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Karl H. Neufeld SJ

Zweite Afrika-Synode

 

Aus: Stimmen der Zeit, 7/2007, S. 495-498

 

Die Situation auf dem Schwarzen Kontinent ist bedrückend. Meldungen von Bürgerkriegen, Hungersnot, Epidemien, Gewalt und Katastrophen reißen nicht ab. Es bedarf nicht einmal besonderer Aufmerksamkeit, um das mitzubekommen. Zugleich wächst die katholische Kirche auf diesem Kontinent, wo sie in manchen Ländern die einzig funktionierende öffentliche Einrichtung im Dienst der Menschen ist. Nach einer ersten Synode 1994 unterzeichnete Papst Johannes Paul II. sein nachsynodales Schreiben "Ecclesia in Africa" später feierlich in Kamerun {1}, wo man sich ein Jahrzehnt danach zu einer Besinnung und einem Ausblick auf eine weitere Synode traf.

Das Buch "DŽun synode africain à lŽautre, Réception synodale et perspectives dŽavenir: Église et société en Afrique" (Paris 2007) {2} greift die von Papst Benedikt XVI. bestätigte Ankündigung des Vorgängers auf und veröffentlicht die Berichte über das Geschehene sowie das Vorbereitungspapier samt einem Fragebogen, zu dem bis Oktober 2008 Stellung genommen werden kann. Natürlich geht es dabei um einen Prozeß, an dem vor allem die Afrikaner selbst interessiert sein sollten. Aber auch für andere Christen ist der Vorbereitungsprozeß der Synode von Interesse und Bedeutung. Dabei fällt auf, daß man das Geschehen im Sinn alter kirchlicher Tradition als Glaubensereignis anzulegen und durchzuführen sucht, doch um soziale und politische Fragen wie die nach der Gerechtigkeit, der Güterverteilung und der Sicherung grundlegender Lebensmöglichkeiten wird man dabei nicht herumkommen.

Der Versuch, dem nur durch Hinweis auf die katholische Soziallehre zu entsprechen, wirkt freilich etwas hilflos und einfach, so wirkungsvoll sich deren Prinzipien auch in Europa bewährt haben. Die Herausforderungen wurden schon zur ersten Synode für Afrika gut zusammengestellt und im päpstlichen Schreiben ausführlich erörtert, aber die jüngeren Entwicklungen im Bereich von Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung machen ein neues Treffen dieser Art dringlich.

Dabei darf es nicht nur bei einer Bischofsversammlung bleiben, sondern es muß um eine Verlebendigung der ganzen Kirche auf dem Schwarzen Kontinent gehen. Was mit der ersten Synode eingeleitet wurde, darf nicht einfach ad acta gelegt werden - Fortführung heißt die Devise. Doch die Situation hat sich beträchtlich verändert und verschärft. Daß es auch positive Entwicklungen gab, wird immer wieder hervorgehoben und betont. Leider jedoch sind die Ausfälle und Verschlechterungen um ein vielfaches deutlicher und greifbarer. Sie finden sich in allen Bereichen, vor allem jedoch im Schul- und Gesundheitswesen sowie in der Frage nach existenzsichernder Arbeit. Ein Großteil der Migrationen erklärt sich daraus. Eine allgemeine Unsicherheit des Lebens bedroht viele und läßt sie nach Auswegen Ausschau halten, die zum Teil auch in Drogen gesucht werden.

Das Vorbereitungspapier - die sogenannten "Lineamenta" - geht von dieser Situation aus und beschreibt sie klar und eindeutig, ehe die Rolle der Religionen angesichts dieser Lage zur Sprache kommt. "Quo va-

 


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dis, Africa?" - das ist die große Frage. Die Kirche sucht nach einer Antwort von ihrer Mitte, die Jesus Christus ist. Sie bietet ihn an als Wort des Lebens in Fülle und als Brot des Lebens. Von ihm her bestimmt sie ihre eigene Aufgabe und ihren Einsatz für Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden in Afrika.

Allerdings macht sich hier ein Sprach- und Darstellungsproblem bemerkbar. Synoden können anregen, Bewußtsein schaffen, Einsätze auslösen und als Ereignis ein Stimulus zum Handeln in Gemeinsamkeit, zum Sammeln der Kräfte werden. Aber wie müßte das in unserer Zeit geschehen und aussehen, um die erhoffte Wirkung zu erzielen? Ständig sind wir Kampagnen und Mobilisierungen ausgesetzt, auf kürzere und auf längerfristige Ziele hin. Mit modernsten Werbemethoden werden sie eingeleitet und realisiert. Aber entspricht das jener Art, die Christen und Kirche seit langem als angemessen für Evangelium und Glaube entwickelten? Es geht nicht um automatische Programmierung von Verhaltensweisen. Gefragt sind Verantwortung, Entscheidungsbereitschaft und persönlicher Mut. Der Spagat zwischen Betonung des Guten und zugleich dem realistischen Blick auf die Lage mit ihren Schrecken und ihrer Grausamkeit wirkt oft wenig glaubhaft. Gerade die Konzentration auf religiöse Fragen scheint entfremdend, solange die einfachsten Voraussetzungen des Lebens sich mehr und mehr auflösen und schwinden oder wegbrechen.

Jedenfalls bleiben Fragen angesichts der Zusammenstellungen von Erfolgen und Verbesserungen im letzten Jahrzehnt. Echte Hoffnung und Zuversicht scheinen sie nicht bewirkt zu haben, so beschwörend hier auf sie hingewiesen wird. Denn immer mehr Afrikaner wählen den Weg in die Emigration. Notgedrungen erweitert sich die Aufgabe der Kirche auf die entsprechenden fehlenden Voraussetzungen, ohne die Verkündigung von Evangelium und Glaube ohne Grundlage bleibt. Die Fragen nach Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede sind nicht zufällig zum Thema der anstehenden Synode geworden, doch sind es sehr konkrete Schwierigkeiten mit je eigenem Charakter, der auch in Diagnose und Therapievorschlägen deutlich werden muß. In Europa entwickelte und erprobte Mittel dürften dem nur sehr eingeschränkt gerecht werden können, zumal sie auch hier sehr ambivalente Folgen hatten und als theoretische Lehre häufiger Anlaß zu neuen Streitigkeiten boten. Wirksame Motive für lebendigen Einsatz sehen vielfach anders aus. Muß sich nicht auch darum eine Synode für Afrika mit Fragen befassen, die unlösbar mit dornigen politischen Schwierigkeiten verbunden sind?

Es wird wichtig sein, Möglichkeiten dafür zu finden, ohne das kirchliche Zeugnis als solches ins Zwielicht geraten zu lassen. Denn es wird auf der anderen Seite auch politische Kräfte geben, die versuchen, solche Aussagen um ihre mögliche Wirkkraft zu bringen. Sind nicht schon in den vorliegenden Texten Rücksichtnahmen dieser Art deutlich spürbar? Wer geht dann im Tun voran? Forderungen werden erst dort drängend, wo sie praktisch umgesetzt werden und Ergebnisse zeitigen, die Anerkennung finden. Die im Blick auf die zweite Synode sich aufdrängenden Forderungen reichen sehr weit. Die Möglichkeiten, sie praktisch anzugehen, sind jedoch beschränkt. Sicher läßt sich einiges durch Beispiele erreichen, doch auch sie brauchen einen gewissen Umfang und echte Wirkung, um nicht als Spielereien abgetan zu werden.

All diese Fragen haben mit der Aneignung, der Rezeption solcher Synoden zu tun. Wie werden sie aufgenommen und umgesetzt? Was überzeugt, was nicht? Es ist nicht ausgemacht, daß die Sicht jener, die die Texte formulieren, wirklich mit der Sicht

 


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jener anderen zusammenfällt, die das praktisch umsetzen sollen und müssen.

Ein Vorwurf läßt sich den Letzteren daraus nicht machen, wenn sie sich nach bestem Wissen und Gewissen bemühen. Ist ihr Wissen und Gewissen aber bei den Formulierungen richtig eingeschätzt oder gleich überfordert worden? Haben sie einen möglichen Zugang, oder ist ihnen die Sache aus welchen Gründen auch immer versperrt? Was aufgenommen wird, wird immer den Möglichkeiten des Aufnehmenden entsprechend aufgenommen, sagten schon die alten Scholastiker. Unter dieser Rücksicht wäre zu sehen, ob nicht mancher Ausfall im Blick auf die erste Synode vom Mangel solcher Möglichkeiten abhing. Deswegen wäre dieser Gesichtspunkt bei der geplanten Synode gleich so in Geltung zu bringen, daß schon die Schwierigkeiten in der Rezeption mitbedacht und möglichst gering gehalten werden.

Joseph Ndi-Okalla, der erste Herausgeber von "DŽun synode africain à lŽautre", hat sich Gedanken zu diesem Problem gemacht: "Hermeneutik der Rezeption einer afrikanischen Synode" (13-31) und dazu zwischen einer biblischen, theologischen und ekklesiologischen Rezeption sowie einer solchen der Erinnerung - einer pastoralen und praktischen - unterschieden. Man könne in den Sachfragen geniale Vorschläge und Anregungen formulieren, die dann doch nicht aufgenommen würden. Für eine erfolgreiche Umsetzung muß also die Zustimmung der unterschiedlichen Seiten erreicht werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach dem besten Ort für die Synode. Die erste Afrika-Synode fand in Rom statt. Das nachsynodale Schreiben "Ecclesia in Africa" wurde dann auf dem Schwarzen Kontinent veröffentlicht; ebenso sind dort der Rückblick und der Ausblick versucht worden. Das bleibt für die Rezeption nicht ohne Bedeutung. Es hindert auch keineswegs, daß Vertreter der Weltkirche sich nach Afrika begeben und dort ihre Sicht aus anderer Perspektive einbringen. Am Schluß des Vorbereitungspapiers ist der spirituelle Beitrag zu Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede herausgestellt. Auch hier ließe sich nach der spezifisch afrikanischen Färbung fragen, wenn es denn keine allgemeine Allerweltsspiritualität gibt, die nur ein blasses Abstraktum wäre. Aber in diese Richtung verweisen schon etliche Punkte des anhängenden Fragebogens mit seinen 32 Themen.

Es ist zu wünschen, daß der Anstoß ein breites Echo auslöst und viele ermutigt, nicht nur mit Antworten, sondern auch mit weiteren Hinweisen zur Sammlung einer breiten Basis für die Vorbereitung einen Beitrag zu leisten. So könnte sichergestellt werden, daß die Arbeit der Synode möglichst nah an den Erfahrungen und Schwierigkeiten der Kirchen in Afrika bleibt und Ergebnisse zeitigt, die dort als echte Hilfe eine breite Annahme finden können. Ein nicht zu unterschätzendes Problem wird die Selbständigkeit der Kirche in Afrika sein. Dazu gehört auch die angesprochene und diskutierte Frage der Eigenfinanzierung und der Schritte, die nötig sind, um dieses Ziel zu erreichen. Es mag nicht die zentralste Aufgabe afrikanischer Christen sein. Unzweifelhaft jedoch hat sie für Selbstbewußtsein und Verantwortung entscheidende Bedeutung.

Das Schicksal der katholischen Kirche in Afrika wird auch von Bedeutung sein für die Situation der Kirche im ganzen, deren lebendige Einheit und gemeinsame Lebensfähigkeit von einem Austausch bedingt wird, in dem Altes und Neues ebenso seinen Platz hat wie Geben und Nehmen, Fördern und Fordern, Miteinander und Füreinander, Eigenständigkeit und Zusammenhalt. Der Blick darauf mag unterschiedlich sein, die konkreten Gestalten jeweils ebenso. Aber es kann nicht angehen, daß sich die ungerech-

 


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ten Strukturen der Welt in der Kirche noch einmal verdoppeln. Von Europa aus ist es schwierig, Afrika Ratschläge zu erteilen. Wohl aber ist es möglich, Einfluß auf jene Kräfte in der Welt auszuüben, die für diese Entwicklungen verantwortlich sind, dabei aber nicht selten Maximen folgen, die weder das Wohl Afrikas im Blick haben, noch im christlichen Glauben verwurzelt sind. Aus der Globalisierung kann heute niemand mehr aussteigen. Der notwendige Einfluß läßt sich auch kaum mit rein religiösen Argumenten durchsetzen. Hier liegt eine Herausforderung für die Weltkirche, die schon um ihrer eigenen Glaubwürdigkeit willen die Synode für Afrika nicht einfach sich selbst überlassen darf. Deren Themen "Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede" haben eine weltweite Dimension. Sollte es gelingen, möglichst bereits in der vorbereitenden Konsultation dazu Vorschläge zu entwickeln, die Afrika echte Hoffnung geben können, dann wäre schon sehr viel gewonnen.

Der Weg der Kirche in Afrika zu ihrer zweiten Synode auf der Suche nach einer Lösung der vielfältigen Probleme des Kontinents ist für die gesamte Kirche von Bedeutung. Die erste Synode hat sich zusammenfassend unter das Bild der Familie Gottes gestellt. In der zweiten soll Afrika als Heimat Jesu Christi entfaltet werden. Aber hat er dort wirklich ein Zuhause gefunden? Und das für alle? Läßt man die Afrikaner in diese Richtung gehen, auch wenn dies zu neuen und überraschenden Ausdrucksformen von Kirche führt? Man könnte weitere Fragen dieser Art stellen. Noch stehen wir zwischen den Synoden. Die Wirklichkeit Afrikas ist von Flucht, Aids, Bürgerkriegen, Auseinandersetzungen um Bodenschätze und politische Strukturen gekennzeichnet. Trotz seiner großen Wüsten ist der Kontinent nicht arm, doch vieles von dem dort Erwirtschafteten kommt anderen zugute, wohingegen die Afrikaner in vielem von Importgütern leben.

Im Weltzusammenhang wurde Afrika politisch, wirtschaftlich und infrastrukturell als "vergessener Kontinent" bezeichnet. Doch Afrika ist Teil unserer Welt und in vielem ihr Opfer. Versöhnung wird deshalb über Afrika hinaus zu suchen sein, so sehr sie auch eine Aufgabe auf dem Schwarzen Kontinent selbst bleibt. Gerechtigkeit in Afrika ist nur im weiteren globalen Zusammenhang möglich. Frieden in Afrika ist keine Frage, die nur aus einer neutralen Beobachterperspektive in den Blick genommen werden kann. Afrika ist in Süd- und Nordamerika längst angekommen - als Folge einer Geschichte, die nicht zu den Ruhmesblättern der zivilisierten Welt gehört. Afrika drängt auch nach Europa, und die dort wachsenden Ängste haben längst Verhaltensweisen erzeugt, die ebenfalls nicht zu den Ruhmesblättern in der Geschichte der Menschheit unserer Zeit zählen. Eine Besinnung der Kirchen in Afrika wird ohne eine Besinnung der Kirchen anderswo unvollständig bleiben. Und eine bloße Besinnung ist zu wenig. Vielleicht eröffnet die zweite Afrika-Synode weiterführende Wege.

 

{1} Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben "Ecclesia in Africa" (VApST 123, Bonn 1995).

{2} "DŽun synode africain à lŽautre, Réception synodale et perspectives dŽavenir: Église et société en Afrique", hg. v. Joseph Ndi-Okalla u. Antoine Ntalou, Paris: Karthala 2007. 232 S. Br.

 

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