions-Regierung. Nach der Verfassung hätte zeitgleich eine Übergangsregierung unter Führung des Obersten Richters K. M. Hasan die Amtsgeschäfte für 90 Tage, bis zur Vereidigung der neuen Regierung nach den Parlamentswahlen, übernehmen sollen. Die Opposition erhob jedoch massive Vorwürfe gegen ihn, so dass Hasan dies nicht konnte. Um ein Machtvakuum zu vermeiden, ließ Staatspräsident Iajuddin Ahmed sich an seiner Stelle als Vorsitzender der Übergangsregierung vereidigen, ein eigenmächtiges, nicht von der Verfassung gedecktes Vorgehen, das wiederum zu heftigen Protesten und Streiks seitens der Opposition führte. Die Opposition forderte die Absetzung von M. A. Azziz, dem Vorsitzenden der Wahlkommission, als Vorbedingung für eine Zusammenarbeit mit der Übergangsregierung.

Nach einer ganzen Serie von zum Teil blutigen Auseinandersetzungen gab Präsident Ahmed dem Drängen der Opposition nach und beurlaubte den Vorsitzenden der Wahlkommission für drei Monate, was de facto einer Absetzung gleichkam. Gleichzeitig ernannte er zwei neue Wahlkommissare, von denen zumindest einer der Regierungspartei nahe stand. Am 3. Januar 2007 erklärte Sheikh Hasina, dass die Awami-Liga wegen der eklatanten Unregelmäßigkeiten in den Wahlvorbereitungen die Wahlen boykottieren würde.

Um die öffentliche Ordnung und staatliche Sicherheit aufrechtzuerhalten und die aufgeheizte Stimmung zu entschärfen, verhängte am 12. Januar 2007 der "noch" Vorsitzende der Übergangsregierung Iajuddin Ahmed den Ausnahmezustand. Ab sofort wurden damit jegliche politische und gewerkschaftliche Aktivitäten, wie Demonstrationen und Streiks, verboten und die Berichterstattung der Medien stark eingeschränkt. Es gilt als ziemlich sicher, dass diese Entscheidung auf Druck des Militärs zustande kam.

Unterstrichen wird diese Einschätzung durch die Tatsache, dass Iajuddin Ahmed noch am gleichen Tag seinen Rücktritt erklärte. An seiner Stelle wurde Fakhruddin Ahmed Vorsitzender der Übergangsregierung. Fakhruddin Ahmed ist ein ausgewiesener Wirtschaftsfachmann, der von 1978-2001 bei der Weltbank in

 


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Wahington tätig war, wo er es bis zum Vizepräsidenten brachte und danach bis 2005 die Leitung der Staatsbank von Bangladesch innehatte. Zuletzt war er in der Leitung einer Stiftung tätig, die Kleinkredite vergibt. Seine erste Amtshandlung als Chef der Übergangsregierung bestand darin, die für den 22. Januar angesetzten Wahlen auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

 

Muhammad Yunus und die Grameen-Bank

So sehr die neue Übergangsregierung von der Bevölkerung, den Medien und der Wirtschaft auch begrüßt wurde, so groß sind aber auch die Befürchtungen, die der "stille Staatsstreich", wie die Einsetzung der neuen Übergangsregierung auch genannt wurde, ausgelöst hat. Dabei genießt der neue Chef der Übergangsregierung allgemein großes Ansehen und seine Kompetenz in Wirtschaftsfragen sowie seine persönliche Integrität sind anerkannt. Aber es wird kritisch gefragt, wie groß der Einfluss des Militärs unter der Führung des Stabschefs, Generalleutnant Moin Ahmed, tatsächlich ist.

Schließlich hat Bangladesch lange Erfahrungen mit Militärregierungen. Groß sind daher die Befürchtungen, dass es Wahlen erst in ferner Zukunft wieder geben könnte. Seit der Verhängung des Ausnahmezustands sind zwar die gewaltsamen Demonstrationen und Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden politischen Parteien auf den Straßen beendet worden, die zur Einhaltung des Ausnahmezustands verhängten Maßnahmen sind dafür aber mit nicht weniger Gewalt verbunden. Hoffnungsvoll stimmt allerdings, dass der Friedensnobelpreisträger von 2006 Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen-Bank, sich in einem offenen Brief an seine Landleute gewandt hat, in dem er seine Bereitschaft erklärt, sich durch die Gründung einer neuen Partei am politischen Geschehen aktiv zu beteiligen, wenn dies denn gewünscht werde.

Die Grameen-Bank wurde 1983 von Yunus in Chittagong im Osten von Bangladesch gegründet. Als Professor für Wirtschaftswissenschaften an der örtlichen Universität hatte er sich lange mit der Situation der Kleinbauern und Handwerker beschäftigt, die immer wieder durch Naturkatastrophen in ihrer Existenz bedroht waren. Durch Feldstudien in den umliegenden Dörfern wurde ihm deutlich, dass die einfachen Bauern keine riesigen Kredite brauchten, sondern mit kleinen Beträgen in der Größenordnung von 20 bis 30 Dollar schon in der Lage sein würden, ihre wirtschaftliche Situation entscheidend zu verbessern.

Diese Einsicht stand hinter der Gründung der Grameen-Bank (Dorf-Bank), die als Genossenschaftsbank Kleinkredite zu sehr günstigen Bedingungen an landlose Kleinbauern und Handwerker gibt, damit sie, ohne von Kredithaien ausgebeutet zu werden, sich neue Einkommensquellen verschaffen können, wie etwa Reisanbau, Aufzucht von Vieh und Geflügel, Handarbeitsarbeiten, Handwerk und Kleinhandel. Die Kleinkredite der Grameen-Bank bewegen sich ein einer Größenordnung von 75 Dollar, wobei die Höchstgrenze bei 150 Dollar liegt.

2006 hatte die Grameen-Bank 6,61 Millionen Kreditnehmer, von denen 97 Prozent Frauen waren. Mit 2226 Zweigstellen ist die Bank in über 70 Prozent der 71.371 Dörfer in Bangladesch ziemlich flächendeckend vertreten. Die Rückzahlungsquote der vergebenen Kredite liegt mit 98,85 Prozent erstaunlich hoch. Seit 1995 hat die Bank keinerlei Finanzhilfe von außen in Anspruch nehmen müssen, die Einnahmen stammen komplett aus den Kreditrückzahlungen der Mitglieder, so dass die Bank zu 90 Prozent im Besitz der Kunden ist, während der Staat nur noch 10 Prozent der Anteile hält.

In Bangladesch gibt es nicht nur die Grameen-Bank, sondern die älteste gemeinnützige Kreditbank des Landes ist eine katholische Einrichtung, die von der Kongregation vom Heiligen Kreuz vor gut 50 Jahren gegründete "Christliche Kooperative für genossenschaftliche Kredite von Dhaka". Bei ihrer Gründung am 3. Juli 1955 war sie die erste Genossenschaftsbank in Bangladesch und ist gegenwärtig für Katholiken und Protestanten ein wichtiges Instrument der Zusammenarbeit über die Konfessionsgrenzen hinweg geworden.

Das Beispiel der Genossenschaftsbank in Dhaka hat im Lande Schule gemacht und die Gründung zahlreicher weiterer kleinerer christlicher Genossenschaftsbanken inspiriert. Die 1979 unter Führung der Genossenschaftsbank von Dhaka gegründete Liga christlicher Genossenschaftsbanken hat gegenwärtig 415 Mitgliedsbanken, die Kredite in mehr als der Hälfte des Landes an Christen und Nichtchristen geben und einen wichtigen Beitrag für die ländliche Entwicklung leisten. Neben dem Kerngeschäft der Kreditvergabe sind einige dieser Einrichtungen auch auf dem Gebiet der Erziehung tätig und vermitteln Ausbildungsstipendien.

 

Seit 1977 ist Bangladesch offiziell ein islamischer Staat

Bei der Gründung des Staates 1971 enthielt die Verfassung das Prinzip des Säkularismus, also die Verpflichtung des Staates zur Neutralität gegenüber den Religionen und die Sicherstellung des Primats der Politik gegenüber partikulären religiösen Interessen, sowie die Garantie der Religionsfreiheit für alle Religionsgemeinschaften. Bangladesch sollte nach den Worten des Staatsgründers Mujibur Rahman eine "Heimstatt für Muslime, Hindus, Buddhisten und Christen" sein.

1977 wurde das Prinzip des Säkularismus aufgegeben und Bangladesch zum islamischen Staat erklärt. Die stärkste Religion ist mit 88,3 Prozent oder 128 Millionen Angehörigen der Islam. Damit gehört Bangladesch nach Indonesien und ungefähr in gleicher Größe mit Pakistan und Indien zu den größten muslimischen Ländern der Welt. Der Anteil der Hindus liegt bei 13 Prozent, womit sie die größte Minderheit im Lande stellen. Buddhisten haben einen Anteil von 0,5 Prozent, während auf die christlichen Kirchen 0,3 Prozent entfallen. Sie stellen damit ebenfalls nur eine kleine Minderheit dar, die allerdings durch ihre Schulen, Krankenhäuser und anderen sozialen Ein-

 


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richtungen über einen weit über ihre numerische Größe hinausgehenden Einfluss verfügt.

Im Oktober 2001 feierte die katholische Kirche in Bangladesch ihr 400-jähriges Bestehen in Chittagong, im Süden des Landes, wo 1598 der Jesuit Francisco Fernandez landete und mit der Verkündigung des Evangeliums begann, die ersten beiden Kirchen gründete und nachdem er in Kriegswirren verwickelt wurde, 1602 im Gefängnis starb. Er wird seitdem als erster Märtyrer Bengalens verehrt. Die Zahl der katholischen Christen liegt gegenwärtig bei 270.000. Ungefähr gleich groß ist auch die Zahl der Protestanten, die sich auf 32 Kirchen oder kirchliche Gemeinschaften verteilen. Das ökumenische Klima zwischen den christlichen Kirchen ist gut.

1988 wurde der Islam offiziell zur Staatsreligion erklärt, was für die religiösen Minderheiten der Hindus, Buddhisten und Christen Schwierigkeiten in der Behauptung ihrer eigenen Identität mit sich brachte. In den letzten Jahren wurde durch das Anwachsen islamischer radikaler Tendenzen das bis dahin weitgehend harmonische Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen empfindlich gestört. Die zahlenmäßig stärkste religiöse Minderheit der Hindus sieht sich dabei als vorrangige Zielscheibe von Diskriminierung und Verfolgung durch radikale muslimische Gruppen. Immer dann, wenn im Nachbarland Indien radikale Hindus Gewalt gegen Muslime ausüben, kommt es in Bangladesch seitens islamischer Gruppen zu Vergeltungsaktionen gegen die Hindu-Minderheit.

Den Hindus soll damit deutlich gemacht werden, dass ihre "eigentliche Heimat" nicht im muslimischen Bangladesch, sondern in der Indischen Union liegt. Ziel solcher Aktionen ist gewöhnlich, sich nach der erzwungenen Abreise der Hindus das dann "herrenlos" gewordene Eigentum anzueignen. Offiziell hat die vorige Regierung die Existenz und die Aktivitäten islamistischer Extremisten immer zu negieren versucht, aber die vielen Anschläge, die sich in den letzten Jahren ereignet haben, widersprechen der offiziellen Sprachregelung.

Die bisher größte Gewaltaktion der radikalen islamistischen Kräfte war eine Serie von 434 Bombenanschlägen, die am 17. August 2005 zeitgleich flächendeckend im ganzen Land durchgeführt wurden, bei denen es angesichts der Größenordnung der Anschläge "nur" drei Todesopfer und Hunderte Verletzte gab. Die Regierung hat zwar als Reaktion auf diese und eine Serie anderer Anschläge und Bombenattentaten im ganzen Land Razzien durchgeführt und Verdächtige verhaftet. So wurden allein mehr als 200 Moscheeschulen trotz des scharfen Protests der islamischen Verantwortlichen durch staatliche Sicherheitskräfte durchsucht.

In der offiziellen Sprachregelung bestand die bisherige Regierung aber weiterhin darauf, dass es sich bei den Verhafteten um "terroristische Einzeltäter", aber keineswegs um "islamische militante Gewalttäter" handele. Diese nur von wenigen verstandene Sprachregelung soll offenbar dazu dienen, die muslimische Mehrheit im Land nicht unnötig zu reizen und vor allem die islamischen Parteien, wichtige Koalitionspartner der Regierung,

 


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sich gewogen zu halten. Dabei bestehen kaum Zweifel, dass die Attentate auf das Konto der radikalen islamistischen Organisation Jama´atul Mujahideen Bangladesh (JMB) gingen. Nach längerem Zögern ist als Reaktion auf weitere Gewalttaten die Regierung inzwischen gegen diese gewaltätige Gruppe vorgegangen.

Das Ziel der von der Regierung verbotenen JMB ist die Errichtung eines islamischen Gottesstaates, in dem die Scharia die Grundlage aller Gesetzgebung sein soll. Weitere Anschläge mit Selbstmordattentäter in den darauf folgenden Monaten in Gazipur und Chittagong gingen ebenfalls auf das Konto der JMB. Die Anschläge dieser Organisation richteten sich zunächst auschließlich gegen staatliche Einrichtungen, wurden aber inzwischen auch auf nichtstaatliche Bildungseinrichtungen, Kulturorganisationen und Hilfsorganisationen (NGOs) ausgedehnt.

Von großer Bedeutung ist, dass es den radikalen muslimischen Gruppen immer häufiger gelingt, ihr Gedankengut in den Lehrstoff der zahlreichen Koranschulen (madrasas) einzuschleusen. In den Koranschulen des Landes wird generell die Überlegenheit des Islam gelehrt und die dort vermittelte Sicht auf andere Religionen und Weltanschauungen ist kaum von Toleranz oder der Bereitschaft zum Dialog geprägt. Inzwischen erfuhren die Koranschulen durch die Regierung eine Aufwertung, weil ihre Abschlüsse unter bestimmten Voraussetzungen auch staatlich anerkannt werden.

Verglichen mit der zahlenmäßig geringen Stärke der katholischen Kirche ist die Arbeit ihrer Sozialeinrichtung, der "Caritas Bangladesch", sehr hoch einzuschätzen. Die Arbeit von Caritas Bangladesch konzentriert sich auf zwei große Gebiete. Da ist zunächst einmal die Abteilung für die Hilfe bei Naturkatastropehen und Unglücksfällen. Auf dem Gebiet der Katastrophenvorsorge gegen die immer wieder das Land heimsuchenden Zyklone hat Caritas Bangladesch ein Prgramm zum Bau von Schutzbauten, eine Art Schutzbunker auf Stelzen, die gegen die starken Stürme und die sie begleitenden Überschwemmungen den betroffenen Menschen Schutz bieten können.

 

Bedeutende kirchliche Sozialarbeit

Im Mittelpunkt der Arbeit steht aber der zweite Bereich, die Beiträge zur Entwicklung von neuen Gesellschaftsstrukturen in den Dörfern durch den Aufbau von Genossenschaften mit angeschlossenen Banken für Kleinkredite, der Kampf gegen Krankheiten, an erster Stelle gegen die weit verbreitete HIV-Aids-Epidemie, verbunden mit einem Programm zur Rehabilitation von Drogenabhängigen, deren Zahl in Bangladesch bei ungefähr 2,5 Millionen liegt. Andere Projekte befassen sich mit der Sicherstellung der Trinkwasserversorgung mit reinem, säurefreiem Trinkwasser. Der Hilfe zur Selbsthilfe für die Zielgruppe von Frauen dient ein groß angelegtes Projekt auf dem Gebiet der Aquakultur, bei dem durch Anlage von Fischteichen den daran beteiligten Frauen ein eigenes Einkommen aus der Fischzucht sichern soll.

Die Bedeutung der Sozialarbeit und der christlichen Soziallehre wurde inzwischen auch als wichtiger Teil der theologischen Ausbildung erkannt. Seit einiger Zeit wird in der Priesterausbildung im Priesterseminar in Dhaka größeres Augenmerk auf die praktische Ausbildung der Priesteramtskandidaten in Fragen des sozio-ökonomischen Lebens gelegt. Zum Ausbildungsprogramm gehört jetzt ein Programm, das vom "Caritas Development Institute" der Kongregation vom Heiligen Kreuz durchgeführt wird. Durch Kurse und direkten Einsatz vor Ort erhalten die Seminaristen Einblick in die soziale Situation im Land, durch die sie sensibilisiert werden sollen, in ihrer späteren pastoralen Tätigkeit in den Gemeinden diese Probleme als integralen Bestandteil ihrer priesterlichen Aufgabe zu verstehen.

Wie auch sonst auf dem indischen Kontinent hat der Islam in Bangladesch eine besondere Färbung, da er durch Traditionen der Volksfrömmigkeit, des Hinduismus und Buddhismus beeinflusst wurde. Der Islam in Bangladesch ist keine in sich geschlossene Gemeinschaft, da es neben dem synkretistischen volkstümlichen Islam eine starke Gruppe von Muslimen gibt, die sich möglichst strikt an die Scharia halten (Sharioti Islam). Auffallend ist, wie stark der Einfluss des Sufismus, der mystischen Tradition im Islam, in Bangladesch heute ist. Die Sufilehrer sind gefragte Ratgeber und als geistliche Führer angesehen. Die vom Gedankengut des Sufismus beeinflussten Bruderschaften (tariqa) haben starken Zulauf und ihre Gebetstreffen werden stark besucht. Die Gräber heiliger Sufis werden seit Jahrhunderten instand gehalten und von den Gläubigen besucht, die dort geistigen Trost, Erhörung ihrer Gebete und geistige Anregung suchen.

Die Beziehungen zwischen Muslimen und der kleinen christlichen Minderheit in Bangladesch waren in der Vergangenheit meist eher ungetrübt. Ganz im Gegensatz zum traditionellen Islam in Bangladesch verbreiten aber die radikalen islamistischen Gruppen im Land Hass und Konfrontation. Die vom saudiarabischen Wahhabismus beeinflussten Gruppen verurteilen den Sufismus und setzen ganz auf Konfrontation mit den anderen Religionen. Durch das Anwachsen islamistischer radikaler muslimischer Gruppen, die sich gegen alle nicht-muslimischen Gruppen richten, ist der Druck gegenüber der christlichen Minderheit ebenfalls angewachsen.

Diese Entwicklung steht im Gegensatz zu den Dialogbemühungen, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von der katholischen Kirche vor allem im Hinblick auf die Muslime begonnen wurden. 1974 wurde innerhalb der Bischofskonferenz von Bangladesch eine Kommission für den interreligiösen Dialog eingesetzt. Auch im nationalen Pastoralplan von 1985 wird der interreligiöse Dialog als zentrale Aufgabe der Kirche bezeichnet und dies 2002 auf einer nationalen Pastoralkonferenz noch einmal bestätigt.

Die Kommission legte bisher den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf den Aufbau von Beziehungen zu anderen Religions-

 


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gemeinschaften, vornehmlich natürlich zu muslimischen Einrichtungen, und auf Schulungsprogramme für Seminaristen, Ordensleute und Laien. In verschiedenen Orten gibt es kleine Dialoggruppen, die sich regelmäßig treffen und neben Fragen des Dialogs auch manchmal Formen praktischer Zusammenarbeit zum Gegenstand haben. Durch die Zunahme der islamistischen Strömungen ist die Arbeit auf dem Gebiet des Dialogs schwieriger geworden.

Angesichts der gegenwärtig häufig geäußerten grundsätzlichen Anfragen an den Sinn und Zweck des interreligiösen Dialogs kommt dem Apostolat von Bob McCahill eine besondere Bedeutung zu. Das besondere Apostolat von Bob McCahill, Mitglied der amerikanischen Missionsgesellschaft von Maryknoll, besteht seit Jahren darin, für einige Zeit, meist 2 bis 3 Jahre, in einer Stadt oder einem Dorf in Bangladesch in einer einfachen Hütte unter den Menschen zu wohnen und für die Armen, Kranken und Bedürftigen "da zu sein", mit ihnen zu sprechen, kleine Hilfeleistungen zu erbringen, ihnen bei Krankheiten beizustehen und andere Zeichen mitmenschlicher Verbundenheit zu geben, ohne jedoch sich als Missionar zu betätigen.

An allen Orten, in die er kommt, haben die Muslime, auf die er trifft, zunächst die Erwartung beziehungsweise die Befürchtung, dass dieser ausländische Priester sich als Missionar betätigen werde. Schon die Tatsache, dass er dies nicht tut, erweckt nach einiger Zeit die Neugier und das Bestreben, herauszufinden, warum er unter ihnen lebt. Auf ihre Fragen zeigt er ihnen den Brief, den Bischof Francis ihm mitgab, als er die spezielle apostolische Berufung von "Brother Bob", wie er sich gewöhnlich nennt, kirchlicherseits offiziell anerkannte. Der Bischof schrieb ihm damals: "Lebe unter den Armen als ihr Bruder. Diene den Kranken, damit sie leben können. Zeig ihnen die Achtung, die unsere Religion für den Islam und den Hinduismus hat. Erkläre denen, die danach fragen, den Grund, warum du so unter ihnen lebst. Versuche, Kontakt mit den wenigen Christen in der Gegend herzustellen."

Bob McCahill ist überzeugt, dass sein Beispiel "interessenfreier Liebe" (disinterested love) in den Gegebenheiten in Bangladesch vielleicht die effektivste Form christlichen Zeugnisses und der Mission darstellt. Diese Erfahrung ist der Beitrag, den Brother Bob in der Priesterausbildung leistet, wenn er für einige Zeit Seminaristen einlädt, das einfache Leben des interessenlosen Zeugnisses mit ihm zu teilen.

 

    {*} Georg Evers (geb. 1936), promovierte bei Karl Rahner über Theologie der Religionen. Von 1979-2001 war er Asienreferent im Missionswissenschaftlichen Institut Missio (Aachen). In dieser Eigenschaft unternahm er zahlreiche Reisen in asiatische Länger und wirkte bei wichtigen theologischen Konferenzen im Rahmen der Vereinigung Asiatischer Bischofskonferenzen (FABC) mit. Zahlreiche Veröffentlichungen zum interreligiösen Dialog und zur Theologie der Mission.

 

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