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Hans-Joachim Höhn {*}

"Wir sind das Original!?"

Das evangelikale Projekt und die Gefahr des Exklusivismus

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern 'zur debatte', 5/2007, S. 11f.

 

Eigentlich machen Evangelikale alles richtig - nicht nur aus ihrer Sicht, sondern auch nach den Kriterien des Marketing. Sie haben alles, was man braucht, um wettbewerbsfähig zu sein. Sie besitzen ein klares Profil; sie identifizieren sich mit ihrer Marke; sie sind ebenso kreativ, innovativ und engagiert wie kompromisslos bibelfest und bekenntnistreu. Sie repräsentieren das Original des Christseins - die etablierten Kirchen und Konfessionen erscheinen dagegen wie Schwarzweißabzüge von einem Farbfoto. Die Evangelikalen machen Ernst damit, dass man nicht an Gott glauben und dabei untätig bleiben kann. Sie werden missionarisch aktiv. Denn der Glaube ist primär eine Sache, die getan werden will. Das Beste, was dem Evangelium passieren kann, ist, dass es praktiziert wird.

Allerdings ist dies nur eine halbe theologische Wahrheit. Der Glaube an Gott gibt auch zu denken. Man kann nicht an Gott glauben, ohne dadurch ins Nachdenken zu kommen. Das Beste, was dem Evangelium passieren kann, ist, dass es nicht gedankenlos praktiziert wird. Damit der Glaube unterscheidbar bleibt von allen Formen der bedenkenlosen Willkür und gedankenloser Beliebigkeit, muss er an einer intensiven Beziehung zur Vernunft interessiert sein.

Im Blick auf das evangelikale Projekt geht es in einem ersten Schritt um eine Sondierung, wie sich seine theologischen Optionen zur Sache des Denkens und der Vernunft verhalten, d.h. inwieweit es selbst diskursfähig ist oder ob es unter Ausblendung rationaler Begründungs- und Rechtfertigungsverfahren die Sache des Glaubens vertritt. In einem zweiten Schritt geht es um das Verhältnis der evangelikalen Bewegung zur Tatsache, dass es in der Moderne Religion nur noch im Plural gibt. Ist das evangelikale Projekt religiös toleranz- und pluralitätsfähig oder vertritt es einen Geltungsanspruch, der Angehörige anderer Religionen grundsätzlich vom Heilshandeln Gottes ausnimmt? Grundlage meiner Anfragen sind die beiden "Bekenntnisschriften" der Deutschen Evangelischen Allianz: die "Lausanner Verpflichtung" (1974) und das "Manifest von Manila" (1989). Darin findet sich eine Lesart des christlichen Glaubens in der Moderne, die für ihn im Blick auf die Sache der Vernunft und den Geltungsanspruch anderer Religionen eine "exklusive" Stellung behauptet.

 

Religion in der Moderne: Soziologische Relativierungen - Evangelikale Bestreitungen

Aus soziologischer Sicht ist das evangelikale Projekt ein Anachronismus. Es verkennt seine eigene Kontingenz und Relativität, die es konterkariert, indem es trotzig behauptet, über letzte Gewissheiten zu verfügen, und einen Unfehlbarkeitsanspruch gegenüber säkularen Daseinsorientierungen reklamiert. Hier wird offensichtlich das Schicksal verkannt, das jede Religion in der säkularen Moderne ereilt. Dieses Schicksal kann man vergleichen mit einem Bild, das in einer Wohnung lange an einer Wand hing - festgehalten von einem Nagel. Wenn zu Renovierungszwecken nun dieses Bild abgehängt wird, sind zunächst seine Konturen an der Wand noch sichtbar. Die von ihnen umrissene helle Fläche habt sich deutlich von ihrer Umgebung ab. Es wird eine Weile dauern, bis sie nachdunkelt. Lange Zeit hatte auch der Glaube in der Gesellschaft einen festen Platz - lange genug, um in dieser Gesellschaft Spuren zu hinterlassen. Sichtbar werden diese Spuren in dem Augenblick, da sich die Gesellschaft dieses Glaubens entledigt. Aber diese Spuren werden mit der Zeit verschwinden - oder überstrichen werden. Länger als der Glaube hält sich sein "Aufhänger". Es ist der Nagel in der Wand, der den Glauben in der Gesellschaft wahrnehmbar und präsent hält. Der Glaube war nur ein "Anhängsel" dieses Nagels. An diesen Nagel lässt sich nun etwas anderes hängen. Das kann wieder etwas Religiöses sein, aber auch etwas ganz anderes. Es muss nur geeignet sein, die offenkundige Leerstelle abzudecken. Der Nagel macht von sich aus nicht viel her - der eigentliche Blickfänger ist das, was an ihm hängt. Aber in seiner Funktion bleibt er dem überlegen, was an ihm hängt und von ihm abhängt. Denn das "Anhängsel" ist austauschbar - nicht aber die Funktion des Aufhängers, für sie gibt es keinen Ersatz. Dem Glauben ist also etwas vorgelagert, er ist etwas Bedingtes. Der Glaube mag dem Menschen Halt geben, aber er braucht seinerseits etwas, das ihm Halt gibt. Im Jargon der Religionsphilosophie gesprochen heißt das: Der Glaube ist ein Medium der Kontingenzbewältigung, aber selbst und seinerseits etwas Kontingentes (d.h. er ist nicht notwendig alternativenlos und somit ersetzbar, austauschbar). Dass er dem Menschen Halt gibt, gilt nur unter dem Vorbehalt, dass er nicht beansprucht, nur der Glaube oder nur ein bestimmter Glaube könne Halt im Leben geben.

Eine moderne Außenansicht auf das Phänomen "Religion" in Kultur und Gesellschaft, welche die Kontingenz des Daseins und der Religion herausstellt, trägt in ihrer kritischen Variante dazu bei, den Geltungsanspruch der Religion zu relativieren, d.h. religiöse Alleingeltungs- oder Alleinvertretungsansprüche zu begrenzen. Um es wieder im Blick auf das eben vorgestellte "Leit-Bild" zu illustrieren: Der Nagel ist ein Symbol für das menschliche Subjekt und sein Dasein. Jeder Mensch existiert quasi als ein solcher Nagel - eingeschlagen in die Wand der Geschichte, der Natur, der Gesellschaft. Sinn und Zweck des Daseins ist: ein Aufhänger zu sein - etwas vorzeigbar, sichtbar und präsent zu machen. Sinn und Zweck des Daseins ist es, Güter und Werte, Ideen und Ideale aufzuzeigen, die das Dasein bedeutsam machen und zeigen, wodurch die Welt bejabar wird. Dazu zählt auch die Religion: Sie ist ein Bedeutungsträger; sie zeigt an, worauf es ankommt, damit das Dasein akzeptable wird. Sie sammelt und bündelt Antworten auf die Frage, inwiefern das Leben annehmbar ist, obwohl es in dieser Welt so vieles gibt, das "ohne wenn und aber" unannehmbar ist. In dieser Funktion konkurriert Religion aber auch mit Wissenschaft und Kunst, Mythos und Vernunft.

Von evangelikaler Seite ist an dieser Stelle ein kräftiges Dementi zu hören. Dementiert wird die skizzierte Außenperspektive auf das Phänomen Religion und ihre Kernthese von der Kontingenz religiöser Kontingenzbewältigung. Dementiert wird die Relativierung des Religiösen, seine Abstufung zu einer abhängigen Variablen menschlicher Existenz und Existenzvergewisserung. Entgegengesetzt wird dieser Sichtweise eine Umkehrung der getroffenen Zuordnung. Gleichsam spiegelbildlich werden alle Leitthesen einer Außenperspektive in einer religiösen Innenansicht umgedreht: Der Nagel symbolisiert den Glauben. Erst durch ihn findet das Leben Halt. Erst durch ihn wird das Leben etwas Vorzeigbares und Ansehnliches. Erst in ihm sind Wert und Würde des Menschen fundiert. Ohne ihn hängt alles in der Luft, d.h. ohne ihn hat nichts Bestand. Der Glaube verbürgt letzte Gewissheiten; er steht für das, an das man sich halten kann. Alles andere ist nur von begrenzter Haltbarkeit.

 

Diskursfähig? Wider die Vernunftskepsis im evangelikalen Projekt

Gegenüber der modernitätstypischen Problematisierung, Historisierung und Relativierung von Geltungsansprüchen nimmt der evangelikale Exklusivismus die Verheißung einer göttlichen Garantiemacht für sich in Anspruch, die ihn aller Relativität enthebt, die Irrtumslosigkeit der Bibel: "Wir halten fest an der göttlichen Inspiration, der gewißmachenden Wahrheit und Autorität der alt- und neutestamentlichen Schriften in ihrer Gesamtheit als dem einzigen geschriebenen Wort Gottes. Es ist ohne Irrtum in allem, was es bekräftigt, und ist der einzige Maßstab des Glaubens und Lebens" ("Lausanner Verpflichtung"). Hier wird der Glaube zum Maßstab der Vernunft; hier setzt der Glaube dem Denken das Maß für die Entwicklung von Maßstäben zur Daseinsorientierung. Mag man diese Absolutsetzung der Bibel für die Klärung religiöser Fragen bereits prekär finden, so wird ein solches Vorgehen nicht weniger problematisch, wenn es zur Grundlage eines Wissenschafts- oder allgemeinen Bildungsprogramms gemacht wird. Für evangelikale Bekenntnisschulen gilt nach Auskunft des evangelikalen Theologen Friedhelm Jung, dass sich die dort praktizierte Pädagogik "in erkenntnistheoretischer Hinsicht nicht auf die Autonomie der menschlichen Vernunft beruft, auch nicht die von vielen Pädagogen vertretene 'gute Natur' des Menschen anerkennt; vielmehr stützt sich christliche Pädagogik auf die Offenbarung Gottes in Jesus Christus und seinem Wort."

Verständlich wird die evangelikale Vernunftskepsis vor dem Hintergrund eines höchst pessimistischen Menschenbildes und einer ebenso pessimistischen Weltsicht: "Weil der Mensch gefallen ist, wurde alles durch Sünde befleckt. Manches geriet unter dämonischen Einfluß" (Lausanner Erklärung). Sieht man bereits Dämonen am Werk, vermag die Vernunft nichts mehr auszurichten. Wo man mit ihr nichts mehr ausrichten kann, fällt der Verzicht auf sie nicht mehr ins Gewicht. Es mag sein, dass eine gottlos gewordene Moderne in der Gefahr steht, nun die Welt zu vergöttern. Aber ist dies bereits ein zureichender Grund, um die Welt zu dämonisieren? Längst ist die Ambivalenz von Modernisierungs- und Rationalisierungsprozessen in säkularen Kreisen erkannt und anerkannt. Evangelikale Zirkel und Autoren nehmen die Dialektik der Aufklärung und die Pathologien der Vernunft aber bereits als zureichenden Grund, die Vernunft als Leitinstanz der Lebensführung zu verabschieden. Sie sehen die Tatsache, dass sich die säkularen Fortschrittsmächte übernommen haben, bereits als Zeichen dafür, dass sie den Platz wieder räumen sollen für dasjenige, dessen Stelle sie eingenommen haben.

Bisweilen wird in evangelikalen Zirkeln das Pochen auf der Vernunftgemäßheit von Religion als Abkehr von der als besonders "fromm" erscheinenden Überzeugung gewertet, der Glaube sei "höher" als jede Vernunft. Wenn man sich in den charismatisch geprägten Kreisen der evangelikalen Bewegung umschaut, gewinnt man reichliches Anschauungsmaterial für die These: Religion ist die Sache von Menschen, die außer sich sind! In der Tat trifft das "außer sich sein" den Kern dessen, was Religion ausmacht. Religion ist ein Vollzug der Selbsttranszendenz; hier geht der Mensch aus sich heraus und über sich hinaus. Er kreist nicht mehr um sich selbst, gewinnt eine Ahnung von etwas Größerem, Höherem, Anderem. Allerdings ist das "außer sich sein" ein ambivalentes Phänomen. Wer nicht "ganz bei sich" ist, entrückt scheint, könnte auch nicht ganz bei Verstand und "verrückt" sein. Wer wie "von Sinnen" ist, tut selten etwas Sinnvolles. Die Erfahrung zeigt zwar, dass dem Menschen kaum etwas Besseres widerfahren kann, als über sich hinauszuwachsen, als Grenzen zu überschreiten (auch die Grenzen der Vernunft!), um Neues und Unbekanntes zu entdecken. Die Erfahrung lehrt aber auch, dass dabei jeder Zugewinn an Einsicht und persönlicher Reife verspielt werden kann, wenn es dabei nicht vernunftgemäß zugeht. Jenseits der Vernunft beginnt nicht nur, was "höher" ist als alle Vernunft. Dort lauern auch das Un- und Widervernünftige, Willkür und Beliebigkeit, Illusion und Projektion. Die Nachdenklichen unter den evangelikalen Liebhabern der Religion kommen darum nicht an der Frage vorbei, ob und wie man auf vernunftgemäße Weise die Vernunft übersteigen kann, um in der Religion das vernunftgemäße "Andere" der Vernunft zu entdecken.

Es wäre eine religiöse Illusion, wollte der Glaube sich als Gegenkraft zur Vernunft behaupten, ohne zu realisieren, dass er nur zugleich mit ihr bestehen kann. Wenn sich der Glaube die Sache kritischen Denkens zu eigen macht, unterstellt er sich keineswegs einer Fremdmacht. Der Gedanke der Vormundschaft ist der Vernunft fremd. Die einzige Nötigung, die sie kennt besteht in der unnachgiebigen Forderung, dass Behauptungen in Begründungen umgewandelt werden und Geltungsansprüche von Argumenten gestützt wer-

 


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den. Die Einlösung dieser Forderungen dient der Aufhebung von Unmündigkeit und Unaufgeklärtheit. Sie führt dazu, dass man am Ende sagen kann, warum etwas für vernunftgemäß und glaubwürdig gehalten werden kann und worin es sich von religiösen Eskapaden unterscheidet. Sie verhindert, dass man sich die Frage gefallen lassen muss: "Habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen?" (1 Kor 15,2). Wo der Glaube Vernunft annimmt, dient dies der Verhinderung von negativen Folgen gedankenloser religiöser Praxis.

Vor diesem Hintergrund sind kritische Rückfragen an das evangelikale Projekt unausweichlich: Kann es in der aufgeklärten, kritischen Vernunft nur den relativistischen Widerpart für ein entschiedenes, bekenntnistreues Christentum erkennen? Kann es sich den Ausschluss der Vernunft von Prozessen der Rechtfertigung eines christlichen Geltungsanspruchs in der Moderne leisten, ohne dass auch seine Sache Schaden nimmt? Findet man hier nicht eine dem Fundamentalismus verwandte Haltung, die ein vermeintlich der diskursiven Vernunft überlegenes Wissen über die Rätsel des Lebens zur Grundlage von Arroganz gegenüber Andersdenkenden und Intoleranz gegenüber Andersgläubigen macht?

 

Pluralitätsfähig? Religiöser Exklusivismus in der evangelikalen Bewegung

In jüngster Zeit ist vermehrt feststellbar, dass ein interreligiöser Dialog als Gefahr für die Wahrung der jeweils eigenen religiösen Identität empfunden wird. Auch in christlichen Kreisen ist immer häufiger die Auffassung anzutreffen, dass man sich im Kontext eines religiösen und weltanschaulichen Pluralismus nur über die Wahrung von "Alleinstellungsmerkmalen" behaupten kann: Ökumene? Ja, aber bitte ohne Verlust konfessioneller Profile. Dialog der Religionen? Ja, aber bitte ohne Verzicht auf das "unterscheidend" Christliche. Einem solchen Dialog setzt auch die "Lausanner Verpflichtung" sehr enge Grenzen: "Als Herabsetzung Jesu Christi und des Evangeliums lehnen wir ... jeden Dialog ab, der vorgibt, dass Jesus Christus gleichermaßen durch alle Religionen und Ideologien spricht." Und im "Manifest von Manila" heißt es: "Wir bekräftigen, dass andere Religionen und Ideologien keine anderen möglichen Wege zu Gott sind. Die nicht von Christus erlöste Religiosität des Menschen führt nicht zu Gott, sondern ins Gericht."

Herausforderung: Religion im Plural - Verlust der Profile?
Für den Dialog der Religionen ist die Berufung auf das "unterscheidend" Christliche zwiespältig. Sich lediglich von anderen zu unterscheiden, ist für Christen nicht bereits das Entscheidende an ihrem Glauben: Das "entscheidend" Christliche ist nicht ohne weiteres identisch mit Unterschieden, die gegenüber Anders- und Nichtgläubigen herausgestellt werden. Das entscheidend Christliche besteht in der Botschaft, dass alle Menschen unterschiedslos Adressaten einer unbedingten Zuwendung Gottes sind. Darin liegt seine Identität. Wer dagegen Identität durch Unterschiede definiert, muss immer auch ausscheiden und ausschließen. Wer aber allein durch den Vorgang des Ausschließens seine Identität wahren will, gerät in die Nähe zur Ideologie.

Der Ideologiefalle können Christen am ehesten dadurch entgehen, dass sie das "entscheidend" Christliche als dasjenige identifizieren, das alle Menschen verbindet und sie einander gleich macht. Juden und Christen finden in der Bibel nach der Sintflutgeschichte die Erzählung von einem neuen Anfang in der Geschichte der Menschen. Er beginnt mit einem Bundesschluss Gottes mit der gesamten Menschheit. Seine Heilszusage gilt nicht bloß einem auserwählten Volk, sondern allen Menschen (vgl. Gen 9). Angesichts dieses Bundes gibt es keine Verschiedenheit unter den Menschen, die nicht von einer größeren Gemeinsamkeit umgriffen wird. Gewiss ist es nicht redlich, im interreligiösen Dialog bestehende Unterschiede auszublenden. Aber noch unredlicher ist es, das ungleich höhere Maß an Gemeinsamkeiten - vor allem im Blick auf die monotheistischen Religionen - zu verkennen. Beiden Aspekten ist im interreligiösen Gespräch Rechnung zu tragen. Es bedarf unabdingbar einer verständigungsorientierten Grundeinstellung und ebenso einer Hermeneutik der Differenz der Religionen mit ihren divergenten Geltungsansprüchen, welche der Verschiedenheit der Gesprächspartner gerecht wird.

Seit geraumer Zeit stehen für eine Theologie der Religionen drei Modelle zur Verfügung: (1) Der Exklusivismus vertritt die Auffassung, dass nur eine einzige Religion die heilswirksame Offenbarung (des einen Gottes) unverkürzt repräsentiert. Die vermeintlichen Heilswege anderer Religionen sind Sackgassen - ihre Andersheit kann darum religiös nicht gewürdigt werden. Einen solchen Exklusivismus in Reinkultur vertritt die evangelikale Bewegung. (2) Der Inklusivismus geht davon aus, dass es eine Religion gibt, in der die heilswirksame Offenbarung Gottes vollständig repräsentiert wird. Er hält es jedoch für denkbar und möglich, dass in anderen Religionen Teilaspekte und Schnittmengen mit dieser Offenbarung aufscheinen. Ihre religiöse Andersheit kann in dem Maße positiv gewürdigt werden, wie sie kompatibel ist mit der "Vollgestalt" von Offenbarung und Heil. (3) Der Pluralismus sieht in allen Religionen gleichrangige und ebenbürtige Wege einer heilswirksamen Offenbarung. Keine von ihnen kann für sich beanspruchen, allein selig machend zu sein oder alle anderen zu überbieten. Es gibt darum keinen zureichenden Grund, ihre religiöse Andersheit abzuwerten oder ihnen eine religiöse Wertschätzung vorzuenthalten.

Die bisherigen Modelle einer exklusivistischen, inklusivistischen oder pluralistischen Religionstheologie haben aber letztlich der Doppelaufgabe, Identität und Differenz der verschiedenen Religionen angemessen zu würdigen, nicht zureichend Rechnung tragen können. Entweder wurde die Alterität des religiös Anderen a priori abgewertet (Exklusivismus), lediglich hinsichtlich ihrer Kompatibilität mit dem religiös Eigenen gewürdigt (Inklusivismus) oder nur als facettenhafter Reflex der Manifestation des religiös Einen und Selben (Pluralismus) in den Blick genommen. In diesen Einstellungen gelang genau das nicht, was die elementare Herausforderung einer Theologie der Religionen ausmacht: die Andersheit einer anderen Religion wahrzunehmen und nach Möglichkeiten ihrer religiösen Wertschätzung zu fragen, die das Moment der Differenz, an der gerade die Identität des Anderen hängt, nicht tilgt. An beiden Momenten aber entscheidet sich, ob es ein respektvolles Miteinander von Religionen geben kann.

Die Unüberbietbarkeit des Evangeliums: Wider einen evangelikalen Exklusivismus
Soll eine mögliche Wertschätzung anderer Religionen mit dem Selbstverständnis einer jeden Religion vereinbar sein, dann muss sie in Beziehung gesetzt werden zum Kern ihrer Botschaft. Versucht man nun, Kriterien einer Verhältnisbestimmung zwischen Christentum und anderen Religionen abzuleiten aus dem Gehalt seiner Verkündigung, zeigt sich zunächst die "materiale" Unüberbietbarkeit des Christentums, die auf den ersten Blick jede religiöse Wertschätzung anderer Religionen zu blockieren scheint: Das Christentum versteht Wesen und Wirklichkeit von Gottes Heilswillen als Geschehen unbedingter Zuwendung. Unbedingt ist diese Zuwendung, weil sie an nichts Innerweltlichen Maß nimmt. Nichts Innerweltliches kann sie begründen, herstellen, begrenzen oder mindern. Solchermaßen unableitbar kann sie auch an der Welt nicht abgelesen werden, sondern bleibt an ihr verborgen. Sie wird nur dadurch offenbar, dass sie in der Menschwerdung Gottes erschlossen wird und sich in diesem Erschließungsgeschehen selbst ereignet. Das Offenbarwerden von Gottes Heilswillen bedeutet nicht die Manifestation einer Absicht Gottes, die lediglich auf ihre Realisierung verweist, sondern geht mit ihr einher. Als geschichtliches Ereignis dieser Offenbarung, als geschichtliches Erschließungsgeschehen des Heilswillens Gottes behauptet das Christentum das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu von Nazareth, in dem aufgeht, dass Gott dem Menschen in Leben und Sterben bleibend zugewandt ist. Realisiert wird in dieser Form und Gestalt von Gottes Heilswillen auch die Entsprechungseinheit von Inhalt und Vollzug. Jesus offenbart Gottes Verhältnis zum Menschen, indem er selbst interpersonal vollzieht, was er offenbart: unbedingte Zuwendung. Keine Macht der Welt - auch nicht der Tod - vermag die Zusage Gottes zur Gemeinschaft mit dem Menschen aufzuheben. Inhaltlich ist die Offenbarung Gottes in Jesus von Nazareth aus christlicher Sicht weder ergänzbar noch steigerbar. "Mehr" hat der Mensch von Gott nicht zu erwarten, als dass dieser ihm seine Gemeinschaft im Leben wie im Tod zusagt.

Aus dieser materialen Unüberbietbarkeit des Evangeliums könnte nun ein evangelikaler Exklusivismus mit einem formalen "Alleinvertretungsanspruch" gefolgert werden. Dieser ist aber gerade ausgeschlossen, weil das Christentum eine "Sache" vertritt, deren Gehalt nicht auf den Kreis der Christen eingeschränkt ist: die Universalität des Heilswillens Gottes. Unter dieser Rücksicht begründet die materiale Unüberbietbarkeit des Christentums zugleich seine Relativität. Es verkündet die Zuwendung Gottes zu den Menschen, welche nicht auf die historisch partikulare Gemeinschaft der Christenheit begrenzt ist. Zwar gilt: Es gibt kein "Mehr" zu einer Offenbarung Gottes im Leben, Sterben und Auferstehen eines Menschen, zu der die christliche Offenbarung nur eine Teilmenge oder Teilwahrheit bildet. Die besondere Bedeutung Jesu liegt aber vielmehr darin, dass in ihm die Zuwendung Gottes zur Welt, wie sie verborgen seit Grundlegung der Welt ("Schöpfung") besteht, in der Welt offenbar wird und sich in ihr ereignet ("Inkarnation"). Daher gehört er auch für Christen in die "Identifikation" von Gottes Heilswillen hinein, d.h. man kann als Christ/in nicht vom Heilswillen Gottes als Manifestation unbedingter Zuwendung reden, ohne von dem Ereignis dieser Zuwendung in Jesus zu sprechen. Und ebenso gehört Gottes Heilswillen in die "Identifikation" Jesu hinein, d.h. man kann nicht angemessen von Jesus sprechen, ohne ihn mit dem Geschehen unbedingter Zuwendung zu assoziieren.

Was aber ergibt sich daraus für den möglichen "Offenbarungsgehalt" anderer Religionen? Wie sollen Christen reagieren, wenn Vertreter anderer Religionen ebenfalls einen Unüberbietbarkeitsanspruch für sich reklamieren (wie z.B. im Islam)? Kann es einen solchen Anspruch "im Plural" geben? Oder gerät man hierbei nicht in unaufhebbare Widersprüche? Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist möglich, wenn darauf geachtet wird, wofür jeweils Unüberbietbarkeit beansprucht wird und welche spezifische Form einer Erfahrung von Unbedingtheit diesen Anspruch stützen kann. Für das Christentum gilt: Konstitutiv für das Geschehen unbedingter Zuwendung ist der Ineinsfall von Vollzug und Gehalt im Prozess interpersonaler Zuwendung. Was unbedingte Zuwendung ausmacht, lässt sich nur auf dem Weg unbedingter Zuwendung demonstrieren. Sie ist nur auf diesem Weg "originär" erfahrbar und vermittelbar. Außerhalb dieser Praxis ist für das Christentum die Wirklichkeit Gottes als Wirklichkeit unbedingter personaler Zuwendung nicht zu erschließen. Im Christentum können somit Heilsweg und Heilsinhalt nicht voneinander getrennt werden, da es hier um die Erschließung material unüberbietbarer, unbedingter (personaler) Zuwendung geht.

Für das Christentum besteht aber lediglich in dem Sinne eine materiale Unüberbietbarkeit, dass im Vollzug (inter)personaler Zuwendung die Wirklichkeit Gottes bzw. das Menschenverhältnis Gottes dem Menschen originär gegeben ist. Unbedingtheit und Unüberbietbarkeit gelten in Bezug auf die interpersonale Gegebenheitsweise von Gottes Zuwendung. Es ist nicht a priori auszuschließen, dass es daneben andere Gegebenheitsweisen einer Erfahrung von Unbedingtheit bzw. des Unbedingten gibt, in denen die eine unbedingte Wirklichkeit heilsrelevanter Offenbarung ganz und doch anders erfahrbar wird. Eine solche Möglichkeit kennt auch das Christentum mit seiner Rede vom allgemeinen Heilswillen Gottes, dessen Gehalt und Logik einen (Selbst-)Überstieg auf andere (d.h. nicht-personale) Gegebenheitsweisen denkbar machen.

Genau dies übersieht die evangelikale Bewegung. Sogar gegenüber dem Judentum wird bestritten, dass ein niemals gekündigter Bund es zum Volk Gottes macht: "Es wird manchmal behauptet, dass aufgrund des Bundes Gottes mit Abraham Juden Jesus nicht als ihren Messias anerkennen müssen. Wir bekräftigen, dass sie ihn wie jeder andere auch brauchen. Es wäre eine Form des Antisemitismus wie auch der Untreue gegenüber Christus, von dem neutestamentlichen Muster abzuweichen, das Evangelium 'den Juden zuerst' zu bringen. Wir verwerfen darum die Behauptung, dass die Juden ihren eigenen Bund haben, der den Glauben an Jesus unnötig macht" (Manifest von Manila). Diese Aussage ist in keiner Weise in Einklang zu bringen mit der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen bzw. zum Judentum.

Wenn es zutrifft, dass das Christentum Ereignis und Konsequenz der Zuwendung Gottes zu den Menschen ist, die unbedingt und unendlich ist und daher auch nicht an den Grenzen der Christenheit endet, dann vergegenwärtigt das Christentum eine Wirklichkeit, die in ihm unüberbietbar präsent ist und es zugleich übersteigt. Daher können Christen gar nicht Anhänger eines religionstheologischen Exklusivismus sein! Es würde der Unbedingtheit und der Universalität von Gottes Heilswillen widersprechen, wenn man ihn nur im Christentum am Werk sehen wollte. Im Christentum ist er real präsent und zugleich übersteigt er das Christentum.

 

    {*} Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln

 

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