Georg Evers {*}Gefährdete KoexistenzMuslimische Mehrheit und christliche Minderheit in Indonesien
Aus: Herder Korrespondenz, 2006/5, S. 249-255
Seit dem Ende der Regierung von Präsident Hadji Mohamed Suharto (1966-1998) hat Indonesien eine Phase durchgemacht, die geprägt war von wirtschaftlichen und innenpolitischen Krisen, welche die politische Stabilität des Landes gefährdeten. Den jeweils nur kurz regierenden Präsidenten Bacharudin Habibie (1998-1999), noch von Suharto eingesetzt, Abdurrahman Wahid (1999-2001) und Megawati Sukarnoputri (2001-2004) war es nicht gelungen, die großen Probleme eines demokratischen Neuanfangs in Indonesien in den Griff zu bekommen. Unter der autoritären Regierung von Präsident Suharto waren die Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen, zwischen Christen und Muslimen und zwischen Arm und Reich in der indonesischen Gesellschaft verdrängt worden und durften in der Öffentlichkeit und in der Presse schlichtweg nicht erwähnt werden. Denn auch während der Herrschaft von Suharto hatte es schon Fälle von Zerstörungen christlicher Kirchen und religiös motivierter Gewalttaten gegeben. Zu größeren Unruhen kam es dann bald nach dem Ende des Suharto-Regimes, als es zunächst in den großen Städten zu Ausschreitungen gegen die reichen chinesischen Kaufleute kam. Von 1999 an änderte sich das Feindbild, und es begannen gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen christlichen und muslimischen Milizen in Ambon auf den Molukken und in Süd-Sulawesi, bei denen es viele Todesopfer auf beiden Seiten gab. Ursächlich gingen die Gewalttaten auf die von der Regierung Suharto jahrzehntelang verfolgte "Umsiedelungs-Politik" (transmigrasi) zurück, bei der gezielt Muslime in vorrangig von Christen bewohnte Gebieten auf den Molukken und in Süd-Sulawesi sowie in Papua umgesiedelt wurden, wodurch die religiösen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse zu Ungunsten der Christen verändert wurden. Die politische Stoßrichtung der religiös motivierten Gewaltakte zielte auf eine generelle Destabilisierung im Lande und auf ein Schüren von gegenseitigem Hass und Misstrauen unter Christen und Muslimen. Neben den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Religionsgemeinschaften mehrten sich Anschläge radikaler muslimischer Gruppen, die sich gegen die Bindung Indonesiens an
250den Westen und gegen den internationalen Tourismus richteten. Seit dem 20. Oktober 2004 regiert Susilo Bambang Yudhoyono als sechster Präsident die Republik Indonesien, nachdem er sich mit deutlicher Mehrheit von 60 Prozent bei der Stichwahl gegen die vormalige Präsidentin Megawati Sukarnoputri durchgesetzt hatte. In seiner bisherigen Amtszeit hat es der aus dem Militär kommende Yudhoyono verstanden, Ruhe und Beständigkeit in die Regierungsgeschäfte zu bringen.
Nicht länger ein tolerantes VorzeigelandAuch in der Bekämpfung des Terrorismus kann Präsident Yudhoyono erste Erfolge aufweisen. Nach dem zweiten Terroranschlag auf der Insel Bali im Oktober 2005 gelang es den Sicherheitsbehörden, relativ schnell das Netz der Terroristen zu zerschlagen und Azahari Husin, den Anführer der terroristischen Gruppe Jemaah Islamiah, zu töten. Vizepräsident Jussuf Kalla, der über gute Verbindungen zu den muslimischen Gruppen verfügt, nutzte seine Beziehungen, um alle großen Muslimorganisationen, einschließlich der radikalen, zu einer deutlichen Verurteilung der Selbstmordattentate als mit dem Islam unvereinbaren Taten zu veranlassen. Lange Zeit galt der Islam in Indonesien als sehr gemäßigt und das Verhältnis der Muslime zur christlichen Minderheit als gut und nachbarschaftlich. Schließlich unterscheidet sich der Islam in Indonesien in vieler Hinsicht von dem in den arabischen Kernländern. Mit einem Anteil von 88 Prozent an der Bevölkerung ist Indonesiens zwar das Land mit der größten Anzahl von Muslimen in der Welt. Aber die fast 200 Millionen indonesischer Muslime sind in der Art, wie sie ihre Religion leben, wenig homogen. Die Mehrheit der offiziell in der Statistik der Muslime geführten Personen praktizieren zwar die wichtigsten islamischen Rituale und Vorschriften, sind aber mehr äußerlich vom Islam berührt und fühlen sich im Herzen am stärksten javanischer Religiosität, Ethik und Brauchtum verpflichtet. Durch diese traditionelle Haltung unterscheiden sich die Abangans, wie diese Gruppe der Muslime genannt wird, von den Shantis, die ihre Zugehörigkeit zum Islam sehr ernst nehmen und möglichst allen damit verbundenen Verpflichtungen nachkommen. Bekehrungen von Muslimen zum Christentum, die in Indonesien relativ häufig sind und bis jetzt legal möglich sind, wenn sie ohne gezielten Proselytismus zustande kamen, kommen gewöhnlich aus der Gruppe der Abangans. Von großer Bedeutung sind die beiden miteinander rivalisierenden islamischen Massenorganisationen. Auf der einen Seite die Muhammadiya, die 1912 als Reformbewegung des Islam in Indonesien gegründet wurde und heute 30 Millionen Mitglieder zählt. Die andere Gruppierung ist die Nahdlatul Ulama (NU), gegründet 1926, die als eher traditionell und konservativ gilt und mit 40 Millionen Mitgliedern die zahlenmäßig stärkste islamische Organisation im Lande ist. Indonesien galt einmal als eine Art Vorzeigeland an Toleranz und Verständigung und Modell für das friedliche Zusammenleben von Angehörigen verschiedener Religionsgemeinschaften. Dieses Bild hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend geändert. Heute gerät das Land mit den vielen Inseln, Volksgemeinschaften und Religionen immer häufiger in die Schlagzeilen der internationalen Presse, wenn es um religiös motivierte Gewalttaten gegen Personen und kirchliche Einrichtungen geht. Trotz vereinter Anstrengungen seitens der religiösen Führer im Lande, die gemeinsam an die Bevölkerung appellierten, der Gewalt zu entsagen und Schulungen für friedliches interreligiöses Zusammenleben veranstalteten oder durch andere Maßnahmen versuchten, Harmonie und Frieden wiederherzustellen, gehen die Gewalttaten weiter. Hardliner auf muslimischer Seite treten für die Einführung des Scharia-Rechtes im ganzen Land ein und verunsichern damit die Angehörigen der religiösen Minderheiten. Seit den Tagen des Afghanistankrieges gibt es Gruppen radikaler Muslime, die ihre dort erhaltene Ausbildung als Terroristen für das Al-Quaida-Netz oder für andere extremistische Gruppen mit Anschlägen im Lande in die Tat umsetzen. Christliche fundamentalistische Prediger und Missionare verursachen Spannungen auch mit gemäßigten Muslimen, welche die aggressive Proselytenmacherei dieser Gruppe als Angriff auf den Islam strikt ablehnen. Heftige Kritik gab es auch gegen einige christliche Hilfsorganisationen, denen vorgeworfen wurde, die Tsunami-Katastrophe für Proselytismus ausgenutzt zu haben. Auf den Tsunami vom 26. Dezember 2004 reagierte die Weltgemeinschaft mit einer bis dahin selten gesehenen Spendenbereitschaft. Aber nicht bei allen an den Hilfsmaßnahmen beteiligten Organisationen war menschliche Solidarität das einzige Motiv. Es gab auch Gruppierungen, wie die aus den USA stammende christliche Organisation World Help, die beispielsweise 300 Kinder aus Aceh in die USA bringen wollte. Dieser Plan wurde von den Muslimen scharf kritisiert, weil sie dahinter die Absicht vermuteten, die indonesischen Kinder in den USA zum Christentum bekehren zu wollen. Auch die Indonesische Bischofskonferenz und die Gemeinschaft der Protestantischen Kirchen in Indonesien lehnten den Missbrauch humanistischer Hilfe zum Zweck versteckter missionarischer Absichten scharf ab, so dass World Help von ihrem Vorhaben absah.
251Gezielt gegen jede Form christlicher Missionstätigkeit richtet sich die "Vereinigung der Anti-Apostasie-Bewegung" (Aliansi Gerakan Anti Pemutradan), ein Dachverband von 27 islamischen Organisationen, der für viele Kirchenschließungen und auch Kirchenzerstörungen auf Java verantwortlich ist. Es sind diese Gruppen, die sich dafür einsetzen, die Scharia-Gesetze im ganzen Land verbindlich einzuführen.
Bemühungen um Einführung der SchariaDie Debatte über die Einführung der Scharia begann schon unmittelbar nach der Unabhängigkeit Indonesiens 1945, als von traditionellen muslimischen Kreisen versucht wurde, in die indonesische Verfassung einen entsprechenden Passus einzubringen. Dabei ging es um die Einfügung einer Präambel in die Verfassung (die so genannte Jakarta-Charta), welche vorschreiben sollte, dass muslimische Bürger ihre religiösen Pflichten zu erfüllen hätten. Die damalige Entscheidung, das neue unabhängige Indonesien zu einem multikulturellen und multireligiösen Staat zu machen, führte zur Einführung der Pancasila, deren fünf Prinzipien - Nationalismus, Humanismus, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Monotheismus - als für alle Religionen verbindlich Toleranz und friedliches Miteinander der verschiedenen Religionen im Lande sicherstellen sollten. Indonesien versteht sich als ein säkularer Nationalstaat. Konkret heißt das, dass es keine Sonderregelungen geben darf, welche Gruppen aus ethnischen oder religiösen Gründen diskriminieren. Trotz verstärkter Bemühungen und Propaganda islamistischer Kreise hält eine klare Mehrheit der indonesischen Bevölkerung an der damals getroffenen Entscheidung fest und lehnt eine Einführung der Scharia nach wie vor entschieden ab. Eine Einführung der Scharia würde die gesetzliche Stellung der Familie verändern, zur Einführung religiöser Gerichte führen, die im Islam vorgeschriebenen Abgaben für Arme (zakat) jedenfalls für Muslime verbindlich machen und das Bankwesen beeinflussen. Zur Stärkung der eigenen Position hatte die Regierung von Präsident Suharto eine Reihe islamischer Initiativen unterstützt, wie zum Beispiel die Gründung der Vereinigung Muslimischer Intellektueller (ICMI) 1990, die Sammlung islamischer Gesetze (1990), die Veranstaltung eines islamischen Kulturfestes (1991), die Gründung einer Islamischen Bank (1992) und die Schließung der staatlichen Lotterie (1993), die einer schleichenden Islamisierung den Weg bereiten sollten. Seit einigen Jahren lässt sich in Indonesien tatsächlich eine zunehmende Islamisierung der Gesellschaft beobachten. Das zeigt sich zum Beispiel im Straßenbild, wo die Zahl der Frauen, die den Schleier tragen, stark zugenommen hat. Regional gibt es immer wieder Versuche, die Scharia zumindest für Muslime verbindlich einzuführen. Am meisten betroffen von diesen Maßnahmen sind die Frauen. In einigen Bezirken, zum Beispiel in Banten auf Java, Padang, West Sumatra, West-Java und Süd-Sulawesi, wurden Zusatzgesetze und Verordnungen eingeführt, welche die Kleidung von Frauen regulieren und Frauen, die in irgendeiner Weise in der Öffentlichkeit sich sexueller Freizügigkeit verdächtig machen, mit drakonischen Strafen belegen. Gegenwärtig läuft eine Kampagne gegen Pornographie - an sich eine nicht weiter aufregende Angelegenheit, wenn sie nicht von islamistischen Kreisen dazu benutzt würde, Kleidervorschriften der strengen Richtung des Islam generell für alle im Land durchzusetzen. Die Bedeutung von Religion, religiösen Praktiken und Bräuchen im Allgemeinen hat zugenommen. In der indonesischen Öffentlichkeit und vor allem in der Presse werden diese Tendenzen scharf kritisiert und wird die Beachtung der Trennung von Religion und Staat eingefordert. Nach der Verfassung kann nur die Zentralregierung Bestimmungen in religiösen Fragen erlassen; den regionalen Regierungen steht dieses Recht nicht zu. Wirkung zeigte auch die Ankündigung von führenden Politikern auf Bali, die mit der Unabhängigkeit ihrer Insel drohten, sollte die Scharia in ganz Indonesien verbindlich werden. Weniger glaubwürdig waren ähnliche Erklärungen aus Papua und den östlichen Inseln, wo die Christen die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Doch es zeigt sich auch immer wieder, dass es dem indonesichen beziehungsweise javanischen Lebensgefühl widerspricht, radikalen religiösen Parolen nachzulaufen. Am 29. Juli 2005 erließ der "Rat der Islamischen Gelehrten" (Majelis Ulama Indonesia) eine Rechtsbelehrung (fatwa), die im Lande für viel Unruhe sorgte und das Klima des interreligiösen Zusammenlebens im Lande belastete. In einer der Bestimmungen wird die aus Pakistan stammende Ahmadiya-Bewegung als "unislamisch" bezeichnet und ihren Mitgliedern das Recht abgesprochen, sich weiter als "Muslime" zu bezeichnen. Für die Rechtsgelehrten gelten sie damit als "Abtrünnige" (murtad). Ein Kabinettsmitglied riet allen Ernstes den Ahmadiya-Mitgliedern, sich als eine neue Religionsgemeinschaft außerhalb des Islam zu konstituieren, um damit den Repressionen seitens der orthodoxen Muslime zu entgehen. In einer weiteren Verlautbarung werden "Pluralismus", "Säkularismus" und "Liberalismus" als mit dem Islam nicht vereinbare Positionen bezeichnet. Im Hinblick auf die interreligiöse Verständigung von besonderem Gewicht ist jedoch das Verbot für Muslime in Indonesien, sich an interreligiösen Gebetsveranstaltungen mit Angehörigen anderer, nichtislamischer Religionen zu beteiligen. Verglichen mit anderen muslischen Ländern blieben dagegen die Demonstrationen gegen die Karikaturen des Propheten Muhammad der dänischen Zeitung Jyllands Posten in Indonesien relativ friedlich. In Jakarta wurde die dänische Bot-
252schaft angegriffen, woraufhin die dänische Regierung das diplomatische Personal abberief. Auch vor der amerikanischen Botschaft wurde demonstriert. Im Februar 2006 haben Verantwortliche aus allen Religionen des Landes bei einer interreligiösen Konferenz in Jakarta gemeinsam die Veröffentlichung der Karikaturen als nicht durch die Pressefreiheit gedeckt kritisiert und zu mehr Achtung vor religiösen Überzeugungen anderer aufgerufen. Fast schon skurril ist, dass in Manado in Nord-Sulawesi ein buddhistischer Tempel verbrannt wurde, weil ein buddhistischer Mönch in einer Diskussion um die Karikaturen die Frage stellte, warum der Prophet Muhammad eigentlich nicht bildlich dargestellt wurden dürfe.
Die Todesurteile gegen Katholiken auf SulawesiIm Jahre 2000 hatte es in Poso, der Bezirkshauptstadt in der Provinz Zentral-Sulawesi heftige Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen gegeben. Hintergrund der Auseinandersetzungen waren Verschiebungen in den lokalen Machtverhältnissen. Aus einem Streit zwischen Jugendlichen entwickelte sich ein Kampf der Religions- und Volksgruppen gegeneinander, bei dem über 1000 Personen ihr Leben verloren und eine Reihe von Kirchen und Moscheen zerstört wurden. Anfang 2001 wurden drei Katholiken als Hauptbeschuldigte angeklagt und vom Bezirksgericht in Palu zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung der Todesurteile wurde nach Ablehnung eines Revisionsantrags und eines Gnadengesuchs bei Präsident Susilo Bamgang Yudhoyono ursprünglich für Ende März 2006 angesetzt. Doch kurz vor dem Exekutionstermin wurde neues Entlastungsmaterial vorgebracht, das belegte, dass die Angeklagten zum Zeitpunkt der Taten nicht an den Tatorten gewesen sein konnten. Das ursprünglich eher verlegene Schweigen der Christen, die sich der wegen der von Glaubensbrüdern begangenen Gewalttaten schämten und daher nicht für die Angeklagten eingetreten waren, wich nun immer stärkeren Protesten wegen des Vorgehens gegen die drei katholischen Männer, die als einfache Leute und Analphabeten sich nur unzureichend verteidigen konnten und offensichtlich als Sündenböcke dienen sollten, um die eigentlichen Drahtzieher zu schützen. Auch die internationale Öffentlichkeit nahm nun verstärkten Anteil am Los der zum Tode verurteilten Katholiken. Mitte März schaltete sich auch Benedikt XVI. persönlich ein, als er Bischof Joseph Suwatan von Manado in Rom empfing und ihm Rosenkränze und Kreuze für die Verurteilten mitgab, die der Bischof auch im Gefängnis in Poso den Verurteilten übergeben konnte. Das Oberste Gericht (Supreme Court) des Landes lehnte am 4. April 2006 eine Wiederaufnahme des Verfahrens auf der Grundlage der neuen Informationen ab und bestätigte erneut die Todesurteile als rechtskräftig. Positiv überraschte, dass sogar Vertreter des Indonesischen Rates der Ulamas (MUI) nach einem Besuch bei den Verurteilten im Gefängnis von Poso sich für einen Aufschub der Hinrichtungen einsetzten, damit Gelegenheit gegeben werde, das neu vorgebrachte Beweismaterial durch Aussagen anderer Augenzeugen zu bewerten. Auch Masdar Farid Mas'udi, der Führer der Nahdlatul Ulama (NU) forderte eine nochmalige Überprüfung des Beweismaterials und warnte davor, dass eine Hinrichtung der drei Angeklagten das Klima zwischen den Religionsgemeinschaften schwer belasten würde. Schon gegenwärtig können religiös motivierte Gewalttaten in Zentral-Sulawesi nur verhindert werden, weil die Polizei rundum die Hauptstadt Palu Tag und Nacht besetzte Kontrollpunkte errichtet hat. Der Bau von Kirchen und Tempel der religiösen Minderheiten wurde seit Jahren in Indonesien durch gesetzliche Regelungen und durch das Vorgehen islamischer radikaler Gruppen stark behindert, die vor allem in Java immer häufiger Kirchen zerstörten oder für geschlossen erklärten. Die seit 1969 bestehenden Regelungen sahen vor, dass die örtliche Bevölkerung jedem Neubau von Kirchen, Gebetsräumen und Tempeln zustimmen musste, eine Regelung, die de facto meistens bedeutete, die die muslimische Mehrheit Neubauten von religiösen Minderheiten ihre Zustimmung verweigerten.
Neue Bestimmungen für den Bau von KirchenIn den Jahren nach Ende der Suharto-Herrschaft mehrten sich die Fälle, wo mit Gewalt oder Androhung von Gewalt Kirchen und religiöse Gebets- und Versammlungsstätten von Christen geschlossen oder zerstört wurden. Die Zahl der zerstörten Kirchen ist in den letzten Jahren auf fast 1000 dramatisch gestiegen. In anderen Fällen waren Behinderungsmaßnahmen islamischer Gruppen, die Zugänge zu Kirchen blockierten und die Gottesdienstbesucher einschüchterten, hinreichend, dass diese Einrichtungen "freiwillig" von den Christen aufgegeben wurden. Die Regierung von Bambang Susilo Yudhoyono wollte diesen illegalen Verhältnissen ein Ende bereiten, indem sie neue gesetzliche Maßnahmen in Angriff nahm. Zu diesem Zweck wurde nach einer längeren Beratungs- und Vorbereitungszeit am 21. März 2006 ein neues Dekret über den Bau von Gotteshäusern und Gebetsstätten von Maftuh Basyuni, dem Minister für Religiöse Angelegenheiten, und Innenminister Muhammad Ma'aruf unterzeichnet, das auf breite Kritik sowohl bei den religiösen Minderheiten von Christen und Hindus als auch bei muslimischen Gruppen stieß. Für den einflussreichen "Rat der Islamischen Rechtsgelehrten" (Indonesian Ulama Council) enthält das neue Dekret zu weitgehende Zugeständnisse an die religiösen Minderheiten. Konkret kritisieren sie, dass die notwendige Zahl für den Bau eines Gotteshauses nicht, wie von ihnen gefordert, bei 100 Familien,
253sondern nur bei 90 Einzelpersonen der jeweiligen Religionsgemeinschaft festgesetzt wurde. Katholische und protestantische Christen befürchten, dass der Bau von Kirchen an Orten, wo die Christen nur schwach vertreten sind, de facto unmöglich werden könnte, weil neben der Zahl von 90 Mitgliedern ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft noch die Zustimmung von 60 Einzelpersonen aus anderen Religionen und zuzüglich noch des neu geschaffenen Forums für religiöse Harmonie notwendig wird, das auf Dorf- bis zur Provinzebene nach einem Proporzverfahren aus Vertretern der lokalen Religionsgemeinschaften zusammengestellt werden soll. Nicht ganz so negativ beurteilt Benno Susetyo, Sekretär der Kommission für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten der Indonesischen Bischofskonferenz, das neue Dekret. Für ihn liegt das Positive darin, dass es jetzt eine Rechtssicherheit für die religiösen Minderheiten gibt, in einem geregelten Verfahren eine Bauerlaubnis für ein Kultgebäude zu erhalten, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Auch sei es zu begrüßen, dass die örtlichen Behörden sich um Alternativen bemühen müssten, wenn das Quorum von 90 Mitgliedern einer religiösen Gemeinschaft nicht erreicht werde. Der in Indonesien sehr angesehene, aus Deutschland stammende Jesuit Franz Magnis-Suseno sieht das neue Dekret kritischer und bemängelt, dass darin die in der Verfassung garantierte Freiheit der Religionsausübung für alle Religionsgemeinschaften nicht genügend zur Geltung komme. Eine Genehmigung für den Bau neuer Kirchen und Gotteshäuser durch das neugeschaffene Forum für interreligiöse Beziehungen, wie es das Dekret vorsieht, sollte sich eigentlich erübrigen. Kritik am neuen Gesetz kam aber auch von muslimischer Seite. Hasyim Muzadi, Präsident der Nahdlatul Ulama, nannte das neue Gesetz noch restriktiver als das vorige, weil es versuche, allzu viele Einzelinteressen zu berücksichtigen. Auch buddhistische, konfuzianische und hinduistische Gruppen äußerten ihre starken Vorbehalte. Die stärkste Unterstützung für das neue Gesetz kommt dagegen vom Rat indonesischer Ulamas, der wesentlichen Anteil an seinem Zustandekommen hatte. Übereinstimmung herrscht unter Kritikern des neuen Dekrets aus verschiedenen Lagern, dass es nicht eigentlich die Aufgabe des Staates sein kann, mit administrativen Mitteln Harmonie unter den Religionen herbeiführen und sichern zu wollen.
Programme für interreligiöses ZusammenlebenIn Indonesien, wo nach der offiziellen Religionsstatistik aus dem Jahr 2000 der Anteil der protestantischen Christen 5,9 Prozent der Bevölkerung beträgt, während die Katholiken auf 3,1 Prozent kommen, sind die ökumenischen Beziehungen im Allgemeinen sehr gut. Aus Anlass der im letzten Jahr am Fest Christi Himmelfahrt veranstalteten Nationalen Gebetskonferenz wurden in 77 Städten Indonesiens ökumenische Gebetsgottesdienste abgehalten. Die Hauptveranstaltung fand im Na-
254tionalen Stadium in Jakarta statt. Die Initiative für diese und ähnliche ökumenische Initiativen ging von der protestantischen Seite aus, wurde aber von der Bischofskonferenz mit unterstützt. In Indonesien hat es in der Vergangenheit immer wieder vom Staat initierte interreligiöse Dialogprogramme gegeben, die häufig darunter litten, dass sie wegen ihres quasi-offiziellen Charakters seitens der Religionsgemeinschaften nur zögerlich angenommen wurden. Seit Ende 2004 besteht an der Staatlichen Islamischen Universität in Yogyakarta ein Interreligiöses Dialogzentrum, das Kurse für Studenten im Postgraduierten-Studium anbietet. An diesem Zentrum arbeiten neben muslimischen auch christliche und hinduistische Fachleute. Andere Initiativen des Zentrums sind mehr allgemeiner Art und wenden sich über den Kreis der Studenten der Universität hinaus auch an Interessierte im Allgemeinen. Es werden Begegnungen zwischen Angehörigen der verschiedenen Religionen organisiert. Auch gibt es Bestrebungen, interreligiöse Schulen nach der Art der islamischen Pesantren-Internatsschulen aufzubauen. Im Mai 2005 nahmen mehr als 100 Mädchen und Jungen an einem Programm für interreligiöses Zusammenleben auf Java teil, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für mehrere Tage in einer Familie aus einer anderen Religionsgemeinschaft zusammenlebten. Das Seminarprogramm wurde von islamischen, katholischen, protestantischen, buddhistischen, hinduistischen Gruppierungen sowie der Organisation der traditionellen Religionen unterstützt. Neben dem Zusammenleben im Alltag stand auch die Teilnahme an religiösen Ritualen der jeweils anderen Religionsgemeinschaft auf der Tagesordnung. Nach der Phase des Mitlebens mit Angehörigen der anderen Religionen tauschten die Teilnehmer ihre Erfahrungen aus und besprachen konkrete Aktionen zur Verbesserung des interreligiösen Zusammenlebens.
Friedensschluss für die Unruhe-Provinz AcehÄhnliche Interfaith-Live-in-Maßnahmen fanden auch in anderen Gebieten Indonesiens statt. Sie sind Teil einer Reihe von Maßnahmen, die von verschiedenen religiösen Gemeinschaften im Lande veranstaltet werden, um Frieden und Harmonie unter den Religionen im Lande zu fördern. Große Bedeutung für das interreligiöse friedliche Zusammenleben hat die Tradition des Ritus des Slametan auf Java. Dieses Ritual wird bei besonderen Ereignissen von individuellen Lebenskrisen und gemeinsamen zyklischen Ereignissen abgehalten, um das individuelle Wohlergehen und den Frieden in der Gemeinschaft zu sichern, wenn diese durch Krankheit, Streit und andere widrige Ereignisse gefährdet erscheinen. Bei diesem aus der javanischen Volksfrömmigkeit stammenden Ritus des Slametan werden Blumen oder Nahrung den Geistern der Ahnen geopfert. Auch wenn puristische Kreise im Islam diesem Brauch kritisch gegenüberstehen, spielt der Ritus des Slametan auch heute noch eine wichtige Rolle, um über die Grenzen der Religionszugehörigkeit hinweg für Harmonie und Verständigung im Zusammenleben zu sorgen. Es mag etwas zynisch klingen, aber es trifft zu, dass die Tsunami-Katastrophe ursächlich mitgewirkt hat, den Friedensprozess in der Unruhe-Provinz Aceh voranzutreiben und zu einem dauerhaften Friedensschluss geführt zu haben. Die Bewegung Freies Aceh (GAM), die seit der Unabhängigkeitserklärung durch Prinz Hasan di Tiro an 4. Dezember 1976 ziemlich genau 30 Jahre lang für die Unabhängigkeit von Aceh kämpfte, hat mit der indonesischen Regierung am 15. August 2005 in Helsinki ein Abkommen getroffen, das die militärische Auseinandersetzung beendete und der Provinz Aceh zwar nicht die erstrebte Unabhängigkeit, wohl aber Sonderrechte und eine partielle Autonomie innerhalb des indonesischen Staatenverbunds zusichert. Die Befreiungsbewegung GAM hat inzwischen ihre Waffen abgeliefert und sich als politische Partei neu organisiert. Den in Haft befindlichen Kämpfern der GAM wurde weitgehend Amnestie gewährt. Dieses Abkommen muss allerdings noch vom indonesischen Parlament ratifiziert werden, bevor es in Kraft treten kann. Die Indonesische Demokratische Partei der früheren Präsidentin Magawati Sukarnoputri hat schon ihren Widerstand gegen die Abmachung artikuliert. Durch ein Dekret unter ihrer Regierung wurden schon 2003 in Aceh Scharia-Gerichte eingesetzt, welche die bis dahin schon bestehenden religiösen juristischen Einrichtungen ersetzten oder integrierten. Aufgabe der Scharia-Gerichte soll es in erster Linie sein, die traditionellen religiösen Praktiken der Muslime in Aceh zu gewährleisten. Eine eigene "Scharia-Polizei" (Wilayatul Hisbah) wacht seitdem über die Einhaltung der islamischen Gesetze im Hinblick auf die Kleidung von Frauen und geht gegen Personen vor, die Alkohol trinken, beim Glücksspiel angetroffen werden oder in nichtehelicher Partnerschaft zusammenleben. Ferner sollen diese Gerichte in Eigentums- und Erbstreitigkeiten entscheiden, andererseits aber nicht die strikte Einhaltung der Scharia-Gesetze einfordern, welche Auspeitschung, Steinigung und andere Körperstrafen bei Diebstahl oder Ehebruch (Hudud-Gesetze) vorsehen. Entgegen diesen Ankündigungen wurden im Juni 2005 in Banda Aceh öffentlich vor Tausenden von Zuschauern 15 Männer von der Scharia-Polizei wegen Glücksspiel mit Stockschlägen bestraft. Schon seit einigen Jahren rumort es in der ehemaligen Provinz Irian Jaya, umbenannt in Provinz Papua und seit 2003 durch die damalige Präsidentin Megawati Sukarnoputri zweigeteilt in die Provinz Papua und die neu geschaffene Provinz West-Irian Jaya. Gegen diesen einseitigen Beschluss der indonesischen Regierung regt sich starker Widerstand. Nach dem Sonderautonomiegesetz hätte das zuständige Provinzparlament seine Zustimmung geben müssen, so dass das Verfas-
255sungsgericht im November 2004 zu dem etwas seltsamen Beschluss kam, dass die Errichtung der neuen Provinz zwar nicht verfassungswidrig, aber doch auf keiner stabilen rechtlichen Grundlage stehe. Präsident Yudhoyono hat einen neuen Versuch zur Legitimierung der territorialen Neuaufteilung gemacht, der allerdings vom Volksrat der Papuas am 16. Februar 2006 als weiterhin mit dem Sonderautonomiegesetz nicht übereinstimmend abgelehnt wurde. Am 16. März 2006 kam es zur Gewalt durch Studenten der staatlichen Cenderawasih-Universität in Abepura, bei der von den protestierenden Studenten drei Mitglieder der Einsatzpolizei und ein Offizier der Luftwaffe getötet wurden. Die Protestkundgebung war ein Ausdruck der weit verbreiteten Frustration und Verbitterung unter der lokalen Bevölkerung, die das Spiel der politischen Elite um Kontrolle und Anteil an dem Erlös aus den Bodenschätzen des Landes leid sind. Die Art und Weise, wie internationale Konglomerate, beispielsweise im Fall der US-amerikanischen Firma Freeport Indonesia, die Gold-, Silber- und Kupfervorhaben ausbeuten, stößt auf immer heftigeren Widerstand seitens der lokalen Bevölkerung und war der Auslöser für die Proteste der Studenten, die die Schließung der Goldminen von Freeport Indonesia forderten. Die Bevölkerung in Papua möchte in den Genuss derselben Privilegien kommen, wie sie im Friedensabkommen von Helsinki für die Bevölkerung in Aceh ausgehandelt wurden. Zwar gibt es seit 2001 ein Sondergesetz über die spezielle Autonomie in Papua, aber die Bestimmungen dieses Gesetzes gehen der Bevölkerung nicht weit genug.
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